Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a
2 Dezember 1916, Zurich
Menschenseele und Menschenschicksal im Verhältnis zur Weltentwicklung vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Über die Beziehungen desjenigen, was von mir hier Geisteswissenschaft oder Anthroposophie genannt wird, zu den naturwissenschaftlichen Weltanschauungsströmungen der Gegenwart erlaubte ich mir vor einiger Zeit hier zu sprechen. In Anknüpfung daran durfte ich dann vor einigen Wochen einen Vortrag halten, in dem schon hingewiesen worden ist auf ganz bestimmte Erkenntnisse, welche durch diese Geisteswissenschaft für das menschliche Leben erweitert werden sollen.
[ 2 ] Heute möge es mir gestattet sein, einige Erweiterungen desjenigen vorzubringen, was in den letzten Vorträgen hier von mir gesagt geworden ist. Um nicht in Wiederholungen zu verfallen, wird es gestattet sein, heute gewissermaßen dasjenige vorauszusetzen, was in den letzten Vorträgen ausgeführt worden ist. Und da gewissermaßen das Thema des heutigen Abends ein Unermessliches ist, [möchte ich] in mehr erzählender Form von den Erfahrungen und Erlebnissen des Geistesforschers, die ihn zu seinen Ergebnissen führen, sprechen. Dabei allerdings werde ich noch mehr als bei den vorherigen Vorträgen die verehrten Zuhörer bitten müssen, zu berücksichtigen, dass Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, erst im Anfange ihrer Entwicklung ist, und dass manches daher aus ihrem Gebiete heute noch paradox, ja vielleicht phantastisch erscheinen muss, phantastisch umso mehr, wenn es eben in mehr erzählender Form ohne die beweisende Grundlage vorgebracht wird. Große Fragen werden heute zu beantworten sein, denen gegenüber die Gegner der Geisteswissenschaft in ihrer Gegnerschaft nicht nur so verfahren, wie man sonst im wissenschaftlichen oder im Lebenskampfe verfährt, sondern sie verfahren mit einer viel größeren Leidenschaftlichkeit. Man möchte sagen, das erscheint durchaus begreiflich, obwohl es bis zu einem gewissen Grade unverstanden bleibt, und man immer wieder und wiederum nicht eigentlich bei solchem Kampfe eingeht auf den wirklichen Inhalt der Geisteswissenschaft, sondern sich es herausnimmt, Zerrbilder, Karikaturen, wie man sie selber haben will, von dieser Geisteswissenschaft zu schaffen, und dann eigentlich kämpfen will nicht gegen dasjenige, was Geisteswissenschaft wirklich sagt, sondern gegen diese selbstgeschaffenen Zerrbilder und Karikaturen.
[ 3 ] Aber andererseits erscheint es doch begreiflich, dass solche Gegnerschaft, leidenschaftliche Gegnerschaft, sich ergibt, weil ja Geisteswissenschaft nicht nur sich verbreitet über dasjenige, was gewissermaßen abgesondert von uns draußen in der Welt der Natur und des Sinnenscheins sich ausbreitet, sondern weil Geisteswissenschaft unmittelbar ergreift dasjenige, was des Menschen innerstes Wesen, was des Menschen innerste Erlebnisse sind. Innerstes Wesen, innerste Erlebnisse des Menschen berührt man, wenn man über die Seelenfrage im Zusammenhange mit der menschlichen Schicksalsfrage Betrachtungen anstellt. Denn im Grunde genommen fühlt es doch jeder Mensch, dass er bis zu einem hohen Grade in jedem Augenblicke das Ergebnis seines Schicksals selber ist, sodass man also unmittelbar an das allerintensivste Menschenrätsel appelliert, herantritt, wenn man über die Schicksalsfrage spricht.
[ 4 ] Nun will ich aus dem schon angedeuteten Grunde absehen von der Art und Weise, wie die Seele dahin gelangen kann, gewisse innere, für das gewöhnliche Leben verborgene Erkenntniskräfte zu entwickeln, die aber entwickelt werden müssen, wenn man in die Geheimnisse des Seelenlebens wirklich eindringen will. Denn grade auch wiederum in den heutigen Betrachtungen wird es sich zeigen, dass die hier gemeinte Geisteswissenschaft oder Anthroposophie in keiner Art in einen wirklichen Widerstreit gerät mit den [großen] Fortschritten der modernen naturwissenschaftlichen Forschung. Aber auf der anderen Seite muss sie völlig sowohl einverstanden — wie in Gegnerschaft sein — sein mit gewissen Voraussetzungen dessen, was sich heute oftmals naturwissenschaftliche Weltanschauung nennt. Übereinstimmen muss sie mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung insofern, als diese naturwissenschaftliche Weltanschauung von Grenzen des Erkennens redet. Diese Grenzen des Erkennens sind durchaus vorhanden. Aber sie sind vorhanden nur solange, als man stehen bleibt bei denjenigen Erkenntniskräften, die sich gewissermaßen von selber für den Menschen ergeben im naturgemäßen Verlauf seines Lebens. Möglich ist es aber, dass der Mensch seine Seele in Selbstzucht nimmt und im gewöhnlichen Dasein in ihm schlummernde Kräfte aus den Tiefen des Seelenlebens heraufholt. Dadurch werden dann zur eigentlichen Seelen- und Geisteserkenntnis die mit Recht gekennzeichneten Grenzen für das naturwissenschaftliche Erkennen überschritten. Und da gelangt der Geistesforscher zuerst zu derjenigen Erkenntnisform, Erkenntnisart, welche ich mir erlaubte in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» die imaginative Wissenserkenntnis zu nennen.
[ 5 ] Diese imaginative Erkenntnis soll nicht sein irgendetwas bloß Eingebildetes, sondern etwas auf reale Weise aus den Tiefen der Seele heraus Entwickeltes. Wie diese imaginative Erkenntnis entfaltet wird, das bitte ich Sie nachzusehen in den eben angeführten Büchern, denn es würde, wenn ich es ausführte, ein Wiederholen bedeuten desjenigen, was in früheren Vorträgen hier von mir gesagt worden ist. Aber hingedeutet werden soll auf dasjenige, was eigentlich in der Menschenseele vorhanden ist, wenn der Geistesforscher in imaginativer Erkenntnis sich befindet.
[ 6 ] Im gewöhnlichen Leben, im Verkehr mit der Außenwelt, im wissenschaftlichen Betriebe, entfaltet der Mensch dasjenige, was wir kennen als Vorstellen, Fühlen und Wollen. Andere Kräfte — Kräfte, die Steigerung dieser Kräfte sind — werden entfaltet, wenn der Mensch zur imaginativen Erkenntnis gelangt. Diese imaginative Erkenntnis wurzelt allerdings im gewöhnlichen Denken und insofern ist die Erlangung dieser imaginativen Erkenntnis durchaus nichts Wunderbares, aber sie muss erst herausgeholt werden. Wie der Stamm und die Blätter einer Pflanze aus der Wurzel herauswachsen müssen, so muss imaginative Erkenntnis aus dem gewöhnlichen Denken herauswachsen. Diese imaginative Erkenntnis, ich möchte sie nur dem Geiste nach in ihrem Hervorgehen aus dem Denken andeuten, alles Genauere eben bleibt dem Nachsehen in den angeführten Büchern überlassen.
[ 7 ] Der Geistesforscher gelangt unter den geschilderten Wegen und Übungen, die er vorzunehmen hat, dazu, an dasjenige wirklich heranzukommen, was man sonst nur theoretisch «Grenzen des Erkennens», des gewöhnlichen Erkennens, nennt. Dadurch kommt er wirklich im Leben an diese Grenzen des Erkennens heran, dass er sein Denken konzentriert, dieses Denken immer intensiver und intensiver macht. Gerade durch angestrengtes, intensives Denken gelangt man dazu, an die Grenzen, an das Äußerste dieses Denkens zu kommen. Dann tritt der Augenblick ein, wo man ganz genau fühlt: Die Wirklichkeit geht weiter, als dieses Denken geht. Man kann mit dem Denken nur dem Lauf der Wirklichkeit nicht folgen, weil man mit diesem Denken an das Werkzeug des Leibes oder das Werkzeug des Gehirns gebunden ist. Da tritt der Augenblick ein, wo man erlebt eine Grenze des gewöhnlichen menschlichen Seelenseins, der Augenblick, wo man weiß, dass die naturwissenschaftliche Annahme voll berechtigt ist, dass dieses gewöhnliche Denken an das Hirn gebunden ist und nicht weiterkann als eben der Wille, der herausspricht aus der Anstrengung, die man entwickelt mithilfe des leiblichen Werkzeuges. Aber um das recht einzusehen, muss man es erleben, muss man dahin kommen, zu sehen, wie die Wirklichkeit weiter ist als dasjenige, was man mit dem Denken erreichen kann. Dann muss man — und wird dieses durch die öfter hier charakterisierten Übungen erreichen — die notwendige innere Seelenruhe entfalten können, um gewissermaßen bei der weiteren Operation, die nun eintreten muss in der Seele, nicht mehr mit seinem beschränkten Leibesdenken, Hirndenken, dabei zu sein, sondern gewissermaßen das Denken selber sich selbst, dem eigenen Leben, zu überlassen. Aber das bedeutet nicht, dass man in einen unbewussten Zustand verfällt. In demjenigen Bewusstsein, das man bis dahin entwickelt hat, das einen begleitet hat, indem man das Denken bis an seine Grenzen getrieben hat, mit diesem Bewusstsein muss man alle Vorgänge weiterverfolgen /unklare Stelle], [aber] man [muss nun] dem Denken freien Lauf lassen, zuschauen demjenigen, was nun in der Seele geschieht, während man vorher — das weiß man genau —, der Denker selbst war.
[ 8 ] Man erlebt jetzt in einer ganz intensiven Weise, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was man nennen kann, das Ich-Denken. Das, [was] sonst immer in uns lebt, geht nun über in dasjenige, was man nicht anders bezeichnen kann als: «Es denkt in uns.» Man fühlt neue Kräfte, gewissermaßen auf den Wogen des nun sich selbst überlassenen Denkens dahinziehen, Kräfte, die man vorher nicht gekannt hat, von denen man aber jetzt weiß: Sie sind fortwährend in der Seele. Man hat nichts irgendwie zur Seele hinzugebracht, sondern nur dasjenige sich ins Bewusstsein hineingebracht, was fortwährend auch sonst in der Seele ist. Welche Kräfte hat man jetzt denn eigentlich entdeckt? Denn man hat Kräfte entdeckt, die man bewusst vorher nicht gekannt hat.
