Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a
25 Oktober 1916, St. Gallen
Anthroposophie und die Menschlichen Lebensrätsel
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Über ein Thema habe ich Ihnen heute Abend zu sprechen von einem Gesichtspunkte aus, welches in intensivster Weise jeden einzelnen Menschen berühren muss, und zwar von einem Gesichtspunkte aus, der allerdings in unserer Gegenwart noch in weitesten Kreisen nicht nur wohlwollende, sondern man kann sagen, schon recht übelwollende Gegnerschaft und Anfeindungen findet. Man kann sagen, dass diese Anfechtungen hauptsächlich davon herkommen, dass der Weg, den Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, zu den Rätseln des menschlichen Lebens einschlägt, heute allerdings noch vielen Menschen ein durchaus ungewohnter ist — allein nicht mehr ungewohnt für den, der tiefer blickt als neuere Denkweisen gegenüber den älteren zu aller Zeiten waren. Und auf der anderen Seite schreiben sich diese Gegnerschaften auch her vorzugsweise von der Tatsache, dass diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie geradezu auf den Punkt sich stellen muss, dass solche Fragen, wie diejenige ist, die wir heute besprechen wollen, die Frage nach dem ewigen Wesen desjenigen, was als Seele in uns lebt, nicht erforscht werden können mit den gewöhnlichen, für das alltägliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft mit Recht als tauglich anerkannten Fähigkeiten; sondern dass diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie appellieren muss zu solcher Erforschung an die Entwicklung wesentlich anderer Erkenntnisfähigkeiten, als diejenigen sind, die dem gewöhnlichen Leben seine Stärke und Kraft geben, und die auch in der gewöhnlichen Wissenschaft die tauglichen und anerkannten sind.
[ 2 ] Wenn man aber den Menschen aufmerksam macht auf Erkenntnisse, die aus anderen Fähigkeiten heraus geschöpft werden müssen, so ist das zunächst einer Empfindung ausgesetzt, die es recht unbequem finder, solche Forschung anzuerkennen; denn, dass man das Auge durch allerlei Werkzeuge bewaffnet, um Dinge ausfindig zu machen, die das gewöhnliche Auge nicht finden kann, nicht sehen kann, darauf lässt man sich ja in unserer Zeit schon gerne ein; da hinein hat man sich gewöhnt. Dass aber gewisse Dinge nur erforscht werden können mit Mitteln, die aus den Tiefen der menschlichen Natur heraus entwickelte Fähigkeiten fordern, die in gewisser Weise erforderlich machen, dass der Mensch durch eine Art von Selbsterziehung und Selbstzucht zu diesen Fähigkeiten kommen soll, das lässt man sich heute in weitesten Kreisen, insbesondere auch in weitesten Gelehrtenkreisen, nicht gerne gefallen.
[ 3 ] Und so haben denn aus solchen Quellen stammende Gegnerschaften sich besonders ärgerlich gezeigt, seit die Tatsache zutage trat, dass schon immerhin in der Gegenwart eine so große Anzahl von Menschen für diese Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich interessiert, dass jener Bau in Dornach bei Basel hier auf Schweizer Boden aufgeführt werden kann, welcher der Pflege dieser Geisteswissenschaft dienen soll. Man hat gesehen, dass gerade dieses sichtbare Zeichen für Anthroposophie die Gegnerschaften erst recht aufgerührt hat.
[ 4 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich habe schon in früheren Vorträgen in dieser Stadt sprechen dürfen über die besondere Art von Fähigkeiten, die in jeder Menschennatur verborgen liegen und aus ihr entwickelt werden können, an welche Art solcher Fähigkeiten Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, appelliert. Ich habe in früheren Vorträgen auch einiges ausgeführt davon, wie der Mensch zu solchen Fähigkeiten kommt.
[ 5 ] Um das jetzige Thema wenigstens einigermaßen skizzenhaft erschöpfen zu können, kann ich nicht in ausführlicher Weise gerade auf die Entwicklung dieser Fähigkeiten eingehen und früher Gesagtes, auch hier Gesagtes, wiederholen, sondern ich muss verweisen darauf, dass die genaue Schilderung, wie man zu solchen Fähigkeiten kommt, in meinen Büchern, zum Beispiel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» oder in anderen Büchern angegeben sind. Nur gewissermaßen prinzipiell möchte ich einiges vorbringen über die besondere Art und Eigenschaft solcher Fähigkeiten, durch welche, neben anderen Tatsachen der geistigen Welten, das ewige Wesen der Menschenseele erforscht werden kann. Nur um zunächst vergleichsweise auf diese Fähigkeiten hinzuweisen, möchte ich eben zu einem Vergleich greifen, der im späteren Verlaufe des Vortrages sich schon als mehr herausstellen wird denn als ein Vergleich.
[ 6 ] Wir durchleben, sehr verehrte Anwesende, im gewöhnlichen Leben zwei Zustände unseres Daseins, das wir im physischen Leibe zubringen. Und jeder kennt aus dem täglichen Leben nur allzu gut diese beiden Zustände — die Zustände des Schlafens, des Wachens. Nun will ich weniger auf den Zustand des Schlafes verweisen als auf denjenigen Zustand, der im Verlaufe des Schlafes eintreten kann und jedem auch gut bekannt ist: auf den Zustand des Träumens, auf jenen Zustand, in dem sich hereinstellt in das gewöhnliche Schlafen, chaotisch oftmals, mehr oder weniger geordnet auch erscheinende Bilder, die ablaufen, und an die man sich dann im Wachzustande mehr oder weniger erinnern kann.
[ 7 ] Diesen Zustand des Träumens stellen wir dem entgegen, welcher eintritt dadurch, dass wir erwachen und übertreten aus dem Zustand der Ruhe in den Zustand des gewöhnlichen Alltagslebens. Es würde nun sehr weit führen, in ausführlicherer Art zu beschreiben, was eigentlich geschieht, wenn der Mensch aus dem einen Zustand in den anderen übergeht; allein einiges wird genügen, was, ohne ausführlicher zu werden, gesagt werden kann.
[ 8 ] Man braucht nur einige Selbstbesinnung zu haben, und ich möchte sagen: mit Ruhe sich zu dieser Selbstbeschauung zu entwickeln, so wird man bemerken, dass der wesentlichste Unterschied des Traumzustandes vom Erwachen, vom Wachzustande, darinnen besteht, dass wir während des Traumes gänzlich unwillkürlich, ohne Aufwendung unseres Willens, vor uns haben — obwohl dieser uns ja nicht unbestimmt sein mag —, vor uns haben den Bilderablauf. Wir können mit unserem Willen in diese Bilderwelt des Traumes nicht eingreifen.
[ 9 ] Und diese Selbstbesinnung lehrt auch, dass im Augenblicke des Erwachens es ist, wie wenn der Traum aus den Tiefen unserer Seele [hervorquellen will] sich bemächtige der Fähigkeit des Bildervorstellens. Und im Wachzustande setzen wir eine Vorstellung, die ja auch Bild ist, an die andere Vorstellung an und wissen, dass wir das aus unserem, oftmals von der Aufmerksamkeit durchdrungenen Willen tun. Ja, man merkt bei eingehender Forschung, dass dieser Wille, der in Beziehung tritt zur Außenwelt, gerade die wesentliche Kraft ist, die unterscheidet den Traumzustand vom Wachzustand, dass im Träumen ausgeschlossen ist der Wille, der sich in Beziehung setzt bis in unsere Gliedmaßen und sonst mit dem Bilde der Außenwelt; sodass wir nicht wesenlose Bilder auf- und abwogen lassen, sondern Bilder ausgestalten, welche Wirklichkeit haben, wie äußere Wirklichkeit.
[ 10 ] Dies beruht darauf, dass, ich möchte sagen, mit dem Erwachen wie blitzartig einschlägt in den Ablauf unseres Vorstellens der Wille. Und auf diesem Einschlag des Willens beruht im Leiblichen — trotz alles Einwandes, der gemacht werden kann, und den ich sehr wohl, wenn die Zeit dazu da wäre, auch hier erwähnen könnte —, auf diesem Einschlag des Willen beruht der Unterschied des wachen Zustandes von dem Schlafzustand.
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, so wie man erwachen kann aus dem gewöhnlichen chaotischen oder auch symbolisch sich gestaltenden Traumleben zu dem gewöhnlichen Tages-Wachleben, so kann man zu einem höheren, zu einem geistigeren Erwachen, Wachzustande, kommen. Und dieses Erwachen zu einem höheren, geistigen Wachzustande, das führt nun zur Entfaltung derjenigen Kräfte, durch die man erforschen kann das ewige Wesen der Menschenseele und andere geistige Tatsachen.
[ 12 ] Von einem solchen Erwachen — also aus dem Tageserleben heraus zu einem höheren Erleben, wie ich es in meinem letzten Buche über das Menschenrätsel genannt habe: zu einem schauenden Bewusstsein — muss derjenige kommen, der wirklich in den geistigen Welten forschen will.
[ 13 ] Nach diesem Vergleich möchte ich, um allmählich übergehen zu können zu der Schilderung dieses schauenden Bewusstseins, ein wenig charakterisieren, worauf eigentlich der gewöhnliche Wachzustand im Unterschiede von dem Traumzustand beruht. Dass darüber heute wissenschaftlich noch so wenig gesagt werden kann, beruht darauf, dass gerade die Wissenschaft von der unendlich interessanten Traumwelt noch außerhalb der Kreise der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie wenig gepflegt worden ist. Ich erinnere nur an die interessante Schrift von Volkelt über «Die Traum-Phantasie»; es könnten auch andere aufgezählt werden. Zwar gibt es interessante Forschungen über die Traumwelt, allein zu jenen Ergebnissen, die ich hier anführen will, führt doch nur Geisteswissenschaft oder Anthroposophie — namentlich zu dem Verhältnis der Traumwelt zu dem gewöhnlichen Wachzustande. Was ist denn eigentlich geschehen mit uns, wenn wir versunken sind in den Schlaf und aus dem Schlafe aufsteigen die Träume?
[ 14 ] Im gewöhnlichen Wachzustande, aus dem wir übergehen in den Schlafzustand, ist bekannt, wie unser Leben dieses gewöhnliche Menschenleben, das dem Erkennen und der Arbeit gewidmet ist abläuft seelisch im Vorstellen, im Denken; im Fühlen und im Wollen. Jeder Mensch weiß bei einiger Selbstbesinnung, wie sein Wachleben besteht in dem fortdauernden Auf- und Absteigen von Vorstellungen, die sich auf eine äußere Wirklichkeit beziehen, durch seinen Willen darauf bezogen sind; und er weiß, wie seine Handlungen aus Impulsen, die im Inneren entspringen, herausfließen.
