Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a
9 Oktober 1916, Zürich
Die Menschenrätsel in der Philosophie und in der Geistesforschung (Anthroposophie)
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Über die Notwendigkeit, von einem Menschenrätsel mit Bezug auf das menschliche Seelenleben zu sprechen, scheint ebenso überflüssig für eine wahrhaft empfindende Seele zu sein, wie es, in einem gewissen Sinne natürlich, aber überflüssig ist, von dem Vorhandensein des Hungers gegenüber dem leiblichen Leben des Menschen zu sprechen.
[ 2 ] Was den Lebensprozess als solchen anregt und bewirkt, es muss ja nach den naturgemäßen Voraussetzungen so eingerichtet sein, dass es auch Hunger bewirkt, und der Mensch kann sich gewissermaßen leiblich durch gewisse Betäubungsmittel über den Hunger hinwegsetzen, kann glauben, dass er eine Zeit lang hinwegkomme über dasjenige, was der Hunger bedeutet; aber auf die Dauer geht das ohne Schädigung des Leiblichen gewiss nicht. Ebenso wenig ist es möglich, ohne Schädigung des Seelenlebens zu mehr zu gelangen als höchstens zu einer Art Betäubung über das Vorhandensein eines Menschen- und Lebensrätsels für die Seele.
[ 3 ] Wer sich, genötigt durch irgendwelche Lebensverhältnisse oder durch Interesselosigkeit, verschließt gegen das Vorhandensein eines Menschenrätsels, der wird sehr leicht in all dasjenige verfallen, was notwendigerweise wie eine Art seelischer Hunger eintreten muss oder als Folge des Hungers eintreten muss, etwas wie eine Art Verkümmerung des Seelenlebens, Unsicherheit und Machtlosigkeit des Seelenlebens, ein Sich-nicht-zurechtfinden-Können in der Welt, und so weiter, und so weiter.
[ 4 ] Wenn es so für jeden wahrhaft empfindenden Menschen fast überflüssig scheinen könnte, über die Notwendigkeit der Menschenrätsel im Allgemeinen zu sprechen, so vielleicht schon weniger darüber, dass die großen Rätselfragen des Lebens mit jedem Zeitalter für die Menschheit einen neuen Charakter annehmen. Allerdings, bei der Kürze der Zeit kann nur einleitungsweise auf diese Tatsache hingewiesen werden. So, wie sich in Bezug auf alle äußeren Verhältnisse des Lebens für den genauer Betrachtenden die Menschheit ändert von Epoche zu Epoche, wie immer neue Bedürfnisse, neue äußere Lebensfragen auftreten, so ändern sich von Epoche zu Epoche auch die besonderen Nuancen, mit denen die Seelen, [sehnend] nach einer Lösung der Menschenrätsel, den Inhalt einer solchen Lösung für den Menschen möglich machen. In dem Zeitalter, das seit drei bis vier Jahrhunderten heraufgezogen ist — insbesondere aber im neunzehnten Jahrhundert und bis in unsere Tage des zwanzigsten Jahrhunderts heraufgezogen ist, das gipfelt in der Beherrschung der Welt durch Dampf, Elektrizität, durch die modernen merkantilen und sozialen Verhältnisse —, in diesem Zeitalter gibt es auch anders geartete Fragen an die großen Welttatsachen, in die der Mensch hineingestellt worden ist, als in früheren Zeitaltern. Aus den Bedürfnissen gewissermaßen des modernsten Zeitalters heraus sucht nun Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, sich der Lösung der Menschenrätsel zu nähern.
[ 5 ] Mit Unrecht sieht man in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, etwas, das eine Wiedererneuerung alter Mystiker-Anschauungen und so weiter sein soll. Diejenigen, die von diesem oder jenem Standpunkte aus Geisteswissenschaft oder Anthroposophie kritisieren, machen sich in der Regel nur ihr eigenes Bild von der Geisteswissenschaft zurecht und kritisieren dann dasjenige, was mit einem geringen Willen auf die Sache eingeht; nur das eigene, karikierte Bild dieser Geisteswissenschaft ist es, das kritisiert wird.
[ 6 ] Es kann selbstverständlich nicht im engen Rahmen eines Abendvortrages alles dasjenige berührt werden, was auch nur zur äußeren Charakteristik der hier gemeinten Geisteswissenschaft oder Anthroposophie dienen könnte. Nur einige Gesichtspunkte können heute wiederum zu dem hinzugefügt werden, was ich schon seit Jahren her auch in dieser Stadt über den Gegenstand ausführen durfte. Besonders wichtig aber ist es, ins Auge zu fassen, dass die hier gemeinte Geisteswissenschaft weniger aus irgendwelchen unmittelbar religiösen Strömungen oder aus mystischen Strömungen hervorgegangen ist — obwohl sie zu diesen durchaus nicht in einem gegnerischen Verhältnis gleich gedacht werden darf, wie später wird berührt werden können —, sondern dass sie entsprungen ist aus dem Leben in den modernen naturwissenschaftlichen Anschauungen, entsprungen ist aus einer Gesinnung und wissenschaftlichen Weltenrichtung, welche mit dem Leben der modernen naturwissenschaftlichen Entwicklung zusammenhängt.
[ 7 ] Ich glaube nicht, sehr verehrte Anwesende, dass derjenige in jenem geistigen Aufstieg zu den Weltengeheimnissen gut eindringen kann, der mit dieser Geisteswissenschaft hier gemeint ist, der ein Verächter der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist, wenn auch mehr in Betracht kommt die Gesinnungsweise, die denkerische Gewissenhaftigkeit gegenüber den Tatsachen der Welt, mehr in Betracht kommt als irgendwelche einzelnen naturwissenschaftlichen Resultate. Das Darinnenstehen in dem, wie die moderne Naturwissenschaft forscht und denkt, wie sie das innerliche Seelenleben mit Bezug auf Erkenntnis und Wissen diszipliniert, das ist etwas, was Geisteswissenschaft durchaus in sich aufnehmen muss, mit dem sie rechnen muss, wenn sie den Anforderungen der Zeit entsprechen will.
[ 8 ] Nun entsteht gerade einer solchen Gesinnung gegenüber die Frage: Wie ist es denn überhaupt der modernen Naturwissenschaft und der aus ihr folgenden Weltanschauung möglich, zu irgendeiner, die Tiefen der menschlichen Seele wirklich befriedigenden Anschauung über die Menschenrätsel zu kommen? Diese Antwort kann man sich nicht geben, wenn man ein irgendwie positiv denkender Geist ist, diese Antwort kann man sich nicht geben aus vorgefassten Meinungen heraus, nicht aus diesem oder jenem Glauben heraus, sondern man wird sich die Antwort geben müssen aus den Tatsachen der neueren naturwissenschaftlichen Entwicklung und Denkweise selber. Und so gestatten Sie denn, dass ich zunächst meinen Ausgangspunkt nehme von dem Gang des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens in der neueren Zeit. Der Gesichtspunkt ist dabei durchaus der eines Bewunderers der großen, gewaltigen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Denkungsweise im neunzehnten Jahrhundert, und es ist der Gesichtspunkt, welcher es ermöglicht, anzuerkennen, dass die Hoffnungen, welche auf die Naturwissenschaft gesetzt worden sind, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, für eine Lösung der großen Menschenrätsel, im allerinnersten Wesen ehrlichste Hoffnungen und Absichten waren.
[ 9 ] Sehen wir uns zuerst, um einiges herauszugreifen, den großen naturwissenschaftlichen Aufschwung mit seinen Hoffnungen und seinen Sehnsuchten an, sagen wir auf physikalisch-chemischem Gebiete. Wie wuchsen gewissermaßen materialistisch gesinnten, aber ganz in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen vertieften Persönlichkeiten die Schwingen eines Glaubens, so um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, dass man dasjenige, was der Mensch in seinem innersten Wesen ist, was er darlebt in der Welt, werde erklären können aus seiner physischen Organisation, wie man erklären kann aus der physischen Organisation mit Hilfe der wunderbar fortgeschrittenen physikalisch-chemischen Gesetze das Wirken der äußeren Naturkräfte und Naturgestaltungen in der Welt. Die großen Fortschritte, welche Physik und Chemie gemacht haben, berechtigten gewiss, für eine Weile solche Hoffnungen zu hegen. Diese Fortschritte führten ja dazu, sich ganz bestimmte Vorstellungen zu machen über die Welt des Kleinsten: das Atom, das Molekül. Wenn man heute auch über diese Dinge schon anders denkt, so gilt aber doch für die wissenschaftliche Entwicklung das, was ich zu sagen habe über das Atom, das Molekül; man wollte sie erforschen, man wollte dasjenige, was in den Stoffen und physikalischen Kräften wirkt, erklären aus der Beschaffenheit der stofflichen Moleküle und Atome heraus und von den durch diese Beschaffenheit bewirkten Kräfte und gegenseitigen Verhältnisse. Man glaubte, wenn man irgendeinen Vorgang aus dem Wesen des Kleinsten erklären könne, so werde man auch in nicht sehr ferner Zeit den Weg finden aus dem Wirken des kleinsten auch den kompliziertesten Prozess, den man als einen Naturprozess ansah, den komplizierteren Prozess des menschlichen Denkens, Empfindens, Fühlens und so weiter einsehen können.
[ 10 ] Nun sehen wir uns, sehr verehrte Anwesende, an, wohin dieser Weg mit seinen großen Hoffnungen geführt hat. Wer sich vertieft hat in all das, was Physik und Chemie im Laufe der letzten Jahrzehnte geleistet haben, der hat wahrlich nur Hochachtung für dasjenige, was auf diesem Gebiete gearbeitet worden ist, was auf diesem Gebiete zustande gebracht worden ist. Ich kann nicht auf die Einzelheiten eingehen, aber erwähnen will ich als maßgebend die Meinung, die sich ein repräsentativer Forscher ausbildete, der sich wohl umgetan hatte gerade auf physikalisch-chemischem Gebiete, der sich eine Anschauung ausbilden wollte über die Natur des kleinsten physikalischen Teiles des Atoms, [Augustus Rowland], der spektral-analytische Forscher; er hat sich eine solche Meinung gebildet auf Grundlage alles dessen, was man heute wissen kann über das kleinste Wesen, das in der äußeren stofflichen Welt wirksam gedacht wird. Und wie merkwürdig ist diese Meinung! Aber wie berechtigt ist sie, das muss jeder anerkennen, der in diese Dinge Einblick hat, wie merkwürdig ist diese Meinung, aber wie berechtigt. [Augustus Rowland] sagt: «Nach alledem, was man heute wissen kann, muss ein Eisenatom komplizierter vorgestellt werden als ein Steinway-Klavier.»
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ein gewichtiger Ausspruch eines mit den Methoden der modernen Forschung bekannten Menschen! Man glaubte noch vor Jahrzehnten, dadurch, dass man das kleinste leblose Wesen untersuchen könnte oder wenigstens Hypothesen vorläufig darüber aufstellen könnte, irgendetwas zu erfahren über die Welt, die uns unmittelbar für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. Und was stellt sich heraus? Der Forscher muss denken: Wenn ich nun wirklich in diese kleinste Welt hineinkomme, ich finde nichts, was mir erklärlicher ist als ein Steinway-Klavier. Also wird mir ganz gewiss, wie weit ich auch gehen mag durch die Zergliederung ins Kleinste hinein, die Welt nicht erklärlicher werden, als sie mir ist, wie sie unmittelbar vorliegt dem gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstsein. Das ist einer der Wege mit den großen Hoffnungen. Wir sehen gewissermaßen diese großen Hoffnungen hineinverschwinden in die Welt des Kleinsten. Und immer mehr und mehr wird gerade der ehrliche naturwissenschaftliche Fortschritt zeigen, wie nichts, aber auch nichts gegenüber der Beantwortung der großen Weltenrätsel hinzugefügt werden kann zu dem, was wir mit dem gewöhnlichen Bewusstsein überschauen, dadurch, dass wir ins Kleinste des Raumes hineindringen!
[ 12 ] Auf einem anderen Gebiete noch hat man gesehen, wie ebenso große und aus den Zeitverhältnissen heraus durchaus begreifliche Hoffnungen gehegt worden sind. Welche großen Hoffnungen glaubte man verwirklichen zu können, verbinden zu können mit dem Aufblühen der neueren, materialistisch gefärbten darwinistischen Theorie! Man glaubte überschauen zu können die Reihe der Lebewesen, die Reihe der Pflanzen, die Reihe der Tiere bis hinauf zum Menschen. Man glaubte, dass man den Menschen in Bezug auf das, was er seinem Wesen nach ist, verstehen könne dadurch, dass man ihn hervorgehen sieht aus untergeordneten Arten. Und indem man die Verwandlung der Arten vom einfachsten Lebewesen bis hinauf zum Menschen verfolgte, glaubte man, Bausteine zur Lösung des Menschenrätsels finden zu können. Die Arten — so glaubte man — der organischen Wesen werden sich von selber aufklären. Man glaubte auf so einfache Lebewesen, welche das ganze Werden eines Organismus, also auch des Menschlichen, erklären.
