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Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a

23 Oktober 1916, Zürich

Menschenseele und Menschenleib vom Gesichtspunkte der Geistesforschung (Anthroposophie)

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende. Vor vierzehn Tagen durfte ich hier einen Vortrag halten, in dem ich auseinanderserzte, wie Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich gewissermaßen wie eine Notwendigkeit hinstellt neben naturwissenschaftliche, philosophische und ähnliche Bestrebungen der neueren Zeit. Ich versuchte auszuführen, dass die wissenschaftliche Denkungsart der neueren Zeit selber eine Gestalt nach und nach angenommen hat, welche auf dasjenige hinweist, was zu ihrer Ergänzung Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu sagen hat.

[ 2 ] Heute möchte ich nun über einen konkreten Gegenstand aus dem Gebiete geisteswissenschaftlicher Forschung sprechen: Über einige Beziehungen zwischen der Menschenseele und dem Menschenleib, um gerade an diesem Beispiel, ich möchte sagen das vor vierzehn Tagen im allgemeinen Gesagte näher zu erhärten und zu befestigen, soweit dieses im Rahmen eines Vortrages eben möglich ist.

[ 3 ] Über die Beziehungen von Menschenseele und Menschenleib ist ja durch die neueren naturwissenschaftlichen Forschungen über den Menschen ebenso Bewunderungswürdiges, Großartiges zutage gefördert worden wie auf anderen Gebieten naturwissenschaftlicher Anschauung. Gerade aber dadurch, dass Naturwissenschaft mit ihren Methoden vor allen Dingen angewiesen ist auf das Sinnlich-Anschaubare und auf dasjenige, welches den bewaffneten Sinnen, auch den mit Rechnungsmethoden bewaffneten Sinnen und so weiter, möglich ist zu erforschen, ist auf dem angedeuteten naturwissenschaftlichen Wege gerade die Abhängigkeit des seelischen Lebens von den leiblichen Verrichtungen, von den leiblichen Vorgängen betont worden. Das hat dann in begreiflicher Weise diejenigen, welche die wohlbegründete Achtung gewonnen haben vor der Gewissenhaftigkeit und der Tragweite naturwissenschaftlicher Forschung, dazu geführt, in einem gewissen Sinne in den Leibesverrichtungen, in den Leibesvorgängen selber dasjenige zu sehen, was das seelische Leben des Menschen hervorbringt.

[ 4 ] Nun kann man sagen, dass dem Prinzipe nach dasjenige, was in so großartiger und weitverzweigter Weise die neuere Naturwissenschaft auf physiologischem, auf biologischem, auf klinischem Gebiet geleistet hat — mit Bezug auf die Abhängigkeit des Seelischen vom Leiblichen —, dem Prinzipe nach kann man sagen, dass die Dinge, die da zutage treten, erstens einleuchtend sind, so einleuchtend wie gewisse Beobachtungen des alltäglichen Lebens über die genannte Abhängigkeit. Und auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass kaum eine noch so weitgehende einzelne Forschung über Nerven- und weitere Leibestätigkeit, eben dem Prinzipe nach, weiterführt als dasjenige, was schon die alltäglichen Beobachtungen gerade auf diesem Gebiete einleuchtend sagen.

[ 5 ] Einleuchtend, sage ich, erscheint dasjenige, was in dieser Richtung über die Abhängigkeit der Seele vom Leibe zu sagen ist. Man braucht ja schließlich nur darauf hinzuweisen, wie das seelische Leben beginnt im menschlichen Lebenslauf im Allgemeinen, wie es sich heranentwickelt in demselben Maße, in dem das Nervensystem vollkommener wird, in dem das Gehirn sich ausbildet. Man braucht nur darauf hinzuweisen, wie mit gewissen Defekten und Entartungen des Gcehirnes das Seelenleben beeinträchtigt wird; man braucht endlich darauf hinzuweisen, wie mit dem Greisenleben auch das seelische Leben gewissermaßen ins Greisenhafte, nach und nach sogar ins Verschwindende sich hineinentwickelt. Man hat festgestellt grundsätzlich die Abhängigkeit des seelischen Lebens von dem Leibesleben! Und weiter kommt, dem Grundsatze nach ausschließlich, alle eingehende Forschung nicht.

[ 6 ] Aber sie kommt eben zu etwas ungeheuer Einleuchtendem, zu etwas, das sich der unmittelbaren Anschauung notwendig aufdrängen muss. Daher hat es jede Seelenforschung außerordentlich schwierig, welche gewissermaßen von derselben Betrachtungsweise ausgehen will, wie sie der naturwissenschaftlichen zugrunde liegt, und die dennoch sprechen will von einer selbstständigen, über das Leibesleben hinaus liegenden seelischen Tätigkeit, einer Bedeutung des seelischen Wesens. Man versuchte daher von denjenigen Seiten, von denen man gleichsam die Selbstständigkeit des seelischen Lebens retten wollte, die Tatsachen der naturwissenschaftlichen Forschung zu widerlegen. Und leicht ist gerade von naturwissenschaftlicher Seite — das muss offen zugestanden werden, und man tut gut daran, es offen zuzugestehen —, leicht ist vonseiten der naturwissenschaftlichen Forschung, vieles ad absurdum zu führen, was von jener Seelenforschung ausgeht, die sich im Grunde auf das gewöhnliche menschliche Anschauen stützt, wie die Naturwissenschaft selber. Denn bleibt man innerhalb desjenigen stehen, was das seelische Leben im gewöhnlichen Menschendasein ausmacht, so ist eben jene Abhängigkeit vorhanden; und dasjenige, was die Naturwissenschaft über die Abhängigkeit unseres Denkens, Vorstellens, auch unseres Fühlens und Wollens von den physischen Organen sagt, das ist eben aus dem Grunde von einer gewissen Seelenforschung aus nicht zu widerlegen, weil es eigentlich unwiderleglich ist. Aber man steht mit einer solchen, auf die gewöhnliche Anschauung sich stützende Seelenforschung im Grunde genommen auf demselben Boden, auf welchem diejenige Naturwissenschaft steht, die durch ihre Methoden das eigentliche Menschliche überhaupt nach und nach aus ihren Gebieten hinausdrängt. Man kann sagen: Vorwürfe, welche von in das menschliche Leben tiefer hineinschauenden Menschen manchen naturwissenschaftlichen Theorien gemacht worden sind, sie können gerade den modernen, mehr oder weniger materialistisch gefärbten seelischen Anschauungen ebenso gemacht werden.

[ 7 ] Ich will ausgehen von einem sehr bekannten Beispiel, das ich in früheren Vorträgen auch hier in Zürich schon in demselben Sinne erwähnt habe. Die Naturforschung hat zur Weltentwicklung im Allgemeinen, indem sie abgesehen hat von allem, was innerhalb der Weltentwicklung als selbstständiges Geistiges steht, zu der sogenannten Kant-Laplace’schen Weltentstehungstheorie geführt.

[ 8 ] Ich weiß sehr wohl, sehr verehrte Anwesende, dass in den Einzelheiten diese Kant-Laplace’sche Theorie von manchen heute mit Recht bekämpft wird, mit Recht durch etwas anderes ersetzt wird; aber auch dieses andere geht vielfach aus demselben Geiste hervor. Daher kann die alte, bekannte Kant-Laplace’sche Theorie eben als ein solches Beispiel gelten, um das es sich hier handelt. Da wird gesagt: Die gesamte Entwicklung unserer Erde mit dem ganzen Sonnensystem geht aus von einem Urnebel, der durch seine Rotationen zunächst den Sonnenkörper, dann durch seine weiteren Rotationen die Planeten abgesondert hat und so weiter, und so weiter, die Sache ist ja allgemein bekannt.

[ 9 ] Nun kann man eine solche Sache recht anschaulich machen, ungemein leicht einleuchtend machen für dasjenige Bewusstsein des Menschen, welches durch Anschaulichkeit so leicht verführt werden kann. Man kann nämlich sehr leicht durch ein einfaches Experiment zeigen, wie wahr diese Anschauung ist: Man nimmt einen Tropfen einer Flüssigkeit, die auf dem Wasser schwimmt und in der Äquatorrichtung schiebt man durch diesen Flüssigkeitstropfen ein Kartenblättchen, gerade der Äquatorlinie nach; dann steckt man senkrecht, in der Polrichtung, eine Nadel hinein, gibt dann das Ganze aufs Wasser, dreht mit der Nadel — mit Hilfe des Kartenblattes ist das möglich —, und man sieht dann, wie sich kleine Tropfen durch die Rotation absondern von dem großen Tropfen und eben richtig ein kleines Planetensystem entsteht. Wenn man das schon den Kindern in der Schule zeigt, finden sie das ungemein anschaulich.

[ 10 ] Nun, man hat ja dasjenige, was man im Großen hat freilich in ganz anderen Verhältnissen, wo man es nicht mit einer ölartigen Flüssigkeit, sondern mit feinem Ätherischen etwa zu tun haben will —, man hat ein Bild für dasjenige, was sich im Großen abspielen soll. Allerdings hat man dabei etwas vergessen. Das geht zuweilen so im Leben. Aber wenn man gerade etwas anschaulich machen will für Vorgänge innerhalb der Natur, dann hat man auf alles dasjenige, was bei einem solchen Experiment in Betracht kommt, wirklich Rücksicht zu nehmen. Und da müsste man nicht vergessen, dass man ja selber da steht und die Nadel dreht! Man müsste also, gerade wenn man diesen Vergleich als beweisend hinnehmen will, ja, sogar nur als anschaulich machend hinnehmen will, man müsste voraussetzen, dass irgendein Geist, ein großer Herr Lehrer, im Weltenall draußen die Drehung bewirkte durch etwas, was der durchgesteckten Nadel gleichkäme. Und das andere, was man dabei vergisst, dass man ja nur kleine Tröpfchen derselben Substanz bekommt, wie der große Tropfen sie enthält und nichts weiter! Gewiss, die Sache ist ungemein anschaulich und innerhalb gewisser Grenzen durchaus auch für eine Welterklärung dienlich; aber tiefergehende Seelen fühlen das Ungenügende, ja das Zerstörende für eine menschliche Weltanschauung durch eine solche Hypothese.

[ 11 ] Und der große Kunstforscher Herman Grimm hat ich habe das besonders hervorgehoben in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» —, Herman Grimm hat, sich auf Goethe berufend, gesagt, wie unmöglich für eine auf das Ganze der Welterscheinungen gehende Vorstellung ihm eine solche Hypothese erscheint. Herman Grimm sagt — und ich möchte diese Worte vorlesen zum Beweis dafür, was eine gesund empfindende Seele ausspricht gegenüber solch ungenügenden Annahmen:

Längst hatte in seinen

[ 12 ] — Goethes —

Jugendzeiten schon, die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen; ein langer, aber dem [heutigen] Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr [bedürfe], als die Bemühung irgend einer außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.

Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären, die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.

Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlass gewährt.

[ 13 ] So kann dasjenige, was ungemein einleuchtend erscheint, wenn man auf gewissen Voraussetzungen steht, dem tiefergehenden menschlichen Gemüte geradezu wie eine Ausgeburt krankhafter Phantasie erscheinen, wenn es zur Unterlage gedacht wird für eine umfassende Weltanschauung.