[ 9 ] Wenn man auf die gewöhnlichen Kräfte des alltäglichen Lebens sieht, so sind es diejenigen Kräfte, die man mit seinem Bewusstsein verfolgen kann, die dadurch entstehen, dass man die Dinge der Umwelt wahrnimmt und man mit seinem Denken die Dinge der Umwelt verbindet, daraus Begriffe, Ideen bildet, dass man seine Sinne entfaltet und so weiter, und so weiter. Ich möchte sagen: Dasjenige, was vorgeht im alltäglichen Leben, das liegt zwischen Wachen und Schlafen, das nimmt man mit dem gewöhnlichen Bewusstsein wahr. Jetzt fließen in das Denken Kräfte, die über dieses alltägliche Leben hinausgehen, von denen man jetzt weiß, da man sie ja in ihrer Qualität, in ihrer Wesenheit erlebt: Es sind Kräfte, die gleichartig sind mit denjenigen, die von unserer Geburt bis zu unserem Tode im physischen Leib unser organisches Wachstum begleiten, die uns nicht nur lassen durch unsere Augen anschauen Farben, nicht nur lassen durch unsere Ohren hören Töne, die uns nicht nur den Verlauf von Tag und Nacht verfolgen lassen und desjenigen, was geschieht im äußeren Dasein und [was] unter dem Einfluss von Tag und Nacht verläuft, sondern diejenigen Kräfte entdecken wir auf diesem Wege, welche Bildekräfte sind in unserem Organismus. Wir entdecken diejenigen Kräfte, durch die wir von kleiner Kindheit aufwachsen, größer und größer werden, diejenigen Kräfte, durch die wir unsere Organe ausbilden; wir entdecken diejenigen Kräfte, die aus der geistigen Welt heraus sich betätigen, um in unserem Leib mit allen seinen einzelnen Teilen ein Abbild zu schaffen, ein physisches Abbild. Was uns sonst der Tag ist, das wird uns der Verlauf des menschlichen Lebens dadurch zwischen Geburt und Tod. Wir überschauen gleichsam die Kräfte, die dieses umspannen. Und deshalb habe ich mir erlaubt, die Erkenntnis, die sich auf diese Weise ergibt, auf dieser Stufe ergibt, die imaginative Erkenntnis zu nennen, weil sie zu ihrem Inhalte die Bildekräfte des Organismus hat, weil wir dann in demjenigen Element leben, welches die innere Wesenheit desjenigen darstellt, was unsere materiellen Stoffe und Kräfte gestaltet und bilder.
[ 10 ] Lassen Sie uns, sehr verehrte Anwesende, noch einmal zurückkommen auf dasjenige, was über das Anlangen an der Grenze des Denkens, des Vorstellens gesagt worden ist. Man muss, sagte ich, die Ruhe haben, um nunmehr das Denken seinem eigenen Laufe zu überlassen, die Bildekräfte einfließen zu lassen in den Gang, den Lauf, den Strom des Denkens und nun anschauen diese Bildekräfte in diesem Strome des Denkens. Da sieht man dann einem eigentümlichen Prozesse zu. Man sieht — geradeso wie man verbunden ist im physischen Leben, sagen wir mit dem Erdboden, auf dem man steht, steht durch die Schwerkraft —, wie man verbunden ist durch die Berührung mit den anderen Gegenständen des Lebens, wie man verbunden ist durch die Atmung mit der Luft und so weiter, und so weiter. So sieht man sich in wirklicher Imagination, das heißt in einem Anschauen, das nur lebendiger ist, aber sonst dem begrifflichen Anschauen ähnlich ist, nur lebendiger ist und schon aus diesem Grund imaginativ, bildhaft, genannt werden darf. Man sieht sich hineingestellt in eine neue Welt, eine Zeit [Lücke].
[ 11 ] Stoßen Sie sich nicht an Ausdrücken und Worten; man muss manche ja gebrauchen, um Dinge zu bezeichnen, die man eine «ätherische Welt» nennen kann; eine Welt, die viel geistiger ist; eine Welt, in der man nun drinnen steht und aus der man sieht, wie die Bildekräfte herauskommen geradeso, wie mit der Nahrung die physischen Bildeprinzipien eintreten. Wie mit der Luft die Atmung möchte eintreten, so treten die charakterisierten Bildekräfte aus einer besonderen Welt, aus einer ätherischen Welt ein. Und mit dieser ätherischen Welt sieht man sich nun in Verbindung. Man fühlt sich herausgehoben aus dem physischen Dasein, verbunden mit einer ganz neuen Welt, mit einer ätherischen Welt, der man mit seinem eigenen ätherischen Leben oder Leib angehört, wie man mit seinem physischen Leib der physischen Umgebung angehört.
[ 12 ] Es tritt also, wenn das Denken sich selbst überlassen bleibt, imaginative Anschauung ein. Und dasjenige — [alles, was das Leben belebt], die Lebensprinzipien durchdringend —, es kann nur angeschaut werden, es kann nie erdacht werden, nie durch Hypnose wirklich gefunden werden, nie durch irgendeine Naturwissenschaft gefunden werden. Es kann nur angeschaut werden, wenn man also wirklich die Seele hinzulenken vermag auf die Bildekräfte.
[ 13 ] Nun, um eine genauere Vorstellung vielleicht noch zu erwähnen von dem, was hiermit eigentlich gemeint ist, möchte ich den Unterschied angeben, der sich für den also imaginativ Erkennenden ergibt zwischen den Tieren und den Menschen. Für denjenigen, der in diese imaginative Erkenntnis eingetreten ist, für den, sehr verehrte Anwesende, hat die Welt nun wirklich mehr Inhalt als die bloß physische Welt. Vor allen Dingen tritt zu dem gewöhnlichen Inhalt hinzu die Möglichkeit, den Menschen in seinem Lebenslaufe nun nicht bloß bis zum Tode zu verfolgen, und zu schen, wie das leibliche Leben erlöscht, sondern ihn eben gewissermaßen noch weiter zu verfolgen wenigstens für einige Tage, um zu sehen wie — wenn der gewöhnliche physische Tod eingetreten ist — noch etwas fortlebt, fortlebt gerade von der Art des Daseins, der Wesenheit, wie es durch imaginative Erkenntnis geschaut werden kann. Dasjenige, was da noch tagelang vom Menschen fortlebt, nachdem der physische Tod eingetreten ist und mit dem Menschen als Seelenwesen verbunden bleibt, das ist eben das, was man den ätherischen Leib nennen kann. In diesem ätherischen Leib ist enthalten alles dasjenige, was sonst mit den Wachstums-, mit den Bildekräften des Menschen verbunden ist. Aber auch alles Lebendige — ich möchte zunächst nur auf den Menschen und auf die Tiere reflektieren —, alles Lebendige erscheint in dieser ätherischen Welt durchtränkt, erscheint also mit den Bildekräften durchsetzt, die der imaginativen Erkenntnis zugänglich sind.
[ 14 ] Sehen wir uns das Tier nun an in imaginativer Erkenntnis, so erscheint das Tier so, dass man sagen muss: Alles, fast alles, was an Bildekräften geschaut werden kann am Tiere, das ist innig verbunden mit demjenigen, was an physischer Form, an physischer Gliederung, an physischen Organen sich im Tier ausgebildet hat. Das Tier hat diesen ganzen ätherischen Leib, ich möchte sagen ganz hineingeschoben und innig verbunden mit seinem physischen Leib. Dieser ätherische Leib hat im Tiere die Möglichkeit gefunden, ein vollständiges Abbild desjenigen zu schaffen, was er gewissermaßen will.
[ 15 ] Ein Ähnliches ist für den menschlichen ätherischen Leib nicht der Fall. Etwas ähnlich, sehr verehrte Anwesende, ist für den menschlichen ätherischen Leib nur derjenige Teil, welcher sich auf das menschliche Haupt bezieht. Denn so sonderbar es klingt, so paradox es sich ausnimmt: Für den, der die Welt durchschaut mit imaginativer Erkenntnis, ist nicht das Haupt das Geistigste, sondern es ist dasjenige, was sozusagen am festesten, am intensivsten in die physische Welt heruntergestiegen ist. Das heißt, im Haupte hat der ätherische Leib am allermeisten seinen Ausdruck gefunden in dem, was physisch vorhanden ist, sodass der ätherische Leib des Hauptes noch am ehesten ähnlich ist dem ätherischen Leibe, wie ich Ihnen gerade über seine Verhältnisse zum physischen Leib geschildert habe für die Tierwelt. Dagegen hat für den übrigen Menschen, für die übrige menschliche Organisation, der ätherische Leib nicht voll, ich möchte sagen [Ausdruck gefunden] in die Form des physischen Leibes. Die Formen des übrigen physischen Leibes sind zwar in einer gewissen Art Ergebnis der Bildekräfte des ätherischen Leibes, nur der Ätherleib hat in sich noch gewisse Bildekräfte zurückbehalten, die nun allein ätherisch, das heißt viel geistiger sind als es physische Wesenheit ist. Sodass im Menschen etwas vorhanden ist, ätherisch vorhanden ist, was nicht vollständig seinen Abdruck, seinen Ausdruck findet in dem, was physisches Abbild ist.
