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The Rudolf Steiner Archive

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Soul Immortality, Forces of Destiny
and the Course of Human Life
GA 71a

4 October 1916, Basel

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Das Übersinnliche Leben des Ewigen in der Menschenseele vom Gesichtspunkte der Geisteswissen Schaft (Anthroposophie)

The Supernatural Life of the Eternal in the Human Soul from the Perspective of Spiritual Science (Anthroposophy)

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wenn jemand aus den Vorstellungen und Empfindungen, die aus unserer Zeit heraus zunächst erwachsen, hört von dem Dasein einer Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, wie sie diesem Vortrage zugrunde gelegt werden soll, und gar davon, dass diese Geisteswissenschaft oder — wie sie auch genannt werden kann — Anthroposophie sich nun zu ihrer Pflege ein eigenes, wie man meint, eigentümlich eingerichtetes Haus hier in der Nähe — in Dornach — baut, so kann er begreiflicherweise in eine Art Ärgernis und Gegnertum sich hineinempfinden. Denn der Glaube ist so naheliegend, dass diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie selber gegnerisch auftritt gegenüber berechtigten und tief in die Menschenseele eingewurzelten Kulturbedürfnissen und Kulturerrungenschaften. Und es ist begreiflich solche Gegnerschaft, solches Ärgernis, weil ja notwendig ist zum eigentlichen Verständnisse des wahren Wesens dieser Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, schon ein wenig in sie einzudringen, weil sie weniger als eine andere Weltanschauung — wie solche in der Gegenwart auftreten oder vorhanden sind — von außen her, von ihr fremden Begriffen aus zu beurteilen ist.

[ 1 ] Dear attendees! When someone, based on the mental images and feelings that arise from our time, hears about the existence of Spiritual Science as it is meant here, as it is to be the basis of this lecture, and even that this Spiritual Science or — as it can also be called — is now building its own, as one might think, peculiarly designed house here nearby — in Dornach — for its cultivation, they may understandably feel a kind of annoyance and hostility. For it is so obvious to believe that this Spiritual Science or anthroposophy itself appears to be opposed to legitimate cultural needs and achievements that are deeply rooted in the human soul. And such opposition, such annoyance, is understandable, because in order to truly understand the true nature of this Spiritual Science or anthroposophy, it is necessary to delve into it a little, because it is less a different worldview — such as those that exist or are present in the present — from the outside, from concepts foreign to it.

[ 2 ] Zunächst kann man sie, diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, mit allem, was daran hängt, ja auch als etwas Unnötiges, als etwas Überflüssiges auffassen. Durch ihre eigene Wesenheit wird man sich überzeugen, dass aus ihr selbst die Anschauung entspringen muss, wie sie sich als eine Notwendigkeit gerade in unsere gegenwärtige Zeitentwicklung hineinzustellen hat, in unsere gegenwärtige Zeit. Darüber ein Urteil bilden kann sich nur derjenige, der nun wirklich scharf ins Auge fasst, dass doch diese Gegenwart, in der der Mensch mit seinen Sehnsüchten und Bedürfnissen drinnen lebt heute, dass diese Gegenwart sich sehr, gar sehr unterscheidet von vergangenen Zeiten. Und so, wie auf anderen Gebieten des Lebens ein jedes Zeitalter seine besonderen Errungenschaften hervorbringt, so ist es auch auf geistigem Gebiete.

[ 2 ] At first, one may indeed regard anthroposophy or Spiritual Science, with all that is connected with it, as something unnecessary, something superfluous. Through its own essence, one will become convinced that from it must spring the view that it must be placed as a necessity precisely in our present time, in our present age. Only those who really take a close look at the present, in which human beings live with their longings and needs, can form a judgment about this, because the present is very, very different from past times. And just as every age produces its own special achievements in other areas of life, so too in the spiritual realm.

[ 3 ] Man braucht nur einmal den Blick darauf zu werfen, was noch gar nicht weit zurückliegende Jahrhunderte von der Natur und ihrem Wesen gewusst haben, oder sagen wir besser, wie sie anders über Natur und ihr Wesen denken mussten als unsere Gegenwart. Man braucht sich nur vor Augen zu führen die großen Errungenschaften, die ungeheuren Fortschritte, die gerade auf wissenschaftlichem Gebiete gemacht worden sind. Und man braucht gar zu bedenken, dass diese Errungenschaften, diese Fortschritte nicht etwa bloß das Eigentum, das Besitztum einer geringen Anzahl von gelehrten Leuten sind — das sind sie nur scheinbar —, dass dasjenige, was auf diese Weise der Menschheit wirklich errungen ist, heute aus unserem ganzen Leben heraus zu ersehen ist, dass es überall lebt, dass nicht nur der Gebildete, dass der einfachste Mensch hineingestellt ist in eine Weltenordnung, in ein geschichtliches Werden, das ganz durchsetzt ist von demjenigen, was die Wissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten in die Menschheit hineingetragen hat.

[ 3 ] One need only consider what people in centuries not so long ago knew about nature and its essence, or rather, how they had to think differently about nature and its essence than we do today. One need only consider the great achievements, the tremendous progress that has been made in the scientific field in particular. And one need not even consider that these achievements, this progress, are not merely the property, the possession of a small number of learned people — they only appear to be —, that what has truly been achieved for humanity in this way can be seen today in our entire lives, that it lives everywhere, that not only the educated, but also the simplest person is placed in a world order, in a historical becoming that is completely permeated by that what science has brought to humanity over the last three to four centuries.

[ 4 ] Und mit diesem Hineintragen ganz anderer Gedankenreihen sind andere Fragen aufgetaucht und tauchen immerwährend in der Seele auf, als sie die früheren Zeitalter hatten. Mit diesen Fragen, die sich ganz selbstverständlich ergeben, rechnet zunächst die moderne Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Nicht setzt sie sich in irgendeinen Widerspruch mit den Fortschritten der Wissenschaft, sondern in den Laboratorien, in den Kliniken, überall da, wo man beobachtet das Leben in der modernen Weise, entstehen die Fragen, die der tiefere Sinn der Menschenseele sich stellen muss, und die nur durch die moderne Geisteswissenschaft beantwortet werden können. So ist es die neuere Entwicklung selbst, welche dieser Wissenschaft die Fragen stellt.

[ 4 ] And with this introduction of completely different lines of thought, other questions have arisen and continue to arise in the soul than those of earlier ages. Modern spiritual science or anthroposophy are initially addressed by modern Spiritual Science or anthroposophy. It does not contradict the advances of science in any way, but in laboratories, in clinics, everywhere where life is observed in the modern way, questions arise that the deeper meaning of the human soul must ask itself, and which can only be answered by modern Spiritual Science. Thus, it is the newer development itself that poses these questions to this Science.

[ 5 ] Und ebenso kann man sagen: Das ganze soziale Zusammenleben der Menschen, die ganze Art, wie Mensch zu Mensch heute steht, ist eine andere geworden gegenüber der der früheren Jahrhunderte. Und der Mensch muss fortwährend, indem er fortschreitet im geschichtlichen Werden, in einer anderen Weise aus seinem eigenen Seelenleben heraus die Ideen gebären, welche das soziale Zusammenleben regeln und möglich machen. Während in früheren Zeiten die Art dieses sozialen Zusammenlebens eine viel instinktivere war, muss sie gerade durch alles dasjenige, was in die moderne Zeit hereinströmt, eine immer bewusstere und bewusstere werden. Und das gerade wird die Signatur der von jetzt beginnenden Menschheitsentwicklung sein, dass jene instinktive Art, der man sich heute noch vielfach hingibt mit Bezug auf die Ideen, die man über das Zusammenleben der Menschen hat, über Erziehung und Sonstiges im Zusammenleben der Menschen, dass diese Ideen aus viel bewussterem Untergrunde entspringen müssen. In diesen Untergrund wird wiederum Geisteswissenschaft hineinleuchten.

[ 5 ] And likewise, one can say that the entire social life of human beings, the entire way in which people relate to one another today, has changed compared to previous centuries. And as human beings progress in historical development, they must continually give birth to ideas from their own soul life in a different way, ideas that regulate and make social life possible. Whereas in earlier times the nature of this social coexistence was much more instinctive, it must now, precisely because of everything is flowing into modern times, it must become more and more conscious. And this will be the signature of the development of humanity that is now beginning, that the instinctive way in which people still often indulge today with regard to the ideas they have about human coexistence, about education and other aspects of human coexistence, that these ideas must spring from a much more conscious foundation. In this ground will in turn be illuminated by Spiritual Science.

[ 6 ] So ist sie geboren aus dem Wissenschaftlichen, aus dem Sozialen, kurz aus dem Leben überhaupt der neueren Zeit und will Antwort geben nicht auf Fragen, die sie willkürlich erfindet, sondern auf Fragen, die ihr als selbstverständlich gestellt werden, und die da sind, wenn man sie nur sehen will, wenn man sich nur nicht gegen sie verschließen will. Dass gegen solches Treiben von verschiedenen Seiten, von wissenschaftlicher, von religiöser Seite, von sonstigen Seiten, sich Gegnerschaften erheben, ist nur zu begreiflich. Dass Geisteswissenschaft selbst nicht so veranlagt ist, dass diese Gegnerschaften berechtigt sind, das soll zum Teil den Inhalt des Vortrages von übermorgen ausmachen, den ich mir zu halten hier erlauben werde.

[ 6 ] Thus it is born out of science, out of social life, in short, from the life of modern times in general, and it seeks to answer not questions that it arbitrarily invents, but questions that are posed to it as a matter of course and that are there if one only wants to see them, if one only does not want to close one's mind to them. It is only too understandable that opposition to such activities arises from various quarters, from scientific, religious, and other quarters. The fact that Spiritual Science itself is not so predisposed that this opposition is justified will be part of the content of the lecture I will give the day after tomorrow, which I will take the liberty of giving here.

[ 7 ] Heute möchte ich mehr eingehen auf die Grundlagen der Geisteswissenschaft selber, auf dasjenige, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu sagen hat über dasjenige, was wir in dem zeitlich vorübergehenden Leben des Menschen als dessen tiefere Grundlage, als das Ewige, das übersinnliche Leben der Menschenseele erfassen können. Und namentlich möchte ich über die Quellen sprechen, aus denen Geisteswissenschaft schöpft; denn gerade über diese Quellen herrschen die mannigfaltigsten Irrtümer. So möchte ich heute über Geisteswissenschaft oder Anthroposophie rein aus ihr selbst heraus sprechen und ihr Verhältnis zu anderen Kulturströmungen übermorgen berühren.

[ 7 ] Today I would like to go into more detail about the foundations of Spiritual Science itself, about what Spiritual Science or anthroposophy has to say about what we can grasp in the temporary life of human beings as its deeper foundation, as the eternal, supersensible life of the human soul. And in particular, I would like to talk about the sources from which Spiritual Science draws; because it is precisely these sources that are the subject of the most diverse misconceptions. So today I would like to speak about Spiritual Science or anthroposophy purely from its own perspective and touch on its relationship to other cultural currents the day after tomorrow.

[ 8 ] Zunächst möchte ich zeigen, in welcher Art Geisteswissenschaft sich nähern will demjenigen, das man nennen kann das übersinnliche Leben in der Menschenseele. Diese Quellen, aus denen Geisteswissenschaft schöpft, sind nicht irgendetwas willkürlich Ersonnenes, sind nicht irgendetwas aus, man möchte sagen unbekannten, phantastischen Tiefen Hervorgeholtes. Aber sie eröffnen sich durch intime innere Vorgänge des menschlichen Seelenlebens. Und was Geisteswissenschaft wirklich anstrebt, das ist nicht ein Wissen, das leichthin erobert wird, das sozusagen auf demjenigen fußt, das man alle Tage haben kam, das man haben kann, wenn man nur den Blick auf dasjenige richtet, was einem schon vorliegt, sondern Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist etwas, was als solches, als wirkliche Wissenschaft erarbeitet werden will durch eine Arbeit, die nicht weniger beschwerlich ist, wenn sie auch eine durchaus innere Arbeit ist, als das Arbeiten im Laboratorium, als das Arbeiten in der Klinik, als das Arbeiten auf der Sternwarte oder in sonstigen wissenschaftlichen Anstalten, durch die man einzudringen versucht in die Geheimnisse der Natur und ihres Werdens. Nur ist die Arbeit der Geisteswissenschaft eine durchaus übersinnliche.

[ 8 ] First, I would like to show how Spiritual Science seeks to approach what can be called the supersensible life in the human soul. The sources from which Spiritual Science draws are not something arbitrarily conceived, not something drawn from, one might say, unknown, fantastical depths. Rather, they open up through intimate inner processes of human soul life. And what Spiritual Science really strives for is not a knowledge that is easily acquired, that is based, so to speak, on what one has come to have every day, what one can have if one only directs one's gaze to what is already at hand. Spiritual Science or anthroposophy is something that, as such, as a real science, wants to be worked out through work that is no less arduous, even if it is thoroughly inner work, than working in the laboratory, than working in the clinic, than working at the observatory or in other scientific institutions through which one penetrate the secrets of nature and its becoming. Only the work of Spiritual Science is entirely supersensible.

[ 9 ] Wie kommt man aber überhaupt darauf, eine Geisteswissenschaft zu wollen? Das muss ja zunächst die Frage sein. Gibt es irgendetwas im gewöhnlichen, natürlichen, im normalen Verlauf des Menschenlebens — ich spreche immer vom heutigen Menschen —, das zu einem Bestreben nach Geisteswissenschaft führen kam? Da sind es zunächst zwei Erkenntnisse, welche schon aus dem gewöhnlichen Leben gewonnen werden können, wenn sie auch nicht von jedermann heute noch gewonnen werden; aber sie leben viel mehr, als man glaubt, in den Sehnsüchten der heutigen Seelen. Es drängt alles zu diesen Erkenntnissen hin, wenn sie auch ausgesprochen nur vereinzelt werden.

[ 9 ] But how does one even come to want Spiritual Science? That must be the first question. Is there anything in the ordinary, natural, normal course of human life — I am always speaking of people today — that has led to a striving for Spiritual Science? There are two insights that can be gained from ordinary life, even if not everyone gains them today; but they live much more in the longings of today's souls than one might think. Everything pushes toward these insights, even if they are only expressed in isolated cases.

[ 10 ] Wir sprechen im gewöhnlichen Leben und auch in der Wissenschaft von unserem Ich, von dem, was unser eigentliches Selbst ist; wir sprechen auch von unserem Denken, wir sprechen von unserem Fühlen, wir sprechen von unseren Willensimpulsen. Wenn man nun noch ohne Geisteswissenschaft, einfach mit dem, was den Vorstellungen, was den Empfindungen, was den Gefühlen des gewöhnlichen Lebens zugrunde liegt, herangeht an dasjenige, was in diesen Worten «Ich» oder «Selbst» oder «Denken, Fühlen, Wollen» liegt, so kommt man, je weiter man nachdenken will, aus dem gewöhnlichen alltäglichen Leben heraus dem, was sich hinter diesen Worten verbirgt, nämlich nicht näher, sondern man kommt immer weiter und weiter von dem weg, was sich hinter diesen Worten verbirgt. Ein Bewusstsein tritt auf in der Seele, das in älteren Zeiten gar nicht in dem Grade vorhanden war, wie es heute gerade durch die aufgeblühte Wissenschaft und durch das aufgeblühte moderne Leben vorhanden ist. Diese aufgeblühte Wissenschaft und dieses aufgeblühte moderne Leben macht einem das innere Seelenleben eher verhüllt, eher dunkel, wenn man sein Wesen untersuchen will, als dass es einen irgendwie aufklärt. Vereinzelt, sagte ich, treten die Stimmen auf, die solches erkennen, aber immer mehr und mehr werden sie; und dasjenige, was nur in einzelnen philosophischen Köpfen bis jetzt aufgetreten ist, es wird immer mehr und mehr ein Gefühl, eine Empfindung, ein Lebensinhalt für weiteste Kreise werden. Wenn wir so hören, wie Hume sagt — der Philosoph Hume —, der Kant so sehr angeregt hat, wenn wir hören, wie er sagt von dem menschlichen Ich:

[ 10 ] In everyday life and also in science, we speak of our ego, of what is our actual self; we also speak of our thinking, we speak of our feeling, we speak of our impulses of will. If one now approaches what lies behind these words “I” or “self” or “thinking, feeling, willing,” the further we want to think, the further we move away from ordinary everyday life and from what lies behind these words; we do not come closer to it, but move further and further away from what lies behind these words. A consciousness arises in the soul that was not present in older times to the degree that it is present today, precisely because of the flourishing of science and modern life. This flourishing of science and modern life makes the inner life of the soul more veiled, more obscure, when one wants to investigate its nature, rather than enlightening one in any way . Occasionally, I said, voices arise that recognize this, but they are becoming more and more numerous; and what has only occurred in individual philosophical minds until now is increasingly becoming a feeling, a sensation, a meaning of life for the widest circles. When we hear what Hume says — the philosopher Hume — who inspired Kant so much, when we hear what he says about the human ego:

Wenn ich noch so tief in meine Seele hineinblicke, das, was ich Ich nenne, was die Menschen Ich nennen, kann ich im Grunde genommen gar nicht entdecken. Ich finde, wenn ich in mein Inneres hineinsehe, Vorstellungen, die ich aus Wahrnehmungen in der Außenwelt gewonnen habe, ich finde Lust und Unlust, Schmerz und Freude, die ich an der Außenwelt entwickelt habe; ich finde gewisse Bestrebungen, aber ich finde nirgends ein Ich.

