Soul Immortality, Forces of Destiny
and the Course of Human Life
GA 71a
9 October 1916, Zurich
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Soul Immortality, Forces of Destiny and the Course of Human Life, tr. SOL
Die Menschenrätsel in der Philosophie und in der Geistesforschung (Anthroposophie)
The Mystery of Humanity in Philosophy and Spiritual Research (Anthroposophy)
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Über die Notwendigkeit, von einem Menschenrätsel mit Bezug auf das menschliche Seelenleben zu sprechen, scheint ebenso überflüssig für eine wahrhaft empfindende Seele zu sein, wie es, in einem gewissen Sinne natürlich, aber überflüssig ist, von dem Vorhandensein des Hungers gegenüber dem leiblichen Leben des Menschen zu sprechen.
[ 1 ] Dear attendees! The necessity of speaking about a human mystery in relation to the human soul seems just as superfluous to a truly sensitive soul as it is, in a certain sense, of course, but superfluous to speak of the existence of hunger in relation to the physical life of human beings.
[ 2 ] Was den Lebensprozess als solchen anregt und bewirkt, es muss ja nach den naturgemäßen Voraussetzungen so eingerichtet sein, dass es auch Hunger bewirkt, und der Mensch kann sich gewissermaßen leiblich durch gewisse Betäubungsmittel über den Hunger hinwegsetzen, kann glauben, dass er eine Zeit lang hinwegkomme über dasjenige, was der Hunger bedeutet; aber auf die Dauer geht das ohne Schädigung des Leiblichen gewiss nicht. Ebenso wenig ist es möglich, ohne Schädigung des Seelenlebens zu mehr zu gelangen als höchstens zu einer Art Betäubung über das Vorhandensein eines Menschen- und Lebensrätsels für die Seele.
[ 2 ] What stimulates and causes the life process as such must, according to natural conditions, be arranged in such a way that it also causes hunger, and human beings can, in a sense, physically overcome hunger through certain anesthetics, can believe that they can get through what hunger means for a while; but in the long run, this is certainly not possible without damaging the physical body. Nor is it possible, without damaging the soul, to achieve more than a kind of numbness to the existence of the mystery of man and life for the soul.
[ 3 ] Wer sich, genötigt durch irgendwelche Lebensverhältnisse oder durch Interesselosigkeit, verschließt gegen das Vorhandensein eines Menschenrätsels, der wird sehr leicht in all dasjenige verfallen, was notwendigerweise wie eine Art seelischer Hunger eintreten muss oder als Folge des Hungers eintreten muss, etwas wie eine Art Verkümmerung des Seelenlebens, Unsicherheit und Machtlosigkeit des Seelenlebens, ein Sich-nicht-zurechtfinden-Können in der Welt, und so weiter, und so weiter.
[ 3 ] Those who, compelled by circumstances or indifference, close themselves off to the existence of the mystery of human life will very easily fall into all that which must necessarily occur as a kind of spiritual hunger or as a consequence of hunger, something like a kind of atrophy of the soul, uncertainty and powerlessness of the soul, an inability to find one's way in the world, and so on and so forth.
[ 4 ] Wenn es so für jeden wahrhaft empfindenden Menschen fast überflüssig scheinen könnte, über die Notwendigkeit der Menschenrätsel im Allgemeinen zu sprechen, so vielleicht schon weniger darüber, dass die großen Rätselfragen des Lebens mit jedem Zeitalter für die Menschheit einen neuen Charakter annehmen. Allerdings, bei der Kürze der Zeit kann nur einleitungsweise auf diese Tatsache hingewiesen werden. So, wie sich in Bezug auf alle äußeren Verhältnisse des Lebens für den genauer Betrachtenden die Menschheit ändert von Epoche zu Epoche, wie immer neue Bedürfnisse, neue äußere Lebensfragen auftreten, so ändern sich von Epoche zu Epoche auch die besonderen Nuancen, mit denen die Seelen, [sehnend] nach einer Lösung der Menschenrätsel, den Inhalt einer solchen Lösung für den Menschen möglich machen. In dem Zeitalter, das seit drei bis vier Jahrhunderten heraufgezogen ist — insbesondere aber im neunzehnten Jahrhundert und bis in unsere Tage des zwanzigsten Jahrhunderts heraufgezogen ist, das gipfelt in der Beherrschung der Welt durch Dampf, Elektrizität, durch die modernen merkantilen und sozialen Verhältnisse —, in diesem Zeitalter gibt es auch anders geartete Fragen an die großen Welttatsachen, in die der Mensch hineingestellt worden ist, als in früheren Zeitaltern. Aus den Bedürfnissen gewissermaßen des modernsten Zeitalters heraus sucht nun Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, sich der Lösung der Menschenrätsel zu nähern.
