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Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a

4 Oktober 1916, Basel

Das Übersinnliche Leben des Ewigen in der Menschenseele vom Gesichtspunkte der Geisteswissen Schaft (Anthroposophie)

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wenn jemand aus den Vorstellungen und Empfindungen, die aus unserer Zeit heraus zunächst erwachsen, hört von dem Dasein einer Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wie sie diesem Vortrage zugrunde gelegt werden soll, und gar davon, dass diese Geisteswissenschaft oder — wie sie auch genannt werden kann — Anthroposophie sich nun zu ihrer Pflege ein eigenes, wie man meint, eigentümlich eingerichtetes Haus hier in der Nähe — in Dornach — baut, so kann er begreiflicherweise in eine Art Ärgernis und Gegnertum sich hineinempfinden. Denn der Glaube ist so naheliegend, dass diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie selber gegnerisch auftritt gegenüber berechtigten und tief in die Menschenseele eingewurzelten Kulturbedürfnissen und Kulturerrungenschaften. Und es ist begreiflich solche Gegnerschaft, solches Ärgernis, weil ja notwendig ist zum eigentlichen Verständnisse des wahren Wesens dieser Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, schon ein wenig in sie einzudringen, weil sie weniger als eine andere Weltanschauung — wie solche in der Gegenwart auftreten oder vorhanden sind — von außen her, von ihr fremden Begriffen aus zu beurteilen ist.

[ 2 ] Zunächst kann man sie, diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, mit allem, was daran hängt, ja auch als etwas Unnötiges, als etwas Überflüssiges auffassen. Durch ihre eigene Wesenheit wird man sich überzeugen, dass aus ihr selbst die Anschauung entspringen muss, wie sie sich als eine Notwendigkeit gerade in unsere gegenwärtige Zeitentwicklung hineinzustellen hat, in unsere gegenwärtige Zeit. Darüber ein Urteil bilden kann sich nur derjenige, der nun wirklich scharf ins Auge fasst, dass doch diese Gegenwart, in der der Mensch mit seinen Sehnsüchten und Bedürfnissen drinnen lebt heute, dass diese Gegenwart sich sehr, gar sehr unterscheidet von vergangenen Zeiten. Und so, wie auf anderen Gebieten des Lebens ein jedes Zeitalter seine besonderen Errungenschaften hervorbringt, so ist es auch auf geistigem Gebiete.

[ 3 ] Man braucht nur einmal den Blick darauf zu werfen, was noch gar nicht weit zurückliegende Jahrhunderte von der Natur und ihrem Wesen gewusst haben, oder sagen wir besser, wie sie anders über Natur und ihr Wesen denken mussten als unsere Gegenwart. Man braucht sich nur vor Augen zu führen die großen Errungenschaften, die ungeheuren Fortschritte, die gerade auf wissenschaftlichem Gebiete gemacht worden sind. Und man braucht gar zu bedenken, dass diese Errungenschaften, diese Fortschritte nicht etwa bloß das Eigentum, das Besitztum einer geringen Anzahl von gelehrten Leuten sind — das sind sie nur scheinbar —, dass dasjenige, was auf diese Weise der Menschheit wirklich errungen ist, heute aus unserem ganzen Leben heraus zu ersehen ist, dass es überall lebt, dass nicht nur der Gebildete, dass der einfachste Mensch hineingestellt ist in eine Weltenordnung, in ein geschichtliches Werden, das ganz durchsetzt ist von demjenigen, was die Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten in die Menschheit hineingetragen hat.

[ 4 ] Und mit diesem Hineintragen ganz anderer Gedankenreihen sind andere Fragen aufgetaucht und tauchen immerwährend in der Seele auf, als sie die früheren Zeitalter hatten. Mit diesen Fragen, die sich ganz selbstverständlich ergeben, rechnet zunächst die moderne Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Nicht setzt sie sich in irgendeinen Widerspruch mit den Fortschritten der Wissenschaft, sondern in den Laboratorien, in den Kliniken, überall da, wo man beobachtet das Leben in der modernen Weise, entstehen die Fragen, die der tiefere Sinn der Menschenseele sich stellen muss, und die nur durch die moderne Geisteswissenschaft beantwortet werden können. So ist es die neuere Entwicklung selbst, welche dieser Wissenschaft die Fragen stellt.

[ 5 ] Und ebenso kann man sagen: Das ganze soziale Zusammenleben der Menschen, die ganze Art, wie Mensch zu Mensch heute steht, ist eine andere geworden gegenüber der der früheren Jahrhunderte. Und der Mensch muss fortwährend, indem er fortschreitet im geschichtlichen Werden, in einer anderen Weise aus seinem eigenen Seelenleben heraus die Ideen gebären, welche das soziale Zusammenleben regeln und möglich machen. Während in früheren Zeiten die Art dieses sozialen Zusammenlebens eine viel instinktivere war, muss sie gerade durch alles dasjenige, was in die moderne Zeit hereinströmt, eine immer bewusstere und bewusstere werden. Und das gerade wird die Signatur der von jetzt beginnenden Menschheitsentwicklung sein, dass jene instinktive Art, der man sich heute noch vielfach hingibt mit Bezug auf die Ideen, die man über das Zusammenleben der Menschen hat, über Erziehung und Sonstiges im Zusammenleben der Menschen, dass diese Ideen aus viel bewussterem Untergrunde entspringen müssen. In diesen Untergrund wird wiederum Geisteswissenschaft hineinleuchten.

[ 6 ] So ist sie geboren aus dem Wissenschaftlichen, aus dem Sozialen, kurz aus dem Leben überhaupt der neueren Zeit und will Antwort geben nicht auf Fragen, die sie willkürlich erfindet, sondern auf Fragen, die ihr als selbstverständlich gestellt werden, und die da sind, wenn man sie nur sehen will, wenn man sich nur nicht gegen sie verschließen will. Dass gegen solches Treiben von verschiedenen Seiten, von wissenschaftlicher, von religiöser Seite, von sonstigen Seiten, sich Gegnerschaften erheben, ist nur zu begreiflich. Dass Geisteswissenschaft selbst nicht so veranlagt ist, dass diese Gegnerschaften berechtigt sind, das soll zum Teil den Inhalt des Vortrages von übermorgen ausmachen, den ich mir zu halten hier erlauben werde.

[ 7 ] Heute möchte ich mehr eingehen auf die Grundlagen der Geisteswissenschaft selber, auf dasjenige, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu sagen hat über dasjenige, was wir in dem zeitlich vorübergehenden Leben des Menschen als dessen tiefere Grundlage, als das Ewige, das übersinnliche Leben der Menschenseele erfassen können. Und namentlich möchte ich über die Quellen sprechen, aus denen Geisteswissenschaft schöpft; denn gerade über diese Quellen herrschen die mannigfaltigsten Irrtümer. So möchte ich heute über Geisteswissenschaft oder Anthroposophie rein aus ihr selbst heraus sprechen und ihr Verhältnis zu anderen Kulturströmungen übermorgen berühren.

[ 8 ] Zunächst möchte ich zeigen, in welcher Art Geisteswissenschaft sich nähern will demjenigen, das man nennen kann das übersinnliche Leben in der Menschenseele. Diese Quellen, aus denen Geisteswissenschaft schöpft, sind nicht irgendetwas willkürlich Ersonnenes, sind nicht irgendetwas aus, man möchte sagen unbekannten, phantastischen Tiefen Hervorgeholtes. Aber sie eröffnen sich durch intime innere Vorgänge des menschlichen Seelenlebens. Und was Geisteswissenschaft wirklich anstrebt, das ist nicht ein Wissen, das leichthin erobert wird, das sozusagen auf demjenigen fußt, das man alle Tage haben kam, das man haben kann, wenn man nur den Blick auf dasjenige richtet, was einem schon vorliegt, sondern Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist etwas, was als solches, als wirkliche Wissenschaft erarbeitet werden will durch eine Arbeit, die nicht weniger beschwerlich ist, wenn sie auch eine durchaus innere Arbeit ist, als das Arbeiten im Laboratorium, als das Arbeiten in der Klinik, als das Arbeiten auf der Sternwarte oder in sonstigen wissenschaftlichen Anstalten, durch die man einzudringen versucht in die Geheimnisse der Natur und ihres Werdens. Nur ist die Arbeit der Geisteswissenschaft eine durchaus übersinnliche.

[ 9 ] Wie kommt man aber überhaupt darauf, eine Geisteswissenschaft zu wollen? Das muss ja zunächst die Frage sein. Gibt es irgendetwas im gewöhnlichen, natürlichen, im normalen Verlauf des Menschenlebens — ich spreche immer vom heutigen Menschen —, das zu einem Bestreben nach Geisteswissenschaft führen kam? Da sind es zunächst zwei Erkenntnisse, welche schon aus dem gewöhnlichen Leben gewonnen werden können, wenn sie auch nicht von jedermann heute noch gewonnen werden; aber sie leben viel mehr, als man glaubt, in den Sehnsüchten der heutigen Seelen. Es drängt alles zu diesen Erkenntnissen hin, wenn sie auch ausgesprochen nur vereinzelt werden.

[ 10 ] Wir sprechen im gewöhnlichen Leben und auch in der Wissenschaft von unserem Ich, von dem, was unser eigentliches Selbst ist; wir sprechen auch von unserem Denken, wir sprechen von unserem Fühlen, wir sprechen von unseren Willensimpulsen. Wenn man nun noch ohne Geisteswissenschaft, einfach mit dem, was den Vorstellungen, was den Empfindungen, was den Gefühlen des gewöhnlichen Lebens zugrunde liegt, herangeht an dasjenige, was in diesen Worten «Ich» oder «Selbst» oder «Denken, Fühlen, Wollen» liegt, so kommt man, je weiter man nachdenken will, aus dem gewöhnlichen alltäglichen Leben heraus dem, was sich hinter diesen Worten verbirgt, nämlich nicht näher, sondern man kommt immer weiter und weiter von dem weg, was sich hinter diesen Worten verbirgt. Ein Bewusstsein tritt auf in der Seele, das in älteren Zeiten gar nicht in dem Grade vorhanden war, wie es heute gerade durch die aufgeblühte Wissenschaft und durch das aufgeblühte moderne Leben vorhanden ist. Diese aufgeblühte Wissenschaft und dieses aufgeblühte moderne Leben macht einem das innere Seelenleben eher verhüllt, eher dunkel, wenn man sein Wesen untersuchen will, als dass es einen irgendwie aufklärt. Vereinzelt, sagte ich, treten die Stimmen auf, die solches erkennen, aber immer mehr und mehr werden sie; und dasjenige, was nur in einzelnen philosophischen Köpfen bis jetzt aufgetreten ist, es wird immer mehr und mehr ein Gefühl, eine Empfindung, ein Lebensinhalt für weiteste Kreise werden. Wenn wir so hören, wie Hume sagt — der Philosoph Hume —, der Kant so sehr angeregt hat, wenn wir hören, wie er sagt von dem menschlichen Ich:

Wenn ich noch so tief in meine Seele hineinblicke, das, was ich Ich nenne, was die Menschen Ich nennen, kann ich im Grunde genommen gar nicht entdecken. Ich finde, wenn ich in mein Inneres hineinsehe, Vorstellungen, die ich aus Wahrnehmungen in der Außenwelt gewonnen habe, ich finde Lust und Unlust, Schmerz und Freude, die ich an der Außenwelt entwickelt habe; ich finde gewisse Bestrebungen, aber ich finde nirgends ein Ich.

