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Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a

8 Oktober 1916, Basel

Menschenseele Und Menschenschicksal Im Verhältnis Zur Weltentwicklung Vom Gesichtspunkte Der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, nachdem ich mir erlaubt habe, in den Vorträgen, die ich in diesem Herbste hier halten durfte, auf die Grundprinzipien und Ziele der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, hinzuweisen — nachdem ich in jenen Vorträgen mich bemüht habe zu zeigen, wie im Wesentlichen dieser geisteswissenschaftlichen Richtung eben ein wissenschaftliches Bestreben und eine wissenschaftliche Grundlage eigen ist, eine wissenschaftliche Grundlage, welche sie auch mit den wahrhaftigen Resultaten der neueren Naturwissenschaft im Einklange stehen lässt —, möchte ich mir heute gestatten, sehr verehrte Anwesende, auf einige Ergebnisse dieser geisteswissenschaftlichen Forschung hinzudeuten. Trotzdem die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie es begreiflich ist — das ist hier öfter gesagt worden —, von den verschiedensten Seiten her Angriffe erfährt, die oftmals recht leidenschaftlich geführt werden, möchte ich doch zunächst wenigstens im Hauptteil meines Vortrages absehen von jedem Hinweise auf gewöhnliche Einwände, gerade heute davon absehen, und mich heute darauf beschränken, einmal auch einiges, ich möchte sagen in rein erzählender Form vorzubringen. Dabei werde ich mich allerdings der Gefahr aussetzen, dass umso leichter Missverständnisse entstehen können; allein nachdem die beiden Vorträge dieses Herbstes doch vorgearbeitet haben, die durchaus wissenschaftlich geartete Grundlage gezeigt haben, darf es einmal, um nicht gar zu sehr in Wiederholungen zu verfallen für diejenigen Zuhörer, die öfter hier sind, vielleicht gestattet sein, eben in solch erzählender Form von den Erlebnissen des Geistesforschers selbst zunächst zu sprechen.

[ 2 ] Am meisten Anfechtung, sehr verehrte Anwesende, findet ja gerade die Art der Forschung, die hier als geisteswissenschaftliche bezeichnet wird, am meisten findet diese Anfechtung, und zwar aus dem Grunde, weil es den gegenwärtigen menschlichen Vorstellungen, Denkgewohnheiten, Gefühlsgewohnheiten eben noch durchaus fern liegt, zu appellieren an eine solche Art von Forschung. Doch ist es nur dieses Ungewohnte, und wenn dieses Ungewohnte einmal in einer näheren oder ferneren Zukunft überwunden sein wird, so wird sich zeigen, dass wenigstens eine größere Anzahl von Menschen schon finden wird, in welch vollem Einklange gerade mit naturwissenschaftlicher Denkweise diese Geisteswissenschaft steht.

[ 3 ] Zunächst darf auf einen Punkt hingewiesen werden in Bezug auf diesen Einwand; das ist der: Die naturwissenschaftliche Entwicklung der neueren Zeit hat es — das ist ja hier oftmals betont worden von mir — im Verlaufe der letzten Jahre zu großen, bedeutsamen Einsichten in den Weltzusammenhang gebracht. Und Geisteswissenschaft liegt es so fern wie möglich, die großen Fortschritte der Naturwissenschaft nicht anerkennen zu wollen. Allein eines geht immer wieder und wiederum für viele Menschen aus der Weltanschauung hervor, die sie sich auf Grundlage, wie sie glauben, der festbegründeten Naturwissenschaft bilden. Es kommen diese Menschen zu dem, was sie «Grenzen des Erkennens» nennen, wovon sie so sprechen: Der Mensch kann, soweit die Erfahrung der Sinne reicht, soweit das Denken reicht, das sich mit der Erfahrung der Sinne befasst, vordringen, gewisse Zusammenhänge der Natur zu erfassen und auch Zusammenhänge des Naturdaseins mit dem menschlichen Dasein selber; aber dann gibt es gewisse Grenzen, über die der Mensch nicht hinaus kann, und jenseits dieser Grenzen liege alles dasjenige, was sich auf die Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens bezieht, auch jene Weltenzusammenhänge, die sich zusammenfassen lassen mit dem einfachen, aber für das Menschenleben außerordentlich bedeutungsvollen Worte «Schicksal».

[ 4 ] Nun ist nach der einen Richtung die anthroposophisch geartete Geisteswissenschaft, wie sie von mir hier gemeint ist, durchaus einverstanden mit dieser Gesinnung der Naturwissenschaft, wenn gesagt wird, dasjenige, was im gewöhnlichen Leben als Erkenntnisfähigkeit des Menschen vorliegt, was sich der Mensch erwirbt an Erkenntnisfähigkeiten, ohne dass er selbst gewissermaRen sein seelisches Leben durch Selbstzucht in die Hand nimmt, das führt zu Grenzen des Erkennens. Und gerade durch die Einhaltung dieser Grenzen des Erkennens, durch das scharfe Ziel dieser Grenzen ist Naturwissenschaft so sichere Bahnen in den letzten Jahrzehnten, ja Jahrhunderten gegangen. Auf den Wegen, die innerhalb dieser Grenzen gewandelt werden, ist es nun unmöglich, zu Erkenntnissen über das Wesen des Seelischen im Menschen vorzudringen; darinnen ist Geisteswissenschaft mit Naturwissenschaft vollständig im Einklange. Aber Geisteswissenschaft zeigt, dass es möglich ist, diese Grenzen zwar nicht mit den gewöhnlichen — ohne des Menschen Zutun im Laufe seiner Lebensentwicklung — entstehenden Erkenntnisfähigkeiten zu beschreiben, wohl aber mit Erkenntnisfähigkeiten, die für das gewöhnliche Leben in den Tiefen der Seele schlummern, und aus diesen Tiefen der Seele durch eine gewisse Selbstzucht herausgeholt werden können. Und gerade, was sich im Zusammenhange mit solchen, aus den Tiefen des Seelenlebens herauszuholenden, für das gewöhnliche Leben unbekannten Erkenntniskräften an Welterfahrung ergibt, von dem möchte ich heute sprechen.

[ 5 ] Da ist eine erste Erkenntniskraft diejenige, die ich mir erlaubt habe, in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» zu nennen die imaginative Erkenntnis. Es ist die erste Erkenntnisstufe gewissermaßen, welche hinausgeht über das gewöhnliche naturwissenschaftliche Erkennen. Wie gesagt, um nicht zu sehr für diejenigen verehrten Zuhörer, welche öfter hier sitzen in diesen Vorträgen, in Wiederholungen zu verfallen, möchte ich von demjenigen absehen, was in früheren Vorträgen gesagt worden ist, und vor allen Dingen heute nicht ausführlich sprechen von jener Selbstzucht, welche die Seele üben muss, um zu solcher Erkenntnisfähigkeit also zunächst zum imaginativen Erkennen — zu kommen. Ich möchte auf die eben angeführten Bücher verweisen, in denen man finden wird, in welch intimer Art die Seele sich selber in die Hand zu nehmen hat, um im Laufe von Hebungen, welche gemacht werden, mit Selbstentsagung, aber auch mit innerem Mut und mit innerer Energie und innerer Kraft dahin zu gelangen, dass geradeso, wie im Verlauf unseres natürlichen Lebens in der Kindheit, nach und nach die naturgemäßen Erkenntniskräfte herauskommen, dass andere Kräfte — die aber nur herauskommen können, wenn die Seele sich selbst in die Hand nimmt —, dass andere Kräfte herauskommen.

[ 6 ] Dennoch möchte ich gerade, ich möchte sagen vom Gesichtspunkte des Selbsterlebnisses des Geistesforschers erwähnen, wie das Aufrücken der Seele zu dieser imaginativen Erkenntnis geschieht. Die einzelnen Übungen werde ich heute hier nicht wiederholen; aber hinweisen will ich darauf, dass ein Wesentliches, ein Wesentliches — es gibt viele Übungen, die gemacht werden —, aber ein Wesentliches dann, und zwar ein solches Wesentliches, das am sichersten hineinführt in die imaginative Erkenntnis, ein Wesentliches kann für den Geistesforscher dadurch erreicht werden, dass er gerade, ich möchte sagen in innerlich-praktischer Weise voll ernst nimmt dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben Erkenntnisgrenzen nennt. Um diese ernst zu fassen, muss man einmal wirklich versucht haben mit innerlich scharf konzentriertem Gedankenleben, mit dem Gerichtet-Sein seiner Gedanken auf eine Aufgabe hin, mit dem Zusammennehmen aller der Seelenkräfte zu einem solchen Denken zu kommen; man muss einmal dahin gekommen sein, die gewöhnliche Erkenntnisgrenze nicht nur hypothetisch anzunehmen, nicht nur philosophisch-spekulativ irgendwie vor sich hinzustellen, sondern zu erleben. Man muss dahin gekommen sein, das Denken bis zu einer solchen Schärfe getrieben zu haben, dass man sich sagt: Dasjenige, was du vermagst mit diesem Denken, das reicht bis hierher; aber jetzt, jetzt stehst du wirklich an einer solchen Grenze, von der du weißt: Mit dem, was du vermagst durch deine persönlichen Kräfte, die du durch das Denken ausbilden kannst, kommst du nicht weiter.

[ 7 ] Und man fühlt dann, dass die Naturwissenschaft nicht so unrecht hat, wenn sie dieses gewöhnliche, alltägliche Denken geknüpft findet an das leibliche Instrument des Gehirns oder des Nervensystems im Allgemeinen. Denn man fühlt, wenn man das konzentrierte Denken weit genug treibt, dass es gerade die leiblichen Grenzen sind, die leiblichen, ich möchte sagen Unfähigkeiten, die einen nun nicht weiter kommen lassen. Das Instrument will nichts weiter hergeben. Dann muss man die Resignation haben, nunmehr stehen zu bleiben, nicht zu versuchen, irgendein Weltproblem, irgendeine seelische Frage mit Gewalt durch das Denken oder durch das gewöhnliche Vorstellen, wie man’s von der Naturwissenschaft her gewöhnt ist, lösen zu wollen; man muss die Resignation haben, nun stehen bleiben zu können, so recht zu erleben, wie man gewissermaßen mit seinem Denken an eine Grenze anstößt.

[ 8 ] Dies ist ein bedeutungsvolles Erlebnis. Denn einen vollen, ernsthaften Glauben zu entwickeln, sehr verehrte Anwesende, dass man zu etwas nicht hin kann, rein innerlich nicht hin kann, zu dem man hin will, dazu gehört ein starker innerer Denkermut. Dann aber, wenn man wirklich durch Denkkonzentration, das heißt verschärftes, innerlich intensiv gemachtes Denken an eine solche Grenze gekommen ist, dann merkt man: Das Denken, das man bisher gefühlt hat verbunden innig mit einem selbst, das macht sich selbstständig, das emanzipiert sich von der Persönlichkeit, in der man steckt. Und man wird, während man bisher Denker war — gewissermaßen innerlich alles Geist-Seelische zu verstehen —, man wird gewissermaßen innerlich geistig-seelischer Zuschauer, wie dasjenige weiterläuft, das man bisher selber geführt hat als Denkprozess. Und es wird Erlebnis. Und es ist wichtig, dass dies Erlebnis wird für den Geistesforscher selber. Es wird Erlebnis das Übergehen, jene innere Erfahrung, die man sonst ausspricht mit den Worten «ich denke», dass sie übergeht in das «es denkt in einem». Das Denken erfasst sich selber, das Denken durchtränkt von Eigenleben.