[ 4 ] If it might seem almost superfluous to talk about the necessity of the human mystery in general for every truly sensitive person, it is perhaps less so to say that the great mystery questions of life take on a new character for humanity with each age. However, given the brevity of time, this fact can only be pointed out by way of introduction. Just as, in relation to all the external circumstances of life, humanity changes from epoch to epoch for the more attentive observer, as ever new needs and new external questions of life arise, so too do the particular nuances with which souls, [longing] for a solution to the human riddle, make the content of such a solution possible for human beings change from epoch to epoch. In the age that has dawned over the last three to four centuries — but especially in the nineteenth century and up to the present day in the twentieth century — which culminates in the domination of the world by steam, electricity, and modern commercial and social conditions — in this age there are also different questions about the great facts of the world in which human beings find themselves than in earlier ages. Out of the needs of the most modern age, so to speak, Spiritual Science or anthroposophy, as it is meant here, now seeks to approach the solution of the human riddle.
[ 5 ] Mit Unrecht sieht man in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, etwas, das eine Wiedererneuerung alter Mystiker-Anschauungen und so weiter sein soll. Diejenigen, die von diesem oder jenem Standpunkte aus Geisteswissenschaft oder Anthroposophie kritisieren, machen sich in der Regel nur ihr eigenes Bild von der Geisteswissenschaft zurecht und kritisieren dann dasjenige, was mit einem geringen Willen auf die Sache eingeht; nur das eigene, karikierte Bild dieser Geisteswissenschaft ist es, das kritisiert wird.
[ 5 ] It is wrong to see Spiritual Science or anthroposophy, as it is meant here, as something that is supposed to be a renewal of old mystical views and so on. Those who criticize Spiritual Science or anthroposophy from this or that point of view usually only form their own picture of Spiritual Science and then criticize what they see with little willingness to engage with the subject; it is only their own caricatured picture of Spiritual Science that is criticized.
[ 6 ] Es kann selbstverständlich nicht im engen Rahmen eines Abendvortrages alles dasjenige berührt werden, was auch nur zur äußeren Charakteristik der hier gemeinten Geisteswissenschaft oder Anthroposophie dienen könnte. Nur einige Gesichtspunkte können heute wiederum zu dem hinzugefügt werden, was ich schon seit Jahren her auch in dieser Stadt über den Gegenstand ausführen durfte. Besonders wichtig aber ist es, ins Auge zu fassen, dass die hier gemeinte Geisteswissenschaft weniger aus irgendwelchen unmittelbar religiösen Strömungen oder aus mystischen Strömungen hervorgegangen ist — obwohl sie zu diesen durchaus nicht in einem gegnerischen Verhältnis gleich gedacht werden darf, wie später wird berührt werden können —, sondern dass sie entsprungen ist aus dem Leben in den modernen naturwissenschaftlichen Anschauungen, entsprungen ist aus einer Gesinnung und wissenschaftlichen Weltenrichtung, welche mit dem Leben der modernen naturwissenschaftlichen Entwicklung zusammenhängt.
[ 6 ] Of course, it is not possible within the limited scope of an evening lecture to touch on everything that could serve even as an external characteristic of the Spiritual Science or anthroposophy referred to here. Only a few points of view can be added today to what I have been able to say about the subject for years, including in this city. However, it is particularly important to bear in mind that the Spiritual Science referred to here has emerged less from any directly religious or mystical currents — although it should not be thought of as being in opposition to these, as will be discussed later — but that it has arisen from life in modern scientific views, from a mindset and scientific worldview that is connected with the life of modern scientific development.
[ 7 ] Ich glaube nicht, sehr verehrte Anwesende, dass derjenige in jenem geistigen Aufstieg zu den Weltengeheimnissen gut eindringen kann, der mit dieser Geisteswissenschaft hier gemeint ist, der ein Verächter der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist, wenn auch mehr in Betracht kommt die Gesinnungsweise, die denkerische Gewissenhaftigkeit gegenüber den Tatsachen der Welt, mehr in Betracht kommt als irgendwelche einzelnen naturwissenschaftlichen Resultate. Das Darinnenstehen in dem, wie die moderne Naturwissenschaft forscht und denkt, wie sie das innerliche Seelenleben mit Bezug auf Erkenntnis und Wissen diszipliniert, das ist etwas, was Geisteswissenschaft durchaus in sich aufnehmen muss, mit dem sie rechnen muss, wenn sie den Anforderungen der Zeit entsprechen will.