[ 15 ] Wie entspringen unsere Handlungen, denen ja gerade unser Wille zugrunde liegt, wie entspringen sie aus unserem Innern heraus? Und darauf, dies einzuschen, kommt ja so manches an, aus dem Grunde, weil eigentlich eine Handlung verknüpft ist auch mit jedem Erkennen der äußeren Welt, mit jedem Wahrnehmen. Wenn wir durch unsere Augen irgendetwas [wahrnehmen], so ist nicht nur an diesem Wahrnehmen das Auge beteiligt, sondern — wie sich jeder leicht aus der Physiologie überzeugen kann — da sind Muskeln, denen solche Bewegungsimpulse zugrunde liegen, wie die [bei] äußeren Handlungen mitspielen. Und all das, was unserem Handeln, was eigentlich unserem ganzen Tagesleben zugrunde liegt, das zeigt sich durchdrungen — wiederum ergibt das eine genauere Selbstschau —, das zeigt sich durchdrungen von dem, was wir nennen können die Impulse der Sympathie und Antipathie. Alles im Grunde, was wir tun und erleben, steht unter dem Einflusse dessen, dass uns das eine sympathisch erscheint, und durch die Sympathie wir angetrieben werden, dies oder jenes zu tun — dass uns das andere antipathisch erscheint, und wir durch diese Antipathie veranlasst werden, dies oder jenes zu unterlassen.
[ 16 ] Sympathie und Antipathie breiten sich wirklich aus über unser ganzes waches Tagesleben. Und aus der Sympathie und Antipathie quellen heraus, getragen nun von der rechten Sympathie und Antipathie, die wir zusammenfassen unter dem moralischen Begriff des Gewissens, unsere Handlungen — so wie unser gewöhnliches Denken und Vorstellen im Wachzustande hervorquillt aus dem, was unsere Sinne wahrnehmen: Es steigen aus unserm Innern unsere Willensimpulse auf, aus Sympathie und Antipathie heraus. Es drängen sich in unser Inneres herein die Vorstellungen, die geboren werden aus unserem Wahrnehmen heraus.
[ 17 ] Wenn wir nun die Traumeswelt, diese ja für das äußere Tages- und Arbeitsleben wenig bedeutsame Traumwelt, aber für die Erkenntnis doch so manches Rätselhafte, unlösbar [Scheinende] des Traumes, durchforschen, so können wir uns dann die Frage beantworten — wenn diese Frage nur die rechten Wege geht —, können wir uns die Frage beantworten: Was geht eigentlich mit unserem Seelenleben vor, wenn geträumt wird?
[ 18 ] Da zeigt sich, dass dasjenige, was sonst in unserem Wachleben verbunden ist durch innere Zusammenhänge — unsere Vorstellungen, unser Wollen und unser Fühlen —, wären sie auseinandergerissen, so würde unser Seelenleben gestört sein. Was da innig zusammenhängt, sehr verehrte Anwesende, das zeigt sich, wenn wir träumen, getrennt. Und man hat diese Trennung nur noch wenig bemerkt aus dem Grunde, weil man eben diese Dinge noch wenig durchprobt hat. Unser Vorstellen, unser Denken nimmt im Schlafe ganz andere Wege an als unsere Willens- und Gefühlsimpulse. Unser Vorstellen, unser Denken versenkt sich nämlich während des Schlafs in Wirklichkeit in unsere Sinnesorgane.
[ 19 ] Es würde lange dauern, wenn ich die einzelnen interessanten Weg zeigen würde, durch die man exakt heute schon erkennen kann, dass während des Schlafes nur aus dem Versenktsein der Vorstellungs- und Denkwelt in die Welt, die sonst von den Sinnesorganen umflossen wird, die Traumesbilder aufsteigen. Und diese Traumesbilder haben einen ganz anderen Charakter als andere Traumesbilder, die auch aufsteigen, und die auf eine andere Art entstehen, die dadurch entstehen, dass sich unsere Willensimpulse, die durch Sympathie und Antipathie durchtränkt sind, dass sich diese ihrerseits versenken in unsern übrigen Organismus.
[ 20 ] So leben wir überhaupt im Schlafe so, dass hinunterzicht in unseren übrigen Organismus dasjenige, was sonst als Willensentfaltung im wachen Leben vorhanden ist, und dass sich gleichsam in die Sinne hineinschlägt, in die Sinneswelt hineintritt dasjenige, was Vorstellen und Denken ist. Daher kann man bei einer genaueren Durchforschung der Traumeswelt sehr wohl bemerken den Unterschied von zweierlei Traumeserlebnissen: solchen, die Bilder, Reminiszenzen an die Außenwelt, oder Umgestaltungen schwacher Sinneseindrücke, wie symbolisch vor unsere Seele hinstellen, wie zum Beispiel, wenn wir irgendeine Uhr ticken hören im leisen Schlafe, und der Traum uns das symbolisch umgestaltet dadurch, dass er uns Pferdegetrampel, das wir hören, vorzaubert. Auf dieser Seite liegt eine ganze große Art von Traumeserlebnissen.
[ 21 ] Auf der anderen Seite liegen diejenigen Traumeserlebnisse, die, wenn sie durchforscht werden, sich uns zeigen als symbolische Umgestaltungen unseres eigenen inneren Lebens, wie wenn wir zum Beispiel träumen in dem Symbol eines kochenden Ofens, wir wachen auf und unser Herz schlägt stärker, als es gewohnt ist, oder wir sind irgendwie in Hitze gekommen, und der Traum ist die Folge davon.
[ 22 ] Die eine Art der Träume rührt davon her, dass unser Vorstellen, unser Denken hinunterversenkt ist in dasjenige, was wir sonst als Sinneserlebnisse haben. Die andere Art von Träumen rührt davon her, dass unsere Willensimpulse untergetaucht sind in unseren übrigen Organismus. Wir holen also, indem wir aus dem Schlafe in den Wachzustand übergehen, unser Denken und Vorstellen aus unsern Sinnen zurück; und unser Wollen holen wir aus unserm übrigen Organismus zurück und vereinen das wieder. Und in dieser Verbindung des jetzt mehr im Organismus zentrierten Denkens, Fühlens und Wollens besteht unser alltägliches Seelenleben.
[ 23 ] So wie wir aufrücken — und dasjenige, was ich gesagt habe, sollte nur zur Verdeutlichung dienen, nicht zu irgendetwas anderem — so wie wir aufrücken vom Schlafesleben durch das Erwachen zu dem gewöhnlichen Wachzustand, indem wir aus den Sinnen herausheben unser Vorstellen und Denken und aus unserem übrigen Organismus unser Wollen, so können wir etwas, was tiefer sitzt, als das gewöhnliche, alltägliche Vorstellen und Denken und als das unter dem Einflusse von Sympathie und Antipathie stehende Wollen, so können wir solch ein tiefer in uns Sitzendes wiederum aus uns herausholen aus dem gewöhnlichen Vorstellen und Denken wie wir es entwickeln, wenn wir zu den Dingen uns erheben und innerhalb ihrer arbeiten, und andererseits etwas herausholen, was tiefer in uns eintaucht in unserem alltäglichen, in Sympathie und Antipathie wurzelnden Wollen.
[ 24 ] Das Erstere erreicht man, indem man in der sogenannten Meditation — auf Ausdrücke kommt es nicht an — in der sogenannten Meditation das Denken in sich in einer ganz bestimmten Weise behandelt. Dadurch gelangt man nicht nur zu einem anderen Denken, sondern dadurch findet man den Übergang von dem gewöhnlichen Denken, das nur Bilder gibt von Dingen, zu einem lebendigen, realen Denken, das — wie wir sehen werden — uns wirklich in eine andere Welt hineinführt als diejenige ist, die uns während des wachen Lebens umgibt. Dabei muss das Denken und Vorstellen in einer gewissen Weise behandelt werden.
[ 25 ] Sie alle wissen, sehr verehrte Anwesende, dass das gewöhnliche Denken und Vorstellen sich dadurch für das Leben erhärtet und festigt, dass es gewisse Sinnesempfindungen, gewisse Wahrnehmungen immer wieder und wiederum wollentlich sich vorführt. Wir wissen, wie viel in Unterricht und Erziehung darauf beruht, dass wir in der rechten Weise das Denken schärfen an wiederholten Eindrücken, an wiederholtem Aufnehmen desjenigen — was so für das gewöhnliche Wachleben geschieht, das wird auf einer höheren Stufe ausgeführt für das Erwachen des schauenden Bewusstseins. Nur verfahren wir da mit dem Vorstellen, mit dem Denken selber so, wie wir, um zum Denken zu kommen, mit den Sinneserscheinungen, mit den Sinneswahrnehmungen verfahren. Und das geschieht dadurch, dass man, statt wie sonst im Leben, die Aufmerksamkeit auf Sinneswahrnehmungen zu richten, die Aufmerksamkeit richtet und immer wiederum von Neuem richtet auf einen gewissen Vorstellungsinhalt, den man besonders geeignet gefunden hat für sich, oder durch jemand, der in solchen Dingen Erfahrung hat, sich hat raten lassen — dass man auf einen gewissen Vorstellungsinhalt immer wieder zurückkommt.
[ 26 ] Dieses Zurückkommen ist allerdings, sehr verehrte Anwesende, oftmals recht unbequem, denn dieses Zurückkommen nimmt allerdings nicht viel Zeit während des Tages in Anspruch, braucht nicht viel Zeit eines Tages in Anspruch zu nehmen, aber es muss immer wieder und wiederum wiederholt werden. Wenn immer wieder und wiederum derselbe bestimmte Vorstellungsinhalt, zu dem Tag für Tag in intensivem innerem Vorstellungsleben der Mensch zurückkehrt — das dauert oftmals jahrelang —, bis durch das Zurückkehren zu einem solchen Vorstellungsinhalt dieses Vorstellen, diese Denkkräfte so geschärft sind, dass wirklich das eintritt, was eintreten muss zur Geistesforschung.