[ 9 ] Da kann man dann, indem man zuschaut, wie sich loslöst dasjenige, was vorher mit einem verbunden war, und wie die Gedanken auf den losgelösten Wogen weiter tätig sind, da kann man die lebendige Erfahrung bekommen von dem, was der neulich in dem Vortrage genannte schweizerische scharfsinnige und innige Forscher Troxler in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts genannt hat: einen übersinnlichen Leib im Menschen — «Schema pneumatikon» sagte Troxler. Hier wurde es öfter in diesen Vorträgen «Ätherleib im Menschen» genannt. Man kann fühlen, wie man sonst den äußeren Gegenständen gegenübersteht, sie durch seine Sinne anschaut, wie man jetzt seinem eigenen Leib wie einem äußeren Gegenstand gegenübersteht und mit seinem ganzen Wesen in ein viel Geistigeres, in ein selbstständig Geistiges übergegangen ist. Aber in diesem Geistigen macht man besondere Erlebnisse.

[ 10 ] Und nun ist es nötig, sehr verehrte Anwesende, eines immer wieder ins Auge zu fassen, damit Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht missverstanden wird: Wenn der Geistesforscher zu all dem, was ich schon geschildert habe, in Bezug auf seine inneren Erlebnisse, noch die nötige Ruhe sich erwirbt, nun wirklich zu verharren in diesem Zustande des Zuschauers gegenüber dem sich von ihm emanzipiert habenden Denken, dann merkt er wie sich dieses Denken in ein bildhaftes Erleben einer ganz neuen Welt verwandelt, ein wirklich bildhaftes Erleben. Aber dieses bildhafte Erleben, das ist nicht imaginative Erkenntnis genannt, weil es eine Einbildung ist, sondern weil es eben in Bildern verläuft, aber von dem Menschen, der sich in diesem Zustande befindet, so erlebt wird, wie sonst durch die äußeren Sinne die sinnlichen Realitäten erlebt werden. Nur wird etwas anderes erlebt, etwas, wovon man keine Ahnung hat, wenn man die Welt nur mit den Sinnen beobachtet. Aber gerade so, wie um uns herum eine farbige, tönende, wahrnehmende Welt für die Sinne ist, so ist eine Welt, die in wogenden, webenden Bildern erscheint — aber Bilder, welche von Kräften durchsetzt sind — das Ergebnis desjenigen, was ich geschildert habe.

[ 11 ] Und man findet nach einiger Zeit, wie dasjenige, was gewissermaßen aus dem Denken herauswächst als solche imaginative Welt, wie das enthält gewisse Kräfte, die uns das ganze Leben zwischen Geburt und Tod hindurch durchfluten, aber nicht wahrgenommen werden im gewöhnlichen Leben. Im gewöhnlichen Leben, da erfahren wir im tagwachen Zustande — bei wachem Bewusstsein also — dasjenige, was wir durch das Licht, durch die anderen äußeren Elemente wahrnehmen können. Wir erfahren von Augenblick zu Augenblick dasjenige, was wir unsere Welt nennen. Dann aber, wenn wir eingetreten sind in die imaginative Welt, dann erfahren wir dasjenige, was in uns selber lebt als die bildenden Kräfte, als diejenigen Kräfte, die uns von unserer Geburt bis zu unseren Tode so führen, dass sie in uns die Bildekräfte sind, dass wir sie von einem Augenblick des Lebens in den andern herübertragen; und wir wissen von diesem Zeitpunkte an: Der Mensch weiß zwar im gewöhnlichen Bewusstsein nichts davon, aber er lebt in einer solchen innerlichen Welt — und nur, weil er selbst ein Teil dieser imaginativen Welt ist -, so ist dasjenige, was er als seinen äußeren physischen Leib an sich trägt, nicht in jedem Moment leicht wahrzunehmen. Denn würden die Kräfte, die also nur in Bildern, in imaginativen Bildern wahrgenommen werden können, den Menschen verlassen - und im Tode verlassen sie ihn -, so wird der Mensch sogleich Leichnam; das heißt: Sein physischer Leib ist von diesem Augenblick an unterworfen den physischen und chemischen Gesetzen der äußeren Sinneswelt. Es ist ein ganz anderes Wahrnehmen, das jetzt eingetreten ist, als dasjenige, das in uns war bis zu jener Grenze, an die wir gestoRen sind. Es ist - wie ich sagte - eine webende, wogende Welt von Bildern, aber von solchen Bildern, die auf den Wogen der Wellenkräfte des Daseins, die uns selber in sich fassen, hinziehen.

Und nun muss ich aufmerksam machen auf dasjenige, was eben scharf ins Auge gefasst werden muss, damit nicht Missverständnisse gegenüber der Geisteswissenschaft immer wieder und wieder entstehen.

[ 12 ] Der Mensch kommt an eine Grenze, wie ich es geschildert habe. Von dieser Grenze ab muss er gewissermaßen sich übergeben dem lebendig gewordenen Denkprozess selber, der sich in Bilder verwandelt, die uns zeigen im Zusammenhange mit dem ganzen Universum, das in Bildern erscheint, in geistigen Bildern erscheint, in «sinnlich-übersinnlichen Bildern» — könnten wir sagen, indem wir [diesen Ausdruck] Goethes gebrauchen —; aber bei diesem ganzen Prozess, soweit er für die Geistesforschung in Betracht kommt, sehr verehrte Anwesende, ist das volle Bewusstsein des Menschen dabei, so dabei, wie dieses volle Bewusstsein im Wachzustande den Menschen immer durchzieht. In dem Augenblicke gehört eine solche innere Erfahrung, ein solch inneres Erlebnis nicht mehr den Methoden der Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, an, wenn irgendein Herabdämpfen des Bewusstseins, irgendetwas eintritt, was einen geringeren — einen traumhaften Zustand des Bewusstseins darstellt —, als der gewöhnliche Wachzustand. Im Gegenteil, damit der Mensch verfolgen kann diesen Prozess, den ich hier geschildert habe, muss sein Bewusstsein intensiver, stärker, kräftiger werden.

[ 13 ] Daher wäre es, sehr verehrte Anwesende, äußerster Dilettantismus, wenn man verwechseln würde dasjenige, was da im Geistesforscher lebt, mit irgendetwas, was heute die äußere Naturwissenschaft schon sehr gut kennt, mit irgendeinem hypnotischen, mit irgendeinem mediumistischen Zustande. Alle diese Zustände, durch welche herabgestimmt wird das gewöhnliche Bewusstsein, alle diese Zustände drängen den Menschen herunter zu einem niedrigeren Grade des Bewusstseins oder gar zur Unbewusstheit. Dasjenige, was ich geschildert habe, führt den Menschen hinauf zu einem regeren Bewusstseinszustande. Es ist daher eben nur dilettantisch, wenn jemand glaubt, dass der Geistesforscher appelliere an irgendwelche im Unterbewusstsein liegenden Seelenkräfte oder seelischen Zustände des Menschen.

[ 14 ] Wenn Sie mein Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchlesen, so werden Sie sehen, wie jene Selbstzucht, auf die ich hingedeutet habe, durch die solche Zustände, wie ich sie meine, hervorgerufen werden, wie jene Selbstzucht ausschließt alle Möglichkeit, irgendwie nicht zu sehen, was nur unbewusst oder aus dem Unterbewussten heraus in die Seele hereinkommen kann. Ebenso werden Sie aus den dortigen Angaben ersehen, wie alles dasjenige, was auf mediumistischem Wege zustande kommt, streng ausgeschlossen ist von demjenigen, was hier als Methode der Geistesforschung beschrieben wird.

[ 15 ] Wir gelangen — sagte ich — auf diese Weise, sehr verehrte Anwesende, dazu, die Bildekräfte des menschlichen Organismus zu verstehen, anschaulich zu verstehen. Und in diesen Bildekräften ist zugleich alles dasjenige enthalten, was wirklich dem Denken, dem Vorstellen des Menschen zugrunde liegt. Es wird vielleicht nunmehr etwas beitragen zum Verständnisse desjenigen, was eigentlich gemeint ist, wenn ich nunmehr vergleiche mit Bezug auf diese im Menschen befindlichen Bildekräfte, die ein Teil der Bildekräfte, der lebendigen Bildekräfte des ganzen Universums sind, und die seinen sogenannten Ätherleib oder — wie Troxler sagt — «Schema pneumatikon» ausmachen —, wenn ich über das Verhältnis dieser im Menschen befindlichen Bildekräfte zu den Bildekräften, wie sie im Tiere sind, einiges anfüge.

[ 16 ] Dasjenige, was der Mensch so als seinen Ätherleib in sich trägt, ist durchaus auch im Tiere zu finden, aber im Tiere ist es auf ganz andere Weise enthalten. Wenn wir das Tier beobachten gerade mit dieser imaginativen Erkenntnis, wodurch der Ätherleib des Tieres auch anschaulich werden kann, wenn wir das Tier damit betrachten, dann finden wir, dass beim Tier die Summe dieser Bildekräfte so weit gekommen ist, dass diese Bildekräfte sich ganz hinein ergossen haben in die Form, in die Gestalt der einzelnen Organe. Das Tier ist gewissermaßen ganz Abbild desjenigen, was in diesen Bildekräften liegt, sodass wir beim Tiere nicht finden können irgendetwas, was in starker Weise als ein besonderer Ätherleib herausragt über dasjenige, was im physischen Leib ist. Alles das, was physische Organe, Werkzeuge des Tieres sind, die sind entstanden durch die Kraft dieser Bildekräfte.

[ 17 ] Diese Bildekräfte haben sich, ich möchte sagen in diesen Organen kristallisiert — das ist nur ein Vergleich, aber er zeigt, was gesagt werden will —, kristallisiert, wie sich das Wasser kristallisiert im Eis, so kristallisiert, dass es verglichen werden kann damit, dass, wenn ein Quantum Wasser ganz in Eis übergeht, nichts mehr als Wasser zurückbleibt. Anders im Menschen; auch der Mensch — das geht aus den Darlegungen, die ich gegeben habe, ja hervor — ist in Bezug auf das, was sein physischer Leib ist, ein Abbild dieser Bildekräfte. Sie haben sich gewissermaßen in die Organe ergossen; sie sind kristallisiert wie Wasser zu Eis. Aber beim Menschen ist das Eigentümliche, dass noch besondere Bildekräfte, die nicht in die physischen Organe hineingehen, übrig bleiben; sodass man das vergleichen kann mit einem Quantum Wasser, das sich zwar zum Teil kristallisiert zu Eis, von dem Wasser aber etwas noch zurückbleibt. Und dieses Zurückgebliebene ist der freie menschliche Ätherleib, ist dasjenige, was im Menschen möglich macht, dass der Mensch nicht so wie das Tier zu einem innerlich vollbestimmten Leben sich ausprägt, sondern dass er in gewissem Sinne entwicklungsfähig bleibt durch das ganze Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Also ein Entwicklungsfähiges hat der Mensch in sich, eine entwicklungsfähige Summe von Bildekräften. Damit zeigt sich schon in dem, was der Mensch durch imaginative Erkenntnis sich zum Bewusstsein bringen kann, sein Heraufragen über die Tierwelt.

[ 18 ] Wenn nun der Mensch zu dieser imaginativen Erkenntnis vordringt, das heißt, selbsterkennend jene Kräfte erreicht, die ihn sein ganzes Leben begleiten, die ihn immer lebendig halten, die verhindern, dass sein physischer Leib ein Leichnam werde, wenn er sich zur Anschauung dieser Kräfte erhebt, dann gelangt er auch dazu, alles dasjenige, was in der Umgebung ist, nach und nach an solchen Bildekräften kennenzulernen. Seine imaginative Erkenntnis kann sich immer mehr und mehr erweitern. Er lernt erkennen dasjenige, was da lebt im Pflanzenreiche als ätherische Leiblichkeit, welche auch den Pflanzenleib verhindert, in jedem Augenblick ein Leichnam zu werden; er lernt die ätherische Natur, die Natur der Bildekräfte in der tierischen Welt erkennen; aber er lernt auch erkennen, dass um ihn herum eine geistige Welt ist, die weiter reicht als die bloß sinnlich-physische. Und vor allen Dingen lernt der Mensch erkennen, dass dasjenige, was er selber ist, aus gewissen Gliedern besteht. Das erste Glied wirft er im Tode als seinen physischen Leichnam ab; damit tritt der Mensch durch die Pforte des Todes.