Und weiter sagt er:

Wenn man nun wirklich glauben sollte, dass man dieses Ich so einfach in Gedanken finden könnte, so müsste es ja eigentlich im Schlafe auch vorhanden sein; denn es ist unmöglich, dass vom Einschlafen bis zum Aufwachen das Ich nicht vorhanden ist. Und dennoch weiß man ja nichts von diesem Ich, weiß sogar nicht einmal etwas von seinen Vorstellungen, Fühlungen und Wollungen. Es muss also etwas ganz anderes sein, als was man im gewöhnlichen Seelenleben irgendwie finden kann.

[ 11 ] So sagte zu Humes Zeiten, die jetzt schon wiederum lange hinter uns liegen, ein vereinzelter Denker. Aber diese Denker sind immer zahlreicher und zahlreicher geworden, wenn auch gerade diese Denker heute noch weniger von der Menschheit berücksichtigt werden. Dass man, je tiefer man eindringt in alles das, was einem Naturwissenschaft zum Beispiel sagen kann über den Menschen selbst, immer weniger und weniger das Ich findet, das wird immer klarer und klarer werden.

[ 12 ] Man kann nun versuchen, nachzudenken darüber, warum das so ist. Wenn man versucht, nachzudenken darüber, warum das so ist, dann findet man, dass das Ich während des Tageslebens in der Tat nichts anderes ist, als was es während des Nachtlebens ist. So paradox, so sonderbar dies klingt, das Ich, von dem wir gar nichts wissen, wenn wir schlafen, ist genau dasselbe und genauso wirksam in uns, wie das Ich, von dem wir glauben zu wissen während unseres wachen Tagesseins. Und wenn man weiter nachdenkt über das Vorstellen, sogar über dasjenige, was wir in unseren Vorstellungen wissen von unserem Fühlen und unserem Wollen, dann kommt man darauf, rein durch intime innere Seelenvorgänge kommt man darauf, durch Vergleiche, durch ernstes, scharfes Nachdenken kommt man darauf, dass man während des wachen Tageslebens an den Vorstellungen nichts anderes hat als solche Bilder, wie man sie hat, wenn aus dem Schlafe heraus der Traum aufsteigt. Wiederum sage ich damit etwas außerordentlich Paradoxes. Aber ein Durchforschen, ein wirklich gründliches Durchdenken des Seelenlebens zeigt uns, dass dasjenige, was wir vom Ich und vom Vorstellen im wachen Tagesbewusstsein haben, zu vergleichen ist mit einem Spiegelbilde, das nur solange da ist, als wir vor dem Spiegel stehen, und das nicht mehr da ist, wenn wir nicht vor dem Spiegel stehen. In unseren Vorstellungen und auch in unserem Ich-Bewusstsein haben wir Bilder, die ganz ähnlich sind den Bildern des Traumlebens. Wie gesagt, das ist paradox. Aber für den verliert es die Paradoxie, der wirkliche Selbstbeobachtung lernt, der nach und nach sich aus innerem Erlebnis, aus innerer Erfahrung heraus eine das wirkliche Fragebedürfnis befriedigende Antwort sucht über den Unterschied zwischen dem Träumen und dem wachen, hellen Tagesbewusstsein, mit dem wir handelnd durch die Welt gehen.

[ 13 ] Wenn wir uns die Fähigkeit aneignen, auf unsere Vorstellungen und auf unser Wollen ordentlich hinzublicken, dann finden wir, dass mit dem Erwachen aus dem Schlafe oder aus dem Traum im Wesentlichen nicht der Bildcharakter unserer Vorstellungen geändert wird, sondern dass das Wachen sich von dem Schlafe wesentlich unterscheidet dadurch, dass wir während des Wachens mit unserem Willen — der nun unseren Leib beherrscht, der unseren Leib hineinträgt in die Welt —, mit unserem Willen uns ins Leben eingliedern. Dasjenige, was eigentlich ruht vom Seelenleben während des Schlafens ist der Wille. Wir brauchen unser Auge nicht, weil der Wille abgelähmt ist während des Schlaflebens; und ebenso ist es mit Bezug auf die anderen Sinne. Es bedarf nun wirklich nur intimer innerer Seelenerlebnisse, um einzusehen, dass der Wille beim Aufwachen blitzartig hineinschlägt in dasjenige, was uns sonst nur in den chaotischen Traumbildern vorschwebt, und dass durch dieses Hineinschlagen des zunächst aus unergründlichen Tiefen heraufkommenden Willens wir in die Lage kommen, nicht mehr einfach die Bilder unseres Vorstellens ablaufen zu lassen, so wie sie selber wollen, sondern sie so zu beherrschen, dass sie uns werden Abbilder derjenigen äußeren Welt, mit der wir uns seit dem Aufwachen durch den Willen, mit dem wir uns hineinstellen in diese Welt, verbunden haben. So ist es, dass dasjenige, was im Schlafe in der Seele ruht, beim Aufwachen vom Willen ergriffen wird. Und dadurch wird erst das Vorstellungsleben, wird das Ich in die äußere Welt bewusst hineingestellt.

[ 14 ] Aus diesem Grunde — wir werden übermorgen mehr davon sprechen können — fühlte Schopenhauer so, wie er fühlte über den Willen und über die eigentliche Realität des Willens, und aus diesem Grunde fühlte er so, wie er fühlte, über das Traumhafte des Vorstellungslebens. Alles dasjenige, was mit den Erlebnissen des Aufwachens verbunden ist, all dieses ergibt sich, wenn man nach und nach sich erzieht - und wir werden ja von dieser Erziehung heute noch zu reden haben -, nach und nach sich erzieht, dasjenige wirklich innerlich anzuschauen, was einem sonst eigentlich nur im Leben so unbewusst, möchte ich sagen vorbeihuscht, wie das Aufwachen und das Einschlafen.

[ 15 ] Geisteswissenschaft oder Anthroposophie führt nun dazu, anzuerkennen die Möglichkeit, dass aus dem gewöhnlichen Tagesleben heraus ein weiteres Aufwachen, ähnlich dem Aufwachen aus dem Schlafe heraus, wie ich es beschrieben habe, möglich ist. Und wie der Mensch weiß, wenn er aus dem Schlafe heraufsteigend erlebt seine Traumbilder, dass er da eingesponnen ist in eine Welt — beziehungsweise er weiß es, wenn er aus dem Traum aufwacht, dass er da eingeschlossen ist in eine Welt, in die er nur deshalb eingeschlossen sein kann, weil sein Leib ruht und weil er mit dem, was im ruhenden Leib vorgeht während des Traumes, ganz allein ist. Und wie der Mensch mit gesundem Verstande weiß, dass ihm der Traum nicht erklären kann die Wirklichkeit, sondern dass die äußere wache Wirklichkeit ihn aufklären muss, warum er träumt, und warum er dies oder jenes im Schlafe erlebt, wie der Mensch mit gesundem Verstande weiß, dass nur das, was er aus dem wachen Leben weiß, Aufklärung bringen kann über das Schlafes- und Traumesleben, so führt die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft dazu, ein weiteres Erwachen aus dem gewöhnlichen Leben in der äußeren physischen Wirklichkeit anzuerkennen, und weiter anzuerkennen, dass dasjenige, was wir schauen, was wir erleben in der gewöhnlichen physischen Wirklichkeit, ebenso aus einer anderen geistigen Wirklichkeit her zu erklären ist, wie zu erklären ist das Traumesleben aus der gewöhnlichen wachen Wirklichkeit. Deshalb spricht Geisteswissenschaft so von einem Unterschiede zwischen der gewöhnlichen Wirklichkeit und dem Bewusstsein, welches die Seele von dieser Wirklichkeit hat, und einem anderen Bewusstsein, das in die geistige Welt hineinschaut. Wie das alltägliche Bewusstsein dem Menschen sprechen muss von einem Unterschiede zwischen den phantastischen Traumbildern und demjenigen, was im Zusammenhange, im Willenszusammenhange mit der Wirklichkeit von der Menschenseele eben als Realität erlebt wird, wie das Traumbewusstsein ersetzt wird beim Aufwachen durch das denkende Bewusstsein, durch das vom Willen durchströmte Bewusstsein, das die inneren Bilder, die aufsteigen, zu Abbildern der äußeren Welt macht, so verhält sich das denkende Bewusstsein zu dem, was ich nun im Sinne der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nennen möchte: das schauende Bewusstsein. Es verhält sich dieses denkende Bewusstsein zum schauenden Bewusstsein so, wie sich die Traumwirklichkeit zu der wachen Wirklichkeit verhält.

[ 16 ] Nun entsteht die weitere Frage: Was verhilft denn dazu, ein solches besonderes, schauendes Bewusstsein, zu dem man erwachen kann aus dem gewöhnlichen Bewusstsein, anzuerkennen? Sehr verehrte Anwesende! Werden einem die Fragen der äußeren Wirklichkeit, wie sie der Wissenschaft zugrunde liegen, in einem tieferen Sinne noch als dieser gewöhnlichen Wissenschaft sie es sind, zu ernsten Seelenfragen, dann taucht so manches Seelenerlebnis auf, das hineinleuchtet in unergründliche, sonst unergründliche Tiefen der Menschenseele. So wird zu einer Frage unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt.

[ 17 ] Die Wissenschaft erforscht ja dieses Verhältnis zur Außenwelt. Sie sucht die Gesetze dieser Außenwelt zu erkennen. Allein sie muss gerade anerkennen, dass unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt vermittelt wird durch unsere Sinneswahrnehmung. Diese Sinneswahrnehmung, die zunächst für den Menschen als etwas so Natürliches erscheint, diese Wahrnehmung wird zu einem großen Rätsel, zu einem ernsten Problem für denjenigen, der lernt, nachzudenken darüber, was diese Wahrnehmung eigentlich ist, und zwar auf folgende Weise wird sie zu einer ernsten Frage, diese Wahrnehmung. Wie kommt sie denn zustande, diese Wahrnehmung? Wir, die wir alles, was wir wissen von der äußeren Natur, von dem äußeren Leben eben her wissen — wie kommt sie zustande? Sie kommt nur dadurch zustande, dass die äußere Natur gewissermaßen etwas von ihrer eigenen Wesenheit in uns hineinstößt, in uns hineinsendet. Sie können, sehr verehrte Anwesende, am besten sich eine Vorstellung von diesem Hineinfließen-Lassen der äußeren Wirklichkeit in unser Inneres — zunächst in unsere Leibesorganisation, die aber eben nur der Ausdruck ist auch unseres Seelenlebens —, sie können sich von dem eine Vorstellung machen, wenn Sie auf das Auge blicken. sehen Sie sich dieses Auge an, wie es eingebettet ist im Muskel- und im Knochensystem, sehen Sie es sich an, wie es in gewisser Beziehung eine Welt für sich ist, dieses Auge, wie im Innern dieses Auges sich Vorgänge abspielen ganz ähnlich Vorgängen der äußeren Welt. Der Physiker tritt an dieses Auge heran, findet in diesem Auge Bestandteile, die ihn erinnern an manche Bestandteile, die er auch in seinem physischen Laboratorium hat. Er findet, dass durch diese Bestandteile das Licht, welches eindringt durch das Auge, gewisse Vorgänge hervorruft, die äußerlichen Vorgängen ähnlich sind. So geht, als unserem Sehen zugrunde liegend, innerhalb unseres Organismus etwas vor. Und eigentlich leben wir zunächst mit dem, was da in unserem Organismus vorgeht. Ohne dass die Natur gleichsam [fortgesetzt hätte] Vorgänge, die in ihr selbst vor sich gehen und [sie] auch in uns abspielen lässt, ohne das könnten wir gar nichts durch Wahrnehmung von der Natur wissen.