[ 7 ] I do not believe, dear attendees, that anyone who despises the modern scientific worldview can truly penetrate the spiritual ascent to the secrets of the world that is meant here in the Spiritual Science, even if the attitude of intellectual conscientiousness toward the facts of the world is more important is more important than any individual scientific results. Being immersed in how modern science researches and thinks, how it disciplines the inner life of the soul with regard to knowledge and insight, is something that Spiritual Science must take into account if it wants to meet the demands of the times.
[ 8 ] Nun entsteht gerade einer solchen Gesinnung gegenüber die Frage: Wie ist es denn überhaupt der modernen Naturwissenschaft und der aus ihr folgenden Weltanschauung möglich, zu irgendeiner, die Tiefen der menschlichen Seele wirklich befriedigenden Anschauung über die Menschenrätsel zu kommen? Diese Antwort kann man sich nicht geben, wenn man ein irgendwie positiv denkender Geist ist, diese Antwort kann man sich nicht geben aus vorgefassten Meinungen heraus, nicht aus diesem oder jenem Glauben heraus, sondern man wird sich die Antwort geben müssen aus den Tatsachen der neueren naturwissenschaftlichen Entwicklung und Denkweise selber. Und so gestatten Sie denn, dass ich zunächst meinen Ausgangspunkt nehme von dem Gang des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens in der neueren Zeit. Der Gesichtspunkt ist dabei durchaus der eines Bewunderers der großen, gewaltigen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Denkungsweise im neunzehnten Jahrhundert, und es ist der Gesichtspunkt, welcher es ermöglicht, anzuerkennen, dass die Hoffnungen, welche auf die Naturwissenschaft gesetzt worden sind, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, für eine Lösung der großen Menschenrätsel, im allerinnersten Wesen ehrlichste Hoffnungen und Absichten waren.
[ 8 ] Now, such an attitude raises the question: How is it possible for modern science and the worldview that follows from it to arrive at any view of the human mystery that truly satisfies the depths of the human soul? This answer cannot be given if one is a positive thinker; this answer cannot be given on the basis of preconceived opinions or this or that belief, but must be given on the basis of the facts of recent scientific developments and ways of thinking. And so, allow me to begin with the course of scientific thought and research in recent times. The point of view here is entirely that of an admirer of the great, tremendous advances in scientific thinking in the nineteenth century, and it is the point of view that makes it possible to recognize that the hopes placed in science, especially in the nineteenth century, for a solution to the great mysteries of humanity, were, in their innermost essence, the most honest hopes and intentions.
[ 9 ] Sehen wir uns zuerst, um einiges herauszugreifen, den großen naturwissenschaftlichen Aufschwung mit seinen Hoffnungen und seinen Sehnsuchten an, sagen wir auf physikalisch-chemischem Gebiete. Wie wuchsen gewissermaßen materialistisch gesinnten, aber ganz in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen vertieften Persönlichkeiten die Schwingen eines Glaubens, so um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, dass man dasjenige, was der Mensch in seinem innersten Wesen ist, was er darlebt in der Welt, werde erklären können aus seiner physischen Organisation, wie man erklären kann aus der physischen Organisation mit Hilfe der wunderbar fortgeschrittenen physikalisch-chemischen Gesetze das Wirken der äußeren Naturkräfte und Naturgestaltungen in der Welt. Die großen Fortschritte, welche Physik und Chemie gemacht haben, berechtigten gewiss, für eine Weile solche Hoffnungen zu hegen. Diese Fortschritte führten ja dazu, sich ganz bestimmte Vorstellungen zu machen über die Welt des Kleinsten: das Atom, das Molekül. Wenn man heute auch über diese Dinge schon anders denkt, so gilt aber doch für die wissenschaftliche Entwicklung das, was ich zu sagen habe über das Atom, das Molekül; man wollte sie erforschen, man wollte dasjenige, was in den Stoffen und physikalischen Kräften wirkt, erklären aus der Beschaffenheit der stofflichen Moleküle und Atome heraus und von den durch diese Beschaffenheit bewirkten Kräfte und gegenseitigen Verhältnisse. Man glaubte, wenn man irgendeinen Vorgang aus dem Wesen des Kleinsten erklären könne, so werde man auch in nicht sehr ferner Zeit den Weg finden aus dem Wirken des kleinsten auch den kompliziertesten Prozess, den man als einen Naturprozess ansah, den komplizierteren Prozess des menschlichen Denkens, Empfindens, Fühlens und so weiter einsehen können.