[ 14 ] Man brauchte nur wenig die Worte zu verändern, sehr verehrte Anwesende, die Herman Grimm so anwendet auf die Kant-Laplace’sche Theorie, und man werde treffen können jene Theorien, welche oftmals von naturwissenschaftlicher Seite her zu einer materialistischen Erklärung des menschlichen Seelenlebens geltend gemacht werden. Und dennoch, so viel Grund die Kant—Laplace’sche Theorie hat, so viel Grund haben diese materiellen Erklärungen; wenn man sie nur nicht als etwas Umfassendes ansieht, so haben sie ihre gute Begründung.

[ 15 ] Aber auch in anderer Beziehung versuchte man, ich möchte sagen geblendet durch die mit Recht als bewundernswürdig hingestellten Errungenschaften der Naturforschung in der neueren Zeit, die Seelenkunde auf dieselben methodischen Voraussetzungen zu stellen, auf denen die Naturwissenschaft steht. Und einer derjenigen, der als wirklich einer der tiefgehenden Seelenforscher die Seelenkunde stellen wollte auf denselben Boden, auf dem die neuere Naturwissenschaft steht, ist Franz Brentano. Und Franz Brentano hat, als er in den Sechzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts sein Lehramt angetreten hatte in Würzburg, ausdrücklich den Satz aufgestellt: die Seelenkunde muss auf denselben Methoden ruhen wie die Naturwissenschaft. Und als dann Brentano 1874 den ersten Band seiner «Seelenkunde oder Psychologie» geschrieben hat, da finden sich in diesem Bande Worte, in denen er deutlich die Hoffnung ausspricht, er werde in den folgenden Bänden von demselben Ausgangspunkte aus über das Seelenleben so sprechen können, dass gewisse menschliche Erwartungen, die man mit Recht hegt, von der Seelenkunde erfüllt werden können. Denn Franz Brentano spricht es aus, dass, wenn die neuere, auf Naturwissenschaft gestützte Seelenkunde noch so genaue Kundschaft gibt über die Art und Weise, wie Vorstellungen sich miteinander verknüpfen, wie Stimmungen in der Seele heraufkommen, wie der Wille wirkt und so weiter, so konnten solche Ergebnisse nicht hinwegtrösten über dasjenige, was die Menschheit von einer Seelenkunde erwartete im Sinne, wie Franz Brentano sagt, hervorgegangen aus der Anschauung eines Plato und Aristoteles, die da sicher voraussetzte, dass eine wahre Seelenkunde etwas zu sagen hat über dasjenige, was man als das unsterbliche Teil des Menschen betrachtet, der mit dem Hingang des leiblichen Teiles nicht aus der Welt geschafft ist, die über diesen unsterblichen Teil Auskunft gibt. Allein, Franz Brentano hat die folgenden Bände seiner Seelenkunde nicht geschrieben. Er hat sie nicht geschrieben aus dem Grunde, weil man in der Tat mit denjenigen Methoden, die er nach dem Muster der modernen Naturwissenschaft befolgen wollte, mit diesen Methoden nicht zu irgendwelchen Ergebnissen über den eigentlich geistig-seelischen Teil des Menschenwesens kommen kann.

[ 16 ] So blickt auch in durchaus sachgemäßer Weise Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, auf die neuere Entwicklung der naturwissenschaftlichen Forschungsweise, indem sie in ihrer Art über dasjenige, was der Naturwissenschaft zugrunde liegt, hinausgeht, insbesondere hinausgeht, wenn sie das Verhältnis untersuchen will der Menschenseele zum Menschenleib.

[ 17 ] Nun habe ich bereits vor vierzehn Tagen hier aufmerksam darauf gemacht, dass Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, eben durchaus dadurch über die bloße Naturwissenschaft hinauszukommen versucht, dass sie nicht mit denselben Erkenntniskräften arbeitet, mit denen — mit Recht innerhalb ihrer Grenzen — die moderne Naturwissenschaft arbeitet, dass sie vielmehr an Erkenntniskräfte appelliert, die sich erst ergeben, wenn dasjenige, was in der menschlichen Seele im gewöhnlichen Bewusstsein auftritt, eine gewisse weitere Entwicklung, gewissermaßen eine weitere Selbsterziehung des menschlichen Wesens erlebt. Kräfte, die im gewöhnlichen Leben nicht da sind, Kräfte, von denen wir auch sehen werden heute, dass sie im gewöhnlichen Leben gar nicht da zu sein brauchen, sollen für die Geistesforschung aus den Tiefen der Menschenseele heraufgeholt werden. Und erst, wenn der Mensch im Besitze dieser Kräfte ist, schaut er in diejenigen Gebiete hinein, aus denen der eigentlich geistig-seelische Teil des Menschenwesens gekommen ist. Und erst diese Kräfte können dasjenige entdecken, was unabhängig und selbstständig gegenüber dem Leiblichen in dem Menschenwesen ist. Daher wird dasjenige, was im gewöhnlichen Bewusstsein, als Denken, Fühlen, Vorstellen lebt, gewissermaßen nur ein Durchgangspunkt sein für die eigentliche Seelenforschung, die immer zu demjenigen dringen muss, welches gegenseitig dem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen zugrunde liegt.

[ 18 ] Nun habe ich hier schon öfter auf solche Kräfte, die aus den Tiefen der Menschennatur heraufgeholt werden können, und die einer übersinnlichen Erkenntnis zugrunde gelegt werden können, gesprochen. Ich will dasjenige, was ich in dieser Beziehung gesagt habe, worauf ich auch gedeutet habe in dem Vortrag vor vierzehn Tagen, heute nicht wiederholen. Das Genauere darüber ist ja in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» und in andern Büchern nachzulesen. Ich will nur ganz kurz etwas Prinzipielles erwähnen. Ich will erwähnen, dass dasjenige, was da der Mensch versucht durch die Mittel, die eben in den genannten Büchern charakterisiert sind, aus den Tiefen seiner Seele heraufzuholen, sodass er durch dieses Heraufgeholte die Welt anders anschauen kann als vorher, dass dieses sich verhält etwa — vergleichsweise darf das gesagt werden — zu dem gewöhnlichen Anschauen, das auch der Naturwissenschaft zugrunde liegt, wie das mühselige Erkennen einer Weltanschauung, die sich ergibt, wenn man etwa mit Ausschaltung des musikalischen Gehörs, im Musikalischen die schwingenden Saiten oder die sonstigen Materialien ansieht, aus denen irgendein Tonmäßiges hervorgeht. Wie das wirklich vor uns steht, woraus die Tonmasse herausgeboren wird, wie das angeschaut oder untersucht werden kann mit gewissen Methoden in Bezug auf die äußeren räumlichen Gestaltungen, so durchforschen wir mit dem gewöhnlichen Bewusstsein dasjenige, was in der Außenwelt eben durch dieses gewöhnliche Bewusstsein um uns herum ist. Wie aber, wenn zu dieser Anschauung der schwingenden Saite und so weiter das musikalische Gehör hinzutritt, dieses musikalische Hören etwas ganz anderes wahrnimmt, als was im Raume schwingt, so schaut dasjenige, was ich im Sinne des vor vierzehn Tagen hier gehaltenen Vortrages erwähnte, das erwachte menschliche Bewusstsein, möchte ich sagen gegenüber dem Alltagsbewusstsein, das schaut etwas, was hinzukommt zu alledem, was das gewöhnliche Bewusstsein gibt. Aber es muss dasjenige, was hier mit dem musikalischen Gehör verglichen wird, erst herausgeholt werden durch bestimmte Methoden, die eben in den angeführten Werken beschrieben sind.

[ 19 ] Durch diese Methoden, sehr verehrte Anwesende, kommt man zu allerlei über das Menschenwesen, das in begreiflicher Weise heute noch Gegnerschaft findet, ja verspottet, verhöhnt wird. Man kann sagen: in durchaus begreiflicher Weise; denn die Dinge, zu denen man da kommt, sind dem heutigen landläufigen Denken eben durchaus ungewohnt. So kommt man dazu, anzuerkennen einmal den physischen Leib, den man mit Augen sieht, mit Händen greifen kann, den man in seinen Wirkungsweisen und Kräften untersuchen kann, durch die physiologischen, biologischen Methoden und so weiter; man kommt dazu anzunehmen, oder anzuerkennen, dass außer diesem physischen Menschenleib im Menschen vorhanden ist — zugrunde liegend diesem physischen Menschenleib — eine Art geistiger Leib, eine Art Kraftleib. Wie man ihn nun nennt, darauf kommt es nicht an. Ich gebe sehr gern zu, dass der Ausdruck, den ich heute gebrauche, ein übersinnlicher Leib — [von] vielen, die etwas von diesen Dingen wissen darüber, wird der Ausdruck Ätherleib gebraucht —, ich gebe zu, dass dieser Ausdruck außerordentlich ungeschickt ist. Und wenn die Dinge sich einmal mehr eingebürgert haben werden im menschlichen Geistesleben, so werden viel geschicktere Ausdrücke gefunden werden.

[ 20 ] Viel geschickter wäre zum Beispiel ein Ausdruck auf den Vital Troxler aufmerksam machte, der von diesen Dingen im neunzehnten Jahrhundert schon gewusst hat — ich habe ihn, glaube ich, im Vortrag vor vierzehn Tagen erwähnt — und der, auf einen älteren Ausdruck sich berufend, für diesen Ätherleib das Wort «Schema pneumatikon» gebrauchen wollte, das man nun in die moderne Sprache übersetzen kann. Doch wie gesagt, an dem Ausdruck soll es nicht gelegen sein; ich bitte Sie, sich daran nicht zu stoßen. Es kommt darauf an, dass ebenso, wie der Mensch seinen physischen Leib in der äußeren physischen Welt hinstellt, er [hineingestellt ist] in einem geistigen Zusammenhang durch einen übersinnlichen nicht durch gewöhnliche Sinne —, sondern durch dasjenige Schaubare, [wie der] ätherische Leib, was [ich] gegenüber dem gewöhnlichen Anschauen [verglichen habe] mit dem [musikalischen] Gehör.

[ 21 ] Dasjenige, was der Annahme eines solchen Ätherleibes zugrunde liegt, ist nicht eine willkürlich schaffende Phantasie, ist nicht eine philosophische Spekulation, sondern ist gewissenhaftes, geschultes Erleben, Erleben, welches, wenn man die angedeuteten Methoden auf das innere Seelenleben anwendet, wirklich erreicht werden kann; so erreicht werden kann, dass man diesen Ätherleib nicht nur so unbewusst in sich trägt, wie man ihn im gewöhnlichen Leben immer in sich trägt, sondern dass er zu etwas Bewusstem wird.

[ 22 ] Nur ein Teil dieses Ätherleibes ist es zunächst, der bewusst wird, was ich nun besprechen will. Wenn man die Voraussetzung macht, dass dieser Ätherleib fortwährend in uns ist, so ist ein Teil dieses Ätherleibes zu erkennen als ganz und gar verwachsen mit dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen, wie es durch die menschlichen Sinne vermittelt wird. Dasjenige, was in unseren Sinnen lebt, was in uns aufgenommen wird als Wahrnehmungen, das lebt nicht nur im äußeren physischen Leib, das lebt auch in diesem Ätherleib, der über die Sinne ausgegossen ist, der die Sinne durchdringt, und der dasjenige, was die Sinne als Wahrnehmungen erleben, in sich, in seine Erlebnisse hereinnimmt. Allein im gewöhnlichen Leben kommt das besondere Leben des Ätherleibes dem Menschen nicht zum Bewusstsein. Aus einem gewissen Grunde kommt es nicht zum Bewusstsein.