[ 19 ] Für denjenigen, der imaginative Erkenntnis entwickelt, ist zwar jetzt der physische Leib den physischen und chemischen Erdekräften übergeben, aber der Mensch ist gewissermaßen in einem zweiten, übersinnlichen, durch imaginative Erkenntnis wahrzunehmenden Leib. Und diesen Leib, den trägt der Mensch tagelang noch an sich. Nach Tagen legt er ihn wie einen zweiten, übersinnlichen Leichnam ab, sodass sich die gewöhnliche Erkenntnis, das Wahrnehmen eines menschlichen Wesens als Seele erweitert für die imaginative Erkenntnis, allerdings zunächst nicht weit über den Tod hinaus, aber zunächst einige Tage über den Tod hinaus, indem bemerkt wird, dass der Mensch nunmehr in einer Art übersinnlicher, ätherischer Leiblichkeit lebt, die er aber wie seinen zweiten Leichnam ablegt. Dieser zweite Leichnam, der wird den Bildekräften des Universums übergeben, so wie der physische Leichnam den chemischen und physischen Kräften der Erde übergeben wird. Dann lernt der Mensch erkennen alles dasjenige, was in der imaginativen Welt an anderen Wesen in solch übersinnlicher Leiblichkeit, nicht in einer fleischlichen Leiblichkeit lebt, wie der Mensch selber oder wie die Tiere.

[ 20 ] Nun gelangt man, wie Sie sehen, über das Geheimnis des Todes nicht zu sehr tiefen Erkenntnissen mit dieser bloß imaginativen Wahrnehmung. Aber wenn der Mensch jene Übungen, auf die ich heute nur hingedeutet habe, und die ich nur durch das Gelangen des Denkens an seine Grenzen etwas charakterisiert habe, wenn der Mensch jene Übungen fortsetzt, wenn er Kraft und Intensität und vor allen Dingen die nötige Ruhe hat, sie fortzusetzen, dann gelangt er dazu, dass in die Vorstellungen, die Wahrnehmungen — die er gewinnt und die man als den Umfang der imaginativen Erkenntnis bezeichnen kann —, dass da so, ich möchte sagen von allen Seiten willensähnliche Kräfte einströmen, wie in den Menschen selber die Willenskräfte einströmen, wenn er aus dem bloßen Vorstellen übergeht zur Bewegung der Hand, zu irgendeiner äußeren Handlung, wie in den Menschen selber die Willenskräfte sich ergießen; so dringen ein in jene Bildwahrnehmungen — die den Inhalt des imaginativen Erkennens bilden —, in diese Bildwahrnehmungen dringen ein Kräfte, die so wie die elektrischen, wie die magnetischen Kräfte in der Welt sind, die nur für das gewöhnliche Bewusstsein nicht da sind, weil sie sich erst ergießen in diejenigen Wahrnehmungen hinein, welche imaginativ sind.

[ 21 ] Und von diesem Augenblicke an weiß der Mensch: Um ihn herum ist nicht nur eine solche Welt, welche sich in Bildern abzeichnet, sondern diese Bilder sind die Offenbarungen, sind der Ausdruck von wirklichen geistigen Wesenheitinden. Die Seele fühlt sich als der Bürger einer geistigen Welt, wie sie sich hier in der Sinneswelt fühlt als der Bürger einer Welt, in der sinnliche Wesen sind. Sprechen zu der Seele können die geistigen Wesen, um die es sich handelt, nur durch die Imaginationen, die innerlich-geistig wahrgenommen werden müssen. Deshalb kann der Geistesforscher — wie ich das schon öfter hier erwähnt habe — nicht in verschwommen-pantheistischer Weise von einer geistigen Welt im Allgemeinen reden, von einem Geist im Allgemeinen; dem Geistesforscher erscheint dieses pantheistische Reden von einem Geist im Allgemeinen so, wie wenn man reden würde für die Sinnenwelt von allgemeiner Pflanzenheit, und einen nur die Pflanzen interessieren würden, das «Pan» in den Pflanzen, und nicht die Tulpen, die Lilie, die Rose und so weiter. Der Geistesforscher steht gegenüber nicht einer allgemein verschwommen-pantheistisch gemeinten geistigen Welt, sondern er steht gegenüber individuellen Geistwesenheiten, die sich von den Sinneswesenheiten nur dadurch unterscheiden, dass sie nicht bis zu einer sinnlichen Verkörperung herunterkommen, sondern innerhalb des geistigen Webens und Wogens bleiben.

[ 22 ] Indem man in diese Welt eindringt, findet man aber nun die Menschenseele in demjenigen Zustande, in den sie eintritt, wenn sie nach einigen Tagen den zweiten übersinnlichen — wie ich gesagt habe —, durch imaginative Erkenntnis wahrzunehmenden Leib ablegt. Wenn der Mensch, nachdem er also durch die volle Todespforte, durch die Todespforte voll getreten ist, auch den zweiten, übersinnlichen Leichnam abgelegt hat, ist er nunmehr ein geistiges Wesen geworden, ein geistiges Wesen, welches ein Leben durchlebt — wir werden die Dinge gleich noch weiter ausführen —, das da verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, einem neuen Erdendasein, in dem der Mensch aber in einem Realen, in einem Wirklichen webt und lebt, das jetzt nicht sucht durch irgendetwas, was nur durch imaginative Erkenntnis erreicht werden kann, einen sinnlich leiblichen Ausdruck zu gewinnen, sondern das nur durch einen Willen in Imaginationen sich zum Ausdruck bringt.

[ 23 ] Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, der Verkehr mit einer solchen geistigen Welt, das heißt aber mit der wirklichen geistigen Welt, er muss vermittelt sein durch dasjenige, was der Mensch in seinem eigenen Innern entwickelt; er kann nur auf diesem Umwege erreicht werden. Daher muss Geisteswissenschaft immer wieder und wiederum in ihrer wahren Gestalt, wie sie hier gemeint ist, darauf hinweisen, wie es im Grunde genommen nur einem materialistischen Vorurteil unserer Zeit entspricht, wenn man eine Verbindung mit der geistigen Welt herstellen will dadurch, dass man in gewissem Sinne so experimentell vorgehen will, wie man experimentell vorgeht im äußeren physischen oder chemischen Laboratorium, durch dasjenige, was man vor den Sinnen veranstaltet, gewissermaßen zu einer Verbindung mit der geistigen Welt kommen will. Wenn man sieht, wie in den weitesten Kreisen eine Vorliebe um sich gegriffen hat für ein solches sinnliches Vermittelt-Sein der geistigen Welt, dann ist es schon nötig, darauf hinzuweisen, dass Geisteswissenschaft nicht verwechselt werden darf mit diesem sinnlichen Hinweisen auf eine geistige Welt. Was ist in dieser Beziehung nicht selbst von angesehenen, von großen, bedeutenden Gelehrten — ich will nicht sagen von den gewöhnlichen Spiritisten — auf diesem Felde gesündigt worden.

[ 24 ] Eben jetzt wird wiederum berichtet von einem Buch, das einer der angesehensten Gelehrten der Gegenwart geschrieben hat über das Menschenleben nach dem Tode, und in dem er darauf hinweist, wie er durch Medien, das heißt durch solche Persönlichkeiten, deren Bewusstsein nicht gehoben ist, sondern heruntergetrübt wird ins Traumhafte, ins Gedämpfte versetzt wird, einen Zusammenhang mit der geistigen Welt erreichen will. Wie werden denn solche Zusammenhänge erreicht? Sie werden erreicht dadurch, dass die Vermittlungen geschehen sollen durch diejenigen Verhältnisse, die der Mensch hier in der Sinnenwelt durch seinen sinnlichen Organismus sich aneignet. Schreiben — wir lernen es nur dadurch, dass wir mit unserem seelischen Wesen einen physischen Leib in Verbindung haben —, die Schreibkunst ist durchaus etwas, was abhängig ist von dem physischen Leib, den wir mit dem Tode ablegen. Ebenso ist sogar dasjenige, was sich im gewöhnlichen Sprechen ausdrückt, abhängig von dem physischen Organismus des Kehlkopfes und allem, was damit zusammenhängt; was sich im gewöhnlichen Sprechen ausdrückt ist durchaus gebunden an jenen physischen Leib, den wir im Tode ablegen. Ob nun Worte herauskommen dadurch, dass jemand automatisch schreibt mit gedämpftem Bewusstsein oder dadurch, dass er einen Tisch klopfen lässt — es liegt immer der Irrtum zugrunde, dass dasjenige, was aus der geistigen Welt kommt, aus der wirklichen geistigen Welt kommt, sich ausdrücken könne mit den Mitteln, welche eigentlich nur eine Bedeutung haben innerhalb der Entwicklung unseres physischen Leibes, welche gebunden sind an die Entwicklung unseres physischen Leibes.

[ 25 ] Daher muss Geisteswissenschaft darauf hinweisen, dass auf diesem Wege zwar einiges herkommen kann von dem, was der Mensch schon wenige Tage nach dem Tode als zweiten Leichnam abwirft, als übersinnlichen Leichnam abwirft; denn in diesem übersinnlichen Leichnam, der gewissermaßen die physischen Organe des Menschen selber hervorgebracht hat als Bildekräfte, da steckt einiges von dem, was als Reminiszenz zurückbleibt nach dem Tode. Denn dieser Leib löst sich keineswegs gleich auf in der geistigen Lebewelt, sondern er löst sich sehr langsam auf, er bleibt lange vorhanden, und man kann eine Verbindung herstellen durch solche untergeordneten Kräfte, auf die jetzt hingedeutet wird. Aber man stellt eben doch nur eigentlich eine Verbindung her, ich möchte sagen mit einem zweiten Leichnam des Menschen, mit einem zweiten Übriggebliebenen, während schon nach einigen Tagen der wirkliche Mensch dieses Übriggebliebene verloren hat.

[ 26 ] Dieser wirkliche Mensch aber ist ein Bürger der geistigen Welt geworden und kann sich, so wie wir uns durch unseren sinnlichen Leib — durch Schreiben oder durch Sprechen — dem anderen mitteilen, was alles an einen physischen Leib gebunden ist, es kann sich der wirklich seelisch-geistige Mensch, der nunmehr durchgeht durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, er kann sich durch dasjenige mitteilen, sodass die Mitteilung zum Bewusstsein des anderen kommt, wenn der andere in der Lage ist, ebenso Imaginationen, Inspirationen entgegenzunehmen, wie wir hier in der physischen Welt das Gelesene oder Gesprochene in der Lage sind, entgegenzunehmen. Denn, kommt die menschliche Seele dazu, solch ein Wesen wahrzunehmen wie den Menschen nach dem Verlassen seines zweiten Leibes, dann darf diese Erkenntnisstufe genannt werden die «inspirierte Erkenntnis», im Gegensatz zu der bloß imaginativen Erkenntnis.

