Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a
16 Oktober 1916, Liestal
Das Menschliche Leben und die Anthroposophie
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wie bei dem ersten Vortrage, den ich über Geisteswissenschaft oder Anthroposophie hier halten durfte im Beginne dieses Jahres, bezwecke ich auch nicht mit diesem heutigen Vortrage irgendwelche Propaganda zu machen für diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Vielmehr ist mir nur daran gelegen, demjenigen, der etwas wissen will über diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie einige Grundlagen zu geben, Grundlagen, die man ja berechtigterweise verlangen wird, da man den Bau gerade in dieser Gegend vor sich hat, in dem diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie getrieben werden soll.
[ 2 ] Das Nächste, was der Mensch, der zunächst mehr von außen, wie von etwas, was eben in unserer Zeit auftritt, von dieser Geisteswissenschaft oder Anthroposophie hört, das Nächste, was dieser Mensch sich als Meinung ganz begreiflicherweise bilden wird oder wenigstens bilden kann, ist dieses: Wozu ist eigentlich diese ganze [geistige] Bestrebung, die sich auf eine scheinbar so [unerklärliche] Weise in das Geistesleben der Gegenwart [hinein]stellt? Muss man nicht denken, so kann man [fragen], muss man nicht denken, dass eben einige Menschen, die gewissermaßen zu wenig zu tun haben im Leben, übermäßig Zeit haben, sich zusammengetan haben, um allerlei Unnützes, wenigstens für das wirkliche, wie man es so nennt, menschliche Leben Unnützliches zu treiben, die Dinge treiben, die eigentlich den Menschen nichts angehen, der seine Zeit mit werktätiger Arbeit, mit demjenigen zubringen will, was der Menschheit und ihrem Wohlbefinden, ihren Bedürfnissen wirklich dient?
[ 3 ] Diese Meinung, sehr verehrte Anwesende, kann aber nur dann entstehen, wenn man nicht in einer gründlichen Weise sich bekannt macht mit den Bedingungen des menschlichen Fortschreitens, sich bekannt macht mit demjenigen, was eigentlich auf eine ganz naturgemäße Weise als ein Neues heraufgezogen ist in der menschlichen Entwicklung im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte und insbesondere im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein.
[ 4 ] Wie hat sich — rein äußerlich betrachtet — die Welt umgestaltet, in die der Mensch hineingestellt ist im Verlaufe dieser Zeit! Was ist an neuen Naturkräften entdeckt worden, und wie haben diese neuen Naturkräfte das ganze menschliche Leben, auch das soziale Leben, alle Anforderungen und alle Bedürfnisse der Menschen geändert! Wenn man eine gewisse Berechtigung hatte in einer gar nicht noch so sehr langen Vergangenheit, zu sagen: Nun, der Mensch wird eben hereingestellt in das Leben der Welt und hat seine Arbeit zu leisten, an die er gewöhnt wird, die ihm gelehrt wird im Verlaufe seiner Kindheit und Jugendzeit. Dann erwacht in ihm auch das Bedürfnis, etwas zu wissen über den Sinn und über die eigentliche Bedeutung des Lebens.
[ 5 ] Der Mensch könnte sich nicht zufrieden geben mit demjenigen, was er durch seine Sinne sieht, mit demjenigen, was er durch seine Hände erarbeiten muss. Er wird aufmerksam im Verlaufe seines Lebens auf sein Seelisches und muss fragen: Welchen Sinn hat dieses Seelische innerhalb der äußeren physischen Welt? Aber wie gesagt, man kann sagen: Die äußere Welt befriedigt ja dasjenige, was der Mensch also zu fragen in der Lage ist; sie bringt ihm, nachdem er hereingestellt ist in die äußere Lebensarbeit, die Religion, das religiöse Element entgegen. Durch dies wird ihm der ewige Sinn desjenigen enthüllt, was in dem äußeren Physischen des Menschen lebt, und dadurch verwandelt sich für ihn das Tor, welches scheinbar schließt dieses physische Leben, zu dem Aufgangstor für das ewige, unsterbliche Leben der Seele.
[ 6 ] Nun, so könnte man sagen, und man würde das Richtige für eine, wie gesagt, noch nicht gar sehr lange hinter uns liegende Zeit wohl treffen, man kann sagen: So wird der Mensch in sein Leibliches eingeführt, dass er ein tüchtiges Mitglied des Erdenlebens ist zwischen Geburt und Tod, so wird er durch das religiöse Leben aufmerksam gemacht auf sein unsterbliches Teil. Wozu ist noch irgendetwas notwendig, was sich gewissermaßen wie die Geisteswissenschaft oder Anthroposophie eindrängen will zwischen dieses äußere physische Leben, zwischen die physische Arbeit und die religiöse Offenbarung, die religiöse Verkündigung über den unsterblichen Teil des Menschen?
[ 7 ] Wer von diesem Gesichtspunkte aus unnötig findet Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, der berücksichtigt eben nicht, was uns die letzten Jahrhunderte, insbesondere die neueste Zeit, gebracht haben, gebracht haben an Einsichten in die Natur, gebracht haben an Erkenntnissen, an bewunderungswürdigen Erkenntnissen über die Naturkräfte, gebracht haben an ganz andersartigen Möglichkeiten, schon in frühester Jugend bekannt zu werden mit ganz anderem, als man in früheren Jahrhunderten in frühester Jugend bekannt geworden ist. Man bedenke nur einmal gründlich, wie man heute als Kind, als Jüngling, durch die Schule, durch die Lehrzeit hindurchgeht und dann in das Leben hineingestellt wird mit Kenntnissen, Fertigkeiten, die ganz andere sind als die früheren; denn sie sind entnommen den großen Fortschritten der letzten Jahrhunderte und der unmittelbaren Gegenwart.
[ 8 ] Nun könnte man sich dem Glauben hingeben, dem sich wirklich viele Menschen im neunzehnten Jahrhundert hingegeben haben, dass die Naturwissenschaft — die wahrhaftig von Geisteswissenschaft nicht verkannt wird, sondern gerade in ihren großen Fortschritten voll anerkannt wird und ganz bewundert wird —, man könnte sagen, sich dem Glauben hingeben, dass die Naturwissenschaft die großen Rätsel des Daseins mit ihren Mitteln löst, dass sie uns einführt in gewisse Fragen, die der Mensch stellen muss, wenn er über sein eigenes Wesen einen sinnvollen Aufschluss haben will. Das hat man geglaubt, insbesondere geglaubt im neunzehnten Jahrhundert. Allein derjenige, der mit vertieften Seelenkräften sich gerade einlebt in dasjenige, was die Naturwissenschaft gebracht hat, was sie dem menschlichen Fortschritt liefert, der wird immer mehr und mehr gewahr, dass für die höchsten Fragen des Menschendaseins dasjenige, was die Naturwissenschaft bringt, nicht Antworten sind, sondern im Gegenteil immer neue und neue Fragen. Und die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, auch die Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts, haben das viel zu wenig berücksichtigt. Sie haben geglaubt, Antworten zu bekommen auf gewisse Rätselfragen. Aber durch das Bewunderungswürdigste, was die Naturwissenschaft gebracht hat, sind neue Fragen aufgetaucht, die vorher die Menschheit gar nicht gekannt hat. Diese Fragen werden sozusagen uns anerzogen.
[ 9 ] Diese Fragen stehen da, und diese Fragen heischen [auf eine Antwort].
[ 10 ] Nun sind diejenigen Menschen, diejenigen Persönlichkeiten, welche sich zusammenfinden in dem, was man anthroposophische Gesellschaft nennt, in gewisser Beziehung dadurch Pioniere einer neuen Zeit, dass sie ganz besonders tief fühlen, was man an Fragen, an Rätselfragen mitbringt aus diesem neuen Leben heraus, was wir uns ja nicht willkürlich machen, sondern was einfach der ganz naturgemäße, notwendige Fortschritt der Menschheit macht, Fragen, welche durch die neuere Wissenschaft gestellt werden, aber nicht nur dem gestellt werden, der sich tiefer einlässt in die Wissenschaft, sondern jedem gestellt werden, der mit tieferen Sinnen teilnimmt an unserer heutigen Schulerziehung, die ganz anders ist als die vor Jahrhunderten.
[ 11 ] Bei jedem solchen [Menschen] entstehen solche Fragen, die Antwort heischen. Und würde eine Antwort nicht kommen auf solche Fragen, so müssten sich gewisse Folgen ergeben für das menschliche Leben, welche, man könnte sagen, wenn man sie heute zeichnet, sich in gewisser Beziehung grausig ausnehmen für die Menschenzukunft. Man könnte sich ja denken, dass die Menschen sich abstumpfen würden gegenüber den eben besprochenen Fragen und Rätseln. Abstumpfen, gewissermaßen sich betäuben, das kann man. Aber dann lähmt man gewisse Geisteskräfte, die der Mensch einmal hat, die naturgemäß in der Menschennatur sind. Man lähmt sie, und es tritt dann das menschliche Seelenleben in ein Stadium ein, welches zu vergleichen ist, bildhaft zu vergleichen ist etwa mit dem Zustand, in den man kommen würde, wenn man wüsste, man habe zwei Hände, aber sie seien einem irgendwie gebunden; man könne sie nicht entfalten, man könne mit ihnen nichts anfangen. Kräfte, die der Mensch hat, und mit denen er nichts anfangen kann, die wirken auf ihn lähmend. Und durch das immer weiter und weiter um sich greifende Fühlen einer solchen Lähmung gewisser Seelenkräfte würde das menschliche Leben eintreten in einen Zustand von Gleichgültigkeit. Das, dass man sich betäuben muss über gewisse vorhandene Kräfte, würde zu einer Gleichgültigkeit, zu einer völligen Interesselosigkeit führen müssen gegenüber auch den religiösen Fragen, gegenüber der religiösen Empfindung.
[ 12 ] Die Vorboten einer solchen Gleichgültigkeit gegenüber dem religiösen Leben, sie sind durchaus im neunzehnten Jahrhundert vorhanden gewesen. Ich will von einem Beispiel sprechen — nicht von einem Beispiel, das sich darbietet in der Reihe der zahlreichen Gelehrten, die glaubten, durch Naturwissenschaft das religiöse Leben ersetzen zu können, die glaubten, alles unmittelbar Geistige ablehnen zu können als Gelehrte —, sondern ich [möchte] sprechen von einem einfachen Mann aus dem Volke, der gewissermaßen aber, man könnte sagen [wie] eine Vorbedeutung ist für viele, viele, die da kommen wollen. Ich meine den Bauern, der in der oberösterreichischen Alpengegend im neunzehnten Jahrhundert, man kann sagen wie ein Märtyrer gelebt hat: Konrad [Deubler]. Deubler hat sich eingeführt in das naturwissenschaftliche Leben des neunzehnten Jahrhunderts. Er hat in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelebt. Er hat sich zunächst in seiner Jugend eine Zeit lang vertieft in eine Persönlichkeit, die insbesondere hier in der Schweiz bekannt ist, die in feinsinniger Weise versuchte, in ihrer Art in die geistigen Geheimnisse der Welt einzudringen, in Zschokke; aber er ist bald abgekommen von dieser Seelenvertiefung in die Welt. Und Konrad Deubler hat sich ganz hinnehmen lassen von der materialistischen Gestaltung des Darwinismus, hat sich ganz hinreißen lassen von dem Haeckelismus, hat endlich ganz den Glauben bekommen, dass alles Unsinn ist, was über irgendeine geistige Welt aus irgendwelchen Quellen her gesagt wird, und glaubte die Welt nur aus materiellen Stoffen und materiellen Kräften auferbaut. Er, der einfache Bauer, wurde ein vollständiger Ableugner aller geistigen Wesenheiten und aller geistigen Kräfte. Und man darf ihn nennen gewissermaßen einen Märtyrer seiner Überzeugung, denn innerhalb eines klerikalen Gebietes hat er müssen für seine Überzeugung jahrelang im Kerker sitzen in den Fünfzigerjahren, wo das noch möglich war. Also, es ist nicht ein Mensch, der aus irgendeinem äußerlichen Sinne heraus diese Anschauung angenommen hat, sondern ein Mensch, der ganz und gar verführt durch die Strömungen und Strebungen seines Jahrhunderts zu dieser Art materialistischer Lebensauffassung gekommen ist.