No matter how deeply I look into my soul, I cannot really discover what I call the self, what people call the self. When I look inside myself, I find mental images that I have gained from perceptions in the outside world, I find pleasure and displeasure, pain and joy that I have developed in relation to the outside world; I find certain aspirations, but I find no self anywhere.

Und weiter sagt er:

And he goes on to say:

Wenn man nun wirklich glauben sollte, dass man dieses Ich so einfach in Gedanken finden könnte, so müsste es ja eigentlich im Schlafe auch vorhanden sein; denn es ist unmöglich, dass vom Einschlafen bis zum Aufwachen das Ich nicht vorhanden ist. Und dennoch weiß man ja nichts von diesem Ich, weiß sogar nicht einmal etwas von seinen Vorstellungen, Fühlungen und Wollungen. Es muss also etwas ganz anderes sein, als was man im gewöhnlichen Seelenleben irgendwie finden kann.

If one were to really believe that one could find this self so easily in one's thoughts, then it would actually have to be present during sleep as well; for it is impossible that the self is not present from the moment one falls asleep until the moment one wakes up. And yet we know nothing about this self, not even anything about its mental images, feelings, and desires. So it must be something completely different from what can be found in ordinary mental life.

[ 11 ] So sagte zu Humes Zeiten, die jetzt schon wiederum lange hinter uns liegen, ein vereinzelter Denker. Aber diese Denker sind immer zahlreicher und zahlreicher geworden, wenn auch gerade diese Denker heute noch weniger von der Menschheit berücksichtigt werden. Dass man, je tiefer man eindringt in alles das, was einem Naturwissenschaft zum Beispiel sagen kann über den Menschen selbst, immer weniger und weniger das Ich findet, das wird immer klarer und klarer werden.

[ 11 ] This is what an isolated thinker said in Hume's time, which is now long behind us. But these thinkers have become more and more numerous, even though they are even less taken into account by humanity today. The deeper one delves into everything that natural science, for example, can tell us about human beings themselves, the less and less one finds the self, and this will become clearer and clearer.

[ 12 ] Man kann nun versuchen, nachzudenken darüber, warum das so ist. Wenn man versucht, nachzudenken darüber, warum das so ist, dann findet man, dass das Ich während des Tageslebens in der Tat nichts anderes ist, als was es während des Nachtlebens ist. So paradox, so sonderbar dies klingt, das Ich, von dem wir gar nichts wissen, wenn wir schlafen, ist genau dasselbe und genauso wirksam in uns, wie das Ich, von dem wir glauben zu wissen während unseres wachen Tagesseins. Und wenn man weiter nachdenkt über das Vorstellen, sogar über dasjenige, was wir in unseren Vorstellungen wissen von unserem Fühlen und unserem Wollen, dann kommt man darauf, rein durch intime innere Seelenvorgänge kommt man darauf, durch Vergleiche, durch ernstes, scharfes Nachdenken kommt man darauf, dass man während des wachen Tageslebens an den Vorstellungen nichts anderes hat als solche Bilder, wie man sie hat, wenn aus dem Schlafe heraus der Traum aufsteigt. Wiederum sage ich damit etwas außerordentlich Paradoxes. Aber ein Durchforschen, ein wirklich gründliches Durchdenken des Seelenlebens zeigt uns, dass dasjenige, was wir vom Ich und vom Vorstellen im wachen Tagesbewusstsein haben, zu vergleichen ist mit einem Spiegelbilde, das nur solange da ist, als wir vor dem Spiegel stehen, und das nicht mehr da ist, wenn wir nicht vor dem Spiegel stehen. In unseren Vorstellungen und auch in unserem Ich-Bewusstsein haben wir Bilder, die ganz ähnlich sind den Bildern des Traumlebens. Wie gesagt, das ist paradox. Aber für den verliert es die Paradoxie, der wirkliche Selbstbeobachtung lernt, der nach und nach sich aus innerem Erlebnis, aus innerer Erfahrung heraus eine das wirkliche Fragebedürfnis befriedigende Antwort sucht über den Unterschied zwischen dem Träumen und dem wachen, hellen Tagesbewusstsein, mit dem wir handelnd durch die Welt gehen.

[ 12 ] One can now try to think about why this is so. If one tries to think about why this is so, one finds that the I during daytime life is in fact nothing other than what it is during nighttime life. As paradoxical and strange as this may sound, the I, of which we know nothing when we sleep, is exactly the same and just as effective in us as the I that we believe we know during our waking daytime existence. And if we continue to think about our mental images, even about what we know in our mental images about our feelings and our will, then we come to the conclusion, purely through intimate inner soul processes, through comparisons, through serious, sharp thinking, that that during our waking daily life we have nothing else in our mental images but such images as we have when dreams arise from sleep. Once again, I am saying something extremely paradoxical. But a thorough investigation, a truly thorough reflection on the life of the soul, shows us that what we have of the ego and of mental images in our waking consciousness is comparable to a mirror image that is only there as long as we stand in front of the mirror and is no longer there when we are not standing in front of the mirror. In our mental images and also in our ego consciousness, we have images that are very similar to the images of dream life. As I said, this is paradoxical. But for those who learn true self-observation, who learns true self-observation, who gradually seeks an answer from inner experience that satisfies the real need to question the difference between dreaming and the waking, bright consciousness with which we act in the world.

[ 13 ] Wenn wir uns die Fähigkeit aneignen, auf unsere Vorstellungen und auf unser Wollen ordentlich hinzublicken, dann finden wir, dass mit dem Erwachen aus dem Schlafe oder aus dem Traum im Wesentlichen nicht der Bildcharakter unserer Vorstellungen geändert wird, sondern dass das Wachen sich von dem Schlafe wesentlich unterscheidet dadurch, dass wir während des Wachens mit unserem Willen — der nun unseren Leib beherrscht, der unseren Leib hineinträgt in die Welt —, mit unserem Willen uns ins Leben eingliedern. Dasjenige, was eigentlich ruht vom Seelenleben während des Schlafens ist der Wille. Wir brauchen unser Auge nicht, weil der Wille abgelähmt ist während des Schlaflebens; und ebenso ist es mit Bezug auf die anderen Sinne. Es bedarf nun wirklich nur intimer innerer Seelenerlebnisse, um einzusehen, dass der Wille beim Aufwachen blitzartig hineinschlägt in dasjenige, was uns sonst nur in den chaotischen Traumbildern vorschwebt, und dass durch dieses Hineinschlagen des zunächst aus unergründlichen Tiefen heraufkommenden Willens wir in die Lage kommen, nicht mehr einfach die Bilder unseres Vorstellens ablaufen zu lassen, so wie sie selber wollen, sondern sie so zu beherrschen, dass sie uns werden Abbilder derjenigen äußeren Welt, mit der wir uns seit dem Aufwachen durch den Willen, mit dem wir uns hineinstellen in diese Welt, verbunden haben. So ist es, dass dasjenige, was im Schlafe in der Seele ruht, beim Aufwachen vom Willen ergriffen wird. Und dadurch wird erst das Vorstellungsleben, wird das Ich in die äußere Welt bewusst hineingestellt.

[ 13 ] When we acquire the ability to look properly at our mental images and our will, we find that when we awaken from sleep or from a dream, the character of our mental images does not essentially change, but that waking differs from sleeping in that during waking we integrate ourselves into life with our will—which now controls our body, which carries our body into the world—with our will. What actually rests from the life of the soul during sleep is the will. We do not need our eyes, because the will is paralyzed during sleep; and the same is true of the other senses. It really only takes intimate inner soul experiences to realize that when we wake up, the will strikes like lightning into what otherwise only appears to us in chaotic dream images, and that through this striking of the will, which initially comes up from unfathomable depths , we are able to no longer simply let the mental images of our imagination run their course as they please, but to control them in such a way that they become images of the outer world with which we have been connected since waking up through the will with which we place ourselves in this world. . Thus, what rests in the soul during sleep is seized by the will upon awakening. And only then is the life of imagination, the I, consciously placed into the external world.

[ 14 ] Aus diesem Grunde — wir werden übermorgen mehr davon sprechen können — fühlte Schopenhauer so, wie er fühlte über den Willen und über die eigentliche Realität des Willens, und aus diesem Grunde fühlte er so, wie er fühlte, über das Traumhafte des Vorstellungslebens. Alles dasjenige, was mit den Erlebnissen des Aufwachens verbunden ist, all dieses ergibt sich, wenn man nach und nach sich erzieht - und wir werden ja von dieser Erziehung heute noch zu reden haben -, nach und nach sich erzieht, dasjenige wirklich innerlich anzuschauen, was einem sonst eigentlich nur im Leben so unbewusst, möchte ich sagen vorbeihuscht, wie das Aufwachen und das Einschlafen.

[ 14 ] For this reason — we will be able to talk more about this the day after tomorrow — Schopenhauer felt the way he did about the will and about the actual reality of the will, and for this reason he felt the way he did about the dreamlike nature of the life of imagination. Everything connected with the experiences of waking up, all of this results when one gradually educates oneself — and we will talk about this education today — gradually educates oneself to really look inwardly at what otherwise actually only flashes by unconsciously in life, as I would say, such as waking up and falling asleep.

[ 15 ] Geisteswissenschaft oder Anthroposophie führt nun dazu, anzuerkennen die Möglichkeit, dass aus dem gewöhnlichen Tagesleben heraus ein weiteres Aufwachen, ähnlich dem Aufwachen aus dem Schlafe heraus, wie ich es beschrieben habe, möglich ist. Und wie der Mensch weiß, wenn er aus dem Schlafe heraufsteigend erlebt seine Traumbilder, dass er da eingesponnen ist in eine Welt — beziehungsweise er weiß es, wenn er aus dem Traum aufwacht, dass er da eingeschlossen ist in eine Welt, in die er nur deshalb eingeschlossen sein kann, weil sein Leib ruht und weil er mit dem, was im ruhenden Leib vorgeht während des Traumes, ganz allein ist. Und wie der Mensch mit gesundem Verstande weiß, dass ihm der Traum nicht erklären kann die Wirklichkeit, sondern dass die äußere wache Wirklichkeit ihn aufklären muss, warum er träumt, und warum er dies oder jenes im Schlafe erlebt, wie der Mensch mit gesundem Verstande weiß, dass nur das, was er aus dem wachen Leben weiß, Aufklärung bringen kann über das Schlafes- und Traumesleben, so führt die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft dazu, ein weiteres Erwachen aus dem gewöhnlichen Leben in der äußeren physischen Wirklichkeit anzuerkennen, und weiter anzuerkennen, dass dasjenige, was wir schauen, was wir erleben in der gewöhnlichen physischen Wirklichkeit, ebenso aus einer anderen geistigen Wirklichkeit her zu erklären ist, wie zu erklären ist das Traumesleben aus der gewöhnlichen wachen Wirklichkeit. Deshalb spricht Geisteswissenschaft so von einem Unterschiede zwischen der gewöhnlichen Wirklichkeit und dem Bewusstsein, welches die Seele von dieser Wirklichkeit hat, und einem anderen Bewusstsein, das in die geistige Welt hineinschaut. Wie das alltägliche Bewusstsein dem Menschen sprechen muss von einem Unterschiede zwischen den phantastischen Traumbildern und demjenigen, was im Zusammenhange, im Willenszusammenhange mit der Wirklichkeit von der Menschenseele eben als Realität erlebt wird, wie das Traumbewusstsein ersetzt wird beim Aufwachen durch das denkende Bewusstsein, durch das vom Willen durchströmte Bewusstsein, das die inneren Bilder, die aufsteigen, zu Abbildern der äußeren Welt macht, so verhält sich das denkende Bewusstsein zu dem, was ich nun im Sinne der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nennen möchte: das schauende Bewusstsein. Es verhält sich dieses denkende Bewusstsein zum schauenden Bewusstsein so, wie sich die Traumwirklichkeit zu der wachen Wirklichkeit verhält.

[ 15 ] Spiritual Science or anthroposophy now leads us to recognize the possibility that, out of ordinary daily life, a further awakening, similar to the awakening from sleep that I have described. And just as a person knows, when they experience their dream images as they rise from sleep, that they are caught up in a world — or rather, they know, when they wake up from a dream, that they are enclosed in a world in which they can only be enclosed because their body is at rest and because they are completely alone with what is happening in their body during the dream and why they experience this or that in sleep, just as people with common sense know that only what they know from waking life can shed light on their sleep and dream life. and why he experiences this or that in his sleep, just as a person with a sound mind knows that only what he knows from waking life can shed light on the life of sleep and dreams, so anthroposophy or Spiritual Science leads us to recognize a further awakening from ordinary life in external physical reality, and to further recognize that what we see and experience in ordinary physical reality can be explained from another spiritual reality, just as dream life can be explained from ordinary waking reality. That is why Spiritual Science speaks of a difference between ordinary reality and the consciousness that the soul has of this reality, and another consciousness that looks into the spiritual world. Just as everyday consciousness must speak to human beings of a difference between the fantastic dream images and what is experienced as reality by the human soul in connection, in the connection of will, with reality, just as dream consciousness is replaced upon awakening by thinking consciousness, by consciousness permeated by the will, which transforms the inner images that arise into images of the outer world, so thinking consciousness relates to what I would now like to call, in the sense of Spiritual Science or anthroposophy, contemplative consciousness. This thinking consciousness relates to seeing consciousness in the same way that dream reality relates to waking reality.

[ 16 ] Nun entsteht die weitere Frage: Was verhilft denn dazu, ein solches besonderes, schauendes Bewusstsein, zu dem man erwachen kann aus dem gewöhnlichen Bewusstsein, anzuerkennen? Sehr verehrte Anwesende! Werden einem die Fragen der äußeren Wirklichkeit, wie sie der Wissenschaft zugrunde liegen, in einem tieferen Sinne noch als dieser gewöhnlichen Wissenschaft sie es sind, zu ernsten Seelenfragen, dann taucht so manches Seelenerlebnis auf, das hineinleuchtet in unergründliche, sonst unergründliche Tiefen der Menschenseele. So wird zu einer Frage unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt.

[ 16 ] Now the further question arises: What helps us to recognize such a special, seeing consciousness, to which we can awaken from ordinary consciousness? Dear attendees! When the questions of external reality, as they underlie science, become serious questions of the soul in a deeper sense than they are in ordinary science, then many soul experiences arise that illuminate the otherwise unfathomable depths of the human soul. Our entire relationship to the outside world thus becomes a question.

[ 17 ] Die Wissenschaft erforscht ja dieses Verhältnis zur Außenwelt. Sie sucht die Gesetze dieser Außenwelt zu erkennen. Allein sie muss gerade anerkennen, dass unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt vermittelt wird durch unsere Sinneswahrnehmung. Diese Sinneswahrnehmung, die zunächst für den Menschen als etwas so Natürliches erscheint, diese Wahrnehmung wird zu einem großen Rätsel, zu einem ernsten Problem für denjenigen, der lernt, nachzudenken darüber, was diese Wahrnehmung eigentlich ist, und zwar auf folgende Weise wird sie zu einer ernsten Frage, diese Wahrnehmung. Wie kommt sie denn zustande, diese Wahrnehmung? Wir, die wir alles, was wir wissen von der äußeren Natur, von dem äußeren Leben eben her wissen — wie kommt sie zustande? Sie kommt nur dadurch zustande, dass die äußere Natur gewissermaßen etwas von ihrer eigenen Wesenheit in uns hineinstößt, in uns hineinsendet. Sie können, sehr verehrte Anwesende, am besten sich eine Vorstellung von diesem Hineinfließen-Lassen der äußeren Wirklichkeit in unser Inneres — zunächst in unsere Leibesorganisation, die aber eben nur der Ausdruck ist auch unseres Seelenlebens —, sie können sich von dem eine Vorstellung machen, wenn Sie auf das Auge blicken. sehen Sie sich dieses Auge an, wie es eingebettet ist im Muskel- und im Knochensystem, sehen Sie es sich an, wie es in gewisser Beziehung eine Welt für sich ist, dieses Auge, wie im Innern dieses Auges sich Vorgänge abspielen ganz ähnlich Vorgängen der äußeren Welt. Der Physiker tritt an dieses Auge heran, findet in diesem Auge Bestandteile, die ihn erinnern an manche Bestandteile, die er auch in seinem physischen Laboratorium hat. Er findet, dass durch diese Bestandteile das Licht, welches eindringt durch das Auge, gewisse Vorgänge hervorruft, die äußerlichen Vorgängen ähnlich sind. So geht, als unserem Sehen zugrunde liegend, innerhalb unseres Organismus etwas vor. Und eigentlich leben wir zunächst mit dem, was da in unserem Organismus vorgeht. Ohne dass die Natur gleichsam [fortgesetzt hätte] Vorgänge, die in ihr selbst vor sich gehen und [sie] auch in uns abspielen lässt, ohne das könnten wir gar nichts durch Wahrnehmung von der Natur wissen.