[ 13 ] Wiederum ist für den, der eingeweiht ist in alle die Forschungswege, die da gegangen worden sind, eine höchst anerkennenswerte, wunderbare Arbeit auf diesem Gebiete im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage hinein gerade geleistet worden. Man hat gedacht, man werde die Eizelle wiederfinden, aus der sich entwickelt der Mensch, in entsprechend einfachsten Lebewesen, und werde dann erklären können das Entstehen des Menschen aus seiner Eizelle, welche gleichgeartet ist mit dem, was man als einfachste tierische Form drauRen in der Welt werde finden können. Wiederum hat man den Weg zum räumlich Kleinsten, jetzt der Lebewesen, gesucht. Was ist auf diesem Wege gefunden worden? Es ist interessant, einen sehr gewissenhaften, bedeutenden Naturforscher in den Achtzigerjahren zu hören, Nägeli, der sich in der folgenden Weise über dasjenige ausspricht, was gerade jetzt berührt worden ist. Er sagt:
[ 14 ] Eine genauere Forschung der einzelnen Arten von Tieren und Pflanzen, wie sie vorhanden sind, ergibt, dass bis ins Kleinste hinein, bis in jede einzelne Zelle, eine jede einzelne Art mannigfaltigster Verschiedenheiten walten. Und dass die Eizellen eines Huhns sich von den Eizellen eines Frosches genau ebenso unterscheiden wie das Huhn selber vom Frosch.
[ 15 ] Wir kommen, indem wir hinuntersteigen zu dem einfachsten Zellenwesen, aus dem man erklären wollte die Komplikation desjenigen, was vor dem gewöhnlichen Bewusstsein steht, wir kommen zu nichts Einfacherem, wie wir zum Eisenatom kommen und schließlich anerkennen müssen als so kompliziert wie ein SteinwayFlügel. So müssen wir die Verschiedenheiten der einzelnen Eizellen so groß denken wie die Verschiedenheiten der Arten und Gattungen, die in der äußeren Natur vor dem gewöhnlichen Bewusstsein dastehen. Damit aber negierte Nägeli den ganzen Weg gerade aus naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit heraus, den der materialistisch gefärbte Darwinismus genommen hat.
[ 16 ] Interessant ist nun eine andere Tatsache. Man könnte glauben: Nun ja, Nägeli, der große Botaniker, wäre eben eine einseitige Persönlichkeit, hätte eben in den Achtzigerjahren dieses ausgesprochen, und heute schreitet die Forschung schnell voran, und es könnte also heute das längst nicht mehr vertreten werden, was Nägeli in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat. Aber wir können gerade das Allerallerneueste auf diesem Gebiete ins Auge fassen, das in einer schönen Weise zusammengefasst ist durch einen sehr bemerkenswerten Mann, nämlich durch einen der hervorragendsten Schüler Ernst Haeckels, durch Oscar Hertwig; und in den letzten Wochen [ist] ja erst erschienen die Zusammenfassung desjenigen, was Oscar Hertwig, einer der größten Haeckel-Schüler, aus seinen Forschungen herauszugeben hatte, über — so nennt er sein Buch — «Das Werden der Organismen», eine Widerlegung der Darwin’schen Zufallstheorie.
[ 17 ] Also denken Sie, sehr verehrte Anwesend, es liegt die Tatsache vor, dass einer der größten Schüler Haeckels, des radikalsten Vertreters des materialistisch gefärbten Darwinismus im Laufe seines Lebens, dazu kommt, diesen ganzen materialistisch gefärbten Darwinismus gründlich und auf das Umfassendste zu widerlegen. Wir finden vor allen Dingen, dass Oscar Hertwig — Haeckels großer Schüler, den ich selber aus Haeckels Munde oftmals nennen gehört habe als denjenigen, auf den Haeckel ganz besonders viel gab, als seinen Fortsetzer —, wir erleben, dass Oscar Hertwig heute die Widerlegung desjenigen liefert, was er aus wissenschaftlichem Darwinismus in seinem Zeitalter von seinem Lehrer Haeckel aufgenommen hat. Er liefert diese Widerlegung gründlich, Oscar Hertwig, denn er macht — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — gewissermaßen ganze Arbeit.
[ 18 ] Das ist das, was ich vorläufig erwähnen will. Ich werde noch auf die Frage zurückkommen. Nur das sei noch gesagt, dass Oscar Hertwig alles, was an Forschungen bis zu diesem Tage aufzubringen ist, heranzieht, um den Nachweis zu liefern, dass der Ausspruch, den ich Ihnen angeführt habe, der Ausspruch Nägelis, vollständig seine Richtigkeit hat; sodass vom heutigen, unmittelbar gegenwärtigen Standpunkt naturwissenschaftlicher biologischer Forschung zu sagen ist, dass der Weg ins kleinste Lebewesen niemals zu mehr führen kann als zu dem, wozu uns auch die Anschauung der Gattungen und Arten, die für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns stehen, führen kann. Denn die kleinsten Lebewesen, die Zellen, sind, wenn sie [Eizellen] sind, so verschieden — nach Nägeli, nach Hertwig — wie verschieden sind die Arten und Gattungen selber. Der Weg ins Kleinste lehrt uns nur, dass eben auf diesem Wege nichts zu finden ist, als was auch im Anblicke der gewöhnlichen Welt zu finden ist für das lebendige Bewusstsein.
[ 19 ] Aber etwas ganz Ähnliches, sehr verehrte Anwesende, zeigt sich auch — ich kann das nur kurz erwähnen —, wenn wir statt ins Kleinste ins relativ Größte gehen: zu den astronomischen Tatsachen. Denn auch da haben wir im Laufe der letzten Zeiten der menschheitlichen Entwicklung die größten, die wunderbarsten Fortschritte gesehen, zum Beispiel in jenem wunderbaren Fortschritt der [Spektral]-Analysen, die besonders im Jahre [1859] die Menschheit so überraschten und seither so gewaltige Folgen gehabt haben für die Astronomie, für die Astrophysik insbesondere. Was haben sie gebracht? Einer der wichtigsten Sätze ist für viele, die auf diesem Gebiete zu Hause sind, der, dass, wo wir auch hinblicken in der Welt, mögen wir auch den einen oder anderen Stoff noch entdecken, das ist ja nicht maßgebend, dieselben Stoffe mit denselben Kräften, die hier auf der Erde wirksam sind und wirken, wir finden sie im ganzen, auch relativ Großen, sodass auch, wenn wir jetzt nicht ins Kleinste, sondern ins Große gehen, wir wiederum nichts anderes finden als dasjenige, was wir ausgebreitet im Raume und in der Zeit finden für das Bewusstsein, das wir im Alltag haben.
[ 20 ] Gerade mit einer Vertiefung in dasjenige, was Naturwissenschaft leisten kann, mit einer bewundernden Vertiefung ferner in das, was sie geleistet hat, rüstet sich die moderne Geisteswissenschaft oder Anthroposophie aus. Aber sie ist sich auch klar darüber, dass, wie bewundernswert, wie großartig diese Leistungen der modernen Naturwissenschaft auch sein mögen, und wie bedeutungsvoll sie auch für gewisse Lebenszwecke sein mögen, wie unendlich notwendig sie sein mögen dem gesunden menschlichen Fortschritt: Hinein in das Menschenrätsel werden sie niemals führen! Das haben sie schon bis heute gezeigt.
[ 21 ] Daher sucht Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gerade aus dem heraus, was man lernen kann aus der modernen Naturwissenschaft, einen ganz anderen Weg zu gehen: den Weg, nicht durch Anschauung eines anderen, eines Kleinsten oder Größten, dasjenige zu erklären, was dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, nicht durch Anschauen eines anderen, eines Mikroskopischen oder Teleskopischen oder irgendwie in diesem Sinne bewaffneten Sinn zu Erreichenden oder mit wissenschaftlich geeigneten Methoden, die in der Sinnenwelt sich abspielen zu Erreichenden, nicht durch Anschauen eines anderen, als dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, sondern durch eine andere Art des Anschauens selber sucht Geisteswissenschaft sich der Lösung des Weltenrätsels zu nähern, soweit diese dem Menschen möglich ist.
[ 22 ] Und wenn ich zunächst skizzenhaft charakterisieren sollte, wie man sich dieses andersartige Anschauen der Dinge vorstellen kann, die um uns herum ausgebreitet sind, der Weltenereignisse, die uns umgeben, so muss ich sagen, das, was hier gilt, lässt sich durch einen Vergleich klarmachen.
[ 23 ] Wir kennen aus dem gewöhnlichen Leben zwei Bewusstseinszustände: den Zustand des gewöhnlichen Bewusstseins, den wir haben vom Morgens-Aufwachen bis zum Abends-Einschlafen, den Zustand unseres gewöhnlichen Tagesbewusstseins; wir kennen aber auch noch den Zustand des sogenannten Traumbewusstseins, in dem chaotisch wirken aus zunächst dem Menschen nicht zugänglichen, für sein Bewusstsein wenigstens nicht zugänglichen Untergründen des Organismus, im tiefsten Sinne aufsteigen und sich chaotisch angeordnet abspielen, wir kennen durch das Erleben den Unterschied zwischen diesem chaotischen Traumbewusstsein und dem geordneten, in die Wirklichkeit sich einkleidenden Tagesbewusstsein. Kurz, sehr verehrte Anwesende, wir wissen aus dem täglichen Leben, was Aufwachen ist.
[ 24 ] Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zeigt uns nun, dass so, wie es ein Aufwachen gibt aus dem chaotischen Traumbewusstsein zu dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein, dass es auch gibt ein Aufwachen aus diesem Tagesbewusstsein wiederum zu einem — wie ich es genannt habe in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» — «schauenden Bewusstsein». Nicht mit einem Zurückfallen in die Welt irgendwelcher Träume, in die Welt auch irgendwelcher Visionen oder Halluzinationen rechnet Geisteswissenschaft, sondern sie rechnet mit etwas, was eintreten kann in das menschliche Bewusstsein, in das gewöhnliche Tagesbewusstsein, so wie dieses gewöhnliche Tagesbewusstsein ersetzt das Traumbewusstsein, wenn wir aus dem Traumbewusstsein aufwachen in das Tagesbewusstsein: Also, mit einem schauenden Bewusstsein, mit einem wirklichen Erwachen aus dem gewöhnlichen Tageserleben, mit einem höheren Bewusstsein — wenn der Ausdruck gestattet ist — rechnet Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Und die Ergebnisse dieses schauenden, dieses höheren Bewusstseins, die macht sie zu ihrem Inhalte. Und so wie der Mensch sich eingliedert in eine Sinneswelt, wenn er aus dem Traum heraus, wo Bilder chaotisch auf- und absteigen, erwacht, so gliedert sich der Mensch ein als Geistesforscher in eine geistige Welt, in eine wirkliche, reale geistige Welt, wenn er aus dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein erwacht zu dem schauenden Bewusstsein.
[ 25 ] Nun muss ich zunächst wenigstens eine kurze skizzenhafte Vorstellung von dem geben, was nun das schauende Bewusstsein ist. Dieses schauende Bewusstsein wird nicht erworben durch irgendeinen phantastischen willkürlichen Akt oder phantastischen, willkürlichen Entschluss. Dieses schauende Bewusstsein wird erworben von dem Menschen, der es als Geistesforscher erwerben will, in langer Arbeit, in einer Arbeit, die wahrhaftig nicht weniger mühselig ist als irgendeine Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, die aus kleinem und kleinstem zusammensetzt dasjenige, was, manchmal auch an kleinen Ergebnissen, die aber notwendig sind, für die Gesamtheit der Wissenschaft, hervortreten. Aber alles dasjenige, was der Geistesforscher zu verrichten hat, wird nicht so wie im Laboratorium, wie auf der Sternwarte, mit äußeren Vorrichtungen und mit äußeren Methoden verrichtet, sondern es wird an demjenigen Apparat, der einzig und allein für wirkliche Geisteswissenschaft taugt, verrichtet; es wird an der menschlichen Seele, an dem Element der menschlichen Seele selbst verrichtet; es besteht in inneren Vorgängen der menschlichen Seele, die allerdings, wie wir es gleich sehen werden, nichts zu tun haben mit einer chaotisch verworrenen Mystik, sondern die systematisch-methodisches Arbeiten an der menschlichen Seele voraussetzen.
[ 26 ] Wie kommt man überhaupt darauf, nach solcher geistiger Arbeit zu begehren, nach solchen inneren Entwicklungen, nach solcher höheren Selbsterziehung zu begehren? Man kommt nur dazu, wenn man, ausgehend von dem gewöhnlichen Bewusstseinsleben — und man kann das —, zu einer gewissen Überzeugung kommt, die immer mehr und mehr vollkommen wird, je mehr man sich gerade mit seiner Gesinnung in das moderne wissenschaftliche Leben einlebt. Seit Jahrhunderten schon sieht man diese Gesinnung heraufziehen in einzelnen Persönlichkeiten, heute ist sie schon bei mehr und immer mehr Persönlichkeiten vorhanden, auf die einzelnen Namen und so weiter kann ich nicht eingehen, aber das, was da als ein inneres Erlebnis, als eine gewisse notwendige innere Anschauung und Gesinnung nach und nach hervortritt unter dem Einflusse der wissenschaftlichen Denkrichtungen der neueren Zeiten, das wird immer mehr und mehr breiteste Kreise der Menschenseelen ergreifen, das wird allgemeine Überzeugung werden mit all den Folgen, die eine solche Überzeugung haben muss.