[ 27 ] Ich bitte Sie nur bei diesem Worte «inspirierte Erkenntnis» nicht an dasjenige zu denken, was nach der Tradition unter Inspiration gedacht wird, sondern nur an dasjenige, auf was ich eben hindeute. Man muss Worte gebrauchen, welche geläufig sind schon einmal; aber es ist auch nötig, dass man bei einer Erkenntnis, die ja durchaus erst im ersten Stadium ihrer Entwicklung ist — etwa in dem Stadium, wie die Naturwissenschaft zur Zeit des Galilei oder Kopernikus war —, dass man sich gewöhnt, bei diesen Worten daran zu denken, was bei dieser fortgeschrittenen Erkenntnis damit gemeint ist. Nun liefert uns aber diese inspirative Erkenntnis ein wesentliches Teil, sehr verehrte Anwesende, für unsere Selbsterkenntnis. Für unsere Selbsterkenntnis liefert uns die imaginative Erkenntnis die Gewissheit, dass wir [in unserem Leben] zwischen Geburt und Tod in uns tragen Bildekräfte, die uns von Augenblick zu Augenblick führen. Die inspirative Erkenntnis liefert uns mehr, die Inspiration zeigt uns, dass hereinwirkt in unser Leben ein Strom, der verläuft [hinaus] über unsere Geburt, und der uns getragen hat von unserem letzten Erdenleben bis zu der Geburt, durch die wir in dieses Erdenleben hereingetreten sind. Da waren wir ein rein geistig-seelisches Wesen; da waren wir ein Wesen, dessen Offenbarungen nur in Imaginationen oder in Inspirationen sich ausleben können.

[ 28 ] Aber während der Geistesforscher zum Bewusstsein bringt dasjenige, was sich eben in der inspirativen Erkenntnis ergibt, was der Mensch ist; zwischen dem Tod und der Geburt lebt die Summe von geistig-seelischen Kräften, auf die hier hingewiesen ist. Sie lebt durch ihre Wirkungen in unser gewöhnliches Erdenleben herein. Wir sind nicht nur in diesem gewöhnlichen Erdenleben zwischen Geburt und Tod abhängig von dem, was in uns an physischen und chemischen Kräften in Bezug auf unseren Organismus lebt, auch nicht allein abhängig von dem, was in der vorher gezeigten Weise an Bildekräften lebt, die ja einige Tage nach dem Tode schon abgestreift werden, sondern wir sind von seelisch-geistigen Kräften, die durch Jahrhunderte sich zwischen dem Tod und einer neuen Geburt entwickeln in einer rein geistigen Welt, und welche gewissermaßen sich verbinden mit demjenigen, was uns von Vater und Mutter, von den Vorfahren an physischer Leiblichkeit gegeben wird. Wie wir von den Vorfahren die physische Leiblichkeit erhalten, so verbindet sich mit dieser physischen Leiblichkeit dieses rein Geistig-Seelische, das durch inspirative Erkenntnis vor das Bewusstsein treten kann, und das hereinwirkt — wie die physischen Kräfte im physischen Leibe wirken —, hereinwirkt aus unserer geistig-seelischen Vergangenheit.

[ 29 ] Um nun ein bisschen verständlicher noch zu werden für dasjenige, was hier gemeint ist, möchte ich darauf hinweisen, dass gerade das hier Gemeinte in geisteswissenschaftlicher Beziehung ein Licht wirft auf das, was man die Vererbungsfrage in Bezug auf den Menschen nennt. Diese Vererbungsfrage, sie wird ja von der heutigen Naturwissenschaft — wie wir wissen — in vielfacher Weise sehr scharfsinnig behandelt, und man kann schon verstehen, wenn der Naturforscher heute kommt und sagt, indem er sich verschiedene Ausführungen der Geisteswissenschaft ansieht: Ja, hast denn du Geistesforscher gar keine Empfindung für jene streng wissenschaftliche Methode, für jene entsagungsvolle Methode, welche die Naturwissenschaft anwendet, um herauszubekommen, wodurch ein Mensch so und so geartet ist, diese und jene Anlagen im Leben entfaltet nach und nach von der Kindheit bis ins spätere Alter, hast du keine Empfindung, wie die Naturwissenschaft versucht, zu zeigen, wie dasjenige, was beim Sohn, was bei der Tochter auftritt, Vererbung ist von Mutter, von Vater, Großmutter, Großvater und so weiter hinauf, welche komplizierten Probleme hier vorliegen?

[ 30 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, der Geistesforscher hat für das alles Empfindung und er erwidert der Naturforschung nur, dass er voll anerkenne in seinen Grenzen dasjenige, was die Naturwissenschaft auf diesem Feld zutage fördert, dass er gar nichts negiere; denn das ist das ewige Missverständnis, dass man glaubt, dass der Geistesforscher irgendetwas negiere von dem, was der Naturforscher durch diese resignierte, entsagungsvolle Forschung herausholt. Der Geistesforscher muss nur allerlei anderes noch hinzufügen; wir werden sogleich etwas ins Auge fassen, was ich in diesen Vorträgen schon öfter erwähnt habe. Man sagt heute: Dasjenige, was der Mensch an Eigenschaften, an inneren Temperamenten, Anlagen, an Willensimpulsen, an der Art wenigstens seiner Willensimpulse, der Konfiguration seines Denkens in die Welt hereinträgt, was sich auslebt in seiner Entwicklung, das könne man verfolgen, wie es sich vererbt von den Vorfahren.

[ 31 ] Bücher werden geschrieben mit Bezug auf einzelne Menschen, in denen diese Vererbungsfrage besonders behandelt wird. Solche Bücher können außerordentlich interessant sein. Zum Beispiel ist ein Buch geschrieben worden gerade über Goethe, in dem verfolgt wird, soweit man nur hinauf verfolgen kann die ganze Vorfahrenreihe Goethes. Es wird gezeigt: Goethe hat bestimmte Eigenschaften entwickelt bis zur Genialität, sieht man sich aber die Vorfahren an, so haben diese immer wenigstens eine Artung in Bezug auf diese Eigenschaften, und man könnte gleichsam Goethe auffassen als eine Zusammenfügung aller der Eigenschaften, die verteilt bei seinen Vorfahren auftreten. Das ist recht interessant; aber es ist trotzdem, trotzdem es in seinen Grenzen sehr richtig ist, eine wirkliche Logik nicht darinnen, und am allerwenigsten dürfte sich derjenige darauf berufen, der nur immer die äußere Erfahrung zurate ziehen will, wenn er solche Probleme lösen will. Denn wann könnte man sicher ein solches Problem lösen, zeigen, dass durch Vererbung sich wirklich Geistig-Seelisches von den Vorkommen auf den Nachkommen fortpflanzt? Dass der Nachkomme, auch wenn er ein genialer Nachkomme ist, gewisse Eigenschaften seiner Vorfahren zeigt, das ist nicht weiter wunderbar, ich möchte sagen sogar etwas Selbstverständliches, wie ich schon öfter gesagt habe, nicht wunderbarer, als wenn einer, der ins Wasser gefallen ist, nass herausgezogen wird; er nimmt eben dasjenige an, wodurch er durchgegangen ist. Seine Vererbungskräfte sind durchgegangen durch diejenigen seiner Vorfahren, sie nehmen dasjenige auf. Zeigen, dass Geistig-Seelisches sich wirklich fortsetzt in den Nachkommen könnte man nur dann, wenn man einen bestimmten Vorfahren nähme mit bestimmten geistig-seelischen Eigenschaften, zum Beispiel einen bestimmten genialen Menschen, und zeigen, wie auf die Nachkommen diese Eigenschaften übergehen, das wird man hübsch bleiben lassen, denn man würde dadurch zu ganz besonders kuriosen Resultaten kommen. Auf die Vorfahrenreihe allein Goethes zu verweisen, das führt zu nichts; aber auf die Nachkommen nur zu verweisen, führt eben auch zu nichts. Man sieht: Eine wirkliche Tatsachenlogik steckt in dieser Sache nicht darinnen. Aber um was handelt es sich dabei?

[ 32 ] Nun, ich sagte: Der inspirativen Erkenntnis wird offenbar, was sich vollzieht zwischen dem Tod und der neuen Geburt. Wir treten als Kind einer bestimmten Familie, als Angehöriger einer bestimmten Nation, umgeben von bestimmten Lebensbedingungen ins Dasein herein; die inspirative Erkenntnis zeigt uns, dass sich mit demjenigen, was sich physisch als Vererbungsströmung herab fortpflanzt von den Vorfahren bis zu uns, dass sich mit diesem verbindet ein Geistig-Seelisches, das vor unserer Geburt, oder sagen wir vor unserer Empfängnis in der rein geistigen Welt lebt. Richtig vorstellen diese geistige Welt kann man nur, sehr verehrte Anwesende, wenn man weiß, dass dieses Geistig-Seelische, um das es sich handelt, nicht irgendwo in einem geistigen Wolkenkuckucksheim ist, sondern da, wo wir selbst sind, da, wo wir leben, da ist das Geistig-Seelische. Dieses Geistig-Seelische unterscheidet sich nicht durch den Ort von dem Physischen, sondern durch die Art und Weise, wie es sich offenbart.

[ 33 ] Wir sind immer von dem Geistig-Seelischen umgeben, und dieses Geistig-Seelische ist auch immer in Verbindung mit dem Physischen. Die physische Welt ist immer eine Offenbarung der geistig-seelischen Welt. So wie wir, wenn wir im physischen Leibe hier zwischen Geburt und Tod stehen, in all dem, was wir sind und tun, das Seelische in uns tragen, ein Ausdruck dieses Seelischen sind, so steht das Geistig-Seelische, das in der geistig-seelischen Welt sonst ist, auch mit dem Physischen in Verbindung. Und insbesondere steht mit der ganzen Vorfahrenreihe hinauf durch unsere Mutter, unseren Vater, unseren Großvater, unsere Großmutter und so weiter, bis hinauf durch viele Generationen hindurch, bis zu derjenigen Zeit, in der wir durch einen früheren Tod in die geistige Welt eingetreten sind, es steht dasjenige, was hier geschieht unter fortwährendem Einfluss der geistigen Welt, in der unser Geistig-Seelisches ist, sodass unser GeistigSeelisches in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ebenso herunterwirkt, mitwirkt — natürlich kommt da vieles zusammen, in das es hineinwirkt —, aber mitwirkt in die ganze Vorfahrenreihe hinein.

[ 34 ] Alles, was geschieht in der Vorfahrenreihe: das Zusammenfinden dieser und jener Elternpaare, das Zusammenfinden dieser und jener Umstände, welche zuletzt dazu führen, dass ein bestimmtes Elternpaar die leibliche Konstitution hat, gerade der betreffenden Seele, die hier sein soll, den Leib zu übergeben, all das wird mitbewirkt durch unser Geistig-Seelisches vor unserer Geburt oder sagen wir vor unserer Empfängnis. Wir sind in unserer Vorfahrenreihe, das heißt in dem, was als Kräfte unsere Vorfahrenreihe durchdringt, schon darinnen. Es handelt sich also nicht darum, dass Goethe seine geistig-seelischen Eigenschaften dadurch ins Dasein gebracht hat, dass er das nur als leibliches Erbgut von seinen Vorfahren erhalten hat, sondern dasjenige, was durch Generationen hinauf die leiblichen Vorfahren entwickelt haben, das hat Goethes Seele beeinflusst, in das hat sie hineingewirkt, bis nach der Geburt in den physischen Leib hinein. Deshalb bringen wir unsere geistig-seelischen Eigenschaften, die unabhängig sind von dem physischen Leib, wir bringen sie durch unsere Geburt zum physischen Dasein aus der geistigen Welt heraus, weil wir in der Lage sind, bestimmend zu wirken auf die Entwicklung der physisch-sinnlichen Eigenschaften, wie sie durch die Vorfahrenreihe durchgehen.

[ 35 ] So paradox, sehr verehrte Anwesende, solch eine Wahrheit heute noch erscheint, gerade so wie die anderen naturwissenschaftlichen Wahrheiten sich seit einigen Jahrhunderten und insbesondere im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts der Erkenntnis der Menschen wie Selbstverständlichkeiten einverleibt haben, diese Erkenntnis sie wird sich der Menschheit einverleiben, dass wir entwickeln zwischen dem Tod und der Geburt alles dasjenige, was wir durch die Erfahrungen entwickeln können, die wir aus der geistigen Welt heraus bekommen, dass wir dies, was wir an Kräften aus der geistigen Welt schöpfen wie in einen Strom heruntersenden in die Art, wie sich Vorfahre nach Vorfahre entwickelt und zuletzt das zustande kommt, was für uns eine richtige leibliche Konstitution ist. Diese geistig-seelische Betrachtung des Daseins, sie wird sich als eine selbstverständliche ergeben, wenn man einmal über gewisse rein materialistische Vorurteile hinaus sein wird.