[ 17 ] Science explores this relationship to the outside world. It seeks to recognize the laws of this outside world. But it must recognize that our entire relationship to the outside world is mediated by our sensory perception. This sensory perception, which at first appears to be something so natural to human beings, becomes a great mystery, a serious problem for those who learn to think about what this perception actually is, and it becomes a serious question in the following way. How does this perception come about? We, who know everything we know from external nature, from external life — how does it come about? It comes about only because external nature, as it were, pushes something of its own essence into us, sends something of its own essence into us. You, dear audience, can best create a mental image of this inflow of external reality into our inner being — first into our physical organization, which is, however, only the expression of our soul life — you can create this mental image when you look at the eye. Look at this eye, how it is embedded in the muscle and bone system, look at it, how it is in a certain sense a world unto itself, this eye, how processes take place inside this eye that are very similar to processes in the external world. The physicist approaches this eye and finds components in it that remind him of some components he also has in his physical laboratory. He finds that these components cause the light that enters through the eye to causes certain processes that are similar to external processes. Thus, something happens within our organism that underlies our vision. And actually, we live first and foremost with what is happening in our organism. Without nature, as it were, [continued], processes that take place within itself and also within us, without which we could know nothing about nature through perception.

[ 18 ] Und so wie es mit dem Auge ist, ist es — wenn auch vielleicht in etwas komplizierterer Weise — eben mit allen unseren Sinnen. Die Natur lebt sich in uns herein und wir erfahren also zunächst, wenn wir die Natur beobachten, wie es auch die Naturwissenschaft tut, wir erfahren zunächst dasjenige, was die Natur in uns selber anstellt, wie sich die Natur fortsetzt in uns. Das beirrt denjenigen, der sich Aufklärung verschaffen will, wie er eigentlich als Mensch mit der Außenwelt zusammenhängt; denn er kommt darauf, dass er zunächst nur dasjenige in sich erlebt, was die Natur hereinfließen lässt, dass die Natur wirken muss nicht auf ihn, sondern in ihm wirken muss, damit er etwas von ihr wissen könne. Der Mensch muss erst Vorgänge in sich erzeugen, damit er etwas von der Natur wahrnehmen kann. Das aber zeigt, dass alle unsere Wahrnehmung etwas von uns erst Hervorgerufenes ist, und dass hinter dieser Wahrnehmung die wahre Natur, hinter allerlei Wahrnehmungen die wahre Natur, das wahre Wesen des Seins liegt, und dass dasjenige, was wir selber formen während unseres Wahrnehmens, wie eine Decke ist, die sich hinzieht über die wahre Natur.

[ 18 ] And just as it is with the eye, so it is — albeit perhaps in a somewhat more complicated way — with all our senses. Nature lives its way into us, and so when we observe nature, as natural science does, we first experience what nature does within ourselves, how nature continues within us. This confuses those who want to understand how he, as a human being, is actually connected to the outside world; for he realizes that he initially experiences only what nature allows to flow into him, that nature must not act upon him, but must act within him, so that he can know something about it. Man must first generate processes within himself in order to perceive something of nature. But this shows that all our perceptions are something we ourselves have first brought about, and that behind these perceptions lies true nature, behind all kinds of perceptions lies true nature, the true essence of being, and that what we ourselves form during our perceptions is like a blanket that stretches over true nature.

[ 19 ] Das, was ich so vor Ihnen entwickle, ist zu der sogenannten erkenntnistheoretischen Frage für viele, viele Denker der neueren Zeit geworden, hat in ein wahres Labyrinth geführt. Die ganze Bedeutung desjenigen, was gesagt worden ist, erlebt man aber nur, wenn man sie empfindend erlebt, wenn man wirklich empfindet, wie die äußere Wahrnehmungswelt etwas ist, wodurch sich das eigentliche Wesen der Welt, die uns umgibt, versteckt. Die Wahrnehmung ist eine Decke, die wir uns ausbreiten und die gewoben ist aus dem, was in uns vorgehen muss, damit wir überhaupt ein Wahrnehmen der äußeren Welt haben. Wir weben also eine Decke, und die äußere Wirklichkeit ist uns verdeckt.

[ 19 ] What I am developing before you has become the so-called epistemological question for many, many thinkers of recent times, and has led to a veritable labyrinth. However, the full meaning of what has been said can only be experienced if one experiences it sensitively, if one really feels how the external world of perception is something that hides the true nature of the world around us. Perception is a blanket that we spread out, woven from what must go on within us in order for us to perceive the external world at all. So we weave a blanket, and external reality is hidden from us.

[ 20 ] Wie ist es mit der inneren Wirklichkeit? Eben das innere Erleben führt dazu, anzuerkennen, dass auch die innere Wirklichkeit uns nicht so vor die Seele tritt, wie sie in Wirklichkeit ist. Wenn uns durch die Wahrnehmung die äußere Welt verdeckt wird, so könnte man sagen, dass sich die innere Welt vor unseren Vorstellungen, vor unserem gewöhnlichen Seelenleben verbirgt. Und das ist das erste Erlebnis, welches Anthroposophie notwendig macht: die Anerkenntnis, dass das äußere Wesen der Welt verdeckt wird durch die Wahrnehmung, dass das innere Wesen unseres eigenen Seelenlebens sich verbirgt und nur heraufdringt, wie ich vorhin angedeutet habe, in Bildern, die nur solange da sind, als sie eben erscheinen wie die Spiegelbilder. So wenig das Spiegelbild die wahre Wirklichkeit ist, sondern auf die wahre Wirklichkeit nur hindeutet, aber doch hindeutet, so ist dasjenige, was in unserem Ich, in unserem Denken und Fühlen, kurz in unserem ganzen Vorstellen auftritt, nur Bild, nur Hindeutung auf dasjenige, was in unserer Seele lebt, denn das, was in unserer Seele lebt, lebt auch während des wachen Tageslebens in einer gewissen Weise schlafend in uns oder wenigstens träumend in uns. Aus dem Grunde lebt es träumend, weil wir niemals in diesem gewöhnlichen Bewusstsein heraufholen können vollständig dasjenige, was uns eigentlich im gewöhnlichen Leben als beherrscht vom Willen treibt.

[ 20 ] What about inner reality? It is precisely inner experience that leads us to recognize that inner reality does not appear to our soul as it really is. If our perception obscures the outer world, then one could say that the inner world is hidden from our mental images, from our ordinary soul life. And that is the first experience that makes anthroposophy necessary: the recognition that the outer nature of the world is obscured by perception, that the inner nature of our own soul life is hidden and only emerges, as I I have indicated, in images that are only there as long as they appear, like mirror images. Just as the mirror image is not true reality, but only points to true reality, yet still points to it, so what appears in our ego, in our thinking and feeling, in short, in our entire mental image, is only an image, only an indication of what lives in our soul, for what lives in our soul also lives during our waking daily life in a certain way, sleeping within us or at least dreaming within us. It lives dreaming because we can never fully bring up in this ordinary consciousness what actually drives us in ordinary life as dominated by the will.

[ 21 ] Wir stehen auf, wir gehen an unser Tageswerk, wir verrichten dieses oder jenes — alles Willensäußerungen. Aber dieser Wille tritt nie im gewöhnlichen Bewusstsein isoliert auf; er tritt auf in der Handbewegung, in der Gehbewegung der Füße; er tritt auf in unseren Hantierungen; er ist verbunden mit unserem Organismus. Und nur, indem wir wahrnehmen, wie dieser Wille sich ausdrückt in der Beweglichkeit, in den Hantierungen unseres Organismus, gewinnen [wir] Bilder von dem, was wir eigentlich sind, von dem, was sich da eigentlich bewegt, wenn wir gehen, wenn wir unsere Hände bewegen, und wenn wir alles andere tun, zum Beispiel auch sprechen; [ist] in Bildern von dem, was eigentlich im beweglichen, handelnden Menschen lebt, erleben wir uns selber. Bild ist unser Ich, Bild im Sinne eines durch den Willen durchströmten Traumlebens.

[ 21 ] We get up, we go about our daily work, we do this or that — all expressions of will. But this will never appears in isolation in ordinary consciousness; it appears in the movement of the hand, in the movement of the feet; it appears in our actions; it is connected with our organism. And only by perceiving how this will expresses itself in the mobility, in the actions of our organism, do we gain images of what we actually are, of what actually moves when we walk, when we move our hands, and when we do everything else, including speaking, for example; in images of what actually lives in the moving, acting human being, we experience ourselves. Image is our I, image in the sense of a dream life permeated by the will.

[ 22 ] Das aber gerade, was mit dieser Willensdurchströmung in der Wirklichkeit, der äußeren Wirklichkeit, im Einklange steht, ist unser gewöhnliches Denken und Vorstellen und Urteilen. So können wir sagen: Im gewöhnlichen Leben stehen sich gegenüber die Ahnung einer Außenwelt, die uns durch die Wahrnehmung zugedeckt ist und die Ahnung von einem tiefen Leben in uns, das sich verbirgt, weil es uns nicht in seiner ursprünglichen Gestalt, sondern nur so erscheinen kann im gewöhnlichen Bewusstsein wie das Spiegelbild erscheint, hindeutend nur auf den, der davorsteht. So auch kann das gewöhnliche Vorstellen im Seelenleben erfahren werden als hindeutend auf etwas, was es abbildet, aber nicht als vorhanden in diesem abgebildeten Wesen selbst. Wie ein doppeltes, unbekanntes Leben ist’s zunächst. Das schauende Bewusstsein, das durch Aufwachen aus dem gewöhnlichen Tagesleben entstehen kann, klärt erst auf über den Zusammenhang zwischen dem Unbekannten in uns und dem unbekannten Äußeren, zwischen der verdeckten äußeren Wirklichkeit und der sich verbergenden inneren Wirklichkeit.

[ 22 ] But it is precisely that which is in harmony with this flow of will in reality, in external reality, that is our ordinary thinking, mental images, and judging. So we can say: In ordinary life, there is a contrast between the inkling of an external world that is covered by our perception and the inkling of a deep life within us that is hidden, because it cannot appear to us in its original form, but only as it appears in ordinary consciousness, like a reflection in a mirror, pointing only to the one who stands before it. In the same way, ordinary mental images in the life of the soul can be experienced as pointing to something that they depict, but not as existing in this depicted being itself. At first, they are like a double, unknown life. The seeing consciousness that can arise through awakening from ordinary daily life first clarifies the connection between the unknown within us and the unknown outside, between the hidden external reality and the concealed inner reality.

[ 23 ] Wie wird nun dieses Bewusstsein erweckt? Das eben gerade, sehr verehrte Anwesende, beruht auf intimen ebenso, ich möchte sagen unbequemen inneren Seelenvorgängen, wie auf oftmals unbekannten Hantierungen dasjenige beruht, was wir im Laboratorium oder in der Klinik oder auf der Sternwarte über die Geheimnisse der äußeren Natur zu erforschen haben. Zweierlei ist es zunächst, über das man eine ganz andere innere Vorstellung, ein ganz anderes inneres Erleben gewinnen muss, wenn man in die beiden unbekannten gekennzeichneten Regionen hineinblicken will, als man sie im gewöhnlichen Leben hat. Das Erste ist das Denken. Ich habe ja auf diese Dinge schon öfter hingewiesen, auch hier in öffentlichen Vorträgen. Ich will heute von einem anderen Gesichtspunkt wieder auf diese Dinge hinweisen, als es in früheren Vorträgen geschehen ist.

[ 23 ] How, then, is this consciousness awakened? It is based, dear audience, on intimate as well as I would say uncomfortable inner soul processes, just as what we have to investigate in the laboratory or in the clinic or at the observatory about the secrets of outer nature is based on often unknown manipulations. There are two things about which one must first gain a completely different mental image, a completely different inner experience, if one wants to look into the two unknown regions described, than one has in ordinary life. The first is thinking. I have often referred to these things, including here in public lectures. Today I want to refer to these things again from a different point of view than in previous lectures.

[ 24 ] Über den Gedanken, wie er zunächst in uns lebt, über dieses ganze Vorstellungsweben in uns muss man, will man geisteswissenschaftlich forschen, eine andere Anschauung, andere innere Verhaltungsmaßregeln gewinnen, als man sie im gewöhnlichen Bewusstsein hat. Im gewöhnlichen Bewusstsein ist der Gedanke dasjenige Vorstellen, das sich ergibt aus der Wahrnehmung, aus den Erlebnissen der Welt; und hat man die Wahrnehmung, die Erlebnisse der Welt durch einen Gedanken sich versinnlicht, durch einen Gedanken sich innerlich vergegenwärtigt, so hat man zunächst für das äußere Tagesbewusstsein dasjenige erreicht, was zur Aufrechterhaltung des äußeren Lebens und auch zum äußeren wissenschaftlichen Erkennen notwendig ist.

[ 24 ] If one wants to conduct research in Spiritual Science, one must gain a different view and different inner rules of conduct than one has in ordinary consciousness about the thought as it first lives in us, about this whole web of ideas within us. In ordinary consciousness, thought is the mental image that arises from perception, from experiences of the world; and when we have sensed the perceptions, the experiences of the world through a thought, when we have brought them to mind through a thought, we have initially achieved for our outer daily consciousness what is necessary for the maintenance of outer life and also for outer scientific knowledge.

[ 25 ] Aber eine ganz andere Anschauung muss man über diesen Gedanken und das ganze Vorstellungsleben gewinnen, um geisteswissenschaftlich in die Welt einzudringen. Es wird der Gedanke Methode, nicht Erlebnis, sondern Voraussetzung, innerliches Erziehungsmittel. Im äußeren Leben ist der Gedanke die Wirkung, die die äußere Natur auf uns macht, die das ganze Leben auf uns macht. Um zur Geisteswissenschaft zu kommen, muss der Gedanke wirkliche innere Ursache werden. Man muss lernen, mit dem Gedanken zu leben, nicht zunächst darauf hinzusehen, wie der Gedanke eine äußere Welt abbildet, sondern wie der Gedanke innerlich erlebt wird, wie sich mit dem Gedanken, mit der Vorstellung leben lässt. Man muss sich solche Seelenruhe, solches Inneres-auf-sich-Beruhen-der-Seele aneignen, dass man lernt, mit dem Gedanken [zu] leben.

[ 25 ] But one must gain a completely different view of this thought and the whole life of imagination in order to penetrate the world of Spiritual Science. Thought becomes method, not experience, but prerequisite, inner means of education. In external life, thought is the effect that external nature has on us, that the whole of life has on us. In order to arrive at Spiritual Science, thought must become a real inner cause. One must learn to live with thought, not looking first at how thought reflects the external world, but at how thought is experienced internally, how one can live with thought, with a mental image. One must acquire such peace of mind, such inner calmness of the soul, that one learns to live with the thought.

[ 26 ] Man könnte nun leicht glauben, dass solches Erleben mit den Gedanken, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?», aus irgendeiner Willkür, aus irgendeiner Phantastik herausgeboren wird. Ich will nur sagen: wahrhaftig, aus einer Willkür ist dieses alles nicht herausgeboren! Sie können genauere Anweisungen, wie das erreicht wird, wovon ich jetzt erzählen will, eben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» oder auch in meiner «Geheimwissenschaft» lesen. Ich will jetzt mehr auf dasjenige hinweisen, was die Seele durchmacht durch diese inneren Verrichtungen, die da beschrieben sind, um in die geistige Welt einzugehen. Auf ungesunden Voraussetzungen beruht das, was so gemeint ist, wahrhaftig nicht. Weder geht Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist in diesen Vorträgen, aus von irgendeinem Phantastischen, der Wissenschaft entgegen Stehendem, Hypothetischen oder sonstigen Phantastischen in der Welt, weder geht sie aus, wie man leicht glauben könnte, von irgendetwas dem Spiritismus Ähnlichem, noch geht sie aus von einer bloß subjektiven Mystik. Für den, der erfasst an charakteristischen Punkten dieses moderne Seelenleben, wie es sich vorbereitet hat in vollem Einklange mit der äußeren Wirklichkeit, gerade für den, der dieses moderne Seelenleben erfasst, wo es sich in seinen gesundesten Punkten geäußert hat, gerade für den werden diese geisteswissenschaftlichen Methoden in den Bereich der Erkenntnis hereinrücken.

[ 26 ] One could easily believe that such an experience with thoughts, as I have described in my book, “How to Attain Knowledge of Higher Worlds,” is born out of some kind of arbitrariness, out of some kind of fantasy. I just want to say: truly, none of this is born out of arbitrariness! You can find more detailed instructions on how to achieve what I am about to describe in my book “How to Attain Knowledge of Higher Worlds” or in my “Occult Science.” I would now like to point out more what the soul goes through in these inner activities described there in order to enter the spiritual world. What is meant here is certainly not based on unhealthy assumptions. Spiritual Science, as it is meant here in these lectures, does not proceed from anything fantastical, opposed to science, hypothetical, or otherwise fantastical in the world, nor does it proceed, as one might easily believe, from anything similar to spiritualism, nor does it proceed from a merely subjective mysticism. For those who grasp the characteristic points of this modern soul life, as it has developed in full harmony with external reality, precisely for those who grasp this modern soul life where it has expressed itself in its healthiest points, it is precisely for them that these methods of Spiritual Science will enter the realm of knowledge.