[ 27 ] Zweierlei ist es, um das es sich da handelt. Das Erste ist, dass man schon aus einer wirklichen, intimen, geordneten, willigen Selbstbeobachtung heraus eine gewisse Anschauung gewinne über das menschliche Ich, über dasjenige, was wir das Ich, was wir unser Selbst nennen. Dieses Selbst, wir sprechen es an; wir sprechen es sogar mit einem Worte aus, nachdem wir von einem gewissen Zeitpunkt unserer Kindheitsentwicklung an uns das IchWort angeeignet haben. Allein wenn wir in ehrlicher und auf Selbsterziehung beruhender Selbstbeobachtung suchen — Was ist es eigentlich mit diesem Ich? Wo ist es in uns darinnen? —, finden wir dieses Ich, wenn wir ehrlich sein wollen? Oder müssen wir nicht gerade, wenn wir ehrlich und gewissenhaft selbst beobachten, zu einer Art Überzeugung kommen, wie der große Denker Hume gekommen ist, der da sagte, wahrhaftig nicht aus einer Willkür heraus, sondern aus ehrlicher Selbstbeobachtung heraus sagte:
Wenn ich noch so sehr in mein Inneres schaue, ich finde Gefühle, Vorstellungen, Lust und Leid, ich finde das, was ich als das eine oder andere an der Welt erlebt habe, aber ein Ich finde ich nirgends. Und wie könnte ich auch
— so sagt er mit Recht —
dieses Ich finden! Wenn ich es so einfach finden könnte, so müsste es ja da sein, auch wenn ich schlafe. Aber wenn ich schlafe, weiß ich nichts von diesem Ich. Kann ich annehmen, dass es abends verlöscht und morgens wieder ersteht? Es muss also ohne, dass es von der Vorstellung ergriffen wird, auch während des Nichtvorstellens im Schlafenserlebnis vorhanden sein.
[ 28 ] Das ist so klar wie möglich. Und diese Klarheit ergibt sich immer mehr und mehr für den, der die Literatur auf diesem Gebiete der Gegenwart kennt; er weiß, dass das für immer zahlreichere und immer zahlreichere Menschen der Fall sein wird.
[ 29 ] Was liegt da eigentlich vor? Es liegt das vor, worauf man immer mehr und mehr kommt — natürlich müsste ich nun stundenlang sprechen, wenn ich alle Einzelheiten anführen wollte zum Beweis, dass man dazu komme —, aber es liegt das vor, ich will es nur anführen, wozu man immer kommt, dass dieses Ich, wovon wir sprechen, im gewöhnlichen Tagesbewusstsein genau nicht anders vorhanden ist als im tiefsten traumlosen Schlaf. Das Ich schläft immer. Es schläft, wenn wir schlafen, es schläft, wenn wir wachen, und nur vom schlafenden Ich wissen wir auch, wenn wir wachen, von dem, was in einer dumpfen Sphäre des Seelenlebens auch für das Wachbewusstsein lebt. Auch wenn wir hell wachend sind im gewöhnlichen Bewusstsein, ist das Ich nicht anders vorhanden, als es vorhanden ist im Schlafe. Und nur, weil unser übriges Seelenleben vorhanden ist und gewissermaßen wie der schwarze Fleck im Auge nicht sieht, so etwas in uns nicht vorgestellt werden kann wie das Ich, so nehmen wir dieses Nicht-Vorgestellte, dieses gewissermaßen Schwarz-Gestellte in der Seele wahr. Das Ich schläft fortwährend, und es ist kein Unterschied in Bezug auf die Vorstellung des Ich zwischen dem Schlafesund dem Wachleben.
[ 30 ] Aber auch, wenn wir unser gewöhnliches Vorstellen ins Auge fassen, so kommen wir durch eine rechte, durch Selbsterzichung herausentwickelte Selbstbeobachtung dazu, zu erkennen, dass dasjenige, was als Vorstellungen in uns lebt, auch während des wachen Tageslebens kein anderes Dasein hat in uns als genau dasselbe wie die chaotisch auf- und abwogenden Traumvorstellungen der Nacht. In unserem Vorstellen träumen wir, auch wenn wir wachen. Diese Wahrheiten, dass unser Ich schläft, dass wir in unserem Vorstellen träumen, auch wenn wir wachen, diese Wahrheiten, die werden allerdings hinweggespült von dem regen Tagesleben. Aber für denjenigen, der die Menschenseele beobachten kann, ergeben sie sich durchaus als große, erschütternde Wahrheiten am Ausgangspunkte einer jeden geisteswissenschaftlichen Forschung.
[ 31 ] Und wenn man dann frägt, frägt die Selbstbeobachtung: Ja, wie unterscheidet sich denn eigentlich dann unser gewöhnliches Tagesleben, unser Wachleben von dem Traumleben, von dem Schlafleben? Was tritt denn da ein im Momente des Aufwachens? Wie gesagt, Details kann ich nicht ausführen, alle Details, die notwendig sind, um das vollständig zu durchdringen, was ich heute nur skizzenhaft anführen kann, finden Sie in meinen Büchern, namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss». Die Frage entsteht: Was tritt denn eigentlich im Momente des Erwachens ein, wenn wirklich unser Ich schlafend bleibt, wenn unsere Vorstellungen solche Bilder auch im Wachen sind wie die Traumbilder, wie unterscheidet sich denn der wachende Mensch von dem schlafenden Menschen?
[ 32 ] Da gibt eine — wie gesagt — geschulte Selbstbeobachtung die Antwort: Es ist das Hineindringen, Hineinströmen des Willens in das Seelenleben, welches einzig und allein das Wachleben von dem Schlaf- und Traumleben unterscheidet. Dass der Wille sich ergießt in uns und wir nicht willenlos aufsteigende Traumbilder haben, sondern uns mit dem Willen verbinden mit der äußeren Welt, uns durch den Willen eingliedern in die äußere Welt, das macht es, dass wir wachen und nicht träumen. Was die Traumbilder erweckt zu einer Wesenhaftigkeit, dass sie Abbilder sind, Abbilder reale wirkliche Abbilder einer äußeren Welt, das macht, dass wir uns nach dem Aufwachen durch den Willen hineingliedern in die äußere Welt. So paradox das heute noch klingt für sehr viele Menschen, es wird dieses eine Grundüberzeugung einer kommenden Weltanschauung werden müssen, und wird es werden, weil jede wahre, selbstbeobachtende Wissenschaft dieses ergibt.
[ 33 ] Das Hineinblitzen des Willens in das Vorstellungsleben ist es, was uns real hineinstellt in die äußere Welt, die wir zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns haben. Dies ergibt eine wirkliche Selbstbeobachtung im gewöhnlichen Bewusstsein. In diesem gewöhnlichen Bewusstsein kann man aber nicht stehen bleiben, wenn man in die Wesenheit der Dinge, die uns umgeben, und den Zusammenhang des Menschen mit der Welt wirklich eindringen will. Da handelt es sich darum, dass eine ähnliche Umwandlung mit unserem Seelenleben vor sich gehe, mit unserem gewöhnlichen Tages-Seelenleben vor sich gehe, wie mit dem Schlaf- oder Traumleben beim Erwachen vor sich geht. Und eine Umwandlung wird herbeigeführt dadurch, dass man eben mühselig arbeitet an der metamorphosischen Umänderung erstens des Vorstellungslebens, zweitens des Willenslebens.
[ 34 ] Und nun möchte ich gleich darauf aufmerksam machen, sehr verehrte Anwesende, dass dasjenige, was hier Geisteswissenschaft oder Anthroposophie genannt wird, nicht auf irgendetwas Metaphysischem oder Spiritistischen beruht, nicht auf irgendetwas verworren Mystischem beruht, sondern dass es eine wahre Fortsetzung gesunder menschlicher naturwissenschaftlicher Denkweise ist. Und so kann es angeknüpft werden, wie an manches andere, beispielsweise nun an die gesunden, aber die gesunden Anfänge, die bei einem ganz besonders gesunden Geiste der neueren Zeit vorhanden sind, es kann angeknüpft werden an dasjenige, was Goethe’sche Natur- und Weltanschauung genannt werden kann.
[ 35 ] Gestatten Sie diese persönliche Bemerkung, sehr verehrte Anwesende, weil sie doch mit dem, das ich selber vorzubringen habe, einiges zu tun hat, dass ich gerade anknüpfe an diese Goethe’sche Natur- und Weltanschauung, das beruht darauf, dass ich durch mein Schicksal darauf geführt wurde, diese Goethe’sche Welt- und Naturanschauung gerade weiter zu vertiefen und aus ihr dasjenige herauszuholen, was dann weiterführt, wie wir sehen werden, zu einem wirklichen Hineinschauen in die Geisteswelt, die uns umgibt, so wie uns die sinnliche Welt umgibt.
[ 36 ] Ein Großes bei Goethe, das heute noch immer nicht gewürdigt ist, ein Großes bei Goethe ist zum Beispiel, dass er imstande ist, dasjenige, was physikalische Erscheinungen sind, die man sonst nur abgesondert vom Menschen betrachtet, heranzuführen bis an das menschliche Seelenleben. Das ist etwas ganz Wunderbares, wenn man sieht, wie Goethe ein physikalisches Kapitel seiner heute noch von den meisten Menschen ganz verachteten Farbenlehre hinanführt von dem Physikalischen und Physiologischen bis zu dem, was er so schön zum Ausdrucke bringt in dem Teil, den er nennt: «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Allerdings, es ist heute mannigfaltig kompromittierend, über Goethes Farbenlehre zu sprechen. Über Goethes Farbenlehre kann heute nicht gesprochen werden ohne Weiteres, weil die Physik in ihrer heutigen Verfassung keine Diskussionsmöglichkeit für die Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre gibt. Aber es wird schon eine Zeit kommen, das will ich nur andeuten, wo diese Goethe’sche Farbenlehre gerechtfertigt wird von einer fortgeschrittenen Physik.
[ 37 ] Ich kann verweisen auf dasjenige, was ich in meinem Buche «Über Goethes Weltanschauung» und in meiner Einleitung zu Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften» in künstlerischer Beziehung ganz besonders über diesen Punkt ausgeführt habe. Aber heute will ich auf keine Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre eingehen, sondern nur auf das Methodische hinweisen, wie sich wirklich herausentwickelt aus dem Physikalischen bei Goethe das Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Da spricht er sehr schön aus, was die menschliche Seele erlebt, indem sie dem Blau, der Farbe Blau gegenübersteht.
Blau
— sagt Goethe —
ergießt in die Seele herein ein gewisses Erlebnis von Kälte, weil sie an Schatten erinnert. Blaue Räume gießen über alle Gegenstände eine traurige Stimmung aus.
Oder nehmen wir noch das, was Goethe über das Erleben der roten Farbe sagt:
Die rote Farbe
— sagt Goethe —
ist in ihrer Wirkung einzig, wie ihre Natur ist: Sie kann erzeugen, die rote Farbe, ebenso das Erlebnis von Ernst und Würde wie von Ehrfurcht und Anmut, von Ernst und Würde, wenn sie in ihren dunkleren Tönen und verdichtet ist; von Ehrfurcht und Anmut wenn sie in ihren verdünnteren und helleren Zuständen auftritt.
[ 38 ] Da sehen wir, wie Goethe nicht allein den Blick richtet auf das unmittelbar Physische der Farbe, sondern wie er die Seele heranholt an die Farbe wie ein Sympathie- und Antipathie-Erlebnis, ein unmittelbares Seelenerlebnis, wie wir es in dem Erlebnis von Lust und Leid im Leben haben. Wenn auch in einer kaum bemerkbaren Intensität von Goethe geschaut wird bei den Farben, so nimmt Goethe die Farbenwelt durch, so wie sie durchgenommen werden kann, wenn man das Seelenleben ergießt über diese Farben; das heißt: Goethe sondert nicht das seelische von dem physikalischen Erlebnis. Und gerade dadurch hat er die Anfänge geliefert zu einer Beobachtung, die auch heute natürlich noch in den Anfängen ist, die aber eine ernste und würdige Ausgestaltung erfahren wird gerade durch das, was Anthroposophie oder Geisteswissenschaft ist.
[ 39 ] Denn so, wie der Mensch der Farbenwelt gegenübersteht, so ist es auch mit der Welt der übrigen Sinne gestaltet, so ist er in der Wahrnehmung selber durch das, was physikalisch da steht, was physikalisch durch sein Auge, durch sein Ohr wirkt, so stark in Anspruch genommen, dass gegenüber diesem starken physikalisch Dastehenden dasjenige, was seelisch dieses physikalisch Dastehende durchstrahlt, durchströmt, dass er dieses Seelische nicht wahrnimmt, nicht erlebt, nicht erlebt in seiner vollen Stärke und in seiner vollen Bedeutung für das innere Seelenleben selbst, so wie man ein schwaches Licht nicht bemerkt neben einer starken Lichtquelle. Denn für das gewöhnliche Augenwahrnehmen ist eben dasjenige, was physikalisch dasteht, vor allen Dingen von besonderer Stärke.