[ 27 ] Was aber dann eintritt, das ist, wie ich schon gesagt habe, dann nicht bloß eine höhere Ausbildung des Denkens, eine höhere Entwicklung des Denkens, sondern das wird eine völlige Umgestaltung des Denkens, wird etwas, dem gegenüber das gewöhnliche Denken, ich möchte sagen wie tot erscheint. Und es tritt etwas ein in der menschlichen Natur, von dem wir sagen können: Der Mensch fühlt sich jetzt innerlich durchdrungen von etwas als Ergebnis dieser seiner hier nur skizzenhaft beschriebenen Anstrengungen, der Mensch fühlt sich von etwas durchdrungen, was nun objektiv in ihm ist, nicht so subjektiv, wie das Denken, sondern was objektiv in ihm ist, so wie unser Auge objektiv in uns ist. Und wie unser Auge, unser leibliches Auge, uns ein sinnliches Wahrnehmen vermittelt, so vermittelt uns eine geistige Wahrnehmung dasjenige, was wir gewissermaßen losgelöst, herausgeholt haben durch immer wiederholte, meditative Anstrengungen aus unserem gewöhnlichen Denken; so erwecken wir aus diesem gewöhnlichen Denken das schauende Bewusstsein, wie wir das gewöhnliche denkende Bewusstsein aus der sinnlichen Wahrnehmung heraus erwerben, aus dem Sinnenleben heraus erwerben.
[ 28 ] Nun lernt man erkennen auf diese Weise, wie das Denken, so wie es in uns lebt, in der Tat so umgestaltet werden kann, wie das Traumleben umgestaltet wird zu dem [gewöhnlichen wachen Vorstellungsleben].
[ 29 ] Menschen, die mit diesen Vorstellungen heute noch wenig bekannt sind, die werden begreiflicherweise finden, dass der Mensch, indem er von einem solchen Entwickeln des Vorstellungslebens spricht, in allerlei Selbsttäuschungen befangen sein kann, in Suggestionen befangen sein kann, dass er sich Selbsttäuschungen hingibt, vielleicht auch, dass dieses, was da als eine Entwicklung des Vorstellungslebens wie ein erwachtes Bewusstsein auftritt, bloß auf irgendwelchen Visionen oder Halluzinationen beruht. Ich sage: begreiflicherweise kann man zu solchen Gedanken kommen. Allein man zeigt eben dadurch, was ja heute noch natürlich ist, dass man all die Vorsichtsmaßregeln, von denen Sie lesen können in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nicht kennt, welche der Geistesforscher sich selber vorschreibt, um zu einem solchen schauenden Bewusstsein vorzudringen, und die alle dahin gehen, dass jede Art von Suggestion, die da kommen kann, untersucht wird, damit sie ausgeschlossen werden kann. Ebenso wie jede Möglichkeit zu irgendetwas von einer Halluzination oder von einer Vision zu kommen, streng ausgeschlossen wird, weil man gerade die Wege kennt, die zu solchen Dingen führen können. Und die lernt man sehr gut kennen. Und man lernt diese Dinge sehr leicht vermeiden; denn der Weg, den ich hier skizzieren will, führt nicht in das Halluzinatorische, in das visionäre Leben hinein, sondern zur Entwicklung gerade derjenigen Kräfte, die geeignet sind, alles bloß Visionäre, alles Phantastische zu vertreiben. Gerade in der richtigen, positiven Weise, wie man gewissermaßen alle die Kräfte abbiegt, welche zu solchen Abwegen führen, zeigt das Charakteristische des geistesforscherischen Weges.
[ 30 ] Nun könnte man ja auch vielleicht sagen: Ja, aber woher weiß denn der Geistesforscher, dass er, wenn sein [schauendes] Bewusstsein erwacht ist, nicht einfach darinnen eine besondere, vielleicht [höhere], aber nur besondere Ausbildung des gewöhnlichen Vorstellungslebens, das an das Gehirn gebunden ist, und durch das Gehirn als seinem Werkzeug sich im Alltag entwickelt —, dass er nicht etwas, was nur im [höheren] Sinne zwar ausgebildet ist, aber doch an das Gehirn gebunden ist, in sich entwickelt hat?
[ 31 ] Das weiß er dadurch, sehr verehrte Anwesende, dass er in dem Augenblicke, wo er wirklich zu der Bildung desjenigen, was ich objektives Vorstellungsorgan genannt habe, das sonst nicht da ist, und das nun als GeistigSeelisches in uns sitzt, wie sonst objektiv unser Auge in uns sitzt, dass er durch dieses Organ gleichzeitig beobachtet, beobachten kann wie die gewöhnlichen Gedanken, aus denen er erwacht ist, nebenher [entstehen], und wie diese gebunden sind an das Werkzeug des Gehirnes. Wenn man in einer Sache drinnen steht, kann man sie ja gar nicht durchschauen. Das beste Beispiel dafür ist unser Auge selbst. Das Auge sieht alles und kann anderes zur Beurteilung uns vermitteln; aber es sieht nicht sich selber. Ebenso kann das gewöhnliche Vorstellen, das an das Gehirn gebunden ist, solange es in sich selbst steht, nicht sich beurteilen. Aber es wird gerade in seiner Eigenart erkannt, und wird gerade in seiner Gebundenheit an das Gehirn in dem gewöhnlichen physischen Erdenleben von der Geburt bis zum Tode erkannt, wenn der Mensch dahin gelangt ist, dass er herausgetreten ist aus diesem gewöhnlichen Denken und dieses gewöhnliche Denken nunmehr von außen anschaut.
[ 32 ] In mehrfacher Hinsicht, sehr verehrte Anwesende, ist dasjenige, zu dem der Mensch auf diese Art gelangt, eine außerordentliche Erschütterung, ein tief in die Seele eingreifendes Erlebnis, ein Erlebnis, welches in zweifacher Weise seinen Träger erschüttern kann — erstens dadurch, dass, indem dieses schauende Bewusstsein wirklich auftritt, die Sinneswelt nicht mehr da ist, geradeso, wie der Traum nicht mehr da ist, wenn man erwacht ist; dadurch aber ist ja das alles während des schauenden Bewusstseins nicht unmittelbar um uns, was sonst in der Sinneswelt um uns ist; und man könnte sagen: es ist, wie wenn uns der Boden unter den Füßen entzogen würde und wir in der Luft schweben würden. Man muss sich an solche Erlebnisse erst gewöhnen, wenn uns die ganze sinnliche Welt wie erlischt und ein neues Organ in uns erwacht.
[ 33 ] Aber noch durch etwas anderes zeigt sich das Erlebnis als erschütternd; und das ist: durch dieses Erlebnis werden wir allerdings zum schauenden Bewusstsein geführt. Aber dieses schauende Bewusstsein, das wird ganz besonders, möchte ich sagen — und ich darf diesen Ausdruck im ganz eigentlichsten Sinne gebrauchen — in einer gewissen Art erschreckt, wenn dieses schauende Bewusstsein auf den Menschen selbst zurückblickt; und das erste Objekt, das diesem schauenden Bewusstsein gegeben wird, ist der Mensch selbst. Daher muss es auch so geschehen, dass derjenige, welcher aufmerksam gemacht wird im Sinne der erwähnten Bücher, auf diesem geistesforscherischen Weg nicht einseitig dazu geführt wird, dieses schauende Bewusstsein zu entwickeln, sondern dass andere Seelenerlebnisse, sogenannte Übungen, parallel gehen, welche das Schreckhafte, das eintreten würde dadurch, dass man sich nun selber beschaut von dem schauenden Bewusstsein aus, welches dieses Schreckhafte sogleich einem nimmt den Schrecken. Dieses schauende Bewusstsein ist zunächst ganz naturgemäß auf den Menschen selbst hingelenkt. Würde es aber auf den Menschen, so wie er ist in dem gewöhnlichen wachen Bewusstsein, einfach hingelenkt werden, dann würde etwas entstehen für dieses schauende Bewusstsein, das sich vergleichen lässt wie mit einer Blendung, einer Blendung, die diesem schauenden Bewusstsein geistig Schmerz bereiten würde.
[ 34 ] Warum dieses? Aus dem Grunde, sehr verehrte Anwesende, weil ein blendender Eindruck, ein überglänzender Eindruck für dieses schauende Bewusstsein diejenigen Impulse in unserem gewöhnlichen Menschenleben sind, die so, wie sie sein müssen in diesem gewöhnlichen Menschenleben, aus Sympathien und Antipathien, die uns in das Leben hineinstellen, entspringen. Der Hinblick des schauenden Bewusstseins auf diese gewöhnlichen Sympathien und Antipathien gestaltete sich so, wenn dem nicht vorgesorgt wäre, wie wenn das Auge unmittelbar der blendenden Sonne ausgesetzt würde. Daher müssen gewisse Übungen parallel gehen den anderen, welche das schauende Bewusstsein erwecken. Und diese Übungen bestehen darinnen, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, in dem Momente, wo er das schauende Bewusstsein entfaltet, abdämpfen zu können alles dasjenige, was im gewöhnlichen Leben in den auf- und abwogenden Sympathien und Antipathien lebt. Wie es bei der Entwicklung des Vorstellens oder Denkens darauf ankommt, dass wir möglichst intensiv die Denk- oder Vorstellungskraft gestalten und dadurch sie herausholen aus dem gewöhnlichen Denken, sie aufweckend machen aus dem gewöhnlichen Denken, handelt es sich auf der andern Seite darum, dass wir solche Seelenübungen, die wiederum in den genannten Büchern im Einzelnen beschrieben sind, machen, welche in keiner Weise für das gewöhnliche Leben [störend sind]. Das wäre von großem Übel, denn dadurch würden ins Leben hineingestellt statt Geistesforschern allerlei im Leben unbrauchbare Menschen; im Leben brauchen wir unsere Sympathien und Antipathien. Menschen, welche zu Fischnaturen gemacht würden dadurch, dass ihnen die Sympathien und Antipathien im gewöhnlichen Leben ausgetrieben würden, und sie wie so rechte Fischnaturen nur durch das Leben gehen wollten, die wären nicht die rechten Geistesforscher —, also nicht zu einem im Unwillkürlichen lebenden Abdämpfen der Sympathie und Antipathie darf es kommen, sondern dazu, dass der Mensch für gewisse Momente, wo er in die geistige Welt hineinblicken will, in die Lage sich versetzen kann, das ganze Sympathieund Antipathieleben abzudämpfen, es zum Stillstand zu bringen, sodass dasjenige, was sonst als Wille im Leben immer dahinschießt auf den Wellen der Sympathie und der Antipathie, dass das ganz und gar herausgerissen, herausgelöst wird aus den Sympathien und Antipathien.