[ 13 ] Dasjenige, was allgemein wird in der Menschheit, zeigt sich in solchen einzelnen Vorboten. Es könnten ja — Deubler ist nur das berühmtest gewordene Beispiel —, es könnten ja viele solche Beispiele angeführt werden. Sie würden den Beweis liefern, dass es allerdings eine Verirrung des menschlichen Sinnes gibt, dahingehend, zu glauben, dass Naturwissenschaft gewissermaßen eine umfassende Erklärung des Sinnes der Welt geben kann. Das aber führt nach und nach zu der charakterisierten Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit. Und man verkennt vollständig dasjenige, was in der neueren Entwicklung lebt, wenn man glaubt, durch die Bekämpfung von Geisteswissenschaft dem religiösen Leben zu dienen. Das naturwissenschaftliche Leben, das wird man nicht unterbinden können, denn das lebt sich ein in die Einrichtungen, die der Mensch braucht, in all dasjenige, was als Nützliches im Dasein besteht, und das nimmt der Mensch wohl an. Wenn aber der menschliche Sinn einseitig auf dieses Naturwissenschaftliche gerichtet ist, dann verliert der Mensch den Zusammenhang mit dem geistigen Leben, mit dem Unsterblichen in seinem eigenen Innern. Daher sind diejenigen, die sich zusammengefunden haben in der Anthroposophischen Gesellschaft, sich wohl klar darüber, dass in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie nicht irgendwie etwas Irr- oder Antireligiöses ist, sondern im Gegenteil ein Band zwischen den großen Fortschritten der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und zwischen dem religiösen Leben des Menschen.
[ 14 ] Von der Naturwissenschaft, sehr verehrte Anwesende, kann man, wenn man wirklich in ihren Sinn eindringt, in einer gewissen Weise sagen, sie führt den Menschen zu einer Erkenntnis, die sich nicht über den Menschen selber erstrecken kann. Das haben übrigens gerade tiefergehende Naturforscher im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wohl erkannt. Und berühmt geworden ist ja jene Rede, welche du Bois-Reymond in den Siebzigerjahren in Leipzig gehalten hat, und die geschlossen hat mit dem Ignorabimus; wir werden niemals die Weltenrätsel lösen, wir werden niemals wissen, so meinte du Bois-Reymond, warum. Er meinte: Wenn man noch so sehr die Geheimnisse der Natur mit den naturwissenschaftlichen Methoden erforscht, so findet man zuletzt niemals die Möglichkeit, dasjenige gerade irgendwie zu erklären, was uns rätselhaft berührt und im menschlichen Leben selbst entgegentritt: das menschliche Seelenbewusstsein. Ja, man findet nicht einmal die Möglichkeit, draußen in der Welt, dasjenige zu erklären, was der Materie selbst zugrunde liegt. Naturwissenschaft taugt nicht dazu, Materie und Bewusstsein zu erklären. Das heißt, ein einsichtiger Naturforscher, der aber nur noch nicht genug einsichtig ist, bekennt: Wissenschaft müsse das Tor zuschließen vor den bedeutsamsten Rätseln des menschlichen Lebens. Und auch in vieler anderen Beziehung kann man sagen, dass Naturwissenschaft gewissermaßen den Menschen als geistiges Wesen herausdrängt aus ihrer Forschung. Sie drückt ihn heraus. Das zeigt sich, wenn man so etwas betrachtet, was sich als die neuere Anschauung herausgebildet hat von der Entwicklung des Weltenalls.
[ 15 ] Ich weiß sehr wohl, sehr verehrte Anwesende, dass diese Anschauung vielen Wandlungen unterworfen war, und dass vielleicht mancher dasjenige, was ich jetzt sage, schon wieder als veraltet bezeichnen kann. Allein darum handelt es sich nicht. Dasjenige, was auch heute gesagt wird über dasselbe Ding, ist von demselben Geiste ausgehend. Man hat sich allmählich ausgebildet eine Anschauung, eine naturwissenschaftliche Anschauung, wie sich so die Erde gebildet habe. Die Erde habe sich gebildet aus einer Art Urnebel heraus, ein Urnebel, in dem nichts anderes vorhanden war als lose Kräfte. Durch die Wallung und Drehung dieses Urnebels habe sich allmählich die Erde, die anderen Planeten gelöst, und durch die Fortentwicklung derselben Kräfte, die einstmals in diesem Urnebel gewesen sind, ist alles dasjenige entstanden, was wir jetzt auf der Erde bewundern, einschließlich des Menschen. Diese Ansicht ist ungemein leicht beweisbar, und sie wird den Kindern in der Schule beigebracht. Sie ist leicht beweisbar — denn ein ganz einfaches Experiment braucht man nur den Kindern vorzumachen, und man kann anschaulich — und das Anschauliche lieben ja heute die Menschen —, man kann anschaulich zeigen, wie wirklich durch eine solche Drehung einer Körperlichkeit ein kleines Weltensystem entstehen kann.
[ 16 ] Man braucht nur einen Tropfen zu nehmen einer Substanz, die auf dem Wasser schwimmt, einen kugelförmigen Tropfen, braucht den in der Äquatorebene zu teilen, sodass man durchschneidet ein Kartenblatt, das man entsprechend groß dem Äquator geschnitten hat, dann steckt man eine Stecknadel hinein und gibt das auf die Wasseroberfläche und dreht und dreht, und in der Tat, es lösen sich kleine Tröpfchen ab, ein kleines Weltensystem entsteht! Wie sollte man nicht nun sagen können: Nun, seht ihr, da habt ihr ja die ganze Weltentstehung im Kleinen. Die Kinder begreifen das, denn nichts ist begreiflicher als dieses. Es wird dabei nur immer eines vergessen — und wenn es auch manchmal gut ist in der Welt, recht gut ist, sich selbst zu vergessen, so ist es nicht beim naturwissenschaftlichen Experimentieren gut. Dieses Tröpfchen würde nämlich nichts absondern von kleinen Tröpfchen, wenn nicht der Herr Lehrer dastehen würde und würde die Nadel drehen! Da man aber alles dasjenige, was notwendig ist bei der Entstehung einer Sache, mit berücksichtigen muss, so müsste derjenige, der das den Leuten vormacht, den Leuten klarmachen, dass da auch ein großer Professor oder Lehrer, ein Riesen-Professor draußen im Weltenall da sein muss, der da eine Nadel durchsteckt und das Ganze in Rotation sein lässt — sonst vergisst man sich.
[ 17 ] Menschen allerdings, welche sich tiefer einlassen konnten in dasjenige, was in der Welt lebt und webt, die haben immer das Ungesunde einer solchen Anschauung erkannt. Und ich will nun ein Beispiel, das ich angeführt habe in meinem letzten Buche über das «Menschenrätsel», ich will nur ein Beispiel eines Mannes anführen, der nun nicht aus Geisteswissenschaft heraus, sondern aus einer gewissen Empfindung heraus energisch abgelehnt hat, dass eine solche Vorstellung irgendwie etwas beitragen könne zu einer wirklichen Erklärung der Welten- und Menschheitsrätsel. Herman Grimm, der große Kunstforscher, vertrat die Anschauung, dass Goethe niemals in seinem Leben sich eingelassen hätte auf eine solche rein äußerliche Erklärung der Weltenentwicklung. Herman Grimm sagt:
Längst hatte, in seinen
— Goethes —
Jugendzeiten schon, die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem [heutigen] Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens [mehr bedürfe], als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.
Es kann
— sagt Herman Grimm weiter —
keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären, die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.
Niemals
— meint Herman Grimm —
hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlass gewährt.
[ 18 ] Dasjenige, was in Herman Grimm, ja noch nicht in der Zeit der Entstehung der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie auftauchte als Empfindung, das verdient wohl berücksichtigt zu werden; denn es zeigt, dass im Menschen eine Empfindung besteht, die nach anderer Lösung der großen Weltendaseinsfrage drängt, als diejenige ist, welche von der, allerdings — immer wieder sei es betont — bewunderungswürdigen Naturwissenschaft herkommen kann. Nein, das gerade zeigt der wirkliche Gang der naturwissenschaftlichen Entwicklung, dass diese Naturwissenschaft Fragen aufzuwerfen in der Lage ist, dass aber Antworten darauf von einer anderen Seite herkommen müssen. Und diese Antworten darauf, sie will Geisteswissenschaft oder Anthroposophie geben. Aber allerdings muss Geisteswissenschaft oder Anthroposophie dazu zu ganz anderen Erkenntniskräften greifen; als diejenigen sind, an welche sich die Naturwissenschaft mit Recht hält.
[ 19 ] Ich habe über die Entwicklung dieser Erkenntniskräfte, dieser übersinnlichen Erkenntniskräfte in der menschlichen Natur beim vorigen Vortrage, den ich hier halten durfte, gesprochen. Ich will dasjenige, was in jenem Vortrage gesagt worden ist, nicht wiederholen, will nur darauf hinweisen, dass zu den gewöhnlichen Seelenkräften, die der Mensch hat, und die er auch anwendet, wenn er naturwissenschaftlich erkennt, andere hinzu entwickelt werden können, so, dass diese anderen Erkenntniskräfte, die dann der Mensen hat, sich vergleichen lassen mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften, wie das musikalische Ohr mit der Anschauung, ich möchte sagen der bloß schwingenden Saite oder mit der Berechnung der bloßen schwingenden Luftwelle.
[ 20 ] Gewiss, in der Außenwelt zeigt uns die Anschauung, die Wissenschaft mit Recht; wenn wir etwas hören, auch wenn wir die komplizierteste Symphonie hören, dann bestehen gewisse Bewegungen in der Luft. Diese Bewegungen in der Luft — man kann sie durch naturwissenschaftliche Erkenntnis anschaulich machen; aber der Mensch bleibt nicht stehen dabei, dasjenige nur anzuschauen, was da im Raume vor sich geht, sondern der Mensch hat das musikalische Ohr, durch das er anders wahrnimmt, dasjenige, was da draußen ist, als wenn er das musikalische Ohr nicht hätte. Gewissermaßen ist derjenige, der ein Geistesforscher ist, ein Mensch, welcher entwickelt hat ein Anschauungsvermögen gegenüber der Welt, das sich verhält wie das musikalische Ohr zu dem nicht musikalischen Ohr. Die Erscheinungen der Welt werden wahrhaftig gerade so hingenommen von dem Geistesforscher, wie die Naturwissenschaft sie hinnimmt. Aber der Geistesforscher hat in sich Kräfte und Fähigkeiten entwickelt, welche dasjenige wahrzunehmen vermögen, was ohne diese Fähigkeiten eben nicht wahrgenommen werden kann. Wie diese Fähigkeiten entwickelt werden, das will ich eben nicht wiederholen, das ist Gegenstand jenes Vortrages vom Anfange dieses Jahres gewesen, der ja auch gedruckt ist unter dem Titel: «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach», sodass es nachgelesen werden kann. Ich will nur erwähnen, dass keineswegs jeder ein Geistesforscher zu werden braucht, welcher die Geisteswissenschaft oder Anthroposophie in einer entsprechenden Weise für seine Seele fruchtbringend machen will.
[ 21 ] Der Geistesforscher verhält sich nicht zu dem anderen Menschen, der nur dasjenige lernt und aufnimmt, was die Ergebnisse der Geistesforschung sind, wie der Naturforscher zu dem anderen Menschen, welcher Resultate mitteilt, welche dann entgegengenommen werden als Offenbarungen über die Natur — nein, der Geistesforscher selbst bereitet gewissermaßen nur das Instrument zu. Dadurch, dass er sich gewisse Fähigkeiten aneignet, bereitet der Geistesforscher nicht eigentlich die Resultate der Erkenntnis vor, sondern das Instrument, welches aber immer rein geistig-seelisch ist, und welches hineingeheimnisst werden kann in dasjenige, was dann gewesen oder gehört werden kann. Während derjenige, welcher die Werkzeuge für ein äußeres chemisches oder klinisches Experiment vorbereitet, eben äußere Werkzeuge zusammenstellt, durch welche dann anschaulich wird irgendein Naturgeheimnis, bereitet der Geistesforscher auch nur ein solches, aber rein seelisch-geistig, vor. Wenn er dieses zustande gebracht hat, dann kann cs für jeden Unbefangenen wirklich brauchbar sein, denn es fließt vollständig in die Worte, die mitgeteilt werden können, in die Begriffe, in die Ideen, die mitgeteilt werden können, hinüber.