[ 16 ] Dies Ganze wird dadurch bewirkt, sehr verehrte Anwesende, dass der Mensch so organisiert ist, dass er einen aufrechten Gang haben kann; denn dieses intensivere Zum-Ausdruck-Kommen des ätherischen Leibes im physischen Leib beim Tiere, das wird dadurch wohl bewirkt, dass die Kräfte, die ätherisch von der Erde aus wirken, auf das Tier sehr stark wirken wegen seiner Lage zur Erde, sodass seine Hauptachse, die durch das Rückenmark geht, parallel gewissermaßen mit der Oberfläche der Erde wurde in der Hauptachse. Dass der Mensch so organisiert ist, dass er sich senkrecht auf die Oberfläche der Erde erhebt, dadurch entzieht er seinen Organismus den unmittelbaren Einflüssen der Erde. Er öffnet [seinen Organismus] dadurch nach der Seite hin, möchte ich sagen dem ganzen Weltenall und seiner ätherischen Einwirkung. Dadurch gelangt der Ätherleib im Menschen nicht so zur vollen Entfaltung, geht nicht so tief in das physische Wesen hinein wie beim Tiere, bleibt zurück als ätherische Bindung.
[ 17 ] Nun, auf diese Weise erblicken wir also durch imaginative Erkenntnis eine ganz neue Welt. Aber diese Welt bleibt zunächst ziemlich unverständlich. Das [Wesentliche] aber muss ganz außerordentlich betont werden. Und dieses [Wesentliche] besteht darin, dass in jedem Stadium, in dem der Mensch als Geistesforscher in diese imaginative Welt eintritt, selber mit seinem vollen Bewusstsein dabei ist, sodass er den Übergang vom gewöhnlichen Denken und Vorstellen zu dem, was sich als Imagination ausbreitet, wie sich sonst das Sonnenlicht beim Sonnenaufgang ausbreitet, sodass er bei diesem ganzen Übergang voll bewusst ist. Daher ist ausgeschlossen, sehr verehrte Anwesende, beim Erlangen dieser wirklichen imaginativen Erkenntnis, alles dasjenige, was erreicht wird und auf was heute zuweilen so großer Wert gelegt ist, ausgeschlossen alles dasjenige, was auf Suggestion, Hypnotismus, was auf der sogenannten Mediumschaft beruht. Die Entwicklung, welche die Seele nimmt bei einer Wirkung von Hypnotismus, bei irgendeiner suggestiven Behandlung, bei der Erreichung der Mediumschaft, der Weg, den die Seele dabei macht, der ist der Entgegengesetzte dem gegenüber, den ich eben geschildert habe zum Erreichen der imaginativen Erkenntnis. Denn bei all den Wegen, die auf Hypnotismus und so weiter beruhen, wird das Bewusstsein des Menschen herabgedrückt, herabgedrängt. Es wird dasjenige gerade ausgeschaltet, was zu einer besonderen Intensität getrieben werden muss beim imaginativen Erkennen. Man sieht — gestatten Sie, dass ich diese Bemerkung mache — wie abgeneigt die heutige Selbstgelehrtenwelt dem Wege ist, der als solcher Weg zur imaginativen Erkenntnis geschildert geworden ist eben —, wenn man sieht, wenn man bemerkt, wie diese Welt zur Erkenntnis des Übersinnlichen viel lieber greift zum Mediumismus, zu allerlei ähnlichen Seelenwegen wie diejenigen sind, die eben durch den Mediumismus erlangt werden können.
[ 18 ] Wurde doch in den letzten Tagen gemeldet, dass einer der bedeutendsten Gelehrten der Gegenwart, Sir Oliver Lodge, bei einem erschütternden Ereignis in seiner Familie durch den im Kriege erfolgten Tod seines Sohnes überzeugt worden ist von dem Dasein der Seele seines Sohnes in der übersinnlichen Welt durch gewisse Erfahrungen, die er mit Medien gemacht hat. Es ist allerdings, ich möchte sagen, dieser Weg durch Medien bequemer als der Weg, der ein rein innerer ist und der eine ungeheuer viel größere geduldvolle Anstrengung erfordert als das Versetzen eines Mediums in einen herabgedämpften Bewusstseinszustand, in eine sogenannte Trance, und dann das Erfahren gewisser Manifestationen, die dann durch das Medium berichtet werden. Aber gesagt werden muss, sehr verehrte Anwesende, dass dadurch, dass das gewöhnliche Bewusstsein herabgedrängt wird, die Seele also gleichsam nicht ins Überbewusste steigt — wie das [aber] bei der Erlangung der imaginativen Erkenntnis der Fall ist —, sondern ins Untersinnliche hinuntersteigt, tiefer in den Leib hineinsteigt, dass dadurch dasjenige, was aus dem Medium herauskommt, all die Trübungen erreicht, welche da durchgehen durch das Seelische. Denn das Seelische allerdings dringt ein, setzt sich tiefer herunter in das Physische beim Medium. Dadurch aber vermischt sich dieses Seelische mit dem Physischen, und es muss alles dasjenige, was nun die Seele offenbart, durchmischt mit dem Physischen sein.
[ 19 ] Dadurch aber, sehr verehrte Anwesende, wird gerade diejenige Kraft in der menschlichen Seele zu, ich möchte sagen zu Abwegen geführt, die man braucht, wenn man ins Überbewusstsein, in das Übersinnliche hinaufsteigt. Was das Medium abtötet, das wird gerade gebraucht, und dadurch, dass man es bewusst gebraucht, dadurch wird es von seinen Abwegen hinweggeführt, wird ihm seine [Dumpfheit] genommen, und es wird gerade verwendet, um in der Regel Licht hineinzubringen, Beurteilungsvermögen hineinzubringen in die übersinnlichen Welten. Man kann sagen, dass der Geistesforscher gerade diejenigen Kräfte zur höchsten Entfaltung, zur höchsten Entwicklung bringt, um bewusst die geistige Welt anzuschauen, welche herabgedrängt, herabgedrückt werden, und dadurch ins Tierreich hineingedrängt werden, dadurch aber auch dazu gebracht werden, das wirklich Geistige zu verdunkeln, zu trüben, in allerlei Illusionen zu tauchen.
[ 20 ] Aber es wird noch, ich möchte sagen, durch etwas dieser Weg — durch dass [das] Medium sich verbindet mit der übersinnlichen Welt — für die heutzutage so materialistische Welt gangbar gemacht. Dasjenige, was das Medium vorbringt, es kleidet sich in die Worte des gewöhnlichen Lebens, gleichgültig, ob das durch Tischklopfen geschieht oder ob es durch Schreibmedien, durch automatisches Schreiben geschieht. Es wird dasjenige, was durch das Medium kommt, hineingedrängt in Verbindungen, die man kennt von dem gewöhnlichen Leben, kennt durch die Sprache, durch die Schrift und dergleichen. Der Geistesforscher erfährt, indem er sich schon durch die imaginative Erkenntnis der geschilderten Art ins Übersinnliche erhebt, dass nichts von dem, was also nur im physischen Leben geübt und gelernt wird, wie unser Geist, wie auch die an die physischen Werkzeuge gebundene Sprache ein wirkliches Ausdrucksmittel für ein geistiges Wesen sein kann.
[ 21 ] Man muss, indem man sich zur imaginativen Erkenntnis erhebt, auch sich zu höheren Ausdrucksmitteln erheben. Es kann allerdings sein, dass eine bedeutsame Einschränkung eintritt gerade bei diesen Welten. Ich habe ja schon erwähnt, und ich werde gleich nachher auf diese Dinge noch genauer eingehen, dass, nachdem der physische Tod des Menschen eingetreten ist, dasjenige, was ich charakterisiert habe als den Zusammenhang der Bildekräfte, den ätherischen Leib, dass das noch einige Tage mit dem eigentlichen Seelenwesen des Menschen, das nun in die geistige Welt eintritt, durch die Pforte des Todes, verbunden bleibt, dann sich löst, sodass der Mensch seinen Ätherleib ablegt einige Zeit nach dem Tode, wie er im physischen Tode seinen physischen Leib abgelegt hat. Wie nun der physische Leib mit den Kräften der Erde sich verbindet, wie er durch seine Kraft aufgelöst wird, so geht über in die allgemeine Ätherkraft der ätherische Leib. Dieser ätherische Leib trägt allerdings die Reste desjenigen an sich, was er geübt, gelernt hat zwischen der Geburt und dem Tode im physischen Leib. Es kann dieser ätherische Leib daher noch die Rudimente, sagen wir, der Schreibkunst, die Rudimente sogar des Sprachvermögens in irgendeiner primitiveren Weise — sei es durch Schreiben, sei es durch Tischklopfen, mit diesen Mitteln — äußern. Aber man hat es nicht zu tun mit dem, was sich da äußert, mit einem wirklichen geistigen Leben, einem wirklichen übersinnlichen Wesen, wie es der Mensch ist, wenn er durch die Pforte getreten ist. Man hat keine Verbindung mit dem wirklichen Menschen, sondern mit demjenigen, was er als seinen Ätherleib abgelegt hat. Das ist wichtig, festzuhalten, dass man es nur mit dem gewissermaßen feineren Leichnam zu tun haben kann, wenn man es überhaupt mit etwas zu tun hat. In den Fällen, in denen auch der Geistesforscher, wo es möglich ist, einmal feststellt: Nicht um einen bloßen Schwindel handelt [es sich], um den es sich ja in den weitaus meisten Fällen auf diesen Gebieten ja auch handelte. Aber auf keinen Fall hat man es zu tun — wenn es sich um ein wirkliches Äußern der geistigen Welt handelt —, was nur im physischen Leib für die physische Welt durch dessen Kräfte geübt wird. Aber wir haben ja in der letzten Zeit sogar sehen müssen, dass der heutige Sinn unserer Zeit — dem [der Mensch] schon nicht mehr widerstehen kann, den Sehnsuchten nach der geistigen Welt, weil sie [einmal] vorhanden sind — sogar, ja, verzeihen Sie den harten Ausdruck, nicht nur auf das Pferd, sondern sogar auf den Hund gekommen ist.