[ 36 ] Ich weiß sehr wohl: Da kommen noch sehr viele Menschen, die sagen: Na ja, dasjenige, was da solch ein Mensch behauptet, der da sagt, der Mensch sei einer inspirativen Erkenntnis zugänglich, das sei alles recht schön ausgedacht, aber das alles habe keinen Grund und Boden; viele Menschen der Gegenwart kenne ich, die da sagen: Das mag alles schön erdacht sein, aber der Grund und Boden fehlt. Dem Geistesforscher kommt das vor, wenn man sagt, der Grund und Boden fehlt, wie wenn man gesagt hätte, als man zuerst die Wahrheit aufstellte, nicht die Erde ruht unten fest auf, auf irgendetwas Festem, sondern bewegt sich frei im Weltenraum, das könne nicht sein, denn da fehle der Grund und Boden. Die Menschen können nun nicht übertragen dasjenige, was sie sich angewöhnt haben durch Jahrhunderte an logischem Urteil für eine Sphäre des Lebens auf die andere Sphäre des Lebens. Könnten sie das, so würde man nicht Einwände hören wie: der Grund und Boden fehle. Es braucht eben keinen Grund und Boden, wenn eine Erkenntnis sich selbst trägt. Und die inspirative Erkenntnis reicht hinein in diejenigen Welten, aus denen wir herauskommen, indem wir durch Geburt oder Empfängnis ins sinnliche Dasein treten, und in denen wir an denjenigen Kräften mitarbeiten, die durch die Generationsreihe unsere inneren Eigenschaften vorbereiten, diejenigen Eigenschaften, welche maßgebend sind für dasjenige, was wir durch Temperamentsdurchdringung, durch Willensdurchdringung, durch die Konfiguration des Denkens im Leben erreichen.

[ 37 ] Gerade dies ist wiederum ein Gebiet, sehr verehrte Anwesende, wo die Naturwissenschaft schon entgegenkommen wird der Geisteswissenschaft, so wie man bei einem Tunnelbau von zwei Seiten hineinbohren kann; wenn man durch die entsprechenden Instrumente das in der richtigen Weise macht, kommt man in der Mitte zusammen. So wird die Naturwissenschaft, die von der einen Seite arbeitet, zusammentreffen mit der Geisteswissenschaft, welche von der anderen Seite in Wirklichkeit hineinkommt. Und gerade auf diesem Gebiete wird das Leben, auch das naturwissenschaftlich erfasste Leben, dem Menschen entgegenbringen die volle Bestätigung desjenigen, was man jetzt ja nur als eine Behauptung derjenigen Menschen hinnehmen kann, welche vom Gesichtspunkte der inspirativen Erkenntnis ausgehen.

[ 38 ] Aber es gibt doch heute schon einigermaßen denkende Naturforscher, die zwar auf die Tatsachen hinweisen können, die in Betracht kommen, aber noch nicht auf dasjenige, was als übersinnliche Kräfte hinter diesen Tatsachen in der geschilderten Weise liegen muss. Wenn man von der bloßen physischen Vererbung spricht, dann müsste man eine Erklärung finden können dafür, dass verschiedene Nachkommen eines und desselben Elternpaares mit ganz verschiedenen Eigenschaften auftreten. Gewiss, sophistische Erklärungen wird man allerlei finden können; aber derjenige, der ein wirklicher Lebensbeobachter ist, dem werden diese sophistischen Erklärungen nicht dienen können. Die Kinder eines und desselben Elternpaares zeigen allerdings gewisse Grundlinien gleicher Art, aber innerhalb dieser Grundlinien zeigen sich solche Verschiedenheiten, die eben durchaus darauf hinweisen, dass etwas anderes als die bloß physische Vererbung im Spiele ist. Denn diese bloß physische Vererbung gibt, ich möchte sagen nur eine gewisse Richtung im Allgemeinen, und man sieht, wie sich hineinstellt in dieses Allgemeine dann etwas Besonderes, etwas Spezielles, das nur aus dem Geistig-Seelischen herauskommt.

[ 39 ] So beobachtet heute der Naturforscher schon: Zwei Söhne eines und desselben Elternpaares treten vor ihn hin, sie zeigen gewisse Grundlinien ihrer Charakterart. Man kann sagen: in einer gewissen Art, die Gedanken zu fassen, in der Schnelligkeit der Gedanken, in dem Springen von einem Gedanken zum anderen, in dem Durchpulst-Sein von Wille bei bestimmten Anlässen sind die beiden gleichgeartet. Wie gesagt, Naturforscher weisen durchaus auf solche Dinge schon hin. Aber indem sich diese beiden Söhne im Leben entwickeln, wird aus dem einen ein tüchtiger Kaufmann. Dasjenige, was er ererbt hat — ich kann das nur kurz andeuten, wenn man’s weiter ausführt wird es immer anschaulicher und anschaulicher —, dasjenige an der Art und Weise der Ausbildung, an der Art und Weise, den Willen in Tätigkeit, Wirklichkeit zu übersetzen, macht ihn zu einem tüchtigen Kaufmann. Bei dem anderen führt dieselbe Eigenschaft, sehr verehrte Anwesende — ich spreche von einem Beispiel, das aber mehr als hundertfach vermehrt werden könnte-, zum Hochstapler! Woher kommt das? Sehr einfach: Es ist durch die physische Vererbung der Mensch in eine gewisse Richtung gedrängt — bei beiden gleicherweise, aber das Individuelle, das Besondere, das gewissermaßen einmal dieselben Eigenschaften in die Hand nimmt und sie individualisiert zum tüchtigen Kaufmann, das andere Mal sie individualisiert zum Hochstapler, das ist das Geistig-Seelische, das sich hineindrängt in die Vererbung, und das eben nur in seinem Ursprung in der geistigen Welt gesucht werden muss.

[ 40 ] Eine dritte Art der Erkenntnis, sehr verehrte Anwesende, das ist diejenige, die ich mir in den genannten Büchern habe zu nennen erlaubt die intuitive Erkenntnis. Dabei ist aber keineswegs jene Intuition gemeint, welche gewisse verschwommene Mystiker oder auch sonst irgendwie Leute, die doch auch hinaus wollen über das gewöhnliche Erkennen, die aber nur bis zu einem instinktiven Erfassen eines allgemeinen Seins, einer allgemeinen Realität kommen wollen, was die als Intuition bezeichnen, sondern dasjenige ist gemeint, was sich der immer weiter und weiter dringenden inneren Selbstzucht ergibt, indem der Wille zuerst eindringt in die Imagination und sich gewissermaßen als die Offenbarung von besonderen geistigen Wesenheiten der geistigen Welt ausspricht, wie ich ausgeführt habe. Indem die Erkenntnis weiter vordringt, gelangt man nicht nur bis zur Willensoffenbarung der Geister in der Welt um uns herum, sondern man gelangt dazu, das Wesen geistiger Wesenheiten zu erkennen, wie man hier in der physisch-sinnlichen Welt das physisch-sinnliche Wesen durch die sinnliche Wahrnehmung kennt. Und dann, wenn diese intuitive Erkenntnis eintritt, dann tritt nicht nur das ein, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, dass man wirklich erst vollständig Mitbürger wird von geistigen Wesenheiten um einen herum, vor allen von denjenigen geistigen Wesenheiten, die wir selber sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sondern dass man wird Mitbürger derjenigen geistigen Wesenheiten, die niemals zur physischen Welt herabsteigen.

[ 41 ] Aber auch: Man wird Erkenner desjenigen, was herüberwirkt aus einem früheren Erdenleben, das man mitgemacht hat, und an das sich angeschlossen hat die Entwicklung zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn aus dem früheren Erdenleben wirken so, wie ich ausgeführt habe — wie da in unser gewöhnliches Leben zwischen Geburt und Tod hineinwirken in unser Inneres, in unsere Artung, in unsere Temperamentsartung, Charakterartung, in die Konfiguration unseres Denkens, wie da hereinwirken die Kräfte, die wir aufgenommen haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so wirken herein in unser Erdenleben die Kräfte, welche herüberwirken aus unserem früheren Erdenleben.

[ 42 ] Denn nichts, sehr verehrte Anwesende, bleibt im menschlichen Leben ohne Wirkung. Aber schwieriger, möchte ich sagen ist zu durchschauen dasjenige, was uns trennt von einem früheren Erdenleben, als dasjenige, was in uns und um uns lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, aber immer wirkt durch solche Kräfte, welche nur der intuitiven Erkenntnis wahrnehmbar sind, [ein] Erdenleben oder in ein früheres Erdenleben oder weiteren früheren in die folgenden Erdenleben hinüber. In uns sind zwischen Geburt und Tod immerdar für das äußere Leben unbewusste, unwahrnehmbare Kräfte, welche die Wirkungen sind desjenigen, was ursacht in früheren Erdenleben. Nichts bleibt ohne Wirkung, was wir durchmachen. Was wir erleben mit der Außenwelt, mit verschiedenen Wesenheiten der Außenwelt, mit den unbelebten Gegenständen der Außenwelt, das verbindet sich mit unserem Seelisch-Geistigen und wirkt hinüber, indem es aufgenommen wird, durchdrungen wird von dem, was wir zwischen dem Tod und der neuen Geburt durchmachen, wirkt hinüber in folgende Erdenleben.

[ 43 ] Dasjenige, was aber so wirkt — was gewissermaßen sichtbar wird — in der Vergangenheit als frühere Erdenleben, das ist nur zum Bewusstsein der intuitiven Erkenntnis zu bringen. Was da nun aber zum Bewusstsein gebracht wird, sehr verehrte Anwesende, was ist es denn eigentlich? Es ist dasjenige, was wir zusammenfassen in dem schwerwiegenden Worte: «das menschliche Schicksal». Denn dieses menschliche Schicksal, das wird gezimmert erst innerlich — wie ich gezeigt habe — durch die Anlagen, die wir mitbekommen, und die im Wesentlichen abhängig sind von unserem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es wird aber auch gezimmert dieses Schicksal von dem, was herüberwirkt aus früheren Erdenleben. Es sind in uns gegenwärtig die Kräfte, welche, ich möchte sagen wie in Linien, in Zeitlinien sich fortsetzen bis zu unserem früheren Erdenleben, sind merkwürdige Kräfte, sind Kräfte, welche — verzeihen Sie den Ausdruck, aber es ist ja schwer, für solche für das gewöhnliche Denken ungewöhnliche Dinge Worte zu finden —, es sind Kräfte, die man vergleichen könnte mit seelischen Saugekräften.

[ 44 ] Dadurch, dass ein früheres Erdenleben in das gegenwärtige Erdenleben herüberwirkt, wird gewissermaßen eine Leerheit in der Seele erzeugt. Jene Schicksalskraft ist nicht eine Fülle in der Seele, ist eine Art Leerheit, so wie wenn wir aus einem Raum die Luft auspumpen, wo dann die äußere Luft, wenn nur ein Loch gemacht wird, sogleich hineinfließt aus sich selber, so tragen wir gewissermaßen aus früheren Erdenleben gewissermaßen leere Stellen — was vergleichsweise, aber eben schon wahr gemeint ist —, wir tragen leere Stellen gewissermaßen in uns und diese leeren Stellen, sie saugen dasjenige, was äußeres Leben ist, an sich heran, und dadurch werden wir durch Kräfte, die unserem gewöhnlichen Bewusstsein eben unbewusst bleiben, hingetrieben zu dem, was dann auf uns so wirkt, dass wir es im Zusammenhang unser Schicksal nennen. Zusammen hängt mit unserem Schicksal dasjenige, was unser Leben zwischen Geburt und Tod bildet; es webt jedes einzelne Ereignis in unsere Seele durch die Art und Weise, wie wir unterbewusst dazu stehen, eine solche Kraft, die dann im nächsten Leben wie eine Saugekraft ist, sodass ein Wirkungsereignis eintritt, zu dem wir selber hingezogen werden.