[ 22 ] Daher ist auch die geisteswissenschaftliche Literatur anders aufzufassen als die andere Literatur. Die naturwissenschaftliche Literatur teilt gewisse Ergebnisse mit, von denen unterrichtet man sich. Die geisteswissenschaftliche Literatur ist nicht so aufzufassen. Die geisteswissenschaftliche Literatur ist natürlich in dem, was sie enthält, ein Instrument in der Seele eines jeden. Durchdringt man sich mit diesen Begriffen, die niedergelegt sind in der geisteswissenschaftlichen oder anthroposophischen Literatur, dann hat man nicht ein bloßes totes Ergebnis, von dem man sich unterrichtet, vor sich, sondern man hat ein lebendiges Ergebnis, ein Instrument vor sich. Und derjenige, der ein geisteswissenschaftliches Buch durchliest, der merkt; wenn er es recht durchliest, mit wirklichem innerem Anteil durchliest, dann geht dasjenige, was darinnen steht, in sein Seelenleben über, dann kommt sein Seelenleben selber in eine Art Mitschwingung mit dem ganzen geistigen Dasein, und er fasst dasjenige, was er sonst nur mit den Sinnen auffasst, das fasst er geistig auf.
[ 23 ] Wenn dies noch wenig erkannt wird, sehr verehrte Anwesend, so ist der Grund einzig und allein darinnen zu suchen, dass wir erst am Anfange der geisteswissenschaftlichen Entwicklung stehen. Wird diese geisteswissenschaftliche Entwicklung fortschreiten, dann wird man immer mehr und mehr erkennen, dass man in einem wirklich echt geisteswissenschaftlich geschriebenen Buch nicht etwas vor sich hat wie in einem gewöhnlichen Buch, [sondern etwas vor sich] hat wie in einem naturwissenschaftlichen [Instrument], durch das man ein Experiment ausführen kann, durch das sich gewisse Geheimnisse, geheime Zusammenhänge enthüllen. Nur muss man sich klar sein darüber, dass das geisteswissenschaftliche Instrument eben ein rein geistig-seelisches ist, dass die Begriffe und Ideen, die wir aufnehmen durch ein solches Instrument, in unserer Seele wirksam sind. Wenn selbst noch die Mehrzahl derjenigen, welche schon innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft stehen, dies nicht in der richtigen Weise beurteilen, so wird dies schon kommen.
[ 24 ] Und gerade aus dem Grund, sehr verehrte Anwesende, weil Geisteswissenschaft oder Anthroposophie noch im Anfange ihrer Entwicklung ist, so ist es ganz begreiflich, ich möchte sagen selbstverständlich, dass man heute noch über die Ergebnisse, zu denen man durch die entwickelten Fähigkeiten des Geistesforschers kommt, lacht, dass man sie verhöhnt. Aber dieses Lachen, dieses Verhöhnen, es wird im Laufe der Zeit immer mehr und mehr, wenn die Bedürfnisse, die heute noch in der Mehrzahl der Menschen schlummern, aufwachen werden, es wird verschwinden! Und wie für manches, was für die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung sich ergeben hat, so wird auch für Geisteswissenschaft die allgemeine Anerkennung kommen.
[ 25 ] Der Geistesforscher erkennt zunächst, dass in dem Menschen, wie er vor den Sinnen vor uns steht, wie er auch erforscht werden kann von der gewöhnlichen, mit äußeren Mitteln arbeitenden Naturwissenschaft, nur ein Teil, nur ein Glied der ganzen menschlichen Wesenheit vor uns steht, und dass innerhalb der ganzen menschlichen Natur zu diesem Sinnenmenschen, zu diesem physischen äußeren Menschen hinzukommt ein übersinnlicher Mensch — ein übersinnlicher Mensch, der in dem sinnlichen Menschen wirkt und lebt, und ohne den der sinnliche Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens ein Leichnam sein müsste, kein wirklicher Mensch sein könnte, sondern ein Leichnam sein müsste. Denn der Geistesforscher entdeckt, dass ebenso, wie man durch das physische Auge die Farbe sieht, man durch das — um diesen Goethe’schen Ausdruck wieder zu gebrauchen, wie schon im Beginne dieses Jahres vor Ihnen vorgetragen —, dass man durch dieses «geistige Auge» schauen kann innerhalb dieses physischen Menschen den sogenannten — auf den Ausdruck kommt es nicht an, und ich bitte, sich durchaus nicht an Worten zu stoßen, ich könnte ebenso gut ein anderes Wort gebrauchen —, den sogenannten ätherischen Menschenleib.
[ 26 ] In dem physischen Menschenleib steckt der ätherische Menschenleib übersinnlich darinnen, der nicht durch physische Augen gesehen werden kann, sondern der mit dem geistigen Auge geschaut werden kann. Man kann darüber spotten, dass der Geistesforscher zu dem physischen Menschen diesen ätherischen Menschen hinzufügt; allein, so wie der Mensch als physischer Mensch — das ist ja eine Errungenschaft der modernen Naturlehre — die Kräfte und Stoffe in sich hat mit ihren Wirksamkeiten, die in seiner physischen Erdenumgebung sind, so hat der Mensch in sich auch geistige Kräfte. Zunächst berücksichtigen wir diejenigen des sogenannten Ätherleibes. Er hat geistige Kräfte in sich, und diese geistigen Kräfte, wir können sie ebenso in der Umgebung des Menschen aufsuchen, wie wir die physischen Kräfte, die der Mensch in sich trägt, durch Naturwissenschaft in der irdischen Umgebung finden. Aber wir müssen dann eben mit dem geweckten Auge des Geistesforschers anschauen dasjenige, was geistig auch in unserer Umgebung ist.
[ 27 ] Nun will ich zunächst ein Resultat vor Ihre Seele hinstellen, sehr verehrte Anwesende, welches Ihnen zeigen soll einen gewissen Zusammenhang, der besteht zwischen geistigen Vorgängen in unserer Umgebung und geistigen Vorgängen, diesen sogenannten ätherischen, übersinnlichen Vorgängen, die ich eben erwähnt habe im Zusammenhang, der zwischen dem äußeren Ätherischen und dem inneren Ätherischen besteht, wie der Zusammenhang besteht zwischen dem äußeren Physischen in der Natur und dem inneren Physischen im Menschen. Mit dem gewöhnlichen menschlichen Anschauen [empfindet] man im Verlaufe eines Jahres, wie, wenn der Frühling kommt, die Pflanzen aufsprießen, wie sie immer mehr und mehr Grünes, wie sie dann später die Blüten entwickeln, wie in den Blüten die Früchte entstehen. Wir erleben wiederum das Abwelken, das Vergehen der Pflanzen. Wir erleben abwechselnd mit dem sommerlichen Gedeihen in der Natur das winterliche Ruhevolle, wie man meint. So stellt sich zunächst für die äußere Sinnesbeobachtung der Jahreslauf dar. Aber für diese Sinnesbeobachtung, sehr verehrte Anwesende, stellt sich eben nur dasjenige im Jahreslaufe dar, was auf einem anderen Gebiete jemand sehen würde, der taub wäre, der nur durch das Auge die schwingende Saite sehen würde an der Violine und nicht hören würde, dass diese klingende Seite von Tönen begleitet ist. Das geistige Auge, das geistige Anschauungsvermögen fügt hinzu zu diesem Wechsel im Gedeihen und in der Ruhe, der da ist für den Geistesforscher wie die schwingende Saite, eine Art geistigen Hörens und geistigen Schauens. Und während man physisch aus der Erde heraus sprießen sieht die Pflanzen, so wie sie vor dem Auge da sein können, so schaut der Geistesforscher in dem Maße, indem die Pflanzen aus der Erde herauskommen, von der Umgebung der Erde, von dem Außerirdischen sich Wesenhaftes gegen die Erde zu bewegen. Wirklich, so paradox das heute noch klingt, wirklich, wie die Menschen Elektrizität, die sie früher nicht erkannt haben, anwenden, nicht nur erkennen, so werden sie erkennen, was mit jedem Frühling einströmt, was im Winter zunächst nicht einströmt aus der außerirdischen Welt. Und während man mit dem physischen Auge nur sieht, gleichsam vom Boden heraufwachsen die physischen Pflanzen, sieht man herein sich senken aus der ganzen kosmischen Weltumgebung geistige Wesenheit, ätherische Wesenheit.
[ 28 ] Und in demselben Maße, indem die physischen Pflanzen immer vollkommener und grüner und gefärbter und gefärbter werden, sieht man, wie gewissermaßen verschwindet dasjenige, was aus der ganzen Erdenumgebung her strömend, von den weitesten Gebieten des Weltenraumes, als lebendige Geistwesen sich hineinsenkt in dasjenige, was vom Boden herauswächst. Und erst wiederum, wenn die Frucht sich zu entwickeln beginnt, wenn die Blüten zu verwelken beginnen, erst wenn der Herbst naht, da sieht man, wie dasjenige, was sich verbunden hat mit dem Irdischen, was gewissermaßen verschwunden ist innerhalb der Pflanzenwelt aus der ätherischen Umgebung der Erde, wie das sich wiederum zurückzieht. Und so erschaut man geistig ein Ein- und Ausströmen eines übersinnlichen Elementes. Es wachsen gleichsam aus dem Ätherischen viel lebendigere übersinnliche Pflanzen heraus, die aber in die physischen Pflanzen hinein verschwinden. Und derjenige, welcher den Winter bloß erlebt, indem er den Schnee anschaut, die Schneefälle, die Kälte empfindet, der weiß nicht, dass die Erde im Winter als Erde etwas ganz anderes ist als im Sommer. Die Erde hat ein viel intensiveres, regeres geistiges Leben während der Winterzeit als während der Sommerzeit. Und lebt man sich in diese ganzen Verhältnisse hinein, dann erlebt man mit den Wechsel des ätherischen Winter-Sommer-Lebens, man erlebt mit ein Geistiges, wie man sonst nur die Vorgänge dieses eigenen menschlichen Leibeslebens, ich möchte sagen im Einschlafen und Aufwachen, erlebt.
[ 29 ] Und tatsächlich, diesen Wechsel zwischen Winter und Sommer lernt man erkennen, wenn man, ich möchte sagen hinzufügt die Erkenntnis des Rhythmus zu der Erkenntnis, was ich mit der bloßen schwingenden Saite bezeichnet habe. Man lernt erkennen, wie gewisse Wesenheiten im Winter nicht mit der Erde verbunden sind, sondern nur in der kosmischen Umgebung der Erde sind, wie diese Wesenheiten mit dem Frühling heruntersteigen zur Erde, herunterströmen, sich mit dem Pflanzenleben verbinden, und gewissermaßen eine Art von Ruhe dadurch genießen, dass sie sich mit dem Erdenleben verbinden. Diese Ruhe, die diese Wesen haben, die regt aber dadurch, dass jetzt Geistiges sich mit der Erde verbunden hat, das Erdenleben selber an, und im Winter hat die Erde selber als Wesen etwas wie eine Erinnerung an dieses sommerliche Zusammensein mit dem außerirdischen Weltenraume. Dasjenige, was sonst gar nicht geahnt wird, das steigt aus der umgebenden Natur heraus, wie wenn man plötzlich [hörend] würde, während man früher taub war, aus der bloßen schwingenden Saite die Ton-Masse herausklingen. Man lernt das ätherische Leben [kennen].
[ 30 ] Und dieses ätherische Leben, das also darinnen besteht, dass gewisse Wesenheiten in der irdischen Umgebung, gewisse Wesenheiten, die mit den anderen Weltenkörpern verbunden sind, sich während des Sommers mit der Erde verbinden, während des Winters sich wieder zurückziehen, dieses Leben bedingt, dass gewissermaßen die Erde während des Sommers — die Erde als Wesen, jetzt nicht als toter Körper, den die Theologie oder die sonstige äußere Naturwissenschaft betrachtet —, dass die Erde als Wesen während der Sommerzeit schläft; während der Winterzeit aber, wo sie in lebendigen Erinnerungen — als Erdenwesen leben in ihr gewisse Erinnerungen — lebt an dasjenige, was sich im Sommer mit ihr verbunden hat, da wacht die Erde. Gerade das Gegenteil ist der Fall, was man durch eine gewisse [Vereinfachung] enthüllen, herausbekommen könnte. Während man da glauben könnte, dass die Erde im Frühling aufwacht und im Herbst einschläft, bringt uns Geisteswissenschaft die Erkenntnis, dass die warme, schwüle Sommerzeit die Schlafenszeit der Erde ist, und die kalte, mit der Schneedecke die Erde umhüllende Zeit die wachende Zeit der Erde ist.
[ 31 ] Man lernt Schlafen und Wachen des Erdenlebens selber kennen. Ich betone ausdrücklich: Geisteswissenschaft [bildet] nicht Anthropomorphistisches, wie die Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts, sondern das sind Anschauungen, das sind wirkliche Wahrnehmungen. Wenn man sich durchdringt mit der Erkenntnis, die aus solchen Beobachtungen fließt, dann lernt man erst in einer gewissen Weise verstehen, wie das menschliche Leben selber verfließt. Denn von allen Rätseln, die uns in der Außenwelt entgegentreten, ist das menschliche Leben selber das allergrößte Rätsel.