[ 23 ] Der Mensch ist ja ganz hingegeben den Vorgängen, welche die Außenwelt in seinen Sinnen hervorruft. Und durch leicht zu beweisende Vorgänge — aber ich kann mich auf die Beweise hier wegen der Kürze der Zeit nicht einlassen — muss der Ätherleib, so wie er im gewöhnlichen Menschen ist, dasjenige, was in den Sinnen lebt, während wir die Außenwelt wahrnehmen, seinerseits umsetzen zu unseren Gedächtnisvorstellungen. Unsere Gedächtnisvorstellungen, wie wir sie in uns tragen, von dem Zeitpunkte an, bis zu dem wir uns im gewöhnlichen Leben zurückerinnern, sie werden durchaus getragen von Vorgängen im physischen Leib. Zunächst ist auch das Gedächtnis — und das wird, wenn die Naturwissenschaft fortschreitet, diese Naturwissenschaft auch im Einzelnen beweisen können —, dieses Gedächtnis ist durchaus abhängig von Leibesvorgängen; aber von solchen Leibesvorgängen, die nur dadurch entstehen können, dass der Ätherleib selber seine Eindrücke macht in den physischen Leib. Und der ganze, ich möchte sagen, Mechanismus des Gedächtnisses kommt dadurch zustande, dass der Ätherleib immer wieder und wieder zurückkommt auf die Eindrücke, die er selber im physischen Leib gemacht hat, und dadurch eigentlich heraufholt dasjenige, was man Erinnerungsvorstellungen an frühere Lebensvorgänge nennt.

[ 24 ] So muss für das gewöhnliche Bewusstsein der Ätherleib ganz und gar hingegeben sein an den physischen Leib. Denn würde er nicht arbeiten an der richtigen Entstehung unserer Erinnerungsvorstellungen, so würde dasjenige, was sich gerade in unserem physischen Leben ausbilden muss — das Ichbewusstsein —, das würde sich nicht ausbilden können.

[ 25 ] So eine einfache, alltägliche Betrachtung kann zeigen, wie wichtig das Erinnerungsleben ist für das Zustandekommen der Ichvorstellung. Dass wir in die Welt hineingestellt werden als ein selbstbewusstes Ich, das müssen wir durch den physischen Leib erleben; aber man kann das nur, wenn man anknüpft, wie man sagt in meditativer Weise im Sinne dessen, was in den genannten Büchern beschrieben ist, wenn man anknüpft an gewisse Vorstellungen, die man ja aus dem gewöhnlichen Leben hat, und diese Vorstellungen besonders ausbildet, sodass man mit einer methodischen Ruhe und mit einem methodischen inneren Erleben sich gewissen Vorstellungen hingibt in einer Art, die hier nicht näher beschrieben werden soll, so kann man gewissermaßen teilweise diesen Ätherleib loslösen von dem physischen Leib. Dadurch, dass in unserer Seele gewisse Vorstellungen mehr ruhen, als sie sonst im gewöhnlichen Leben ruhen, dadurch kann man durch dieses Losreißen bewirken etwas, wirklich durch eine Art innere Existenz kann man — wie man den Sauerstoff durch das bekannte elektrolytische Element vom Wasserstoff absondert —, so kann man einen Teil des Ätherleibes herausholen aus dem physischen Leib, herausholen durch rein innerliche seelische Vorgänge.

[ 26 ] Dass man einen solchen Ätherleib anerkennt als etwas selbstständig in uns Lebendes, das, sehr verehrte Anwesende, ist nicht aus irgendeiner Willkür heraus, sondern das ist nur dann möglich, wenn man in jahrelanger hingebungsvoller Forschung, die aber auf einer gewissen Ausbildung der inneren Erkenntniskräfte ruht, dazu gekommen ist, diesen selbstständigen Ätherleib, wenigstens teilweise, zu erleben.

[ 27 ] Und als was stellt er sich nun in diesen Erlebnissen dar? Er stellt sich dar — man kann da einen Ausdruck gebrauchen, den der genannte Vital Troxler auch schon gebraucht hat —, er stellt sich dar, gerade der Ätherleib nämlich, den ich jetzt meine, der Ätherleib hat noch andere Aufgaben innerhalb des menschlichen Organismus, aber der Teil, den ich jetzt meine, der stellt sich dar als eine Art übersinnlicher Sinn, gerade so, wie das Auge in einer gewissen Beziehung selbstständig begabt innerhalb seiner Knochenhöhle ist, so stellt sich dann, wenn man losgelöst hat diesen Ätherleib bis zu einem gewissen Teil, dieser Ätherleib dar wie ein übersinnlicher Sinn.

[ 28 ] Das Schwierige des Erlebnisses besteht nun darinnen, dass man durch das Erlebnis wohl weiß: Du hast jetzt diesen Sinn, du hast jetzt etwas Abgesondertes von deinem übrigen Leib; du hast dieses Abgesonderte, aber dieses Abgesonderte, das kann noch nichts ansehen. Die Übungen, die dazu geführt haben, dieses Abgesonderte in sich zu erleben, die bringen einen dahin, für diejenigen Zeiten, in denen man dieses Abgesonderte erlebt, die äußeren Sinne vollständig schweigen zu lassen; sodass dasjenige, was man sonst Außenwelt nennt, nicht da ist. Man hat also die Außenwelt gewissermaßen durch Niederdrückung der Aufmerksamkeit auf diese Außenwelt für sein Bewusstsein völlig hinweggeräumt, und man hat innerlich das Bewusstsein ausgedehnt über dasjenige, wovon man weiß, man hat es jetzt als selbstständig abgesondert von dem Leiblichen, aber man hat es als einen übersinnlichen Sinn, für den keine Welt da ist.

[ 29 ] Es ist nicht möglich, sehr verehrte Anwesende, das erschütternde Erlebnis mit Worten anzudeuten, was sich ergibt für die Momente, wo man weiß: Man hat diesen abgesonderten übersinnlichen Sinn, aber die ganze übrige Welt ist so nicht da, dass in weit ausgedehnterem Maße, als das durch diesen Vergleich angegeben werden kann, diese Welt einem erscheint, wie wenn einem der Boden unter den Füßen entzogen wäre. Alles dasjenige, auf dem man mit dem gewöhnlichen Sinnenbewusstsein steht, ist nicht da. Ein Organ hat man zu gleicher Zeit, für das gewissermaßen keine Welt zunächst da ist. Dennoch muss auf der einen Seite dieses Organ ausgebildet werden, um eine Welt, die allerdings für das gewöhnliche Bewusstsein nicht da sein kann, durch dieses Organ zu schauen. Und diese Welt, sie wird dadurch geschaut, dass man durch innere Seelenvorgänge jenem anderen, die zu diesem Organerleben geführt haben, [jenem anderen] entgegenkommt. So wie wir nämlich als ein Ich im gewöhnlichen Leben drinnenstehen dadurch, dass uns unser unbewusster Ätherleib die äußeren Sinnenerlebnisse ins Gedächtnis hinein umwandelt, so stehen wir der Welt gegenüber, in der wir handelnd auftreten — das kann leicht in allen Einzelheiten nachgewiesen werden — durch dasjenige, was wir die mit unserem Willensleben zusammenhängenden Sympathien und Antipathien nennen.

[ 30 ] So wie nun das Gedächtnis ganz und gar an Leibliches gebunden ist, so sind auch die Sympathien und Antipathien — durch die wir eines wollen, das andere nicht wollen, durch die wir uns dem einen Menschen nähern, dem anderen unsympathisch finden, unser ganzes Willen- und Tatenleben steht ja unter dem Einfluss der Sympathien und Antipathien —, diese Sympathien und Antipathien sind ganz und gar gebunden an den physischen Leib. Nur dadurch, dass wir in einem physischen Leibe leben, leben wir diese Sympathien und Antipathien so aus, wie sie sich eben in unserem Tatenleben ausleben.

[ 31 ] Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, wie dasjenige, was unserem Vorstellungsleben zugrunde liegt, auch von der Geisteswissenschaft anerkannt wird, als abhängig von dem physischen Leibesleben. So wird dasjenige, was als Sympathien und Antipathien die Impulse abgibt für das Tatenleben, von der Geisteswissenschaft als an den physischen Leib gebunden anerkannt.

[ 32 ] Aber nun gibt es wiederum — in den genannten Büchern sind sie beschrieben — gewisse Übungen, welche dahin führen, nicht für das ganze äußere, physische Leben, das wäre von großem Übel, wohl aber für gewisse Momente, in denen eben die geistige Welt untersucht werden soll, diese Sympathien und Antipathien gewissermaßen auszulöschen, wirklich dasjenige, was sonst mit Sympathie oder Antipathie erlebt wird, anzuschauen, so wie man sich gewöhnt hat, die Vorgänge der äußeren Natur zu beobachten, von denen man weiß, dass sie nur objektiv beobachtet werden können, wenn man sie ohne Sympathie und Antipathie beobachtet.

[ 33 ] Es braucht wiederum ein sorgfältiges, gewissenhaftes, methodisches Arbeiten, um dahin zu kommen, für gewisse Momente des Erlebens, Sympathien und Antipathien, die man sonst haben muss, ohne die man für das äußere Leben gelähmt wäre, Sympathien und Antipathien auszuschalten. Dann aber, wenn es einem gelingt, aus dem Verlaufe unseres seelischen Erlebens Sympathien und Antipathien methodisch völlig auszuschalten, dann beginnt das genannte übersinnlich-sinnliche Organ eine Welt schauen zu können, eine Welt, die dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgen ist. Und das ist jetzt die Welt, in welcher das eigentliche unsterbliche Teil der Menschenseele eingebettet ist. Das ist die Welt, in welcher ruht derjenige Teil der menschlichen Seele, der für das gewöhnliche Bewusstsein im Denken, Fühlen und Wollen einverleibt wurde. Für das gewöhnliche Bewusstsein wirkt zusammen dieser unsterbliche Teil der Menschenseele, dieser durch Geburten und Tode gehende Teil der menschlichen Seele mit dem gewöhnlichen Leibesleben, so wie gewisse Erscheinungen, gewisse Vorgänge draußen in der Natur zusammenwirken, um den Regenbogen zu erzeugen. Und derjenige, der behaupten wollte, dieses gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen, das von unserer Leibesorganisation abhängig ist, das könnte über den Tod hinaus in der Form, wie es im gewöhnlichen Bewusstsein ist, über den Tod hinaus dauern, er würde ein Ähnliches behaupten wie der, der glauben würde, der Regenbogen müsste stehen bleiben, auch wenn die Bedingungen seines Daseins hinweggehen. Dasjenige, was bleibt, was durch Geburten und Tode geht, auf das schaut der charakterisierte übersinnliche Sinn, wenn es hervortritt als das hinter Denken, Fühlen und Wollen Liegende unseres seelischen Lebens, das heraus sich gebiert aus dem von Sympathie und Antipathie frei gewordenen seelischen Erleben.