[ 18 ] Und so wie es mit dem Auge ist, ist es — wenn auch vielleicht in etwas komplizierterer Weise — eben mit allen unseren Sinnen. Die Natur lebt sich in uns herein und wir erfahren also zunächst, wenn wir die Natur beobachten, wie es auch die Naturwissenschaft tut, wir erfahren zunächst dasjenige, was die Natur in uns selber anstellt, wie sich die Natur fortsetzt in uns. Das beirrt denjenigen, der sich Aufklärung verschaffen will, wie er eigentlich als Mensch mit der Außenwelt zusammenhängt; denn er kommt darauf, dass er zunächst nur dasjenige in sich erlebt, was die Natur hereinfließen lässt, dass die Natur wirken muss nicht auf ihn, sondern in ihm wirken muss, damit er etwas von ihr wissen könne. Der Mensch muss erst Vorgänge in sich erzeugen, damit er etwas von der Natur wahrnehmen kann. Das aber zeigt, dass alle unsere Wahrnehmung etwas von uns erst Hervorgerufenes ist, und dass hinter dieser Wahrnehmung die wahre Natur, hinter allerlei Wahrnehmungen die wahre Natur, das wahre Wesen des Seins liegt, und dass dasjenige, was wir selber formen während unseres Wahrnehmens, wie eine Decke ist, die sich hinzieht über die wahre Natur.

[ 19 ] Das, was ich so vor Ihnen entwickle, ist zu der sogenannten erkenntnistheoretischen Frage für viele, viele Denker der neueren Zeit geworden, hat in ein wahres Labyrinth geführt. Die ganze Bedeutung desjenigen, was gesagt worden ist, erlebt man aber nur, wenn man sie empfindend erlebt, wenn man wirklich empfindet, wie die äußere Wahrnehmungswelt etwas ist, wodurch sich das eigentliche Wesen der Welt, die uns umgibt, versteckt. Die Wahrnehmung ist eine Decke, die wir uns ausbreiten und die gewoben ist aus dem, was in uns vorgehen muss, damit wir überhaupt ein Wahrnehmen der äußeren Welt haben. Wir weben also eine Decke, und die äußere Wirklichkeit ist uns verdeckt.

[ 20 ] Wie ist es mit der inneren Wirklichkeit? Eben das innere Erleben führt dazu, anzuerkennen, dass auch die innere Wirklichkeit uns nicht so vor die Seele tritt, wie sie in Wirklichkeit ist. Wenn uns durch die Wahrnehmung die äußere Welt verdeckt wird, so könnte man sagen, dass sich die innere Welt vor unseren Vorstellungen, vor unserem gewöhnlichen Seelenleben verbirgt. Und das ist das erste Erlebnis, welches Anthroposophie notwendig macht: die Anerkenntnis, dass das äußere Wesen der Welt verdeckt wird durch die Wahrnehmung, dass das innere Wesen unseres eigenen Seelenlebens sich verbirgt und nur heraufdringt, wie ich vorhin angedeutet habe, in Bildern, die nur solange da sind, als sie eben erscheinen wie die Spiegelbilder. So wenig das Spiegelbild die wahre Wirklichkeit ist, sondern auf die wahre Wirklichkeit nur hindeutet, aber doch hindeutet, so ist dasjenige, was in unserem Ich, in unserem Denken und Fühlen, kurz in unserem ganzen Vorstellen auftritt, nur Bild, nur Hindeutung auf dasjenige, was in unserer Seele lebt, denn das, was in unserer Seele lebt, lebt auch während des wachen Tageslebens in einer gewissen Weise schlafend in uns oder wenigstens träumend in uns. Aus dem Grunde lebt es träumend, weil wir niemals in diesem gewöhnlichen Bewusstsein heraufholen können vollständig dasjenige, was uns eigentlich im gewöhnlichen Leben als beherrscht vom Willen treibt.

[ 21 ] Wir stehen auf, wir gehen an unser Tageswerk, wir verrichten dieses oder jenes — alles Willensäußerungen. Aber dieser Wille tritt nie im gewöhnlichen Bewusstsein isoliert auf; er tritt auf in der Handbewegung, in der Gehbewegung der Füße; er tritt auf in unseren Hantierungen; er ist verbunden mit unserem Organismus. Und nur, indem wir wahrnehmen, wie dieser Wille sich ausdrückt in der Beweglichkeit, in den Hantierungen unseres Organismus, gewinnen [wir] Bilder von dem, was wir eigentlich sind, von dem, was sich da eigentlich bewegt, wenn wir gehen, wenn wir unsere Hände bewegen, und wenn wir alles andere tun, zum Beispiel auch sprechen; [ist] in Bildern von dem, was eigentlich im beweglichen, handelnden Menschen lebt, erleben wir uns selber. Bild ist unser Ich, Bild im Sinne eines durch den Willen durchströmten Traumlebens.

[ 22 ] Das aber gerade, was mit dieser Willensdurchströmung in der Wirklichkeit, der äußeren Wirklichkeit, im Einklange steht, ist unser gewöhnliches Denken und Vorstellen und Urteilen. So können wir sagen: Im gewöhnlichen Leben stehen sich gegenüber die Ahnung einer Außenwelt, die uns durch die Wahrnehmung zugedeckt ist und die Ahnung von einem tiefen Leben in uns, das sich verbirgt, weil es uns nicht in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern nur so erscheinen kann im gewöhnlichen Bewusstsein wie das Spiegelbild erscheint, hindeutend nur auf den, der davorsteht. So auch kann das gewöhnliche Vorstellen im Seelenleben erfahren werden als hindeutend auf etwas, was es abbildet, aber nicht als vorhanden in diesem abgebildeten Wesen selbst. Wie ein doppeltes, unbekanntes Leben ist’s zunächst. Das schauende Bewusstsein, das durch Aufwachen aus dem gewöhnlichen Tagesleben entstehen kann, klärt erst auf über den Zusammenhang zwischen dem Unbekannten in uns und dem unbekannten Äußeren, zwischen der verdeckten äußeren Wirklichkeit und der sich verbergenden inneren Wirklichkeit.

[ 23 ] Wie wird nun dieses Bewusstsein erweckt? Das eben gerade, sehr verehrte Anwesende, beruht auf intimen ebenso, ich möchte sagen unbequemen inneren Seelenvorgängen, wie auf oftmals unbekannten Hantierungen dasjenige beruht, was wir im Laboratorium oder in der Klinik oder auf der Sternwarte über die Geheimnisse der äußeren Natur zu erforschen haben. Zweierlei ist es zunächst, über das man eine ganz andere innere Vorstellung, ein ganz anderes inneres Erleben gewinnen muss, wenn man in die beiden unbekannten gekennzeichneten Regionen hineinblicken will, als man sie im gewöhnlichen Leben hat. Das Erste ist das Denken. Ich habe ja auf diese Dinge schon öfter hingewiesen, auch hier in öffentlichen Vorträgen. Ich will heute von einem anderen Gesichtspunkt wieder auf diese Dinge hinweisen, als es in früheren Vorträgen geschehen ist.

[ 24 ] Über den Gedanken, wie er zunächst in uns lebt, über dieses ganze Vorstellungsweben in uns muss man, will man geisteswissenschaftlich forschen, eine andere Anschauung, andere innere Verhaltungsmaßregeln gewinnen, als man sie im gewöhnlichen Bewusstsein hat. Im gewöhnlichen Bewusstsein ist der Gedanke dasjenige Vorstellen, das sich ergibt aus der Wahrnehmung, aus den Erlebnissen der Welt; und hat man die Wahrnehmung, die Erlebnisse der Welt durch einen Gedanken sich versinnlicht, durch einen Gedanken sich innerlich vergegenwärtigt, so hat man zunächst für das äußere Tagesbewusstsein dasjenige erreicht, was zur Aufrechterhaltung des äußeren Lebens und auch zum äußeren wissenschaftlichen Erkennen notwendig ist.

[ 25 ] Aber eine ganz andere Anschauung muss man über diesen Gedanken und das ganze Vorstellungsleben gewinnen, um geisteswissenschaftlich in die Welt einzudringen. Es wird der Gedanke Methode, nicht Erlebnis, sondern Voraussetzung, innerliches Erziehungsmittel. Im äußeren Leben ist der Gedanke die Wirkung, die die äußere Natur auf uns macht, die das ganze Leben auf uns macht. Um zur Geisteswissenschaft zu kommen, muss der Gedanke wirkliche innere Ursache werden. Man muss lernen, mit dem Gedanken zu leben, nicht zunächst darauf hinzusehen, wie der Gedanke eine äußere Welt abbildet, sondern wie der Gedanke innerlich erlebt wird, wie sich mit dem Gedanken, mit der Vorstellung leben lässt. Man muss sich solche Seelenruhe, solches Inneres-auf-sich-Beruhen-der-Seele aneignen, dass man lernt, mit dem Gedanken [zu] leben.

[ 26 ] Man könnte nun leicht glauben, dass solches Erleben mit den Gedanken, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», aus irgendeiner Willkür, aus irgendeiner Phantastik herausgeboren wird. Ich will nur sagen: wahrhaftig, aus einer Willkür ist dieses alles nicht herausgeboren! Sie können genauere Anweisungen, wie das erreicht wird, wovon ich jetzt erzählen will, eben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder auch in meiner «Geheimwissenschaft» lesen. Ich will jetzt mehr auf dasjenige hinweisen, was die Seele durchmacht durch diese inneren Verrichtungen, die da beschrieben sind, um in die geistige Welt einzugehen. Auf ungesunden Voraussetzungen beruht das, was so gemeint ist, wahrhaftig nicht. Weder geht Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist in diesen Vorträgen, aus von irgendeinem Phantastischen, der Wissenschaft entgegen Stehendem, Hypothetischen oder sonstigen Phantastischen in der Welt, weder geht sie aus, wie man leicht glauben könnte, von irgendetwas dem Spiritismus Ähnlichem, noch geht sie aus von einer bloß subjektiven Mystik. Für den, der erfasst an charakteristischen Punkten dieses moderne Seelenleben, wie es sich vorbereitet hat in vollem Einklange mit der äußeren Wirklichkeit, gerade für den, der dieses moderne Seelenleben erfasst, wo es sich in seinen gesundesten Punkten geäußert hat, gerade für den werden diese geisteswissenschaftlichen Methoden in den Bereich der Erkenntnis hereinrücken.