[ 32 ] Nun kann ich selbstverständlich in einem kurzen Vortrage nur ganz weniges von dem skizzenhaft andeuten, das Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu sagen hat über die Rätsel des menschlichen Lebens. Aber das will ich andeuten, dass derjenige, der sich gewöhnt hat, geistig zu schauen, einen fortlaufenden Rhythmus sieht im menschlichen Leben selbst. Da bemerken wir, wie im menschlichen Leben etwas [abläuft] in ganz regelmäßiger [Art und Weise] in einer gewissen geistigen Periode der Kindheit. Wir wollen die Zeit, die ja auch interessant zu beobachten wäre, aber die in einem öffentlichen Vortrage nicht leicht besprochen werden kann, wir wollen die Zeit der menschlichen Entwicklung von der Empfängnis bis zur Geburt übergehen; wir wollen die Entwicklung des menschlichen Lebens in Betracht ziehen, wie sie uns vorliegt von der Geburt bis zu einem gerade für die Betrachtungsweise außerordentlich interessanten Abschnitt, bis zu den zweiten Zähnen, ungefähr dem sechsten bis siebten Jahre. Das ist der erste wesentliche Abschnitt in der menschlichen Entwicklung.
[ 33 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, da geht vieles vor in der menschlichen Entwicklung, so vieles geht vor, dass einsichtige Pädagogen gesagt haben:
Der Mensch lernt von seiner Mutter oder Amme, selbst wenn er ein Weltumsegler wird, in seinen ersten Lebensjahren mehr als von allen Völkern er als Weltumsegler lernen kann während seines ganzen übrigen Lebens.
[ 34 ] Dasjenige, das durch die Art und Weise, wie das Geistige in uns arbeitet in den ersten Lebensjahren, dasjenige, was da in uns geschieht, wie die inneren Organe entwickelt werden, wie sie innerlich gefestigt werden, wie innerhalb des Organismus geschieht die Ausstoßung der ersten Zähne durch übersinnliche Kräfte zuletzt, die im Menschen wirken, und der Ersatz durch die zweiten Zähne — wie in merkwürdiger Weise geschieht die Anpassung des Menschen an das Weltenall, dass er aus der noch nicht aufrechten Lage sich zu der Fähigkeit, die aufrechte Lage zu haben, entwickelt, wie sich die Sprachfähigkeit im Menschen entwickelt, aus der wieder die Gedankenfähigkeit, die Denkfähigkeit hervorgeht, das ist dasjenige, was zu dem Bewunderungswürdigsten gehört in allem Umkreis des Daseins.
[ 35 ] Allein, sehr verehrte Anwesende, was da geschieht von der Geburt bis zum Zahnwechsel um das siebte Jahr herum, das ist für den Geistesforscher zu erkennen, wenn er nur allein irdische Verhältnisse in Betracht zieht. Er muss allerdings zu dem, was die Sinne auf der Erde wahrnehmen können, hinzufügen dasjenige, was das geistige Auge ist, dass er in der angedeuteten Weise wahrnehmen könne. Aber dasjenige, was bis zum siebten Jahre im Menschen vorgeht, es ist dann zu begreifen aus all den Geschehnissen heraus, die auf der Erde sich selber zutragen.
[ 36 ] Dann aber beginnt im menschlichen Leben ein Abschnitt von dem siebten bis ungefähr zum vierzehnten Jahre, wo der Mensch in die Reife eintritt. Da beginnt ein Abschnitt, der für den Geistesforscher sich so zeigt, dass er nicht mehr zu erklären ist aus dem, was auf der Erde selber wirksam und lebendig, physisch und geistig ist, sondern nur, wenn man ins Auge fasst, was ich eben auseinandergesetzt habe, wie das kosmische, das außerirdische Leben heruntersteigt in die Pflanzen, welche Kräfte in diesem Fließen leben, dann kann man wieder schauen dasjenige, was man entdeckt geistig in diesem Zusammenhang der Erde mit dem Weltenall, mit der Sternenwelt durch das Pflanzenwachstum. Was man an Kräften da drinnen entdeckt, das kann man wieder entdecken in den Kräften, die im Menschenleben wirksam sind ungefähr vom Zahnwechsel bis zur Reife, bis zum vierzehnten Jahre ungefähr; nur dass dasjenige, was in der Pflanzenentwicklung der Erde an Wechselverhältnis sich mit dem Außerirdischen abspielt, sich siebenmal schneller abspielt, nämlich in einem Jahr.
[ 37 ] Im menschlichen Organismus entwickelt es sich siebenmal langsamer, in sieben Jahren ungefähr — die Dinge sind nicht, um die mystische Siebenzahl zu gebrauchen, sondern einfach, weil sich die Dinge so der Anschauung ergeben —, sodass wir dasjenige, was vom Zahnwechsel geschieht bis zur Entwicklung der Reife am Menschen, geisteswissenschaftlich nur erklären können, wenn wir wissen: Dasjenige, was außen geistig in der Entfaltung und im Verwelken der Pflanzenwelt im Laufe des Jahres besteht, was da lebt, das lebt wie eingeschlossen im menschlichen Organismus als Ätherleib; nur dass die Pflanzen es haben im Zusammenhang mit der außerirdischen Ätherwelt; der Mensch hat es durch die Geheimnisse, die sich vor seiner Geburt abspielen, entrissen den Kräften, die außerirdisch sind. Im Menschen lebt der Ätherleib. Und die wichtigsten Entwicklungsphasen der zweiten Lebensepoche im allgemeinen Lebensrhythmus vom siebten bis vierzehnten Jahre geschehen unter dem Einflusse dieser Kräfte. Dann zeigt sich, dass in dem, was sich da ausgestaltet im Menschen vom siebten bis vierzehnten Jahre, der Mensch sich darstellt nicht mehr als ein irdisches Wesen, sondern als das Abbild eines Überirdischen, wenn auch noch eines wenigstens im Sinnenraume vorhandenen überirdischen Übersinnlichen, im außerirdischen Sinnenraum Vorhandenen. So sehen wir, wie durch Erdenkräfte insbesondere entwickelt wird dasjenige, was im menschlichen Gehirn entwickelt wird. Das wird durch Erdenkräfte entwickelt. So sonderbar dies klingt, es wird durch Erdenkräfte entwickelt. Denn bis zu einem hohen Grade ist gerade um das siebte Jahr herum auch das menschliche Gehirn zu einer Art von Abschluss in seiner Entwicklung gekommen — nicht in der Entwicklung, die besteht in der Aufnahme von Begriffen und Ideen selbstverständlich, sondern in seiner inneren Formung, Gestaltung, in dem Fester-Werden seiner Teile und so weiter, und so weiter.
[ 38 ] Aber zu dem, was bis dahin sich als Entwicklung für den Menschen ergeben hat, muss nun etwas treten, was nicht innerhalb des Irdischen enthalten ist, sondern was aus dem Außerirdischen stammt und was bewirkt, dass nunmehr vom siebten bis vierzehnten Jahre die Kräfte, die der Mensch außer seinem Haupte, außer seinem Gehirne im übrigen Organismus entwickelt, dass die sich heraufdrängen auch in die Kopfentwicklung. Der Mensch gebiert gleichsam mit dem siebten Jahre einen überirdischen ätherischen Menschen in sich, der frei und lebendig in ihm wirkt. So wie sein physischer Leib mit der Geburt ins physische Dasein tritt, so tritt jetzt ein ätherischer, ein überirdischer Leib ins Dasein. Und die Folge davon ist, dass sich ausdrückt dasjenige, was man sagen kann: das Bestimmter-Werden der Gesichtszüge; alles dasjenige, was von dem durch den Ätherleib im Menschen stärker wirkenden Atmungs- und Zirkulationssystem kommt, das drängt sich aus dem übrigen Organismus in das menschliche Antlitz hinein, das jetzt immer geistiger und geistiger wird. Dadurch aber, dass nicht mehr ausschließlich der Kopf tätig ist mit den irdischen Kräften, sondern dass der ätherische Leib eingreift und das Überirdische der Menschennatur eingestaltet, dadurch entwickelt sich erst jene Innerlichkeit, die dann durch das weitere Leben den Menschen begleitet als sein Gemüts- und Gefühlsleben.
[ 39 ] Damit aber, dass die Geistesforschung diesen ätherischen Leib erkennt, den der Mensch mit den Pflanzen gemein hat, dadurch hat sie die menschliche Natur noch nicht erschöpft, sondern wenn der Mensch als Geistesforscher seinen Blick heraufwendet von den Pflanzen zu der Tierwelt, dann findet er, dass in der Tierwelt nun etwas weiteres Übersinnliches lebt, aber ein solches Übersinnliches, das jetzt nicht gefunden werden kann durch das Übersinnliche der Pflanzenwelt in der außerirdischen Umgebung, [sondern] ein Wirkliches, ein geistig Wirkliches, das weder innerhalb des Irdischen noch innerhalb des Außerirdischen gefunden werden kann, das ja im Menschen schon ist von seiner Geburt an, schon von seiner Empfängnis an, das aber auch im Menschen erst bemerkt wird als besonders wirksam, als besonders gestaltend, vom vierzehnten Jahre ungefähr an, wiederum durch eine ungefähr siebenjährige Lebensperiode, während der Mensch entwickelt dadurch, dass jetzt sein [Respirationssystem], Zirkulationssystem wiederum in einer ganz anderen Weise innerlich sich betätigt als früher. Das rührt davon her, weil der Mensch durchdrungen wird von einem Übersinnlichen, das nun ein anderes ist als das bloß Ätherische. Denn das Ätherische wird in der außerirdischen Umgebung gefunden, dieses Überirdische wird nicht mehr im Raume gefunden. Aber auch mit diesem Übersinnlichen kann sich der Mensch nun wiederum bekannt machen. Er kann sich bekannt machen, wenn er über dasjenige nun wiederum hinausgeht, was die Erde in der vorhergehenden Zeit war.
[ 40 ] Wenn der Mensch wirklich durch die Entwicklung jener Fähigkeiten, von denen ich gesprochen habe, nämlich dahin gelangt, die Erde ordentlich zu durchforschen, sodass er das Geistige der Erde erkennt, dann lernt er einsehen, dass derjenige Erdenkörper, auf dem wir jetzt leben, gerade so ein Nachkomme ist im Weltenall, im Kosmos, wie ein Nachkomme ist der Sohn gegenüber dem Vater, nur dass der Sohn seinem Vater an Gestalt gleicht, der Erdenkörper aber ist wie ein Nachkomme hervorgegangen aus einem anderen planetarischen Dasein. Dieses andere planetarische Dasein lernt man erkennen, wenn man die Erde beobachten kann im Winter, wo sie gewissermaßen wach wird, wo sie Gedächtnis, eine Art Gedächtnis, ein kosmisches Gedächtnis entwickeln kann. Dann lernt man erkennen, wie in der Erde, auch jetzt noch in der ganzen Erdennatur festgehalten wird der Zustand wie in einer kosmischen Erinnerung, den die Erde früher durchgemacht hat, bevor sie Erde geworden ist. Diese Dinge klingen heute alle noch paradox, vielleicht sogar töricht und verrückt; aber so haben alle diejenigen Dinge geklungen, die in der Wissenschaft dann Selbstverständlichkeit geworden sind. Lernt man einmal wirklich erkennen, wie dasjenige, was außerirdisch als Geistwesen lebt, und was sich mit den Pflanzen vereint und sich dieses dann gedächtnismäßig erhält durch den Winter hindurch, dann lernt man auch erkennen, wie gleichsam durch das festgehaltene Erdengedächtnis, durch das innere Gedächtnis des Erdenwesens selber, was die Erde vor ihrem Erdendasein war. Da war dasjenige noch gar nicht vorhanden, was jetzt Mineralreich ist.