[ 34 ] Was nun dieser genannte übersinnliche Sinn erlebt als solches Geistig-Seelisches, das stellt sich als etwas wesentlich anderes dar als das gewöhnliche seelische Erleben. Im gewöhnlichen seelischen Erleben, da geht dasjenige, was in unseren Sympathie- und Antipathie-Impulsen lebt, ich möchte sagen in ein Ideelles über. Wir erfahren dies oder jenes im Leben, unser Gewissen sagt uns dies oder jenes: das geht über in ein Ideelles. Und nur dadurch, dass vom Ideellen aus das Ich dies oder jenes bewirken kann, dadurch handeln wir unter dem Einfluss unseres Erlebens, unseres Gewissens und so weiter. Dasjenige, was der übersinnliche Sinn im inneren Seelenleben, das von Sympathien und Antipathien frei geworden ist, erschaut, das steht in einem viel innigeren Zusammenhang mit dem objektiven, aber jetzt geistigen Dasein, das durch die Welt fließt als unser ideelles Leben. Und das sieht zum Beispiel dieser übersinnliche Sinn an dem, was ich also beschrieben habe, als Anteil an unserem inneren Seelenleben, da sieht er, wie zum Beispiel, wenn man im Leben einem anderen Menschen gegenübertritt: Es bildet sich ein gewisses Verhältnis, dieses Verhältnis steht unter dem Eindrucke von Sympathie und Antipathie, führt unter diesem Eindrucke zu diesem oder jenem auf dem Umwege durch unser Vorstellungsleben. Unser Ideelles aber, das Ich, muss auf dem Umwege durch unser Vorstellungsleben das Verhältnis ausbilden, das wir zu dem Menschen eingegangen sind. Aber in den Tiefen unserer Seelenwelt ist für denselben Menschen — für das gewöhnliche Bewusstsein verborgen — ein Verhältnis aus einer Beziehung heraus, die viel, viel realer ist als die bloß in das Erdenleben hereinzunehmende Beziehung, die am Ich haftet.

[ 35 ] Und außerdem bemerkt der sinnlich-übersinnliche Sinn, dass die Beziehung, die sich in den Tiefen der Seele ausbildet nach der Lage, in der unser physischer Organismus ist, nach der Lage, in der wir in unserem äußeren Leben stehen, dass diese Beziehung niemals in diesem Leben mit seinen Möglichkeiten erfüllt werden kann. So bilden wir in dem Seelenleben, das dem gewöhnlichen Bewusstsein entzogen ist, wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, eine Beziehung heraus, die wir in unser Vorstellungsleben, in unser gewöhnliches Gefühls- und Wollens-Leben hereinbekommen können. Diese Beziehung leben wir, je nachdem wir es können, auch in dem gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod aus. Aber dieser Beziehung liegt ein viel umfassenderer Impuls im Unter- oder Unbewussten zugrunde, eine Beziehung, die nimmermehr in diesem Leben ausgelebt werden kann, die gewissermaßen auf viel größere Zeiten ausgebreitet ist, als dieses gewöhnliche Leben umfasst. Und so sehen wir, wie durch das ganze Leben gehend, wir Beziehungen anknüpfen zu anderen Menschen, zu anderen Wesen des Lebens, die weit umfassender sind, als dieses unser gewöhnliches Leben ist.

[ 36 ] Aber noch ein anderes nehmen wir wahr, indem wir den übersinnlichen Sinn immer mehr und mehr gebrauchen lernen, das heißt unseren Ätherleib immer mehr und mehr zu einem solch übersinnlichen Sinn umzugestalten vermögen, etwas anderes nehmen wir wahr: dass dasjenige, was wir von der gewöhnlichen Sinnenwelt durch die Wahrnehmung aufnehmen, nur ein Teil dessen ist, was aus der Sinnenwelt einfließt. Unendlich viel reicheres Leben fließt mit jedem Augenaufschlag in uns ein als dasjenige, was mit unserer gewöhnlichen physischen Körperlichkeit verarbeitet werden kann von uns. Ich möchte sagen: Mit dem, was in der sinnlichen Wahrnehmung eben gegeben ist, fließt zugleich ein reiches Leben ein, das wiederum für viel größere Zeiten berechnet ist als das gewöhnliche, durch den physischen Leib vermittelte Leben des Menschen.

[ 37 ] Und indem wir von diesen zwei Seiten her wahrnehmen, wie ein reicheres Leben auf dem Untergrund unserer Seelen real vorhanden ist, werden wir gewahr, dass sich in uns etwas entwickelt, das rein geistig-seelischer Natur ist, das aber in uns als Geistig-Seelisches mit einer umfassenden geistig-seelischen Außenwelt verknüpft ist und mit dieser zusammenhängt wie unser Leben mit der physischen Außenwelt, wie dies etwas in uns war, welches ungefähr so in uns lebt wie die Kräfte, die im Pflanzenkeim leben, der sich durch die Blüte als Frucht ergibt und der bewahrt wird, damit sich eine neue Pflanze daraus entwickeln kann nach einiger Zeit. So wie sich hier in der Pflanze physisch der Pflanzenkeim entwickelt, wie er in der Pflanze von heute schon darinnen steckt, um der Pflanze der Zukunft zugrunde zu liegen, so erleben wir, dass Teile aus der sinnlichen Außenwelt in uns einströmen, teilweise sich ergebend aus demjenigen, was wir erleben als tätige Menschen mit unserer Umgebung, ein Seelenkeim, der bereit ist, ein anderes Leben wiederum auszugestalten. Denn gleichzeitig nehmen wir, wenn dieser innere Sinn entwickelt ist, gleichzeitig nehmen wir wahr, dass alles dasjenige, was wir nun von dem von der Außenwelt Einfließenden oder von dem durch unsere unter Sympathie oder Antipathie stehenden Impulsen als Taten vollführen, wir nehmen wahr, dass dasjenige, was wir von all demjenigen gemacht haben, was durch unseren jetzigen physischen Leib oder unser jetziges Leben, in das wir versetzt sind, durch die Lage, in der wir stehen, ausführen können, dass das wiederum bedingt ist durch frühere Leben, durch früheres Erleben, wie die gegenwärtige Pflanze bestimmt ist durch einen früher in einer Pflanze gebildeten Keim. Und weil unser jetziges Leben herbeigeführt worden ist durch die Erlebnisse eines früheren Erdenlebens — das durchschauen wir jetzt —, so ist es nicht geeignet, das Umfassende des jetzigen Erlebens auch vollständig wiederum zur Wirklichkeit umzugestalten, sondern nur als Keim in uns festzulegen, der bereit ist, durch den Tod zu gehen, und nachdem er in entsprechender Weise durch ein rein geistiges Dasein gegangen ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in ein neues Erdenleben einzutreten.

[ 38 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, es kann mit Recht gesagt werden, ja, aber da setztest du ja voraus, was zunächst dem gewöhnlichen Bewusstsein recht sehr wenig einleuchtend ist, dass etwas rein Geistig-Seelisches — und ein solches ist es ja —, das in dem Menschen lebt, wirklich die reale Kraft habe, den Tod zu überdauern, ein geistiges Dasein zwischen Tod und neuer Geburt durchzumachen, und dann wiederum in ein Erdenleben einzutreten, dass ein solch Geistig-Seelisches also die reale Kraft hätte, sich real durchzusetzen und den Übergang zu finden zu einem neuen Erdenleben.

[ 39 ] Geistesforschung, sehr verehrte Anwesende, beruht wirklich nicht auf phantastischen Annahmen, sondern man gelangt stufenweise zu Erkenntnissen, wie diejenigen sind, die auch jetzt geschildert worden sind. Und man kann sagen: In einer gewissen Weise gibt das alltägliche Leben doch schon dem Geistesforscher selber, der die genannte Entwicklung zu gewissen Erkenntniskräften durchgemacht hat, Anhaltspunkte am Kleineren, um dieses Große, eben Geschilderte, nicht gleich von vornherein, sondern als ein Resultat erst zu begreifen. Und dieses Kleinere stellt sich dar im gewöhnlichen Leben, wenn wir wirklich nun mit geistesforscherischen Mitteln den Wechsel zwischen Wachen und Schlafen ins Auge fassen. Dieser Wechsel von Wachen und Schlafen, er ist ja gewiss von der Naturwissenschaft — und zwar dürfen wir heute schon sagen — in außerordentlich scharfsinniger Weise nach allen Seiten untersucht worden; wenn auch bedeutende Resultate sich noch nicht ergeben haben, aber die Forschungen werden auf diesem Punkte weitergehen. Allein die Geistesforschung forscht mit den Kräften, auf die ich hingedeutet habe, erforscht denselben Vorgang, den die Naturwissenschaft von außen erforscht, gewissermaßen von innen. Und da stellt sich nun Folgendes dar.

[ 40 ] Ein sehr bedeutender Naturforscher der neueren Zeit gibt ja selbst zu, dass wenn die Naturwissenschaft verwendet all dasjenige, was sie kennenlernen hat können auch als Außenseite in der äußeren Natur, so kann sie im Grunde genommen nur den schlafenden Menschen erklären, nicht denjenigen Menschen, der bewusst im Tagesleben steht. Ja, dieser Naturforscher, er sagt: «Mit naturwissenschaftlichen Mitteln ist eigentlich nur der schlafende Mensch zu erklären, der von seinem Bewusstsein verlassen ist.» Nun kann gewiss derjenige, der ganz unmittelbar unter dem blendenden Eindrucke der neueren naturwissenschaftlichen Ergebnisse steht, sagen: Ja, dasjenige, was da im Tagesbewusstsein lebt, das ist nur eine Erscheinung desjenigen, was sich ergibt durch das Zusammenwirken derjenigen Kräfte und Stoffe, die eben im Menschenleib sind. Das, was da vom Einschlafen bis zum Aufwachen wie in einem dumpfen Zustande vorhanden ist, scheinbar den Leib verlassen hat, das ist nichts für sich — so könnte man sagen.

[ 41 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, da ergibt eben wiederum der Sinn, von dem ich gesprochen habe, dass ein wirklich Reales vorhanden ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen, und dass dieses Reale durch gewisse Kräfte im Aufwachen wiederum untertaucht in den physischen Leib. Denn worauf beruht denn alles dasjenige, was im physischen Leib im Wechselverhältnis zwischen Schlafen und Wachen vorgeht? Das ist geisteswissenschaftlich angesehen so — wenn ich stundenlang Zeit hätte, würde ich vieles in allen Einzelheiten besprechen können, dann würde es leichter begreiflich sein —, dieser Wechsel zwischen Wachen und Schlafen ist für den physischen Leib angesehen so. In der Tat besteht unser waches Tagesleben darinnen, dass wir gewisse Kräfte, die in unserem Organismus sind, verbrauchen. Das ist gerade für den Geistesforscher mit dem angedeuteten Anschauungsvermögen, möchte ich sagen wiederum das Erschütternde, dass er schaut, wie das gewöhnliche Tagesbewusstsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen im Grunde genommen fortwährend Kräfte des physischen Leibes verbraucht. Was da verbraucht worden ist, das ist mit dem Einschlafen in der Tat nicht mehr da; das wird vom Einschlafen bis zum Aufwachen wiederum neu hervorgebracht. Sodass, weil nun das eigentliche Tagesbewusstsein im Grunde lebt, in diesem während des Tageslebens verbrauchten Kräftesystem, so muss jedes Mal beim Aufwachen das Bewusstsein eigentlich einziehen in ein Kräfte- und Stoffsystem, welches neu aufgebaut ist durch den Schlafzustand. Indem wir einschlafen, haben wir dasjenige nicht, wohinein wir morgens wiederum untertauchen, wenn wir aufwachen. Das muss während des Schlafzustandes wiederum ganz neu gebildet werden.