[ 35 ] Und wie auf die vorhin beschriebene Weise durch die Meditation herausgeholt wird, zum Erwachen gebracht wird das Vorstellungs- und Denkleben, so wird in einer neuen Weise vor dieses schauende Bewusstsein hingestellt dasjenige, was sonst im Wollen lebt, aber eingeschlossen ist in das Sympathie- und Antipathieleben, welches sich nur durch unseren leiblichen Organismus entwickeln kann. Von diesem leiblichen Organismus reißen wir jetzt aber los dasjenige, was sonst in unseren Willensimpulsen lebt.
[ 36 ] Dann haben wir zunächst eine besondere Art von Selbsterkenntnis des Menschen. Dasjenige, was nun in wirklichem Sinne, um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen, ein «geistiges Auge» genannt werden kann, das schauende Bewusstsein, das kann sich hinrichten auf dasjenige, was aus den Sympathien und Antipathien, und dadurch aus dem Leibesleben herausgerissen ist, herausgelöst ist. Und geboren ist im Menschen nun nicht bloß die abstrakte Idee eines höheren Menschen, nicht bloß das abstrakte Ideal eines geistigen Menschen im Menschen, sondern ein realer geistiger Mensch mit wirklichen geistigen Sinnesorganen, dem eine neue Welt gegeben ist; und wodurch [ist] eine neue Welt gegeben? Dasjenige, was nun eintritt dadurch, dass der Mensch als Geistesforscher solche Entwicklung, wie ich sie beschrieben habe, durchmacht, das lässt sich in folgender Weise etwa durch einen Vergleich veranschaulichen.
[ 37 ] Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, wir können im Leben gehen von einem Orte zum andern; wir strengen unsere Muskelkräfte an, wir bahnen uns unseren Weg dadurch, dass wir unsere Augen links und rechts und nach vorwärts richten, um die entsprechende Orientierung zu haben, und so weiter, kurz dasjenige, was uns Schritt für Schritt vorwärtsbringt, das hängt zusammen mit unserem unmittelbaren Organismus. Wir können aber auch uns in eine Kutsche setzen und fahren; dann ruht unser gewöhnlicher Organismus, und wir kommen doch vorwärts, wir legen doch unsern Weg zurück. Und indem wir vielleicht die Kutsche selber lenken, orientieren wir uns in einer ganz anderen Weise, als wir uns sonst orientiert hätten, indem wir zu der uns sonst notwendigen Tätigkeit noch eine andere hinzufügen.
[ 38 ] Wir haben nun, indem wir solche geistigen Kräfte in uns entwickeln, wie die geschilderten, in der Tat uns geistig etwas anerschaffen, welches sich vergleichen lässt mit einem Wagen, in dem wir fahren. Unser gewöhnliches Denken ist in sich selber beschlossen, wie wir in dem Wagen drinnen sitzen, so haben wir unser gewöhnliches Denken: aber dieses Denken ist am Schlusse völlig erschüttert [von dem, was] das schauende Bewusstsein entfaltet. Und unser gewöhnliches Willensleben, das wir sonst im Leben entfalten in Sympathie und Antipathie, das pulsiert weiter fort, wie uns der Wagen weiterträgt, ohne dass wir unsere Füße anstrengen.
[ 39 ] Wir haben einen zweiten Menschen, der uns nun durch die Welt trägt. Und innerhalb dieses zweiten Menschen ist der erste geblieben. Es entwickelt sich das Denken, das Wollen, aber so, dass [es] in einer gewissen Weise in sich selber zur Ruhe gekommen ist, wie der Mensch innerhalb des Wagens, in dem er fährt.
[ 40 ] Das Wesentliche nun, worauf es ankommt für unser heutiges Thema, ist dieses, dass, indem der Wille losgerissen wird, losgelöst wird von dem Strömen auf den Wellen von Sympathie und Antipathie, da zeigt sich dieser Wille nicht als eine abstrakte Erscheinung, wenn er wirklich losgelöst wird und beobachtet wird von dem schauenden Bewusstsein, dann, sehr verehrte Anwesende, dann zeigt sich dieser Wille so, dass er uns eingegliedert zeigt in eine wirkliche geistige Welt, mit der unser Leib verbunden ist in irgendeiner bestimmten Weise.
[ 41 ] Ich möchte hier wiederum, weil man ja solche Vorstellungen, die heute noch ungewohnt sind, nur vergleichsweise klarmachen kann, ich möchte hier wiederum einen Vergleich gebrauchen, um ganz anschaulich zu machen dasjenige, was ich zu sagen habe.
[ 42 ] Wir leben im gewöhnlichen Leben in einem Rhythmus von Schlafen und Wachen darinnen eben. Dieser Rhythmus ist auch ein Rhythmus der äußeren physischen Welt. Es würde zu weit führen, zu zeigen, wie wirklich ein Zusammenhang ist zwischen unserem inneren Rhythmus von Schlafen und Wachen, wie dieser nachbildet eine innere Verwandtschaft unseres Organismus mit den Kräften der Welt, welche Tag und Nacht verursachen, wie dieser innere Rhythmus von Schlafen und Wachen wirklich zusammenhängt mit dem Wechsel in der großen kosmischen Natur von Tag und Nacht. Wir bilden nach, in uns erlebend nach, diesen Rhythmus von Tag und Nacht. Eine innere Nacht und einen inneren Tag machen wir durch im Schlafen und im Wachen. Der Mensch ist durchaus ein Wesen, das in seiner ganzen inneren Gesetzmäßigkeit ruht in einem Rhythmus, der dem äußeren Weltenrhythmus nachgebildet ist. Und was der Mensch auch physisch in seinem Inneren erlebt, ist durchaus ein Nachbild des äußeren physischen Weltenrhythmus.
[ 43 ] Solche Dinge wird auch die äußere Wissenschaft immer mehr und mehr erforschen und wird dadurch ungeheuer interessante Resultate zutage fördern, welche in der Zukunft auch tief eingreifen werden in das praktische Leben, [und wird] noch ganz andere Kräfte entdecken als die Kraft der Elektrizität und Ähnliches, die so große praktische Fortschritte in das neuere Leben hereingebracht haben.
[ 44 ] Aber so, wie unser gewöhnliches Leben im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod in seinem Rhythmus nachbildet den Rhythmus von Tag und Nacht, so bildet das Wollen in uns — das jenem Wollen zugrunde liegt, das an den Organismus gebunden ist und auf den Wellen von Sympathie und Antipathie dahinströmt —, dieses Wollen bildet nach einen geistigen Rhythmus, einen Rhythmus in der geistigen Welt, den wir im gewöhnlichen Bewusstsein gar nicht kennen. Und wir kommen darauf, dass wir in einem geistigen Rhythmus leben, genau ebenso, wie wir im gewöhnlichen Rhythmus von Schlafen und Wachen im gewöhnlichen Leben eben leben, welcher so beschrieben werden muss, dass wir sagen: Es beginnt, so, wie unser Aufwachen beginnt etwa am Morgen, es beginnt, indem wir durch die Geburt ins Dasein treten, ein gewisser Zustand in der geistig-leiblichen Verfassung, welcher abläuft durch unser ganzes Erdenleben durch, und mit dem Tode, der früher oder später eintritt, endet. Das ist so, wir könnten sagen wie das Schlafen oder Wachen, darauf kommt es nicht an, sondern es kommt auf das Wechselverhältnis dabei an. Aber wir merken auch, dass geradeso, wie wenn wir heute erwachen durch unser gewöhnliches Bewusstsein, es wissen, dass unser heutiges Leben die Fortsetzung des gestrigen Lebens ist, so wissen wir, dass der Rhythmus, in dem wir mit den tieferen Kräften unseres Willens drinnenleben, dass dieser Rhythmus, indem er sich erstreckt über unser Leben von der Geburt bis zum Tode, zunächst hervorgeht aus einem Leben, das erflossen ist zwischen einem früheren Sterben von uns und unserem jetzigen Geboren- oder Empfangenwerden, und weiter zurück geht zu einem früheren Erdenleben, und so weiter; und dass, indem wir durch die Pforte des Todes schreiten, wir eintreten in eine andere Phase dieses Lebensrhythmus, in eine Phase, die allerdings wesentlich länger dauert als die Phase zwischen Geburt und Tod, in eine Phase von einem rein geistigen Dasein, einem Dasein, das wir nun durchmachen zwischen, sagen wir unserem Tode und unserer neuen Geburt, einem neuen Eintritt in ein physisches Erdenleben.
[ 45 ] Und so, wie das gewöhnliche Bewusstsein überschaut den Rhythmus des wiederholentlichen Lebens in den aufeinanderfolgenden Tagen, getrennt durch die Schlafzustände, so überschaut das schauende Bewusstsein etwas, was allerdings zunächst frappierend ist, einen über weiter ausgedehnte Phasen sich erstreckenden Rhythmus, in dem das ewige Wesen unserer Menschenseele abläuft, abläuft durch wiederholte Erdenleben, und viel längere Zwischenzuständen hindurch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und aufgedeckt wird, indem wir den Willen entkleiden seines Befangenseins in Sympathie und Antipathie, die ihn an die Körperlichkeit binden; es erscheint vor dem schauenden Bewusstsein dasjenige, was als ewiges Wesen der Menschenseele durch wiederholte Erdenleben und andere Leben zwischen Toden und Geburten sich erstreckt. Für das schauende Bewusstsein ist das kein Rhythmus anderer Art als der Rhythmus des Abwechselns zwischen dem Tag und immer wieder neuem Tag, die durch die Nächte — respektive im Wachen und [immer wieder] Wachen —, die durch die Schlafzustände geschieden sind.
[ 46 ] So versuchte ich Ihnen zu zeigen, wie man verstehen kann, wie die Geistesforschung kommt zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben. Denn nicht ein Phantasiespiel, nicht irgendetwas philosophisch Ersonnenes ist dasjenige, was wir [von wiederholten Erdenleben in der Geisteswissenschaft] sprechen, sondern es ist etwas, was auf einer Anschauung beruht, allerdings auf dem wirklichen, schauenden Bewusstsein, das als Realität erworben wird auf die angedeutete Weise.