[ 9 ] Let us first take a look at the great scientific boom with its hopes and aspirations, for example in the field of physics and chemistry. How did personalities who were materialistic in their thinking but deeply immersed in scientific worldviews develop a belief around the middle of the nineteenth century, that what man is in his innermost being, what he lives out in the world, could be explained from his physical organization, just as the workings of the external forces of nature and natural formations in the world can be explained from the physical organization with the help of the wonderfully advanced laws of physics and chemistry. The great advances made in physics and chemistry certainly justified such hopes for a while. These advances led to very specific mental images of the world of the smallest: the atom, the molecule. Even if we think differently about these things today, what I have to say about the atom and the molecule still applies to scientific development; People wanted to explore them; they wanted to explain what was at work in materials and physical forces based on the nature of material molecules and atoms and the forces and mutual relationships caused by this nature. It was believed that if any process could be explained from the nature of the smallest, then in the not too distant future it would also be possible to understand the most complicated process, which was regarded as a natural process, the more complicated process of human thinking, feeling, sensing, and so on, from the workings of the smallest.
[ 10 ] Nun sehen wir uns, sehr verehrte Anwesende, an, wohin dieser Weg mit seinen großen Hoffnungen geführt hat. Wer sich vertieft hat in all das, was Physik und Chemie im Laufe der letzten Jahrzehnte geleistet haben, der hat wahrlich nur Hochachtung für dasjenige, was auf diesem Gebiete gearbeitet worden ist, was auf diesem Gebiete zustande gebracht worden ist. Ich kann nicht auf die Einzelheiten eingehen, aber erwähnen will ich als maßgebend die Meinung, die sich ein repräsentativer Forscher ausbildete, der sich wohl umgetan hatte gerade auf physikalisch-chemischem Gebiete, der sich eine Anschauung ausbilden wollte über die Natur des kleinsten physikalischen Teiles des Atoms, [Augustus Rowland], der spektral-analytische Forscher; er hat sich eine solche Meinung gebildet auf Grundlage alles dessen, was man heute wissen kann über das kleinste Wesen, das in der äußeren stofflichen Welt wirksam gedacht wird. Und wie merkwürdig ist diese Meinung! Aber wie berechtigt ist sie, das muss jeder anerkennen, der in diese Dinge Einblick hat, wie merkwürdig ist diese Meinung, aber wie berechtigt. [Augustus Rowland] sagt: «Nach alledem, was man heute wissen kann, muss ein Eisenatom komplizierter vorgestellt werden als ein Steinway-Klavier.»
[ 10 ] Now, dear audience, let us see where this path with its great hopes has led us. Anyone who has delved deeply into all that physics and chemistry have achieved over the last few decades can only have the utmost respect for the work that has been done in this field and the results that have been achieved. I cannot go into the details, but I would like to mention as authoritative the opinion formed by a representative researcher who had been active in the field of physical chemistry and who wanted to form a view of the nature of the smallest physical part of the atom, [Augustus Rowland], the spectral-analytical researcher; He formed this opinion on the basis of everything that is known today about the smallest entity that is thought to be active in the external material world. And how remarkable this opinion is! But how justified it is must be acknowledged by anyone who has insight into these matters. How remarkable this opinion is, but how justified. [Augustus Rowland] says: “Based on everything we know today, the mental image of an iron atom must be more complex than a Steinway piano.”
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ein gewichtiger Ausspruch eines mit den Methoden der modernen Forschung bekannten Menschen! Man glaubte noch vor Jahrzehnten, dadurch, dass man das kleinste leblose Wesen untersuchen könnte oder wenigstens Hypothesen vorläufig darüber aufstellen könnte, irgendetwas zu erfahren über die Welt, die uns unmittelbar für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. Und was stellt sich heraus? Der Forscher muss denken: Wenn ich nun wirklich in diese kleinste Welt hineinkomme, ich finde nichts, was mir erklärlicher ist als ein Steinway-Klavier. Also wird mir ganz gewiss, wie weit ich auch gehen mag durch die Zergliederung ins Kleinste hinein, die Welt nicht erklärlicher werden, als sie mir ist, wie sie unmittelbar vorliegt dem gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstsein. Das ist einer der Wege mit den großen Hoffnungen. Wir sehen gewissermaßen diese großen Hoffnungen hineinverschwinden in die Welt des Kleinsten. Und immer mehr und mehr wird gerade der ehrliche naturwissenschaftliche Fortschritt zeigen, wie nichts, aber auch nichts gegenüber der Beantwortung der großen Weltenrätsel hinzugefügt werden kann zu dem, was wir mit dem gewöhnlichen Bewusstsein überschauen, dadurch, dass wir ins Kleinste des Raumes hineindringen!