[ 45 ] Nehmen Sie nur einmal an: Wir werden zu einem Menschen hingezogen, wir begegnen ihm im Leben, ganz besondere Verhältnisse entwickeln sich zu ihm. Das rührt davon her, dass wir mit dieser Menschenseele schon irgendwie in früheren Erdenverkörperungen zusammen waren. Durch dasjenige, was sich dazumal, ganz ohne unser Bewusstsein, vielleicht gerade ohne unser Bewusstsein, sich zwischen uns und ihm entwickelt hat, haben sich solche Seelensaugekräfte entwickelt, deren Folge dasjenige ist, was wir im gegenwärtigen Leben zu ihm zur Entfaltung bringen. Man könnte nun sagen: Aber die Verhältnisse unseres Schicksals sind so mannigfaltig, dass man sich schwer eine Vorstellung machen kann, wie die hinüberwirken in die andere Welt. Doch es ist leider nur Zeit, möchte ich sagen heute auf Einzelnes hinzuweisen.

[ 46 ] Aber ich will zum Beispiel auf eines hinweisen. Man sieht sich ein menschliches Schicksal an. Vielleicht mitten in einem hoffnungsvollen Leben ergibt sich ein elementarisches Ereignis; der Mensch wird getrieben zu einer Stätte, wo er durch äußere Veranlassung den Tod findet. Durch äußere Veranlassung wird ihm sein Leben abgeschnitten. Ein Unglücksfall tritt ein, oder er wird durch eine Krankheit aus einem hoffnungsvollen Leben in einer verhältnismäßig frühen Jugend herausgerissen. Man könnte sagen: Dasjenige, was sich in einem normal verlaufenen Leben vor dem Tod entwickelt, von dem könnte man sich vorstellen, dass es sich so ausnimmt, wie der Pflanzenkeim, der sich in der Pflanze entwickelt, und der eben die Grundlage für die nächste Pflanze abgibt, das eben dasjenige, was sich im langsamen Erdenleben zwischen Geburt und Tod entwickelt, wie ein geistig-seelischer Keim hinüberträgt ins nächste Erdenleben.

[ 47 ] Aber wie ist es, wenn dieses Leben plötzlich ausgelöscht wird? Da zeigt die Intuition, dass dasjenige, was durch solch einen elementaren Tod eintritt, wodurch die Seele ganz plötzlich dazu veranlasst wird, gewissermaßen das ganze Diesseits von der anderen Seite anzuschauen, dass durch ein solch plötzliches Eintreten oder ein solch verfrühtes Eintreten des Todes in einer kurzen Zeit, in einem Augenblicke alles dasjenige durchlebt wird, was man sonst hätte durchleben können in einem noch Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte dauernden Erdenleben. Solche Dinge dürfen natürlich nicht herbeigeführt werden, weil sie vom Schicksal gebracht werden müssen. Aber wenn sie gebracht werden, dann nehmen sie sich für eine geisteswissenschaftlich vertiefte Erkenntnis so aus, dass ein Eisenbahnunglück, das den Menschen zum Tode bringt, in der Seele so viel bewirkt, wie sonst jahrzehntelang — und dass von diesem Eisenbahnunglück solche Kräfte ausgehen, die nun hinüberwirken in ein anderes Erdenleben —, dass jahrzehntelange Wirkungen von diesem einen Augenblick ausgehen.

[ 48 ] Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, hier eröffnen sich Gebiete des geistigen Lebens, in Bezug auf welche ja auch Geisteswissenschaft erst im Anfange der Forschung ist; aber es sind Gebiete des geistigen Lebens, welche in inniger Beziehung stehen zu dem, was der Mensch immerdar fühlen und empfinden muss. Und gerade von dem Punkt, bis zu dem wir jetzt vorgeschritten sind, ausgehend, wird sich von der Geisteswissenschaft aus ergießen über das menschliche Leben eine Erkenntnis der großen Schicksalsfragen des Daseins, wie der Mensch durch inspirierte Erkenntnis das Freiheitsproblem erst [lösen] kann, indem er diejenigen Kräfte, die sich in seinem freien Wirken äußern, in den Wirkungen des freien Willens äußern, indem er dies sehen muss in dem, was ihm geistig-seelisch aus dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt erwächst, so erwächst dasjenige, was wir als Schicksal zu betrachten haben, für die intuitive Erkenntnis durch das Herübertragen und Herüberströmen derjenigen Kräfte, die sich in früheren Erdenleben bilden.

[ 49 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, zum Schluss will ich nur hinweisen darauf, wie diejenigen Erkenntnisarten, von denen ich gesprochen habe, die also Erweiterungen der gewöhnlichen Erkenntniskräfte sind, wie sie nicht nur über den Menschen aufklären, nicht nur über eine geistige Welt, die um uns herum ist und in welcher diejenigen sind, die vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind, sondern wie diese Erkenntnisarten auch hinführen, die Weltentwicklung und ihren Zusammenhang mit der einzelnen menschlichen Entwicklung zu erkennen. Ich habe in einem früheren Vortrage darauf hingewiesen, zu welchen für viele Menschen trostlosen Anschauungen gewisse naturwissenschaftliche Hypothesen über die Erdenentwicklung gekommen sind. Ich habe darauf hingewiesen, wie Herman Grimm — der eine feine Empfindung als Kunstforscher sich für diese Dinge entwickelt hat und welcher sie rückhaltlos angegriffen hat —, zu welchen Empfindungen zum Beispiel Herman Grimm gekommen ist in Bezug auf diejenigen Vorstellungen, die aus diesen naturwissenschaftlichen Hypothesen über den Ursprung des Erdendaseins sich entwickeln. Ich habe die betreffende Stelle in meinem letzten Buche über das «Menschenrätsel» mitgeteilt, und ich möchte sie noch einmal, trotzdem ich sie schon das letzte Mal vorgebracht habe, ich möchte sie noch einmal vorbringen diese Stelle, weil sie zeigt, wie Menschen, die nicht suggestioniert sind, über solche Dinge denken:

Längst hatte, in seinen

— Goethes —

[ 50 ] Jugendzeiten schon, die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergang der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem [heutigen] Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens [mehr bedürfe] als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.

[ 51 ] Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen

— verzeihen Sie, aber Herman Grimm sagt so —,

[ 52 ] ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären, die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.

[ 53 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, Geisteswissenschaft gelangt auf andere Art als durch bloße naturwissenschaftliche Spekulation zu Erkenntnissen darüber, wie die Erde früher geartet war.

[ 54 ] Gerade wenn der Mensch vordringt zu der imaginativen Erkenntnis, wenn er sich erkennt in den Kräften, die übersinnliche Lebenskräfte, Bildekräfte sind, dann lernt er sich in ganz anderer Weise als ein Glied der gesamten lebendigen — ich sage lebendigen Erde, nicht der Erde, die die bloße Geologie längst hatte oder die Mineralogie —, der gesamten lebendigen Erde kennen, er lernt sich als ein Glied der lebendigen Erde kennen, und er lernt in dieser Erde, in der er jetzt selber drinnen ist, etwas kennen, das in ihm so ist, wie in seinem eigenen Innern eine Erinnerungsvorstellung an ein längst vergangenes Ereignis drinnen ist. So wie dasjenige, was in uns vor Langem vorgegangen, sich in uns wieder belebt, so kann imaginative Erkenntnis, wenn sie überblickt den Zusammenhang des Menschen mit den Erdekräften, mit den Erdebildekräften, sie kann innerhalb desjenigen, was heute als Erde da ist, wie Erinnerungs-Wahrnehmungen, dasjenige vor sich haben, was die Erde früher war.

[ 55 ] Wie wir unsere eigenen Erlebnisse, durch die wir durchgegangen sind, in einer solchen, aus den Untergründen heraufgezogenen Erinnerungs-Erkenntnis gewinnen, so gewinnt man durch inspiriertes Erkennen der Erde eine Vorstellung davon, was die Erde war, bevor sie in den festen mineralischen Zustand, in dem sie heute ist, übergegangen ist. Da kommt man dazu, dass die Erde einen Zustand durchgemacht hat, in dem alles dasjenige, was im heutigen mineralischen Verfestigen enthalten ist, noch nicht da war, in dem die Erde in einem viel feineren materiellen Zustande war. Der Mensch war schon mit der Erde in diesem vorhergehenden Zustand der Erde. So wie der einzelne Mensch wiederholte Erdenleben durchlebt, so hat sich unser Erdplanet gewissermaßen aus früheren Erdenleben herüberentwickelt, aus früheren planetarischen Entwicklungsstufen.

[ 56 ] Wenn man nun den Menschen im Zusammenhang mit dem betrachtet, was so die Erde war, dann kommt man darauf, wie gesagt in innerer Anschauung, dass der Mensch allerdings eine Entwicklung durchgemacht hat; aber diese Entwicklung verlief nicht so — ich habe von einem ganz anderen Gesichtspunkte im vorigen Vortrage darauf hingewiesen —, nicht so, wie sich’s der materialistisch orientierte Darwinismus vorstellt, sondern der Mensch war auf diesem Planeten-Vorgänger unserer Erde allerdings in einer gewissen Art ein tierartiges Wesen, aber dieses tierartige Wesen war kein solches Tier, wie sich die Tiere auf unserer Erde entwickeln unter den Verhältnissen, die die Erde erst angenommen hat, nachdem sie sich umgewandelt hat aus dem früheren Zustand, sondern der Mensch befand sich allerdings in seinem Bewusstseinszustand so instinktiv, wie sich heute die Tiere befinden; aber er hat dieses Dasein in viel geistigerer Entwicklung durchgemacht, auf viel höherer Entwicklungsstufe durchgemacht. Er ist heruntergestiegen in sein Dasein, um auf der Erde sich äußerlich physisch zu einem vollkommeneren Dasein zu entwickeln. Aber den Tierzustand hat er mitgemacht, indem er geistiger war als die heutigen Tiere, indem er auch in der geistigen Welt mehr darinnen enthalten war.

[ 57 ] Da kommen wir nicht zu demjenigen, was Herman Grimm nennt, dass es so unappetitlich ist wie ein «Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg» macht, sondern wir kommen im Gegenteil zu einem Vorgänger, in dem unsere Erde geistiger ist. Und immer geistiger und geistiger würden die vorhergehenden Zustände unserer Erde sein; und wir würden dazu kommen, dasjenige, was wir jetzt erleben, als hervorgehend aus dem Geistigen zu erkennen, und auch wiederum die Zukunft der Erde als einen rein geistigen Zustand kennenlernen. Wenn jemand glauben würde, dass alles dasjenige, was sich entwickelt im Menschen, immerzu wiederholte Erdenleben durchmacht, würde er fehlgehen; das ist nur während des Erdenzustandes der Fall, sondern in der Entwicklung jenes planetarischen Körpers, auf die ich eben skizzenhaft hingewiesen habe, waren noch nicht wiederholte Erdenleben, sondern eine andere Art [des] Daseins. Sie können dies nachlesen in meiner «Geheimwissenschaft». Und wiederum werden die wiederholten Erdenleben ein Ende nehmen. Nur während der Erdenentwicklung selber macht der Mensch die wiederholten Erdenleben durch. So aber ergibt sich, dass Geisteswissenschaft nicht nur auf dasjenige, was mit dem Menschen unmittelbar zusammenhängt, hinweist — verzeihen Sie, dass ich das Letztere nur ganz skizzenhaft ausführen kann, aber die Zeit eilt —, sondern es weist die Geisteswissenschaft auch hin auf das Verhältnis des Menschen zur gesamten Weltentwicklung. Dadurch aber steigt die Geisteswissenschaft auf zu einer wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt, der der Mensch angehört als Seelisch-Geistiges, wie er als physisches Wesen der sinnlichen Welt angehört.