[ 27 ] Und so will ich denn, obwohl auch auf vieles hingewiesen werden könnte, auf einen Ausgangspunkt Sie hinweisen, aus dem Sie ersehen sollen, sehr verehrte Anwesende, wie aus gesundestem Seelenleben heraus das Bestreben nach Geisteswissenschaft geht. Ich will hinweisen auf etwas, was man in seinen Anfängen bei Goethe finden kann. Nur muss man den Mut haben, selbst Goethe gegenüber sich zu gestehen, dass dasjenige, was bei ihm auftritt, Anfänge sind, die immer weiter und weiter ausgebildet werden müssen.

[ 27 ] And so, although there is much that could be pointed out, I would like to point out a starting point from which you, dear audience, can see how the pursuit of Spiritual Science arises from the healthiest spiritual life. I would like to point to something that can be found in its beginnings in Goethe. But one must have the courage to admit to oneself, even to Goethe, that what appears in him are beginnings that must be developed further and further.

[ 28 ] Zum Interessanten bei Goethe gehört es, dass er Physik nicht getrieben hat — da, wo er sich auf sie eingelassen hat in seiner «Farbenlehre» — so, wie die Physik gewöhnlich getrieben wird, dass sie nur dasjenige behandelt, was abseits steht von dem menschlichen inneren Erleben, sondern das ist das Bedeutungsvolle bei Goethe, dass er die Physik heraufgeführt hat bis zu dem unmittelbaren seelischen Erleben des Menschen. Die äußere Physik sucht zu erforschen: Wie geht aus gewissen Dingen die rote, wie geht die blaue Farbe hervor? Ich will heute hier nicht eingehen darauf, weil dazu auch noch nicht die Diskussionen vertieft sind, die innerhalb der modernen Physik gepflogen werden können. Die werden zu einer ganz anderen Anerkennung Goethe’scher Farbenlehre noch führen und der Goethe’schen Physik, als das jetzt der Fall sein kann; allein darauf will ich nicht eingehen, trotzdem ich mich seit Jahrzehnten gerade mit einer Verteidigung der Goethe’schen Physik befasse. Ich will aber darauf hinweisen, wie auch der Weg, den Goethe gegangen ist einen heute mit Bezug auf die äußeren physikalischen Wahrnehmungen dazu führt, auch das seelische Leben zu suchen, wie es wirkt und lebt, während wir äußerlich wahrnehmen. Nachdem Goethe sich bemüht hat, zu erforschen, wie im äußeren physikalischen Sein Rot wie Blau entsteht, dringt er herauf zu dem seelischen Erleben, während man die Farbe Rot oder die Farbe Blau sieht. Und da ist es interessant, in dem letzten Kapitel der Goethe’schen Farbenlehre dasjenige nachzulesen, was er betitelt: «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe». Daraus will ich nur zwei Beispiele als Probe anführen. Goethe sagt über das Blau:

[ 28 ] One of the interesting things about Goethe is that he did not pursue physics — where he did engage with it in his " Theory of Colors" — he did not pursue physics in the usual way, dealing only with what is separate from human inner experience. Rather, what is significant about Goethe is that he brought physics up to the level of the immediate spiritual experience of the human being. External physics seeks to investigate: How does the red color emerge from certain things, how does the blue color emerge? I do not want to go into that here today, because the discussions that can be held within modern physics have not yet been deepened. They will lead to a completely different recognition of Goethe's theory of colors and Goethe's physics than is currently the case; but I do not want to go into that, even though I have been engaged in defending Goethe's physics for decades. However, I would like to point out how the path that Goethe took also leads us today, with regard to external physical perceptions, to seek the spiritual life, how it works and lives, while we perceive externally. After Goethe endeavored to investigate how red and blue arise in external physical existence, he ascended to the spiritual experience of seeing the color red or the color blue. And it is interesting to read in the last chapter of Goethe's Theory of Colors what he calls “The Sensual-Moral Effect of Color.” I will cite just two examples from this. Goethe says about blue:

Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte, so wie es uns auch an Schatten erinnert. Wie es vom Schwarzen abgeleitet sei, ist uns bekannt,

Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt. Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen Licht.

Blue gives us a feeling of coldness, just as it reminds us of shadows. We know that it is derived from black.

Rooms that are wallpapered in pure blue appear spacious, but actually empty and cold. Blue glass shows objects in a sad light.

[ 29 ] Goethe dringt also herauf, sodass er die Farbe nicht bloß anschaut, wie sie sich als äußere Wahrnehmung darbietet, sondern so, wie die Seele mit der Farbe lebt, wie die Seele dasjenige, was sie sonst nur in ihrem Inneren an viel anderem Kompliziertes erlebt, empfindet: Traurigkeit, Freude, Kälte empfindet. Goethe dringt herauf dahin, Seelisches wirklich zu verbinden mit der äußeren Wahrnehmung. Und so sagt er:

[ 29 ] Goethe thus penetrates so deeply that he does not merely look at the color as it presents itself as an external perception, but rather how the soul lives with the color, how the soul experiences what it otherwise only experiences internally among many other complex things: sadness, joy, coldness. Goethe penetrates to the point of truly connecting the soul with external perception. And so he says:

Die Wirkung dieser Farbe

The effect of this color

— der Farbe Rot —

— the color red —

ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als von Huld und Anmut

is as unique as its nature. It gives an impression of both seriousness and dignity as well as grace and charm.

— Sie sehen, wie das Seelische sich hineinergießt in die äußere Wahrnehmung —;

— You see how the soul pours itself into external perception —;

jenes leistet sie in ihrem dunkeln, verdichteten, dieses in ihrem hellen, verdünnten Zustande

— it does so in its dark, condensed state, the latter in its light, diluted state

— nämlich die rote Farbe.

— namely the color red.

[ 30 ] Das ist ein Anfang, ein Bestreben, sich mehr mit dem seelischen Leben auf die äußere Wahrnehmung, auf diese Decke der äußeren Wirklichkeit einzulassen, als dies im gewöhnlichen Tagesleben sein kann —, ein Anfang zu einer Entwicklung des Seelenlebens, die der Mensch wirklich nehmen kann. Wenn der Mensch erforscht, was er an der äußeren Wahrnehmung erleben kann, und dann die Stärke, die innere Stärke gewinnt, von dem äußeren Erlebnis, von dem äußeren Eindruck abzusehen, und bloß in dem, was in der Seele lebt, während der äußere Eindruck tätig ist, bloß in dem zu leben —, wenn er solche innere Sicherheit sich aneignet, dass er das eine wirklich an dem anderen, und auch ohne das andere das eine sehen kann, so ist der Anfang eines Seelenlebens gegeben, der immer weiter und weiter geführt werden muss, um endlich dieses innere Seelenleben, das sonst so schlummert, wie die Seele dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein gegenüber im Schlafesleben schlummert, dieses gewöhnliche Seelenleben allmählich zu erwecken.

[ 30 ] This is a beginning, an endeavor to engage more with the soul life in external perception, in this veil of external reality, than is possible in ordinary daily life — a beginning to a development of the soul life that human beings can truly undertake. When human beings explore what they can experience in external perception, and then gains the strength, the inner strength, to disregard the external experience, the external impression, and to live solely in what lives in the soul while the external impression is active, solely in that — when they acquire such inner security that they can truly see one thing in the other, and also without the other, then the beginning of a soul life is given, which must be carried on further and further in order to finally awaken this inner soul life, which otherwise slumbers, just as the soul slumbers in relation to ordinary everyday consciousness in the life of sleep, this ordinary soul life.

[ 31 ] Was Goethe da getan hat, indem er «Die sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe» schrieb, ist nichts anderes als ein Anfang zum Erwachen des Seelenlebens in eine geistige Welt hinein. Nur muss man die Methoden, die da als ein Anfang geschildert werden bei Goethe, man muss sie immer weiter und weiter ausbilden. Dann dringt ein — wenn die Seele Geduld und Ausdauer hat, gewissermaßen mit allem, was sie ist, sich so auszubilden, wie man es an den Wahrnehmungen erleben kann, nicht durch die Wahrnehmungen —, dann dringt in die Seele ein inneres, intensives Erleben herein, dann verlieren die Gedanken, die Vorstellungen denjenigen Charakter, den sie sonst haben; dann dringt herein in diese Gedankenwelt ein inneres Miterleben, das so stark und intensiv ist wie Trauer und Freude, wie Leid und Schmerz und Lust. Dann wird etwas erweckt im Seelenleben, was eben sonst im gewöhnlichen Tagesleben schlummert. So paradox es erscheint — nach und nach kann man erleben, dass einem alles Denken wie von innerem Leben durchflossen wird, wie von innerem Leben durchzuckt wird.

[ 31 ] What Goethe did in writing “The Sensual-Moral Effect of Color” is nothing less than the beginning of the awakening of the soul life into a spiritual world. But the methods described by Goethe as a beginning must be developed further and further. Then, if the soul has patience and perseverance, with all that it is, to develop itself as can be experienced in perceptions, not through perceptions — then an inner, intense experience penetrates the soul, then thoughts and mental images lose the character they otherwise have; then an inner experience penetrates this world of thoughts, which is as strong and intense as grief and joy, as suffering and pain and pleasure. Then something is awakened in the life of the soul that otherwise slumbers in ordinary daily life. As paradoxical as it may seem, little by little one can experience that all thinking is permeated by inner life, as if it were shot through with inner life.

[ 32 ] Lassen Sie mich etwas ganz besonders Paradoxes sagen, was aber das Ergebnis inneren Erlebens wirklich wird: Wir addieren, wir subtrahieren, wir rechnen in dieser Weise. Im gewöhnlichen Tagesleben ist uns das Zusammenzählen, das Abziehen, das Addieren, das Subtrahieren, etwas, womit wenig Gefühl verknüpft ist. Wird das Seelenleben so ausgebildet, wie ich es angedeutet habe, dann empfindet man intensiv innerlich — wie gesagt, so paradox es auch klingt, ich muss es sagen, weil es hindeutet auf gewisse Geheimnisse des inneren Seelenlebens —, dann durchdringt einen das Addieren wie ein Aufleben, wie ein Fruchtbarwerden von etwas; und das Subtrahieren — das Abziehen — durchdringt einen mit einem Gefühl wie das Auslöschen eines Lichtes, wie das Ablähmen von etwas. Addieren wird zu einem Gefühl vom Entstehen, Subtrahieren wird zu einem Gefühl vom Vergehen. Es klingt paradox, aber gerade an solchen Paradoxien kann man ersehen, wie umgestaltet dadurch, dass man sich gewöhnt mit dem was innerlich in Gedanken erlebt werden kann meditierend — das Genauere ist, wie gesagt, in den genannten Büchern nachzulesen —, wie durch dieses innerliche Erleben eben Leben hineindringt, durchsetzend dasjenige, was sonst toter, abstrakter Gedanke ist. Wie wenn ein Totes durchsetzt würde von einem innerlich ersprießenden Leben, so ist es, wenn man so das Denken belebt. Und es kann so belebt werden.

[ 32 ] Let me say something quite paradoxical, but which really is the result of inner experience: we add, we subtract, we calculate in this way. In ordinary daily life, adding, subtracting, adding, and subtracting are things with which little feeling is associated. If the soul life is developed as I have suggested, then one feels intensely within oneself — as I said, as paradoxical as it may sound, I must say it because it points to certain secrets of the inner soul life — then addition permeates you like a revival, like something becoming fruitful; and subtraction permeates you with a feeling like the extinguishing of a light, like the withering away of something. Addition becomes a feeling of creation, subtraction becomes a feeling of passing away. It sounds paradoxical, but it is precisely in such paradoxes that one can see how, by becoming accustomed to meditating on what can be experienced internally in one's thoughts — the details, as I said, can be found in the books mentioned — how, through this inner experience, life penetrates, permeating what would otherwise be dead, abstract thought. It is as if something dead were permeated by an inner life springing forth, so it is when one enlivens thinking in this way. And it can be enlivened in this way.

[ 33 ] Dann aber ist es so, wenn man so das Denken belebt, dass dieses Denken als Lebendiges wirklich durch das durchdringt, was ich vorhin als die Decke bezeichnet habe. Nur die Sinne machen diese Decke, sie nur schließen uns ab. Und da das gewöhnliche abstrakte Denken, das gewöhnliche Vorstellen, nur Bilder gibt von der Außenwelt, nur dasjenige nachdenkt, was die Sinne geben — da das gewöhnliche Denken innerliches Leben nicht anregt —, so kann es auch nicht durchdringen durch die Decke. Durchdringt das Denken durch die Decke erst dann, wenn es also belebt wird, wenn es stärker, intensiver gemacht wird, wenn es so seelisch wird, wie sonst eben nur im Leben die Dinge erlebt werden, die Tatsachen, die an uns herantreten. Das Denken gewinnt dadurch innere Tatsächlichkeit. Es strengt uns als solches Denken selbstverständlich auch mehr an. Es füllt uns mit einem inneren Leben aus, von dem wir sonst leer sind. Und durch diese Leere ist eben gerade das äußere Bewusstsein bedingt für das Tagesleben. Zur Erkenntnis aber ist notwendig, dass wir diese Durchlebung des Denkens aufnehmen.

[ 33 ] But then, when one enlivens thinking in this way, this thinking, as something alive, truly penetrates what I earlier referred to as the ceiling. Only the senses create this ceiling; they alone shut us off. And since ordinary abstract thinking, ordinary mental images, only provide images of the outside world, only reflect on what the senses provide — since ordinary thinking does not stimulate inner life — it cannot penetrate the ceiling. Thinking penetrates the ceiling only when it is enlivened, when it is made stronger, more intense, when it becomes as soulful as the things we experience in life, the facts that approach us. Thinking thereby gains inner reality. As such, it naturally also requires more effort on our part. It fills us with an inner life that we would otherwise be empty of. And it is precisely this emptiness that conditions our outer consciousness for daily life. But in order to gain insight, it is necessary that we take in this experience of thinking.

[ 34 ] Wenn man auf diese Weise versucht — durch Ruhen auf gewissen Gedanken, durch immer wiederkehrend In-das-Bewusstsein-Versetzen gewisser Gedanken oder durch stilles Sich-Hingeben an Gedanken und zusehen, was der Gedanke in einem macht —, wenn man dieses übt, dann kommt man zu einem ganz anderen Standpunkt gegenüber allem Denken; dann kommt man dazu, das innere Gedankenleben, das Vorstellungsleben so anzusehen nach und nach, dass sich etwas entwickelt. Das kommt, das entwickelt sich so, wie das Kind wächst vom Kleinen zum Großen. In dem Meditieren, in dem das innere Denkleben ausgebildet wird, kommt das, was ich nun schildern will, von selbst. Es entwickelt sich dem inneren Vorstellungsleben gegenüber etwas wie Verlassenheitsgefühl, wie ein Gefühl davon, dass der Gedanke innerlich frei gemacht ist, der etwas vernichten kann und etwas entstehen lassen kann, während man sonst nur im Gedanken so lebt, dass man sagt: der eine ist richtig, der andere ist falsch, entwickelt man, wenn man das Leben im Gedanken entwickelt, ein solches inneres Erfahren, dass man von gewissen Gedanken weiß: die sind fruchtbar, die enthalten Wirklichkeit, die gestattet man sich. Andere Gedanken zeigen sich nicht bloß logisch als unrichtig, sondern man empfindet sie mit Schmerzen; man weiß, sie sind unfruchtbar, sie sind ertötend. Und man kommt herein in ein Leben des Gedankenlebens, in dem Durcheinanderspielen: fruchtbare, belebende, ertötende Gedanken. Sie sehen, wie wiederum Leben hineinfährt in dieses Gedankenleben, das sonst bildhafte Vorstellungsleben.

[ 34 ] If one tries in this way — by resting on certain thoughts, by repeatedly bringing certain thoughts into consciousness, or by quietly surrendering to thoughts and watching what the thought does in one — if you practice this, then you come to a completely different point of view toward all thinking; then you come to view your inner life of thought, your life of imagination, in such a way that something gradually develops. This comes about, this develops, just as a child grows from small to large. In meditation, in which the inner life of thought is developed, what I am about to describe comes about by itself. Something like a feeling of abandonment develops in relation to the inner life of imagination, a feeling that the thought has been freed internally, that it can destroy something and allow something else to arise, whereas otherwise one lives in thought in such a way that one says: one thing is right, the other is wrong. when one develops life in thought, one develops such an inner experience that one knows of certain thoughts: these are fruitful, they contain reality, one allows oneself these. Other thoughts are not only logically incorrect, but one feels them with pain; one knows they are unfruitful, they are deadening. And you enter into a life of thought in which fruitful, enlivening, and deadening thoughts play together. You see how life enters into this life of thought, which is otherwise a pictorial life of imagination.

[ 35 ] Etwas füllt dann unser Inneres aus gegenüber dem Gedankenleben, was wir sonst im äußeren Bewusstsein nur gelten lassen in der Sittlichkeit, in der Moral. Wie in der Sittlichkeit, in der Moral fühlen wir uns für das, was wir tun oder nicht tun, verantwortlich. Und dieses Verantwortlich-Fühlen, das in dem Gewissen wurzelt, das ist etwas Besonderes in unserem Seelenleben. Wir tun unter seinem Einflusse das Gute und das Böse; wir tun das eine, unterlassen das andere. Dieses Gefühl trägt sich hinein unter dem Einflusse jener inneren Seelenübungen, die ich besprochen habe, in das innere Gedankenerleben. Wir gestatten uns gewisse Gedanken nicht, andere gestatten wir uns, kurz, wir tragen Sittlichkeit, Moral — nicht so, wie es im äußeren Leben ist, aber in einem noch anderen Sinne — in unser Gedankenleben hinein.