[ 41 ] Es ist ein langer Weg, sehr verehrte Anwesende, den die Geistesforschung durchmachen muss, um zur Aussage kommen zu können: In dem Vorgänger der Erde, gewissermaßen in dem Vater der Erde, war ein Mineralreich überhaupt noch nicht vorhanden. Dasjenige, was heute getrennt als Ätherisches außerirdisch waltet, lebt und webt, und was sich nur während der Sommerzeit vereinigt mit dem Erdenleib, der im Übrigen das Mineralreich enthält in sich heute, das war, als der Vorfahre, der planetarische Vorfahre der Erde da war, immer mit dem Erdenleib verbunden. Das heißt, die Erde war, bevor sie dieses mineralische Reich geworden ist, ein Wesen, das selbst lebendig war. Die Erde als Ganzes war ein Lebewesen und hat durchgemacht — so wie sie heute gewisse Stadien durchmacht, welche die Geologie zu beschreiben sucht —, hat durchgemacht Lebensstadien. Da lernt man dann erkennen, wie herüber geführt worden ist die Erde aus einem früheren Dasein in ein jetziges Dasein. Man lernt in der Welt Späteres mit Früherem verbinden und lernt in der Zeit ein höheres Lebendiges erkennen als bloß im Raume. Und wenn man dieses höhere Lebendige, das jetzt nicht mehr im Raume zu finden ist — nicht im irdischen Raume, nicht im überirdischen Raume, wie das Lebensätherische —, wenn man dieses in der Zeit Lebendige erkennen lernt, dann lernt man erkennen dasjenige, was im Menschen insbesondere wirksam wird als ein durchaus Übersinnliches, als ein sogar Überräumliches, das im Menschen wirksam sich zeigt, da ist, wie gesagt, schon von der Empfängnis an, aber sich besonders wirksam zeigt in der weiteren Lebensentwicklungsepoche vom 14. bis 21. Jahre ungefähr, wo die Willenskräfte energischer werden, wo alles eingreift in dem Menschen, was man allerdings auch beobachten kann in der tierischen Welt, aber im Menschen auf eine andere Art wirkt als in der tierischen Welt.
[ 42 ] Während dieser Zeit — nennen [kann] man es nun astralischen Leib oder wie man will, auf Ausdrücke kommt es nicht an —, während dieses eingreift auf eine menschliche Weise in die menschliche Organisation und den Menschen zu einem Abbild macht von etwas, das schon vorhanden war, ehe die Erde vorhanden war — nämlich in jenem Vorfahren der Erde, von dem ich gesprochen habe —, während vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahre dieses schon vor dem Erdendasein vorhandene Menschliche den Menschen zu seinem besonderen Abbilde bis in den Leib hinein macht in diesen Jahren, ist es aber schon früher vorhanden, von Kindheit auf vorhanden. Nur, es entwickelt sich allmählich so weit, dass es eben nicht nur im Seelischen wirkt, sondern bis hinuntergreifen kann in das leibliche Dasein.
[ 43 ] Und dann zeigt sich ja darinnen wirklich dasjenige, was lebt in der fortschreitenden Zeit. Die Zeit in ihrem Fließen, die gewinnt ein inneres Leben, und zwar kann ich sagen — obwohl das in der Kürze der Zeit, die mir zur Verfügung steht, nicht zu beweisen ist, Sie können das in der anthroposophischen Literatur nachlesen —, die Zeit wird erfüllt nicht nur von einem Leben, sondern von einem fortdauernden Bewusstsein. Denn tatsächlich hat die Erde ein Bewusstsein, in das man sich hineinlebt, von ihrem früheren Zustande, den ich charakterisiert habe, wo sie ein Lebewesen noch war ohne das heutige Mineralreich. So lernt der Mensch erkennen das Bewusst-Lebendige in der fortschreitenden Zeit. Dieses BewusstLebendige durchdringt die verschiedenen Arten der Tiere, bewirkt, dass sich wiederholt in den Nachkommen des Tieres der Vorfahre. Das Folgende wird mit dem Früheren verbunden nun durch ein, man könnte sagen träumendes Bewusstsein, das wirklich vorhanden ist, und das sich als träumendes Bewusstsein über die ganze Tierart ausbreitet, übersinnlich lebt, gerade so wie die Wesen, die sich mit den Pflanzen verbinden, übersinnlich leben. Durch das ist das Tierreich, ist das Menschenreich auf der Erde möglich.
[ 44 ] Nun lernt man aber weiter, indem die Fähigkeiten, die der Geistesforscher sich aneignen kann, immer sich vertiefen, erkennen auch Wesenheit, die nicht bloß als Bewusst-Wesenheit in der Zeit, in der fortlaufenden Zeit lebt, sondern so lebt, dass die Zeit unterbrochen werden kann, sodass solch eine Wesenheit in einer bestimmten Zeit lebt, gestaltet einen äußeren Organismus, und dann eine gewisse Zeit nicht verbunden [ist] mit diesem äußeren Organismus, ihn aber wiederum ergreift und im fortlaufenden Rhythmus ein früheres Leben wiederholt. Das ist nur eine höhere Stufe des Lebens, aber geistig muss das angesehen werden, was sich als ein Zeitenleben kontinuierlich darstellt im tierischen Leben; dieses Leben — aber mit Unterbrechungen mit Bezug auf das Sinnendasein —, das stellt sich dar im menschlichen Dasein. Dasjenige, was nun besonders wirksam wird im Menschen vom 21. Jahre — wiewohl es durchaus im Seelischen schon früher da ist —, vom 21. bis 28. Jahre, und im 28. Jahre hört im Lebensrhythmus ja das Wachstum auf, weil dasjenige, was da wirksam war vom 21. bis 28. Jahre, seine Wirksamkeit in einer gewissen Weise verändert, so hört mit dem 28. Jahre [das] eigentliche Wachstum auf.
[ 45 ] Wir haben die vierte Siebenjahresepoche des Menschen vor uns. Dasjenige, was da nun in das äußere physische Leben eingreift, den Menschen nicht nur zum Abbild macht von etwas, was vorher gelebt hat, vor ihm, sondern ihn jetzt zum Abbild macht von etwas, was gewissermaßen in Bezug auf seine Entwicklung die Zeit unterbrochen hat, das ist nun eigentlich erst dasjenige, was der Geistesforscher das Ich nennt. Und dieses Leben des Ich führt uns nun ganz aus dem Irdischen heraus, auch aus dem Vorirdischen heraus, es führt uns in ein höheres geistiges Reich, in ein geistiges Reich, an dem die Tiere keinen Anteil haben, das geistige Reich, indem das Ich lebt. Es enthält das Ich Kräfte, die jetzt in den menschlichen Organismus so eingeführt werden, dass für den Geistesforscher, wenn er beobachtet die Einführung der geistigen übersinnlichen Kräfte in die menschliche Natur vom 21. Jahre ab, sich klar herausstellt: dieses Erdenleben ist die Wiederholung von anderen Erdenleben, die schon durchgemacht worden sind; sodass sich das gesamte Menschenleben, nicht für irgendeine Spekulation, nicht für irgendeine Philosophie, sondern für die unmittelbare Anschauung darstellt als verlaufend in einzelnen Erdenleben, die getrennt sind durch Zwischenleben rein geistiger Art, in denen das menschliche Ich sich allmählich einlebt in eine Welt, die weder die irdische ist noch die äußere kosmische, sondern eine rein geistige Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 46 ] So gliedert sich das gesamte Erdendasein zusammen für den Menschen dadurch, das sein Ich in wiederholten Erdenleben sich auslebt, dass diese wiederholten Erdenleben verlaufen im Laufe des Erdendaseins selber. Aber diese Erde ist einmal aus einem anderen Körper hervorgegangen und wird in einen anderen Planetenleib sich verwandeln. Beim Vorgänger der Erde waren die wiederholten Erdenleben noch nicht in einer solchen Weise entwickelt wie hier im Erdendasein. Ebenso wird der Mensch in anderer Weise sich entwickeln als in wiederholten Erdenleben, wenn diese Erde in ihre Dämmerung gehen wird und in einen anderen planetarischen Zustand kommen wird — [Lücke], während die Lebens- [Lücke] erscheint, in dem kein Mineralreich vorhanden war in der Zeit, als die Erde noch nicht vorhanden war, sondern ihr Vorgänger durchaus als Lebewesen vorhanden war, als Bedingungen vorhanden waren, die sich nicht im wiederholten Erdenleben ausgestalteten. Durch diese wiederholten Erdenleben bringt der Mensch dasjenige, was er in einem Leben erwirkt, durch den Tod hindurch und trägt es in die folgenden Erdenleben hinüber, nachdem er es ausgebildet hat in einem rein geistigen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 47 ] Denn der Geistesforscher erkennt, wenn er wirklich dasjenige an Kräften zufügt zu den gewöhnlichen sinnlichen Wahrnehmungskräften, von denen ich gesprochen habe, Geistesforschung erkennt, wie der Mensch zwischen seiner Geburt und dem Tod, in dem er in seinem physischen Leibe lebt, in geheimnisvoller Weise sich etwas erwirbt an Kräften, die man vergleichen kann mit dem, was in der Samenkapsel der Pflanze entsteht, die unscheinbar in der Blüte drinnen ruht, die aber fähig ist, wenn die Winterzeit vorüber ist, zu einer neuen Pflanze zu werden. So entwickelt sich geheimnisvoll innerhalb des Lebens im physischen Leibe ein Geistig-Seelisches, das noch nichts beitragen kann zu unserem gegenwärtigen Leben, das aber regsam ist innerlich und regsam bleibt, wenn wir den physischen Leib abwerfen, wie die verwelkten Blätter abgeworfen werden von der Pflanze im Herbste, und durch die Pforte des Todes gehen. Wir tragen dann dasjenige, was der Geistesforscher wie eine Schicksalsknospe sich entwickeln sieht zwischen Geburt und Tod, durch die Pforte des Todes durch, betten es ein durch eine lange [Zeit] ein in eine geistige Welt, die [da verläuft] zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und tragen es wiederum in ein neues Erdenleben hinein. Und dasjenige, was wir sehen sich entwickeln, was nicht auf die Weise sich entwickelt im Menschenleben, wie ich es beschrieben habe, sondern welches sich hereinschläft mit dem Kindesalter und dem Menschen ein besonders individuelles Gepräge gibt, das tragen wir an Erfahrungen aus einem früheren Erdenleben herüber.
[ 48 ] Ich habe Ihnen geschildert einige Dinge aus der anthroposophischen Weltanschauung, sehr verehrte Anwesende, die allerdings ganz skizzenhaft vorgetragen sind; denn ich müsste viele, viele Stunden reden, wenn ich auch nur annähernd über den ausführlichen Forschungsweg reden wollte, welcher dazu führt, solche Dinge heute zu behaupten, wie sie eben angeführt worden sind. Denn diese Dinge beruhen durchaus auf einer sorgfältigen, gewissenhaften Forschung mit Hilfe derjenigen Kräfte und Fähigkeiten, die ich heute nur andeutete, aber im vorigen Vortrage ausführlicher besprochen habe. Und wenn der Mensch ein gewisses Schicksal erlebt in seinem Leben, so trägt er zu diesem Schicksal bei in der Weise, dass er Neigung, Tendenzen aus seinem früheren Leben hereinträgt, die ihn in geheimnisvoller Weise hinziehen nach dem oder jenem. Das kann für ihn zum Schicksal werden. Man lernt das Hereinspielen früherer Erdenleben in dieses Erdenleben in geisteswissenschaftlicher Weltanschauung kennen. Und ein gewisses Verständnis breitet sich aus über den geistigen Zusammenhang des menschlichen Lebens. Man fügt hinzu zu demjenigen, was die Naturwissenschaft zu sagen vermag über das Leibliche das Physisch-Leibliche des Menschen —, das Geistige, das uns ebenso umgibt wie das, was gleichartig mit unserem Physisch-Leiblichen in der physisch-sinnlichen Außenwelt enthalten ist.
[ 49 ] In dieser Welt, ich habe das schon angedeutet, in die wir eintreten durch die entwickelten geistigen Fähigkeiten, erblicken wir gewisse Wesen, die ebenso, ich möchte sagen ätherisch herunterwachsen, wenn die Pflanzen physisch hinaufwachsen. Da haben wir sozusagen die ersten Vorboten von geistigen Wesen und geistigen Kräften, in die wir hineinwachsen, ebenso wie wir durch unsere Sinne in die Sinnenwelt hineinwachsen. Aber indem wir die höheren Welten kennenlernen, diejenigen, aus denen das menschliche Astralleben ist, das menschliche Ich ist, lernen wir eine geistige Welt mit wirklichen geistigen Wesenheiten in unserer Umgebung kennen, die geistige Welt, in welcher auch diejenigen sind, die schon durch die Pforte des Todes gegangen sind, entweder indem sie ihr Leben vollendet haben oder indem sie in früher Jugend gestorben sind. Nur, besonders muss es betont werden, außerordentlich stark betont werden, dass nicht geglaubt werden darf, dass irgendeine Beziehung zu den Toten — ich habe schon in dem früheren Vortrage davon gesprochen — willkürlich gesucht werden kann. Das wäre durchaus eine falsche Anschauung. Wenn wir in die Nähe eines Toten kommen sollen, dann muss das von dem Toten selber ausgehen. Dann können wir entwickeln durch seinen Willen irgendwie eine Offenbarung von ihm für das geistige Anschauen in diesen Welten. Dasjenige, was wir aber von der geistigen Welt durch die willentliche Entwicklung unserer Fähigkeiten erkennen können, das ist dasjenige, was uns selber angeht, was hinzufügen wird diejenigen Antworten, welche gebraucht werden von denjenigen Menschen, die im Sinne des heutigen Vortrages, wenigstens in dem angedeuteten Sinn, den ich ausgesprochen habe, welche gebraucht werden gerade auf Fragen, welche durch die Naturwissenschaft aufgeworfen werden.