[ 58 ] Ich musste Ihnen allerdings im Verlaufe dieses Vortrages eine Reihe von Begriffen und Ideen entwickeln, welche gegenüber den gewohnten Vorstellungen der Gegenwart äußerst paradox klingen. Weil sie so paradox klingen, ist es zu begreifen, dass viele Menschen in eine Art leidenschaftliche Abneigung verfallen, wenn sie gerade von dieser anthroposophisch gearteten Geisteswissenschaft hören. Aber das Merkwürdige ist, dass diese Leidenschaft eigentlich eintritt bei gewissen Menschen — das ist das Merkwürdige —, eintritt, ohne dass sie das Bedürfnis fühlen, diese Geisteswissenschaft wirklich kennenzulernen, sondern sie machen irgendein Zerrbild, irgendeine Karikatur, etwas, was sie selber vorstellen wollen unter dieser Geisteswissenschaft, und dann kritisieren sie dasjenige, was sie sich vorstellen. Sie führen das Publikum dann irre, indem das Publikum, das auch nicht die Geisteswissenschaft selber kennt, glauben muss, dass diese Geisteswissenschaft getroffen würde, während nur getroffen werden die Karikaturen, die einzelne Menschen vorführen.

[ 59 ] In dieser Beziehung kann man allerdings höchst merkwürdige Dinge erleben, sehr verehrte Anwesende. So zum Beispiel war es möglich, dass in diesem Mai hier in der Schweiz ein Vortrag gehalten worden ist von jemandem, in dem auch auf unsere anthroposophisch geartete Geisteswissenschaft hingewiesen wird. In diesem Vortrage findet sich ganz Merkwürdiges, so zum Beispiel wird diese Geisteswissenschaft zusammengeworfen mit der alten Gnosis, und das ist geradeso, wie wenn jemand die moderne Chemie zusammenwirft mit der alten Alchemie, weil er nicht unterscheiden kann zwischen Alchemie und Chemie. Er hat aber auch zusammengeworfen diese Geisteswissenschaft mit allem möglichen Unklar-Mystischen. Und dann, sehr verehrte Anwesende, nachdem der Redner zusammengeworfen hat diese Geisteswissenschaft mit all dem UnklarMystischen, sagt er zum Beispiel den folgenden Satz von seinem Gesichtspunkte aus, der ablehnen muss, wie er sagt, diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie:

Nie aber könnten wir

—sagt er —

des Weitern beistimmen dem Aufgeben und Verachten des menschlichen Denkens und Sinnens, wie es diese Mystik fordert.

[ 60 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, aus dem heutigen Vortrage und aus alledem, was ich hier gesagt habe, wird niemand bemerkt haben, dass ein Verachten des Denkens irgendwie Platz gegriffen hat unter denjenigen, die der Anthroposophie nähergetreten sind; ich glaube, im Gegenteil, vielleicht finden manche die Anstrengungen und Anforderungen, die an das Denken gemacht werden sogar recht sehr bedenklich.

[ 61 ] Aber der ganze Vortrag des Betreffenden ist in einer sehr eigentümlichen Weise gehalten. Und ich möchte am Schluss auf diese Dinge doch hinweisen. Er knüpft zum Beispiel an an gewisse Ausführungen, die ein Pastor der Schweiz einmal gemacht hat über die Geisteswissenschaft. Ich habe dann in Liestal selber alle einzelnen Punkte widerlegt, nicht in einer Weise widerlegt, dass ich Geisteswissenschaft etwas anderes als richtiggestellt habe — darüber kann man ja diskutieren und darüber wird noch lange diskutiert werden —, darauf kam es gar nicht an, sondern darauf kam es an, dass der betreffende Vortragende sich alles Mögliche hat zutragen lassen, alles Mögliche gehört hat, das nicht stimmte mit dem, was Geisteswissenschaft wirklich sagt. Das ist eine andere Art Richtigstellung, als wenn man gegen jemandes Meinung diskutiert. Der betreffende Herr, der nun im Mai in der Schweiz seinen Vortrag über «Moderne Mystik und freies Christentum» gehalten hat, bringt es fertig, beide Vorträge — den von dem betreffenden Pfarrer und den meinen — zu behandeln, als wenn sie sich ergänzen würden, während der erste von den zweien in der Weise ist, wie ich’s geschildert habe.

[ 62 ] Sehr verehrte Anwesende, eine solche Art, Geisteswissenschaft zu bekämpfen, die ist — mag vieles dabei unbewusst selbstverständlich verlaufen — etwas anderes vor strengen Begriffen als christliche Ehrlichkeit; und der Vortragende hielt seine Rede über «Freies Christentum und moderne Mystik». Christlich braucht man gerade solche Art nicht zu finden. Aber außerdem weist der betreffende Herr hin auf verschiedene Bücher von mir.

Wir

—er sagt im Anschlusse an diese Bücher —,

[ 63 ] Wir sind Dr. Steiner nur dankbar, dass er uns gezeigt, mit wie viel Suggestion und Anästhesien in neuerer Mystik gearbeitet wird, müssen allerdings aber vermuten, dass, wer einmal diesem suggestiven Einfluss des Schauens sich hingegeben hat, Vernunftgründen kaum mehr zugänglich sein wird, und religiöses Empfinden völlig eingebüßt hat.

[ 64 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wer die genannten Bücher, die der betreffende Herr sogar zitiert, wirklich durchgelesen hat, der weiß, wie alle Mittel gesucht werden, um gerade Anästhesien, das heißt Unbewusst-aus-der-Erinnerung-Herantretendes, was eigentlich scheinbar vergessen ist, und Suggestives, wie versucht ist, gerade das alles auszuschließen, wie alles gestellt wird in das Licht des Bewusstseins. Es mag sein, dass der betreffende Herr nicht bewusst Unrichtiges sagen will, aber von bloßem Missverständnis kann dabei dennoch nicht gesprochen werden, sondern davon muss gesprochen werden, dass hier ein Zerrbild entworfen wird, von dem das Gegenteil wahr ist, und dass dann gegen dieses Zerrbild kritisiert wird; dann kann man selbstverständlich Geisteswissenschaft in Grund und Boden hineinkritisieren, aber man trifft sie gar nicht. Man macht es an vielen Orten so.

[ 65 ] Deshalb möchte ich nur einmal ganz kurz am Schlusse heute dieses Vortrags ein Beispiel herausreißen. Aber ganz besonders schön wird die Sache an einer Stelle, wo nun dieser Herr mit seinem echt christlichen Sinn, den er sich ja zudiktiert, wo dieser Herr mit seinem echt christlichen Sinn sagt, wie wenig diese Geisteswissenschaft dazu beitragen könne, christliche und religiöse Empfindungen in dem Menschen zu entwickeln.

[ 66 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich habe im letzten Vortrage darauf hingewiesen, wie allerdings gewisse Weltanschauungen, die glauben, sich auf dem geistigen Boden der Naturwissenschaft zu bewegen, in den letzten Zeiten von religiösen Empfindungen, von christlichen Empfindungen abgebracht haben; aber ich habe zugleich darauf hingewiesen, dass der Weg, den der Mensch in die geistige Welt hineingeht durch Geisteswissenschaft, in ihm so lebendig macht den Zusammenhang mit einer geistigen Welt, dass dadurch religiöses Empfinden, wirkliches religiöses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Menschheit nur verstärkt werden kam.

[ 67 ] Hat Naturwissenschaft in einseitiger Weise den Menschen vom religiösen Leben abgeführt, Geisteswissenschaft wird ihn wieder hinführen, und insbesondere hinführen zur Erfassung des größten Ereignisses, das über die Erdenentwicklung hingezogen ist, des Ereignisses von Golgatha. Und derjenige, welcher ein bisschen nur ansieht, was ich nun seit Jahrzehnten geschrieben habe, der weiß, dass diejenige Geisteswissenschaft, die von mir vertreten wird, nichts zu tun hat mit jener Nebelmystik, die da davon spricht: Der Mensch müsse den Christus in seinem Inneren entwickeln, und müsse zufrieden sein, wenn er den Christus in seinem Innern entwickele. Jene größenwahnsinnige Christologie hat nichts zu tun mit dem, was ich als geisteswissenschaftliche Anschauung vertrete. Schon in meinem [Professat] «Das Christentum als mystische Tatsache» suchte ich zu zeigen, wie Geisteswissenschaft dahin führt, das Mysterium von Golgatha wirklich zu erkennen, zu erkennen, wie einmal es sich nur vollziehen konnte, wie der Christus eben als historische Erscheinung, als wirkliches, übersinnlich-sinnliches Ereignis, [wie] dieses Mysterium erfasst werden muss, wie man es zu tun hat mit einer äußeren Tatsache, die nichts, nichts gemein hat mit einem bloßen inneren mystischen Erlebnis. Darauf legte ich immer Wert — die Tatsächlichkeit des Todes und der Auferstehung des Christus auch wissenschaftlich verständlich zu machen. Dann muss man es erleben, dass Folgendes gesagt werden kann:

[ 68 ] Wir erkennen jetzt auch, in welchem Sinn gerade Dr. Steiner zu der Behauptung kommen kann, wir sind nicht gegen das Christentum, wir sind sogar schließlich die eigentlichen Christen.

[ 69 ] Er meint diejenigen, die sich zur Anthroposophie bekennen.

[ 70 ] Christus war in den Augen der Anthroposophen ein solcher, der die höheren Mächte erschaute; Dr. Steiner, der Lehrer, wird auch glauben, dass er diese Mächte erschaut und an ihnen teilnimmt. Aber auch jeder unter uns soll ja dieser Kräfte teilhaftig werden können, wenn er sich mit genügender Ausdauer im Schauen übt. So kommt es denn wieder auf die nämliche Forderung heraus, die schon der erwähnte russische Mystiker Solowjow erhoben hat, wir könnten und sollten alle Christusse sein, übrigens eine Forderung, die schon jeder Mystiker, der so freundlich war, auf das Christentum Rücksicht zu nehmen, erhoben hat.

[ 71 ] Mag dies eine unbewusste Lüge sein, aber eine Lüge, eine wirkliche objektive Lüge ist es. Man kann, wenn man so Geisteswissenschaft oder Anthroposophie bekämpft, man kann, sehr verehrte Anwesende, allerdings Eindruck machen, sogar in netten «Familienzirkeln», aber man trifft nicht dasjenige, auf das man zielt, durch den Schein dieser Worte, sondern man vermeidet es, die Wahrheit zu suchen, um gegen ein Zerrbild der Wahrheit zu Felde ziehen zu können, dass einem solchen Zerrbild nicht die richtigen Motive zugrunde liegen können, das sollte eigentlich in weiten Kreisen selbstverständlich sein.