[ 22 ] Wir haben kennengelernt all die Mitteilungen über rechnende Pferde, über rechnende Hunde, über Forschungsaffen, Mitteilungen über einen rechnenden und auch sonst außerordentlich weisen Affen; und man könnte glauben, man glaube in gewissen Kreisen, dass dasjenige, was aus der geistigen Welt heraus das Tier ergreift, wirklich in einer ähnlichen Weise zum Ausdruck kommen kann wie dasjenige, was den Menschen bildet, [wie] die besondere Beschaffenheit seines menschlichen Leibes lernt das Rechnen zum Beispiel. Es hat sich allerdings ja in letzter Zeit auch schon für die physische Entwicklung herausgestellt, dass die ganze Sache eine Illusion war, dass es sich um nichts [weiter] handelt als um eine Art von intensivem Eingehen auf gewisse feine Äußerungen der Seele des Dresseurs, desjenigen, der die betreffenden Tiere erzogen hat. Ich kann auf das Thema weiter nicht eingehen; es würde zu weit führen. Aber ich wollte es nur erwähnen, um zu zeigen, wie man sich Missverständnissen auch da auf diesen Gebieten hingeben kann, wenn man keine Ahnung davon hat, dass das wirklich Geistige, das wirklich Übersinnliche, eben jenseits desjenigen steht, was mithilfe des menschlichen physischen Leibes erworben wird.
[ 23 ] Ich sagte, der Geistesforscher darf nun nicht stehen bleiben bei der imaginativen Erkenntnis, weil diese als solche eine unverständliche Welt liefert. Aber er will wirklich — auch schon durch den eigenen Gang, den er nunmehr angetreten hat und der in sich selber den [Drang] nach Fortschritt ergibt —, er will nicht dabei stehen bleiben. Man muss allerdings sich bekannt machen, wenn man diese Dinge durchschauen will, mit einer besonderen Eigenartigkeit der Geistesforschung. Bei der gewöhnlichen Wissenschaft, im alltäglichen Leben verwenden wir unsere Seelenkräfte dazu, zu denken, zu fühlen, um zu gewissen Ergebnissen zu kommen. Wir erarbeiten uns sogleich dasjenige, was wir dann haben, als Ergebnis. So ist es nicht, wenn es sich um den Gang in die geistige Welt hinein handelt. Die geistige Welt können wir gewissermaßen nicht an den Haaren herbeiziehen, so wie wir unsere Vorstellungen uns erarbeiten durch unseren eigenen Willen. Das können wir nicht gegenüber der geistigen Welt. Und so sorgfältig, ja, viel sorgfältiger wir auch arbeiten müssen, viel wissenschaftlicher noch als in der gewöhnlichen Wissenschaft wir denken müssen, innerlich arbeiten müssen: Dasjenige, was wir so an Arbeit verrichten können, was die Seele so schafft, innerlich, das alles ist nur Vorbereitung, damit die Seele in einen Zustand kommt, in dem sie fähig wird, die geistige Welt in sich einfließen zu lassen.
[ 24 ] Wie ist das eigentlich? Ich möchte einen Vergleich wählen, um aufmerksam auf dasjenige zu machen, auf das es ankommt. Wir brauchen nur ein allseitig geschlossenes Gefäß auszupumpen, die Luft herauszupumpen, und es leer zu machen von Luft. Wenn es nun leer ist und wir es an einer Stelle öffneten, ein Loch hineinbohrten, so wird von außen die Luft einströmen. Dass die Luft einströmt, dazu brauchen wir nichts zu tun, als die nötigen Vorbereitungen zu machen. In das Leergewordene des Raumes strömt die Luft ein. Dasjenige, was der Geistesforscher mit denjenigen Übungen, die er verrichtet, wirklich erreicht, das ist gewissermaßen: Die Seele, bis zu dem Punkt zu bringen, wo die geistige Welt einströmt. Deshalb ist es nicht ein passives Sich-Hingeben, nicht ein solches Grübeln, nicht dasjenige, was man so oft als eine verworrene nebulöse Mystik schildert, sondern es ist ein, ich möchte sagen hartes inneres Arbeiten. Aber dieses Arbeiten ist alles Willensvorbereitung, dasjenige in uns darauf hinzulenken, die Seele tauglich zu machen, [unklare Passage], dass sich die Welt des Geistes ihr ergibt. Deshalb wird auch, wenn der Geistesforscher in imaginativer Erkenntnis so weit vorgerückt ist, dass seine Imaginationen wirklich intensiv sind, dass sie wirklich dasjenige darstellen, was keineswegs Halluzinationen sind — derjenige, der das, was ich geschildert habe, mit Halluzinationen verwechselt, der zeigt zugleich, dass er es vollständig missversteht —, aber wenn der Geistesforscher dazu gekommen ist, nun wirklich in seiner imaginativen Welt zu leben, so wird er rein durch die Fortsetzung des fortdauernden Lebens in dieser imaginativen Welt dahin drängen, dass sich eine Art von Willenswesenheit in seine Imaginationen ergießt. So wie ein Unterschied ist zwischen dem Zustande des gewöhnlichen Menschen in der physischen Welt, der bloß dasitzt und denkt, und demjenigen Menschen, in den der Wille gleichsam hineinpulsiert, der aufsteht, der an die Arbeit geht, so tritt der Übergang ein von der imaginativen Welt zu dem Durchsetzt-Sein der imaginativen Welt vom Willen; aber jetzt von einem Willen, der nicht wie unser menschlicher Wille aus unserem Inneren entspringt und zu unseren Handlungen führt, sondern durch einen Willen, der aus der geistigen Welt — da nun mehr als die Imaginationen um uns ist —, der nun mehr aus der geistigen Welt kommt. Und dieser Wille, der macht es nun möglich, dass einem auf dem wirklichen [Boden] der Imaginationen nun nicht bloß die Bildekräfte erscheinen, so wie ich sie geschildert habe, sondern dass erscheinen wirkliche Wesen der geistigen Welt, unter denen wir sind geradeso wie Wesen in unserer physischen Welt unter den physischen Wesenheiten der objektiven Welt sind. Als Seele sind wir [dann] unter geistigen Wesenheiten. Und wenn wir diese Fähigkeit erlangt haben, also als Seele in der Imagination zu leben, in der Imagination, die nun durchsetzt ist von dem Willenselement, das von allen Seiten eingeströmt ist, dann haben wir eine konkrete, aus einzelnen geistigen Wesenheiten bestehende geistige Welt vor uns, nicht eine allgemein Verschwommenes beinhaltende Geistigkeit, die demjenigen, der Geistesforscher ist, gerade so vorkommt, wie wenn er von einer allgemeinen Pflanzheit reden würde, nicht einzelne Pflanzen unterscheiden würde. Eine wirkliche konkrete, aus einzelnen geistigen Wesenheiten bestehenden Geistwelt hat man um sich. Und dieser Zustand der Seele mit diesen Geistwesen, zu denen wir als Seele selbst gehören — nicht nur zwischen Geburt und Tod in einen physischen Leib eingespannt —, dieses Zusammensein mit diesen Geistwesen, der Zustand, der durch dieses Zusammensein mit den Geistwesen als ein geistiges Wahrnehmen in unserer Seele lebt, der ist nunmehr eine höhere Stufe der Geisterkenntnis. Und das, was ich mir erlaube, Inspiration zu nennen — wobei man alle gewöhnliche Inspiration als ungleichen Begriff, der mit dem [Wortgehalt] verbunden ist, allerdings beseitigen muss —, ist lediglich das gemeint, was zunächst hier geschildert worden ist.
[ 25 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man die Seele wirklich erhoben hat zu dieser Inspiration, dann ergibt sich die Möglichkeit, Kräfte in seiner geistigen Wahrnchmung zu haben, die nun nicht bloß die Bildekräfte sind unseres physischen Leibes, wie er sich entwickelt zwischen Geburt und Tod, sondern diejenigen Kräfte sind, welche sich verbinden mit demjenigen, was durch die physische Vererbung geworden ist in dem Sinne, wie ich das neulich im Vortrage angedeutet habe: Durch die physische Vererbung unserer Vorfahren [erhalten wir einen] physischen Leib, welcher sich verbindet mit dem, was wir physisch in uns haben aus der geistigen Welt heraus.
[ 26 ] Denn in der Tat, für die inspirierte Erkenntnis stellt sich das Menschenleben als sich verlängernd dar über Geburt und über den Tod hinaus, und man blickt zurück auf Kräfte, welche aus der rein geistigen Welt herauskommen und sich verbinden mit dem, was Vater und Mutter als physischer Leib geben. Diese Kräfte, sie wirken in das gewöhnliche Menschenleben hinein; sie wirken so in das gewöhnliche Menschenleben hinein, dass sie für dieses gewöhnliche Menschenleben eine unbewusste Inspiration sind. Und alles dasjenige, was wir nicht nur als Bildekräfte unseres Leibes erleben, sondern was wir in uns tragen zwischen Geburt und Tod als Entwicklungskräfte unserer Seele, alles dasjenige, was nicht an den physischen Leib bloß gebunden ist, sondern den physischen Leib durchdringt als Seelisches, das wird inspiriert von dem, was auch durch eine lange Zeit sich entwickelt hat zwischen unserem letzten Tode und unserer diesmaligen Geburt, da unsere Seele durchgegangen ist durch eine rein geistige Welt.
[ 27 ] In dieser Zwischenzeit zwischen dem Tod und der Wiedergeburt lebt des Menschen Seele in einer rein geistigen Welt. Da ist sie durchtränkt von den Kräften, die nur durch Inspiration wahrnehmbar sind, wie sie hier durchtränkt ist, wie hier der Mensch als Organismus durchtränkt ist von den physischen Gestalten und physischen Kräften, die der physischen Wahrnehmung zugänglich sind.
[ 28 ] Nun wird man vielleicht heute sogar schon auf einen ganz kräftigen Widerstand stoßen, wenn man davon spricht, dass der Mensch zwischen der Geburt und dem Tode von solchen Kräften entwickelt wird: Seelen, die aus der geistigen Welt herauskommen. Aber man wird nur deshalb auf kräftige Gegnerschaft stoßen, weil sich die heutige materialistische Gesinnung — auch derjenigen, die glauben, wissenschaftlich lange über den Materialismus hinaus zu sein —, weil sich die Wissenschaft dem Wahn hingibt, dass dasjenige, was sich in unserer Seele entwickelt, nur durch die physische Vererbung von den Vorfahren kommen könne, sich nur durch die Physis vererbe. Es wird die Zeit gar nicht mehr sehr ferne sein, sehr verehrte Anwesende, in der man naturwissenschaftlich durchschauen wird, wie groß der Wahn auf diesem Gebiete ist. Man wird studieren, wie Kinder aus derselben Ehe zwar einen gewissen Grundstock von Anlagen gleich haben, die beruhen auf der physischen Vererbung, wie aber diese Anlagen, diese Dispositionen, die auf der physischen Vererbung beruhen, gewisse Wege offenlassen.