[ 40 ] Nun gibt es aber eine Möglichkeit, das, was bei Goethe allerdings, man möchte sagen instinktiv durch seine gesunde Natur in den Anfängen da ist, des Weiteren auszubilden, immer weiter und weiter zu führen.
[ 41 ] Und noch von einem anderen Punkte kann man ausgehen. Goethe behandelt die Farben niemals so, dass er sie nur ansieht in dem Dasein draußen, sondern er behandelt die Gegenwirkung, das Organische immer. Wie wunderbar, selbst gegenüber den neuesten physikalischen Versuchen von [Hering], Hume unter anderem ist dasjenige, was Goethe hervorhebt über die Gegenwirkung des Auges, wie die Farben nicht nur wahrgenommen werden, solange man sie ansieht, sondern wie sie abklingen. Aber in alledem sind eben für das äußere Anschauen schwache Anfänge gegeben, die vielmehr auf das innere Vorstellungsleben angewendet, weiter ausgebildet werden können; denn in ihrem sorgsamen gewissenhaften Ausbilden gewisser Seiten des Vorstellungslebens liegt ja eine Seite der Forschung, die zur Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gehört. So wie Goethe selber sich zu der Farbe stellt, so stellt sich derjenige, der geistesforscherisch in die geistige Welt eindringen will, zu dem Vorstellungsinhalt, der ja für dies gewöhnliche Bewusstsein im Grunde genommen nur willensdurchstrahlte Traumbilder-Welt ist, und ganz anders als das gewöhnliche Bewusstsein sich zu den Vorstellungen, zu den Begriffen, zu den Ideen verhält, verhält sich der Geistesforscher nicht für die äußere Welt; da bleibt er ein gesund denkender Mensch wie jeder andere Mensch. Aber für das Offenbaren der geistigen Welt muss er eine gewisse Art des schauenden Bewusstseins bewirken. Und er bewirkt es dadurch, dass er gewisse Metamorphosen des Vorstellungslebens hervorruft.
[ 42 ] Dasjenige, was im Einzelnen getan werden muss, finden Sie in den genannten Büchern. Ich will nur das, was bewirkt wird in seiner prinzipiellen Bedeutung, vor ihre Seele hinstellen, sehr verehrte Anwesende. Durch ganz gewisses Verhalten, methodisches Verhalten zu der Vorstellungswelt, gelangt der Geistesforscher dazu, seine Vorstellungen allmählich loszulösen von ihrer gewöhnlichen Aufgabe. Die gewöhnliche Aufgabe der Vorstellungen ist ja diese, dass wir durch sie Abbilder der äußeren Wirklichkeit gewinnen. Ergebnisse sind uns die Vorstellungen. Für den Geistesforscher sind sie Anfang, denn er gibt sich diesen Vorstellungen, gleichgültig, was sie für eine äußere Bedeutung haben, was sie für ein äußeres Abbild geben, er gibt sich dem inneren Leben, den inneren Wirkungen der Vorstellung hin. Und er gibt sich dem inneren Wirken der Vorstellung so hin, sodass er nicht auf das schaut, was in den Vorstellungen als Inhalt enthalten ist, sondern was sich an Kräften entwickelt, wenn das vollständig zur Ruhe gebrachte Bewusstsein Vorstellungstätigkeit, Denktätigkeit in sich lebendig, regsam macht.
[ 43 ] Der gewöhnliche Forscher der äußeren Natur beginnt mit der äußeren Natur und endet mit den Vorstellungen. Der Geistesforscher muss mit der inneren Regsamkeit der Vorstellungen beginnen, mit einer Art meditativer Arbeit, aber nicht mit jener Meditation, die landläufig geschildert wird, und die nichts anderes ist als ein Brüten über gewisses Vorstellen, nein, sondern es handelt sich darum, dass wirklich alles übrige Wogen und Regen der Seele beruhigt wird, sodass das Seelenleben wie ein ruhiges Meer gegenübertritt besonderen Vorstellungen, die überschaubar sind. Die sollen sich dann regen im Seelenleben, sollen bloß im Vorstellungsleben innerlich regsam sein. Durch lange meditative Arbeit, die, wie gesagt durchaus nicht geringer ist als Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, kommt man dazu, in diesem inneren Leben der Vorstellungen gewisse Wirkungen wahrzunehmen für das Leben der menschlichen Seele selber, merkwürdige Wirkungen. Im gewöhnlichen Bewusstsein entwickelt man als eine der wichtigsten, der bedeutendsten Seelenfähigkeiten das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen.
[ 44 ] Was bringt denn das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen zustande? Das Erinnerungsvermögen, sehr verehrte Anwesende, bringt zustande, dass wir gewisse Vorstellungen, die wir in früherer Zeit gebildet haben, in späterer Zeit wiederum heraufholen können. Das Erlebnis ist zunächst gegeben; das Erlebnis wird in die Vorstellung aufgenommen. Die Vorstellung verhält sich schattenhaft gegenüber dem Erlebnis. Das Erlebnis verschwindet, die Tatsache geht fort; wir tragen die Vorstellung des Erlebnisses in uns. Nach Jahren oder nach einer anderen Zeit können wir sie wiederum herausholen. Ein schattenhaftes Nachbild, ein erinnerungsgemäßes Nachbild, das ist es, was wir wieder heraufholen aus unserem geistig-seelisch-körperlichen Gesamtorganismus als Erinnerungsvorstellung.
[ 45 ] Durch das energische Sich-Einleben, eindringliche Sich-Einleben nach den Methoden, die in meinen Büchern angegeben und beschrieben sind in Bezug auf das Vorstellungsleben, gelangt man dazu, eine verstärkte Art von Seelenhaftigkeit gegenüber diesem Erinnerungsleben sich anzueignen. So paradox es klingt, ich muss es charakterisieren, weil ich nicht im Allgemeinen phantastisch herumsprechen will über Geisteswissenschaft, sondern das positiv Konkrete angeben will, was Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 46 ] Der Geistesforscher erlebt, dass er eine Vorstellung regsam macht, und durch das immer wieder und wiederum Ruhen des Bewusstseins auf dieser Vorstellung bringt er es bis zu dem Momente, wo er weiß: Jetzt hast du diese Denkkräfte so stark angestrengt, dass du nicht weiter kannst. Dann tritt etwas, man möchte sagen Erschütterndes ein. Der Moment, wo man weiß, man kann nicht mehr willkürlich das Denken in derselben Weise fortsetzen, man muss das Denken gleichsam entlassen, wie man eine Vorstellung entlässt, die dann in die Vergessenheit gerät und aus der Erinnerung wiederum heraufgeholt werden kann. Aber eine also durch energisch meditatives Leben zubereitete Vorstellung, die tritt, ich möchte sagen in viel untergründigere Tiefen des Lebens hinunter, wenn sie entlassen wird, als eine Vorstellung, die bloß zur Erinnerung führt. Und das erlebt dann — das ist nur beispielsweise, andere Erlebnisse müssen damit verbunden sein, aber einige Beispiele möchte ich anführen —, das erlebt der Geistesforscher, dass er eine Vorstellung durch die denkerischen Kräfte so verstärkt hat, dass er nun diese Vorstellung hinuntersenken kann, sodass sie nicht mehr da ist; dann aber tritt sie auf; später, je nachdem man die eine oder andere Vorstellung hat, das alles muss ganz geregelt vor sich gehen, bleiben diese Vorstellungen. Man eignet sich Anschauungen an über die Zeiten, in denen diese Vorstellungen bleiben müssen, da unten im Unbewussten dann; die eine Vorstellung bleibt länger, die andere kürzer im Unterbewusstsein unten, und man erlangt die Kraft, sie immer wiederum heraufzubringen — aber nicht so, wie man durch eine Erinnerungsvorstellung sich anstrengt, die Vorstellung heraufzubringen; sondern dieses Heraufkommen der Vorstellungen geschieht durch ruhige Hingabe. Das ist nicht wie in der gewöhnlichen Erinnerung, sondern man ist in einer erwartungsvollen Stimmung, die man im rechten Zeitpunkt herbeigeführt hat. Auf diese erwartungsvolle Stimmung wird man durch andere Dinge, die hier jetzt nicht beschrieben werden können, aufmerksam gemacht. Man ist in einer erwartungsvollen Stimmung; man tut gar nichts, um eine Vorstellung, um ein Erlebnis herbeizuführen, sondern gerade durch die ruhige Erwartung, durch die rein selbstlose Hingabe kommt nach Stunden, nach Wochen, nach Jahren oftmals erst dasjenige wieder zurück, was man in abgründigen Tiefen erschaut, gewissermaßen wie in einen Abgrund hinuntergeblickt hat. Und das Umgekehrte tritt ein vom gewöhnlichen Bewusstsein.
[ 47 ] Während im gewöhnlichen Bewusstsein die Sache so ist, dass das Erlebnis zuerst mit aller Lebendigkeit voransteht und dann die schattenhafte Vorstellung auftritt, ist jetzt etwas ganz anderes der Fall: Man geht aus dabei von etwas, das man gleichsam zur Selbsterziehung, zur Selbstzucht macht, eine Vorstellung in die Seele gesetzt hat, durch Wochen, monatelang immer wiederum in der Seele anwesend hat sein lassen, bis man zu dem Moment kommt, dass sie untertauchen kann; dann kommt sie herauf, aber wie sie heraufkommt dann, das ist das überraschende Erlebnis; das ist nicht etwas, was so schattenhaft ist, wie die Vorstellung war, sondern es ist ein Erlebnis, das vor dem Ausgangspunkte [Lücke].
[ 48 ] Das Erlebnis wird durch eine gewisse Bearbeitung der Vorstellung herbeigeführt, und man weiß ganz genau, wenn man diese Dinge kennt, die zu solchem führen, dass es sich hier um etwas ganz Gesundes, nicht Krankhaftes handelt. Es sind nicht etwa die gleichen Kräfte, die wirksam sind, wenn Sie zu Halluzinationen oder Visionen führen, oder überhaupt krankhafte Zustände hervorrufen, sondern es sind diejenigen Kräfte, die gerade das Entgegengesetzte hervorrufen und bewirken, die gerade geeignet sind, alles Halluzinatorische, Phantastische, Visionäre zu vertreiben; es ist der entgegengesetzte Vorgang.
[ 49 ] Und das Seelenleben ist nicht bloß so, dass es dies durchmacht, was ich beschrieben habe, wie es im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein bei gesundem Verstande ist, sondern es ist so, dass es viel gesünder sein muss, wenn die Übungen, die dazu gehören, wenn sie regelrecht gemacht sind, ganz selbstverständlich, manches überwinden lassen, namentlich überwinden lassen müssen alles, was in irgendeine Phantastik hineinführen kann. Dasjenige aber, was heraufgeführt wird, das ist etwas, was man vorher nicht gekannt hat: das ist ein Geistiges, ein Übersinnliches, das man jetzt in sich wahrnimmt. Als was wahrnimmt? Als das wahrnimmt, sehr verehrte Anwesende, was Goethe Geistesauge oder Geistesohr nennt, und was er selber erst instinktiv erahnte.
[ 50 ] Jetzt weiß man, von dem Momente ab, wo man solch ein Erlebnis erfahren hat, wie ich es charakterisiert habe, weiß man, dass man nicht nur dieses physische Leben in sich trägt, sondern dass man einen feineren, überhaupt nicht aus physischen Stoffen bestehenden inneren Leib hat. So paradox es heute noch manchen verkommt, wenn man in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie von einem feinen Ätherleib spricht, einem Seelenleib, es ist eine Wahrheit — aber eine Wahrheit, die erst auf diese Weise wirklich erforscht werden kann, wie es jetzt charakterisiert worden ist. Man weiß jetzt: Man hat etwas in sich, worinnen geistiges Anschauen entstehen kann, wie Anschauen entstehen kann durch das physische Auge im physischen Organismus. Das Geistesauge oder Geistesohr, wie Goethe es genannt hat, wird etwas, von dem man weiß, dass aus dem Ätherischen, aus dem übersinnlichen Leibe etwas entspringt — man kann ihn nur nicht gebrauchen wie einen physischen Leib —, aber dass ein solcher übersinnlicher Leib vorhanden ist, das weiß man, und dass es eine Geisteswissenschaft geben müsse, die zu diesem führt, sehr verehrte Anwesende, das ist etwas, was nicht aus irgendeiner Willkür heute herausgeboren worden ist, sondern das wird herausgeboren aus dem philosophischen Denken gerade der neuesten Zeit.