[ 11 ] Well, ladies and gentlemen, a weighty statement from someone familiar with the methods of modern research! Decades ago, it was believed that by studying the smallest inanimate beings, or at least by formulating provisional hypotheses about them, we could learn something about the world that immediately surrounds us in our ordinary consciousness. And what has transpired? The researcher must conclude: If I really enter this smallest world, I find nothing that is more explainable to me than a Steinway piano. So it becomes quite certain to me that no matter how far I may go in dissecting the smallest things, the world will not become more explainable to me than it is as it immediately presents itself to ordinary, everyday consciousness. This is one of the paths with great hopes. We see, in a sense, these great hopes disappearing into the world of the smallest. And more and more, honest scientific progress will show how nothing, absolutely nothing, can be added to what we can see with our ordinary consciousness in terms of answering the great mysteries of the world by penetrating into the smallest parts of space!
[ 12 ] Auf einem anderen Gebiete noch hat man gesehen, wie ebenso große und aus den Zeitverhältnissen heraus durchaus begreifliche Hoffnungen gehegt worden sind. Welche großen Hoffnungen glaubte man verwirklichen zu können, verbinden zu können mit dem Aufblühen der neueren, materialistisch gefärbten darwinistischen Theorie! Man glaubte überschauen zu können die Reihe der Lebewesen, die Reihe der Pflanzen, die Reihe der Tiere bis hinauf zum Menschen. Man glaubte, dass man den Menschen in Bezug auf das, was er seinem Wesen nach ist, verstehen könne dadurch, dass man ihn hervorgehen sieht aus untergeordneten Arten. Und indem man die Verwandlung der Arten vom einfachsten Lebewesen bis hinauf zum Menschen verfolgte, glaubte man, Bausteine zur Lösung des Menschenrätsels finden zu können. Die Arten — so glaubte man — der organischen Wesen werden sich von selber aufklären. Man glaubte auf so einfache Lebewesen, welche das ganze Werden eines Organismus, also auch des Menschlichen, erklären.
[ 12 ] In another field, we have seen how equally great and, given the circumstances of the time, entirely understandable hopes have been cherished. What great hopes people believed could be realized, could be connected with the flourishing of the newer, materialistically colored Darwinian theory! It was believed that it would be possible to survey the series of living beings, the series of plants, the series of animals, right up to humans. It was believed that humans could be understood in terms of their essential nature by observing their emergence from subordinate species. And by tracing the transformation of species from the simplest living beings up to humans, they believed they could find the building blocks for solving the mystery of humanity. The species—so they believed—of organic beings would reveal themselves. They believed in such simple living beings that they could explain the entire development of an organism, including the human organism.
[ 13 ] Wiederum ist für den, der eingeweiht ist in alle die Forschungswege, die da gegangen worden sind, eine höchst anerkennenswerte, wunderbare Arbeit auf diesem Gebiete im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage hinein gerade geleistet worden. Man hat gedacht, man werde die Eizelle wiederfinden, aus der sich entwickelt der Mensch, in entsprechend einfachsten Lebewesen, und werde dann erklären können das Entstehen des Menschen aus seiner Eizelle, welche gleichgeartet ist mit dem, was man als einfachste tierische Form drauRen in der Welt werde finden können. Wiederum hat man den Weg zum räumlich Kleinsten, jetzt der Lebewesen, gesucht. Was ist auf diesem Wege gefunden worden? Es ist interessant, einen sehr gewissenhaften, bedeutenden Naturforscher in den Achtzigerjahren zu hören, Nägeli, der sich in der folgenden Weise über dasjenige ausspricht, was gerade jetzt berührt worden ist. Er sagt:
[ 13 ] Again, for those who are familiar with all the avenues of research that have been pursued, a highly commendable and wonderful work in this field has been accomplished during the nineteenth century and up to the present day. It was thought that the egg cell from which humans develop would be found in the simplest living beings, and that it would then be possible to explain the origin of humans from their egg cell, which is similar to what can be found in the world as the simplest animal form. Once again, the path to the smallest spatial entity, now of living beings, was sought. What has been found along this path? It is interesting to hear a very conscientious and important natural scientist of the 1880s, Nägeli, speak in the following way about what has just been touched upon. He says:
[ 14 ] Eine genauere Forschung der einzelnen Arten von Tieren und Pflanzen, wie sie vorhanden sind, ergibt, dass bis ins Kleinste hinein, bis in jede einzelne Zelle, eine jede einzelne Art mannigfaltigster Verschiedenheiten walten. Und dass die Eizellen eines Huhns sich von den Eizellen eines Frosches genau ebenso unterscheiden wie das Huhn selber vom Frosch.