[ 29 ] Gottfried Keller sagt in einem kleinen netten Gedichte, dass er einen Schulkameraden gehabt hat; sie hatten beide die Eigentümlichkeit, als junge Knaben etwas in der Phantasie zu leben, die Dinge nicht bloß so zu nehmen, wie sie in der Wirklichkeit sind, sondern etwas in der Phantasie zu leben. Das war jene Eigentümlichkeit, die allerdings an die Besonderheit des physischen Leibes gebunden war. Aber Gottfried Keller betont in dem kleinen Gedicht: Der eine von den zweien, der nicht er war, sondern der andere, der eine von den zweien, der ist ein Dieb geworden, ein Schurke geworden, weil er die Wirklichkeit sich zurechtgelegt hat, in dem Sinne, dass er eben auf Abwege geraten ist. [Keller] aber ist der Dichter geworden — beide von denselben Anlagen ausgehend! Die Entwicklung hat die verschiedenen Wege genommen, indem sie die gleichen Anlagen nach verschiedenen Richtungen gebracht hat. So sehen wir aber auch, [Lücke] Gottfried Keller spricht da nicht von Brüdern, sondern von zwei Bekannten. Aber wir sehen auch an derlei Fällen, wie die gleichen Charakteranlagen nach den verschiedensten Wegen von den innersten Kräften der Seele geführt werden. Heute fangen die Naturwissenschaftler schon an, diese Dinge zu studieren; aber sie können sie noch nicht, zunächst nicht, in der richtigen Weise deuten, weil sie nichts wissen von den Kräften, die aus der übersinnlichen Welt hereinspielen, da sie sie gar nicht hereinlassen wollen. Eine gewisse Summe von bestimmt gerichteten Anlagen — das können wir heute bei Naturforschern finden, man findet das ja überall heutzutage auseinandergesetzt in Quellen — führt dazu, den einen Bruder zum Hochstapler zu machen, den anderen Bruder zum gediegenen Kaufmann zu machen, den dritten vielleicht zum Dichter zu machen.
[ 30 ] Dasjenige, was aus der Vererbung kommt, ist immer, ich möchte sagen der gleiche Grundstock. Dasjenige aber, was sich dieses gleichen Grundstocks bedient, das wird anders /unleserliches Wort] durch dasjenige, was ich hier genannt habe die Kräfte der inspirierten Erkenntnis, die hinaufschauen auf dasjenige, was in den physischen Leib eintritt, und was aus der geistigen Welt kommt.
[ 31 ] Nun habe ich das letzte Mal erwähnt, sehr verehrte Anwesende, wie sich Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, durchaus nicht ablehnend verhält gegenüber dem, was als Vererbungskräfte, Vererbungsprinzipien, mit vollem Rechte von der naturwissenschaftlichen Forschung heute geltend gemacht wird. Wir blicken hin auf irgendeinen Nachkommen, auf die Ahnenreihe, und sehen wie rein naturwissenschaftlich die Eigenschaften, die beim Nachkommen sind, in der Ahnenreihe vorbereitet sind, und der Nachkomme in gewissem Sinne ein Ergebnis der Ahnenreihe ist. Aber ich habe schon das letzte Mal hier ausgeführt: Die geistige Welt, sie ist nicht irgendwo in einem Wolkenkuckucksheim, sie durchdringt die physische, so wie unsere Menschenseele zwischen Geburt und Tod unseren physischen Leib durchdringt, so wie die geistige Welt, in der wir zwischen dem Tod und Geburt [leben], die ganze physische Welt [durchdringt], und sie steht in Verbindung mit dem, was in der physischen Welt hier geschieht. Blicken wir nun hinauf zu der Ahnenreihe, wir können weit, weit hinaufblicken, wir werden sehen, dass in einer gewissen Weise sich zusammenfinden die Kräfte von einer gewissen Seite her, die zuletzt zu der Geburt eines Menschen führen. Und mit der Geburt eines Menschen kommen dann wie summiert die Kräfte der Ahnen zum Ausdruck. Aber indem diese Kräfte nach dem Menschen hingereicht werden, der geboren [werden] will, arbeitet in der ganzen Ahnenreihe, diese mit beherrschend, in ihren Taten mitherrschend, arbeitet dasjenige, was man durch die Inspiration erkennt. In der Tat, Jahrhunderte, bevor wir geboren werden, arbeitet unsere Seele, die eigene Geburt vorbereitend, an dem, was in der Ahnenreihe in den aufeinanderfolgenden Generationen als besondere Eigentümlichkeit sich entwickelt, das dann gipfelt in unseren [besonderen] Eigenschaften.
[ 32 ] Das ist der Vorgang, wie unser Inneres, unser Charakter, unser Temperament, /unleserliches Wort], wie dasjenige, was durch unseren physischen Leib zum Ausdruck kommt, durch uns selber vorbereitet wird. Die Vererbung ist richtig; aber die Vererbung wird bereitet durch dasjenige, was geistig ist. Wir richten die Vererbung selber, indem wir mit der geistigen Welt verbunden sind und mit dem Fortströmen der Generationen völlig verbunden sind zwischen dem Tod und erneuter Geburt, so wie wir hier im physischen Leib verbunden sind mit der Bewegung unserer Hände, mit dem Gehen unserer Füße.
[ 33 ] Allerdings durchmischt sich selbstverständlich dasjenige, was wir hier bewirken für die Vererbungsweise, mit anderen Einflüssen, die zu anderen Geburten, zu anderen Wesenheiten führen. Aber in dem Strom der Vererbung ist dasjenige, was wir ihm aus der geistigen Welt einimpfen, darinnen; deshalb bringt er uns unsere Eigenschaften.
[ 34 ] So sehen wir, wie diejenigen Kräfte aus der geistigen Welt einströmen und unsere Menschenseele fortleiten, indem sie diese Vererbungskräfte, die Wachstumskräfte benutzen, diejenigen Kräfte, die nun bewusst werden durch die inspirierte Erkenntnis. So sehen wir auf dem Grunde der Menschenseele zunächst diejenigen Kräfte, welche tätig sind zwischen dem Tod und der Geburt, während wir uns in der geistigen Welt entwickeln, [Lücke], in der geistigen Welt ebenso leben als in einer geistigen Tatsachenwelt, wie wir hier in der physischen Welt leben als in einer physischen Tatsachenwelt.
[ 35 ] [Darüber hinaus] aber nun gibt es noch eine Stufe zunächst der übersinnlichen Erkenntnis, die erreicht werden kann, die wiederum im Fortschreiten erreicht wird. Denn geradeso, wie ein willensartiges Element einströmt in unsere Imagination, wenn wir gründlich dazu vorbereitet sind, so kommt später ein wesenhaftes Element; und dieses wesenhafte Element, dieses individuelle Element, das macht uns erst vollständig bekannt mit den Individualitäten der geistigen Wesenheiten, die um uns sind, den Individualitäten der geistigen Wesenheiten, die niemals in einem physischen Menschenleib auf die Erde kommen, aber auch mit den individuellen Menschenseelen, die selber in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt leben. Mit ihnen vereint sich die Seele, wenn sie nunmehr den physischen Leib verlässt oder wenn sie zu dieser höheren Stufe durch übernatürliche Erkenntnis kommt.
[ 36 ] Intuition nenne ich nicht das, [was] wir im gewöhnlichen Leben [einen Einfall] nennen, [was] wir nur ein verwaschenes Wissen nennen, sondern gerade das Höchste Sich-Einleben in die geistige Welt, das Darinnen-Stehen so, dass Inspirationen nicht bloß wie äußere Standpunkte von geistigem Wissen sind, sondern dass die geistigen Wesen, ich kann jetzt nicht sagen leibhaft, sondern geisthaft in der geistigen, in der übersinnlichen Umwelt um uns sind.
[ 37 ] Dann aber, wenn das eingetreten ist, sehr verehrte Anwesende, dann wirkt in unsere Erkenntnis herein nicht nur dasjenige, was die Inspirationskräfte erreicht, sondern dann wirkt in unsere Erkenntnis hinein dasjenige, was unbewusst immer in dem Menschenleben ist, was aber auf diese Weise ins Bewusstsein heraufgehoben wird. Es wirkt heute bewusst in das Menschenleben dasjenige, was herüberursacht aus dem früheren oder aus verschiedenen früheren Erdenleben. Denn unsere früheren Erdenleben, sie wirken durch die Kräfte in die folgenden Erdenleben hinüber, welche durch die Intuition in dem hier angedeuteten Sinne zu dem Bewusstsein zu Menschen gebracht werden können. Dann finden wir, wie in der Tat in uns etwas lebt, das uns zu dem, was wir unsere Schicksalserlebnisse nennen, hindrängt, und der eigentliche Motor liegt in den früheren Erdenleben. Es wirkt herüber, so wie die geistige Welt, die wir durchleben zwischen dem Tod und der Geburt, hereinwirkt, um unseren Charakter, unser Inneres der Seele so zu gestalten, dass wir eine fortschreitende Entwicklung durchmachen können zwischen der Geburt und dem Tode. So wirken die Kräfte früherer Erdenleben, die durch Intuition erkennbar sind, herein. Sie intuitieren unser gegenwärtiges Leben so, dass wir jenen Zug entwickeln, der uns zu dem einen oder zu dem anderen hindrängt.
[ 38 ] Das, was da hereinwirkt aus der früheren Inkarnation, aus dem früheren Erdenleben, das ist nicht eine Disposition — würde ich es Disposition nennen, so würde ich ein Wort gebrauchen, das man gewöhnlich eigentlich für das Gegenteil dessen gebraucht, um was es sich handelt —, dasjenige, was hereinwirkt, das erzeugt in uns Leerheit. Disposition ist ein Impuls, etwas Volles, das sich äußert. Dasjenige, was da herüberwirkt, das erzeugt Leerheit, gewissermaßen etwas, wodurch die Seele durch die Leerheit sich hineinsaugt in die Welt und hingetrieben wird zu demjenigen, was sie als Schicksal empfinder.