[ 51 ] Lassen Sie mich anführen einige Tatsachen, die in dieser Beziehung für die Beurteilung von Anthroposophie ganz besonders wichtig sind. Aus der schönsten Entwicklungsepoche der neueren Philosophie heraus haben solche Persönlichkeiten, die die Kraft dieser neueren Philosophie von der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts und von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in sich aufgenommen haben, sie haben instinktiv noch nicht in solch methodischer Weise — wie die heute möglich ist, so wie ich es Ihnen erzählt habe —, sondern eben instinktiv darauf aufmerksam gemacht, wie es außer dem physischen Leib, der dem Menschen zugrunde liegt, noch dasjenige gibt, was man einen ätherischen, einen seelischen Leib nennen kann. Nur, der äußere Ausdruck für ihn war etwas anders für diesen feineren Leib, der für die Geisteswissenschaft eine Tatsache ist.
[ 52 ] Nun: Fichte kommt gerade unter dieser Voraussetzung zu der Auffassung des Todesvorganges, wenn er sagt:
Denn kaum braucht noch gefragt zu werden, wie der Mensch an sich selbst sich verhalte im Todesvorgange.
Mit diesem Begriffe
— meint Fichte —
überspringen wir daher nicht nur die Erfahrung und greifen in ein unbekanntes Gebiet bloß illusorischer Existenzen hinüber, sondern wir befinden uns mit ihm gerade mitten in der begreiflichen, dem Denken zugänglichen Wirklichkeit.
[ 53 ] Und dann sagt Fichte — und das ist das Bedeutsame —, dieses Bewusstsein weist über sich hinaus:
[...] die Anthropologie endet in dem von den mannigfaltigsten Seiten her begründeten [Ergebnisse,] dass der Mensch nach der wahren Eigenschaft seines Wesens, wie in der eigentlichen Quelle seines Bewusstseins, einer übersinnlichen Welt angehöre. Das Sinnenbewusstsein dagegen und die auf seinem Ausgangspunkte entstehende Erscheinungswelt mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die Stätte zu sein, in welcher jenes übersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewusste eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt der Ideen in die Sinneswelt einführt. [...] Diese gründliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die «Anthropologie» in ihrem Endresultate zur «Anthroposophie».
[ 54 ] Zu einer «Anthroposophie»! Er gebraucht den Ausdruck «Anthroposophie»! Wir sehen daran die Sehnsucht nach derjenigen Wissenschaft, die heute Tatsache werden soll.
[ 55 ] Um nun noch ein Beispiel anzuführen — ich kann der Kürze der Zeit wegen nur Einzelnes anführen —, sei der, durchaus bedeutende deutsche Denker Troxler, Vital Troxler, angeführt, der auch in der Schweiz bedeutsam gelehrt hat. Er sagt aus derselben Anschauung, aber noch instinktiv, weil es Geisteswissenschaft oder Anthroposophie damals noch nicht gegeben hat, er sagt, Vital Troxler:
Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelenleib unterschieden von dem gröberen Körper [...] eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [...] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geisterschers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswärtigen an seinem Geisterleib trage.
[ 56 ] Und nun sagt Troxler:
Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [...] in jeder Anthroposophie [...] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann.
[ 57 ] Das Weitere brauche ich nicht anzuführen. Er meint also, dass es cin Wissenschaft geben muss, die geradeso, wie die Anthropologie zu den physischen Eigenschaften und Kräften des physischen Menschenleibes führt, so müsse es eine Eigenschaft geben, welche zu dem Übersinnlichen, zu den Eigenschaften dieses Übersinnlichen Leibes führt.
[ 58 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» charakteristische Denker aufgewiesen auf diesem Gebiete. Die haben diese Dinge nicht so ausgeführt, wie es die heutige Geisteswissenschaft ausführen kann, aber sie haben aus ihrem instinktiven Sehnen heraus nach einer zukünftigen Geisteswissenschaft, instinktiv von dem gesprochen, was durch diese Geisteswissenschaft Tatsache werden sollte. So der Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte, der bedeutende Philosoph Immanuel Hermann Fichte.
[ 59 ] Er sagt in seiner «Anthropologie», die 1860 in zweiter Auflage erschienen ist, dass «in dem Stofflichen» nicht «das wahrhaft Beharrende» sein kann:
In den Stoffelementen kann das wahrhaft Beharrende, das einende Formprinzip des Leibes nicht gefunden werden, welches sich während unseres ganzen Lebens wirksam erweist.
[...]
So werden wir auf eine zweite, wesentlich andere Ursache im Leibe hingewiesen.
[...]
Indem dieses das eigentlich im Stoffwechsel Beharrliche enthält, ist es der wahre, innere, unsichtbare, aber in aller sichtbaren Stofflichkeit gegenwärtige Leib. Der andere, die äußere Erscheinung desselben, aus unablässigem Stoffwechsel gebildet, möge fortan «Körper» heißen, der, wahrhaft nicht beharrlich und nicht eins, der bloße Effekt oder das Nachbild jener inneren Leiblichkeit ist, welche ihn in die wechselnde Stoffwelt hineinwirft, gleichwie etwa die magnetische Kraft aus den Teilen des Eisenfeilstaubes sich einen scheinbar dichten Körper bereitet, der aber nach allen Seiten zerstäubt, wenn die bindende Gewalt ihm entzogen ist.
[ 60 ] Also, Immanuel Hermann Fichte kommt instinktiv dazu, in dem Menschen einen Kraftleib annehmen zu müssen, der zunächst die äußeren Stoffteile — so wie die magische Kraft, die eingreifen kann —, in einer gewissen formellen Weise zusammenhält den äußeren Stoffleib. Sie sehen, dass auch Fichte da, wo er [auf] das Übersinnliche im Menschen aufmerksam macht, eine Anthroposophie herbeisehnt.
[ 61 ] Nicht etwas Willkürlich-in-die-Zeitentwicklung-Hineingestelltes ist Anthroposophie, sondern etwas, was den wirklich tieferen Kern des Seelenlebens längst ahnte; das [kann gerade aus solchen Beispielen ersehen werden]. [Danach große Lücke im Stenogramm.]
[ 62 ] Doch ich muss auf die andere Seite der Entwicklung des Seelenlebens eingehen, auf die Entwicklung des Willens. Das, was ich hier angeführt habe, betrifft die Entwicklung des Vorstellungslebens. Auch der Wille kann über den Standpunkt hinausgeführt werden, den er im gewöhnlichen Bewusstsein hat. Wenn Sie sich denken, dass jemand meint — ich will nur das Allerwichtigste anführen, das andere kann ja dann in meinen angeführten Büchern nachgelesen werden —, [wenn Sie sich denken], dass jemand sein inneres Leben so ansehen würde, wie wir unter gewöhnlichen Verhältnissen das äußere Leben von Mensch zu Mensch ansehen, das Leben in der menschlichen Gesellschaft [anschauen], da sehen wir, [wie wir uns sagen], wenn irgendeine Begierde, irgendein Trieb [auftaucht].
[ 63 ] Die Verhältnisse gestatten uns, dass dieser Trieb, diese Begierde sich ausleben; [in anderen Fällen gestatten wir es uns nicht, oder gestatten es uns die Verhältnisse nicht]. Wir entwickeln dem äußeren Leben gegenüber eine gewisse Verantwortlichkeit, die im Gewissen wurzelt. [Wir entwickeln ganz bestimmte Gefühle, empfinden eine bestimmte Konfiguration des Seelenlebens gegenüber dem, was wir äußerlich tun oder nicht, schaffen oder nicht schaffen]. Dem inneren Seelenleben unterliegt das gewöhnliche Bewusstsein, solche inneren Anforderungen zu entwickeln.
[ 64 ] Da gehorchen wir der Logik. Und wie anders kühl stehen wir gegenüber dem, was wir denken oder nicht denken oder klar denken oder beengt denken, wie anders kühl logisch stehen wir unseren Gedanken gegenüber als dem äußeren Leben! Wir nehmen das eine hin, weil wir es, ich möchte sagen im Geiste, in der Vorstellung fassen können; wir weisen das andere ab; aber jenes intensive Leben, das wir in der menschlichen Verantwortlichkeit haben, das erleben wir innerlich bei dem bloß logischen, bei dem bloß wissenschaftlichen Denken nicht.
[ 65 ] Die zweite Art der Übungen besteht nun darinnen, dass wir gewisse innere Verantwortlichkeit ausgießen über das Denken, das Vorstellungsleben selbst, dass wir dahin kommen, dass wir nicht nur sagen, diese Meinung ist gültig, diese Meinung ist richtig gefasst, die kann ich bejahen und so weiter, sondern dass wir eine Vorstellung nur hegen in einem ebensolchen Pflichtbewusstsein, wie wir es an uns tun an Vorstellungen, wie wir es unterlassen bei der einen oder anderen Handlung, es nicht tun; Moralität, aber ganz anders geartete Moralität noch, als sich über das äußere Leben ausgießt, gießt sich über unsere Vorstellungen aus. Innere Verantwortlichkeit über das ganze Vorstellungsleben ausgegossen, gibt Auffassungen, sodass wir gewissen Erlebnissen gegenüberstehen so, dass wir gewisse Vorstellungen uns gestatten, andere Vorstellungen ablehnen; in dem einen Falle sie annehmen, im andern Falle durch berechtigte, nüchterne Antipathie abstoßen. Durch Sympathie, Antipathie, Abstoßen, Ausstoßen, dadurch wird von einer anderen Seite her das innere Leben regsam. Das muss nun wiederum lange geübt werden. Es kann dadurch besonders wirksam unterstützt werden, ich will das beispielsweise anführen, dass wir uns angewöhnen, die Vorstellung möglichst vielseitig in unserer Seele anwesend sein zu lassen.
[ 66 ] Sehr verehrte Anwesende, im gewöhnlichen Leben ist der eine Monist, der andere Dualist, der dritte Materialist, der vierte Spiritualist und so weiter, und so weiter. Derjenige, der lernt, sich einzuleben in das Vorstellungsleben, dem werden diese Begriffe alle zu etwas ganz anderem, als sie sonst sind. Da lernt man erkennen, gerade durch das lebendige innere Erleben der Vorstellungswelt, da lernt man erkennen: Ja, es gibt Begriffe des Materialismus, man kann sie gebrauchen für ein bestimmtes Gebiet, für eine bestimmte Sphäre der Welt — da müssen sie sogar vorhanden sein, denn man lebt sich fruchtbar nur ein in eine gewisse Sphäre der Welt, wenn man den Materialismus in all seinen Seiten begriffen hat —, für eine andere Sphäre der Welt braucht man die spiritualistischen Begriffe, für eine dritte die materialistischen, für eine vierte die idealistischen Begriffe und so weiter. Monistische, dualistische Begriffe — es wird uns das Vorstellungsleben reich und vielseitig machen, und wir wissen, dass solche Vorstellungen nichts anderes bedeuten als die verschiedenen fotografischen Aufnahmen eines Baumes von verschiedenen Seiten. Und man lernt sich hineinleben in ein inneres Element, in eine innere Toleranz, was wiederum ein Ausgießen des Moralischen über das innere Leben ist, so wie derjenige, der ein Bild bekommt von einem Baume, das er genau angesehen hat, niemals sagen kann, wenn ihm ein Bild von der anderen Seite aufgenommen gezeigt wird, das ganz anders aussieht: das ist ja nicht derselbe Baum. Wie wir eben vier Bilder oder meinetwillen acht Bilder haben können, um die Wirklichkeit zu verstehen, vier oder acht Bilder, die ein oder dasselbe Wesen des Baumes zeigen können, so lernen wir, jegliche Art von Vorstellungen, die einzeln nur eine einseitige Aufnahme einer Realität sind, jegliche Art von Vorstellungen, die uns vorliegen, zu betrachten und zu lernen, uns liebevoll hineinzufinden in verschiedenen Vorstellungsarten, liebevoll uns hineinzuvertiefen in diese Vielseitigkeit.
[ 67 ] Das unterschätzt man im Wesentlichen für die Seite der Übungen, die man nun auch zu machen hat. Das ist etwas, was heute noch sehr wenig verstanden wird, was sogar von den Besten noch wenig verstanden wird, aber was dahin führt, dass der Wille in einer ähnlichen Weise weiter ausgebildet, weiter in Acht genommen wird [wie] die früher beschriebene Art des Vorstellungslebens. Und wir erleben es dann, dass dieser Wille sich frei macht von seinem Verbundensein mit der Körperlichkeit. Wir werden durch das Nachahmen des Experimentes, wie sich der Wasserstoff vom Wasser löst, sagen können: So lösen wir durch ein energisches In-Anspruch-Nehmen dieser verschiedenen beschriebenen Übungen rein den Willen los, machen ihn frei, und immer freier und freier, immer geistiger und geistiger. Dadurch erwecken wir in uns einen wirklichen höheren Menschen, nicht bloß ein Idealbild, nicht bloß ein wirklich Gedachtes, sondern wir machen die Entdeckung — die heute noch eine Paradoxie für die meisten Menschen ist, aber für die Geisteswissenschaft eine Wirklichkeit, eine Realität ist —, dass in uns ein zweiter, feinerer Mensch, ein Mensch lebt mit einem ganz anderen Bewusstsein, als in unserem gewöhnlichen Bewusstsein ist. Und dieses Bewusstsein, das auf diese Weise erwachen kann, zeigt uns, dass es ein viel realerer Mensch ist als wir, die wir im physischen Leibe hier leben und [physisch] herumgehen. Dieser Mensch in uns, der kann sich bedienen des Geistesauges, wie ich es früher genannt habe, im ätherischen Leibe, wie ich es beschrieben habe.