[ 27 ] Und so will ich denn, obwohl auch auf vieles hingewiesen werden könnte, auf einen Ausgangspunkt Sie hinweisen, aus dem Sie ersehen sollen, sehr verehrte Anwesende, wie aus gesundestem Seelenleben heraus das Bestreben nach Geisteswissenschaft geht. Ich will hinweisen auf etwas, was man in seinen Anfängen bei Goethe finden kann. Nur muss man den Mut haben, selbst Goethe gegenüber sich zu gestehen, dass dasjenige, was bei ihm auftritt, Anfänge sind, die immer weiter und weiter ausgebildet werden müssen.

[ 28 ] Zum Interessanten bei Goethe gehört es, dass er Physik nicht getrieben hat — da, wo er sich auf sie eingelassen hat in seiner «Farbenlehre» — so, wie die Physik gewöhnlich getrieben wird, dass sie nur dasjenige behandelt, was abseits steht von dem menschlichen inneren Erleben, sondern das ist das Bedeutungsvolle bei Goethe, dass er die Physik heraufgeführt hat bis zu dem unmittelbaren seelischen Erleben des Menschen. Die äußere Physik sucht zu erforschen: Wie geht aus gewissen Dingen die rote, wie geht die blaue Farbe hervor? Ich will heute hier nicht eingehen darauf, weil dazu auch noch nicht die Diskussionen vertieft sind, die innerhalb der modernen Physik gepflogen werden können. Die werden zu einer ganz anderen Anerkennung Goethe’scher Farbenlehre noch führen und der Goethe’schen Physik, als das jetzt der Fall sein kann; allein darauf will ich nicht eingehen, trotzdem ich mich seit Jahrzehnten gerade mit einer Verteidigung der Goethe’schen Physik befasse. Ich will aber darauf hinweisen, wie auch der Weg, den Goethe gegangen ist einen heute mit Bezug auf die äußeren physikalischen Wahrnehmungen dazu führt, auch das seelische Leben zu suchen, wie es wirkt und lebt, während wir äußerlich wahrnehmen. Nachdem Goethe sich bemüht hat, zu erforschen, wie im äußeren physikalischen Sein Rot wie Blau entsteht, dringt er herauf zu dem seelischen Erleben, während man die Farbe Rot oder die Farbe Blau sieht. Und da ist es interessant, in dem letzten Kapitel der Goethe’schen Farbenlehre dasjenige nachzulesen, was er betitelt: «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe». Daraus will ich nur zwei Beispiele als Probe anführen. Goethe sagt über das Blau:

Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte, so wie es uns auch an Schatten erinnert. Wie es vom Schwarzen abgeleitet sei, ist uns bekannt,

Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt. Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen Licht.

[ 29 ] Goethe dringt also herauf, sodass er die Farbe nicht bloß anschaut, wie sie sich als äußere Wahrnehmung darbietet, sondern so, wie die Seele mit der Farbe lebt, wie die Seele dasjenige, was sie sonst nur in ihrem Inneren an viel anderem Kompliziertes erlebt, empfindet: Traurigkeit, Freude, Kälte empfindet. Goethe dringt herauf dahin, Seelisches wirklich zu verbinden mit der äußeren Wahrnehmung. Und so sagt er:

Die Wirkung dieser Farbe

— der Farbe Rot —

ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als von Huld und Anmut

— Sie sehen, wie das Seelische sich hineinergießt in die äußere Wahrnehmung —;

jenes leistet sie in ihrem dunkeln, verdichteten, dieses in ihrem hellen, verdünnten Zustande

— nämlich die rote Farbe.

[ 30 ] Das ist ein Anfang, ein Bestreben, sich mehr mit dem seelischen Leben auf die äußere Wahrnehmung, auf diese Decke der äußeren Wirklichkeit einzulassen, als dies im gewöhnlichen Tagesleben sein kann —, ein Anfang zu einer Entwicklung des Seelenlebens, die der Mensch wirklich nehmen kann. Wenn der Mensch erforscht, was er an der äußeren Wahrnehmung erleben kann, und dann die Stärke, die innere Stärke gewinnt, von dem äußeren Erlebnis, von dem äußeren Eindruck abzusehen, und bloß in dem, was in der Seele lebt, während der äußere Eindruck tätig ist, bloß in dem zu leben —, wenn er solche innere Sicherheit sich aneignet, dass er das eine wirklich an dem anderen, und auch ohne das andere das eine sehen kann, so ist der Anfang eines Seelenlebens gegeben, der immer weiter und weiter geführt werden muss, um endlich dieses innere Seelenleben, das sonst so schlummert, wie die Seele dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein gegenüber im Schlafesleben schlummert, dieses gewöhnliche Seelenleben allmählich zu erwecken.

[ 31 ] Was Goethe da getan hat, indem er «Die sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe» schrieb, ist nichts anderes als ein Anfang zum Erwachen des Seelenlebens in eine geistige Welt hinein. Nur muss man die Methoden, die da als ein Anfang geschildert werden bei Goethe, man muss sie immer weiter und weiter ausbilden. Dann dringt ein — wenn die Seele Geduld und Ausdauer hat, gewissermaßen mit allem, was sie ist, sich so auszubilden, wie man es an den Wahrnehmungen erleben kann, nicht durch die Wahrnehmungen —, dann dringt in die Seele ein inneres, intensives Erleben herein, dann verlieren die Gedanken, die Vorstellungen denjenigen Charakter, den sie sonst haben; dann dringt herein in diese Gedankenwelt ein inneres Miterleben, das so stark und intensiv ist wie Trauer und Freude, wie Leid und Schmerz und Lust. Dann wird etwas erweckt im Seelenleben, was eben sonst im gewöhnlichen Tagesleben schlummert. So paradox es erscheint — nach und nach kann man erleben, dass einem alles Denken wie von innerem Leben durchflossen wird, wie von innerem Leben durchzuckt wird.

[ 32 ] Lassen Sie mich etwas ganz besonders Paradoxes sagen, was aber das Ergebnis inneren Erlebens wirklich wird: Wir addieren, wir subtrahieren, wir rechnen in dieser Weise. Im gewöhnlichen Tagesleben ist uns das Zusammenzählen, das Abziehen, das Addieren, das Subtrahieren, etwas, womit wenig Gefühl verknüpft ist. Wird das Seelenleben so ausgebildet, wie ich es angedeutet habe, dann empfindet man intensiv innerlich — wie gesagt, so paradox es auch klingt, ich muss es sagen, weil es hindeutet auf gewisse Geheimnisse des inneren Seelenlebens —, dann durchdringt einen das Addieren wie ein Aufleben, wie ein Fruchtbarwerden von etwas; und das Subtrahieren — das Abziehen — durchdringt einen mit einem Gefühl wie das Auslöschen eines Lichtes, wie das Ablähmen von etwas. Addieren wird zu einem Gefühl vom Entstehen, Subtrahieren wird zu einem Gefühl vom Vergehen. Es klingt paradox, aber gerade an solchen Paradoxien kann man ersehen, wie umgestaltet dadurch, dass man sich gewöhnt mit dem was innerlich in Gedanken erlebt werden kann meditierend — das Genauere ist, wie gesagt, in den genannten Büchern nachzulesen —, wie durch dieses innerliche Erleben eben Leben hineindringt, durchsetzend dasjenige, was sonst toter, abstrakter Gedanke ist. Wie wenn ein Totes durchsetzt würde von einem innerlich ersprießenden Leben, so ist es, wenn man so das Denken belebt. Und es kann so belebt werden.

[ 33 ] Dann aber ist es so, wenn man so das Denken belebt, dass dieses Denken als Lebendiges wirklich durch das durchdringt, was ich vorhin als die Decke bezeichnet habe. Nur die Sinne machen diese Decke, sie nur schließen uns ab. Und da das gewöhnliche abstrakte Denken, das gewöhnliche Vorstellen, nur Bilder gibt von der Außenwelt, nur dasjenige nachdenkt, was die Sinne geben — da das gewöhnliche Denken innerliches Leben nicht anregt —, so kann es auch nicht durchdringen durch die Decke. Durchdringt das Denken durch die Decke erst dann, wenn es also belebt wird, wenn es stärker, intensiver gemacht wird, wenn es so seelisch wird, wie sonst eben nur im Leben die Dinge erlebt werden, die Tatsachen, die an uns herantreten. Das Denken gewinnt dadurch innere Tatsächlichkeit. Es strengt uns als solches Denken selbstverständlich auch mehr an. Es füllt uns mit einem inneren Leben aus, von dem wir sonst leer sind. Und durch diese Leere ist eben gerade das äußere Bewusstsein bedingt für das Tagesleben. Zur Erkenntnis aber ist notwendig, dass wir diese Durchlebung des Denkens aufnehmen.

[ 34 ] Wenn man auf diese Weise versucht — durch Ruhen auf gewissen Gedanken, durch immer wiederkehrend In-das-Bewusstsein-Versetzen gewisser Gedanken oder durch stilles Sich-Hingeben an Gedanken und zusehen, was der Gedanke in einem macht —, wenn man dieses übt, dann kommt man zu einem ganz anderen Standpunkt gegenüber allem Denken; dann kommt man dazu, das innere Gedankenleben, das Vorstellungsleben so anzusehen nach und nach, dass sich etwas entwickelt. Das kommt, das entwickelt sich so, wie das Kind wächst vom Kleinen zum Großen. In dem Meditieren, in dem das innere Denkleben ausgebildet wird, kommt das, was ich nun schildern will, von selbst. Es entwickelt sich dem inneren Vorstellungsleben gegenüber etwas wie Verlassenheitsgefühl, wie ein Gefühl davon, dass der Gedanke innerlich frei gemacht ist, der etwas vernichten kann und etwas entstehen lassen kann, während man sonst nur im Gedanken so lebt, dass man sagt: der eine ist richtig, der andere ist falsch, entwickelt man, wenn man das Leben im Gedanken entwickelt, ein solches inneres Erfahren, dass man von gewissen Gedanken weiß: die sind fruchtbar, die enthalten Wirklichkeit, die gestattet man sich. Andere Gedanken zeigen sich nicht bloß logisch als unrichtig, sondern man empfindet sie mit Schmerzen; man weiß, sie sind unfruchtbar, sie sind ertötend. Und man kommt herein in ein Leben des Gedankenlebens, in dem Durcheinanderspielen: fruchtbare, belebende, ertötende Gedanken. Sie sehen, wie wiederum Leben hineinfährt in dieses Gedankenleben, das sonst bildhafte Vorstellungsleben.

[ 35 ] Etwas füllt dann unser Inneres aus gegenüber dem Gedankenleben, was wir sonst im äußeren Bewusstsein nur gelten lassen in der Sittlichkeit, in der Moral. Wie in der Sittlichkeit, in der Moral fühlen wir uns für das, was wir tun oder nicht tun, verantwortlich. Und dieses Verantwortlich-Fühlen, das in dem Gewissen wurzelt, das ist etwas Besonderes in unserem Seelenleben. Wir tun unter seinem Einflusse das Gute und das Böse; wir tun das eine, unterlassen das andere. Dieses Gefühl trägt sich hinein unter dem Einflusse jener inneren Seelenübungen, die ich besprochen habe, in das innere Gedankenerleben. Wir gestatten uns gewisse Gedanken nicht, andere gestatten wir uns, kurz, wir tragen Sittlichkeit, Moral — nicht so, wie es im äußeren Leben ist, aber in einem noch anderen Sinne — in unser Gedankenleben hinein.