[ 47 ] Erst dann, wenn die Menschen begriffen haben werden die ganze Wahrheit des Erwachens des gewöhnlichen Bewusstseins zum schauenden Bewusstsein, wird ihnen dasjenige, was heute noch so grotesk für viele ist — die Anschauung von den wiederholten Erdenleben —, nicht mehr grotesk erscheinen; sondern es wird diese Anschauung das Schicksal erleben, sehr verehrte Anwesende, das viele geistige Errungenschaften der Menschheit erlebt haben, die zunächst wie Ketzereien aufgefasst worden sind, und die dann zu Selbstverständlichkeiten geworden sind. Ich erinnere nur an dasjenige, was Galilei, was Kopernikus und so weiter gefunden haben.
[ 48 ] Nun handelt es sich darum, dass man etwas weiter hineinschaue in dasjenige, was für das menschliche Leben zusammenhängt mit den wiederholten Erdenleben, die sich auftun für das schauende Bewusstsein. Hier darf zunächst auf etwas aufmerksam gemacht werden, auf das ich ja auch in früheren Vorträgen, hier auch in dieser Stadt, schon hingedeutet habe, es darf auf etwas aufmerksam gemacht werden, worauf, wie auf so vieles, mit Recht aufmerksam [gemacht werden] soll — durchaus kann gesagt werden mit Recht, denn Geisteswissenschaft lehnt die Naturwissenschaft nicht ab, sondern bewundert sie in allen Errungenschaften —, es soll aufmerksam gemacht werden auf etwas, worauf die neuere Naturwissenschaft, die physiologische, psychologische Forschung mit Recht stolz ist, das ist, dass in der neueren Zeit recht erhebliche, schöne Fortschritte mit Bezug auf das Vererbungsproblem gemacht worden sind. Nun, es kann heute für vieles, was im menschlichen Leben auftritt, gesagt werden, wie der Nachkomme gewisse Eigenschaften, die auf dem Umwege durch sein physisches Naturell in ihm wirken, von Eigenschaften seiner Vorfahren bis hinauf zu weit, weit stehenden Vorfahren durch Vererbung hat.
[ 49 ] Es ist ein schönes Buch geschrieben worden über Goethe — dieses Buch kann von jedem, der sich dafür interessiert, wie vieles andere, was auch über die Vererbung mit scheinbar tiefem Recht gesagt wird, mit brennendem Interesse gelesen werden —, es ist ein schönes Buch über Goethe geschrieben worden, in dem versucht wird, alles dasjenige darzustellen, was erforscht werden kann über Goethes Vorfahren wie diese weit hinaufgehenden Vorfahren in der Ahnenreihe ganz diese oder jene Eigenschaften auch zeigen, die dann gewissermaßen summiert bei Goethe wieder auftreten und uns begreiflich machen, wie in Goethe sich konzentriert hat dasjenige, was sich auf viele Vorfahren verteilt hat. Einzelnes selbstverständlich wäre nichts Beweisendes, aber in dieser Richtung sind viele Versuche unternommen worden, und schöne Resultate sind zutage gefördert worden.
[ 50 ] Und nun könnte jemand kommen und könnte sagen: Ja, was willst du denn nun eigentlich mit deinem Zurückführen des gegenwärtigen Erdenlebens in seinem ganzen Fortschreiten, wie es der Mensch entfaltet mit all seinen Anlagen, mit all seinen Schicksalsschlägen, zu denen er durch seine Anlagen geführt wird? Erklärbar ist es dadurch, dass wir sehen, was die Vorfahren auf den Nachkommen übertragen haben.
[ 51 ] Gewiss soll von Geisteswissenschaft nicht übersehen werden, dass Wunderbares, Großartiges auf diesem Gebiete geleistet worden ist; allein ein prinzipieller Fehler liegt zugrunde dieser ganzen Denkweise. Gegen das, was die Naturwissenschaft auf diesem Gebiete findet, soll gar nichts eingewendet werden; die Dinge, die gesagt werden, sind in einer gewissen Weise rein als Tatsachen voll begründet. Allein, es ist sonderbar, dass man für Beweisendes hält prinzipiell, wenn jemand gewisse Eigenschaften zeigt, und die bei seinen Vorfahren wieder vorkommen, so könne es nur darauf beruhen, dass er sie physisch von seinen Vorfahren, in dem Sinne, wie man das heute meint, übernommen habe. So beweist man eigentlich der Tatsachenwelt gegenüber nichts!
[ 52 ] Beweisend wäre etwas ganz anderes; denn, sehr verehrte Anwesende, ich habe den Vergleich schon oft gebraucht, man kann den Vergleich gebrauchen: Wenn jemand zeigt die Eigenschaften, die bei seinem Vorfahren sich fanden, so ist das ganz natürlich, denn er ist physisch durch all die Kräfte durchgegangen, die sich von seinen Vorfahren herunter erstrecken bis zu ihm; und es ist nicht wunderbarer, dass er diese Eigenschaften physisch zeigt, die seine Vorfahren gehabt haben, nicht wunderbarer, als — wenn man tiefer darüber nachdenken wird, wird man finden —, es ist nicht wunderbarer, als dass ein Mensch, der ins Wasser fällt und herausgezogen wird, nass ist. Er zeigt eben dasjenige, was er sich angeeignet hat in dem Element, durch das er durchgegangen ist. Wollte man logisch sein, wirklich logisch sein, dann würde man müssen zeigen, um die Vererbung geistiger Eigenschaften wirklich zu erhärten, wie geistige Eigenschaften, die heute bei einem Menschen auftreten, sich auf seine Nachkommen vererben. Man müsste nicht den Nachkommen auf die Vorfahren zurückführen, sondern man müsste von dem geistigen Vorfahr ausgehen und zeigen, wie seine Eigenschaften sich vererben. Ja, würde man sagen können: Seht ihr, das, was bei den Vorfahren aufgetreten ist an besonderen geistigen Eigenschaften, das zeigt sich an dem Nachkomme, wenn man es beobachtet? Das würde man wohl bleiben lassen. Man sähe nicht an Goethes Sohn oder Enkel gerade besondere Merkmale großer geistiger Eigenschaften. Und man würde solches schon bleiben lassen, denn es würde wenig zutreffend sein.
[ 53 ] Dennoch wäre dies, wie gesagt, die einzige Möglichkeit, es logisch zu beweisen. Es liegt ein prinzipieller Fehler der Sache zugrunde. Dennoch soll durchaus nicht geleugnet werden dasjenige, was an Tatsachen in der Vererbungslehre auftaucht und bewiesen werden kann. Es soll nicht geleugnet werden, wie wir durch Vererbung empfangen diejenigen Werkzeuge, die wir brauchen, um unsern Geist, der aber nun herübergekommen ist, unser Seelisch-Geistiges, das herübergekommen ist aus einem früheren Erdenleben und durch eine geistige Welt zwischen Tod und neuer Geburt gegangen ist; wir können auf diese Tatsache, die diese unsere Geisteswissenschaft selbst verwendet und die aus der Vererbung her gekommen ist, hinblicken. Aber dabei bleibt für das geistige Anschauen, für das schauende Bewusstsein, die andere Tatsache bestehen; und es vereinen sich die beiden Tatsachen sehr gut miteinander. Man braucht nur daran zu denken, was Geistesforschung genau zeigt, dass die geistige Welt, von der sie spricht, in die wir eintreten, indem wir durch das Tor des Todes gehen, dass diese geistige Welt nicht irgendwo entfernt von der physischen Welt ist, sondern dass sie in ihrer ganzen Ausdehnung überall die physische Welt durchdringt. Wo ist die geistige Welt? Ja, die geistige Welt ist nirgends anders, als wo die physische ist. Sie ist durch die Art, nicht durch den Ort von der physischen verschieden. Und indem wir geistig die Zeit durchleben, durchleben wir dieselbe Zeit, in welcher sich durch viele Generationen in der Vererbungsströmung die Merkmale vorbereiten, die wir dann zeigen, wenn wir in ein Erdenleben eintreten. Wir sind verbunden — obwohl nicht physisch in der Welt anwesend — mit dem Geiste, aus dem alles in der physischen Welt hervorquillt.
[ 54 ] Und wenn wir hinschauen auf alles das, was als Tatsachen, als physische Tatsachen zu konstatieren ist durch eine lange Generationenreihe her, so ist das nur der Ausfluss von Geschehnissen, die in der geistigen Welt vor sich gehen; denn alles Physische zeigt die geistige Welt als einen Ausfluss von Geschehnissen. Bei den geistigen Geschehnissen sind wir es zwischen unserm Tod und einer neuen Geburt, welche aus der geistigen Welt heraus selber die Vererbung leiten. Mit einem anderen Bewusstsein, als wir es hier in der physischen Welt haben, haben wir vor uns die ganze Vererbungsströmung durch lange Generationen hindurch. Und geradeso, wie wir hier im physischen Leben beginnen, wenn wir eine Handlung beginnen wollen, mit dem Anfang /Lücke] und so weiter, so schließen wir uns in der geistigen Welt zwischen Tod und einer neuen Geburt einer gewissen Vererbungsströmung an, in die wir uns gewissermaßen von der geistigen Welt hineinleben, und die uns dazu führt, dann als Nachkomme jener Vorfahren geboren zu werden, welche uns die Eigenschaften geben können, die wir brauchen, damit wir dasjenige, was wir in einem letzten Erdenleben erlebt haben, was wir uns angeeignet haben an Kräften, hinübertragen können in ein neues Erdenleben.
[ 55 ] Das, was ich jetzt eben ausgeführt habe, ist für das schauende Bewusstsein eine Tatsache, sehr verehrte Anwesende. Und die Sache ist so, dass in der Tat sich innerhalb der geistigen Welt weit, weit vor Jahrhunderten vor der Geburt oder Empfängnis eines Menschen in der physischen Welt ein geistiges Anziehungsband bildet zu der ganzen Vererbungsströmung — gewissermaßen eine durch ein höheres Bewusstsein, das wir haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bewirkte Wahl in der Vererbungsströmung —, [das] führt uns hinein, dass wir uns mit der Seele, die das ewige Wesen in uns darstellt, selber hingeleiten zu denjenigen Vorfahren, die wir brauchen, damit wir das an inneren Anlagen ausleben können, was wir uns vorbereitet haben in früheren Erdenleben.
[ 56 ] Das ist das eine. Das andere muss in der folgenden Weise begriffen werden. Wiederum sind es die ausführlichen, exakten, gewissenhaft unternommenen geistigen Forschungen, die zu diesem anderen führen. Und die Mitwelt weiß noch wenig, wie gewissenhaft und wie viel mühevoller als die physiologischen oder astronomischen Forschungen diese geistigen ausgeführt werden. Daher bringt sie noch so wenig Vertrauen diesem geistigen Forschen entgegen, macht sich noch so leicht über sie als etwas Phantastischem lustig.