[ 68 ] Auch die Annahme eines solchen anderen Bewusstseins, eines anderen, weiteren, umfassenderen Menschen — der mit der Natur und ihrer Wesenheit und mit der Wesenheit der geistigen Welt in viel intimerer Beziehung steht als unser gewöhnliches Bewusstsein —, die Annahme eines solchen Menschen wiederum ist instinktiverweise vorausgeschen von tiefer gehenden Forschern des neunzehnten Jahrhunderts. Aber in der Geisteswissenschaft wird auch da dasjenige, um was es sich da handelt, zur Tatsache werden. Ich möchte nur darauf verweisen, wie in dieser Richtung gestrebt worden ist durch die Philosophie — die ich in ihren Einzelheiten durchaus nicht vertreten will —, durch die Philosophie Eduard von Hartmanns.
[ 69 ] Hartmann hat hingewiesen [wieder und wieder] in seinem vielfach angreifbaren Werke — später hat er vielfach verbreitet die «Philosophie des Unbewussten», in der er hindeutet darauf, dass wirklich hinter dem gewöhnlichen Bewusstsein ein unbekanntes Seelisches im Menschen steckt, das, wie sich Eduard von Hartmann ausdrückt, in einer gewissen Weise schmerzvoll äußert [Lücke im Stenogramm] —, das in einer Art unterirdischem «Telefonanschluss» mit dem unbewussten Geistigen der Außenwelt steht, und das hinaufwirken kann und wirklich hinaufwirkt, im Astralischen als Strom sich ergießt aus dem Unbewussten oder Unterbewussten in das gewöhnliche Tagesbewusstsein herauf.
[ 70 ] Nun hat Eduard von Hartmann damit wirklich auf das schon instinktiv hingewiesen, was durch Geisteswissenschaft wiederum eine Tatsache werden soll. Nur hat Eduard von Hartmann eben geglaubt, dass man dieses andere Bewusstsein des Menschen nur durch theoretische Hypothesen, durch zergliedernde Begriffe und Schlussfolgerungen erreichen könne. Das war sein Mangel, weil er niemals den Weg machen wollte, der schicksalsmäßig der Eigentümlichkeit seiner Zeit angemessen ist: das innere Seelenleben nicht bloß theoretisch zu gestalten, sondern es lebensvoll in [Zucht] zu nehmen nach diesen zwei Seiten hin, die charakterisiert worden sind. Dennoch aber hat sich gerade daran gezeigt, wie die Annahme eines solchen Geistigen in allem mehr ist für das Menschenrätsel — auch philosophisch schon mehr ist, wenn sie nur philosophisch bleibt —, mehr ist für das wirkliche Menschenrätsel als dasjenige, was die weitere Forschung auf den früher beschriebenen Wegen erreichen kann. Und das ist wiederum durch die Tatsache im strengsten Sinne des Wortes zu beweisen.
[ 71 ] Und eine merkwürdige Gestalt ist gerade auf diesem Gebiete Eduard von Hartmann. Eduard von Hartmann hat [1869] seine «Philosophie des Unbewussten» erscheinen lassen, darinnen hat er nun besprochen, wie das Geistige, das in der Seele, unterseelisch gewissermaßen in der geistigen Seele lebt, auch draußen in der Natur lebt, und wie der Materialist heute dafür nur eine einseitige Vorstellung habe, die man sich vorzustellen hat, dass im Ausgangspunkte der Entwicklung nicht ein /Lücke), sondern wie ein Geistiges, das in der Seele lebt, wirklich auch die Natur durchgießt und durchströmt.
[ 72 ] Da kamen denn die Naturforscher — [1869] war es, als die «Philosophie des Unbewussten» zuerst erschien, es war die Zeit, in der die Hoffnungen am meisten vorhanden waren, durch dasjenige, was der neue Darwinismus gebracht hat, durch all dasjenige, was man geglaubt hat, erkennen zu können durch die Gesetze der «Zuchtwahl», des «Kampfes ums Dasein», durch das eine neue Weltanschauung zu gewinnen —, Hartmann wendete sich gegen all das, was von diesen materialistischen Anschauungen ausging in der energischsten Weise von einem geistigen Standpunkte aus. Und siehe da, in begreiflicher Weise, die Naturforscher, die dazumal ganz voll Anteilnahme waren für eine materialistische Auffassung des Darwinismus, diese Naturforscher, die sahen sich dasjenige an, was Hartmann geboten hat, und sie sagten: Nun ja, so kann eben ein Philosoph sprechen, ein Mensch, der nicht zu Hause ist in der wirklichen Naturforschung, der nicht weiß, mit welcher Gewissenhaftigkeit die Naturforschung arbeitet! Und viele Schriften, gegnerische Schriften erschienen gegen die Hartmann’sche «Philosophie des Unbewussten» von diesem oder jenem Naturforscher; überall der gleiche Grundton: Da spricht eben ein Dilettant, man braucht nicht weiter hinzuhören. Man muss nur die Laien, die auf so etwas immer hereinfallen, abhalten, für die muss man solche Schriften schreiben.
[ 73 ] Unter den vielen Schriften, die da erschienen, erschien auch eine von einem Anonymus, der sich damals noch nicht nannte. Glänzend war alles vom Anfang bis zum Ende darin widerlegt; gezeigt wurde, wie der nichts versteht, nach der notwendigen Anschauung eines Naturforschers, von dem, was in der Naturforschung wirkt und lebt auf dem Wege zum Welträtsel hin! Die Naturforscher waren geradezu begeistert und völlig einverstanden mit dem, was dieser Anonymus geschrieben hat. Und bald wurde eine zweite Auflage notwendig dieses geistvollen naturforscherischen Werkes. Oscar Schmidt und Ernst Haeckel selber lobten es und sagten: Es ist schade, dass sich dieser Kollege, dieser bedeutende Naturdenker nicht nennt. Er nenne sich, und wir betrachten ihn als einen der Unseren. Ja, Ernst Haeckel sagte: Ich selbst hätte nichts Besseres sagen können als das, was dieser Anonymus sagt vom Standpunkt des Naturforschers gegen diesen Eduard von Hartmann.
[ 74 ] Und siehe da, bald kam es so weit, dass eine zweite Auflage notwendig gemacht wurde, so wie es das Kollegium der Naturforscher als wünschenswert dargestellt hatte. In dieser zweiten Auflage nannte sich nun der Verfasser. Das war einmal eine Lektion — es war Eduard von Hartmann selber, der diese Schrift geschrieben hatte —, es war einmal eine Lektion, die glänzender nicht gebracht werden konnte für diejenigen, die immer wieder und wiederum glauben, dass der, der nicht in ihre Töne einschlägt, durchaus nichts verstehen müsse von dem Nerv ihrer Gelehrsamkeit. Es ist eine Lektion, die noch bis heute wirken sollte, auch für viele, die noch in einer ähnlichen Gesinnung Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gegenüberstehen in Bezug auf dasjenige, was oftmals als gegnerisch gegen diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft vorgebracht wird.
[ 75 ] Das, was gegen Anthroposophie vorgebracht werden kann, das, sehr verehrte Anwesende, weiß der Geistesforscher oder Anthroposoph ebenso gut, möge es noch so geistreich vorgebracht sein, was an Gegnerischem vorgebracht wird, er weiß es schon selber ebenso gut vorzubringen, wie Eduard von Hartmann dazumal dasjenige vorgebracht hat — was die Naturforscher vorzüglich fanden —, selber vorzubringen wusste dazumal. Solche Lektionen werden allerdings sehr bald vergessen, und die alten Unsitten kehren wieder. Aber hinweisen kann man darauf und sollte daraus lernen. Und nicht nur bei Eduard von Hartmann, sondern auch bei anderen, ist das Bewusstsein aufgetreten, instinktiv aufgetreten, dass ein anderes Bewusstsein in den Tiefen der Menschenseele wirkt.
[ 76 ] Ich erinnere nur, um das kurz anzudeuten, an Myers, den englischen Forscher, den Herausgeber der psychischen Untersuchungen, die in vielen Bänden erschienen sind, die überall und immer darauf hinarbeiten, dass neben den äußeren Erfahrungen ein solches Verborgenes in der Menschenseele vorhanden ist — was James, der Amerikaner, nennt als das Jahr [1886], das Jahr, der [Entdeckung] einer der wichtigsten Tatsachen, nämlich der Tatsache [Lücke]
[ 77 ] Heute weiß ein Forscher in der Regel sehr wenig von dem allen; er weiß nichts von Eduard von Hartmanns Auseinandersetzungen, er weiß nichts von James, der das Jahr 1886, das Jahr, in dem Myers entdeckt hat das Unterbewusstsein, dasjenige, das Geistig-Seelisches erhalten ist und mit dem Geistig-Seelischen der Welt zusammenhängt und aus dem heraufstrebt in das gewöhnliche Bewusstsein, dasjenige, was dieses gewöhnliche Bewusstsein erweckt, erwachen macht, das wie aus dem Alltagsbewusstsein, aus dem Traum erwacht, das das gewöhnliche Bewusstsein zum schauenden Bewusstsein macht in der Weise, wie ich es beschrieben habe. Aber das alles ist in einer verworrenen, in einer nicht reifen Weise bei Myers wie bei James vorhanden. Man möchte sagen, wie eine Hoffnung, oder wie eine Sehnsucht nur vorhanden; durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie wird es erst eine Tatsache.
[ 78 ] Und so treten von zwei Seiten her, sehr verehrte Anwesende, so paradox das heute noch erscheinen mag, so tritt von zwei Seiten her die Entwicklung der inneren Seelenkräfte auf, und ich kann jetzt nur andeuten, wozu dasjenige, was ich in den Anfängen geschildert habe, wenn es später ausgebildet ist, systematisch ausgebildet ist, zuletzt dahin führt, dass der Mensch, wenn er immer mehr und mehr lernt, das geistige Auge im Ätherleib durch den anderen Menschen, der in ihm lebt, zu benützen, wenn er gewissermaßen diese Welt der inneren Vorgänge in sich selber entdeckt, und ihnen zuzuhören vermag, so gelangt er dazu, nun auch nicht nur den Raum, sondern die Zeit in seinen Anschauungen zu überwinden, auch die Zeit anders anzuschauen. Und wie gesagt, so paradox es heute erscheinen mag noch, der Mensch wird imstande sein, nicht nur erinnerungsgemäß sich zurückzuversetzen in der Zeitenreihe, sondern er gelangt dazu, sich wirklich in früheren Zeitpunkten zu erfassen in seiner Realität, zurückzugehen in der Zeit, und auch zurückzugehen soweit in der Zeit, dass er vor den Zeitpunkt [kommt], an den wir uns erinnern innerlich. Sie wissen alle, wir erinnern uns nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte in der Kindheit, bis zu dem können wir zurückdenken. Was wir vorher, in den ersten Jahren der Kindheit erlebt haben, daran müssen wir von außen erinnert werden. Aber über diesen Zeitpunkt hinaus, den ich eben angedeutet habe, bis in die Zeit hinein, wo wir als Mensch in der früheren Kindheit unsere Kräfte noch nicht voll erkennen, nicht voll anschauen wollen, bis zu diesem Zeitpunkt zurück können wir uns versetzen, bis zu einem Zeitpunkt, wo wir noch in das Wachstum hinein, in das lebendige Wachstum hinein fließen lassen haben die Kräfte, die wir dann für das gewöhnliche Bewusstsein brauchen.
[ 79 ] Das heißt, wir lernen nicht mit dem Ich anschauen, das im gegenwärtigen Zeitpunkt in uns ist, wir lernen anschauen mit dem Ich unserer allerersten Kindheit, mit jenem Ich, das das geistige Teil aus der geistigen Welt hereingetragen hat und sich verbunden hat mit dem, was wir an physischen Kräften und Stoffen von Vater, Mutter und von den Vorfahren ererbt haben. Zu unserem geistigen Menschen kehren wir zurück. Und so, wie wir vom gegenwärtigen Ausgangspunkte aus durchschauen mit dem erwachten Bewusstsein das Sinnliche, und in das Geistige hineinschauen, eine geistige Welt vor uns haben, so liegt vor uns, indem wir uns zurückversetzt haben, indem wir in der Zeit wirklich zurückgegangen sind, so liegt vor uns das Leben qualitativ — nicht mit den einzelnen Details —, aber qualitativ, das Leben, das im Körper, in der Leiblichkeit bewegt wird, und das der Tod abschließt. Und wie die äußere physische Wahrnehmung uns abgrenzt von der äußeren geistigen Wirklichkeit im gewöhnlichen Bewusstsein, so grenzt uns jetzt ab — wir wissen es — für das gewöhnliche Bewusstsein das leibliche Erleben von dem, was jenseits des Tores des Todes liegt. Denn in dem Augenblicke, wo wir angelangt sind in dem Zeitpunkte, wo wir vor dem Momente stehen, bis zu dem wir uns zurückerinnern, da sehen wir das Leben begrenzt auf der anderen Seite vom Tode, und sehen dasjenige, was der Tod aus uns macht. Das Jenseits des Todes zeigt sich mit dem Jenseits der Geburt zusammen, getrennt nur durch das leibliche Leben. Der geistige Mensch, das Ewige in uns wird erlebt, indem das physische Leben wie ein Fluss da steht: das eine Ufer ist die Geburt, das andere Ufer ist der Tod. Der Tod aber mit seinem Jenseits zeigt sich mit dem, was vor der Geburt ist, zusammen.