[ 39 ] Geradeso wie meinetwillen ein Luftbläschen, das im Wasser drinnen ist, dadurch, dass es leichter ist als das umliegende Wasser, in höhere [Lücke] getrieben wird, so werden in uns — es ist ein grober, ein brutaler Vergleich aus dem früheren Erdenleben herein, gewissermaßen Seelenbläschen erzeugt, und diese Scelenbläschen üben die Anziehung zu dem oder jenem, dem wir uns nähern. Dadurch, dass ich diesen brutalen Vergleich mit den Seelenbläschen gebraucht habe, damit deute ich schon an, dass [das], was herüberwirkt aus vorhergehenden Erdenleben, dasjenige [ist], was eigentlich unsere Seele leer macht, unvollkommen macht. In der Tat ist dieses Herüberwirken eine Verunvollkommnung der Seele. Dadurch suchen wir die Schicksalsschläge.
[ 40 ] Das alles wirkt für das gewöhnliche Leben unbewusst, aber die intuitive Erkenntnis macht es bewusst, zeigt uns wirklich, wie unsere Seelen-Kräfte herüberstreben aus dem früheren Erdenleben, die uns hintreiben zu dem und jenem, auszuhalten manche noch so schweren Schicksalsschläge. Man kann allerdings finden, dass eine solche Anschauung paradox ist.
[ 41 ] Sie ist auch für die gewöhnliche physische Erkenntnis wahr. Allein, nähert man sich den geistigen Tatsachen, um die es sich hier handelt, durch das, was ich heute als intuitive Erkenntnis angedeutet habe, dann sieht man, dass die Seele, wenn auch unbewusst zunächst, zu keinem noch so herben Schicksalsschlag hingetrieben wird, ohne dass sie eine Leerheit in sich fühlt, welche ausgefüllt wird durch das Erlebnis mit diesen Schicksalsschlägen, sodass sie dadurch auf dem Weg zu einer gewissen Vervollkommnung, zu einer gewissen Erfüllung, zu einer gewissen Entwicklung getrieben wird. Selbst, wenn dieser Schicksalsschlag darin besteht, sehr verehrte Anwesende, dass wir auf tragische Weise durch irgendein elementares Ereignis in gesunder Jugend meinetwillen den Tod finden, so ist solch ein Schicksalsschlag intuiert aus früheren Erdenleben; man willensintuiert sich; sonst, wenn er das nicht ist, intuiert er in dem nächstfolgenden Erdenleben dasjenige, was von ihm verursacht werden kann. Und so sonderbar das sich ausnimmt, so muss man dennoch sagen: Dasjenige, was hier waltet in den Untergründen des Daseins im Geistigen, es ist weiser als das Urteil, das wir etwa fällen würden darüber. Denn wenn jemand — das zeigt sich gerade der intuitiven Erkenntnis —, wenn jemand in tragischer Weise durch den Tod geht dadurch, dass ihn eine Eisenbahn überfährt zum Beispiel, dann bedeutet dieser eine Moment des Übergangs vom physischen Leben zum geistigen Leben, dieser eine Moment bedeutet eine so intensive Erfahrung, die ja nicht gesucht werden darf, die vom Schicksal gebracht werden darf allein — nicht ist hier irgendwie das Wort geredet, dem Suchen geheimer Schicksalsfäden, das würde ganz verfälscht sein —, indem aber dieser Schicksalsschlag gebracht wird, so bedeutet dieses in einem momentanen Zusammenhangsein eines Erlebnisses, wie cs ist, den Leib zu verlieren auf diese Weise, bedeutet eine solche Bereicherung des Seelenlebens für die höheren Kräfte, wie wir sie vielleicht sonst nur holen könnten durch die langsamen Erlebnisse, die wir durch viele Jahre noch im Leben durchgemacht hätten, wenn wir fortgelebt hätten. Die Dinge nehmen sich eben in der wirklichen Welt ganz anders aus, als man sie in der sinnhaft vorliegenden Welt oftmals durch eigene Urteile glaubt erkennen zu können.
[ 42 ] Darum, sehr verehrte Anwesende, weil das Schicksal selber auf diese Weise verursacht wird, gewissermaßen intuiert wird auf unbewusste Weise, ist die intuitive Erkenntnis, die auf den Wogen des Schicksalslebens läuft, dem Schicksal selber verwandt.
[ 43 ] Und das nimmt sich allerdings für eine materialistische Lebensgesinnung recht paradox aus, dass nun wie ein äußerlich physisch Reales der Verlauf des Schicksals angesprochen wird! Allein, so wie man durch die imaginative Erkenntnis die übersinnlichen Bildekräfte eines Organismus schaut, den Ätherleib, wie man durch die inspirierten Erkenntnisse die geistigen Seelenkräfte schaut, die über das Leben hinausreichen [auf das, was] die Menschenseele durchlebt zwischen dem Tod und der Geburt, so durchschaut man mit demjenigen, was intuitive Erkenntnis ist, den Schicksalsstrom, der von einem Erdenleben in das andere hinüber sich ergießt. Und auf den Wogen dieses Schicksalsstromes schwebt, läuft dasjenige, was intuitive Erkenntnis ist.
[ 44 ] Das kann allerdings nicht angegliedert werden an irgendetwas äußerlich Handfestes, möchte ich sagen, so wie die sinnlichen Erscheinungen sind — wird daher auch nicht so recht anerkannt —, aber es kann angegliedert werden an all dasjenige, was wir im innersten Seelen-Leben durchmachen, wenn wir mit intensiver und innerer Intuition, intensivem und innerem Bewusstsein das uns durchströmende Schicksal miterleben. Gerade das tiefere Einleben in das Schicksal, das rechte Miterleben des Schicksals, macht einen immer verwandter und bekannter mit dem, was die intuitive Erkenntnis als den besagten Schicksalsstrom ergibt.
[ 45 ] Und so, kann man sagen, rückt der Mensch auf zur vollen Erkenntnis seines Wesens, indem er sich bemächtigt der imaginativen, der inspirierten, der intuitiven Erkenntnis. So wird dasjenige zu einer realen Welt — was man sonst glaubt, dass es ganz irreal ist, dass es nur gewissermaßen in Normen besteht, in bloßen abstrakten Idealen besteht —, es wird dasjenige, was vom /unleserliche Wörter] strömen, was nur in Gedanken sonst erfasst werden kann, in Abstraktionen, das wird selber zum Lebensstrom, zum erkannten Schicksalsstrom. Und der Mensch lernt sein volles Ich nur dadurch erkennen, dass er es nicht bloß als gebunden an den physischen Leib erkennt, sondern gebunden auch erkennt an dasjenige, was zwischen Geburt und Tod verläuft, und dasjenige, was von einem Leben in das andere hinüberläuft als Schicksalsstrom.
[ 46 ] Daher ist das Aufrücken namentlich von der imaginativen Erkenntnis zu der inspirierten Erkenntnis immer verbunden mit einer außerordentlichen inneren Revolution des Seelenerlebens. Man muss Abschied nehmen sogleich von vielen seither lieb gewesenen Vorurteilen, von vielen lieb gewesenen Empfindungen und so weiter und so weiter. Es wird das Seelenleben dann, wenn bei einem Menschen inspirierte Erkenntnis eintritt, in andere Bahnen gelenkt, umfassender gemacht, weil einem die geistige Welt zu einer Wirklichkeit wird. Aber wie ein Schicksalsschlag selber nimmt es sich aus, wenn der Mensch eintritt in die intuitive Welt und dadurch die Verursachung im Schicksalsstrom kennenlernt.
[ 47 ] Die imaginative Erkenntnis, die stellt zunächst, ich möchte sagen noch die geringere Anforderung. Dasjenige, was man sich für die imaginative Erkenntnis erwerben muss, ist erstens ein triebsames, sich in der Wissenschaft verstehendes Denken. Denn das Denken muss immer gerade die imaginative Erkenntnis begleiten. Ein fortwährendes Urteilen — nicht sich [ein Leben lang durch] das Lebens führen lassen —, sondern ein fortwährendes Urteilen, ein viel feineres Urteilen, als es im früheren Leben notwendig ist, ist notwendig; dann aber ein Sich-Eingewöhnen an dasjenige, was man da fortwährend in der imaginativen Erkenntnis erfühlen muss, wenn so die Bildekräfte der Welt, die ätherischen Kräfte an einen herantreten. Man erlebt, wenn ich es so nennen darf, den fortwährenden Schlag, was einen in Erstaunen versetzt, und wir erleben dieses In-Erstaunen-versetzt-Sein aus dem Grunde, weil es eigentlich immer anders ist, als man es erwartet.
[ 48 ] Gerade dadurch zeigt sich, dass man in einer realen Welt ist. In einer Traumwelt erlebt man keine Überraschungen, man braucht sich nicht sozusagen abzuhärten gegen den Schrecken; aber man muss sich abhärten gegen Schrecken, wenn man sich in die wirkliche imaginative Welt einlebt, und man muss außerdem das entwickeln, was man nennen könnte «Geistesgegenwart». Denn die imaginative Erkenntnis tritt nicht an die Erkenntnis des Menschen so heran, dass sie sich bequem anschauen lässt längere Zeit, sondern wie ein Reflex, wie eine Reflexbewegung im äußeren physischen Leben.
[ 49 ] Eine Fliege setzt sich uns auf das Augenlid; wir machen das Augenlid zu; Schlag auf Schlag geschieht das Bewegen. So ist es auch bei der imaginativen Erkenntnis. Wir versuchen, die Geistesgegenwart zu entwickeln, die nötig ist, das aufzufassen, was uns im Bilde erscheint, sonst ist es im Moment schon fort. Außerdem ist notwendig bei dieser imaginativen Erkenntnis, dass wir hineintragen in unser inneres Seelenleben, das so in dieselbe imaginative Welt sich hineinfindet, dasjenige, was wir sonst im äußeren Leben haben in der moralischen Befangenheit. Im gewöhnlichen Denken gestatten wir uns dies oder jenes zu denken, denn da gilt es ja nur, Lügen zu widerlegen. Im äußeren Leben verbieten wir uns, dies oder jenes zu tun, wir untersagen [uns] das oder jenes. Wenn wir in die imaginative Welt eintreten, muss gewissermaßen innere Moralität uns ergreifen. Wir müssen nicht selber glauben an das: Da ist ein irrtümlicher Gedanke, der schadet nichts. Denn in der imaginativen Welt muss ein irrtümliches Denken von uns vermieden werden wie eine schlechte Handlung oder wie eine Lüge; wir müssen dasjenige, was sonst nur moralische Gefühle durchströmt, in das imaginative Erkennen hereintragen. Das sind die Erfordernisse des imaginativen Erkennens.