[ 14 ] A closer study of the individual species of animals and plants as they exist reveals that, down to the smallest level, down to each individual cell, each individual species is governed by the most manifold differences. And that the egg cells of a chicken differ from the egg cells of a frog just as much as the chicken itself differs from the frog.
[ 15 ] Wir kommen, indem wir hinuntersteigen zu dem einfachsten Zellenwesen, aus dem man erklären wollte die Komplikation desjenigen, was vor dem gewöhnlichen Bewusstsein steht, wir kommen zu nichts Einfacherem, wie wir zum Eisenatom kommen und schließlich anerkennen müssen als so kompliziert wie ein SteinwayFlügel. So müssen wir die Verschiedenheiten der einzelnen Eizellen so groß denken wie die Verschiedenheiten der Arten und Gattungen, die in der äußeren Natur vor dem gewöhnlichen Bewusstsein dastehen. Damit aber negierte Nägeli den ganzen Weg gerade aus naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit heraus, den der materialistisch gefärbte Darwinismus genommen hat.
[ 15 ] When we descend to the simplest cellular organism, from which we wanted to explain the complexity of what stands before ordinary consciousness, we come to nothing simpler than the iron atom, which we must ultimately recognize as being as complex as a Steinway grand piano. Thus, we must consider the differences between individual egg cells to be as great as the differences between the species and genera that stand before ordinary consciousness in the external world. But in doing so, Nägeli negated the entire path taken by materialistic Darwinism, precisely out of scientific conscientiousness.
[ 16 ] Interessant ist nun eine andere Tatsache. Man könnte glauben: Nun ja, Nägeli, der große Botaniker, wäre eben eine einseitige Persönlichkeit, hätte eben in den Achtzigerjahren dieses ausgesprochen, und heute schreitet die Forschung schnell voran, und es könnte also heute das längst nicht mehr vertreten werden, was Nägeli in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat. Aber wir können gerade das Allerallerneueste auf diesem Gebiete ins Auge fassen, das in einer schönen Weise zusammengefasst ist durch einen sehr bemerkenswerten Mann, nämlich durch einen der hervorragendsten Schüler Ernst Haeckels, durch Oscar Hertwig; und in den letzten Wochen [ist] ja erst erschienen die Zusammenfassung desjenigen, was Oscar Hertwig, einer der größten Haeckel-Schüler, aus seinen Forschungen herauszugeben hatte, über — so nennt er sein Buch — «Das Werden der Organismen», eine Widerlegung der Darwin’schen Zufallstheorie.
[ 16 ] Another fact is interesting. One might think: Well, Nägeli, the great botanist, was simply a one-sided personality who expressed this view in the 1880s, and today research is advancing rapidly, so what Nägeli said in the 1880s can no longer be defended. But we can consider the very latest developments in this field, which have been beautifully summarized by a very remarkable man, namely one of Ernst Haeckel's most outstanding students, Oscar Hertwig; and in recent weeks, a summary of Oscar Hertwig's research has been published, entitled “Das Werden der Organismen” (The Development of Organisms), a refutation of Darwin's theory of chance.
[ 17 ] Also denken Sie, sehr verehrte Anwesend, es liegt die Tatsache vor, dass einer der größten Schüler Haeckels, des radikalsten Vertreters des materialistisch gefärbten Darwinismus im Laufe seines Lebens, dazu kommt, diesen ganzen materialistisch gefärbten Darwinismus gründlich und auf das Umfassendste zu widerlegen. Wir finden vor allen Dingen, dass Oscar Hertwig — Haeckels großer Schüler, den ich selber aus Haeckels Munde oftmals nennen gehört habe als denjenigen, auf den Haeckel ganz besonders viel gab, als seinen Fortsetzer —, wir erleben, dass Oscar Hertwig heute die Widerlegung desjenigen liefert, was er aus wissenschaftlichem Darwinismus in seinem Zeitalter von seinem Lehrer Haeckel aufgenommen hat. Er liefert diese Widerlegung gründlich, Oscar Hertwig, denn er macht — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — gewissermaßen ganze Arbeit.
[ 17 ] So, dear audience, consider the fact that one of Haeckel's greatest students, the most radical representative of materialistic Darwinism during his lifetime, has come to thoroughly and comprehensively refute this entire materialistic Darwinism. Above all, we find that Oscar Hertwig—Haeckel's great student, whom I myself have often heard Haeckel refer to as the one he particularly valued, as his successor—we see that Oscar Hertwig today provides the refutation of what he took from scientific Darwinism in his time from his teacher Haeckel. Oscar Hertwig provides this refutation thoroughly, because he does — if I may use the expression — a thorough job, so to speak.