[ 36 ] Auf diese Art gelangen wir allmählich dazu, das Leben des Gedankens überhaupt kennenzulernen, denn dieses Leben des Gedankens zeigt sich erst im erweckten, im schauenden Bewusstsein. Es ist nicht gerade ganz bequem, dieses Leben des Gedankens kennenzulernen. Denn indem der Gedanke wirklich so von uns durchlebt wird, dass man mit ihm lebt, dass man sich ihn gegenständlich und lebendig im Bewusstsein macht, da merkt man etwas, was ja das gewöhnliche Bewusstsein gar nicht braucht, was aber dem schauenden Bewusstsein, dem wirklich erkennenden Bewusstsein notwendig ist. So wie man den Gedanken hat, wenn man ihn erfasst für die äußere Welt als ein Ergebnis desjenigen, was wir wahrnehmen, so kann man ihn gar nicht brauchen eigentlich, um sich dem wahren Seelenleben zu nähern. Der Gedanke, wenn wir ihn gefasst haben, innerlich sozusagen ins Seelenauge fassen, dann wieder entlassen, der ist zunächst nichts nütze zum Erforschen des Seelenlebens; aus diesem kann man nicht das Seelenleben erkennen. Man glaubt es im gewöhnlichen Bewusstsein; man kann aber aus diesem Gedanken gar nicht das Seelenleben erkennen. Dieser Gedanke muss erst einen gewissen Prozess durchmachen in unserer Seele; er muss hinuntergelassen werden in das Unbewusste und muss — bei dem einen Gedanken so lange, bei dem anderen Gedanken anders lange —, muss eine gewisse Zeit ruhen in dem Seelenleben; gewissermaßen: Er muss vergessen worden sein, er muss außer das Bewusstsein hinausgerückt sein und später wieder in das Bewusstsein hereingeholt werden, dann erscheint er wie ein neugeborener Gedanke. Und ein großer Teil der intimen inneren Vorgänge, der inneren Vorgänge, die zur Geisteswissenschaft führen sollen, beruht darauf, dass man dieses Merkwürdige, was als Veränderung mit dem Gedanken vorgeht, wenn der Gedanke erst ein sich senkt ins Unbewusste und wiederum heraufkommt, dass man das beobachten lernt, dass man das erleben lernt, erleben lernt den Unterschied zwischen einem gegenwärtig erfassten Gedanken und einem Gedanken, der den Weg gewissermaßen in die Seelenunterwelt durchgemacht hat und aus dieser Seelenunterwelt wiederum heraufkommt; und dann, wenn man gegenwärtig denkt, und neben dem gegenwärtigen Denken heraufkommen lässt — diese Fähigkeit eignet man sich an — verflossene Gedanken. Und kommt dazu noch — was auszuführen heute zu weit führen würde — verflossenes Denken für jede Art des Denkens vor einer bestimmten Zeit, dann enthüllt sich zwischen Gedanke und Gedanke die geistige Welt; zwischen dem gegenwärtigen Gedanken und dem vergangenen Gedanken, der den Weg gemacht hat, von dem ich gesprochen habe, dem einzelnen Gedanken enthüllt sich niemals eine wahre Wirklichkeit, er bleibt Bild.

[ 37 ] Nur wenn er im gegenwärtigen Gedanken sich begegnet mit dem Gedanken, der von dem Seelenleben verarbeitet, von dem Seelenleben belebt wurde eine gewisse Zeit, und ihm entgegentritt, dem gegenwärtigen Gedanken, dann entzündet sich zwischen dem gegenwärtigen und aus der Vergangenheit wiederum auflebenden Gedanken das Schauen in die Wirklichkeit der Seele. Man eignet sich allmählich an — wie für den einen Gedanken eine gewisse Zeit notwendig ist, die er ruhen muss gewissermaßen in den Untergründen des Seelenlebens —, man eignet sich solches für andere Gedanken an. Das alles muss innerlich erfahren werden, das alles muss innerlich wirklich durchgemacht werden so, wie durchgemacht werden muss dasjenige, was erst der Chemiker lernen muss, um seine chemischen Experimente im Laboratorium anzustellen. Es ist durchaus, ich möchte sagen eine Kompliziertheit zugrunde liegend jenen Vorgängen, die aus dem Menschen einen Apparat machen, einen seelisch-geistigen Apparat, um das seelisch-geistige wirkliche Leben wahrzunehmen. So muss der Gedanke gewissermaßen entzweigeteilt werden und das eine Gegenwärtige mit dem Vergangenen zusammen wahrgenommen werden können; dann entzündet sich wie durch positive und negative Elektrizität zwischen den beiden dasjenige, was hineinzuleuchten vermag in die geistige Welt.

[ 38 ] Eine ebensolche innere Entwicklung wie mit dem Gedanken muss man vornehmen mit dem Willen, mit jenem Willen, der sonst im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein gebunden ist an die Körperlichkeit, nur erscheint, indem die Körperlichkeit gewissermaßen sein Werkzeug ist. Daher kann ja der reinste, der höchste Ausdruck des gewöhnlichen Willens — die Freiheit — so schwer erforscht werden, die Freiheitsidee, die Wirklichkeit der Freiheit des Willens so schwer erforscht werden, weil wir den Willen in der Vorstellung nie rein haben, sondern immer gebunden an etwas anderes. Und ebenso, wie wir Wasserstoff nicht wahrnehmen können, wenn wir ihn nicht abtrennen, wenn er im Wasser drinnen ist, so können wir den Willen nicht erforschen, wenn er so, wie er im gewöhnlichen Bewusstsein auftreten muss, an unsere Körperlichkeit gebunden ist, mit dieser Körperlichkeit allein zusammen auftritt. So wie man das Denken beleben muss, es gleichsam durchzucken muss, durchströmen muss mit dem Blitze des Lebens, so muss der Wille losgelöst werden von der Körperlichkeit; er muss gewissermaßen vergeistigt werden, der Wille. Das wird wiederum durch gewisse Übungen erreicht, wird durch Übungen erreicht, die wieder auf gewisse Anfänge zurückführen.

[ 39 ] Und da möchte ich wiederum auf durchaus gesunde Anfänge im modernen Geistesleben hinweisen, um eine Vorstellung davon hervorzurufen, dass wirklich nicht aus krankhaften Untergründen heraus die geistige Forschungsmethode erfolgt, sondern gerade aus den gesundesten. Und wenn ich eine persönliche Bemerkung machen darf, nur zur Einschaltung, so sei diese gemacht, sehr verehrte Anwesende: Ich selbst sehe dasjenige, was ich als Geisteswissenschaft vortrage, durchaus als das Ergebnis desjenigen an, was sich mir in den jahrzehntelangen inneren Erlebnissen mit der Goethe’schen Weltanschauung ergeben hat. Und aus dieser Goethe’schen Weltanschauung heraus, nicht aus irgendeiner Phantastik oder irgendwelcher subjektiven Mystik suche ich dasjenige, was ich als Geisteswissenschaft vorgetragen habe. Doch wie gesagt, dieses nur wie eine eingeflochtene Bemerkung, die auch aber darauf hinweisen soll, dass das, was als Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gemeint ist, auf durchaus gesunden und naturgemäßen Grundlagen beruht. Denn dieses moderne Seelenleben, wie wir es suchen müssen, es ist ja naturgemäß zuerst geflossen durch solche Persönlichkeiten wie Goethe, solange es instinktiv durch die Genialität, nicht durch das [Geschulte] fließen musste.

[ 40 ] Nun hat Goethe, wie wir gesehen haben, die physikalische Wahrnehmung gebracht bis zum Seelenerleben. Er hat aber auch das seelische Erleben herausgetragen als Zeitliches in die äußere Wirklichkeit. Das ist geschehen in seinem Metamorphosegedanken, den ich hier nur andeuten will, in jenem Metamorphosegedanken, der zum ersten Mal gezeigt hat, was jetzt jeder Naturforscher, jeder wahre Naturforscher, über die Pflanzenwelt anerkennt, gezeigt hat, wie man in den Blütenblättern der Pflanzen, auch in jedem Organe der Pflanzen nichts anderes vor sich hat als umgewandelte grüne Laubblätter, wie das ganze Leben der Pflanze darauf beruht, dass sich metamorphosiert dasjenige, was im grünen Blatt erscheint, zu dem farbigen Blütenblatt oder auch zu dem Griffel und dergleichen. Dieses konnte von Goethe nur erreicht werden dadurch, dass er gewissermaßen in der Pflanze sah, was in ihr lebt, verwandt mit dem, was in dem Menschen als Wille lebt. Nicht in philosophischer Weise hat das Goethe getan, wie Schopenhauer, der nachher auch nicht besonders weit gekommen ist; Goethe hat es getan, durchdrungen von gesunden, lebendigen Anschauungen. So hat er nicht den Willen anthropomorphisch einfach hinausversetzt in die Pflanzen, sondern er hat dasjenige ruhig objektiv angeschaut, was in der Pflanze sich wandelt, was von Einem in das Andere sich umgestaltet; so ist ihm die Blüte geworden das umgewandelte Blatt.