[ 42 ] Dass dieses für den physischen Leib so ist, die [Naturforschung] wird es mit ihren Mitteln im Laufe der Zeit nachweisen; die Geistesforschung kann es heute als eine gewisse innere Beobachtung sagen. Denn man kann wirklich sagen: Wenn man morgens aufwacht, taucht man unter nicht in etwas, was dageblieben ist, sondern in etwas, was während des Nachtschlafes neu erzeugt worden ist. Man taucht in etwas vollständig Neugebildetes unter. Und wodurch taucht man in etwas vollständig Neugebildetes unter? Dadurch, dass sich eine Anziehungskraft bildet zwischen dem Seelischen, das wirklich dageblieben ist, aber nicht in dem Leib sein konnte, weil sein Selbst nicht in dem Leibe war, man taucht unter in dieses Neugebildete beim Aufwachen durch die Kräfte, die man vergleichen kann, weil sie derselben Natur sind, mit den Kräften der Begierde, mit den Kräften des Begehrens.

[ 43 ] Da haben wir schon im gewöhnlichen Leben beim Aufwachen einen realen Vorgang, der aus etwas RealGeistig-Seelischem hervorgeht. Das Geistig-Seelische ist wirklich vom Anfang bis zum Ende da. Das wird übernommen durch das Neugebildete, dem es gewissermaßen zugeschaut hat während des Schlafens, sodass man von einer Wiedergeburt eines gewissen Teiles des menschlichen physischen Leibeswesens sprechen kann beim Aufwachen, und von einem Einziehen des Seelischen in dieses Wiedergeborene. So wie in diesem alltäglichen Erlebnis im Wechsel des Wachens und Schlafens das Seelisch-Geistige sich wieder verbindet mit dem Neugebildeten, so verbindet sich dasjenige, was durch den Tod geht, so wie ich es vorhin angedeutet habe, es verbindet sich, nachdem es einen langen Werdeprozess durchgemacht hat im reinen Geistigen, wiederum mit einem Menschenleib, der ihm nun so entgegengebracht wird als ganzer Menschenleib, wie ihm ein gewisses Kräftesystem entgegengebracht wird morgens beim Aufwachen. Und dieses wunderbare Werden im Leben, das Durchgehen durch wiederholte Erdenleben, ist prinzipiell nicht schwerer verständlich als das Aufwachen. Man muss nur so, wie es die Wissenschaft tut, wirklich von dem Einfacheren zu dem Zusammengesetzteren im Verständnisse vorrücken.

[ 44 ] Man könnte natürlich noch etwas einwenden, sehr verehrte Anwesende, gegen dasjenige, was ich gesagt habe. Vieles, sehr vieles könnte eingewendet werden. Diese Einwendungen werden, wenn Sie sich näher auf die Geisteswissenschaft einlassen, Ihnen schon hinweggenommen werden, denn diese Einwände, sind alle berücksichtigt. Es könnte eingewendet werden: Ja, aber man kann doch — ich will nur einen solchen Einwand hier erwähnen, aus dem einfachen Grunde, damit Sie sehen, dass schon der geistige Forscher alles berücksichtigt hat, was in Betracht kommen kann —, ja, aber wenn das wirklich so wäre, dass das Einschlafen durch den Verbrauch gewisser Kräfte herbeigeführt worden ist, so könnte es doch gar nicht möglich sein, dass man sich des Schlafes für eine gewisse Zeit enthalten kann. Das ist aus dem Grunde möglich, weil der Mensch niemals vollständig aufbraucht dasjenige, was in ihm ist; er hat, wenn er einschläft, immer eine Art Reserve. Ich erinnere nur daran, dass wir in der Tat nicht in gleicher Weise die linke und rechte Hirnhälfte gebrauchen, sodass immer eine Reserve da ist, sodass rein durch ein gewisses Denken in der Tat es erklärlich ist, dass der Mensch sich auch des Schlafes enthalten kann, und dennoch jene Tatsache besteht, von der ich gesprochen habe. So sehen wir, wie im Grunde genommen das Sich-Einverleiben in ein neues Erdenleben nichts Rätselhafteres hat als das tägliche Aufwachen.

[ 45 ] Nun handelt es sich darum, dass wenn wir mit dem charakterisierten übersinnlichen Sinn dasjenige anschauen, was als Tieferes unter der Schwelle unseres Bewusstseins lebt und durch Geburten und Tode geht, dass wir dann sehen, wie wir sozusagen — als Beispiel sei dies angeführt — die Beziehung zu einem Menschenwesen herstellen, dem wir im Leben begegnen. Da bildet sich eben vieles, was im Erdenleben, zwischen Geburt und Tod, durch das Ich nicht zum Ausdruck kommen kann. Wenn die Seele nun durch den Tod geschritten ist, dann stellt sich die Sache so, dass dasjenige, was sonst in unserem Innern lebt, was gewissermaßen zusammengehalten wird durch die Begrenzung unseres Körpers als ein Innerliches und dadurch eben unserem gewöhnlichen Bewusstsein entzogen wird, dass dieses nunmehr in der rein geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zu einem Äußeren wird, zu einem Äußeren wird bei dem einen Menschen, auf den es ankommt, und auch bei dem anderen Menschen, zu dem der Mensch in Beziehung getreten ist. Dann, wenn die körperliche Hülle durch den Tod weg ist, schaut gewissermaßen der eine Mensch an dem anderen dasjenige, was sie miteinander erlebt haben, geradeso, wie der irdische Mensch in sich erschaut dasjenige, was ihm gekommen ist aus der äußeren Wahrnehmungswelt, und was durch die Körperlichkeit bedingt nicht verarbeitet werden konnte zwischen der Geburt und dem Tode.

[ 46 ] Wie verlaufen nun die Erlebnisse zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Das ist allerdings ein Kapitel, sehr verehrte Anwesende, wenn man darüber spricht, kann man heute noch sehr leicht verhöhnt werden; denn erstens kann man niemals in einem Vortrage alles dasjenige wirklich vorbringen, was zum Beweise dessen, wovon man spricht, hinreichend sein würde. Auf der anderen Seite widerspricht dasjenige, was da vorzubringen ist, noch ganz und gar den Vorstellungen des heutigen gewöhnlichen Erlebens. Aber ich will von einer gewissen Seite her doch einiges zeigen, was in Betracht kommt, wenn wir auf dieses Leben hinblicken wollen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 47 ] Im gewöhnlichen wissenschaftlichen Anschauen spricht man heute davon, dass der Mensch die Eigenschaften, die er darlebt zwischen Geburt und Tod, sie bis zu einem gewissen Grade durch Vererbung habe, in einem anderen Grade, von einem anderen Gebiete, durch die Erziehung habe und dergleichen mehr.

[ 48 ] Nun, sehen wir zunächst auf das Eine, auf die Vererbung. Es liegt mir ganz ferne, die gewissenhafte Forschung, die Vererbungsforschung die insbesondere in den letzten Jahrzehnten so großartige Fortschritte gemacht hat, irgendwie herabwürdigen zu wollen oder widersprechen zu wollen der Tatsache, dass diese Vererbungsforschung auch auf den Menschen anzuwenden ist. Allein in vielem Prinzipiellen steht diese Vererbungsforschung, sehr verehrte Anwesende, auf einem sehr merkwürdigen Boden. Eines habe ich ja bei früheren Vorträgen hier schon erwähnt, das ich aber jetzt wiederholen muss.

[ 49 ] Es ist vor einiger Zeit ein Buch geschrieben worden, ein sehr interessantes Buch, das für jeden, der sich für solche Sachen interessiert, mit brennendem Interesse gelesen werden kann: ein Buch über Goethe, in dem beschrieben wird alles dasjenige, was aufzubringen war durch eine gewissenhafte Forschung an Eigenschaften von Goethes Ahnen, weiteren Ahnen und so weiter, um zu zeigen, wie in den verschiedenen Ahnen, in den verschiedenen Vorfahren Goethes Eigenschaften auftreten, die dann bei Goethe, ich möchte sagen nur konzentriert wiederum zum Vorschein kommen. Sodass aus der Vererbung heraus gewissermaßen die Richtung und auch die Intensität seines genialen Schaffens sich erklären würden.

[ 50 ] Das ist ein spezieller Fall, heraus erlebt aus dem, was überhaupt die Vererbungsforschung als ihre Richtung einschlägt. Man versucht ja zu erkennen, wie im physischen Zusammenhange des Menschen mit seiner Vorfahrenwelt Eigenschaften auf ihn übertragen werden, die durch seine Leiblichkeit wirken auf sein Naturell, seinen Charakter, sein Temperament ausbilden, und dadurch ihn in einer gewissen Weise in die Welt hineinstellen. Wiederum dasjenige, was vorgebracht wird in dieser Richtung, ist durchaus einleuchtend. Und man kann es verstehen, wenn gesagt wird, nun, da kommen jetzt solche Leute, die Geistesforscher sein wollen, und die da sagen: Ja, dasjenige, was in einem gewissen Leben auftritt, das tritt dadurch auf, dass dieses Leben die Folge ist eines früheren oder früherer Erdenleben, während die Naturwissenschaft sich doch gewissenhaft bemüht hat zu zeigen, wie aus den vererbten Merkmalen und Kräften gerade dasjenige herausfließt, was der Mensch als sein Naturell darlebt. Man kann das durchaus verstehen.

[ 51 ] Aber dennoch muss ein Einwand gemacht werden, der ganz prinzipiell ist, dass schließlich der Mensch dasjenige, was er — sei es mit geringen oder mit bedeutenden geistigen Kräften sich auslebend — beeinflusst hat von den physischen Vererbungsvorgängen, die der ganzen Ahnenreihe zugrunde liegen; das ist berechtigt anzunehmen und ist ganz erklärlich.

[ 52 ] Aber ich möchte sagen: Da der Mensch physisch sich so entwickelt hat, dass seine Entwicklung hinauf in der Ahnenreihe zu suchen ist, so ist das nicht weiter besonders verwunderlich, dass er die Eigenschaften zeigt, die von Vorfahren auf ihre Nachkommen verpflanzt sind, von diesen wiederum auf Nachkommen und so weiter. Es ist so trivial, es klingt so trivial, es ist dies nicht verwunderlicher, als dass der Mensch, wenn er ins Wasser fällt und herausgezogen wird, nass ist! Er ist eben durch dieses Element der Vorfahrenreihe gegangen, und er bringt ebenso, wie wenn er aus dem Wasser mit der Nässe gezogen wird, so bringt er die Eigenschaften seiner Ahnen mit. Ist damit aber auch etwas bewiesen für die Vererbung der reinen Seeleneigenschaften und -betätigungen? Dafür kann man nichts beweisen dadurch, dass man den Menschen zeigt am Ende einer Ahnenreihe, denn da zeigt er ja sein Geistig-Seelisches eben mit der Nuance der vererbten Merkmale. Wollte man zeigen, dass das Geistig-Seelische vererbbar ist, dann müsste man nicht zeigen auf das Beispiel am Ende einer Ahnenreihe, sondern an den Anfang, und sehen, was in den Nachkommen sich zeigt. Das wird man aber wohl bleiben lassen, denn da würde die Tatsache nicht sehr dafürsprechen. Man sehe sich Goethes Sohn an, man sehe sich an viele andere bekannte Personen, und man wird sehen, dass dasjenige nicht zuträfe, was man eigentlich voraussetzen müsste, wenn die Schlussfolgerung zwingend sein sollte. Derjenige, der einige Aufmerksamkeit auf solche Dinge verwendet, wird schon bemerken die ganze Schwere eines solchen Einwandes gegen die moderne Vererbungsforschung.