[ 72 ] Für die Schweiz hat sich dieser Herr, der seinen Vortrag in diesem Mai in Aarau gehalten hat — ich erwähne ihn nicht als einen der geistreichsten Gegner der Geisteswissenschaft, sondern als einen charakteristischen —, für die Schweiz hat er sich noch das ganz Besondere zurecht gerichtet, dass er ausführt, so wie andere mystische Richtungen, so sei Anthroposophie etwas, was als fremde Pflanze hereingeführt worden ist. Nicht einmal dieses ist wahr, sondern wahr ist, dass der Herr nicht weiß, dass es gerade einen großen Lehrer gegeben hat einer tief philosophischen Weltanschauung, den Ihnen schon das letzte Mal genannten Troxler, der in Basel und in Bern in einer wunderbaren Weise auf Anthroposophie hingewiesen hat, und zwar so auf Anthroposophie hingewiesen hat, dass gerade dasjenige dazumal — da sein konnte es noch nicht —, aber dass es angedeutet ist von Troxler, was jetzt als Anthroposophie auftritt. So zum Beispiel sagt Troxler:

[ 73 ] Hier ist wohl auch die Art zu erwähnen, wie die Mystik meistens den Menschen in Gott, so wie die Philosophie Gott im Menschen verlierend, dies Urverhältnis der menschlichen Natur

[ 74 ] — «Urverhältnis» nennt Troxler jenes Verhältnis, das heute auf dem fortgeschrittenen Felde der Geisteswissenschaft sich in der imaginativen, in der intuitiven und in der inspirativen Erkenntnis darlebt, das nennt Troxler das Urverhältnis —,

[ 75 ] dies Urverhältnis der menschlichen Natur, das anthroposophisch zu ergründen der Mensch sich begnügen soll, in theosophischen Spekulationen von sich auf Gott selbst übertragen hat.

[ 76 ] So sehen wir, wie aus einer nebulösen Mystik Troxler hier gerade hinweist auf den Übergang, der zur Anthroposophie genommen werden muss. Troxler sagt weiter zum Beispiel:

[ 77 ] Die Theosophie überhaupt trifft der Vorwurf, dass sie versäumt hat, sich anthroposophisch zu begründen.

Weiter sagt er:

[ 78 ] Alle wahre Physiologie und [Physiurgie], und wir begreifen darunter alles menschliche Wissen und Sein, Können und Tun, haben ihren Grund in der [menschlichen Natur] und ihrer Philosophie, oder in der Anthroposophie.

[ 79 ] Das heißt, wahr ist nicht, was der Herr in Aarau gesagt hat, sondern wahr ist, das hier auf schweizerischem Boden zuerst von Troxler sogar innerhalb unserer Kulturgemeinschaft das Wort Anthroposophie und der Begriff Anthroposophie erahnend geprägt worden ist. Nicht etwas Fremdes wird mit Anthroposophie hereingetragen, sondern gerade dasjenige, was hier ersehnt und erhofft worden ist, allerdings von anderen Leuten, eben von solchen, wie Troxler, von anderen Leuten als diejenigen sind, die heute Anthroposophie bekämpfen und gewissermaßen den Lokalpatriotismus dadurch packen wollen, dass sie darauf hinweisen: Das ist nicht schweizerisch. Aber man kommt eben auf andere Weise als die Erkenntniswege solcher Gegner der Anthroposophie sind, zu jenem inneren Geistesleben, das sich in Imagination, Inspiration und Intuition ausprägt; man kommt in ein Erleben, ich habe es als energievoll charakterisiert, ich habe es so charakterisiert, dass innere Ruhe, Intensität und Konzentration des ganzen inneren Seelenlebens eintreten müssen. Und Troxler sagt sehr schön:

[ 80 ] Lange bin ich dem Verstand und der Vernunft nachgegangen und nachgegangen, denn ich glaubte, sie zusammen zeugten die Weisheit, und habe die Weisheit auch gesucht am hellen Tage und in dunkler Nacht, in der Welt, im Leben, in heiligen wie in unheiligen Büchern, bei den Tieren und Pflanzen wie unter den Menschen; ich habe nach ihr gefragt, bei den Sternen und bei den Steinen, die Natur, und mich selbst, Himmel und Erde und habe wohl Verstand gefunden in allem, aber keine Weisheit, die vor Gott und der Welt bestünde und mich lehren konnte, woher ich gekommen, was ich jetzt hier sei und soll, und was zu werden ich bestimmt? Denn dies war es, was mir immer am tiefsten im Sinn und überall zunächst am Herzen lag.

[ 81 ] Und wenn ich so sann und forschend mich vertiefte, fühlte ich innig und heiß in mir jene Angstqual der Seele sieden, und jenes Angstrad der Natur rollen und rasseln, wie Böhme und andere, bald wie Schrack in dem Zweifel, bald wie Blitz in dem Meinen, bald wie Glast in dem Glauben; aber es lief in dem Rade alles um, und durcheinander, und die Angst gebar die unaussprechlichste Bangigkeit in mir, mit geistigen Fieberschauern, bis zur furchtbarsten Gemütsnot.

[ 82 ] Durch diese Erlebnisse durchgegangen ist derjenige, der dazumal geahnt hatte Theosophie.

[ 83 ] Durch Erlebnisse, die vielleicht manchem Menschen nicht angenehm klingen, muss durchgegangen werden, wenn die Seele finden will im Schauen ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt. Dann aber bringt die Seele den Inhalt der Geisteswissenschaft aus dieser geistigen Welt zurück. Und das muss gesagt werden — lassen Sie es mich noch mit wenigen Worten zum Ausdrucke bringen —, das muss gesagt werden: Nicht jeder braucht diesen Weg zu gehen, wie nicht jeder ein chemisches Experiment anstellen muss, das vielleicht sogar gefährlich ist, um irgendeine chemische Wahrheit zu durchschauen. Wer es einmal anstellt, stellt es für viele an. Nicht jeder braucht den Weg zu gehen, den der Geistesforscher gehen muss; aber er muss ihn gehen, um die Erkenntnis herunterzuholen aus der geistigen Welt. Wenn es ihm dann gelingt, die Erkenntnisse in Ideen und Begriffen verständlich zu machen, wenn man sich ihnen mit unbefangenem Sinn — nicht getrübt durch die Vorurteile, an die man gewöhnlich gebunden ist —, wenn er sie heruntergetragen hat, die Erkenntnisse, dann dienen sie auch dem, der nicht selber den Weg gehen kann. Wie man nicht ein Schuhmacher zu sein braucht, um Stiefel zu tragen — verzeihen Sie den trivialen Vergleich —, wie man nicht ein Tischler zu sein braucht, um einen Tisch zu benützen, so braucht man nicht ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige, was aus der geistigen Welt durch den Geistesforscher heruntergetragen wird, zu verstehen.

[ 84 ] Wenn es heruntergetragen ist und als Geisteswissenschaft auftritt dasjenige, was der Geistesforscher finder, dann kann das für jeden der Schlüssel sein zur Eröffnung der geistigen Welt. So wenig man Goethes Erlebnisse, die er durch sechzig Jahre durchgemacht hat und durchmachen musste, um den «Faust» zu schreiben, so wenig man diese durchzumachen braucht, um den «Faust» zu verstehen, so wenig braucht man all die Erlebnisse durchzumachen, die der Geistesforscher durchmachen muss, um dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, zu verstehen. Denn dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, klingt zusammen mit einer Seite in der menschlichen Seele, die in jedem Menschen vorhanden ist, jedem Menschen verständlich, wenn er eben nur in der charakterisierten Weise unbefangen genug ist. Darum ist auch die geisteswissenschaftliche Literatur anders als eine andere. In der naturwissenschaftlichen oder sonstigen Literatur werden Ergebnisse mitgeteilt, die man in sich aufnehmen soll. Was der Geistesforscher vermittelt, ist anders gemeint. Es ist so gemeint, dass es ein Instrument ist, das jeder benützen kann. Der Geistesforscher liefert nicht Ergebnisse, sondern er liefert in dem, was er als Begriffe, Ideen vermittelt, er liefert das Instrument.

[ 85 ] Die Begriffe, Ideen, die man in der geisteswissenschaftlichen Literatur, wenn sie in wahrem Sinne angewendet wird, findet, sie beleben, erkraften die Seele, sodass die Seele ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt findet. Man kann bis zu einem gewissen Grade heute Geistesforscher werden; jedermann kann es werden, das geht aus den genannten Büchern hervor, und an der Hand dieser Bücher kann er es werden, sodass er sich überzeugen kann von der Wahrheit desjenigen, was heute vorgebracht worden ist, aber man braucht es nicht zu werden, denn der gesunde Menschenverstand, der führt von selber dahin, dasjenige zu durchschauen in seiner Wahrheit, was der Geistesforscher darbringt, wenn [das] auch heute noch nicht geschieht, wenn auch heute noch Gegner auftreten, die diese Geisteswissenschaft bekämpfen. Vor denen, die sie wirklich bekämpfen, muss man ja Achtung haben. Wenn aber Gegner auftreten, die sich ein Zerrbild solcher Art leisten, so können sie nicht die Geisteswissenschaft, sondern sie können nur dieses eigene Zerrbild treffen.

[ 86 ] So muss man sagen: Gerade so, wie andere Wahrheiten, die nach und nach in die Menschheit und ihre Entwicklung eingezogen sind, den Zugang gefunden haben zu den menschlichen Seelen, so wird es auch mit der Geisteswissenschaft sein; denn was Wahrheit ist, es lässt sich durch nichts unterdrücken. Diejenige Wahrheit aber, die dem Menschen die allerwichtigste ist, die ihm selber ein Schicksal werden kann, nicht nur das Schicksal ergründen, wie ich es heute erzählt habe, sondern die ihm selber ein Schicksal werden kann, indem sie zu dem Schicksalserlebnisse wird, ihn zusammenbindet in wesentlicher Weise mit der geistigen Welt, diese Wahrheit, sie braucht nicht den Grund der äußeren Erfahrung, wie es vielfach behauptet wird, wenn man sagt, Geisteswissenschaft sei ohne Grund und Boden, sondern sie braucht den Grund, der im menschlichen Inneren in wahrer, realer menschlicher Selbsterkenntnis selber lebt.

[ 87 ] Wenn man einmal erkennen wird, dass eine solche Wahrheit aus derselben wissenschaftlichen Gesinnung hervorgeht wie die Naturwissenschaft der Neuzeit, wenn man sehen wird, dass kein Widerspruch zwischen der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft ist, und auf der anderen Seite diese Geisteswissenschaft auch eine richtige Grundlage für religiöses Erleben ist, dann wird man aufhören, sie in der geschilderten und vielleicht auch in einer anderen Weise zu bekämpfen; sondern man wird finden in ihr eine Nahrung, die die menschliche Seele sich ersehnt, etwas, das mit der menschlichen Seele sich verbinden muss, weil diese menschliche Seele es braucht wie ein Lebenselixier, das sie durchführt durch die Wirrnisse, durch die Arbeit, durch die Aufgaben des Lebens.

[ 88 ] Denn die Wahrheit, sehr verehrte Anwesende, welche den Menschen wirklich durch das Leben führt, sie kann nicht bloß aus der Natur hereinströmen, sie kann nicht bloß gewissermaßen durch eine äußere Naturdogmatik der Seele aufgedrängt sein, auf Fotografie der Natur bloß beruhen, sondern sie muss selber ein Lebendiges sein, das sich als Lebendiges mit dem Lebendigen der Menschenseele verbindet. Und wenn der Mensch einsehen wird, dass die lebendige Wahrheit der Geisteswissenschaft selber ein Lebensgut ist, dann wird der scheinbare Widerspruch zwischen Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft und Religion schweigen, und Geisteswissenschaft wird selber als etwas — was in jedes menschliche Schicksal bereichernd, klärend, beleuchtend eintreten kann —, aufgenommen werden von der menschlichen Entwicklung, von dem menschlichen Geistesleben, wird weiter nicht mehr jene sonderbaren Bekämpfer finden, die sie gefunden hat, es wird eingesehen werden von ihr, dass sie ein Stück Wahrheit ist, das der Mensch auf seinem Wege suchen muss, auf jenem Wege, der ihn nicht bloß in die äußere Sinnenwelt, sondern in die vollständige Realität hineinführt. Und dazu gehört vor allen Dingen die geistige Welt, weil der Mensch selber Geist vom Geiste, Seele vom seelischen Universum ist.