[ 50 ] Naturwissenschaft ist in Wahrheit ein Aufwerfen von Fragen, Geisteswissenschaft ist in Wahrheit Antwort auf dieses Aufwerfen von Rätselfragen. Geisteswissenschaft führt in diejenige geistige Welt durch willentliche Entwicklung hinein, die uns angeht, die wir kennen müssen, damit nicht Gleichgültigkeit, nicht Interesselosigkeit gegenüber demjenigen eintritt, dem unser seelisch-geistiges Dasein selber angehört, damit nicht endlich jene Seelenlähmung im Menschen einträte, die ihn unlustig und unfreudig auch zu der äußeren Arbeit machen müsste, und die ihn auch dem religiösen Leben, das ja von seiner Seele zu ihm sprechen will, entfremdet.
[ 51 ] Man wird schon erkennen, was heute noch vielfach angezweifelt ist, dass Geisteswissenschaft nicht im Geringsten der religiösen Empfindung, dem religiösen Leben des Menschen irgendeinen Eintrag tut, sondern im Gegenteil, Geisteswissenschaft wird das Band finden, das gerade den in dem naturwissenschaftlichen Zeitalter sich entwickelnden Menschen wiederum knüpfen wird an die Geheimnisse, die ihm durch die religiösen Offenbarungen werden können. Geisteswissenschaft wird das wahre Band werden zwischen Naturwissenschaft und dem religiösen Leben. Diese Geisteswissenschaft ist weder in irgendeinem Widerspruche mit der Naturwissenschaft, noch ist sie in irgendeinem Widerspruche mit dem religiösen Leben. Lassen Sie mich über diese beiden Punkte, nachdem ich eine Skizze gegeben habe über einiges, was über Geisteswissenschaft erkannt werden kann, lassen Sie mich über diese beiden Punkte zum Schlusse noch sprechen.
[ 52 ] Die Naturwissenschaft hat selber im Laufe der Zeit erkannt, dass sie eine große Frage ist, dass etwas hinzukommen muss, wenn sie dem Menschen wahrhaftig in tieferem Sinne etwas sein soll, dass etwas zu ihr selber hinzukommen müsse. Welche Hoffnungen haben die Naturforscher noch in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gehabt und, ich möchte sagen auch noch weit in die letzte Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hinein! Wie haben da die Naturforscher geglaubt, aus dem materialistisch gefärbten Darwinismus heraus, aus der äußeren Erkenntnis desjenigen, was Chemie, Physik, Physiologie gibt, die Lebensrätsel beantworten zu können. Ich möchte nicht sprechen aus Ansichten heraus, denn ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass der Mensch nur Ansichten geben soll. Was ich Ihnen dargelegt habe als anthroposophische Wahrheiten, sind nicht Ansichten, sondern ist einfach die Erzählung von Tatsachen, die sich der geistigen Beobachtung ergeben. So möchte ich auch meine Ansicht über die Naturwissenschaft nicht so einfach sagen, sondern aus dem geschichtlichen Werden dieser Naturwissenschaft selber möchte ich zeigen, wie die Naturwissenschaft dazu geführt hat, das anzuerkennen, was ich eben ausgesprochen habe.
[ 53 ] Da darf ich anspielen auf eine Tatsache, die immerhin interessant ist, und gerade im Aufklären über die naturwissenschaftliche Entwicklung: Die großen Hoffnungen des Darwinismus, der darwinistischen Forschung, auch die große Hoffnung der Spektral-Analyse und alles das, was mit den chemischen, mit den biologischen Fortschritten sonst zusammenhängt, waren da. Da schrieb am Ende der Sechzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts Eduard von Hartmann seine «Philosophie des Unbewussten». In dieser «Philosophie des Unbewussten» sprach noch nicht ein Geistesforscher, sondern es sprach ein Mensch, welcher auf dasjenige, was durch die Geistesforschung erst für die Menschen erobert werden wird, zunächst durch Hypothesen, manchmal noch recht unlogische Hypothesen, durch philosophische Spekulation hindeutete auf dasjenige — was ich heute angedeutet habe durch Wesen, die man kennenlernt durch Anschauen —, auf das aus dem Weltennebel sich herabsenkende Pflanzenleben. So konkret kann Hartmann noch nicht darüber sprechen. Aber Eduard von Hartmann konstruiert einfach Wesenhaftes, ein Unbewusstes, das hinter dem Bewussten steht. Also er ahnt philosophisch das, was durch die Geisteswissenschaft tatsächlich gegeben werden konnte. Weil er aber dies ahnte, deshalb konnte er nicht übereinstimmen — trotz der bewundernswerten Gestaltung, welche der materialistische Darwinismus, überhaupt die Naturwissenschaft, in den Sechzigerjahren bereits angenommen hatte —, er konnte nicht übereinstimmen mit dem, was die Naturforscher glaubten, glaubten, indem sie sagten: Die physikalisch-chemischen Kräfte, die rein äußerlich wahrnehmbaren biologischen Kräfte, die erklären dasjenige, was in der Außenwelt vorgeht. Wir haben gesehen, dass Geistesforschung gar nicht zurückgeht zu einem bloß mineralischen Erdkörper, der dann zum Schluss führt zu jenem von Herman Grimm mit so drastischen Worten bezeichneten Urnebel, sondern dass wir zunächst zurückgeführt werden zu einem Lebewesen, das der Vorgänger der Erde ist. Von diesem Lebewesen würden wir zu einem Geistwesen geführt werden, wenn wir noch weiterschreiten könnten. Dazu ist heute nur nicht die Zeit.
[ 54 ] Die Erde war, bevor sie ein Lebewesen war, ein reines Geistwesen. Das menschliche Dasein aber war auch schon mit diesem Geistwesen in irgendeiner Weise verbunden — das alles können Sie nachlesen in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriss». Das, was da durch die Geisteswissenschaft an Tatsächlichem herauskommt — Hartmann hat es geahnt, dass eine geistige Entwicklung zugrunde liegt, selbst schon dem Mineralischen, aber vor allem dem pflanzlichen, dem tierischen und dem menschlichen Dasein im höchsten Sinne. Und er hat überall gezeigt in seiner «Philosophie des Unbewussten», wie ungenügend der Darwinismus ist, wie er zwar Fragen aufwirft, wie er aber ohnmächtig ist, zu zeigen, wie das zustande kommt, was er beschreibt — weil er dann Geistiges aufzeigen müsste, und das wollte der damalige Darwinismus nicht.
[ 55 ] Wie nahmen die Naturforscher auf dasjenige, was Eduard von Hartmann über die Naturforschung gesagt hat in seiner «Philosophie des Unbewussten». Nun ja, wie heute gewisse Leute aufnehmen dasjenige, was der Geistesforscher sagt, insbesondere, wenn diese Leute so recht sich eingelebt haben wollen in das, was sie die wirkliche, echte, wahre Wissenschaft nennen. So sagten auch diejenigen, die dazumal so recht sich eingelebt zu haben glaubten in die echte, wahre Wissenschaft: Nun, der Eduard von Hartmann ist eben ein Dilettant, der weiß nichts und erkennt nichts von dem, was der wahre Nerv der Ergebnisse der Naturwissenschaft ist; man brauche mit dieser dummen «Philosophie des Unbewussten» sich gar nicht zu beschäftigen, denn so etwas kann nur ein Laie, nur ein Dilettant schreiben. Und viele Erwiderungen erschienen, die Hartmann alle als einen Dilettanten hinstellten, zeigen wollten, dass Hartmann eben dasjenige, was die Naturwissenschaft zu sagen hat, nicht versteht.
[ 56 ] Unter den vielen Erwiderungen erschien auch eine von einem Mann, der sich nicht nennt, von einem Anonymus — eine der geistvollsten Schriften, die gleich die Naturforscher anerkannten. Da war eine Kritik eben dieser naturwissenschaftlichen Torheiten von Eduard von Hartmann von vernichtender Schärfe, ganz vernichtend; da war gezeigt, wie töricht, wie dilettantenhaft das alles ist, was dieser Eduard von Hartmann schrieb. Bedeutende Naturforscher, wie der berühmte Darwinianer Oscar Schmidt, auch Haeckel selber, sie sagten ungefähr dazumal: Schade, dass dieser Unbekannte sich uns nicht genannt hat, denn das ist ein echter Naturforscher, der weiß, auf was es in der Naturforschung ankommt. Er nenne sich uns, und wir betrachten ihn als einen der Unseren! Und die Naturforscher haben viel dazu beigetragen, dass dieses Schriftchen sehr bald abgesetzt worden ist, denn sie hatten alles Interesse, die Hartmann’sche «Philosophie des Unbewussten» zu vernichten, weil sie sich einlebte in ihr sonstiges Interessantsein, in die Gemüter der Menschen.
[ 57 ] Da war bald eine zweite Auflage notwendig. Und jetzt nannte sich der Verfasser, und dieser Verfasser war — Eduard von Hartmann! Das war einmal eine Lektion, die erteilt worden war denjenigen, die in diesem Stile, wie das die Naturforscher dazumal taten, aburteilen über dasjenige, was die glauben, weil es nicht in dem sich erschöpft, was sie selber wissen, sondern über das hinausgeht, was sie glauben, als laienhaft-dilettantisch oder gar phantastisch abtun zu können. So wie Eduard von Hartmann aber dazumal gezeigt hat, dass er gerade so reden kann wie Naturforscher, und dass er alles das, was ein Naturforscher gegen ihn vorzubringen hat, selber vorbringen kann, so könnte auch der heutige Geistesforscher, ohne sich besonders anzustrengen, all dasjenige auch aufbringen, was sehr häufig von denjenigen, die ihn in Grund und Boden als einen Phantasten kritisieren, aufgebracht wird zu seiner Rechtfertigung. Die Menschheit sollte etwas lernen von solchen Lektionen, die ihr erteilt werden, wie diejenige war, die dazumal von Eduard von Hartmann erteilt worden ist!
[ 58 ] Aber die Sache geht weiter, möchte ich sagen, und die Entwicklung, die sie gebracht hat, wird immer interessanter. Haeckel, Oscar Schmidt und eine Legion anderer, die erst versprochen haben, den ungenannten Verfasser der Widerlegungs-Broschüre als den ihrigen zu betrachten, die verstummten — propagandierten nicht mehr weiter die Schrift, auf der jetzt der Name «Eduard von Hartmann» prangte. Aber etwas anderes geschah. Und dieses charakterisiert sich durch ein Beispiel, das ich gebe. Solche Beispiele könnten aber viele angeführt werden.
[ 59 ] Einer der bedeutendsten Schüler Haeckels, also desjenigen, der am radikalsten vertreten hat die materialistische Richtung des Darwinismus — da, wo sie berechtigt ist, ist auch Haeckel in vollem Rechte; das ist nicht gegen Haeckel gerichtet, ich erwähne diejenigen Forscher, die gerade bedeutend sind auf ihrem Gebiete, weil man unbedeutende leicht widerlegen kann —, einer der bedeutendsten Schüler Haeckel, Oscar Hertwig. Hertwig — ich habe ihn selber aus Haeckels Munde bei mancher Gelegenheit nennen hören als einen seiner bedeutendsten bedeutenden Schüler, der sich gerade in den Darwinismus wohl eingelebt hat —, der hat eine ganze Reihe von Büchern geschrieben. Eben ist eines erschienen, das heißt: «Das Werden der Organismen», eine Widerlegung der darwinistischen Zufalls-Theorie. Ein merkwürdiges Buch! Wir sehen, es hat nicht einmal längere Zeit gebraucht als diejenige, in welcher die Schüler des Lehrers alt werden. In diesem Buche liefert der Schüler Ernst Haeckels eine vollständige Widerlegung des Haeckelismus, der materialistischen Auffassung des Darwinismus. Und Oscar Hertwig zitiert immer wieder und wieder Eduard von Hartmann in diesem, seinem Buche, und weist damit hin auf die Berechtigung desjenigen, was Hartmann in vernichtender Weise gegen die materialistische Auffassung des Darwinismus vorgebracht hat. Da sehen wir, wie die Naturwissenschaft sich so entwickelt hat, dass sie zwar Großes hervorgebracht hat, aber dass ihre bedeutendsten Vertreter schon selber zeigen, wie sie über sich hinauswächst. Das wird man immer mehr und mehr erkennen, und wenn man es voll erkennen wird in weiteren Kreisen, dann, sehr verehrte Anwesend, ist auch die Zeit gekommen, wo man nicht nur dasjenige, was Eduard von Hartmann und die spekulierenden Philosophen dazumal zu geben hatten zu der Naturwissenschaft, anerkennen wird, sondern wo man anerkennen wird dasjenige, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat.