[ 50 ] Die Erfordernisse des inspirierten Erkennens sind etwas höher. Sie sind /unleserliches Wort] darinnen angesprochen, dass man sagen muss: Weil man in einer ganz anderen Welt ist, sozusagen den physischen Leib ganz verlassen hat, fühlt man zunächst wie keinen Boden unter den Füßen. Man muss den Mut entwickeln, dasjenige, was wir von außen verloren hatten — die Anschauung der physischen Welt —, von innen aus zu erfassen. Und dies muss in einem noch höheren Grad der Fall sein bei der intuitiven Erkenntnis. Es nährt sich die [Intuition] durch die individuelle Erfahrung wirklicher Schicksalserlebnisse selber, Erlebnisse, die dasjenige, was wir bisher waren, vollständig verändern.
[ 51 ] Nun möchte ich zum Schluss noch etwas anführen, sehr verehrte Anwesende, welches Ihnen zeigen soll, wie Imagination, Inspiration, Intuition den Menschen nicht nur so, wie ich es andeutete — allerdings nur indem wie der Kopf [sich] über sich selbst aufklärt, sondern wie sie ihn auch einführt in den ganzen Entwicklungsgang der Welt. Ich erinnere da an etwas, was ich im vorigen Vortrag erwähnt habe.
[ 52 ] Unsere äußere Naturwissenschaft, welche ihre Schlüsse zieht aus demjenigen, was in der physischen Welt um sie herum ist, unsere äußere Naturwissenschaft kommt dazu, die Erde mit dem ganzen Sonnensystem hervorgehen zu lassen — ich habe das, wie gesagt, das letzte Mal erwähnt — aus einem Gasball, der in rotierende Bewegung gekommen ist, und aus dem sich ausgegliedert hat die Sonne; aus der Rotation sind die Bewegungen der Sonne entstanden und so weiter. Ich habe das letzte Mal erwähnt, wie ein unbefangener Betrachter, Herman Grimm, über ein solch Entstehen desjenigen, was wir als Welt um uns herum haben und was uns als Welt durchdringt, wie er denkt darüber. Herman Grimm sagt:
[ 53 ] Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Runde macht, sei ein appetitlicheres Stück als dieses Schöpfungsexkrement, und eine folgende Zeit wird nachstudieren müssen, wie in unserer Zeit krankhafte Phantasie es dahin gebracht hat, aus der uns umgebenden physischen Welt heraus solche Schlüsse zu ziehen, welche die Erde mit den Menschen, mit allem Lebenden, was darauf ist, aus einem Gasballen als Gasball hervorgehen lässt.
[ 54 ] Ich möchte die betreffende Stelle bei Herman Grimm heute nicht wieder vorlesen. Die verehrten Zuhörer, die das letzte Mal da waren, werden sich erinnern, wie hart das Urteil, das ein Unbefangener fällt, ist.
[ 55 ] Nun kann dasjenige, was da eigentlich gesucht wird — frühere Zustände unserer Planeten-Entwicklung —, das kann nur auf dem Wege der übersinnlichen Erkenntnis gefunden werden.
[ 56 ] Dadurch, sehr verehrte Anwesende, dass der Mensch aufrückt zur imaginativen Erkenntnis, gelangt er in Zusammenhang — wie ich angedeutet habe — mit der ätherischen Welt, die um ihn herum ist. Innerhalb dieser ätherischen Welt tritt nun eine ganz besondere Erfahrung auf. Wie gesagt, ich erzähle heute die Erlebnisse, die der Geistesforscher macht; in meinen Büchern, die ich schon genannt habe, namentlich «Die Geheimwissenschaft», können Sie über diese Dinge Genaueres nachsehen. In dieser ätherischen Welt, dieser feineren Welt tritt eine ganz bestimmte Erfahrung auf.
[ 57 ] Man schaut gerade so, wie man im einzelnen individuellen Menschenleben ein vorhergehendes Erlebnis, das man vor Jahren gehabt hat, in der Erinnerung wiederum aufleben lässt, wie man gewissermaßen drinnen steht in der Erinnerung, in dem, was man vor Jahren erlebt hat, so lebt man, wenn man übergeht in das Ätherische unseres Erdballes, nun nicht bloß in demjenigen Ätherischen drinnen, was jetzt noch da ist, sondern man lebt drinnen in etwas, was wie eine Erinnerung da ist, wie ein Nachbild desjenigen, was die Erde war, bevor sie Erde geworden ist. Sodass man dadurch erfährt, dass sich unsere Erde ebenso aus einem früheren Planetenleben herüberentwickelt hat, wie wir uns selbst in den wiederholten Erdenleben aus früheren Leben herüberentwickeln. Unsere Erde hat sich aus einem früheren Planetenleben herüberentwickelt, aber man macht die Erfahrung, dass dieser frühere Planetenzustand der Erde ein ganz anderer war, als unsere jetzige Erde ihn darstellt.
[ 58 ] Dasjenige, was in unserer jetzigen Erde das Mineralreich ist, war noch nicht verfestigt. In uns selber konnte daher dasjenige, was vom Mineralreich in uns als Erdenmensch ist, nicht sein. Der Mensch hat aber mitgemacht schon diesen vorhergehenden Planetenzustand unserer Erde. Die Erde kommt nicht aus einem Gasball, die Erde kommt aus einem anderen Wesen, dessen Wiederverkörperung sie ist. In diesem anderen Planetenzustand hat der Mensch dasjenige durchgemacht, was er nicht mineralisch durchmachen kann [wie] während der Erdentwicklung. Während der Erdentwicklung können sich durch die Eingliederung der physischen, mineralischen Materie seine Sinne ausbilden, so wie er sie jetzt hat. Die hatte er [nicht] auf jenem Planeten, der der Erde vorangegangen ist, sondern da entwickelte er sich in einer viel geistigeren Weise. Dadurch kommt Geisteswissenschaft zu einer wirklichen Evolutionslehre, zu demjenigen, wozu [Lücke]. Und er ist schon auf dem Wege der modernen Weltwahrnehmung, der auch nach und nach hineinfindet, wenn er auch aus dem bloßen physischen Beobachten herausgehen muss und dann einmünden muss in die Geisteswissenschaft, wenn er dahinkommen will. Der Mensch hat schon eine Art tierähnlichen Zustand durchgemacht in Vorzeiten, aber nicht auf der Erde, sondern in demjenigen herübergetragenen Körper, aus dem die Erde entwicklungsgeschichtlich sich als eine Stufe ergeben hat. Der Mensch hat daher die Tierheit nicht unter denselben Verhältnissen durchgemacht, wie die heutigen Tiere, die gewissermaßen eingelebt sind in diese erdenhafte Materie.
[ 59 ] Der Mensch hat durchgemacht während des letzteren Planetenlebens, eine Art instinktiven Lebens [Lücke] Aber die Instinkte waren bei ihm nicht die heutigen tierischen Instinkte, sondern die vergeistigten Instinkte, die er nun herübergebracht hat, die wieder erschienen sind auf der wiederverkörperten Erde, und die nun wohnen innerhalb seines physischen Leibes.
[ 60 ] Und nun könnten wir immer weiter und weiter zurückgehen, wenn eine noch frühere Erde verkörpert wird, [kann diese] durch die Inspiration, eine noch frühere durch die Intuition erkannt [werden]. Und so führt uns dasjenige, was uns zur Erkenntnis unseres eigenen Werdeganges und unseres eigenen Schicksals führt, das führt uns auch zur Erkenntnis der gesamten Weltentwicklung, und wir erkennen dann den Menschen im Verhältnis zu dieser ganzen Weltenentwicklung. Wir erkennen, wie er wirklich nicht nur in der physischen Vererbungsströmung lebt, sondern wie er aus dem ganzen Universum, aber geistig, herausgehoben ist. Dasjenige, was ich heute als wiederholtes Erdenleben charakterisiert habe, das trat erst ein auf unseren Erdplaneten und wird wieder verschwinden, wenn unser Erdenplanet in eine andere Verkörperung übergeht. Daher darf man nicht glauben, dass unsere wiederholten Erdenleben ewig sind. Aber warum das so ist, das kann erst in einem vielleicht künftig einmal stattfindenden Vortrag ausgeführt werden, kann aber in den genannten Büchern nachgesehen werden. Es führt also die übersinnliche Erkenntnis wirklich auch ein in die Erkenntnis des Verhältnisses des Menschen zu der Entwicklung der ganzen Welt.
[ 61 ] Erst neulich hat wiederum ein Mann aus der Reihe derjenigen, die durchaus nicht zulassen wollen einen solchen Aufstieg von der gewöhnlichen Erkenntnis zu einer höheren Erkenntnis, erklärt, das alles sei ja doch subjektiv, das alles seien im Grunde genommen Phantasieprodukte, wenn man so zurückschaue auf frühere Verkörperungen unseres Erdenkörpers.