[ 57 ] Wenn das schauende Bewusstsein entwickelt ist, dann sieht man, sehr verehrte Anwesende, wie sich etwas ganz anderes abspielt in der Welt, in der wir als physischer Mensch leben, als dasjenige, was unser gewöhnliches Bewusstsein überschaut. Lassen Sie mich nur einen Fall herausheben zunächst. Auf der einen Seite traten wir im Leben zu diesem oder jenem Menschen in Bezichung, wir leben diese Beziehungen auch aus. Aber wir leben die Beziehungen, in die wir zu den Menschen im gewöhnlichen Leben treten, dadurch aus, dass diese Beziehungen in unser gewöhnliches Bewusstsein hereinwirken, in unser gewöhnliches Bewusstsein hereintreten und wir ideell unser Leben im Verhältnis zu dem anderen Menschen gestalten. Aber das, was wir so in unser Bewusstsein hereinnehmen an elementarem Verhältnis zu anderen Menschen, das ist für das schauende Bewusstsein nur ein kleiner Teil desjenigen, was sich wirklich anknüpft.
[ 58 ] Für dieses schauende Bewusstsein stellt sich nämlich heraus, dass, wenn wir zu einem Menschen oder auch zu einem anderen Wesen oder auch zu der physischen Außenwelt in gewisse Wechselverhältnisse treten, in unserem tieferen Seelenwesen in einem viel weiteren Umfange Beziehungen eintreten, als sich erfüllen lassen in einem Erdenleben. Nur bleiben diese Beziehungen unter der Schwelle des Bewusstseins zunächst darunter; aber diese Beziehungen sind real, sind nicht bloß gedachte Beziehungen, sind in uns so real, dass sie reale Wirksamkeiten entfalten können. Sie leben so in uns, wie der Pflanzenkeim sich in der Pflanzenblüte entwickelt, und nicht bloß ein Gedanke der Pflanze ist, sondern in sich die reale Kraft hat, jetzt auf physische Art eine neue Pflanze zu bilden.
[ 59 ] Dasjenige, was geistig-seelisch in uns lebt, ist, trotzdem es geistig-seelisch ist, real eine wirkliche Kraft, die durch die Pforte des Todes geht, die sich in die geistige Welt hineinlebt, die sich weiter ausbildet in der Welt, in der wir nun in dem langen Leben zwischen Tod und neuer Geburt zu den anderen Menschen entwickeln, wenn auch diese durch die Pforte des Todes gegangen sind oder auch noch, während sie im physischen Leibe sind, und wir schon durch die Pforte des Todes gegangen sind. Diese Beziehungen, sie werden ausgestaltet, sie werden mitgenommen auf dem Wege. Und indem wir auf der einen Seite uns für unsere inneren Anlagen, die wir hineingebären in ein neues Erdenleben, nach den Vererbungsströmungen richten, durchdringen wir uns in unserem geistigen Dasein mit alledem, was wir an tieferen Beziehungen in früheren Erdenleben mit Bezug auf unsere Umgebung ausgebildet haben. Und aus diesem heraus bildet sich eine gewisse Imagination, eine gewisse innere Gestaltung über die Situation des neuen Erdenlebens. Nicht nur, dass wir unsere inneren Seelenanlagen entwickeln in der geschilderten Zeit, sondern wir gestalten mit einer prophetisch gestaltenden Kraft in einem höheren Bewusstsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt unsern Weg in eine bestimmte Lebenssituation hinein — geradezu an einen bestimmten Ort, in eine bestimmte Familie hinein und so weiter, in eine bestimmte Situation hinein.
[ 60 ] Das ist dasjenige, was die Seele auslebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, indem sie zusammenströmen lässt den einen Strom, welcher zu ihren inneren Anlagen führt, und der mit den Vererbungskräften durch Generationen ein Anziehungsband hat mit dem anderen Strome, der auf den geistigen, auf den seelischen, auf den gemütlichen oder sonstigen Erlebnissen eines vorigen Erdenlebens beruht, und der jetzt zusammengearbeitet wird. Und aus dem Zusammengearbeiteten dieser beiden Strömungen entsteht, wie wir auf der einen Seite geboren werden dadurch, dass wir hingezogen werden, um geboren zu werden aus einer bestimmten Familie heraus, und auf der anderen Seite in eine bestimmte Lebenssituation hinein. Und indem der andere Mensch ebenso zu uns das Anziehungsband hat wie wir zu ihm, gestaltet sich vielfach das aus, dass wir in ferneren Erdenleben wiederum zusammengebracht werden, obwohl da Übergreifungen stattfinden können, und ein Mensch im nächsten oder erst in vielen Erdenleben wieder zusammengeführt wird mit dem anderen, und dergleichen. Auf solche Einzelheiten kann ich jetzt nicht eingehen.
[ 61 ] Sie sehen, sehr verehrte Anwesende, dasjenige, was wir jetzt als menschliches Schicksal erkennen, das zeigt vor allem etwas, was begründet ist im gesetzmäßigen Rhythmus des Lebens, in dem in einem höheren Sinne das ewige Wesen der Menschenseele drinnensteht, wie hier im Rhythmus des Lebens, der äußerlich sich ausdrückt durch Tag und Nacht, durch das Schlafen und das Wachen, der Mensch drinnensteht.
[ 62 ] Wenn wir in dieser Weise des Leben überschauen, und das Schicksal gewissermaßen sich vor das schauende Bewusstsein hinstellt, so kann man natürlich sehr leicht sagen: Nun ja, da nimmst du ja dem Menschen alle Möglichkeit, sich frei zu entwickeln! Ich habe auf das Problem der Freiheit in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit» hingewiesen vom rein philosophischen Standpunkt aus. Und wer dieses Buch richtig in Erwägung zieht, wird mir nicht zuschreiben, dass ich irgendeine Lebensanschauung vertrete, welche gegen die Freiheit des Menschen sich aufbäumt. Aber gerade dasjenige, was in gewissenhafter Geistesforschung entwickelt wird, zeigt, worinnen die Freiheit begründet ist. Dieses Erdenleben, das wir durchmachen im physischen Leibe — [und in den in der geschilderten Weise unser ewiges Wesen der Seele eintritt] —, dieses Erdenleben machen wir nicht bloß durch, um in einem Jahreslauf zu leben, nicht, um es als ein Übel und als ein Leiden, wie der Buddhismus glaubt, sondern wir machen dieses Erdenleben durch als ein gewichtiges, wesentliches Glied unseres gesamten geistigen Lebens.
[ 63 ] Und zu dem vielen anderen, [was] zu unserem Leben [hinzugefügt wird] — wenn wir noch in so vielen geistigen Welten leben würden —, hinzugefügt wird durch das physische Erdenleben, zu dem vielen, dass wir dann weitere Verarbeitungen brauchen in der geistigen Welt, zu dem vielen wird gerade im physischen Erdenleben die Errungenschaft des freien Wollens hinzugefügt. Denn dieses freie Wollen beruht gerade darauf, dass dasjenige, was unter ganz anderen Bedingungen in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt lebt, in dem physischen Menschenleib durch die Geburt oder Empfängnis sich hineinversenkt, und dadurch wiederum lebt in solchen Vorstellungen, welche sich an die Sinneswahrnehmungen des physischen Leibes anlehnen; und auf der anderen Seite in solch einem Wollen, welches dahinströmt auf den Wellen von Sympathie und Antipathie. Und gerade im Durchgang durch dieses Erdenleben in solcher Art erringen wir uns das freie Wollen dadurch, dass wir durch die Sinne abgeschlossen werden von jenem unmittelbaren Hineinschauen in die geistige Welt, das sich ja ergibt für das schauende Bewusstsein, und auch für das Bewusstsein ergibt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dass wir da von diesem geistigen Leben gewissermaßen abgeschlossen sind im gewöhnlichen, physischen Wachleben. Und dass wir von unserem Rhythmus, der sich über lange Zeiten erstreckt, wie unser kurzer Rhythmus über Schlafen und Wachen, dass wir durch diesen Rhythmus abgeschnitten sind von dem Zustand im ewigen dahinströmenden Wesen unserer Seele, dadurch entwickeln wir innerhalb dieses Abgeschnittenseins, in dieser Isoliertheit, gewissermaßen in dieser Einsamkeit gegenüber der geistigen Welt, entwickeln [wir], was wir als Freiheit und was wir als freies Wollen entwickeln. Das ist eine Fähigkeit, die uns in dem Maße, wie wir [sie] beim Durchgehen durch wiederholte Erdenleben uns aneignen, niemals wieder verloren geht. Das zeigt als ein besonderes Ergebnis über die Freiheit die Geistesforschung.
[ 64 ] Wer näher auf diese Dinge eingehen will, der kann das lesen, gerade auch über das Freiheitsproblem, in meinem neuesten Buche «Vom Menschenrätsel», wo auf die ganze Beziehung des schauenden Bewusstseins zu einer Erkenntnis der höheren Welten hingewiesen ist. Ich brauche nur, ich möchte sagen, in Parenthese zu erwähnen, weil ja in einem Vortrage nicht alles gesagt werden kann, dass es unbegründet wäre, wenn jemand einwenden würde: Also siehst du das menschliche Leben an, als ob es sich in Ewigkeit in wiederholten Erdenleben abspielen würde? Das ist nicht der Fall! Aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» können Sie ersehen, dass diese wiederholten Erdenleben einmal begonnen haben und einmal enden werden, dass diese Erde selbst aus einem anderen Planeten hervorgegangen ist und zu anderen planetarischen Zuständen fortschreiten wird, und dass auch der Mensch dann unter anderen Verhältnissen lebt, [wie] ich sie geschildert habe, und in Zukunft leben wird unter anderen Verhältnissen.
[ 65 ] Ich habe Ihnen damit, sehr verehrte Anwesende, in einer kurzen Skizze — wie ja eine solche nur gegeben werden kann in einem kurzen Vortrage — einiges von dem geschildert, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zu sagen hat über das ewige Wesen der Menschenseele. Da wird nicht in dieser Geisteswissenschaft in einer abstrakten Weise gesprochen, indem man auf eine solche abstrakte Weise auf den Begriff der Ewigkeit und dergleichen hindeutet, sondern da wird gesprochen, indem auf die geistigen Erlebnisse hingewiesen und gezeigt wird, wie ein Erdenleben aus einem anderen hervorgeht, geradeso wie die Pflanze des nächsten Jahres aus der Pflanze des vorhergehenden Jahres aus dem Pflanzenkeim hervorgeht. Und aus dem, was diese Erlebnisse sind, setzt sich zuletzt die Idee der Ewigkeit zusammen.