[ 53 ] Allein, um was handelt es sich denn eigentlich? Darum handelt es sich, dass unser Geistig-Seelisches, bevor es durch die Geburt oder sagen wir durch die Empfängnis ins Dasein tritt, wirklich in einer geistig-seelischen Welt lebt. Für diese ist in einer gewissen Weise dasjenige, was hier in dem Leben zwischen Geburt und Tod innerlich ist, das ist für diese geistig-seelische Welt äußerlich. Wir tragen, wenn wir durch die Geburt gegangen sind, unsere vererbten Merkmale in uns; wir tragen sie als unbewusste Kräfte in uns. Und durch diese Kräfte wirken wir im Leben alles dasjenige, was zwischen Geburt und Tod innerlich in uns lebt, lebt so wie eine Außenwelt, wenn wir in der geistigen Welt stehen vor unserer Geburt oder sagen wir vor unserer Empfängnis mit unserem geistig-seelischen Teil. Da ist diese geistig-seelische Welt nun nicht so beschaffen, als wenn sie irgendwo innerhalb der physischen wäre getrennt, örtlich abgetrennt von der physisch-sinnlichen Welt. Diese geistig-seelische Welt durchdringt überall die physisch-sinnliche Welt, und das Physisch-Sinnliche ist in dieser geistigen Welt drinnen und das Physisch-Sinnliche ist gerade die Wirkung des Geistig-Seelischen. Indem wir vor unserer Geburt oder Empfängnis in der geistig-seelischen Welt sind, sind wir durch jene Kräfte — welche sich in die physische Welt herein durch ihre Wirkungen zeigen, durch jene Wirkungen, die in einer ganzen Ahnenreihe die vererbten Merkmale herstellen in der Zeit, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt —, sind wir in der geistigen Welt, und aus dieser selben geistigen Welt, in der wir darinnen sind, arbeiten sich heraus die vererbten Merkmale, so wie sich neben uns, wenn wir schlafen als Geistig-Seelisches, unser physischer Leib entwickelt, und während des Schlafes dasjenige neu herstellt, was verbraucht worden ist am vorhergehenden Tag, und in das wir morgens einziehen. So wird in der physischen Welt, in diesem Falle des Vererbungsvorganges, dasjenige bewirkt, was wiederum einen Leib herstellt, in den wir einziehen können. Das heißt, wir sind durch äußere Kräfte bei alledem [dabei], was die ganze Vererbungsreihe herstellt.

[ 54 ] Daraus sehen Sie aber, dass das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ein weitaus längeres sein muss als dasjenige, das zwischen der Geburt und dem Tode verfließt. Denn mit jenem Bewusstsein, das der Mensch durch die Pforte des Todes trägt, schaut er von außen mit den geistig-seelischen Kräften, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verfließen, schaut er an dasjenige, was sich durch viele Generationen hindurch entwickelt, und was zum Schluss zu einem solchen Organismus führt, von dem er angezogen wird wie am Morgen von seinem eigenen Organismus; sodass er sich, indem er hingezogen wird zu denjenigen Vererbungsverhältnissen, welche in der Richtung dessen liegen, was er in seinem letzten Leben nicht hat ausleben können; dass er, indem er hinblickt auf diese Vererbungsverhältnisse, von ihnen angezogen wird, nach einem solchen Leben sucht, in dem er die vererbten Merkmale erhalten kann, die Träger sind desjenigen, was er im letzten Erdenleben in sich ausgebildet hat. In dem Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt fassen wir von einer ganz anderen Seite des Lebens her zusammen, was mit den vererbten Merkmalen zusammenhängt; wir sind mit ihnen verbunden schon hinauf durch weite Generationen hindurch. Und so paradox es für den heutigen Menschen noch klingt, eine zukünftige Forschung wird einschen, dass Goethe, indem er durch seine Geburt gegangen ist und sich Eigenschaften von den Ahnen [mitbrachte], die man heute als von ihnen abstammend zeigt, dass er es selber war, als dieser Sohn, welcher später als Goethe erschienen ist, angezogen worden ist die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, angezogen worden ist, um dann einzukehren in dieses Erdenleben, von dem, was geworden ist aus dieser Vererbungslinie in seinem Vater und in seiner Mutter. Das ist die eine Kraft, die uns in ein neues Erdenleben zieht.

[ 55 ] Eine andere Kraft ergibt sich von einer anderen Seite her. Denn dasjenige, was so, gewissermaßen das Anziehungsband bildet zwischen den im Laufe der Generationen auftretenden Vererbungskräften und dem menschlich Geistig-Seelischen, das vom letzten Tode her in diesem Bewusstsein lebt, das wird zu unseren inneren Fähigkeiten, zu dem, was der Träger unserer geistig-seelischen Eigenschaften ist. Was unser Naturell ist, das ist innerlich, wird unterbewusst; während es einem höheren Bewusstsein bewusst war in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Aber das muss sich mit einem anderen verbinden. Und dieses andere ergibt sich auf folgende Weise.

[ 56 ] Wir erleben, wie ich schon gesagt habe, indem wir mit anderen Menschen zusammen sind, diese oder jene Lebensverhältnisse. Da ist in dem tieferen Teile unserer Seele — in demjenigen, der real mit einem Geistig-Seelischen der Außenwelt verbunden ist, wie unser physischer Leib mit einem physischen Leibe der Außenwelt verbunden ist —, etwas, was viel umfassender ist als dasjenige, was in einem Leben erfasst werden kann: Eine einfache Beziehung, die sich ergibt zwischen uns und einem anderen Menschen, die fordert nicht nur dasjenige, was wir jetzt, nach unserer jetzigen Lebenslage leisten können, sondern etwas, was nur geleistet werden kann, wenn wir zu diesem Menschen in eine neue Beziehung treten. Das geschieht dann in dem tieferen Seelischen durch den charakterisierten sinnlich-übersinnlichen Sinn so, dass sich zwischen dem, was wir ausleben können in diesem Leben, eine tiefere, reale geistige Kraft bildet in dem Unterbewussten unserer Seele, welche zu dem Verhältnis, das wir jetzt eingegangen sind, ein anderes hinzufügen will. Aber dieses andere ist nicht erreichbar in der Lebenssituation, in der wir drinnenstehen. Dadurch wiederum bildet sich der reale Impuls aus, eine andere Lebenssituation herauszubilden. Es braucht gewissermaßen etwas, das auftaucht vor dem geistigen Anschauen, vor dem «geistigen Auge», um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen — zu jeder unserer Handlungen, zu jedem Verhältnisse, das wir mit der Außenwelt eingehen, taucht auf eine andere Beziehung, die realisiert werden muss, die nun ebenso real in uns sitzt wie das vorher geschilderte Begehren, das wiederum hineingezogen wird in die Welt beim Aufwachen.

[ 57 ] So bilden sich zwischen Geburt und Tod fortwährend verborgene Lebensverhältnisse aus, die neue Situationen erfordern. In dem Zeitraume, den wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, leben wir dasjenige, was wir innerlich in Bezug auf einen anderen Menschen erleben, äußerlich im Anschauen. Unser Inneres selber wird äußerlich anschaubar, und sein Inneres wird äußerlich anschaubar. Dasjenige, was die gegenseitige Anschauung bildet, das führt herbei die Richtung, die Tendenz, in eine Lebenssituation hineinzukommen, welche dasjenige möglich macht auszuleben, was sich zwischen Geburt und Tod veranlagt hat als eine reale, jetzt nicht ideelle Kraft, die nur durch das gewöhnliche, im Körper liegende Ich ausgeführt werden kann.

[ 58 ] Und dies führt nun zu einem Erleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, durch das wir eine Anziehungskraft entwickeln für gewisse erst künftige Lebenssituationen, und zwar gegenseitige Anziehungskräfte; sowohl der eine wie der andere, die miteinander etwas erlebt haben, üben Anziehungskräfte aufeinander aus. Dadurch wird das herbeigeführt, dass sie sich Situationen schaffen, in denen sie dasjenige, was als Impuls in einem früheren Leben veranlagt worden ist, erst ausführen können. Das heißt: Es werden Menschen, die zusammen waren, wieder zusammengeführt, in neue Lebensverhältnisse wieder hineingeführt, durch die dasjenige, was veranlagt worden ist, nun ausgelebt werden kann.

[ 59 ] Dasjenige, was ich früher ausgeführt habe an Kräften, die gebildet werden im Zusammenhang mit dem Vererbungsprinzip, durch das unsere inneren Anlagen entwickelt werden, ist im Zusammenklang mit den anderen Kräften, welche in Lebenssituationen sich hineinverlebendigen in einem neuen Leben; durch das Zusammenwirken dieser zwei Richtungsströmungen wird ein neues Leben herbeigeführt. Und erst, wenn wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt so weit gekommen sind, dass diese zwei Lebensströmungen annähernd so zusammenstimmen, dass man in einem neuen Leben möglichst viel von dem früheren Erdenleben ausleben kann, dann fühlt sich die Seele wiederum angezogen von einem neuen Erdenleben und verlebendigt sich in dasselbe hinein, wie es sich am Morgen hineinverlebendigt in dasjenige, was ihren eigenen Leib, ihr eigenes Leben wieder hergestellt hat.

[ 60 ] Sehr verehrte Anwesende, ich habe Ihnen skizzenhaft dasjenige hingestellt, was in einer wirklich gewissenhaften Geistesforschung sich ergibt für ein Begreifen des menschlichen Schicksals, das wir fassen können, wenn wir einsehen, wie unser gegenwärtiges Leben bestimmt ist von früheren Erdenleben, auch für den Teil unseres Schicksals, das wir begreifen können, wenn wir unsere jetzigen Anlagen angegliedert finden an Erlebnisse früherer Erdenleben. Dass dies alles selbstverständlich in viel breiterer Weise bewiesen und belegt werden müsste, das ist ja ganz klar. Es kann in einem kurzen Vortrage nur angedeutet werden. Ich muss noch einmal auf die genannten Bücher und auf andere Literatur, die in den genannten Büchern angeführt ist, verweisen; da werden Sie dasjenige, was Sie in einem einfachen Vortrage nur skizzenhaft bekommen können, schon finden in weiterer Ausführung. Es soll immer ins Auge gefasst werden, dass solche Dinge wahrhaftig ebenso wenig wie die Ergebnisse der heutigen Naturforschung ausgesprochen werden, ohne dass eine gewissenhafte, wenn auch hier rein auf geistig-seelischem Gebiet bleibende Forschung zugrunde liegt. Es ist in der Gegenwart eben viel zu wenig Einsicht vorhanden in den gewissenhaften und ernsten Forschungsweg, der erst durchlaufen werden muss, damit solche schwerwiegenden Behauptungen getan werden können, wie sie heute eben, ich möchte sagen nur mitteilungsweise getan worden sind. Denn dasjenige, was ich gesagt habe, ruht nicht auf Gedanken, die schnell gefasst werden, die so ergossen werden aus dem Leben, sondern es beruht wirklich auf einem langsamen, exakten, ernsten Forschungsweg.