[ 62 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, man weiß eigentlich wirklich nicht, was Menschen, die so sprechen, eigentlich für ein merkwürdiges Gedankensystem haben, wie sie gar nicht in der Lage sind, einen Gedanken von dem einen Gebiet in das andere Gebiet hinüberzutragen. Der Mann, der so gesprochen hat, wird jederzeit zugestehen, dass es berechtigt ist, wenn wir in die Schichten unserer Erde hineinforschen und da die Schalen vorweltlicher Tiere finden, Überreste vorweltlicher physischer Tiere finden, uns aus dem, was sich da vor unseren Augen zeigt, gewisse Vorstellungen zu bilden über den Zustand, wie die Erde früher ausgesehen hat. Ist das nicht ein subjektiver Vorgang? Ist das nicht etwas, was wir uns rein innerlich aufbauen? Nur ein Intensiver-Machen, ein Realer-Machen, ist dasjenige, was nun fortschreitet zur imaginativen Erkenntnis. Wirklich wie eine Erinnerungsvorstellung steht im Innern, im Zusammenhang mit der äußeren Welt, dasjenige, [was man] vor sich hat, was ein früherer Zustand unserer Erde ist; und wenn man das durchaus als eine Phantasievorstellung charakterisieren will, muss man eben immer sagen bei solchen Leuten: Man begreift nicht, wie ihr Denken beschaffen ist, dass sie nicht von einem Gebiet in das andere den Gedanken hinübertragen können. Ist denn ein Erinnern etwas anderes als ein bloßes inneres, subjektives Erlebnis, und gibt es nicht [dennoch] ein Einheitliches dieser Realität, die dieses Erinnern als auf Früheres, [als] von ihr aus ausgehend, [zuerkennt]? Verlangt man denn etwa, dass der Geistesforscher dasjenige, was frühere, vergangene Zustände sind, auf dem Präsentierteller hertrage, damit es mit den Augen schaubar ist? Muss denn dasjenige, was der übersinnlichen Welt angehört, was nicht der unmittelbaren Gegenwart auch angehört, muss denn das nicht durch die Subjektivität steigen [um in dessen Seelengestalt geschaut werden zu können]?
[ 63 ] Der Einwand, der gemacht wird gegen die Evolution, wie sie hier nur angedeutet worden ist für den vorhergehenden Zustand [der] Erde, der Einwand würde bei einem folgerichtigen Denken gerade so gemacht werden müssen gegen die Gültigkeit von Erinnerungsvorstellungen des gewöhnlichen individuellen, täglichen Erdenganges des Menschen. Aber die Menschen können sich eben schwer entschließen, dasjenige, was als Denken [im Sinne] eines bewegten Geistes [erlebt] wird, wirklich in das andere Gebiet hinüberzutragen.
[ 64 ] Und auf der anderen Seite sehen wir allerdings, wie heute sich überall die Sehnsüchte, die tiefen Sehnsüchte geltend machen, in die übersinnliche Welt etwas hineinzublicken, den Zusammenhang des Menschen mit der übersinnlichen Welt wirklich zu durchschauen.
[ 65 ] Nun möchte ich zum Schluss nur die eine Bemerkung noch machen, weil das gewöhnlich missverstanden wird. Geradeso wenig, sehr verehrte Anwesende, als jemand, um den «Faust» zu verstehen, den Goethe geschrieben hat, all die komplizierten, tiefgehenden Erlebnisse durchmachen muss, die Goethe durch sechzig Jahre selber durchgemacht hat, durchmachen musste, um den «Faust» zu schreiben, ebenso wenig braucht derjenige, der die Geisteswissenschaft annimmt, der [sich mit ihrem Inhalt bekannt macht], selber ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige, worauf ich hingedeutet habe, zu finden. Um diejenigen Dinge aus der geistigen Welt herauszuholen, von denen heute gesprochen worden ist, muss man ein Geistesforscher sein; dann aber, wenn man in entwickelte Ideen und Begriffe dasjenige kleidet, was die Geistesforschung findet, dann können diese Begriffe und Ideen jedem Menschen, auch der kein Geistesforscher ist — obwohl heute, wie Herman Grimm zeigt, zu einem gewissen Grade jeder ein Geistesforscher werden kann —, diese können jedem Menschen verständlich sein. Und dann sind sie nicht nur ein Schlüssel [für] jeden Menschen, die geistige Welt zu verstehen, sondern die Begriffe aus der Hand des Geistesforschers [sind] zu nehmen und diese Begriffe [sind] anzuwenden auf dasjenige, was uns umgibt. Dann sind sie ein Schlüssel. Daher muss die geisteswissenschaftliche Literatur ganz anders noch angenommen werden als eine andere Literatur. Der Geistesforscher ist nicht dazu da, dem Menschen Ergebnisse zu liefern, wie es der Naturforscher [macht] über Dinge, die schon vorhanden sind, die man vorfand, die man übernehmen, beweisen kann, sondern der Geistesforscher ist dazu da, um das Instrument vorzubereiten, auf das, was selber ergriffen [werden kann], das muss aufgenommen werden von unseren Seelen.
[ 66 ] Aber es wird nicht aufgenommen werden müssen als ein Totes, sondern als ein Lebendiges, und es wird daher dann in uns zum Schlüssel, um in die Geheimnisse der geistigen Welt einzudringen. Daher hat die geisteswissenschaftliche Literatur etwas Lebendiges, wenn sie eine richtige geisteswissenschaftliche Literatur ist; sie ergreift unsere Seele, sodass unsere Seele wach erlebt die in Begriffe und Ideen gekleideten Erlebnisse des Geistesforschers. Der Weg des Geistesforschers — obwohl im Anfange ist er ja ungefährlich und unschwer — der Mensch kann heute zum Geistesforscher werden. Viele gehen heute diesen Weg in einer durchaus modernen Weise —, aber spirituelle Schritte sind schwierig, und sind bis zu einem gewissen Grade durch äußerliches Entsagen und mit Schicksalserlebnissen, inneren Schicksalserlebnissen der Seele, verbunden, vor denen gar mancher zurückschrecken wird, die mancher nicht durchmachen kann, obwohl der ganze geisteswissenschaftliche Forschungsweg durchgemacht werden kann, ohne dass man sein gewöhnliches Berufsleben, sein äußeres Leben, sein äußeres Pflichtgefühl in irgendeiner Weise beeinträchtigt. Das geht fort; denn das geistige Leben ist nicht ein Leben neben der Sinneswelt, sondern ein Leben, das man [mit] der Sinneswelt, mit dem Sinnesleben weiter teilt. Dieses Missverständnis, das sollte nicht herrschen, dass jeder ein Geistesforscher werden müsse, der die Ergebnisse der Geistesforschung in sich aufnimmt. Derjenige, der nur unbefangen genug ist, der nur vorurteilsfrei genug ist, der hat in seiner Seele die Kräfte, das zu verstehen, was der Geistesforscher erforscht; und die Ideen, die Begriffe, die er übermittelt, selber als Schlüssel, als Instrument zu benutzen zum Eintreten in die geistige Welt.
[ 67 ] Heute hat diese Geistesforschung noch sehr viele Gegner. Diese Gegner sind zumeist solche, die sie nicht in ihrer wahren Gestalt selber besprechen, sondern eine Karikatur, ein Zerrbild formen und dann dieses Zerrbild kritisieren. Ich habe das letzte Mal aufmerksam gemacht auf einen besonders krassen Fall, wo so etwas eingetreten ist. Allein auf der anderen Seite ist doch auch heute schon wahrzunehmen, wie gerade in ernsten Naturen die Sehnsüchte erwachen nach der Erkenntnis der geistigen Welt und wie es nicht nur bei einem vagen, bei einem unbestimmten, nebulösen Sehnen verbleibt, sondern wie man auch sich hingezogen fühlt zu einer wirklichen Erforschung der geistigen Welten.
[ 68 ] In dem Augenblicke aber, wo man absehen wird davon, sich allerlei billige Zerrbilder zu machen, wie zum Beispiel: Geisteswissenschaft — oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist — ist doch nur ein Aufwärmen alter Mysterien, ist doch nur eine Art Grübeln und wie die Dinge alle heißen, die derjenige, der nicht ein bequemes Urteil bilden will, ja leicht sich bilden kann. Wenn man einmal einsehen wird, dass Geisteswissenschaft echte, wahre Fortsetzung desjenigen ist, was gerade die Naturwissenschaft heute für die äußere Welt zeigt, dann wird man sich dieser Geisteswissenschaft auch so gegenüberstellen, wie man sich den fruchtbaren, den so erfolgreichen Erfahrungen und Ergebnissen der Naturwissenschaft gegenüberstellt. Die Zeit wird aber in gar nicht zu ferner Zeit ja kommen, und man wird dann erkennen, dass die Wahrheit nicht nur dadurch errungen werden kann, dass man sich einer Außenwelt gegenüberstellt und aus ihr Begriffe und Ideen formt, sondern dass die Wahrheit, gerade die Wahrheit, die sich auf die innersten Angelegenheiten des Menschen bezieht, in einer viel lebensvolleren Weise errungen werden muss. Dasjenige, was auf die erstere Art errungen wird, bleibt doch im Grunde genommen totes Wissen. Aber was da Seele und Geist selber erkennen, dass dasjenige, was sonst totes Wissen ist, wenn Geisteswissenschaft heraus sich entwickelt aus diesem toten Wissen, wenn das Denken und das Fühlen, das Wollen emporgetragen werden aus dem, was es zunächst im gewöhnlichen Leben ist, von einem toten Wissen über eine Außenwelt zu einem lebendigen Erfassen der Wahrheit — weil ein Leben mit der Wahrheit dann über den Menschen aufklärt, sehr verehrte Anwesende — [bleibt dann] keine Wahrheit, die bloß von außen in einen eindringt. Über den Menschen aufklären, wird nur eine Wahrheit, die selber ein lebendiger Organismus ist, mit dem sich der Mensch verbindet, mit dem er durch seine eigenen Anstrengungen in die geistige Welt eintritt. Und immer und immer mehr werden die heute noch dunkel in den Seelen vorhandenen, aber deutlich wahrnehmbar vorhandenen Sehnsüchte nach der geistigen Welt die Menschen hinführen, nicht nur Wahrheit dogmatisch von außen so in sich einfließen lassen zu wollen, sondern die Wahrheit mit der innersten Seele voll zu ergreifen, um sie mit dem All der Wahrheit zu verbinden, und von dieser lebendigen Wahrheit die Antwort darauf zu bekommen, die jeder Mensch braucht, [um zu verstehen], was der Mensch eigentlich hier ist in der Welt und was der Sinn der Welt, jener Sinn der zu gleicher Zeit dieser Wahrheit und den Menschen darinnen dasjenige gibt, was des Menschen ureigenste, wahrste Wesenheit ist.