[ 41 ] So auch können wir dieses, wie das andere, das erwähnt worden ist mit Bezug auf die äußere Wahrnehmung, so auch können wir dieses als den Anfang betrachten, der nun seelisch-geistig weiter ausgebildet werden kann. Und wiederum habe ich versucht in den genannten Büchern die genauere, intimere Anweisung zu geben, wie der Wille innerlich ausgebildet werden kann, sodass er eine andere Form annimmt, eine Form, die sich zu dem Willen, den wir im gewöhnlichen Bewusstsein kennen, so verhält, wie die Blüte, die sich entfaltet und gewisse Bestandteile in Farbenverhältnisse vergeistigt — dieses Wort aber nur vergleichsweise gebraucht — aus dem Blatte, so können wir den Willen loslösen, sodass er nicht mehr gebunden ist an sein körperliches Werkzeug, sondern dass er sich selber ergießt in das innere Seelenleben. Gerade durch das, was ich schon erwähnt habe, jenes Verantwortlichkeitsgefühl im Seelenleben, jenes innere Durchmoralisieren des Seelenlebens, werden wir die Logik, die nur unterscheidet zwischen Wahrem und Falschem, so verändern, dass wir uns zu dem einen Gedanken verpflichtet fühlen, weil er fruchtbar ist; zu dem anderen Gedanken fühlen wir uns nicht verpflichtet, sondern im Gegenteil, wir werden ihn fallen lassen, weil er ertötend, weil er vernichtend ist. Wenn wir das Seelenleben so mit Verantwortlichkeitsgefühl, mit einem Verseeligen gewissermaßen innerster Art durchziehen, dann ringt sich der Wille los von seinem Körperwerkzeug, und gerade so, wie der Gedanke durch die vorhergehend geschilderten inneren Vorgänge Leben gewinnt, so gewinnt der Wille Bewusstsein. Ein Bewusstsein unendlich viel stärkerer Art entwickelt sich, das Bewusstsein, das man nun braucht, um das zu erreichen, was vorhin schon beschrieben worden ist; denn eines geht immer in das andere. Das Bewusstsein braucht, wenn der Gedanke sich entzwei teilen soll, wenn gegenwärtige Vorstellung voriger Vorstellung gegenüberstehen soll, das braucht ein anderes, ein tieferes Bewusstsein als das gewöhnliche Tagesbewusstsein. Wenn der Wille also durchzogen wird von dem, was ich so andeutungsweise heute — genauer in meinen Büchern — beschrieben habe, dann erlangt man die Fähigkeit, innerlich wirklich aus dem Alltagsbewusstsein heraus zu einem schauenden Bewusstsein so aufzuwachen, wie man beim gewöhnlichen Aufwachen aus dem Traumbewusstsein zu einer Wirklichkeit aufwacht. Zu einer anderen, geistigen Wirklichkeit wacht man mit dem schauenden Bewusstsein auf. Das Ganze ruht aber auf einer durchaus gesunden Grundlage; denn man braucht sich nur zu erinnern, wie — wenn auch unter einem anderen Ausdruck und mehr instinktiv, als das heute, wo wir wiederum mehr als hundert Jahre über Goethe hinaus sind, das der Fall sein kann —, wie Goethe, Kant lesend und Kant studierend, hingewiesen hat auf dieses schauende Bewusstsein. Es ist ja bekannt, wie Kant, versuchend, aus dem gewöhnlichen Bewusstsein heraus die Frage zu beantworten: Wie dringt man in die geistige Welt ein, eigentlich die Antwort gegeben hat, dass man nicht in sie eindringen könne, dass in sie eindringen könnte, wie er sagt, nur ein Bewusstsein, das eine anschauende Urteilskraft eigentlich ist, nicht die gewöhnliche denkende Urteilskraft des Menschen. Aber Kant nennt das Erstreben einer solchen anschauenden Urteilskraft ein «Abenteuer der Vernunft».

[ 42 ] Goethe aber sagt: Erlebt man dasjenige, was man den moralischen Betätigungen des Menschen gegenüber erleben kann, was man erleben kann gegenüber der Freiheitsidee, gegenüber den anderen moralischen Ideen, gegenüber dem, was Kant den «Kategorischen Imperativ» nennt, so kann man weitergehend erleben, dass man das, was Kant — er nennt ihn ja ironisch den «Alten vom Königsberge» —, was Kant auf seinem kritischen Dreifuß ein «Abenteuer der Vernunft» nenne, dass man das mutig bestehen könne. Goethe spricht also davon, dass dieses Schauende erreicht werden kann; das sei kein Abenteuer der Vernunft. Und was bei Goethe ein Anfang ist, das kann immer weiter und weiter ausgebildet werden.

[ 43 ] Nur muss man sich gewissermaßen — und zwar jetzt nur für die Erkenntnis der geistigen Welt, nicht für das gewöhnliche Alltagsleben —, nur muss man sich gewissermaßen anders zum Gedanken und anders zum Willen, namentlich zu der Äußerung des Willens, die man das Urteilen nennt, stellen, als das im gewöhnlichen Bewusstsein der Fall ist. Im gewöhnlichen Bewusstsein urteilen wir, und im Urteil lebt ja auch dieser Wille; aber dieses Urteilen wird für das höhere Erkennen, für das geistige Erkennen etwas ganz anderes. Da bekommt man, wenn die Seele sich intim so entwickelt, wie es geschildert worden ist, allmählich, ich möchte sagen immer mehr und mehr innere Zurückhaltung gegenüber dem Urteilen, innere Zurückhaltung. Im Leben gebrauchen wir schnell das Urteil; da müssen wir schnell fertig [sein, um eine Entscheidung zu treffen; für die Tatsache] des geistigen Lebens ist gerade die entgegengesetzte Seelenstimmung notwendig. Derjenige daher, welcher sich allmählich hineinleben will in diese Seelenstimmung, die notwendig ist zum geistigen Erleben, der setze am besten nur zur Übung fort dieses geistige Leben, nicht allein bloß das äußere Erleben /unklare Stelle]. Es dürfen beide nicht miteinander vermischt werden, [ebenso] wie Traum und wache Wirklichkeit nicht vermischt werden dürfen. [Lücke]

[ 44 ] Der, der wahre Erkenntnis der geistigen Welt kennenlernen will, der versucht, möglichst das Urteilen, das Entscheiden einzustellen; er bekommt allmählich Interesse dafür, wie die Menschen je nach ihren Voraussetzungen in verschiedener Weise sich zu den Dingen der Welt stellen können. Ich will vom Erkenntnisgebiet selber her ein Beispiel nehmen:

[ 45 ] Da ist der eine Mensch im Leben materialistisch gesinnt; er erklärt die ganze Welt materialistisch. Wer einzugehen vermag liebevoll auf dasjenige, was ein Materialist von seinem Gesichtspunkte aus vorzubringen vermag über die Welt, der findet vieles Gute darinnen. Aber wenn man sich einlässt, vielleicht gerade auf den entgegengesetzten Fall, auf den ideell-spirituellen Fall, den jemand haben kann aus seinen Voraussetzungen heraus, so findet man da wiederum dasjenige, was er finden kann. Und dann kann man sich einleben, nicht wie es einen selber drängt zu urteilen, sondern wie geurteilt wird von diesem oder jenem Standpunkte aus. Man kann gewissermaßen sich dadurch erziehen, nicht zu urteilen, sondern von der Welt das Urteil zu erwarten. Und immer mehr und mehr kommt man dazu, aus seinem gegenwärtigen Bewusstsein heraus möglichst wenig zu entscheiden, sondern überall sich zu fragen: Womit im Bereiche des längst Erlebten lässt sich vergleichen dasjenige, was jetzt erlebt wird? Immer mehr und mehr kommt man dazu, nicht Theorien, nicht Hypothesen machen zu wollen, sondern dasjenige, was erlebt wird, objektiv wieder in das Erleben hineinzustellen.

[ 46 ] Goethe spricht sehr schön nicht von Naturgesetzen in seiner Physik, sondern von Urphänomenen, von Urerscheinungen. Er will dasjenige, was physikalisch erlebt und erschaut wird, überhaupt nicht an abstrakte Gesetze anknüpfen, sondern es verstehen dadurch, dass er es vergleicht mit den einfachsten Erscheinungen, die wieder erfahren werden können. So will man, dass die Erfahrung sich ausgieße, das Erlebnis sich ausgieße über dasjenige, was eben erfahren, was erlebt wird, und dass möglichst wenig aus innerer Initiative heraus geurteilt wird. Dadurch erlangt man allmählich die Fähigkeit, ich möchte sagen dem Leben mehr zuzuhören als hineinzusprechen, denn mit dem gewöhnlichen Urteilen im Alltag spricht man in das Leben hinein; man benennt sozusagen die Dinge. Man lernt allmählich von sich aus möglichst wenig zu sagen und dem Leben zuzuhören, das ist bildlich, vergleichend gesprochen, dem Leben zuzuhören.

[ 47 ] Auf diese Weise erlangt man die Möglichkeit, den Willen loszulösen aus seinen gewöhnlichen Zusammenhängen und ihn zu vergeistigen, sodass er ein eigenes Bewusstsein entwickelt, in dem jetzt das ganz anders drinnen sitzt als die bildhafte Vorstellung des gewöhnlichen Bewusstseins. Man fühlt jetzt, wenn man immer weiter und weiter schreitet auf dem Weg, den ich nur angedeutet habe, man fühlt immer mehr und mehr mit innerer Geistigkeit sich ausgefüllt. Und jetzt erlebt man es, dass sich das eine mit dem andern zusammenschließen kann, dass wirklich wie ausgelöscht wird das Bewusstsein des gewöhnlichen Tages, wie der Traum verschwindet gegenüber dem Tagesbewusstsein, und dass dasjenige, was im Willen auflebt als ein anderes Bewusstsein hinzuschauen vermag auf dasjenige, was im Gedanken aufsteigt, wenn Gedanke an Gedanke sich entzündet so, wie ich es beschrieben habe. Da schaut man hinein. Das heißt, man ist es nicht mehr selbst bei seinem gewöhnlichen Ich, sondern man ist es mit dem entwickelten Bewusstsein für das Geistige, mit dem entwickelten schauenden Bewusstsein.

[ 48 ] Da schaut man hinein in die ewigen Kräfte der Menschenseele dadurch, dass das immer mehr und mehr ausgebildet wird, von dem ich erzählt habe, dass der Weg fortgesetzt wird. Dabei kommt es nur darauf an, dass man ihn in Geduld wirklich so fortsetzt, wie man ihn begonnen hat. Wenn das so fortgesetzt wird, dann erlangt man allmählich die Fähigkeit, nicht bloß zunächst mit seiner gegenwärtigen Seele zu leben — ich habe ja gezeigt, wie man dazu kommt, den Gedanken hinuntersinken zu lassen in die Untergründe, gleichsam in die Unterwelt des Seelenlebens —, man gelangt allmählich dazu, überhaupt diese Untergründe des Seelenlebens mit der Seele selbst zu beleuchten, und man kommt dazu, etwas in sich aufleben zu wissen, was man sonst beim gewöhnlichen Tagesbewusstsein niemals auflebend hat, man kommt dazu, dasjenige in sich aufleben zu lassen, was man vergessen hat für dieses gewöhnliche Tagesbewusstsein in allen normalen Fällen.

[ 49 ] Sie wissen, sehr verehrte Anwesende, man hat vergessen für das gewöhnliche Tagesbewusstsein dasjenige, was sich in den allerersten Zeiten unseres physischen Lebens abgespielt hat. Nur bis zu einem gewissen Momente erinnert man sich zurück, was vorher liegt, kann einem nur erzählt werden, weil man nicht zurückschaut auf das seelische Leben, das diesem Zeitpunkt vorangegangen ist. Dieses Seelenleben ist ebenso in eine Seelendunkelheit gehüllt, wie das Schlafen in Seelendunkelheit gehüllt ist. Das Kind schläft daher auch in seiner ersten Lebenszeit, so das Leben führend, ähnlich wie der Schlaf das Leben führt. Die Seele aber lebt; aber sie lebt anders, als sie später lebt, wenn sie voll ihren Willen gebraucht, wenn sie bewusst ihren Willen gebraucht. Die Seele lebt in den ersten Jahren schlafend, sodass im Organismus erst dasjenige zubereitet wird, was später gebraucht wird, um die Welt wahrzunehmen und in die Welt selbst einzugreifen Und wenn die Seele am Leibe schafft, wenn überhaupt die Kräfte — ob man sie seelisch oder wie immer nennt —, die den Menschen zugrunde liegen, am Menschen schaffen, dann können sie nicht zu gleicher Zeit wahrgenommen werden, dann können sie auch nicht zu gleicher Zeit Bewusstes leisten. Daher haben wir während des Schlafes, wo gearbeitet wird an unserem Organismus, wenigstens dasjenige, was verbraucht ist während des Tages, wiederum ersetzt — [was ersetzt] werden muss —, daher haben wir da kein Bewusstsein. Aber in der Rückerinnerung — wenn ich jetzt diesen Ausdruck gebrauchen darf —, die dadurch hervorgerufen wird, dass der Gedanke also verfolgt wird in die Untergründe der Seelennatur, wie ich es beschrieben habe, taucht allmählich die Fähigkeit auf, die Seele da zu erfassen, wo sie nicht erfasst werden kann im gewöhnlichen Bewusstsein, in jenem Wesen zu erfassen, das noch tätig an dem Organismus war, so tätig, dass es nichts abgeben konnte für das bewusste äußere Leben, dass man sich nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein dazu zurückerinnern kann.