[ 61 ] Wenn man einmal intensiver eingehen wird auf diesen Forschungsweg und ihn vergleichen wird mit dem Forschungsweg, den die moderne Naturwissenschaft genommen hat, dann wird man anders denken lernen über dasjenige, was einem heute noch paradox klingt oder was man aus den heutigen Vorstellungen heraus nur allzu gerne verhöhnt. Aber man muss immer wieder und wiederum das Erlebnis haben, dass von recht ungenügenden Ausgangspunkten aus man Stellung nimmt, gegnerische Stellung gegen dasjenige, was die Geisteswissenschaft, die ja heute noch jung ist, wirklich über das geistige Leben des Menschen vorzubringen hat.

[ 62 ] Mit einem gewissen Rechte — ich kann durchaus solches begreifen — hat mir eine Persönlichkeit dieser Stadt nach dem letzten Vortrage einen Brief geschrieben, in dem gesagt wird — und wie gesagt, mit einem gewissen Rechte, ich kann das alles begreifen, wenn es so wohlwollend herantritt, wie es in diesem Briefe der Fall war —, dass der Betreffende gegen jenen Vortrag in gewisser Beziehung eine abwehrende Stellung einzunehmen habe.

[ 63 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, es ist durchaus nicht, möchte ich sagen in meinen Sympathien gelegen, durchaus eine Abwehrstellung gegen dieses oder jenes einzunehmen; allein Geisteswissenschaft muss sich durchringen heute in der Tat nicht bloß gegen berechtigte Widersprüche, berechtigter Widerspruch wird gegen alles dasjenige auftreten, was neu in die geistige Entwicklung der Menschheit eintritt, aber wenn man auf den Widerspruch sieht, der heute vielfach gerade gegen Geisteswissenschaft erhoben wird, dann muss man sagen, dass man gegen den Willen des Geistesforschers eben noch dazu gezwungen ist, schon aufmerksam darauf zu machen, wie eigentlich die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft oftmals gemeint ist. Denn diese Dinge haben oftmals gerade das Eigentümliche an sich, dass sie auf absonderliche Weise ihre Wirkung erzielen dadurch, dass sie die Geistesforschung darstellen nicht wie sie wirklich ist, sondern wie sich die Leute das selber ausmalen; sie machen erst die Geisteswissenschaft zu einer Karikatur und dann kämpfen sie gegen ihre eigene Karikatur. Und derjenige, der dann solche gegnerischen Schriften in die Hand bekommt, der muss ja glauben, wenn er auf Geisteswissenschaft selber nicht genauer eingeht, dass dasjenige, was da als Karikatur beschrieben ist, wirkliche Geisteswissenschaft ist. Wer sich gerade auf diejenigen Ergebnisse der Geisteswissenschaft, die ich heute vorgebracht habe, ausführlicher einlässt, der wird sehen, dass sie durchaus nicht widersinniger sind — als Entwicklungsideen des Geistig-Seelischen —, als die naturwissenschaftlichen Ideen oder sonstige naturwissenschaftliche Ideen es sind, und dass der Weg, der zu ihnen führt, ein ebenso exakter ist, wenn er auch ein innerlich-geistiger ist, ebenso exakter Weg ist wie der, der zu den naturwissenschaftlichen Wahrheiten führt.

[ 64 ] Aber lassen Sie mich auch heute zum Schluss wenigstens ein Beispiel anführen, aus dem man so recht wird sehen können, wie nicht auf dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, hingeschaut wird, sondern wie man zuerst willkürlich, so wie man es will nach seinen eigenen Voraussetzungen, von der Geisteswissenschaft eine Karikatur entwirft und dann diese eigene Karikatur bekämpft und das noch dazu in einer ganz absonderlichen Weise zuweilen. Ja, da hat sich also ergeben, dass ein übrigens durchaus nicht unwohlwollender Mann — ich rede durchaus nicht, wenn ich von Gegnern in dieser Richtung spreche, wie ich es tue, so, dass das, was da auftritt als etwas Unwohlwollendes hingestellt würde; ich möchte immer, besonders bei einem so wohlwollenden Mann, darauf eingehen.

[ 65 ] In einem Orte der Schweiz habe ich einen Vortrag zu halten gehabt über den Inhalt der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, als Erwiderung auf verschiedene Fragen, die herangetreten waren, da ein gegnerischer Vortrag gehalten worden war. Gegen diesen Vortrag musste ich also eine Art Gegenvortrag halten, in dem Punkt für Punkt, nicht etwa bloß am Schluss in Diskussionen darauf hingewiesen wird, wie man sonst in der wissenschaftlichen Diskussion hinweist, wenn das oder jenes Missverständnis, das oder jenes Unrichtige von der betreffenden Vortragenden gesagt und dadurch die Tatsachen in ein falsches Licht gestellt worden sind, sondern in dem hingewiesen worden ist darauf, wie der betreffende Vortragende allerdings von dem, was in der Geisteswissenschaft wirklich behauptet wird, gar nicht unterrichtet war, wie das, was behauptet wird, einfach nicht stimmt mit dem, was die Geistesforschung sagt, wie er also Falsches berichtete.

[ 66 ] Nun bekam ich heute eben einen Vortrag in die Hand — der Abdruck ist als Broschüre erschienen —, der in einem anderen Orte der Schweiz, wie es scheint von berufener Seite, gehalten worden ist, und in diesem Vortrage wird über allerlei mystische Bestrebungen der alten und der neuen Zeit gesprochen. Unter anderem wird an diese mystischen Bestrebungen auch dasjenige angeschlossen, was die Anthroposophie sein will, die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. Nun habe ich gerade in jenem Gegenvortrag darauf hingewiesen, wie man Anthroposophie nicht mit anderen mystischen Richtungen einfach verwechseln darf, habe auf charakteristische Quellen hingewiesen, wodurch sie sich unterscheidet, und diese charakteristischen Quellen konnten Sie heute aus der ganzen Anlage meines Vortrages, aus der Art und Weise, wie darauf hingewiesen wird, ersehen. Was tut der betreffende Herr, der diesen Vortrag hielt — selbstverständlich vor Leuten, die sich nicht darauf einlassen werden nachzuprüfen —, er sagt, wer sich von der populären Mystik — er meint die Anthroposophie damit, die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist —, das nennt er eine «populäre Mystik»!

[ 67 ] Und Sie werden heute einen Begriff mitgenommen haben, wie «populär» die Sache ist, denn für manchen ist sie viel zu wenig populär nach dem Grade der Aufmerksamkeit und des tieferen Eingehens, die man aufbringen muss, um in das ganze wissenschaftliche Gebäude dieser gut fundierten Anthroposophie einzudringen! Gerade populär finden sie diejenigen nicht, wenn sie sich mit gutem Willen auf dasjenige einlassen, was hier gemeint ist mit Anthroposophie; aber sie hängt so wesentlich zusammen mit demjenigen, was wesentlichste menschliche Interessen sind, was aufklären wird über wesentlichste menschliche Interessen, dass sich immer weitere und weitere Kreise einlassen werden auf diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, trotzdem es einige Mühe kostet, über das heute noch unpopulär Scheinende hinwegzukommen. Aber für den betreffenden Herrn scheint die Karikatur, die er macht, allerdings etwas Populäres zu sein. Vielleicht darf dabei die Hypothese vorausgesetzt werden, sehr verehrte Anwesende, dass dem Herrn die Sache so populär erscheint, weil eben sein Verstand so populär veranlagt ist, und er eben dieser Sache erst die populäre Gestalt gibt, wenn er mit seinem Verstande an sie herankommt. Das könnte eine immerhin nicht unzutreffende Kritik sein.

Wer sich in dieser Populärmystik in Kürze orientieren will, verweise ich auf einen Vortrag von Pfarrer Riggenbach in Arlesheim (gehalten Februar 1914) und einen Vortrag von Dr. Steiner, gehalten in Liestal (Januar 1916). [...]

Das ist für Jesus das Reich Gottes, wenn man alle Symbole und Bilder davon abstreift. Diese höchste Welt ist es, die Jesus über die moralische Weltordnung stellt. Sie ist es, von der er unaufhörlich spricht; hier können die Menschen eintreten, eintreten, ohne ihr Verhältnis zur Naturordnung aufzugeben, aber auch ohne besondere Zugehörigkeit zur moralischen Welt fahren zu lassen. Hier ist alles verklärt, hier hört der Konflikt auf, der zwischen der Naturwelt und der moralischen Welt entstanden ist. Er wird gelöst durch die Liebe. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist ein Muss, das er nicht ändern kann; da hilft kein sittlicher Entschluss; der Mensch muss in das Reich der Natur eintreten durch die Geburt — niemand wird gefragt, ob er geboren werden will. Er wird kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht, in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren.

[ 68 ] Nun ist das eine hübsche Zusammenstellung, zwei Dinge, die einander widersprechen, wovon im ersten geredet ist, ich möchte sagen dass einfach einige Unrichtigkeiten enthält, und wovon auch im zweiten hingewiesen ist — auf das alles wird als gleichgültige Quellen hingewiesen. Eine hübsche Art, die Dinge geltend zu machen, die man vorzubringen hat! Dies ist eine Mode, sehr verehrte Anwesende, der gegenüber man schon sagen darf, da handelt es sich nicht mehr um Missverständnisse, da handelt es sich um etwas, was der bewussten Lüge mindestens nicht sehr entfernt ähnlich ist.

[ 69 ] Aber nun eigentlich merkwürdige Sachen stehen in diesem Vortrag; zum Beispiel steht da etwas über das Verhältnis, in welchem diese Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist als Anthroposophie, zum Christentum stehen soll, welche Vorstellungen sich diese Geisteswissenschaft von dem Eintreten des Christus in die Erdenentwicklung macht; das wird mit folgenden Worten besprochen und das ist nun besonders interessant:

Wir erkennen jetzt auch, in welchem Sinn gerade Dr. Steiner zu der Behauptung kommen kann, wir sind nicht gegen das Christentum, wir sind sogar schließlich die eigentlichen Christen. Christus war in den Augen der Anthroposophen ein solcher, der die höheren Mächte erschaute; Dr. Steiner, der Lehrer, wird auch glauben, dass er diese Mächte erschaut und an ihnen teilnimmt. Aber auch jeder unter uns soll ja dieser Kräfte teilhaftig werden können, wenn er sich mit genügender Ausdauer im Schauen übt. So kommt es denn wieder auf die nämliche Forderung heraus, die schon der erwähnte russische Mystiker Solowjow erhoben hat, wir könnten und sollten alle Christusse sein, übrigens eine Forderung, die schon jeder Mystiker, der so freundlich war, auf das Christentum Rücksicht zu nehmen, erhoben hat.

[ 70 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, derjenige, der sich einlässt auf die Grundlagen jener Geisteswissenschaft, von der heute einige Resultate besprochen worden sind, wird sehen, dass die ganze Literatur den Beweis liefert, dass dasjenige, was hier als eine Karikatur hingestellt ist, platte Unwahrheit ist; sodass derjenige, der spricht — und an den, der da spricht, im öffentlichen Leben immerhin die Anforderung gestellt werden kann, dass er sich erst unterrichte —, wer eine solche Karikatur ins Leben hineinstellt, um Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu bekämpfen, der tut wiederum etwas, was nicht bloß auf Missverständnissen beruht, sondern was einer Fälschung durchaus ähnlich sieht.