[ 35 ] Something then fills our inner being in relation to the life of thought, which we otherwise only accept in our outer consciousness in morality, in ethics. As in morality, in ethics, we feel responsible for what we do or do not do. And this feeling of responsibility, which is rooted in the conscience, is something special in our soul life. Under its influence, we do good and evil; we do one thing and refrain from doing another. Under the influence of those inner soul exercises I have discussed, this feeling carries itself into our inner life of thought. We do not allow ourselves certain thoughts, we allow ourselves others; in short, we carry morality and ethics — not as it is in outer life, but in yet another sense — into our life of thought.

[ 36 ] Auf diese Art gelangen wir allmählich dazu, das Leben des Gedankens überhaupt kennenzulernen, denn dieses Leben des Gedankens zeigt sich erst im erweckten, im schauenden Bewusstsein. Es ist nicht gerade ganz bequem, dieses Leben des Gedankens kennenzulernen. Denn indem der Gedanke wirklich so von uns durchlebt wird, dass man mit ihm lebt, dass man sich ihn gegenständlich und lebendig im Bewusstsein macht, da merkt man etwas, was ja das gewöhnliche Bewusstsein gar nicht braucht, was aber dem schauenden Bewusstsein, dem wirklich erkennenden Bewusstsein notwendig ist. So wie man den Gedanken hat, wenn man ihn erfasst für die äußere Welt als ein Ergebnis desjenigen, was wir wahrnehmen, so kann man ihn gar nicht brauchen eigentlich, um sich dem wahren Seelenleben zu nähern. Der Gedanke, wenn wir ihn gefasst haben, innerlich sozusagen ins Seelenauge fassen, dann wieder entlassen, der ist zunächst nichts nütze zum Erforschen des Seelenlebens; aus diesem kann man nicht das Seelenleben erkennen. Man glaubt es im gewöhnlichen Bewusstsein; man kann aber aus diesem Gedanken gar nicht das Seelenleben erkennen. Dieser Gedanke muss erst einen gewissen Prozess durchmachen in unserer Seele; er muss hinuntergelassen werden in das Unbewusste und muss — bei dem einen Gedanken so lange, bei dem anderen Gedanken anders lange —, muss eine gewisse Zeit ruhen in dem Seelenleben; gewissermaßen: Er muss vergessen worden sein, er muss außer das Bewusstsein hinausgerückt sein und später wieder in das Bewusstsein hereingeholt werden, dann erscheint er wie ein neugeborener Gedanke. Und ein großer Teil der intimen inneren Vorgänge, der inneren Vorgänge, die zur Geisteswissenschaft führen sollen, beruht darauf, dass man dieses Merkwürdige, was als Veränderung mit dem Gedanken vorgeht, wenn der Gedanke erst ein sich senkt ins Unbewusste und wiederum heraufkommt, dass man das beobachten lernt, dass man das erleben lernt, erleben lernt den Unterschied zwischen einem gegenwärtig erfassten Gedanken und einem Gedanken, der den Weg gewissermaßen in die Seelenunterwelt durchgemacht hat und aus dieser Seelenunterwelt wiederum heraufkommt; und dann, wenn man gegenwärtig denkt, und neben dem gegenwärtigen Denken heraufkommen lässt — diese Fähigkeit eignet man sich an — verflossene Gedanken. Und kommt dazu noch — was auszuführen heute zu weit führen würde — verflossenes Denken für jede Art des Denkens vor einer bestimmten Zeit, dann enthüllt sich zwischen Gedanke und Gedanke die geistige Welt; zwischen dem gegenwärtigen Gedanken und dem vergangenen Gedanken, der den Weg gemacht hat, von dem ich gesprochen habe, dem einzelnen Gedanken enthüllt sich niemals eine wahre Wirklichkeit, er bleibt Bild.

[ 36 ] In this way we gradually come to know the life of thought in general, for this life of thought only reveals itself in awakened, contemplative consciousness. It is not exactly easy to get to know this life of thought. For when we truly live through the thought in such a way that we live with it, that we make it concrete and alive in our consciousness, we notice something that ordinary consciousness does not need at all, but which is necessary for contemplative consciousness, for truly knowing consciousness. Just as we have the thought when we grasp it for the outer world as a result of what we perceive, we cannot really use it to approach the true life of the soul. The thought, once we have grasped it, grasped it inwardly, so to speak, in the eye of the soul, and then let it go again, is at first of no use for exploring the life of the soul; from this we cannot recognize the life of the soul. One believes this in ordinary consciousness, but one cannot recognize the life of the soul from this thought. This thought must first undergo a certain process in our soul; it must be lowered into the unconscious and must — for one thought for a certain length of time, for another thought for a different length of time — rest for a certain time in the life of the soul; in a sense: it must be forgotten, it must be removed from consciousness and later brought back into consciousness, then it appears like a newly born thought. And a large part of the intimate inner processes, the inner processes that are supposed to lead to Spiritual Science, is based on learning to observe this strange thing that happens to the thought as a change when the thought first sinks into the unconscious and rises again, that one learns to observe this, that one learns to experience it, learns to experience the difference between a thought grasped in the present and a thought that has, so to speak, traveled the path into the soul's underworld and rises again from this soul's underworld; and then, when one thinks in the present and allows past thoughts to rise alongside present thinking — one acquires this ability. And if, in addition — which would take us too far afield today — past thinking occurs for every kind of thinking before a certain time, then the spiritual world is revealed between thought and thought; between the present thought and the past thought that has made the way I have spoken of, the individual thought never reveals a true reality; it remains an image.

[ 37 ] Nur wenn er im gegenwärtigen Gedanken sich begegnet mit dem Gedanken, der von dem Seelenleben verarbeitet, von dem Seelenleben belebt wurde eine gewisse Zeit, und ihm entgegentritt, dem gegenwärtigen Gedanken, dann entzündet sich zwischen dem gegenwärtigen und aus der Vergangenheit wiederum auflebenden Gedanken das Schauen in die Wirklichkeit der Seele. Man eignet sich allmählich an — wie für den einen Gedanken eine gewisse Zeit notwendig ist, die er ruhen muss gewissermaßen in den Untergründen des Seelenlebens —, man eignet sich solches für andere Gedanken an. Das alles muss innerlich erfahren werden, das alles muss innerlich wirklich durchgemacht werden so, wie durchgemacht werden muss dasjenige, was erst der Chemiker lernen muss, um seine chemischen Experimente im Laboratorium anzustellen. Es ist durchaus, ich möchte sagen eine Kompliziertheit zugrunde liegend jenen Vorgängen, die aus dem Menschen einen Apparat machen, einen seelisch-geistigen Apparat, um das seelisch-geistige wirkliche Leben wahrzunehmen. So muss der Gedanke gewissermaßen entzweigeteilt werden und das eine Gegenwärtige mit dem Vergangenen zusammen wahrgenommen werden können; dann entzündet sich wie durch positive und negative Elektrizität zwischen den beiden dasjenige, was hineinzuleuchten vermag in die geistige Welt.

[ 37 ] Only when it encounters in the present thought the thought that has been processed by the soul life, that has been enlivened by the soul life for a certain time, and confronts it, the present thought, then the vision into the reality of the soul is kindled between the present thought and the thought revived from the past. One gradually acquires the ability — just as a certain amount of time is necessary for one thought to rest, as it were, in the depths of the soul life — one acquires this ability for other thoughts. All this must be experienced inwardly, all this must be truly lived through inwardly just as the chemist must first learn what he needs to know in order to carry out his chemical experiments in the laboratory. I would say that there is a complexity underlying those processes that turn the human being into an apparatus, a spiritual-soul apparatus, in order to perceive spiritual-soul real life. Thus, the thought must, in a sense, be divided in two, and the present must be perceived together with the past; then, as if by positive and negative electricity, that which is able to shine into the spiritual world is ignited between the two.

[ 38 ] Eine ebensolche innere Entwicklung wie mit dem Gedanken muss man vornehmen mit dem Willen, mit jenem Willen, der sonst im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein gebunden ist an die Körperlichkeit, nur erscheint, indem die Körperlichkeit gewissermaßen sein Werkzeug ist. Daher kann ja der reinste, der höchste Ausdruck des gewöhnlichen Willens — die Freiheit — so schwer erforscht werden, die Freiheitsidee, die Wirklichkeit der Freiheit des Willens so schwer erforscht werden, weil wir den Willen in der Vorstellung nie rein haben, sondern immer gebunden an etwas anderes. Und ebenso, wie wir Wasserstoff nicht wahrnehmen können, wenn wir ihn nicht abtrennen, wenn er im Wasser drinnen ist, so können wir den Willen nicht erforschen, wenn er so, wie er im gewöhnlichen Bewusstsein auftreten muss, an unsere Körperlichkeit gebunden ist, mit dieser Körperlichkeit allein zusammen auftritt. So wie man das Denken beleben muss, es gleichsam durchzucken muss, durchströmen muss mit dem Blitze des Lebens, so muss der Wille losgelöst werden von der Körperlichkeit; er muss gewissermaßen vergeistigt werden, der Wille. Das wird wiederum durch gewisse Übungen erreicht, wird durch Übungen erreicht, die wieder auf gewisse Anfänge zurückführen.

[ 38 ] One must undertake the same inner development with the will as with the mind, with that will which is otherwise bound to physicality in ordinary everyday consciousness, only appearing because physicality is, in a sense, its tool. That is why the purest, highest expression of ordinary will — freedom — is so difficult to explore, the idea of freedom, the reality of the freedom of the will is so difficult to explore because we never have the will in our mental image in its pure form, but always bound to something else. And just as we cannot perceive hydrogen when it is in water unless we separate it, so we cannot explore the will when it appears in ordinary consciousness, bound to our physicality, appearing together with this physicality alone. Just as one must enliven thinking, must, as it were, flash through it, must flow through it with the lightning of life, so the will must be detached from physicality; it must, in a sense, be spiritualized, the will. This, in turn, is achieved through certain exercises, is achieved through exercises that lead back to certain beginnings.

[ 39 ] Und da möchte ich wiederum auf durchaus gesunde Anfänge im modernen Geistesleben hinweisen, um eine Vorstellung davon hervorzurufen, dass wirklich nicht aus krankhaften Untergründen heraus die geistige Forschungsmethode erfolgt, sondern gerade aus den gesundesten. Und wenn ich eine persönliche Bemerkung machen darf, nur zur Einschaltung, so sei diese gemacht, sehr verehrte Anwesende: Ich selbst sehe dasjenige, was ich als Geisteswissenschaft vortrage, durchaus als das Ergebnis desjenigen an, was sich mir in den jahrzehntelangen inneren Erlebnissen mit der Goethe’schen Weltanschauung ergeben hat. Und aus dieser Goethe’schen Weltanschauung heraus, nicht aus irgendeiner Phantastik oder irgendwelcher subjektiven Mystik suche ich dasjenige, was ich als Geisteswissenschaft vorgetragen habe. Doch wie gesagt, dieses nur wie eine eingeflochtene Bemerkung, die auch aber darauf hinweisen soll, dass das, was als Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gemeint ist, auf durchaus gesunden und naturgemäßen Grundlagen beruht. Denn dieses moderne Seelenleben, wie wir es suchen müssen, es ist ja naturgemäß zuerst geflossen durch solche Persönlichkeiten wie Goethe, solange es instinktiv durch die Genialität, nicht durch das [Geschulte] fließen musste.

[ 39 ] And here I would like to point out some thoroughly healthy beginnings in modern spiritual life, in order to create a mental image of the fact that spiritual research methods do not arise from pathological foundations, but rather from the healthiest ones. And if I may make a personal remark, just as an aside, let me say this, dear audience: I myself regard what I present as Spiritual Science as the result of what has emerged from my decades of inner experience with Goethe's worldview. And it is from this Goethean worldview, not from any fantasy or subjective mysticism, that I seek what I have presented as Spiritual Science. But as I said, this is only an interwoven remark, which is also intended to point out that what is meant by Spiritual Science or anthroposophy is based on thoroughly sound and natural foundations. For this modern soul life, as we must seek it, naturally flowed first through personalities such as Goethe, as long as it had to flow instinctively through genius, not through [training].

[ 40 ] Nun hat Goethe, wie wir gesehen haben, die physikalische Wahrnehmung gebracht bis zum Seelenerleben. Er hat aber auch das seelische Erleben herausgetragen als Zeitliches in die äußere Wirklichkeit. Das ist geschehen in seinem Metamorphosegedanken, den ich hier nur andeuten will, in jenem Metamorphosegedanken, der zum ersten Mal gezeigt hat, was jetzt jeder Naturforscher, jeder wahre Naturforscher, über die Pflanzenwelt anerkennt, gezeigt hat, wie man in den Blütenblättern der Pflanzen, auch in jedem Organe der Pflanzen nichts anderes vor sich hat als umgewandelte grüne Laubblätter, wie das ganze Leben der Pflanze darauf beruht, dass sich metamorphosiert dasjenige, was im grünen Blatt erscheint, zu dem farbigen Blütenblatt oder auch zu dem Griffel und dergleichen. Dieses konnte von Goethe nur erreicht werden dadurch, dass er gewissermaßen in der Pflanze sah, was in ihr lebt, verwandt mit dem, was in dem Menschen als Wille lebt. Nicht in philosophischer Weise hat das Goethe getan, wie Schopenhauer, der nachher auch nicht besonders weit gekommen ist; Goethe hat es getan, durchdrungen von gesunden, lebendigen Anschauungen. So hat er nicht den Willen anthropomorphisch einfach hinausversetzt in die Pflanzen, sondern er hat dasjenige ruhig objektiv angeschaut, was in der Pflanze sich wandelt, was von Einem in das Andere sich umgestaltet; so ist ihm die Blüte geworden das umgewandelte Blatt.

[ 40 ] Now, as we have seen, Goethe brought physical perception to the experience of the soul. But he also carried the experience of the soul out into external reality as something temporal. This happened in his idea of metamorphosis, which I will only hint at here, in that idea of metamorphosis which showed for the first time what every natural scientist, every true natural scientist, now recognizes about the plant world, showed how in the petals of plants, and also in every organ of plants, there is nothing else at work than transformed green leaves, how the whole life of the plant is based on the metamorphosis of what appears in the green leaf is transformed into the colored petal or also into the pistil and the like. Goethe could only achieve this by seeing, as it were, in the plant what lives in it, related to what lives in man as will. Goethe did not do this in a philosophical way, like Schopenhauer, who did not get very far afterwards; Goethe did it imbued with healthy, vibrant insights. Thus, he did not simply anthropomorphically transfer the will to plants, but calmly and objectively observed what changes in the plant, what transforms from one thing into another; thus, the flower became for him the transformed leaf.

[ 41 ] So auch können wir dieses, wie das andere, das erwähnt worden ist mit Bezug auf die äußere Wahrnehmung, so auch können wir dieses als den Anfang betrachten, der nun seelisch-geistig weiter ausgebildet werden kann. Und wiederum habe ich versucht in den genannten Büchern die genauere, intimere Anweisung zu geben, wie der Wille innerlich ausgebildet werden kann, sodass er eine andere Form annimmt, eine Form, die sich zu dem Willen, den wir im gewöhnlichen Bewusstsein kennen, so verhält, wie die Blüte, die sich entfaltet und gewisse Bestandteile in Farbenverhältnisse vergeistigt — dieses Wort aber nur vergleichsweise gebraucht — aus dem Blatte, so können wir den Willen loslösen, sodass er nicht mehr gebunden ist an sein körperliches Werkzeug, sondern dass er sich selber ergießt in das innere Seelenleben. Gerade durch das, was ich schon erwähnt habe, jenes Verantwortlichkeitsgefühl im Seelenleben, jenes innere Durchmoralisieren des Seelenlebens, werden wir die Logik, die nur unterscheidet zwischen Wahrem und Falschem, so verändern, dass wir uns zu dem einen Gedanken verpflichtet fühlen, weil er fruchtbar ist; zu dem anderen Gedanken fühlen wir uns nicht verpflichtet, sondern im Gegenteil, wir werden ihn fallen lassen, weil er ertötend, weil er vernichtend ist. Wenn wir das Seelenleben so mit Verantwortlichkeitsgefühl, mit einem Verseeligen gewissermaßen innerster Art durchziehen, dann ringt sich der Wille los von seinem Körperwerkzeug, und gerade so, wie der Gedanke durch die vorhergehend geschilderten inneren Vorgänge Leben gewinnt, so gewinnt der Wille Bewusstsein. Ein Bewusstsein unendlich viel stärkerer Art entwickelt sich, das Bewusstsein, das man nun braucht, um das zu erreichen, was vorhin schon beschrieben worden ist; denn eines geht immer in das andere. Das Bewusstsein braucht, wenn der Gedanke sich entzwei teilen soll, wenn gegenwärtige Vorstellung voriger Vorstellung gegenüberstehen soll, das braucht ein anderes, ein tieferes Bewusstsein als das gewöhnliche Tagesbewusstsein. Wenn der Wille also durchzogen wird von dem, was ich so andeutungsweise heute — genauer in meinen Büchern — beschrieben habe, dann erlangt man die Fähigkeit, innerlich wirklich aus dem Alltagsbewusstsein heraus zu einem schauenden Bewusstsein so aufzuwachen, wie man beim gewöhnlichen Aufwachen aus dem Traumbewusstsein zu einer Wirklichkeit aufwacht. Zu einer anderen, geistigen Wirklichkeit wacht man mit dem schauenden Bewusstsein auf. Das Ganze ruht aber auf einer durchaus gesunden Grundlage; denn man braucht sich nur zu erinnern, wie — wenn auch unter einem anderen Ausdruck und mehr instinktiv, als das heute, wo wir wiederum mehr als hundert Jahre über Goethe hinaus sind, das der Fall sein kann —, wie Goethe, Kant lesend und Kant studierend, hingewiesen hat auf dieses schauende Bewusstsein. Es ist ja bekannt, wie Kant, versuchend, aus dem gewöhnlichen Bewusstsein heraus die Frage zu beantworten: Wie dringt man in die geistige Welt ein, eigentlich die Antwort gegeben hat, dass man nicht in sie eindringen könne, dass in sie eindringen könnte, wie er sagt, nur ein Bewusstsein, das eine anschauende Urteilskraft eigentlich ist, nicht die gewöhnliche denkende Urteilskraft des Menschen. Aber Kant nennt das Erstreben einer solchen anschauenden Urteilskraft ein «Abenteuer der Vernunft».