[ 50 ] So ist es, wie wir im äußeren Raum, wenn wir etwas anschauen wollen, das wir von Ferne nicht sehen, in der Nähe sehen wollen, wie wir da hingehen müssen, so müssen wir die Seele erfassen, hinschauend durch die Zeit was wir gelernt haben —, hinschauend durch die Zeit in einen andern Zeitpunkt als der gegenwärtige. Da in einem anderen Zeitpunkte leben alle die Vorstellungen, an die man sich im gewöhnlichen Bewusstsein erinnert; man muss zurück auf die Zeit schauen, bevor die Seele, sozusagen das Seelenleben geboren worden ist. In diesem Augenblick aber, wo man ankommt gewissermaßen mit seinem schauenden Blick bei dem Seelenleben, das ja unserer noch unbewussten Kindheit zugrunde liegt, in dem Augenblick lernt man erkennen, was dieses Seelenleben da war.

[ 51 ] Es ist ein erschütternder Anblick. Es ist ein Anblick, ein geistiger Anblick, der wirklich gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein etwas darbietet, wie das gewöhnliche Bewusstsein gegenüber dem chaotischen, bilderhaften Traumleben. Denn so, wie man im gewöhnlichen Bewusstsein weiß: die äußere Wirklichkeit ist zugedeckt, so weiß man, sobald man nur mit einem schauenden Blick angelangt ist bei jener Kindheitsseele, wie ich sie eben charakterisiert habe, so weiß man, dass dieser Blick gerichtet ist nun und gerichtet werden kann auf alles dasjenige, was im Organismus bereits beginnt in dem Augenblicke, wo der Organismus anfängt, mit seinem Willen in die Außenwelt einzugreifen. Wo der Mensch sozusagen nicht so bewusst wird, dass er sich an die Erlebnisse erinnern kann, da beginnt zugleich alles dasjenige, was später den Tod hereinträgt — gleichgültig, welchen Tod, ob es ein Tod in früheren Jahren, ob es der natürliche Tod später ist —, was den Tod hereinträgt in unser Leben. Ich kann heute wegen der Kürze der Zeit den Unterschied zwischen einem durch Unglück erfolgten und einem frühen oder dem Alterstod nicht ausführen; aber dasjenige, was ich sage, gilt für alles das. Alles das, was den Tod herbeiführt, alles das ist diesem Seelenblick gegeben, der zurückgelangt ist bis zu jener Kindheitsstufe, von der gesprochen worden ist. Und wie die äußere Wahrnehmungswelt eine tote ist gegenüber der äußeren Natur und ihrer geistigen Mittel und ihrer Wesenheit, so ist das Leben, das sich abspielt, gewissermaßen ein Fluss, der uns trennt von dem, was sich im Tode verbirgt.

[ 52 ] Nun gewöhnt man sich erst, wenn man diese Entwicklung des Seelenlebens durchgemacht hat, nicht bloß dasjenige in sich zu empfinden und zu spüren, was aufstrebendes Leben ist. Das muss man empfunden und verspürt haben im Tagesbewusstsein, sonst würde sich das Leben in der äußeren Welt für uns nicht richtig abspielen können. Auch die äußere Wissenschaft sucht immer die aufsteigenden Prozesse. Jetzt aber richtet sich der Blick hin auf dasjenige, was gerade abbauend im Leben ist, zuletzt den Tod herbeiführt. Wir stehen gewissermaßen mit diesem Hineinversetzen in die Kindheit an einem Ufer, sehen hinüber auf das andere Ufer, wo der Tod ist, aber abgetrennt durch das physische Leben. Wir sehen, wie wir früher durchs Leben gegangen sind und was wir neu veranlagen durch die Vergangenheit, durch den Tod, durch die Auflösung, durch die Abbauung. Wir sehen, wie, indem der Leib sich abbaut, sich — so viel abgebaut wird — immer neue ewige Seelenkräfte entwickeln, die durch die Pforte des Todes schreiten. Wir sehen dasjenige, was mit dem Tode geboren wird, wir sehen das durch das Leben getrennt, durch das physische Leben getrennt von dem, was durch unsere Geburt hereingezogen ist, getrennt. Wir blicken — indem wir gewissermaßen von unserem Anfang des Seelenlebens zu unserem Ende hinschauend, nun von dem Ende dann ebenso abgetrennt sind durch das physische Leben, wie sonst die äußere Wahrnehmung von der äußeren Welt —, so blicken wir hin auf dasjenige, was lebt und webt, sodass es durch die Todespforte geht, dass es, indem es wirkt an der äußeren Auflösung unseres Leibes, sich geistig gebiert, in die geistige Welt hineingehend.

[ 53 ] Mühselige innere Gedankenerlebnisse stehen am Anfange des geistesforscherischen Weges; das Erkennen des übersinnlichen Lebens, des Ewigen in der Menschenseele, das Erkennen desjenigen, was durch Geburt und Tod geht, das steht im weiteren Verlauf. Und dadurch stehen wir dann mitten drinnen in dem, was losgelöst, ergriffen und begriffen werden kann von der Körperlichkeit. Und durch dieses — was so losgerissen werden kann durch solches schauendes Bewusstsein von der Körperlichkeit — kommt der Mensch in Zusammenhang mit einer geistigen Welt, die ebenso wirklich ist wie die physische Welt; die physische Welt wird durchdrungen von einer geistigen Welt. Und wir gehören, wir wissen es nun, dieser geistigen Welt mit den übersinnlichen, ewigen Kräften unserer Seele an. Und innerlich wird dasjenige erlebt, erlebt jetzt — was Goethe bloß schauen wollte an der Außenwelt — in dem einfachen Beispiel seiner Metamorphosenwelt.

[ 54 ] Wie er in dem grünen Pflanzenblatt schon schauen wollte die Blüte, die sich daraus umwandelt, und wie er das konnte, weil er das Denken in sich beweglich machte, sodass es weben konnte von einem Ding zum anderen, so kommt das Denken, so kommt das innere Seelenleben — das volle innere Seelenleben, nicht das abstrakte —, so kommt dieses dazu, im gegenwärtigen Leben zu wissen: Dasjenige, was in diesem gegenwärtigen Leben wie die Knospe in der Blüte zur neuen Pflanze sich hinüberentwickelt, was in dem gegenwärtigen Leben zu einem folgenden Erdenleben als dessen Frucht sich entwickelt, das ist übersinnliches Erleben. Und so wie man im äußeren Leben weiß, dass auf den heutigen Tag der folgende folgen wird, so lernt man wissen, dass in diesem einen Erdenleben durch die in ihn immer wirkenden ewigen, übersinnlichen Kräfte folgende Erdenleben weben; so wie man — wenn man gelernt hat, zurückzuschauen auf dasjenige, was vor diesem Bewusstsein da war — zurückschauen lernt auf frühere Erdenleben, wie von dem heutigen Tag auf den gestrigen, auf die vorhergehenden. Das alles wird inneres Erleben. Und eine geistige Welt überhaupt tritt auf diese Weise zu der sinnlichen hinzu, und in dieser geistigen Welt lernen wir das Eigentliche, Ewige der Menschenseele erkennen.

[ 55 ] Nicht durch Hypothesen, nicht durch Theorien, sondern allein dadurch, dass das innere Erleben erweckt wird, sodass gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein ein Erwachen eintritt, kann das ewige Leben der Menschenseele erforscht werden. Aber man glaube nicht, dass dasjenige, was auf diese Weise, so wie etwa im Verlauf des heutigen Vortrages gesagt wurde, dass dieses geistige Erleben des Menschen nur einen Wert haben könne für den, der nun dieses geistige Erleben selber mitmachen kann. So wie dasjenige, was der Chemiker erzeugt durch seine Wissenschaft, nicht bloß für den Chemiker einen Wert hat, sondern auch für den Nichtchemiker, für den, der nicht die Vorgänge kennt, durch die es hervorgebracht worden ist, so kann dasjenige, was durch die Geistesforschung erforscht wird, mitgeteilt werden. Und obwohl heute jeder — Sie können das wiederum nachlesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und in den andern Büchern —, wie heute jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann — die Kräfte ruhen in der Seele in unserer heutigen Zeit, die dazu notwendig sind —, so ist es aber noch nicht notwendig; sondern dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft herausgeholt wird, das trägt in sich selber seine Bewahrheitung, wenn man es nur unbefangen genug, vorurteilsfrei genug aus der Mitteilung heraus aufnimmt.

[ 56 ] Oftmals wird von denjenigen, die die Leute fernhalten wollen von der Geisteswissenschaft, die ihnen diese Geisteswissenschaft als unzugänglich schildern, oftmals wird von denjenigen gesagt: Ja, diese Geisteswissenschaft, die ist eine Wissenschaft, und sie ist nur für diejenigen, die sich die Vorbedingungen zu dieser Wissenschaft oder überhaupt wissenschaftliche Vorbedingungen angeeignet haben. Zu einer einzelnen Wissenschaft, sehr verehrte Anwesende, gehören gewiss gewisse Vorbedingungen. Dasjenige aber, was durch die Geisteswissenschaft aus geistigen Welten herausgeholt ist, das ist, wenn es richtig geformt ist — selbstverständlich kann heute vieles erst mangelhaft geformt werden, denn wir stehen im Anfange dieser Geisteswissenschaft —, das aber ist, wenn es richtig geformt ist, so unmittelbar durch seinen eigenen Inhalt einleuchtend, dass gesagt werden darf: Nichts anderes ist notwendig zum Verständnisse und zum Sich-Durchdringen mit der Geisteswissenschaft als gesunder Verstand, gesunder Menschensinn; und der wird in der Welt nicht nur so leben wollen, wie es ihm instinktiv angewiesen wird von den Verhältnissen der Welt, sondern mit Verständnis drinnen stehen wollen in den Erscheinungen der Welt. Gesunder Verstandesgebrauch und der Wille, mit Verständnis in der Welt stehen zu wollen, das sind die einzigen Vorbedingungen zum Auffassen der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Und wer sich mit diesem gesunden Verstandesgebrauch und mit dem charakterisierten Willen auf die Geisteswissenschaft einlässt, der wird sehen, dass er, und sei er sonst noch so ferne allem wissenschaftlichen Streben, dieser Geisteswissenschaft gewachsen ist, dass sie ihm aber auch werden kann ein wichtiger, wesentlicher Inhalt für das Leben, dass sie sein Leben ausfüllen kann mit einer Kraft, die er — nachdem das alles im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit sich zugetragen hat, was im Beginne meines heutigen Vortrages beschrieben worden ist —, mit einer Kraft, die er hat innerhalb des Lebens.