[ 18 ] Das ist das, was ich vorläufig erwähnen will. Ich werde noch auf die Frage zurückkommen. Nur das sei noch gesagt, dass Oscar Hertwig alles, was an Forschungen bis zu diesem Tage aufzubringen ist, heranzieht, um den Nachweis zu liefern, dass der Ausspruch, den ich Ihnen angeführt habe, der Ausspruch Nägelis, vollständig seine Richtigkeit hat; sodass vom heutigen, unmittelbar gegenwärtigen Standpunkt naturwissenschaftlicher biologischer Forschung zu sagen ist, dass der Weg ins kleinste Lebewesen niemals zu mehr führen kann als zu dem, wozu uns auch die Anschauung der Gattungen und Arten, die für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns stehen, führen kann. Denn die kleinsten Lebewesen, die Zellen, sind, wenn sie [Eizellen] sind, so verschieden — nach Nägeli, nach Hertwig — wie verschieden sind die Arten und Gattungen selber. Der Weg ins Kleinste lehrt uns nur, dass eben auf diesem Wege nichts zu finden ist, als was auch im Anblicke der gewöhnlichen Welt zu finden ist für das lebendige Bewusstsein.
[ 18 ] That is what I want to mention for the time being. I will come back to this question later. Suffice it to say that Oscar Hertwig draws on all the research available to date to prove that the statement I quoted to you, Nägelis' statement, is completely correct; so that from today's immediate standpoint of scientific biological research, it must be said that the path into the smallest living beings can never lead to more than what the view of the genera and species that stand before us in ordinary consciousness can lead us to. For the smallest living beings, the cells, are, when they are [egg cells], as different—according to Nägeli, according to Hertwig—as the species and genera themselves are different. The path to the smallest teaches us only that on this path there is nothing to be found but what can also be found in the ordinary world for the living consciousness.
[ 19 ] Aber etwas ganz Ähnliches, sehr verehrte Anwesende, zeigt sich auch — ich kann das nur kurz erwähnen —, wenn wir statt ins Kleinste ins relativ Größte gehen: zu den astronomischen Tatsachen. Denn auch da haben wir im Laufe der letzten Zeiten der menschheitlichen Entwicklung die größten, die wunderbarsten Fortschritte gesehen, zum Beispiel in jenem wunderbaren Fortschritt der [Spektral]-Analysen, die besonders im Jahre [1859] die Menschheit so überraschten und seither so gewaltige Folgen gehabt haben für die Astronomie, für die Astrophysik insbesondere. Was haben sie gebracht? Einer der wichtigsten Sätze ist für viele, die auf diesem Gebiete zu Hause sind, der, dass, wo wir auch hinblicken in der Welt, mögen wir auch den einen oder anderen Stoff noch entdecken, das ist ja nicht maßgebend, dieselben Stoffe mit denselben Kräften, die hier auf der Erde wirksam sind und wirken, wir finden sie im ganzen, auch relativ Großen, sodass auch, wenn wir jetzt nicht ins Kleinste, sondern ins Große gehen, wir wiederum nichts anderes finden als dasjenige, was wir ausgebreitet im Raume und in der Zeit finden für das Bewusstsein, das wir im Alltag haben.
[ 19 ] But something very similar, dear attendees, also becomes apparent — I can only mention this briefly — when we go not to the smallest, but to the relatively largest: to astronomical facts. For there, too, we have seen the greatest, most wonderful advances in the course of recent human development, for example in the wonderful progress of [spectral] analysis, which particularly in [1859] so surprised humanity and has since had such enormous consequences for astronomy, for astrophysics in particular. What have they brought? One of the most important statements for many who are at home in this field is that, wherever we look in the world, we may still discover one or the other substance, but that is not decisive; the same substances with the same forces that are effective and active here on Earth we find them throughout, even on a relatively large scale, so that even if we now go not into the smallest, but into the largest, we again find nothing other than what we find spread out in space and time for the consciousness we have in everyday life.
[ 20 ] Gerade mit einer Vertiefung in dasjenige, was Naturwissenschaft leisten kann, mit einer bewundernden Vertiefung ferner in das, was sie geleistet hat, rüstet sich die moderne Geisteswissenschaft oder Anthroposophie aus. Aber sie ist sich auch klar darüber, dass, wie bewundernswert, wie großartig diese Leistungen der modernen Naturwissenschaft auch sein mögen, und wie bedeutungsvoll sie auch für gewisse Lebenszwecke sein mögen, wie unendlich notwendig sie sein mögen dem gesunden menschlichen Fortschritt: Hinein in das Menschenrätsel werden sie niemals führen! Das haben sie schon bis heute gezeigt.