[ 41 ] So too can we regard this, like the other that has been mentioned with reference to external perception, as the beginning that can now be further developed spiritually and mentally. And again, I have tried in the books mentioned to give more precise, more intimate instructions on how the will can be developed internally so that it takes on a different form, a form that relates to the will we know in ordinary consciousness, like a flower that unfolds and spiritualizes certain components into color relationships — but I use this word only comparatively — from the leaf, we can detach the will so that it is no longer bound to its physical instrument, but pours itself into the inner soul life. Precisely through I have already mentioned, that sense of responsibility in the life of the soul, that inner moralization of the life of the soul, we will change the logic that only distinguishes between true and false, so that we feel committed to one thought because it is fruitful; we do not feel committed to the other thought, but on the contrary, we will drop it, because it is deadly, because it is destructive. When we permeate our inner life with a sense of responsibility, with a kind of innermost spiritualization, then the will breaks free from its physical instrument, and just as thought gains life through the inner processes described above, so the will gains consciousness. A consciousness of an infinitely stronger kind develops, the consciousness that is now needed to achieve what has already been described, for one thing always leads to another. When thought is divided, consciousness needs, when present mental images are to be contrasted with previous mental images, it needs a different, deeper consciousness than ordinary everyday consciousness. So when the will is permeated by what I have described today in a suggestive way — more precisely in my books — then one acquires the ability to truly awaken inwardly from everyday consciousness to a seeing consciousness, just as one awakens from dream consciousness to reality in ordinary waking. With seeing consciousness, one awakens to another, spiritual reality. But the whole thing rests on a thoroughly healthy foundation; for one need only remember how — albeit in a different expression and more instinctively than may be the case today, more than a hundred years after Goethe — Goethe, reading and studying Kant, pointed to this contemplative consciousness. It is well known how Kant, attempting to answer the question from ordinary consciousness: How does one penetrate the spiritual world? Kant actually answered that one cannot penetrate it, that only a consciousness that is actually a contemplative power of judgment can penetrate it, not the ordinary thinking power of judgment of human beings. But Kant calls the striving for such a contemplative power of judgment an “adventure of reason.”

[ 42 ] Goethe aber sagt: Erlebt man dasjenige, was man den moralischen Betätigungen des Menschen gegenüber erleben kann, was man erleben kann gegenüber der Freiheitsidee, gegenüber den anderen moralischen Ideen, gegenüber dem, was Kant den «Kategorischen Imperativ» nennt, so kann man weitergehend erleben, dass man das, was Kant — er nennt ihn ja ironisch den «Alten vom Königsberge» —, was Kant auf seinem kritischen Dreifuß ein «Abenteuer der Vernunft» nenne, dass man das mutig bestehen könne. Goethe spricht also davon, dass dieses Schauende erreicht werden kann; das sei kein Abenteuer der Vernunft. Und was bei Goethe ein Anfang ist, das kann immer weiter und weiter ausgebildet werden.

[ 42 ] Goethe, however, says: If one experiences what one can experience in relation to the moral activities of human beings, what one can experience in relation to the idea of freedom, in relation to other moral ideas, in relation to what Kant calls the “categorical imperative,” then one can further experience that what Kant — he ironically calls him the “Old Man of Königsberg” — what Kant calls an “adventure of reason” on his critical tripod, that one can courageously endure it. Goethe thus speaks of the fact that this vision can be achieved; it is not an adventure of reason. And what is a beginning with Goethe can be developed further and further.

[ 43 ] Nur muss man sich gewissermaßen — und zwar jetzt nur für die Erkenntnis der geistigen Welt, nicht für das gewöhnliche Alltagsleben —, nur muss man sich gewissermaßen anders zum Gedanken und anders zum Willen, namentlich zu der Äußerung des Willens, die man das Urteilen nennt, stellen, als das im gewöhnlichen Bewusstsein der Fall ist. Im gewöhnlichen Bewusstsein urteilen wir, und im Urteil lebt ja auch dieser Wille; aber dieses Urteilen wird für das höhere Erkennen, für das geistige Erkennen etwas ganz anderes. Da bekommt man, wenn die Seele sich intim so entwickelt, wie es geschildert worden ist, allmählich, ich möchte sagen immer mehr und mehr innere Zurückhaltung gegenüber dem Urteilen, innere Zurückhaltung. Im Leben gebrauchen wir schnell das Urteil; da müssen wir schnell fertig [sein, um eine Entscheidung zu treffen; für die Tatsache] des geistigen Lebens ist gerade die entgegengesetzte Seelenstimmung notwendig. Derjenige daher, welcher sich allmählich hineinleben will in diese Seelenstimmung, die notwendig ist zum geistigen Erleben, der setze am besten nur zur Übung fort dieses geistige Leben, nicht allein bloß das äußere Erleben /unklare Stelle]. Es dürfen beide nicht miteinander vermischt werden, [ebenso] wie Traum und wache Wirklichkeit nicht vermischt werden dürfen. [Lücke]

[ 43 ] Only one must, in a sense — and now only for the recognition of the spiritual world, not for ordinary everyday life — one must, in a sense, take a different attitude toward thought and toward will, namely toward the expression of will, which is called judgment, than is the case in ordinary consciousness. In ordinary consciousness, we judge, and this will also lives in our judgment; but this judgment becomes something completely different for higher knowledge, for spiritual knowledge. When the soul develops intimately as described, one gradually, I would say more and more, develops an inner reserve toward judgment, an inner reserve. In life, we are quick to judge; we have to be quick [to make a decision; for the reality] of spiritual life, precisely the opposite soul mood is necessary. Therefore, those who wish to gradually immerse themselves in this soul mood, which is necessary for spiritual experience, would do best to continue this spiritual life, not merely the external experience [unclear passage]. The two must not be mixed together, [just as] dreams and waking reality must not be mixed together. [Gap]

[ 44 ] Der, der wahre Erkenntnis der geistigen Welt kennenlernen will, der versucht, möglichst das Urteilen, das Entscheiden einzustellen; er bekommt allmählich Interesse dafür, wie die Menschen je nach ihren Voraussetzungen in verschiedener Weise sich zu den Dingen der Welt stellen können. Ich will vom Erkenntnisgebiet selber her ein Beispiel nehmen:

[ 44 ] Those who want to gain true knowledge of the spiritual world try to suspend judgment and decision-making as much as possible; they gradually become interested in how people can relate to the things of the world in different ways depending on their circumstances. I will take an example from the field of knowledge itself:

[ 45 ] Da ist der eine Mensch im Leben materialistisch gesinnt; er erklärt die ganze Welt materialistisch. Wer einzugehen vermag liebevoll auf dasjenige, was ein Materialist von seinem Gesichtspunkte aus vorzubringen vermag über die Welt, der findet vieles Gute darinnen. Aber wenn man sich einlässt, vielleicht gerade auf den entgegengesetzten Fall, auf den ideell-spirituellen Fall, den jemand haben kann aus seinen Voraussetzungen heraus, so findet man da wiederum dasjenige, was er finden kann. Und dann kann man sich einleben, nicht wie es einen selber drängt zu urteilen, sondern wie geurteilt wird von diesem oder jenem Standpunkte aus. Man kann gewissermaßen sich dadurch erziehen, nicht zu urteilen, sondern von der Welt das Urteil zu erwarten. Und immer mehr und mehr kommt man dazu, aus seinem gegenwärtigen Bewusstsein heraus möglichst wenig zu entscheiden, sondern überall sich zu fragen: Womit im Bereiche des längst Erlebten lässt sich vergleichen dasjenige, was jetzt erlebt wird? Immer mehr und mehr kommt man dazu, nicht Theorien, nicht Hypothesen machen zu wollen, sondern dasjenige, was erlebt wird, objektiv wieder in das Erleben hineinzustellen.

[ 45 ] There is a person who is materialistic in life; he explains the whole world in materialistic terms. Anyone who is able to respond lovingly to what a materialist can say about the world from his point of view will find much that is good in it. But if one engages with the opposite case, the idealistic-spiritual case that someone may have based on their assumptions, then one will find what they can find there. And then one can settle in, not as one is compelled to judge, but as one judges from this or that point of view. In a sense, one can educate oneself not to judge, but to expect judgment from the world. And more and more, one comes to decide as little as possible from one's present consciousness, but to ask oneself everywhere: What in the realm of long-past experiences can be compared to what is now being experienced? More and more, one comes to want not to make theories or hypotheses, but to place what is experienced objectively back into the experience.

[ 46 ] Goethe spricht sehr schön nicht von Naturgesetzen in seiner Physik, sondern von Urphänomenen, von Urerscheinungen. Er will dasjenige, was physikalisch erlebt und erschaut wird, überhaupt nicht an abstrakte Gesetze anknüpfen, sondern es verstehen dadurch, dass er es vergleicht mit den einfachsten Erscheinungen, die wieder erfahren werden können. So will man, dass die Erfahrung sich ausgieße, das Erlebnis sich ausgieße über dasjenige, was eben erfahren, was erlebt wird, und dass möglichst wenig aus innerer Initiative heraus geurteilt wird. Dadurch erlangt man allmählich die Fähigkeit, ich möchte sagen dem Leben mehr zuzuhören als hineinzusprechen, denn mit dem gewöhnlichen Urteilen im Alltag spricht man in das Leben hinein; man benennt sozusagen die Dinge. Man lernt allmählich von sich aus möglichst wenig zu sagen und dem Leben zuzuhören, das ist bildlich, vergleichend gesprochen, dem Leben zuzuhören.

[ 46 ] Goethe speaks very beautifully in his physics not of natural laws, but of primordial phenomena, of primordial appearances. He does not want to link what is physically experienced and seen to abstract laws at all, but to understand it by comparing it with the simplest phenomena that can be experienced again. In this way, one wants experience to pour out, the experience to pour out over what is being experienced, and that as little as possible is judged on the basis of inner initiative. In this way, one gradually acquires the ability, I would say, to listen more to life than to speak into it, because with ordinary judgment in everyday life, one speaks into life; one names things, so to speak. One gradually learns to say as little as possible on one's own initiative and to listen to life, which is, figuratively speaking, to hear life.

[ 47 ] Auf diese Weise erlangt man die Möglichkeit, den Willen loszulösen aus seinen gewöhnlichen Zusammenhängen und ihn zu vergeistigen, sodass er ein eigenes Bewusstsein entwickelt, in dem jetzt das ganz anders drinnen sitzt als die bildhafte Vorstellung des gewöhnlichen Bewusstseins. Man fühlt jetzt, wenn man immer weiter und weiter schreitet auf dem Weg, den ich nur angedeutet habe, man fühlt immer mehr und mehr mit innerer Geistigkeit sich ausgefüllt. Und jetzt erlebt man es, dass sich das eine mit dem andern zusammenschließen kann, dass wirklich wie ausgelöscht wird das Bewusstsein des gewöhnlichen Tages, wie der Traum verschwindet gegenüber dem Tagesbewusstsein, und dass dasjenige, was im Willen auflebt als ein anderes Bewusstsein hinzuschauen vermag auf dasjenige, was im Gedanken aufsteigt, wenn Gedanke an Gedanke sich entzündet so, wie ich es beschrieben habe. Da schaut man hinein. Das heißt, man ist es nicht mehr selbst bei seinem gewöhnlichen Ich, sondern man ist es mit dem entwickelten Bewusstsein für das Geistige, mit dem entwickelten schauenden Bewusstsein.

[ 47 ] In this way, one gains the ability to detach the will from its ordinary contexts and spiritualize it, so that it develops its own consciousness, which now contains something quite different from the mental image of ordinary consciousness. As one progresses further and further along the path I have only hinted at, one feels more and more filled with inner spirituality. And now one experiences that the one can unite with the other, that the consciousness of the ordinary day is truly extinguished, just as the dream disappears in comparison to daytime consciousness, and that that which what comes to life in the will as a different consciousness is able to look at what arises in thought when thought ignites thought, as I have described. There one looks in. That is, one is no longer oneself with one's ordinary ego, but one is with the developed consciousness for the spiritual, with the developed seeing consciousness.

[ 48 ] Da schaut man hinein in die ewigen Kräfte der Menschenseele dadurch, dass das immer mehr und mehr ausgebildet wird, von dem ich erzählt habe, dass der Weg fortgesetzt wird. Dabei kommt es nur darauf an, dass man ihn in Geduld wirklich so fortsetzt, wie man ihn begonnen hat. Wenn das so fortgesetzt wird, dann erlangt man allmählich die Fähigkeit, nicht bloß zunächst mit seiner gegenwärtigen Seele zu leben — ich habe ja gezeigt, wie man dazu kommt, den Gedanken hinuntersinken zu lassen in die Untergründe, gleichsam in die Unterwelt des Seelenlebens —, man gelangt allmählich dazu, überhaupt diese Untergründe des Seelenlebens mit der Seele selbst zu beleuchten, und man kommt dazu, etwas in sich aufleben zu wissen, was man sonst beim gewöhnlichen Tagesbewusstsein niemals auflebend hat, man kommt dazu, dasjenige in sich aufleben zu lassen, was man vergessen hat für dieses gewöhnliche Tagesbewusstsein in allen normalen Fällen.

[ 48 ] Then one looks into the eternal powers of the human soul by developing more and more what I have described, by continuing on the path. The only thing that matters is that one patiently continues as one has begun. If one continues in this way, then one gradually acquires the ability not only to live with one's present soul — I have shown how one can let one's thoughts sink down into the depths, as it were, into the underworld of soul life — but one gradually comes to illuminate these depths of soul life with the soul itself, and you come to know something within yourself that you would never experience in ordinary everyday consciousness; you come to let something within yourself come to life that you have forgotten in this ordinary everyday consciousness in all normal cases.

[ 49 ] Sie wissen, sehr verehrte Anwesende, man hat vergessen für das gewöhnliche Tagesbewusstsein dasjenige, was sich in den allerersten Zeiten unseres physischen Lebens abgespielt hat. Nur bis zu einem gewissen Momente erinnert man sich zurück, was vorher liegt, kann einem nur erzählt werden, weil man nicht zurückschaut auf das seelische Leben, das diesem Zeitpunkt vorangegangen ist. Dieses Seelenleben ist ebenso in eine Seelendunkelheit gehüllt, wie das Schlafen in Seelendunkelheit gehüllt ist. Das Kind schläft daher auch in seiner ersten Lebenszeit, so das Leben führend, ähnlich wie der Schlaf das Leben führt. Die Seele aber lebt; aber sie lebt anders, als sie später lebt, wenn sie voll ihren Willen gebraucht, wenn sie bewusst ihren Willen gebraucht. Die Seele lebt in den ersten Jahren schlafend, sodass im Organismus erst dasjenige zubereitet wird, was später gebraucht wird, um die Welt wahrzunehmen und in die Welt selbst einzugreifen Und wenn die Seele am Leibe schafft, wenn überhaupt die Kräfte — ob man sie seelisch oder wie immer nennt —, die den Menschen zugrunde liegen, am Menschen schaffen, dann können sie nicht zu gleicher Zeit wahrgenommen werden, dann können sie auch nicht zu gleicher Zeit Bewusstes leisten. Daher haben wir während des Schlafes, wo gearbeitet wird an unserem Organismus, wenigstens dasjenige, was verbraucht ist während des Tages, wiederum ersetzt — [was ersetzt] werden muss —, daher haben wir da kein Bewusstsein. Aber in der Rückerinnerung — wenn ich jetzt diesen Ausdruck gebrauchen darf —, die dadurch hervorgerufen wird, dass der Gedanke also verfolgt wird in die Untergründe der Seelennatur, wie ich es beschrieben habe, taucht allmählich die Fähigkeit auf, die Seele da zu erfassen, wo sie nicht erfasst werden kann im gewöhnlichen Bewusstsein, in jenem Wesen zu erfassen, das noch tätig an dem Organismus war, so tätig, dass es nichts abgeben konnte für das bewusste äußere Leben, dass man sich nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein dazu zurückerinnern kann.