[ 80 ] Und ebenso sehen wir in uns reifen dasjenige, was aus diesem Leben zu einem anderen Erdenleben hinüberführt. Denn sind wir durch die Pforte des Todes gegangen, so zeigt sich, wenn wir erkennen das, was in uns lebt, wie wir sagen können, in der Pflanze lebt und, nachdem es durch die finstere Kälte durchgegangen ist, eine andere Pflanze ist. So lernen wir erkennen das Geistig-Seelische, das in diesem Leben in uns ist, und das dann, wenn es durch die geistige Welt zwischen Tod und Geburt hindurchgegangen [sein wird, in einem neuen Erdenleben wieder erscheinen muss]. Alles das wird anschaulich, wenn sich die Seelenkräfte so entwickeln, wie es geschildert worden ist. Und wir lernen, [uns] zu durchschauen, wie wir [uns] durch die offenen Augen, offenen Ohren in eine physische Welt einleben, so leben wir uns in eine geistige Welt ein, leben uns wirklich konkret in eine geistige Welt hinein, die dann um uns herum ist. Wir sind mit geistigen Wesenheiten, mit geistigen Kräften zusammen.
[ 81 ] Und ebenso, wie wir hier unser Leben als Ausdruck kennenlernen durch geistige Anschauung, wie wir unseren Leib als den Ausdruck kennenlernen unserer geistigen Wesenheit, die in uns eintritt bei der Geburt, oder sagen wir bei der Empfängnis, so lernen wir kennen unser physisches Erdenleben, unsere physische Erde als einen weiteren Zustand von etwas, was im Planeten-Dasein vorangegangen ist, wir lernen kennen unsere Erde als eine Metamorphose, als die Umwandlung eines früheren Planeten, in dem wir waren als Mensch, auf einer Stufe aber noch nicht mit einem heutigen physischen Leib, sondern auf geistige Art, und die heutige Natur auch auf geistige Art. Die Tiere sind heruntergestiegen in der Entwicklung, der Mensch ist fortgeschritten. Sodass wir finden den Punkt, worinnen sich Menschheit und Tierheit berühren, nicht im Physischen, sondern im Geistigen. Der Mensch hat diejenige Entwicklung auf der Erde durchgemacht von einem früheren Planeten her, der sich in die Erde umgewandelt hat, gerade so, wie sich die Erde in eine nächste Stufe umwandeln wird, und der Mensch hat die Entwicklung durchgemacht, die ihn befähigt, ein Ich aufzunehmen, das heute noch schläft in ihm, das aber auch im Laufe der weiteren Entwicklung immer mehr und mehr aufwachen wird. Die ganze Welt wird durchgeistigt.
[ 82 ] Und so, wie wir uns mit einem verwaschenen Pantheismus in der gewöhnlichen äußeren Wirklichkeit nicht begnügen können, wenn von Natur hier gesprochen wird, sondern davon sprechen, dass wir lernen von Stufe zu Stufe Ansteigendes, wie wir das irdische Wesen schauen physisch, so treten wir auch nicht mit einem verwaschenen Pantheismus in eine geistige Welt ein, sondern als ein konkreter, einzelner wirklicher Mensch, als einzelne Wesenheit. Dies zu sagen wird einem heute am wenigsten noch verziehen. Dennoch ist es so, dass eine wirkliche, konkrete geistige Welt sich aufschließt, jene geistige Welt, der wir angehören mit unserem geistigen Menschen, wie wir mit unserem physischen Menschen angehören der äußeren physischen Wirklichkeit.
[ 83 ] Und so wird Geisteswissenschaft oder Anthroposophie hinzufügen, dadurch, dass sie inneres Leben methodisch erweckt, die Geisteserkenntnis zu der äußeren Naturerkenntnis hinzufügt, anderes Anschauen der Welt herbeiführen, anderes Anschauen gegenüber dem, was uns für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. In dieser Beziehung muss Geisteswissenschaft sich allerdings nach und nach erst hineinleben in die Herzen der Menschen, die sie eigentlich ersehnen, von der sie aber heute zum größten Teil noch nicht wissen, dass in ihren dunklen Gefühlen die Sehnsucht lebt nach dieser Geisteswissenschaft. Aber sie lebt, und sie wird immer mehr und mehr erkannt werden, diese Sehnsucht, als wirklich vor handen.
[ 84 ] Es ist merkwürdig, wie die Einzelheiten dieses Erlebens, das ich beschrieben habe, in unserer Zeit und in der Zeit, die unmittelbar vorangegangen ist, noch nicht erfasst werden konnten, auch von den hervorragendsten Geistern. Ich musste Ihnen den großen Philosophen anführen, Eduard von Hartmann, der schon geahnt, aber nur theoretisch erreichen wollte ein anderes Bewusstsein im Menschen, der sich aber durchaus nicht hineinfinden konnte darein, dass man diesen Weg zum Geistigen nicht durch Theorien, nicht durch Hypothesen finden soll, sondern durch Erleben, dadurch, dass man Gedanken, die man so bearbeitet, wie man Gedanken bearbeiten lernt, gleichsam als Boten hinauszuschicken in eine unbekannte Welt, aus der sie einem wieder zurückkommen als Erlebnis, die einen in die geistigen Welten führen, wie beschrieben. Aber es muss nur dadurch erlebt werden, dass man sich unterstützen lässt von einem wirklichen Sein der Begriffs- und Vorstellungswelt.
[ 85 ] Verzeihen Sie, dass ich an diesem Punkte an ein Persönliches wiederum anknüpfe; aber dieses Persönliche hängt mit der ganzen Sache zusammen. Ich tue es ungern, aber Sie werden sehen, warum ich es bemerke.
[ 86 ] Ich versuchte 1894 in meiner «Philosophie der Freiheit» gerade einen solchen philosophischen Standpunkt als Vorbereitung für die Geisteswissenschaft der Welt zu bringen, wo die einzelnen menschlichen Standpunkte, die zuweilen mit so sonderbaren philosophischen Namen bezeichnet werden, wo die aufgefasst werden nun nicht so, dass man sich stark zu dem einen oder anderen bekennt, sondern dass man, gewissermaßen wie eine Fotografie von verschiedenen Seiten her, eines und desselben Gegenstandes, diese Begriffe selber aussprechen lässt, dass man vielseitig [eingestimmt] wird. Diese meine «Philosophie der Freiheit» hat Eduard von Hartmann [1894] wohl studiert, und er schickte mir sein Exemplar, in das er seine Eintragungen gemacht hat.
[ 87 ] Ich möchte aus [seinem] Briefe, den er mir dazu geschrieben hat, eine Stelle vorlesen, in der allerdings mit den sonderbaren philosophischen Ausdrücken, [die Sache entwickelt wird], aber ohne, dass ich — die Zeit ist zu kurz und ich muss dann schließen —, ohne dass ich die einzelnen philosophischen Ausdrücke erklären werde, ist doch dasjenige, was Eduard von Hartmann meint, verständlich. Erstens sagt er zum Beispiel: «Der Titel sollte lauten: «Erkenntnistheoretischer Monismus und Individualismus». Nicht: «Philosophie der Freiheit», sondern: «Erkenntnistheoretischer Monismus und ethischer Individualismus». Also er ahnt instinktiv, dass da zwei Seiten ein und derselben Sache beleuchten sollen diese Sachen. Er meint aber, das könne man nicht zusammenbinden.
[ 88 ] Im Leben der Seele gliedert es sich lebendig zusammen, nicht durch eine stroherne Theorie. Das war die Meinung. Und so auch andere Standpunkte. Deshalb sagt Eduard von Hartmann:
In diesem Buche ist weder Humes in sich absoluter Phänomena lismus mit dem auf Gott gestützten Phänomenalismus Berkeleys versöhnt, noch überhaupt dieser immanente oder subjektive Phänomenalismus mit dem transzendenten Panlogismus Hegels, noch auch der Hegel’sche Panlogismus mit dem Goethe’schen Individualismus. Zwischen je zweien dieser Bestandteile gähnt eine unüberbrückbare Kluft. Weil alle diese Standpunkte so lebendig dastehen, dass sie miteinander sprechen, dass sie ein und dieselbe Sache von verschiedenen Gesichtspunkten charakterisieren!
[ 89 ] Hartmann ahnt das, er empfindet, er fühlt das, konstatiert es. Aber er sieht nicht, dass es sich nicht handelt um ein hypothetisches, theoretisches Zusammendenken, sondern um ein lebendiges Zusammen-Erleben. Deshalb sagt er weiter:
Vor allem aber ist übersehen, dass der Phänomenalismus mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus
[ 90 ] — also zur Eins-Lehre, zur Ich-Lehre —
absolutem Illusionismus und Agnostizismus führt, und nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil die Gefahr gar nicht erkannt ist.
[ 91 ] Diese Gefahr ist wohl erkannt! Und Eduard von Hartmann braucht wiederum instinktiv sehr richtig den Ausdruck «Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie». Ich habe ihn heute geschildert. Aber der «Rutsch in den Abgrund» wird nicht durch «Unphilosophie», aber auch nicht durch eine Philosophie-sein-wollende-Hypothese verhindert, sondern dadurch, dass das lebendige Leben in das andere Dasein hinübergeführt wird, dass das Unterbewusste lebendig bewusst gemacht wird, damit dasjenige, was unabhängig, objektiv von der Seele erlebt wird, nicht bloß subjektiv, wiederum zurückgeleitet werden kann in das Bewusstsein.
[ 92 ] Hier sehen Sie eben, wie Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich auseinandersetzen musste nach und nach mit demjenigen, was in der Zeit zwar vorhanden ist an Sehnsuchten und Hoffnungen nach einer solchen Wissenschaft, was aber noch nicht zu dem gelangen konnte, was eigentlich in der Geisteswissenschaft realisiert werden sollte, weil dazu notwendig ist das Erkennen intimer Seelenarbeit, die nicht mystisch subjektiv bleibt, sondern, sondern die objektiv wird, wie die äuRere Wissenschaft und Erkenntnis. Die äußere Naturwissenschaft wird im Übersinnlichen den Weg finden zu dieser Geisteswissenschaft.
[ 93 ] Was ist denn in dieser Beziehung aber bis heute geschehen? Ich habe Ihnen Oscar Hertwig angeführt. Oscar Hertwig ist einer derjenigen, der Eduard von Hartmanns Bedeutung gefühlt hat! Ernst Haeckel ist einer derjenigen, die über Eduard von Hartmanns Veröffentlichung über «Die Philosophie des Unbewussten» am meisten gespottet hat.
[ 94 ] Oscar Hertwig zitiert heute fortwährend Eduard von Hartmann, zitiert ihn so, dass er ihm überall recht gibt; er zitiert ihn so, dass er ihm sogar zustimmt da, wo Eduard von Hartmann gesagt hat: Die Art, wie es geschehen sei, wie man das Selektionsprinzip als modernen Aberglauben behandelte, das ist eine Kinderkrankheit, eine naturwissenschaftliche Kinderkrankheit unserer Zeit. Das zitiert Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler selber, als einen die Naturwissenschaft treffenden Ausspruch von Eduard von Hartmann! Und so vieles andere.
[ 95 ] Diese Dinge sprechen klar und deutlich; sie sprechen dadurch klar und deutlich, dass sie zeigen, was die Naturwissenschaft nicht erkennen kann, was zu erkennen notwendig wäre, sondern es ist so, dass schon die Schüler der großen Lehrer der Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts zur Widerlegung desjenigen gekommen sind, was man dazumal an Hoffnungen gehegt hat. Und gerade Oscar Hertwig ist außerordentlich interessant, weil er zeigt, dass Naturwissenschaft heute schon auch nichts einzuwenden haben kann gegen eine Philosophie, wie diejenige ist von Eduard von Hartmann. Haben die Naturforscher den Weg gefunden zu Eduard von Hartmann — sie werden den Weg auch finden zur Anthroposophie oder Geisteswissenschaft. Dann aber kann eben das allgemeine Bewusstsein der Menschheit seinen Weg finden.