[ 66 ] Man hat, sehr verehrte Anwesende, wie gesagt, heute noch nicht viel Entgegenkommen für eine solche Art der Anschauung über das wahre Verhältnis des Seelisch-Geistigen und des Physisch-Leiblichen und von dem vertieften höheren Willen. Wie ich schon erwähnte, wird angefeindet dasjenige, was als gewissenhafte Geistesforschung sich heute ebenso in die Geistesentwicklung der Menschheit hineinstellen muss, aus ähnlichen Gründen, wie sich die Naturwissenschaft vor drei bis vier Jahrhunderten als neuere Naturwissenschaft in dieses Geistesleben der Menschheit hineinstellen musste, hineingestellt hat; vor allen Dingen, man hat eine andere Art von Gegnerschaft gegen eine solche Art, die Welt anzuschauen, wie sie skizziert worden ist in Bezug auf ein gewisses Problem. Man hat Einwendungen auf der einen Seite von Anhängern religiöser Bekenntnisse, die ihr religiöses Bekenntnis gefährdet glauben oder von den Theologen solcher Bekenntnisse herkommen, man hat auch Angriffe, die von naturwissenschaftlicher Seite her kommen.
[ 67 ] Derjenige, der sich einlässt auf mancherlei, was Geisteswissenschaft zeigt — Sie können das insbesondere erschen aus einem Vortrage, den ich, um solche Gegnerschaften zu belegen, habe drucken lassen, über «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach» —, dasjenige, was dort auseinandergesetzt ist, zeigt, wie eben derjenige, der glaubt, vonseiten der Religion oder der Theologie das, was Geisteswissenschaft vorzubringen hat über das Seelenleben und sein ewiges Wesen, bekämpfen zu müssen, der zeigt damit, dass er sich nicht tief genug eingelassen hat in dasjenige, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist auf der einen Seite, und in dasjenige, was sie gerade als die beste Stütze des religiösen Bekenntnisses werden kann. Auf der anderen Seite ist es mit den Gegnerschaften, die von naturwissenschaftlicher Seite her kommen, gerade ebenso.
[ 68 ] Lassen Sie mich davon gerade zum Schluss einige wenige Worte sprechen. Dasjenige zunächst, was religiöse Wahrheiten sind, das wird von Geisteswissenschaft durchaus nicht beeinträchtigt; wohl aber wird es — davon kann man sich immer mehr und mehr überzeugen, wenn man das ganze moderne Leben durchschaut, das schon heute in hohem Grade bestimmt ist von der naturwissenschaftlichen Denkweise, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, und es immer mehr und mehr werden wird — beeinflusst. Dagegen wird dieses religiöse Leben geradezu von der Naturwissenschaft in einer solchen Weise beeinflusst, dass das Gegengewicht notwendig ist vonseiten der Geisteswissenschaft. Allerdings die, die glauben, heute als rechte Bekenner in diesem oder jenem Religionsbekenntnis zu stehen, die sehen die Sache von einer anderen Seite an. Und da ergeben sich denn ganz merkwürdige Dinge.
[ 69 ] Geisteswissenschaft zeigt in vieler Beziehung, wie dasjenige, was innerhalb der Religionsbekenntnisse als religiöse Offenbarung auftritt, gerade durch ihre Einsichten recht gestützt wird. Auf Einzelheiten gestattet der Vortrag nicht, sich einzulassen, aber durch die Naturwissenschaft finden gerade Theologen sich den Boden unter den Füßen entzogen, sodass sie merkwürdige Kompromisse eingehen. Ich erzähle nicht irgendetwas, das ich ausdenke, sondern solche merkwürdigen Kompromisse wurden wirklich eingegangen. So gedenke ich eines hervorragenden Theologen und Religionsführers der Gegenwart, der zu seinem Publikum sagt:
Ja, die Theologie oder das Religionsbekenntnis sollte sich nicht auflehnen gegen dasjenige, was Naturwissenschaft über den physischen Menschen zu sagen hat; sie soll den physischen Menschen ganz der Naturwissenschaft überlassen und soll sich nur
[ 70 ] — wie er sich ausdrückt, dieser Theologe —
den Menschen der Freiheit aufsparen.
[ 71 ] Es fragt sich nur, ob solches möglich ist. Es wäre ja schön, wenn man dadurch als Theologe, besonders mit der heftig gegen die Theologie anstürmenden, naturwissenschaftlichen Weltanschauung ankommen könnte, dass man eine echte Teilung vornimmt: das gebe ich dir, was sich auf den physischen Menschen bezieht, und das nehme ich dir, was sich auf den Menschen der Freiheit bezieht. Einen Laib Brot kann man ja allerdings teilen, wobei die Teilung sich aber so vollzicht, dass beide Teile dasselbe haben. Würde man den Menschen im geschilderten Sinne teilen und sagen: Das eine gibt man der Naturwissenschaft, das andere gibt man der Theologie, so würde geradeso wie die eine Hälfte des Brotes der Teil, der der Naturwissenschaft gegeben wird, Geist und Physis enthalten, und der andere Teil, der der Theologie gegeben wird, würde auch Geist und Physis enthalten. Und bei einer solchen Teilung kann nichts anderes herauskommen, sehr verehrte Anwesende, als höchstens, was zwischen Hänschen und Karlchen geschah. Als sie einen Apfel teilen sollten, da sagte der Vater: Ja, aber teile ihn christlich, mein lieber Hans! Da sagte der Hans: Ja, aber wie soll man denn christlich teilen? Na, sagte der Vater, teile ihn so, dass du dir die kleinere Hälfte behältst und gibt dem Karlchen die größere. Nun, da sagte der Hans: Da mag lieber das Karlchen den Apfel teilen. So ungefähr mag da auch die Teilung geschehen, dass der eine darauf bedacht ist, wie er das größere Teilstück bekommt. Aber darum kann es sich nicht handeln.
[ 72 ] Wenn man nämlich tatsächlich eine solche Teilung, die zu einem wirklichen Zusammenarbeiten zwischen geistiger Weltenbetrachtung und Naturwissenschaft führen soll, verrichten will, so muss dies so sein, so sich vollführen, dass man eben teilt, wie wenn man das Brot abteilt in Mehl und Wasser zum Beispiel; dann ist es natürlich nicht mehr Brot, dann gibt man auf der einen Seite das Mehl hin, auf der andern das Wasser. So ist es in der Tat: Dasjenige, was die Naturwissenschaft vom Menschen erforschen kann, das ist das, in das der Mensch untertaucht mit seinem ewigen Wesen. Das ist nicht der Mensch; denn in diesem Menschen zwischen Geburt und Tod sitzt auch dieses ewige Wesen; aber dieses ewige Wesen geht durch wiederholte Erdenleben und durch andere Leben zwischen Toden und Geburten hindurch, wie das gezeigt worden ist. Und dasjenige, was so umgestaltend eingreift, indem der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, was durchzieht, wie im Brote das Wasser das Mehl, so den physischen Menschen, das kann in der Tat für sich betrachtet werden durch schauendes Bewusstsein, und abgetrennt werden von demjenigen, was mit Händen greift und mit physischen Augen schaut, und mit gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Werkzeugen erkannt werden kann: der äußere physische Mensch.
[ 73 ] Es wird in vielen Dingen notwendig sein, noch genauer und anders zu denken, als das heute schon dem Menschen möglich ist, wenn man dasjenige wird einsehen wollen, was Geisteswissenschaft der ganzen Geisteskultur nach den Forderungen, die die Gegenwart und die Zukunft immer mehr und mehr erheben werden, sein kann und sein soll. Und auch in Bezug auf die Naturwissenschaft wird manches Vorurteil überwunden werden müssen. Heute glauben allerdings die Naturforscher, indem sie bloß den physischen Menschen — der überhaupt nicht der Mensch ist, wie das Mehl nicht das Brot ist —, indem sie den durchforschen, glauben sie den ganzen Menschen zu durchforschen. Allein mit diesem Menschen, der da durchforscht wird von der Naturwissenschaft, ist es nicht anders, als es ist, möchte ich sagen auf einem anderen Gebiete, wo der naturwissenschaftlichen Hypothese gegenüber ein tieferes Empfinden sehr wohl das ganz Unangemessene dem Dasein [gegenüber] empfindet. Das ist, wenn die Naturwissenschaft im Laufe der Jahre aufgestellt hat das, was man ja die KantLaplace’sche Theorie nennt. Ich weiß, sehr verehrte Anwesende, dass diese Kant-Laplace’sche Theorie heute von vielen sehr modifiziert gedacht wird; aber der Geist, aus dem heraus sie auch heute aufgestellt wird, der ist derselbe, aus dem sie von Kant und Laplace selbst aufgestellt worden ist. Da wird gezeigt, wie aus einer Art von Urnebel, ja, der in einer Rotierung war, sich nach und nach die Sonne und andere Planeten abgeschieden haben, und wie dasjenige, was heute uns umgibt als Sonnensystem, auf diese Art entstanden ist. Da wird nur außer Acht gelassen, was innerhalb dieses Urnebels schon geistig war und zu diesem Geistig-Gestalteten von jetzt geführt hat.
[ 74 ] Man kann solche Dinge sogar sehr anschaulich machen, und diese Anschauung kann ja ein großer Versucher sein: Man zeigt den Kindern schon in der Schule, indem man einen kleinen Tropfen Öl nimmt, der auf dem Wasser schwimmt, und ein Kärtchen, ein Kartenblatt zurechtschneidet, und einen Strohhalm durchschiebt, das Ganze zum Rotieren bringt, bis sich in der Tat von diesem mittleren Tropfen kleine Tröpfchen abgelöst haben: man hat eine Welt im Kleinen von rotierenden Punkten, ein ganzes Weltensystem. Diese Anschaubarkeit, die ist ungemein einleuchtend. Und das so Einleuchtende, das lieben ja die Leute heute so sehr, nur dass man vergisst dabei das eine, was sonst oftmals gut ist zu vergessen, man vergisst, dass man selber es war, der da gedreht hat! Und bei einem naturwissenschaftlichen Experiment darf man nichts vergessen. Man müsste also — bei diesem Experiment zur Verdeutlichung des Entstehens eines Weltensystems — annehmen, dass da draußen ein großer Herr Lehrer, ein großer Herr Professor auch dastehen würde und eine Nadel durchgesteckt hätte; denn ohne das würde die Rotation nicht habe eintreten können, die Absonderung der Planeten! Auf der anderen Seite vergisst man, dass sich von dem Öltropfen nur wieder Öltropfen absondern, also etwas, was von gleicher Gestalt ist als etwas, das im Urnebel enthalten sein kann.