[ 57 ] Und würden diejenigen, sehr verehrte Anwesende, in denen der Trieb nach solchen geistigen Erkenntnissen — wie sie die Anthroposophie bietet — wie eine dunkle Sehnsucht lebt, würden die voll bewusst heute schon von diesen ihren dunklen Trieben wissen, dann würde die Geisteswissenschaft in ganz anderer Lage gegenüber der Welt sein. So aber lebt vorläufig dasjenige, was zur Geisteswissenschaft hinführt, vielfach in den Menschen als dunkler Trieb und äußert sich in einer Weise, die man oftmals nicht versteht, als diese oder jene Beunruhigung im Leben, als diese oder jene Unsicherheit im Leben, all das, was einem das Leben nach der einen oder nach der anderen Weise unerträglich und schmerzhaft macht, was einen haltlos macht im Leben, was einen dazu führt, über das Leben allerlei Gedanken zu haben, die sich dann gegenüber der Praxis des Lebens nicht verwirklichen können. Werden einmal die Menschen dasjenige voll erfassen, was heute in unzähligen Seelen als ein dunkler Trieb waltet, der sich durch solche Unsicherheit oder als solches instinktives Tappen im Leben kundgibt, werden die Menschen [sich] bewusst dieser Sehnsucht, dieses Triebes zur Geisteswissenschaft, dann wird Geisteswissenschaft befruchtend einwirken können auf das Leben, denn das wird sich zeigen, dass sie allen anderen Wissenschaften gerade das sein kann, was die fragen.

[ 58 ] Wenn wir heute — und übermorgen soll über diese Dinge weiter gesprochen werden —, wenn wir heute anderen Wissenschaften gegenüber uns in ihre Errungenschaften vertiefen, so gehen nicht Antworten aus ihnen hervor, sondern Fragen, Fragen, die nun erst in der Geisteswissenschaft beantwortet werden. Und so ist es mit dem Leben. Aus dem heutigen Leben quellen Bedürfnisse, die erst durch jene Kräfte bewältigt werden, welche in uns kommen, wenn wir die Mitteilungen aus den geistigen Welten empfangen können, die der Geistesforscher aus ihnen holen kann. Das Leben, es wird von dem, was man heute oftmals denkt, durchaus nicht so beeinflusst, dass man spürt, die Ideen der Menschen, selbst die Ideen, die reformatorische Menschen in der Gegenwart haben wollen, seien so eigentlich praktisch; man merkt, wenn man mit den Ideen an das Leben herangeht, wie das Leben dann überall zurückstößt, wie das Leben unendlich viel reicher ist als die Ideen, die man sich aus den alten Impulsen heraus machen will.

[ 59 ] Geisteswissenschaft wird man leicht für phantastisch halten; sie ist das Allerunphantastischste. Sie ist dasjenige, dem gegenüber viele von den Ideen, die heute die Menschen für sehr praktisch halten, wie träumerische Ideen verhalten. Denn die Ideen, die für das Leben aus der Geisteswissenschaft hervorgehen, sie sind der wahren Wirklichkeit entnommen und werden deshalb sich als wahrhaft praktische Ideen gerade in das Leben hereinergießen können. Lebenspraxis wird in ganz anderem Sinne erfließen aus dem, was der Mensch durch Geisteswissenschaft gewinnt, als heute erfließen kann für die Lebenspraxis, für die Lebenspraxis der neueren Zeit aus den Ideen, die man aus demjenigen Wissen und jenem Wollen herleitet, das noch nicht von der Geisteswissenschaft befruchtet ist.

[ 60 ] Wir werden übermorgen sehen, sehr verehrte Anwesende, dass viele Gründe vorhanden sind in der Gegenwart, Geisteswissenschaft zurückzuweisen. Heute soll zum Schluss nur noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass in der Geisteswissenschaft selber mancherlei liegt, was überwunden werden muss, überwunden werden muss aber — und kann gerade — durch die innere Entwicklung, die ich geschildert habe. Auf der einen Seite ruht die Gefahr für den, der zur geistigen Forschung sich entwickeln will, die Gefahr, allerdings in Phantastik zu verfallen. Aber es ist nur eine Gefahr. Die Gefahr kann niemals Wirklichkeit werden, wenn der geisteswissenschaftliche Weg in der rechten Weise beschritten wird. Alles Phantastische, Visionäre, alles dasjenige, was krankhaftes Seelenleben ist, wird gerade durch den regelrechten, normalen Gang der Geistesforschung ausgemerzt. Wer erfahren hat in diesem Gang der Geistesforschung, wie das Denken wirkt, wenn es sich so entwickelt, wie es beschrieben worden ist, der merkt: Bei dieser Entwicklung gibt es gewisse Momente, wo man denkt und denkt, aber weiß: Jetzt musst du mit dem Denken stillstehen, du darfst jetzt nicht weiterschreiten; denn jetzt ist der Punkt angekommen, wo du das Denken hinunterschicken musst in die Untergründe gewissermaßen — in die unterbewussten — der Seele, damit es in anderer Form wiederum herauftaucht. Man lernt die Grenzen des lebendigen Denkens kennen und hört auf zu denken in dem Moment, wo man in die Phantastik verfallen würde. Das ist eine Errungenschaft, die man sich aneignet. In dem Augenblicke, wo die Vision, ja wo nur das Phantasiemäßige, wo die Einbildung beginnt, in dem Augenblicke hört dasjenige auf, was man sich gerade als eine starke innere lebendige Kraft aneignet durch die geistesforscherischen Methoden.

[ 61 ] Und auf der anderen Seite ist die Gefahr vorhanden, weil man das innere Willensleben loslösen muss von dem leiblichen Leben, die Gefahr vorhanden — es ist eine wirkliche Gefahr, aber sie verwirklicht sich nicht, sie wird nicht zur Realität, wenn der Weg in der entsprechenden Weise gegangen wird, wenn gerade der Weg gegangen wird, auf den heute als einen gesunden hingedeutet worden ist —, diese andere Gefahr ist die, dass der Mensch immer mehr und mehr in einen stärkeren Egoismus hineinverfällt, als der Egoismus des gewöhnlichen Lebens schon ist. So paradox es klingt, es muss gesagt werden, denn es ist so. Geradezu in einen raffinierten Egoismus kann die Geistesforschung hineinführen. Dadurch, dass das Willensleben erstarkt, erkraftet wird, vertieft wird, dadurch wird das innere Bewusstsein, die Geneigtheit, mit seinem Inneren zu leben, immer stärker und stärker. Allein, wenn es mit vollem Bewusstsein entwickelt wird, wenn wirklich — durch die genannten Wege, die geschilderten Wege — das Bewusstsein richtig erwacht, dann beginnt zu gleicher Zeit in dem Momente, wo der Egoismus beginnen würde, ein Erlebnis, das den Egoismus gehörig vertreibt: Es beginnt das Erlebnis einer trostlosen Einsamkeit und Einöde. Wie auf einer Insel des Lebens, ohne die Möglichkeit, von dieser Insel hinauszukommen, so fühlte man sich, wenn man wollte den Egoismus wachsen lassen. Daher geht mit aller Entwicklung zur Geistesforschung die innere Zucht mit sich mit, welche zu gleicher Zeit diesen Egoismus überwindet, und welche macht, dass wir nicht auf eine einsame Seeleninsel verschlagen werden, in der wir in Trostlosigkeit und dem Gefühle der Einödigkeit vergehen müssten, sondern dass wir dasjenige, was wir entwickeln, in Zusammenhang bringen mit der Welt, so wie wir beim Aufwachen unsern Willen mit der äußeren physischen Wirklichkeit in Zusammenhang bringen.

[ 62 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft an Gefahren erzeugen könnte, das überwindet sie zu gleicher Zeit, wenn sie sich in der richtigen Weise entwickelt. Aber aufmerksam darauf muss gemacht werden, damit diejenigen, die nur einiges kennenlernen, und nichts Vollständiges kennenlernen, diese böse Frucht der Geisteswissenschaft nicht mit dieser Geisteswissenschaft, mit der wahren Geisteswissenschaft oder Anthroposophie selbst, verwechseln.

[ 63 ] Über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu andern Weltanschauungen und zu ihren Gegnerschaften soll, wie gesagt, übermorgen gesprochen werden. Diese Gegnerschaften sind nur allzu begreiflich. Derjenige aber, der sich einlebt nicht in die Geistesforschung, sondern nur in die Mitteilungen der Geistesforschung, und diese Mitteilungen anwendet auf das Leben und sieht, wie sich mit ihnen leben lässt, der weiß, dass Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nichts ist, was willkürlich hereingestellt wird in die gegenwärtige Kultur, sondern was von dieser Kultur selbst gefordert wird. Denn er weiß — lassen Sie mich damit schließen —, denn er weiß, dass dasjenige, was den Menschen umgibt, worinnen der Mensch leben muss, die geistigen, die sozialen, die technischen, überhaupt die geistigen, die ideellen und die praktischen Seiten des Lebens, dass diese in den verschiedenen geschichtlichen Zeitaltern immer andere sind. Er weiß, welches Gesicht dem modernen Leben Naturwissenschaft und die Errungenschaften der Naturwissenschaft, welches Gesicht dem modernen Leben die neu erwachten, in früheren Jahrhunderten gar nicht vorhandenen sozialen Triebe und Bedürfnisse gegeben haben, und er lernt erkennen, dass dieses moderne Leben ist ohne Geisteswissenschaft wie ein Buch, das wir vor uns haben, und dessen Schriftzeichen in einer Sprache abgefasst sind, die wir nicht lesen können, von dem wir aber nach seinem äußeren Ansehen wissen oder durch andere Zusammenhänge wissen, dass es etwas außerordentlich Leben-Bestimmendes enthält. Wie wir lesen lernen wollen, verstehen lernen wollen die Sprache dieses Buches, wenn wir die Ahnung von seiner Wichtigkeit haben, so wollen wir lesen lernen das Buch der Welt, das durch das moderne Leben vor uns hingelegt ist. Und das Bedürfnis, dieses durch die andere Lebensentwicklung vor uns hingelegte, in früheren Jahrhunderten also nicht vorhandene und deshalb auch seinem Sinne nach nicht ersehnte Lebensbuch — das Bedürfnis, dieses Buch des Lebens, wie es heute ist, wie es in der Zukunft immer mehr sein wird für den Menschen und für seine Bedürfnisse —, dieses Buch lesen zu lernen, dieses Bedürfnis heißt dem modernen Leben gegenüber das geisteswissenschaftliche Bedürfnis. Und nur diesem naturgemäßen, selbstverständlichen Bedürfnis will Geisteswissenschaft, will Anthroposophie entgegenkommen. Es ist nichts Willkürliches; sie erkennt an eine Notwendigkeit im modernen Leben, die zu ihr gehört, und will dieser Notwendigkeit genügen. Geisteswissenschaft oder Anthroposophie will Antwort sein auf alles dasjenige, was notwendigerweise die andere Wissenschaft, das übrige Leben an den modernen Menschen stellen mussten.