[ 96 ] Von mancher anderen Seite her wird Anthroposophie oder Geisteswissenschaft hinlänglich Gegnerschaft über Gegnerschaft entgegengebracht. Nur kurz, zum Schlusse, möchte ich erwähnen dasjenige, was die Anhänger gewisser Religionsgemeinschaften, namentlich die Anhänger christlicher Religionsgemeinschaften immer wieder und wiederum gegen Geisteswissenschaft vorgebracht haben. Das aber will ich nur kurz streifen. Es ist merkwürdig, in welcher Art gerade von religiöser Seite gegen Geisteswissenschaft vorgegangen wird. Da sagt man zum Beispiel: Dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen habe, das widerspreche dem oder jenem, das in der Bibel steht, das in der Tradition enthalten ist. Aber handelt es sich denn darum? Konnte man jemals daran denken, Amerika nicht entdecken zu wollen, weil Amerika noch nicht in der Bibel oder in der christlichen Tradition steht?
[ 97 ] Derjenige, sehr verehrte Anwesende, hat eine geringe Meinung von der Tat- und Schlagkraft des Größten, was auf der Erde geschehen ist — das Christentum —, der da glaubt, dass diese Tat- und Schlagkraft durch irgendeine Entdeckung jemals gefährdet werden kann!
[ 98 ] Da muss ich mich immer erinnern, wenn ich höre, dass von christlicher Seite etwas eingewendet werden kann gegen Geisteswissenschaft, da muss ich mich immer erinnern an ein anderes, wie ein, diesmal nicht protestantischer, sondern katholischer Theologe, der Lehrer der christlichen Philosophie an einer katholischen theologischen Fakultät war, seine Rektoratsrede gehalten hat über Galilei, von dem man weiß, wie die Kirche mit ihm verfahren ist. Dieser wirklich echte, christlich gesinnte katholische Priester, der niemals bis zu seinem Tode verleugnet hat, dass er ein treuer Sohn seiner Kirche geblieben ist, dieser katholische Priester, indem er über Galilei gesprochen hat, er sagte:
Mit Unrecht wendet sich das wirklich sich erkennende Christentum gegen einen solchen Fortschritt in der Naturerkenntnis, wie er durch Geister, wie Galilei, gebracht worden ist. Mit Unrecht behauptet das Christentum, dass gewisse Lehren, die selber mit Unrecht ihre Abfolge aus dem Christentum behaupten, im Widerspruch stünden mit der Naturwissenschaft. Denn die neuere Naturwissenschaft
[ 99 ] — meint dieser Priester und Theologe und Professor an einer Universität —,
die neuere Naturwissenschaft steht nur wie in einem Widerspruch mit den engeren Weltauffassungen der Antike, nicht aber mit den christlichen Auffassungen; denn diese christliche Auffassung, wenn sie recht verstanden wird, kann gerade die Entdeckungen immer weiterer und weiterer Wunder in den Welten nur bekräftigen, kann nur bekräftigen die Herrlichkeit der Gottheit und die Herrlichkeit der christlichen Auffassung; sie kann nur bekräftigen die Wunder, die die göttliche Gnade hier auf diesem Erdenplane verrichtet hat.
[ 100 ] In demselben Sinne kann man sagen, gerade vom Standpunkte des echt verstandenen Christentums aus — [nicht mit dem wirklich gut verstandenen Christentum steht Geisteswissenschaft in irgendeinem Widerspruch], sondern mit [Irrlehren], die mit Unrecht ihre Abstammung von dem Christentum [behaupten]. Und in einem Widerspruch steht — aber in einem Widerspruch, der das andere, das Gegenteil ergänzt —, steht die Geisteswissenschaft nur mit einem eng aufgefassten naturwissenschaftlichen Weltbilde, nicht mit dem weitgefassten christlichen Weltbilde. Und dasjenige, was Geisteswissenschaft findet, das wird so sein, dass die Wunder, die in der geistigen Welt entdeckt werden, nicht hinwegschaffen die Wunder, die uns im Christentum gelehrt werden, sondern sie im Gegenteil bekräftigen!
[ 101 ] Und ebenso sagt Laurenz Müllner, dieser echt christliche Theologe und Professor:
Das Christentum widerspricht nicht, und hat nicht zu widersprechen einer recht aufgefassten Entwicklungslehre, wenn sie nicht bloß kausale Weltentwicklung sein will, und den Menschen selbst bloß in die physische Kausalität hineinstellt.
[ 102 ] Geisteswissenschaft widerspricht nicht dem Christentum, weil diese Geisteswissenschaft nicht zu Ertötung des religiösen Erlebens und Erschauens führt, sondern im Gegenteil zu dem, was sie wirklich tut: das ist, dass sie das religiöse Erleben und Erschauen anfeuert. Und diejenigen, die wirklich heute noch glauben, dass ihr Christentum gefährdet werden könnte durch Geisteswissenschaft, die werden allmählich erkennen müssen: Während die falsch verstandene Naturwissenschaft bis jetzt immer mehr und mehr Seelen hinweggerrieben hat, äußerlich und auch innerlich, wird diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, weil sie religiöses Leben entzündet, auch die Gebildeten wiederum zu den großen Geheimnissen nicht nur der christlichen Lehre, sondern auch des christlichen Werkes und Zeremoniendienstes wiederum zurückbringen. [Doch das wird vielfach eine Arbeit der Zukunft, wenn auch einer verhältnismäßig kurzen Zukunft, sein.]
[ 103 ] Und gerade von dieser Seite möchte man wünschen, dass die Dinge mehr verstanden würden, und dass vor allem mehr Wille vorhanden sei, die Sache zu verstehen, dass man sich nicht ein Bild machen könne, ohne in die Sache einzudringen, und dieses Bild dann als widersprechend dem Christentum hinzustellen, und auf die Sache gar nicht eingeht.
[ 104 ] Ich kann Ihnen das alles nur kurz andeuten. Ich müsste lange sprechen, wenn ich das alles einzeln anführen wollte — aber das könnte durchaus geschehen —, zu zeigen: dass das Christentum nicht den geringsten Grund hat, sich gegen solche Lehren zu wenden, wie die wiederholten Erdenleben!
[ 105 ] Was die naturwissenschaftliche Lehre selber betrifft, so lassen Sie mich am Schlusse noch ein paar Worte sagen. Es ist ja so, dass die Naturwissenschaft heute bereits auf dem Standpunkte steht, dasjenige zu erkennen, was sie nicht erreichen kann. Und in einer merkwürdigen Weise kommt — wir können bei dem Beispiele wieder bleiben —, in einer merkwürdigen Weise kommt Oscar Hertwig in seinem Buche «Vom Werden der Organismen» auf etwas. In sehr merkwürdiger Weise kommt Hertwig darauf, dass keine objektive Forschung, keine Zergliederung der naturwissenschaftlichen Tatsachen zur materialistischen darwinistischen Philosophie der letzten Jahrzehnte geführt hat, sondern dass die Menschen dieses Zeitalters in sich getragen haben materialistische Gesinnung, in sich getragen haben nur den Glauben an die Ungeistigkeit der äußeren Welt, und den hineingetragen haben in die Naturdinge.
[ 106 ] Und da ist es sehr interessant, die Worte Oscar Hertwigs nun selbst auf sich wirken zu lassen, die er gebraucht hat, um zu zeigen, wie eigentlich die Dinge stehen. Hertwig sagt:
Das Nützlichkeitsprinzip, die Überzeugung von der Notwendigkeit unbeschränkter merkantiler und sozialer Konkurrenz, materialistische Richtungen der Philosophie sind Mächte, die auch ohne Darwin eine große Rolle in der neuzeitlichen Entwicklung der Menschen gespielt haben. Wer schon unter ihrem Einfluss stand, begrüßte gern den Darwinismus als eine wissenschaftliche Bestätigung ihm schon anderweit vertraute, lieb gewordener Ideen. Er konnte sich jetzt selbst gleichsam im Spiegel der Wissenschaft schauen.
“Die Auslegung der Lehre Darwins,
[ 107 ] — so sagt Oscar Hertwig weiter —,
die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind
[ 108 ] — und dass sie keine Naturgesetze sind, das suchte Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler, zu beweisen, und hat es bewiesen —,
sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, dass die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflusst zu werden!
[ 109 ] Das sagt heute bereits ein Naturforscher, der nicht allein behauptet: Falsch sind sie, diese materialistisch geprägten darwinistischen Ideen; sondern schädlich sind sie, in Seelen-Not und sozial, politische Schäden müssen sie hineinführen. Nur noch Einseitigkeit und Eingeschränktheit der Anschauungen gewisser Naturforscher kann ein anderes meinen. Und das verrät sich manchmal in einer ganz fürchterlichen Weise.
[ 110 ] Ein Naturforscher der Gegenwart, ein großer Naturforscher der Gegenwart, den ich wahrlich recht sehr schätze — und gerade, weil ich ihn hoch schätze, führe ich ihn an —, er macht in einer merkwürdigen Weise eine Andeutung darüber, wie der Naturforscher heute vielleicht nicht genommen sein will, aber wie er genommen werden muss nach dem, was so wie eine [Bedeutung] ausgegossen ist über die Art und Weise, wie er oftmals noch zu dem steht, was zu erhoffen sein kann aus rein [naturwissenschaftlicher] Weltanschauung der Natur. Der Naturforscher, den ich sehr schätze, er sagt am Schlusse seines bedeutsamen Buches — und das sind nun seine eigenen Worte, die ich anführen will:
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
[ 111 ] — er behauptet es, so sagt er:
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
[ 112 ] — das wird nicht mit Vollgültigkeit sich beweisen lassen, aber, so meint er, dieser Naturforscher —,
Wir leben ganz gewiss in der «besten der Zeiten», wenigstens wir Naturforscher, und wir können auf noch bessere hoffen
[ 113 ] sagt er
denn wir können, nach dem, was wir heute haben an Naturforschung, verglichen mit dem Ergebnis früherer Forscher
[ 114 ] — so sagt jetzt dieser Naturforscher —
wir können mit dem großen Natur- und Weltenkenner Goethe sagen:
«Es ist ein groß’ Ergötzen
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
[ 115 ] So ein großer Naturforscher am Schluss eines bedeutenden Buches!
[ 116 ] Ich weiß nicht, ob es viele Leute bemerken, und darüber nachdenken, wen Goethe das eigentlich sagen lässt, wer das sagt, sagt es der große Welt- und Naturkenner Goethe? Nein, er legt es dem Wagner in den Mund, demjenigen, der als ein beschränkter Wicht dem Faust entgegentritt.
[ 117 ] Und Faust erwidert diesem Wagner ja:
O, dass dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
[ 118 ] Das ist die Meinung des großen Welt- und Menschenkenners Goethe!
[ 119 ] Und wenn heute Naturforscher das noch nicht einsehen, was sich wirklich aus den gesunden Grundlagen einer solchen Weltanschauung, wie sie auch durch Goethe gestrahlt hat, ergibt — so kann man manchmal sie ertappen, [möchte ich sagen] an [solch unsinnig Gestaltetem, wie soeben] —, und wie Hertwig aber sagt, wahr sagt: «Aus dem, was die Zeit materialistisch gedacht hat, aus ihren naturalistischen Vorgängen, ihren materialistischen Trieben und Empfindungen, die sie gehabt hat und sie hineingetragen hat in die Natur, dadurch ist die materialistische Weltanschauung, der materialistisch gefärbte Darwinismus entstanden, die Tatsachen widerlegen ihn.»
[ 120 ] Aber dann darf dem gegenüber der Geistesforscher aus einer, wie er glaubt, tieferen Welt- und Menschenkenntnis heraus erwidern: Nein, nicht von einer solchen eng umgrenzten Zeitanschauung, wie diejenige war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, soll in die Natur hinein geträumt werden, sondern aus dem Höchsten was Geist und Seele erringen können, sollen die Anschauungen geformt werden, die in die Natur hineinzutragen versucht werden, damit man erkennt, ob die Natur dieses Anschauen wirklich bestätigt. Und nach dem, was wirkliche Geisteswissenschaft vorbringt, darf sie sich versprechen, dass ihr ein anderes widerfahren wird als der darwinistisch gefärbten Naturwissenschaft. Sie glaubte, aus gesetzlichen Vorgängen heraus die Welt zu erkennen, und wurde, wie wir gesehen haben, durch die Natur in diesem Glauben widerlegt.
[ 121 ] Geistesforschung strebt an, die Menschenseele in ihren Tiefen zu erforschen, und aus den Tiefen der Menschenseele dasjenige heraufzuholen, was dem Geist als Geist zugrunde liegt als geistige Wesenheiten und geistige Kräfte, im weitesten, umfassendsten Sinne. Und sie darf hoffen — das ist nicht eine Einseitigkeit, sondern eine Vielseitigkeit, die sie sucht, da sie nicht einen Weg geht, sondern alle Wege geht, auf die die menschliche Seele geführt wird aus ihrem reichen Inneren heraus —, sie darf hoffen, dass dasjenige, was sie [an die] Natur als Frage, als Rätsel gestellt hat, nicht von der Natur widerlegt wird, sondern, weil in der Natur der Geist lebt, der auch im Menschen lebt, wird der Geist in der Natur es bejahen, nicht, wie im andern Falle, es verneinen können bei demjenigen eben, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich als die wirkliche Gestalt des Menschenrätsels vorstellt.