[ 75 ] Deshalb haben tiefere Geister dies so empfunden wie Herman Grimm das ausgesprochen hat, der bedeutende Kunstforscher, der sich dabei auf Goethe bezieht und sagt: «Goethe würde solche Phantasien über Herbringung eines Weltenbildes zuletzt haben.» Herman Grimm sagt, und es ist wohl zu beachten, wie solche Menschen mit tieferen Gefühlen diesen Dingen gegenüberstehen:
Längst hatte in seinen
[ 76 ] — Goethes —
Jugendzeiten schon, die große Laplace-Kant’sche Phantasie von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfassbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit einbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozess, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr bedürfe als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten.
Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden
[ 77 ] — sagt Herman Grimm weiter
als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich not wendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wissbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären, die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.
Niemals hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlass gewährt.
[ 78 ] So sagte Herman Grimm.
[ 79 ] Nein, ebenso wenig, wie bei dieser — in ihren Grenzen vollberechtigten — Hypothese die Erkenntnis stehen bleiben kann, ebenso wenig kann die Erkenntnis mit Bezug auf das ewige Wesen der Menschenseele stehen bleiben bei demjenigen, was physiologisch der Naturforscher überhaupt aus dem Nervensystem, aus dem übrigen Organismus, aus der Leiblichkeit heraus zu sagen hat. Denn dieselben Worte, die Herman Grimm aus einem tieferen Menschheitsempfinden heraus auf die Kant-Laplace’sche Theorie, wenn sie über ihre Grenzen hinaus unberechtigt erscheint, zu sagen hat, die ließen sich auch sagen gegen das, was mancher Naturforscher der Gegenwart gegenüber einer wirklichen Weltanschauung in Bezug auf das ewige Wesen der Menschenseele heute vorzubringen hat.
[ 80 ] Dabei soll durchaus nichts — das haben Sie aus dem Geiste meines heutigen Vortrages wohl erkannt vielleicht — gegen die wirklichen, positiven Resultate dieser Naturwissenschaft eingewendet werden. So wie die Bekenner der Religion sehen würden, wenn sie auf die Geisteswissenschaft wirklich eingingen, dass Geisteswissenschaft gerade eine feste Stütze für das religiöse Leben des Menschen ist, und dass es wahr ist, tief wahr, was gesagt werden kann in Anknüpfung an einen Theologen und ich meine jetzt einen katholischen Theologen, an den ich mich immer wieder erinnern muss, wenn diese Fragen auf die Tagesordnung kommen, ein katholischer Theologe, der ein guter Priester war und bis zu seinem Tode betont hat, dass er ein treuer Sohn seiner Kirche habe immer bleiben wollen, er hat bei der Rektoratsrede, beim Antritt seines Rektoramtes — er war Professor für christliche Philosophie —, dass die neuere christliche Gesinnung sich nicht auflehnen sollte gegen so etwas, wie es Galilei in die Geistesentwicklung der Menschheit eingeführt hat. Denn gegenüber alle dem, was auf diese Weise in die Geistesentwicklung der Menschheit eingeführt wird, muss man sich so verhalten, dass man sich sagt: Durch solche Entdeckungen wird die Weisheit, die ausgebreitet ist, die göttliche Weisheit, die ausfloss vom göttlichen Universum, nicht vermindert, sondern im Gegenteil, in der Erkenntnis erhöht.
[ 81 ] So kann man auch sagen: Dadurch, dass erkannt werden die Geheimnisse der geistigen Welt, wird das Wirken der göttlichen Weisheit nicht in ein geringeres Licht gestellt, sondern in ein immer weiter und weiter leuchtendes Licht gestellt. Und auch die Naturforschung wird sehen, dass gerade dasjenige, was sie als ihr Bedeutendes vorzubringen hat, erst erklärbar wird, wenn es beseelt werden kann von dem, was Geisteswissenschaft über die geistigen Welten zu sagen hat.
[ 82 ] Jetzt allerdings ist die Naturwissenschaft, beziehungsweise ihre Vertreter, noch wenig geneigt, sich auf diese Dinge einzulassen. Allein, sehr verehrte Anwesende, in dieser Beziehung kann man manchmal diese Naturforschung auf etwas ganz Besonderem ertappen. Man braucht durchaus nicht aufmerksam zu machen auf bloß unbedeutende, minderwertige Geister, wenn man hinweisen will auf Gegnerschaften gegen die Geisteswissenschaft heute — auf Gegnerschaften gegen die ganze Gesinnung der Geisteswissenschaft —, man kann auf die bedeutendsten Naturforscher der Gegenwart hinweisen. Allein, wie denken manchmal unter dem bleibenden Einflusse der neueren naturwissenschaftlichen Richtung solche Naturforscher?
[ 83 ] Ich will etwas von einem bedeutenden, von mir hochgeschätzten Naturforscher anführen, der ein Buch geschrieben hat, das sehr bedeutend ist auf dem Gebiet der Astrophysik, und der in seinem Vorwort das Folgende sagt, in dem man ihn, ich möchte sagen, weil er im Unbewussten sich ausdrückt, so recht ertappen kann aus dem inneren Fühlen, das aus dem Naturforscher heute so sonderbar in Geltung ist. Da sagt dieser, wie ich nochmals betone, außerordentlich bedeutende Naturforscher:
Zuweilen hört man sagen, dass wir in der «besten der Welten» leben; darüber lässt sich schwer etwas Wohlbegründetes aussagen, aber wir — wenigstens die Naturforscher — können mit aller Sicherheit behaupten, dass wir in der «besten der Zeiten» leben. Wir können in der festen Hoffnung, dass die Zukunft nur noch besser werden wird, mit dem großen Natur- und Menschenkenner Goethe sagen
[ 85 ] — er ist sich klar darüber, dass das, was die Naturwissenschaft hervorbringt, gar keine Erläuterung durch irgendeine Geistesforschung braucht; deshalb lebt man in der «besten der Zeiten» als Naturforscher —,
wir können in der festen Hoffnung, dass die Zukunft nur noch besser werden wird, mit dem großen Natur- und Menschenkenner Goethe sagen:
«Es ist ein groß’ Ergötzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
[ 86 ] Sie wissen es wohl alle, sehr verehrte Anwesende, was der große Naturforscher, um sich vor sich selber zu rechtfertigen, in diesem Augenblicke eben nicht fühlt. Sie wissen alle, sehr verehrte Anwesende, dass Goethe diese Worte dem Wagner in den Mund legt, als Wagner dem Faust gegenübertritt. Nicht «Goethe, der große Natur- und Menschenkenner», sondern Wagner, der Pedant Wagner ist es, der beschränkte Mensch Wagner ist es; der setzt diese Worte dem Faust entgegen!
[ 87 ] Es wird auf eine nette Gesinnung — gerade bei einem der allerbedeutendsten Naturforscher der Gegenwart hingewiesen, indem man ihn bei so etwas abfängt. Faust aber, der sagt, indem er auf Wagners Gesinnung hinschaute, wie etwa Herman Grimm hinschaut auf jene Naturforscher, welche zum Beispiel in der Kant-Laplace’schen Hypothese das «Umundum» aller Weltanschauungserkenntnisse suchen, Faust sagt:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
[ 88 ] Faust, der jedenfalls mehr Goethes Gesinnung ausdrückt als der Wagner, vielleicht können wir mit ihm, dem Faust sagen «mit dem großen Natur- und Menschenkenner Goethe», er sagt:
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer finder!
[ 89 ] Das könnte man heute manchem bedeutenden Naturforscher mit demselben Recht entgegenhalten, wie manche Musiker sie entgegenhalten könnten, diese Gesinnung, zum Beispiel Weber, dem Komponisten des «Freischütz», Weber, der die siebente Symphonie Beethovens gehört hatte, und sagte:
Mit diesen Extravaganzen hat Beethoven das Nonplusultra erreicht; er ist vollständig reif fürs Irrenhaus!
[ 90 ] Man sieht dabei, dass man nicht einmal ein unbedeutender Mensch zu sein braucht, sondern Weber sein kann, der Komponist des «Freischütz», und etwas verkennen, was sich in die Geistesentwicklung der Menschheit hineinstellt, und was später in seiner Größe anerkannt wird, trotz aller Deutungen, die man selbst hat.
[ 91 ] Deshalb muss auch immer wieder und wiederum gesagt werden, gerade gegenüber den Gegnerschaften, die sich aus der Naturwissenschaft und auch aus religiösen Bekenntnissen heraus gegenüber der Geisteswissenschaft ergeben — es darf schon hingewiesen werden darauf, dass man wohl vielleicht mit einem «großen Geiste, wie Goethe», eher spricht, wenn man statt der Worte, die er einem Wagner in den Mund legt, statt der Worte
«Es ist ein groß’ Ergötzen
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
[ 92 ] —, wenn man statt dieser Worte andere gebraucht. Denn, sehr verehrte Anwesende, diese Worte drücken aus die geistige Gesinnung des Stillstandes, den Geist des Vorurteils, die nicht mitgehen wollen mit dem, was sich in die Geistesentwicklung der Menschheit hineinstellen muss. Denen gegenüber, die wohl nichts bedürfen, sondern die bestehen wollen auf demjenigen, was sie schon haben, denen gegenüber wird man mit Goethe und mit all denjenigen, die tief drinnenstehen in dem Geiste des Menschheitsfortschritts eher sprechen, wenn man diesen Wagner-Worten andere gegenüberstellt, mit denen Sie mich meine heutigen Betrachtungen abschließen lassen wollen, sehr verehrte Anwesende, den Worten gegenüber des Wagner:
«Es ist ein groß’ Ergötzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
[ 93 ] — muss ein jeder, der es wirklich ernst meint mit dem, was innerhalb der Menschheitsentwicklung immer der Impuls des Fortschritts war, andere Worte gebrauchen, die ich so formulieren möchte:
Es ist ein groß’ Erleben,
Sich zu dem Geist der Zeiten zu erheben,
Zu hören, wie so mancher echte Weise spricht:
Nur immer strebend dringen wir zum Licht.