[ 60 ] Ich müsste noch viel reden, aber die Zeit gestattet das nicht, wenn ich den vollen Einklang, denn ein solcher ist vorhanden, kein Widerspruch zwischen der wahren Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft, wie sie nun aufstrebt, darlegen wollte. Aber ich will noch mit einigen Strichen zum Schluss aufzeigen, wie kein Widerspruch besteht zwischen demjenigen, was religiöse Offenbarung ist, und demjenigen, was die Geisteswissenschaft will. Auf wichtige Punkte habe ich schon im vorigen Jahre hingewiesen in dieser Beziehung, und diese wichtigen Punkte finden Sie ja auch in der genannten Broschüre: «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach».
[ 61 ] Aber ich will heute an einem besonderen Beispiel noch einmal zeigen, dass auch derjenige, wenn er nur guten Willens ist, der mit tiefstem Sinne in seinem religiösen Leben drinnen steht, nichts gegen Geisteswissenschaft einwenden kann, wenn er, wie gesagt eben nur guten Willens ist. Und ich möchte da — nicht gerade, weil ich glaube, dass durch dieses Beispiel alles gezeigt werden kann, aber dass es eben ein Beispiel ist, das herausgreift aus einer langen Entwicklung einen Fall —, ich möchte an dem Beispiel, an dem es gerade den Katholiken gelegen sein kann, aber auch in gewissem Sinne den Protestanten, ich möchte an diesem Beispiel zeigen, wie der Gegensatz zwischen Geisteswissenschaft und dem religiösen Leben nur auf einem Missverständnisse beruht. Und da möchte ich einmal über einen Punkt ganz unbefangen sprechen, über den Punkt, der zur Besprechung kommen kann, wenn man zurückweist das menschliche Nachdenken in Verhältnisse, in eine jetzt schon weit hinter uns gelegene, mittelalterliche Zeit-Epoche, zurückweist das menschliche Nachdenken auf die Philosophie, auf die katholische Kirchen-Philosophie des Thomas von Aquino.
[ 62 ] Derjenige, der auf Geisteswissenschaft nicht eingeht, wird heute ohne Weiteres sagen, wenn er glaubt, richtiger Katholik sein zu sollen: Mit demjenigen, was Philosophie des Thomas von Aquino ist — auf die jeder Katholik verpflichtet ist —, mit dem kann Geisteswissenschaft nicht irgendwie in eine Übereinstimmung gebracht werden. Und sehen wir genauer zu in Bezug auf Punkte der Philosophie, wie gesagt der katholisch christlichen Philosophie des Thomas von Aquino, die sogar durch eine päpstliche Enzyklika in der letzten Zeit zu der kirchlichen Philosophie der Katholiken geworden ist, diese Philosophie unterscheidet zweierlei Erkenntnisse. Ich kann mich natürlich auf ganz breiter Basis dieser Philosophie nicht einlassen, sondern nur auf dasjenige, [worauf es bei] der gegenwärtigen Besprechung ankommt, diese Philosophie unterscheidet zweierlei Arten von Erkenntnissen: erstens solche, die unbedingt überlassen sein müssen der göttlichen Offenbarung, die der Mensch aufnehmen muss, wie durch eine Mitteilung aus göttlicher Offenbarung heraus. Solche Wahrheiten sind im Sinne des Thomas von Aquino die Wahrheit von der Trinität, von der Dreigliedrigkeit des göttlichen Wesens, Vater, Sohn und Geist. Eine solche Wahrheit ist die Lehre von dem zeitlichen Anfang des Erdendaseins, die Lehre von dem Sündenfall und der Erlösung, von der Inkarnation des Christus in dem Jesus von Nazareth und die Lehre von den Sakramenten und eine Anzahl anderer Lehren. Das sind aber die wichtigsten, bloß auf die Mitteilungen aus der göttlichen Offenbarung heraus vom Menschen hinzunehmenden Wahrheiten. Das heißt, der Mensch soll nicht versuchen, durch andere Erkenntniskräfte, die er von sich aus entwickelt, der Trinität, der Sakramentenlehre, der Inkarnation, der Lehre von dem Erdenbeginne, von der Erlösung und so weiter nachzuforschen.
[ 63 ] Außer diesen reinen Glaubenswahrheiten — wie sich Thomas von Aquino ausdrückt — erkennt Thomas von Aquino an diejenigen Erkenntnisse, die der Mensch aus sich allein heraus entwickelt kann, aus sich heraus entwickeln kann, indem er seine Erkenntniskräfte in Regsamkeit, in Bewegung bringt. Diese Erkenntnisse, die allein nicht den Glaubenswahrheiten vorbehalten sind, sind die sogenannten Präambula fidei. Die Präambula fidei, zu denen rechnet nun Thomas von Aquino alle diejenigen Wahrheiten, die sich darauf beziehen, dass ein Göttlich-Geistiges in der Welt vorhanden ist. Also das Dasein eines Göttlich-Geistigen, das Schöpfer, Regierer, Erhalter, Richter der Welt ist, das kann nicht bloß als Glaubenswahrheit im Sinne des Thomas von Aquino anerkannt werden, sondern als eine Erkenntnis, die zu den sogenannten Präambula fidei gehört. Das kann durch die Anstrengung der menschlichen Erkenntniskräfte selber anerkannt werden. Dann aber gehört zu alledem, was im Bereich der Präambula fidei liegt, dasjenige, was sich auf die geistige Natur des menschlichen Seelendaseins bezieht. Dann gehört alles dasjenige dazu, was sich auf die richtige Unterscheidung zwischen Gut und Böse bezieht. Es gehört alles dasjenige dazu, was die Grundlage für die Ethik, für die Sittenlehre des Menschen: für die [Lücke], für alles dasjenige, was wir heute Naturwissenschaft, Ästhetik und Anthropologie nennen, abgibt. Wir sehen also, dass im Sinne dieses kirchlichen Philosophen anzuerkennen sind erstens: Glaubenswahrheiten, zu denen die auf sich selbst gestellten menschlichen Erkenntniskräfte nicht hingelangen können, und andere Wahrheiten, die Präambula fidei, zu denen die auf sich selbst gestellten menschlichen Erkenntniskräfte herankommen können.
[ 64 ] Nun ist leicht nachzuweisen, dass weder die Glaubenswahrheiten in dem Sinne, wie Thomas von Aquino sie meint, berührt werden von der Geisteswissenschaft, in einem Sinne, den Thomas von Aquino ausschließt; ferner ist nachzuweisen, dass die Fortbildung derjenigen Erkenntnisse, die Thomas von Aquino unter den Begriff der Präambula fidei fasst, im Sinne der Geisteswissenschaft nicht wider die Grundsätze, die Thomas von Aquino gegenüber den Präambula fidei entwickelt, verstößt. Man muss nur tiefer gerade in die Lehre des Thomas von Aquino eindringen. Erstens: die Trinität, die Sakramentenlchre, die Lehre von dem physischen Erdenanfang sind Wahrheiten nach dem Verlangen des Thomas von Aquino, zu denen sich die sich selbst überlassene menschliche Erkenntnis nicht aufschwingen kann. Solche Erkenntnis erkennt die Geisteswissenschaft durchaus an. Für die Geisteswissenschaft gibt es durchaus Erkenntnisse, die so behandelt werden müssen wie diese Glaubenswahrheiten, und sogar viel näher liegende Erkenntnisse als diese Glaubenswahrheiten. Sie alle wissen, dass der Mensch für sich etwas nur durch Mitteilung erkennen kann, wenn er zunächst auf dem Gebiete des äußeren Sinneslebens steht, nämlich dasjenige, was vorgegangen ist mit ihm um seine Geburt herum und bis zu dem Zeitpunkt, bis zu dem er sich zurückerinnert. Das muss man ihm mitteilen. Er kann sich nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte erinnern.
[ 65 ] Wenn nun der Mensch die geistigen Erkenntniskräfte ausbildet, von denen ich heute gesprochen habe, so sieht er zwar hinter diesen Zeitpunkt zurück; er verfolgt sich zurück bis zu dem Zeitpunkte, bis zur Geburt, bis zur Empfängnis, und [zurück] in die Zeit, die er erlebt hat zwischen dem Tod und der Geburt. Aber von dem Zeitpunkt ab, bis zu dem man sich zurückerinnert, wird das Anschauen ein innerliches, ein geistiges. Dasjenige, was wir hier äußerlich anschauen als ein äußerliches Ereignis, das sehen wir als äußerliches Ereignis durch die Entwicklung geistiger Fähigkeiten nicht, sonst wäre es unmöglich, dass wir uns die sinnlichen Fähigkeiten hinzuerwerben durch die sinnlichen [Beobachtungen]. Man sieht zwar innerlich den Zeitpunkt bis zu unserer Geburt zurück, aber das Äußere muss man äußerlich sehen. Und von dem Zeitpunkte an, bis zu dem man sich zurückerinnert bis zur Geburt selber, muss man auch dann auf die Mitteilungen seiner Umgebung gehen, wenn man das Innere durchschaut. Es beginnt dann, was man sieht, das Äußere, das dann ein geistig Äußerliches ist, erst wiederum ein Stück vor der Geburt, eine Zeit lang vor der Geburt, wo man sich in der geistigen Welt drinnen weiß, die man durchgemacht hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das innere Anschauen beginnt erst wiederum einen Zeitraum zurück.
[ 66 ] Also es gibt etwas, was trotz aller geistigen Entwicklung auf Mitteilung hingenommen wird auch innerhalb dieses Erdendaseins. Von demselben Charakter sind, nur mit Bezug auf eine höhere Stufe, diejenigen Wahrheiten, die Thomas von Aquino «Glaubenswahrheiten» nennt. Das, was einem mitgeteilt wird über seine Geburt und über seine Kindheit, man lernt es verstehen dadurch, dass man das Innere geistig erkennen lernt; aber man lernt eben nur das Mitgereilte verstehen, man fasst es dann in einer anderen Weise auf. So lernt man auch durch die Geisteswissenschaft in einem ganz anderen Sinne als durch die gewöhnliche Vernunft dasjenige kennen, was Thomas von Aquino Glaubenswahrheiten nennt — die Trinität, den Erdenanfang und so weiter. Aber man muss diese Wahrheiten, und zwar genau diejenigen merkwürdigerweise, die Thomas von Aquino als Glaubenswahrheiten bezeichnet, durch dasjenige erhalten, was wirklich im Laufe der Bibel-Offenbarungen und Traditions-Offenbarungen, insofern sie berechtigt sind, Mitteilung aus übersinnlichen Welten in die sinnlichen herein geworden ist. Wir sprechen allerdings auch auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft von geistigen Wesenheiten, die wir entdecken, von einer Dreiheit, aber wir sprechen nicht von dieser Dreiheit anders, als dass wir sie beobachten bei den geistigen Wesen. Dann lernen wir erkennen, wie die Dreiheit in einem Wesen lebt und wissen sie anzuwenden, wenn sie uns mitgeteilt wird durch die Offenbarungen, durch die Gegenstände der Glaubenswahrheiten. Wir lernen durch die Geisteswissenschaft erkennen den Erdenanfang. Wir wissen aber ganz gut, dass wir, wenn wir den Erdenanfang kennenlernen, ihn aus dem Erdengedächtnis heraus haben, dass wir gewissermaßen sein geistiges Gegenbild haben, und dass wir hinzu erhalten müssen eine Mitteilung darüber, die aus den sinnlichen Welten so kommt, wie die Mitteilungen über unsere Geburt und deren nächsten Jahre aus der sinnlichen Welt uns [zu] kommen.
[ 67 ] Ich kann das, was wiederum breit ausgeführt werden könnte, eben auch nur andeuten; aber gezeigt werden kann auf allen Gebieten, dass zwar dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, in die geistigen Welten hineinführt, dass aber bestehen bleibt eine Anzahl von Wahrheiten, gerade diejenigen, die Thomas von Aquino zu den Glaubenswahrheiten zählt, denen man sich zwar mit vollem Verständnisse nähert, wenn man sie aus der Offenbarung hat, die aber durch die sich selbst überlassenen Geisteskräfte eben nicht gefunden werden können. Sie können bewahrheitet werden, aber sie können nicht gefunden werden. Sie können bewahrheitet werden, wenn sie gegeben sind, verstanden werden, wenn sie gegeben sind. Den Glaubenswahrheiten gegenüber, sagt Thomas von Aquino, hat das menschliche Erkennen nur einen [apologetischen] Gebrauch, einen verteidigenden Gebrauch. Das ist in dem Sinne, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, gerade mit der Geisteswissenschaft auch in Bezug auf die wirklichen, geoffenbarten Wahrheiten der Fall, nur dass Geisteswissenschaft ein intimeres Verständnis als die bloße äußere Vernunft für diese Wahrheiten gibt.