[ 49 ] You know, dear audience, that we have forgotten for ordinary daytime consciousness what took place in the very earliest times of our physical life. We can only remember back to a certain point in time; what lies before that can only be told to us, because we do not look back on the soul life that preceded this moment. This soul life is shrouded in soul darkness, just as sleep is shrouded in soul darkness. The child therefore also sleeps in its first period of life, leading its life in a similar way to how sleep leads life. The soul, however, lives; but it lives differently than it does later, when it fully uses its will, when it consciously uses its will . The soul lives in the first years asleep, so that the organism first prepares what will later be needed to perceive the world and to intervene in the world itself. And when the soul works on the body, when the forces — whether you call them spiritual or whatever — that underlie human beings work on human beings, then they cannot be perceived at the same time, then they cannot achieve anything at the same time. . Therefore, during sleep, when our organism is working, we at least replace what has been consumed during the day — [what must be replaced] — therefore we have no consciousness there. But in the recollection — if I may use this expression — which is brought about by the thought being pursued into the depths of the soul's nature, as I have described, the ability gradually emerges to grasp the soul where it cannot be grasped in ordinary consciousness, to grasp it in that being that was still active in the organism, so active that it could give nothing to conscious outer life, that one cannot remember it with ordinary consciousness.

[ 50 ] So ist es, wie wir im äußeren Raum, wenn wir etwas anschauen wollen, das wir von Ferne nicht sehen, in der Nähe sehen wollen, wie wir da hingehen müssen, so müssen wir die Seele erfassen, hinschauend durch die Zeit was wir gelernt haben —, hinschauend durch die Zeit in einen andern Zeitpunkt als der gegenwärtige. Da in einem anderen Zeitpunkte leben alle die Vorstellungen, an die man sich im gewöhnlichen Bewusstsein erinnert; man muss zurück auf die Zeit schauen, bevor die Seele, sozusagen das Seelenleben geboren worden ist. In diesem Augenblick aber, wo man ankommt gewissermaßen mit seinem schauenden Blick bei dem Seelenleben, das ja unserer noch unbewussten Kindheit zugrunde liegt, in dem Augenblick lernt man erkennen, was dieses Seelenleben da war.

[ 50 ] Just as in outer space, when we want to see something that we cannot see from a distance, we have to go closer, so we have to grasp the soul, looking through time at what we have learned — looking through time to a point in time other than the present. All the mental images that we remember in ordinary consciousness live in another point in time; we must look back to the time before the soul, so to speak, was born. But at that moment, when we arrive, as it were, with our gaze on the soul life that underlies our still unconscious childhood, at that moment we learn to recognize what this soul life was.

[ 51 ] Es ist ein erschütternder Anblick. Es ist ein Anblick, ein geistiger Anblick, der wirklich gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein etwas darbietet, wie das gewöhnliche Bewusstsein gegenüber dem chaotischen, bilderhaften Traumleben. Denn so, wie man im gewöhnlichen Bewusstsein weiß: die äußere Wirklichkeit ist zugedeckt, so weiß man, sobald man nur mit einem schauenden Blick angelangt ist bei jener Kindheitsseele, wie ich sie eben charakterisiert habe, so weiß man, dass dieser Blick gerichtet ist nun und gerichtet werden kann auf alles dasjenige, was im Organismus bereits beginnt in dem Augenblicke, wo der Organismus anfängt, mit seinem Willen in die Außenwelt einzugreifen. Wo der Mensch sozusagen nicht so bewusst wird, dass er sich an die Erlebnisse erinnern kann, da beginnt zugleich alles dasjenige, was später den Tod hereinträgt — gleichgültig, welchen Tod, ob es ein Tod in früheren Jahren, ob es der natürliche Tod später ist —, was den Tod hereinträgt in unser Leben. Ich kann heute wegen der Kürze der Zeit den Unterschied zwischen einem durch Unglück erfolgten und einem frühen oder dem Alterstod nicht ausführen; aber dasjenige, was ich sage, gilt für alles das. Alles das, was den Tod herbeiführt, alles das ist diesem Seelenblick gegeben, der zurückgelangt ist bis zu jener Kindheitsstufe, von der gesprochen worden ist. Und wie die äußere Wahrnehmungswelt eine tote ist gegenüber der äußeren Natur und ihrer geistigen Mittel und ihrer Wesenheit, so ist das Leben, das sich abspielt, gewissermaßen ein Fluss, der uns trennt von dem, was sich im Tode verbirgt.

[ 51 ] It is a shocking sight. It is a sight, a spiritual sight, that truly presents something to ordinary consciousness, just as ordinary consciousness presents something to the chaotic, pictorial life of dreams. For just as one knows in ordinary consciousness that external reality is covered up, as soon as one arrives at that childhood soul, as I have just characterized it, with a contemplative gaze, one knows that this gaze is now directed and can be directed at everything that is already beginning in the organism at the moment when the organism begins to intervene in the outside world with its will. Where the human being does not become so conscious that he can remember the experiences, everything that later brings death begins at the same time — regardless of what kind of death, whether it is death in earlier years or natural death later —, which brings death into our lives. Due to time constraints, I cannot explain today the difference between death caused by misfortune and early or old age death; but what I am saying applies to all of these. Everything that brings about death is given to this soul's gaze, which has returned to the stage of childhood that has been spoken of. And just as the external world of perception is dead in relation to external nature and its spiritual means and essence, so the life that unfolds is, in a sense, a river that separates us from what is hidden in death.

[ 52 ] Nun gewöhnt man sich erst, wenn man diese Entwicklung des Seelenlebens durchgemacht hat, nicht bloß dasjenige in sich zu empfinden und zu spüren, was aufstrebendes Leben ist. Das muss man empfunden und verspürt haben im Tagesbewusstsein, sonst würde sich das Leben in der äußeren Welt für uns nicht richtig abspielen können. Auch die äußere Wissenschaft sucht immer die aufsteigenden Prozesse. Jetzt aber richtet sich der Blick hin auf dasjenige, was gerade abbauend im Leben ist, zuletzt den Tod herbeiführt. Wir stehen gewissermaßen mit diesem Hineinversetzen in die Kindheit an einem Ufer, sehen hinüber auf das andere Ufer, wo der Tod ist, aber abgetrennt durch das physische Leben. Wir sehen, wie wir früher durchs Leben gegangen sind und was wir neu veranlagen durch die Vergangenheit, durch den Tod, durch die Auflösung, durch die Abbauung. Wir sehen, wie, indem der Leib sich abbaut, sich — so viel abgebaut wird — immer neue ewige Seelenkräfte entwickeln, die durch die Pforte des Todes schreiten. Wir sehen dasjenige, was mit dem Tode geboren wird, wir sehen das durch das Leben getrennt, durch das physische Leben getrennt von dem, was durch unsere Geburt hereingezogen ist, getrennt. Wir blicken — indem wir gewissermaßen von unserem Anfang des Seelenlebens zu unserem Ende hinschauend, nun von dem Ende dann ebenso abgetrennt sind durch das physische Leben, wie sonst die äußere Wahrnehmung von der äußeren Welt —, so blicken wir hin auf dasjenige, was lebt und webt, sodass es durch die Todespforte geht, dass es, indem es wirkt an der äußeren Auflösung unseres Leibes, sich geistig gebiert, in die geistige Welt hineingehend.

[ 52 ] Only when one has gone through this development of the soul life does one become accustomed to feel and sense within oneself what is aspiring life. One must have felt and sensed this in daily consciousness, otherwise life in the outer world would not be able to unfold properly for us. Outer science, too, always seeks the ascending processes. But now the gaze is directed toward that which is currently in decline in life, ultimately bringing about death. We stand, as it were, with this immersion in childhood on one shore, looking across to the other shore, where death is, but separated by physical life. We see how we used to go through life and what we are newly predisposed to through the past, through death, through dissolution, through decay. We see how, as the body breaks down — as much as it breaks down — new eternal soul forces are always developing, passing through the gate of death. We see that which is born with death, we see that which is separated by life, separated by physical life from that which was brought in through our birth. We look — as we look, in a sense, from the beginning of our soul life to its end, now separated from the end in the same way by physical life, as otherwise the outer perception of the outer world — we look at that which lives and weaves, so that it passes through the gate of death, so that, by working on the outer dissolution of our body, it is spiritually born, entering into the spiritual world.

[ 53 ] Mühselige innere Gedankenerlebnisse stehen am Anfange des geistesforscherischen Weges; das Erkennen des übersinnlichen Lebens, des Ewigen in der Menschenseele, das Erkennen desjenigen, was durch Geburt und Tod geht, das steht im weiteren Verlauf. Und dadurch stehen wir dann mitten drinnen in dem, was losgelöst, ergriffen und begriffen werden kann von der Körperlichkeit. Und durch dieses — was so losgerissen werden kann durch solches schauendes Bewusstsein von der Körperlichkeit — kommt der Mensch in Zusammenhang mit einer geistigen Welt, die ebenso wirklich ist wie die physische Welt; die physische Welt wird durchdrungen von einer geistigen Welt. Und wir gehören, wir wissen es nun, dieser geistigen Welt mit den übersinnlichen, ewigen Kräften unserer Seele an. Und innerlich wird dasjenige erlebt, erlebt jetzt — was Goethe bloß schauen wollte an der Außenwelt — in dem einfachen Beispiel seiner Metamorphosenwelt.

[ 53 ] Arduous inner thought experiences stand at the beginning of the path of spiritual research; the recognition of the supersensible life, of the eternal in the human soul, the recognition of that which passes through birth and death, stands in the further course. And through this we then stand in the midst of that which can be detached, grasped, and understood from physicality. And through this — what can be torn away from physicality through such contemplative consciousness — human beings come into contact with a spiritual world that is just as real as the physical world; the physical world is permeated by a spiritual world. And we now know that we belong to this spiritual world with the supersensible, eternal powers of our soul. And inwardly, what Goethe merely wanted to see in the outer world is now experienced — in the simple example of his world of metamorphoses.

[ 54 ] Wie er in dem grünen Pflanzenblatt schon schauen wollte die Blüte, die sich daraus umwandelt, und wie er das konnte, weil er das Denken in sich beweglich machte, sodass es weben konnte von einem Ding zum anderen, so kommt das Denken, so kommt das innere Seelenleben — das volle innere Seelenleben, nicht das abstrakte —, so kommt dieses dazu, im gegenwärtigen Leben zu wissen: Dasjenige, was in diesem gegenwärtigen Leben wie die Knospe in der Blüte zur neuen Pflanze sich hinüberentwickelt, was in dem gegenwärtigen Leben zu einem folgenden Erdenleben als dessen Frucht sich entwickelt, das ist übersinnliches Erleben. Und so wie man im äußeren Leben weiß, dass auf den heutigen Tag der folgende folgen wird, so lernt man wissen, dass in diesem einen Erdenleben durch die in ihn immer wirkenden ewigen, übersinnlichen Kräfte folgende Erdenleben weben; so wie man — wenn man gelernt hat, zurückzuschauen auf dasjenige, was vor diesem Bewusstsein da war — zurückschauen lernt auf frühere Erdenleben, wie von dem heutigen Tag auf den gestrigen, auf die vorhergehenden. Das alles wird inneres Erleben. Und eine geistige Welt überhaupt tritt auf diese Weise zu der sinnlichen hinzu, und in dieser geistigen Welt lernen wir das Eigentliche, Ewige der Menschenseele erkennen.

[ 54 ] Just as he wanted to see in the green plant leaf the flower that transforms from it, and just as he was able to do so because he made his thinking mobile within himself so that it could weave from one thing to another, so thinking comes, so inner soul life comes — full inner soul life, not abstract soul life — so this comes to know in the present life: That which in this present life develops like the bud in the flower into a new plant, that which in the present life develops into a subsequent earthly life as its fruit, that is supersensible experience. And just as one knows in outer life that today will be followed by tomorrow, so one learns to know that in this one earthly life, through the eternal, supersensible forces always at work in it, subsequent earthly lives are woven; just as — once one has learned to look back on what was there before this consciousness — one learns to look back on previous earthly lives, as from today on yesterday, on the days before. All this becomes inner experience. And in this way a spiritual world joins the sensory world, and in this spiritual world we learn to recognize the true, eternal nature of the human soul.

[ 55 ] Nicht durch Hypothesen, nicht durch Theorien, sondern allein dadurch, dass das innere Erleben erweckt wird, sodass gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein ein Erwachen eintritt, kann das ewige Leben der Menschenseele erforscht werden. Aber man glaube nicht, dass dasjenige, was auf diese Weise, so wie etwa im Verlauf des heutigen Vortrages gesagt wurde, dass dieses geistige Erleben des Menschen nur einen Wert haben könne für den, der nun dieses geistige Erleben selber mitmachen kann. So wie dasjenige, was der Chemiker erzeugt durch seine Wissenschaft, nicht bloß für den Chemiker einen Wert hat, sondern auch für den Nichtchemiker, für den, der nicht die Vorgänge kennt, durch die es hervorgebracht worden ist, so kann dasjenige, was durch die Geistesforschung erforscht wird, mitgeteilt werden. Und obwohl heute jeder — Sie können das wiederum nachlesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?» und in den andern Büchern —, wie heute jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann — die Kräfte ruhen in der Seele in unserer heutigen Zeit, die dazu notwendig sind —, so ist es aber noch nicht notwendig; sondern dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft herausgeholt wird, das trägt in sich selber seine Bewahrheitung, wenn man es nur unbefangen genug, vorurteilsfrei genug aus der Mitteilung heraus aufnimmt.

[ 55 ] Not through hypotheses, not through theories, but solely through the awakening of inner experience, so that an awakening occurs in relation to ordinary consciousness, can the eternal life of the human soul be explored. But one should not believe that what has been said in this way, as for example in the course of today's lecture, that this spiritual experience of the human being can only have value for those who can now participate in this spiritual experience themselves. Just as what the chemist produces through his science is not only of value to the chemist, but also to the non-chemist, to those who do not know the processes by which it was produced, so too can that which is explored through spiritual research be communicated. And although today everyone — you can read about this again in my book How to Know Higher Worlds and in my other books — how today everyone can become a spiritual researcher to a certain degree — the powers necessary for this lie dormant in the soul in our present time — it is not yet necessary; but what is brought out of Spiritual Science carries its own verification within itself, if one only receives it impartially enough, without prejudice, from the communication.

[ 56 ] Oftmals wird von denjenigen, die die Leute fernhalten wollen von der Geisteswissenschaft, die ihnen diese Geisteswissenschaft als unzugänglich schildern, oftmals wird von denjenigen gesagt: Ja, diese Geisteswissenschaft, die ist eine Wissenschaft, und sie ist nur für diejenigen, die sich die Vorbedingungen zu dieser Wissenschaft oder überhaupt wissenschaftliche Vorbedingungen angeeignet haben. Zu einer einzelnen Wissenschaft, sehr verehrte Anwesende, gehören gewiss gewisse Vorbedingungen. Dasjenige aber, was durch die Geisteswissenschaft aus geistigen Welten herausgeholt ist, das ist, wenn es richtig geformt ist — selbstverständlich kann heute vieles erst mangelhaft geformt werden, denn wir stehen im Anfange dieser Geisteswissenschaft —, das aber ist, wenn es richtig geformt ist, so unmittelbar durch seinen eigenen Inhalt einleuchtend, dass gesagt werden darf: Nichts anderes ist notwendig zum Verständnisse und zum Sich-Durchdringen mit der Geisteswissenschaft als gesunder Verstand, gesunder Menschensinn; und der wird in der Welt nicht nur so leben wollen, wie es ihm instinktiv angewiesen wird von den Verhältnissen der Welt, sondern mit Verständnis drinnen stehen wollen in den Erscheinungen der Welt. Gesunder Verstandesgebrauch und der Wille, mit Verständnis in der Welt stehen zu wollen, das sind die einzigen Vorbedingungen zum Auffassen der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Und wer sich mit diesem gesunden Verstandesgebrauch und mit dem charakterisierten Willen auf die Geisteswissenschaft einlässt, der wird sehen, dass er, und sei er sonst noch so ferne allem wissenschaftlichen Streben, dieser Geisteswissenschaft gewachsen ist, dass sie ihm aber auch werden kann ein wichtiger, wesentlicher Inhalt für das Leben, dass sie sein Leben ausfüllen kann mit einer Kraft, die er — nachdem das alles im Verlaufe der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit sich zugetragen hat, was im Beginne meines heutigen Vortrages beschrieben worden ist —, mit einer Kraft, die er hat innerhalb des Lebens.

[ 56 ] Those who want to keep people away from Spiritual Science, who describe it as inaccessible, often say: Yes, Spiritual Science is a science, and it is only for those who have acquired the prerequisites for this science or scientific prerequisites in general. A single science, dear friends, certainly requires certain prerequisites. But what Spiritual Science brings out of the spiritual worlds, if it is correctly formed — of course, much of it can only be imperfectly formed today, because we are at the beginning of the Spiritual Science — but when it is correctly formed, it is so immediately obvious through its own content that it can be said: Nothing else is necessary for understanding and penetrating the Spiritual Science than a healthy mind, a healthy human sense; and that person will not only want to live in the world as instinctively dictated by the circumstances of the world, but will want to stand within the phenomena of the world with understanding. Healthy use of the intellect and the will to stand with understanding in the world are the only prerequisites for grasping Spiritual Science or anthroposophy. And anyone who engages with Spiritual Science with this healthy use of reason and with the will described above will see that, however far removed they may otherwise be from all scientific endeavors, they are equal to this Spiritual Science, and that it can also become an important, essential content for life, that it can fill their life with a power that they have within themselves — after everything that has happened in the course of human history, as described at the beginning of my lecture today.