[ 71 ] Wenn mir mit Recht, in gewisser Beziehung, bedeutet wird, Geisteswissenschaft sollte nicht eine Verteidigungsstellung einnehmen, die in einer solchen Weise sich geltend mache; der Herr, der dieses sagt, hat nun auch das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gelesen; er scheint es aber in dem Sinne, wie ich es vorher hypothetisch angedeutet habe, in seinem Verstand als populäre Mystik aufgenommen zu haben, und deshalb sagt er:

Alte Weisheit in neuem Gewande. Wir sind Dr. Steiner nur dankbar, dass er uns gezeigt, mit wie viel Suggestionen und Anästhesien in neuerer Mystik gearbeitet wird, müssen allerdings aber vermuten, dass wer einmal diesem suggestiven Einfluss des Schauens sich hingegeben hat, Vernunftgründen kaum mehr zugänglich sein wird, und religiöses Empfinden völlig eingebüßt hat.

[ 72 ] Wer dies vergleicht mit demjenigen, was der Geisteswissenschaft wirklich zugrunde liegt, der wird schen, dass man da schon sagen muss: Ein solcher Mann möge besser lesen lernen; denn er würde in dem genannten Buch, das er selber zitiert, deutlich geschildert finden, wie gewissenhaft alles dasjenige, was «Suggestionen und Anästhesien» bewirken könnte, wie gewissenhaft das durch sorgfältige Experimente, Methoden des inneren Seelenlebens, ausgeschaltet wird, wie gerade innerhalb derjenigen Übungen, auf die der Geistesforscher in der Anthroposophie verwiesen wird, die Mittel gegeben sind, um solche «Suggestionen und Anästhesien» auszuschalten.

[ 73 ] Und weiter sei das zum Schlusse auch noch erwähnt. Er sagt nun, der betreffende Herr, was er wünscht, warum eigentlich nach seinem Wunsche Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, die er auch als solch eine populäre Mystik, wie er sie eben verstehen kann, ansicht, warum er wünsche, dass diese keinen Einfluss gewinnen könnte. Er sagt:

Nie aber könnten des Weiteren wir beistimmen dem Aufgeben und Verachten des menschlichen Denkens und Sinnens, wie es die Mystik fordert.

[ 74 ] Er meint also, weil ihm «Denken und Sinnen» vergehen, so läge das in den Forderungen der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Ihm wollen wir glauben, dass er nicht in der Lage ist, zu einer anderen Geistesverfassung zu kommen als zu einer solchen, bei der ihm Denken und Sinnen vergeht! Aber es ist dennoch zu sehr vom subjektiven auf dasjenige, was ist, geschlossen, wenn man eine solche Rede hört, nachdem man wirklich das vor sich gehabt hat, was als Geisteswissenschaft oder Anthroposophie auftritt. Denn sehr verehrte Anwesende, der eine Vorwurf wird selbst den Ausführungen des heutigen Vortrages nicht gemacht werden können, dass in dieser Geisteswissenschaft oder Anthroposophie etwas vorgetragen wird, wobei man nicht «denken und sinnen» braucht. Das, glaube ich, werden selbst die Widersacher durchaus nicht als ihr Urteil abgeben, dass an den Gedanken in gar keiner Weise appelliert worden ist. Dagegen finden sich wahrhaftig recht, recht viele Leute, denen zu viel gedacht wird in der modernen Anthroposophie oder Geisteswissenschaft!

[ 75 ] Es müssen schon eben, andeutungsweise gewissermaßen, immer zum Schlusse solche Dinge auch besprochen werden, um von den Schwierigkeiten eben auch zu reden, welche die Anschauungen von der Art, wie ich sie heute vorgetragen habe, um sich in das Geistesleben der Gegenwart einzuleben, beleuchten. Derjenige, der heute Geisteswissenschaft vertritt oder zu seiner Überzeugung macht, der braucht ein starkes Maß von innerer Überzeugungskraft, ein starkes Maß von Durchströmt-Sein desjenigen, was an Überzeugungskraft aus den Anschauungen der Geisteswissenschaft herausfließt, um bei sich selber standzuhalten gegen dasjenige was noch aus dem heutigen Zeitbewusstsein sich in begreiflicher Weise entgegenstemmt gegen das, was sich so einleben muss.

[ 76 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, man muss schon einmal die Wege ein wenig ansehen und immer wieder ansehen, welche dasjenige durchzumachen hat, was sich später wie etwas selbstverständliches in das Geistesleben der Menschheit einlebt. Wenn man die Wege desjenigen, was sich so einlebt, anschaut, dann kann dadurch sich allerdings das Bewusstsein auch für die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten trotz des heutigen Widerstandes nur kräftigen. Ich möchte nur auf zwei kleine Beispiele hinweisen, welche zeigen, wie wenig die Menschen von vornherein geneigt sind, dasjenige anzuerkennen, was sich [in] ungewohnter Art in das Geistesleben der Menschheit hereinstellt. Als die Siebente Symphonie Beethovens aufgeführt worden ist zum ersten Mal, da war ein Mann dabei, der tat folgenden Ausspruch, wörtlich — also diese Siebte Symphonie ist heute selbstverständlich als ein großes Werk von vielen, von unzähligen Menschen bewundert —, als er die hörte, da sagte er:

Nun, mit dieser Symphonie hat dieser Genius seine größte Existenz, das Nonplusultra seiner Existenz erreicht. Beethoven ist nun vollständig reif fürs Irrenhaus.

[ 77 ] Es war kein unfreundlicher Mensch, der diesen Ausspruch getan hat, denn diesen Ausspruch hat Weber, der Komponist des «Freischütz», getan. Sie sehen daraus auch, man braucht durchaus kein unfreundlicher Mensch desgleichen zu sein, um eben zu verkennen, was sich als Neues in das Geistesleben dieser Zeit hineinlebt. Und entnehmen Sie daraus, dass ich, indem ich in dieser Weise charakterisiere die Widersacher der Geisteswissenschaft, sie auch nicht deshalb durchaus als unfreundliche Menschen hinstellen möchte, wenn ich auch nicht von allen — von dem Herrn, von dem ich heute gesprochen habe, möchte ich allerdings nicht freundlich sagen — mit den Worten, [ja, den Worten], die Shakespeare zugesprochen werden; er — und viele andere — [ist ein ehrenwerter Mann»], denn «ehrenwerte Männer» sind sie alle. Aber nicht alle [unklare Stelle] einer, [als der] die Siebte Symphonie Beethovens hörte, [da] sagte er: «[Schon wieder das e,] dem talentlosen Kerl fällt eben nichts ein.» — Und das war der Abbe Stadler, ein bedeutender Musikkenner der damaligen Zeit!

[ 78 ] Und zu diesen zwei Beispielen noch eines, das oft erzählt wird, das man auch noch hinzufügen kann: Als in Europa zuerst in einem bestimmten Orte eine Eisenbahn gebaut werden sollte — es ist keine Fabel, was ich Ihnen erzähle, sondern ganz bekannt —, da sollte ein erleuchtetes Kollegium, in dem viele anerkannte Autoritäten saßen, ein Urteil abgeben, ob man diese Eisenbahn bauen solle oder nicht. Dieses erlauchte Kollegium gab das Urteil ab, dass man keine Eisenbahn bauen solle, denn es würde den Leuten das Fahren in der Eisenbahn sehr schädlich sein. Und wenn sich doch solche finden sollten, für die durchaus Eisenbahnen gebaut werden müssten, dann müsste man wenigstens links und rechts — so sagte dieses erleuchtete Kollegium — hohe Bretterwände aufführen lassen, damit diejenigen, an denen diese Eisenbahn vorbeifahre, nicht an Gehirnerschütterungen zugrunde gehen.

[ 79 ] Ich weiß sehr wohl, sehr verehrte Anwesende, dass man mit solchen Dingen nichts beweisen kann, denn selbstverständlich kann auch das Tollste, Phantastischste, das in der Welt auftritt, sich auf diese Dinge berufen, und beruft sich auch darauf. Aber bewiesen werden soll auch nichts damit, sondern hingewiesen werden soll nur darauf, wie diese Dinge in der Tat lehren könnten — in Bezug auf Aburteilungen gegenüber dem, was sich als ein noch Ungewohntes in das Geistesleben irgendeiner Zeit hineinstellt-, uns aufzufordern, solche Erfahrungen, von denen ich auch eine besonders charakteristische in meinem letzten Vortrage hier erwähnt habe, aufzufordern dennoch zu einer gewissenhafteren Prüfung, als sie sehr häufig in unserem wissenschaftlichen Leben auftritt.

[ 80 ] Für denjenigen — das lassen Sie mich als letzten Schluss aussprechen —, der Geisteswissenschaft heute wirklich kennenlernt, der auch die Fundamente dessen kennenlernt, auf denen auch ein Aufbau von solchen Ergebnissen ruht, wie ich sie heute skizzenhaft angegeben habe, der weiß, dass diese Geisteswissenschaft gut begründet ist. Aber ist auch nicht erstaunt darüber, nach den Erfahrungen, die die Wahrheit und die sonstigen Leistungen der Menschheit oft gemacht haben, wenn diese Geisteswissenschaft heute noch Widersacher findet; erstaunt wird er über diese Widersacher selber nicht sein. Aber eines wird er aus ihr schöpfen müssen, dass es seine Pflicht ist, sich an einen gewissen Goethe’schen Spruch zu halten, der da ungefähr heißt: «Das Wahre, wenn es erkannt ist, kann gegenüber den landläufigen Irrtümern nicht anders ankommen, als dass es sich immer wieder und wiederum ausspricht.» Denn die Irrtümer werden sich immer wieder und wieder geltend machen, und man kann ihnen nur dadurch begegnen, dass man ihnen immer wiederum das Wahre entgegenstellt.

[ 81 ] Nicht etwa von der Wahrheit der Geisteswissenschaft selber rede ich hier am Schlusse, die muss jeder aus einem ausführlicheren Bekanntwerden mit dieser Geisteswissenschaft kennenlernen, sondern davon rede ich, dass derjenige, der das Schicksal der Wahrheit in der Menschheit anblickt, dass der aus diesem Schicksal der Menschheit, wenn er von Geisteswissenschaft durchdrungen ist, die Empfindung schöpfen muss zur Verpflichtung, dass gegenüber den Entstellungen, die Geisteswissenschaft immer wieder und wiederum erleidet, der, der von ihr durchdrungen ist, auch immer wieder und wieder von ihrer wahren Gestalt sprechen muss, ihre wahre Gestalt den Zeitgenossen ins rechte Licht rücken muss. Von solchen Voraussetzungen gehen die Vorträge aus, die ich an verschiedenen Orten halte, und nicht von anderen Voraussetzungen. Sie gehen aus davon, anzuregen, nicht zu überreden, anzuregen von demjenigen, dessen tiefere Fundierung man finden wird, wenn man sich einlässt auf all dasjenige, was wirklich solchen Ergebnissen zugrunde liegt, wie ich es heute ausgesprochen habe.

[ 82 ] Steht man zu diesen Dingen in der rechten Gesinnung, dann baut man sein Leben auf sie auf, sodass man sagen darf ihnen gegenüber: Sind diese Dinge Wahrheit, so werden sie sich durchringen. Denn die Wahrheit wird sich so entwickeln in kürzerer oder längerer Zeit, dass man ihr gegenüber sagen muss, dass die Wahrheit eben doch in der Welt zum Schluss den Sieg davontragen muss.