[ 68 ] Und gehen wir über zu dem anderen, was Thomas von Aquino in den Bereich der Präambula fidei zählt da finden wir, dass er zunächst das Dasein Gottes für die Vernunft begreifbar findet. Für die Anschauung geistiger Art, wie ich sie entwickelt habe, ist nicht nur der göttliche Geist, sondern sind auch andere geistige Wesen, die übrigens Thomas von Aquino noch anerkennt, weil er zum Beispiel in den Sternen noch geistige Wesenheiten erblickt und daher eine Ahnung hat von jenen geistigen Wesenheiten, von denen ich heute gesprochen habe, dass sie herunterkommen zu den Pflanzen und sich mit ihnen verbinden. Geisteswissenschaft fügt hinzu aus ihren eigenen Erkenntniskräften zu den geistigen Erkenntniskräften, zu den Präambula fidei, andere Präambula fidei, die durch die Geistesschau erkannt werden können, und die natürlich dadurch, dass sie geistig sind, Wahrheiten liefern, die den Wahrheiten der Theologie selber näher stehen als die bloßen äußeren Vernunftwahrheiten.
[ 69 ] Ebenso ist es mit den anderen Dingen, die Thomas von Aquino in den Bereich der Präambula fidei legt. Daraus ersehen wir, sehr verehrte Anwesende, dass derjenige, der wirklich erkennt den Charakter der Präambula fidei, und nicht dasjenige, was nach dem Standpunkte des damaligen Menschenfortschrittes Thomas von Aquino selber aufzählt als Präambula fidei, nicht — auch nicht gegen Thomas von Aquino — verstößt, indem er über die bloße äußere Vernunftwissenschaft hinaus zu den Geisteswissenschaften fortschreitet. Man kann im strengsten Sinne beweisen, dass der Charakter der Präambula fidei aufrechterhalten bleibt, wenn man auch dasjenige, was Thomas von Aquino für die Präambula fidei zeigt, an Wissen entwickelt, in dem Sinne der heutigen Geisteswissenschaft ausbreitet. Man muss nur in sich durchdrungen sein von dem Impuls des wahren menschlichen Fortschrittes, muss anerkennen, dass auf beiden Gebieten Fortschritt geschehen kann, dann wird man, selbst wenn man sich berufen will auf diesen kirchlich anerkannten Philosophen, einen wirklichen Widerspruch zwischen Geisteswissenschaft und der religiösen Offenbarung nicht finden können, wenn man eben guten Willens ist.
[ 70 ] Auf diesen guten Willen, sehr verehrte Anwesende, ist aber Geisteswissenschaft oder Anthroposophie selbstverständlich sowohl angewiesen gegenüber der Naturwissenschaft, der sie nicht widerspricht, sondern die sie nur erweitert, wie auch gegenüber dem religiösen Bekenntnis, dem sie nicht widerspricht, sondern nur die der modernen Zeit sichere Grundlage bietet. Aber derjenige, der heute noch in dieser Geisteswissenschaft drinnen sich seine Überzeugung sucht, die ihm das Band geben soll zwischen der äußeren Wissenschaft und der Religion, der muss schon auch ein wenig sich durchdringen von jener Empfindung, welche die Betrachtung des geschichtlichen Lebens der Menschheit gibt über das Leben, von Wahrheiten selber, die sich erst aus dem Dunkel des menschlichen Strebens an die Oberfläche heraufarbeiten und so nach und nach erst anerkannt werden.
[ 71 ] Da denkt dann der Geistesforscher gegenüber dem Spott und Hohn, der ihn heute noch vielfach zuteilwird, er denkt, wie es anderen Dingen, die leichter sich in die Außenwelt einleben, weil sie dem Nützlichkeitsprinzip zusprechen, wie es denen ergangen ist. Nun, im neunzehnten Jahrhundert sind ja erst die Eisenbahnen dem äußeren Kulturleben eingefügt worden. Ein Verwaltungskörper, der auch damals moderne Mediziner in sich hatte, hatte sein erleuchtetes Urteil abzugeben darüber, ob man Eisenbahnen bauen solle oder nicht, als die ersten Eisenbahnen in Mitteleuropa gebaut werden sollten. Damals hat dieser erleuchtete Verwaltungskörper, in dem auch erleuchtete Mediziner gesessen haben — wirklich, das ist dokumentarisch nun nachgewiesen —, das Urteil abgegeben: Man solle keine Eisenbahnen bauen, denn die Menschen, die darinnen fahren wollten, würden es nimmermehr vertragen können gesundheitlich, in Eisenbahnen zu fahren. Und wenn doch schon solche sich finden würden, welche in Eisenbahnen fahren, dass man für sie Eisenbahnen bauen müsste — so gab diese erleuchtete Körperschaft ihr Votum ab —, dann müsse man wenigstens links und rechts von den Eisenbahnen hohe Bretterwände aufführen! Sehr verehrte Anwesende, das ist dokumentarisch nachzuweisen und liegt nur eine Anzahl von Jahrzehnten hinter uns. Man müsse hohe Bretterwände aufrichten, weil sonst diejenigen, an denen die Eisenbahnen vorbeifahren, durch die schnelle Bewegung der Eisenbahnen Gehirnerschütterung bekommen müssen. Ich erzähle Ihnen keine Fabel, sondern ich erzähle Ihnen ein Kulturereignis des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings, geistigen Dingen geht es manchmal auch nicht besser, geistigen Dingen, die später voll anerkannt werden.
[ 72 ] Ich möchte gern jemanden sehen, der heute nicht in den weitesten Kreisen sich entzückt fände, wenn er Beethovens Siebte Symphonie hört. Als ein großes Kunstwerk wird sie selbstverständlich von jedem anerkannt, diese Siebte Symphonie. Als sie zuerst aufgeführt wurde, hat nicht ein unbedeutender Mensch — man braucht sich wahrhaftig nicht gerade auf unbedeutende Menschen zu berufen, wenn man sich auf diejenigen, die nicht verstehen können, berufen will, das gewisse Wahrheiten und Kulturerrungenschaften fortschreiten —, nicht ein unbedeutender Mann, sondern der berühmte Komponist des «Freischütz», Weber, hat diesen Ausspruch getan. Er hörte die Siebte Symphonie Beethovens in der Weise, dass er sagte:
Die Extravaganzen dieses sonderbaren Genies erreichen mit dieser Siebenten Symphonie ihr Nonplusultra; Beethoven ist jetzt ganz reif für das Irrenhaus!
[ 73 ] Weber, der Komponist des «Freischütz», hat dieses Urteil abgegeben. Und der Abbe Stadler, der gehört hat diese Siebte Symphonie Beethovens gleichzeitig dazumal, der ist mit seinem Verständnisse nur gekommen bis zu dem heute so sehr bewunderten E in dieser Symphonie und sagte:
Schon wieder das e! Dem Kerl fällt eben nichts ein, es ist trostlos geworden mit ihm!
[ 74 ] Wenn man studiert die Entwicklung der Wahrheiten und das Einleben der Wahrheiten in den menschlichen Fortschritt, dann muss man solche Dinge, die zu Hunderten und Aberhunderten aufgeführt werden könnten, wohl beachten. Dann erst lernt man Zuversicht gewinnen zu demjenigen, was man in seiner Erkenntniskraft und Wahrheit nur innerlich erkennt, und was der Welt ringsherum noch eben in vieler Beziehung fremd ist. Aber in Bezug auf solche Dinge darf ja erinnert werden auch an Größeres. Und im Hinblicke auf etwas, was als Größeres in die Geistesentwicklung der Menschheit eingetreten ist, dürfen heute diejenigen Menschen, welche aus dem in diesem Vortrage charakterisierten Bedürfnisse sich in der Pflege der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zusammengefunden haben, mit Zuversicht der Zukunft entgegengehen. Blicken wir an den Beginn der neueren Zeitrechnung, blicken wir auf die Entwicklung des Römischen Reiches, wie es sich entwickelte so im Sinne desjenigen, was im Beginne unserer Zeitrechnung, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Rom, als dasjenige bezeichnete, für was man sich interessierte, als dasjenige bezeichnete, was einem gebildeten Menschen würdig war, als dasjenige bezeichnete, womit man sich einzig und allein als etwas Daseinswürdigem befassen dürfe. Und blicken wir dann auf dasjenige, was sich später in rascher Entwicklung in die Herzen der Menschen hineingefunden hat, blicken wir auf das Christentum selber. Da haben wir in dem ersten Jahrhundert oben, ober der Erde — und hier ist es auch räumlich wahr —, ober der Erde das römische Leben, und unter der Erde in den Katakomben diejenigen, die um ihre geliebten Toten herum dem Erlöser die ersten Dienste tun. Und erinnern wir uns, wie sie da um ihre Toten herum dem Erlöser die ersten Dienste taten, unten in den Katakomben, wie sie nicht nur unwürdig befunden wurden, sich zu gesellen unter diejenigen, die von der damaligen Bildung und in der damaligen Bildung lebten, sondern wie sie zu Märtyrern gemacht geworden sind. Schauen wir uns genau an dieses obere menschliche Leben im alten Rom und dieses unterirdische Leben der Katakomben, und wenden wir den Blick auf Europa ein paar Jahrhunderte danach; verschwunden das Leben oben /Lücke] und heraufgekommen, [Menschheitsseele] besiegend, dasjenige, was in die unterirdischen Räume im Beginne unserer Zeitrechnung gebannt wurde!
[ 75 ] An dieses große Beispiel sich haltend, sehr verehrte Anwesende, dürfen diejenigen, die sich heute Anthroposophen nennen, sich schon versammeln in ihren Räumen, in den Räumen, die man ja auch anfängt zu verlästern, die man dilettantisch und so weiter findet, als gewissermaßen geistig in Unterirdischen, geistigen Katakomben lebend und sie dürfen ruhig hinblicken auf diejenigen, die sich im Besitze der heutigen Wissenschaft glauben, die da glauben, dass unwürdig ist dasjenige, was von Anthroposophie kommt, dieser tonangebenden, die Welt beherrschenden Wissenschaft. Das wirkliche historische — nicht das willkürliche — Urteil werden erst die folgenden Jahrhunderte, vielleicht auch eine viel frühere Zeit, abgeben, wenn Ähnliches geschehen sein wird, wenn dasjenige, was heute noch verachtet wird, heraufgezogen sein wird, und die Menschenseelen als ein Band zwischen dem äußeren Naturleben und dem geistigen Leben erobern wird.
[ 76 ] [Auf solches Schicksal des Wahrheitslebens blickt derjenige, der seine Überzeugung durch Anthroposophie oder Geisteswissenschaft festigen will, der in ihr sucht einmal den Weg zu der äußeren Naturwissenschaft, dem äußeren Leben überhaupt, und dem religiösen Leben. Und wenn er sich recht durchdringt mit dem, was ihm als Empfindung werden kann aus der Anschauung dieses Schicksals der Wahrheit heraus, dann stört es ihn nicht, dass Gegnerschaft, vielleicht auch Spott und Hohn, dasjenige noch trifft, was ihm als heilige Wahrheit erscheint. Denn mit der Empfindung, die man aus der Anschauung solcher Ereignisse — wie selbst das Christentum, das größte irdische Ereignis, eines ist —, mit der Empfindung, die man aus der Anschauung dieser Ereignisse heraus gewinnt, festigt sich dasjenige, was die menschliche Seele gegenüber der Wahrheit, die sie erkannt zu haben glaubt, empfinden muss, aber auch empfinden kann; trotz allen Widerspruchs, trotz allen Spotts und Hohns. Die Entwicklung der Welt ist doch eine solche, dass die Wahrheit siegen wird. Und im Bewusstsein dessen, dass die Wahrheit siegen wird, kann derjenige, der sich auch nur von einer erst aufblühenden Wahrheit durchdringt, mit einer Empfindung durchdringt, die ihn trägt und hält; denn diese Empfindung entwickelt sich allmählich so, dass sie wirklich Wärme und Licht empfangen, von dem Leben empfunden [unleserlich] ist [Lücke]. Die Wahrheit wird trotz aller äußeren Widersacher immer siegen in der Welt.