[ 57 ] Und würden diejenigen, sehr verehrte Anwesende, in denen der Trieb nach solchen geistigen Erkenntnissen — wie sie die Anthroposophie bietet — wie eine dunkle Sehnsucht lebt, würden die voll bewusst heute schon von diesen ihren dunklen Trieben wissen, dann würde die Geisteswissenschaft in ganz anderer Lage gegenüber der Welt sein. So aber lebt vorläufig dasjenige, was zur Geisteswissenschaft hinführt, vielfach in den Menschen als dunkler Trieb und äußert sich in einer Weise, die man oftmals nicht versteht, als diese oder jene Beunruhigung im Leben, als diese oder jene Unsicherheit im Leben, all das, was einem das Leben nach der einen oder nach der anderen Weise unerträglich und schmerzhaft macht, was einen haltlos macht im Leben, was einen dazu führt, über das Leben allerlei Gedanken zu haben, die sich dann gegenüber der Praxis des Lebens nicht verwirklichen können. Werden einmal die Menschen dasjenige voll erfassen, was heute in unzähligen Seelen als ein dunkler Trieb waltet, der sich durch solche Unsicherheit oder als solches instinktives Tappen im Leben kundgibt, werden die Menschen [sich] bewusst dieser Sehnsucht, dieses Triebes zur Geisteswissenschaft, dann wird Geisteswissenschaft befruchtend einwirken können auf das Leben, denn das wird sich zeigen, dass sie allen anderen Wissenschaften gerade das sein kann, was die fragen.

[ 57 ] And if those of you here today in whom the urge for such spiritual knowledge — as offered by anthroposophy — lives as a dark longing, if you were fully aware of these dark urges of yours today, then Spiritual Science would be in a completely different position in relation to the world. But for the time being, what leads to Spiritual Science often lives in people as a dark urge and expresses itself in ways that are often not understood, as this or that anxiety in life, as this or that uncertainty in life, all that which makes life unbearable and painful in one way or another, which makes one unstable in life, which leads one to have all kinds of thoughts about all kinds of thoughts about life that cannot be realized in the practice of life. Once people fully grasp what is at work today in countless souls as a dark impulse, which manifests itself through such uncertainty or as such instinctive groping in life, once people become become aware of this longing, this urge for Spiritual Science, then Spiritual Science will be able to have a fruitful effect on life, for it will become apparent that it can be precisely what all other sciences are seeking.

[ 58 ] Wenn wir heute — und übermorgen soll über diese Dinge weiter gesprochen werden —, wenn wir heute anderen Wissenschaften gegenüber uns in ihre Errungenschaften vertiefen, so gehen nicht Antworten aus ihnen hervor, sondern Fragen, Fragen, die nun erst in der Geisteswissenschaft beantwortet werden. Und so ist es mit dem Leben. Aus dem heutigen Leben quellen Bedürfnisse, die erst durch jene Kräfte bewältigt werden, welche in uns kommen, wenn wir die Mitteilungen aus den geistigen Welten empfangen können, die der Geistesforscher aus ihnen holen kann. Das Leben, es wird von dem, was man heute oftmals denkt, durchaus nicht so beeinflusst, dass man spürt, die Ideen der Menschen, selbst die Ideen, die reformatorische Menschen in der Gegenwart haben wollen, seien so eigentlich praktisch; man merkt, wenn man mit den Ideen an das Leben herangeht, wie das Leben dann überall zurückstößt, wie das Leben unendlich viel reicher ist als die Ideen, die man sich aus den alten Impulsen heraus machen will.

[ 58 ] When we today — and the day after tomorrow we shall talk more about these things — when we today immerse ourselves in the achievements of other sciences, they do not provide us with answers, but with questions, questions that can only be answered in Spiritual Science. And so it is with life. Today's life gives rise to needs that can only be met by those forces that come into us when we are able to receive the messages from the spiritual worlds that the spiritual researcher can draw from them. Life is by no means influenced by what people often think today, so that one feels that the ideas of human beings, even the ideas the reformers of the present day want to have, are actually so practical; when one approaches life with these ideas, one notices how life then recoils everywhere, how life is infinitely richer than the ideas one wants to form from the old impulses.

[ 59 ] Geisteswissenschaft wird man leicht für phantastisch halten; sie ist das Allerunphantastischste. Sie ist dasjenige, dem gegenüber viele von den Ideen, die heute die Menschen für sehr praktisch halten, wie träumerische Ideen verhalten. Denn die Ideen, die für das Leben aus der Geisteswissenschaft hervorgehen, sie sind der wahren Wirklichkeit entnommen und werden deshalb sich als wahrhaft praktische Ideen gerade in das Leben hereinergießen können. Lebenspraxis wird in ganz anderem Sinne erfließen aus dem, was der Mensch durch Geisteswissenschaft gewinnt, als heute erfließen kann für die Lebenspraxis, für die Lebenspraxis der neueren Zeit aus den Ideen, die man aus demjenigen Wissen und jenem Wollen herleitet, das noch nicht von der Geisteswissenschaft befruchtet ist.

[ 59 ] Spiritual Science is easily considered fantastical; it is the most non-fantastical thing there is. It is that which many of the ideas that people today consider very practical like dreamy ideas. For the ideas that emerge for life from Spiritual Science are taken from true reality and will therefore be able to pour into life as truly practical ideas. Practical life will flow in a completely different sense from what human beings gain through Spiritual Science than can flow today for practical life, for the practical life of modern times from the ideas derived from knowledge and will that have not yet been fertilized by Spiritual Science.

[ 60 ] Wir werden übermorgen sehen, sehr verehrte Anwesende, dass viele Gründe vorhanden sind in der Gegenwart, Geisteswissenschaft zurückzuweisen. Heute soll zum Schluss nur noch darauf aufmerksam gemacht werden, dass in der Geisteswissenschaft selber mancherlei liegt, was überwunden werden muss, überwunden werden muss aber — und kann gerade — durch die innere Entwicklung, die ich geschildert habe. Auf der einen Seite ruht die Gefahr für den, der zur geistigen Forschung sich entwickeln will, die Gefahr, allerdings in Phantastik zu verfallen. Aber es ist nur eine Gefahr. Die Gefahr kann niemals Wirklichkeit werden, wenn der geisteswissenschaftliche Weg in der rechten Weise beschritten wird. Alles Phantastische, Visionäre, alles dasjenige, was krankhaftes Seelenleben ist, wird gerade durch den regelrechten, normalen Gang der Geistesforschung ausgemerzt. Wer erfahren hat in diesem Gang der Geistesforschung, wie das Denken wirkt, wenn es sich so entwickelt, wie es beschrieben worden ist, der merkt: Bei dieser Entwicklung gibt es gewisse Momente, wo man denkt und denkt, aber weiß: Jetzt musst du mit dem Denken stillstehen, du darfst jetzt nicht weiterschreiten; denn jetzt ist der Punkt angekommen, wo du das Denken hinunterschicken musst in die Untergründe gewissermaßen — in die unterbewussten — der Seele, damit es in anderer Form wiederum herauftaucht. Man lernt die Grenzen des lebendigen Denkens kennen und hört auf zu denken in dem Moment, wo man in die Phantastik verfallen würde. Das ist eine Errungenschaft, die man sich aneignet. In dem Augenblicke, wo die Vision, ja wo nur das Phantasiemäßige, wo die Einbildung beginnt, in dem Augenblicke hört dasjenige auf, was man sich gerade als eine starke innere lebendige Kraft aneignet durch die geistesforscherischen Methoden.

[ 60 ] The day after tomorrow, dear friends, we will see that there are many reasons in the present to reject Spiritual Science. Today, in conclusion, we should only point out that there are many things in Spiritual Science itself that must be overcome, but that they must be overcome — and can be overcome — through the inner development I have described. On the one hand, there is a danger for those who want to develop themselves in spiritual research, namely the danger of falling into fantasy. But it is only a danger. The danger can never become reality if the path of Spiritual Science is followed in the right way. Everything fantastical, visionary, everything that is a sick soul life, is eradicated precisely by the proper, normal course of spiritual research. Those who have experienced in this course of spiritual research how thinking works when it develops as described will notice that in this development there are certain moments when one thinks and thinks, but knows: Now you must stop thinking, you must not go any further; because now you have reached the point where you must send your thinking down into the depths, so to speak — into the subconscious — of the soul, so that it can reemerge in a different form. You learn the limits of living thinking and stop thinking at the moment when you would fall into fantasy. This is an achievement that you acquire. The moment when the vision, indeed when only the fantastical, when the imagination begins, the moment when what you are acquiring as a strong inner living force through spiritual research methods ceases.

[ 61 ] Und auf der anderen Seite ist die Gefahr vorhanden, weil man das innere Willensleben loslösen muss von dem leiblichen Leben, die Gefahr vorhanden — es ist eine wirkliche Gefahr, aber sie verwirklicht sich nicht, sie wird nicht zur Realität, wenn der Weg in der entsprechenden Weise gegangen wird, wenn gerade der Weg gegangen wird, auf den heute als einen gesunden hingedeutet worden ist —, diese andere Gefahr ist die, dass der Mensch immer mehr und mehr in einen stärkeren Egoismus hineinverfällt, als der Egoismus des gewöhnlichen Lebens schon ist. So paradox es klingt, es muss gesagt werden, denn es ist so. Geradezu in einen raffinierten Egoismus kann die Geistesforschung hineinführen. Dadurch, dass das Willensleben erstarkt, erkraftet wird, vertieft wird, dadurch wird das innere Bewusstsein, die Geneigtheit, mit seinem Inneren zu leben, immer stärker und stärker. Allein, wenn es mit vollem Bewusstsein entwickelt wird, wenn wirklich — durch die genannten Wege, die geschilderten Wege — das Bewusstsein richtig erwacht, dann beginnt zu gleicher Zeit in dem Momente, wo der Egoismus beginnen würde, ein Erlebnis, das den Egoismus gehörig vertreibt: Es beginnt das Erlebnis einer trostlosen Einsamkeit und Einöde. Wie auf einer Insel des Lebens, ohne die Möglichkeit, von dieser Insel hinauszukommen, so fühlte man sich, wenn man wollte den Egoismus wachsen lassen. Daher geht mit aller Entwicklung zur Geistesforschung die innere Zucht mit sich mit, welche zu gleicher Zeit diesen Egoismus überwindet, und welche macht, dass wir nicht auf eine einsame Seeleninsel verschlagen werden, in der wir in Trostlosigkeit und dem Gefühle der Einödigkeit vergehen müssten, sondern dass wir dasjenige, was wir entwickeln, in Zusammenhang bringen mit der Welt, so wie wir beim Aufwachen unsern Willen mit der äußeren physischen Wirklichkeit in Zusammenhang bringen.

[ 61 ] And on the other hand, there is a danger, because one must detach one's inner life of will from one's physical life, there is a danger — it is a real danger, but it does not materialize, it does not become reality if the path is followed in the appropriate manner, if the path that has been indicated today as a healthy one is followed — this other danger is that people will fall more and more into a stronger egoism than the egoism of ordinary life already is. As paradoxical as it sounds, it must be said, because it is so. Spiritual research can lead to a refined form of egoism. As the life of the will is strengthened, empowered, and deepened, the inner consciousness, the inclination to live with one's inner self, becomes stronger and stronger. However, if it is developed with full consciousness, if consciousness truly awakens in the right way — through the paths mentioned, the paths described — then at the very moment when egoism would begin, an experience begins that properly dispels egoism: the experience of desolate loneliness and desolation begins. As if on an island of life, without the possibility of leaving this island, that is how one would feel if one wanted to let egoism grow. Therefore, all development toward spiritual research is accompanied by inner discipline, which at the same time overcomes this egoism and ensures that we are not cast onto a lonely island of the soul, where we would have to perish in desolation and feelings of desolation, but that we connect what we develop in connection with the world, just as when we wake up we connect our will with external physical reality.

[ 62 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft an Gefahren erzeugen könnte, das überwindet sie zu gleicher Zeit, wenn sie sich in der richtigen Weise entwickelt. Aber aufmerksam darauf muss gemacht werden, damit diejenigen, die nur einiges kennenlernen, und nichts Vollständiges kennenlernen, diese böse Frucht der Geisteswissenschaft nicht mit dieser Geisteswissenschaft, mit der wahren Geisteswissenschaft oder Anthroposophie selbst, verwechseln.

[ 62 ] Whatever dangers Spiritual Science might create, it overcomes at the same time when it develops in the right way. But attention must be drawn to this so that those who only learn a little and do not learn the whole do not confuse this evil fruit of Spiritual Science with Spiritual Science itself, with true spiritual science or anthroposophy itself.

[ 63 ] Über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu andern Weltanschauungen und zu ihren Gegnerschaften soll, wie gesagt, übermorgen gesprochen werden. Diese Gegnerschaften sind nur allzu begreiflich. Derjenige aber, der sich einlebt nicht in die Geistesforschung, sondern nur in die Mitteilungen der Geistesforschung, und diese Mitteilungen anwendet auf das Leben und sieht, wie sich mit ihnen leben lässt, der weiß, dass Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nichts ist, was willkürlich hereingestellt wird in die gegenwärtige Kultur, sondern was von dieser Kultur selbst gefordert wird. Denn er weiß — lassen Sie mich damit schließen —, denn er weiß, dass dasjenige, was den Menschen umgibt, worinnen der Mensch leben muss, die geistigen, die sozialen, die technischen, überhaupt die geistigen, die ideellen und die praktischen Seiten des Lebens, dass diese in den verschiedenen geschichtlichen Zeitaltern immer andere sind. Er weiß, welches Gesicht dem modernen Leben Naturwissenschaft und die Errungenschaften der Naturwissenschaft, welches Gesicht dem modernen Leben die neu erwachten, in früheren Jahrhunderten gar nicht vorhandenen sozialen Triebe und Bedürfnisse gegeben haben, und er lernt erkennen, dass dieses moderne Leben ist ohne Geisteswissenschaft wie ein Buch, das wir vor uns haben, und dessen Schriftzeichen in einer Sprache abgefasst sind, die wir nicht lesen können, von dem wir aber nach seinem äußeren Ansehen wissen oder durch andere Zusammenhänge wissen, dass es etwas außerordentlich Leben-Bestimmendes enthält. Wie wir lesen lernen wollen, verstehen lernen wollen die Sprache dieses Buches, wenn wir die Ahnung von seiner Wichtigkeit haben, so wollen wir lesen lernen das Buch der Welt, das durch das moderne Leben vor uns hingelegt ist. Und das Bedürfnis, dieses durch die andere Lebensentwicklung vor uns hingelegte, in früheren Jahrhunderten also nicht vorhandene und deshalb auch seinem Sinne nach nicht ersehnte Lebensbuch — das Bedürfnis, dieses Buch des Lebens, wie es heute ist, wie es in der Zukunft immer mehr sein wird für den Menschen und für seine Bedürfnisse —, dieses Buch lesen zu lernen, dieses Bedürfnis heißt dem modernen Leben gegenüber das geisteswissenschaftliche Bedürfnis. Und nur diesem naturgemäßen, selbstverständlichen Bedürfnis will Geisteswissenschaft, will Anthroposophie entgegenkommen. Es ist nichts Willkürliches; sie erkennt an eine Notwendigkeit im modernen Leben, die zu ihr gehört, und will dieser Notwendigkeit genügen. Geisteswissenschaft oder Anthroposophie will Antwort sein auf alles dasjenige, was notwendigerweise die andere Wissenschaft, das übrige Leben an den modernen Menschen stellen mussten.

[ 63 ] As I said, we will talk about the relationship of Spiritual Science to other worldviews and to its opponents the day after tomorrow. These opponents are only too understandable. But those who do not immerse themselves in spiritual research, but only in the communications of spiritual research, and applies these communications to life and sees how they can be lived with, knows that Spiritual Science or anthroposophy is not something that is arbitrarily introduced into contemporary culture, but something that is demanded by this culture itself. For they know — let me conclude with this — they know that what surrounds human beings, what they must live in, the spiritual, social, and technical aspects of life, indeed all the spiritual, ideal, and practical aspects of life, are always different in different historical epochs. He knows what face modern life has been given by natural science and the achievements of natural science, what face modern life has been given by the newly awakened social instincts and needs that did not exist in earlier centuries, and he learns to recognize that this modern life without Spiritual Science is like a book we have before us, whose characters are written in a language we cannot read, but from whose outward appearance or from other contexts we know that it contains something extraordinarily life-determining. Just as we want to learn to read, want to learn to understand the language of this book, if we have an inkling of its importance, then we want to learn to read the book of the world that modern life has placed before us. And the need to learn to read this book of life, which has been laid before us by the development of life, which did not exist in earlier centuries and therefore was not longed for in its meaning — the need to learn to read this book of life as it is today, as it will increasingly be in the future for human beings and their needs — this need to read this book this need is the spiritual-scientific need in relation to modern life. And it is only this natural, self-evident need that Spiritual Science, that anthroposophy, wants to meet. There is nothing arbitrary about it; it recognizes a necessity in modern life that belongs to it and wants to satisfy this necessity. Spiritual Science or anthroposophy wants to be the answer to everything that other science and the rest of life must demand of modern human beings.