[ 20 ] Modern Spiritual Science, or anthroposophy, equips itself precisely with a deepening of what natural science can achieve, with an admiring deepening of what it has achieved. But it is also clear that, however admirable and magnificent the achievements of modern science may be, and however significant they may be for certain purposes in life, however infinitely necessary they may be for healthy human progress, they will never lead us into the mystery of the human being! They have already shown this to date.
[ 21 ] Daher sucht Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gerade aus dem heraus, was man lernen kann aus der modernen Naturwissenschaft, einen ganz anderen Weg zu gehen: den Weg, nicht durch Anschauung eines anderen, eines Kleinsten oder Größten, dasjenige zu erklären, was dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, nicht durch Anschauen eines anderen, eines Mikroskopischen oder Teleskopischen oder irgendwie in diesem Sinne bewaffneten Sinn zu Erreichenden oder mit wissenschaftlich geeigneten Methoden, die in der Sinnenwelt sich abspielen zu Erreichenden, nicht durch Anschauen eines anderen, als dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, sondern durch eine andere Art des Anschauens selber sucht Geisteswissenschaft sich der Lösung des Weltenrätsels zu nähern, soweit diese dem Menschen möglich ist.
[ 21 ] Therefore, Spiritual Science or anthroposophy seeks to take a completely different path, based precisely on what can be learned from modern science: the path of not explaining what is available to ordinary consciousness by observing something else, something smallest or largest, not by observing something else, something microscopic or telescopic or somehow armed in this sense, or with scientifically appropriate methods that take place in the sensory world, not by looking at something other than what is present in ordinary consciousness, but through a different kind of observation itself, Spiritual Science seeks to approach the solution to the mystery of the world, as far as this is possible for human beings.
[ 22 ] Und wenn ich zunächst skizzenhaft charakterisieren sollte, wie man sich dieses andersartige Anschauen der Dinge vorstellen kann, die um uns herum ausgebreitet sind, der Weltenereignisse, die uns umgeben, so muss ich sagen, das, was hier gilt, lässt sich durch einen Vergleich klarmachen.
[ 22 ] And if I were to sketch out how one might form a mental image of this different way of looking at the things that surround us, at the world events that surround us, I would have to say that what applies here can be made clear by means of a comparison.
[ 23 ] Wir kennen aus dem gewöhnlichen Leben zwei Bewusstseinszustände: den Zustand des gewöhnlichen Bewusstseins, den wir haben vom Morgens-Aufwachen bis zum Abends-Einschlafen, den Zustand unseres gewöhnlichen Tagesbewusstseins; wir kennen aber auch noch den Zustand des sogenannten Traumbewusstseins, in dem chaotisch wirken aus zunächst dem Menschen nicht zugänglichen, für sein Bewusstsein wenigstens nicht zugänglichen Untergründen des Organismus, im tiefsten Sinne aufsteigen und sich chaotisch angeordnet abspielen, wir kennen durch das Erleben den Unterschied zwischen diesem chaotischen Traumbewusstsein und dem geordneten, in die Wirklichkeit sich einkleidenden Tagesbewusstsein. Kurz, sehr verehrte Anwesende, wir wissen aus dem täglichen Leben, was Aufwachen ist.
[ 23 ] We know two states of consciousness from ordinary life: the state of ordinary consciousness that we have from waking up in the morning until falling asleep in the evening, the state of our ordinary daytime consciousness; but we also know the state of so-called dream consciousness, in which chaotic influences from the depths of the organism, initially inaccessible to humans, at least inaccessible to their consciousness, rise up in the deepest sense and play out in a chaotic arrangement. Through experience, we know the difference between this chaotic dream consciousness and the orderly daytime consciousness that is clothed in reality. In short, dear attendees, we know from daily life what waking up is.
[ 24 ] Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zeigt uns nun, dass so, wie es ein Aufwachen gibt aus dem chaotischen Traumbewusstsein zu dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein, dass es auch gibt ein Aufwachen aus diesem Tagesbewusstsein wiederum zu einem — wie ich es genannt habe in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» — «schauenden Bewusstsein». Nicht mit einem Zurückfallen in die Welt irgendwelcher Träume, in die Welt auch irgendwelcher Visionen oder Halluzinationen rechnet Geisteswissenschaft, sondern sie rechnet mit etwas, was eintreten kann in das menschliche Bewusstsein, in das gewöhnliche Tagesbewusstsein, so wie dieses gewöhnliche Tagesbewusstsein ersetzt das Traumbewusstsein, wenn wir aus dem Traumbewusstsein aufwachen in das Tagesbewusstsein: Also, mit einem schauenden Bewusstsein, mit einem wirklichen Erwachen aus dem gewöhnlichen Tageserleben, mit einem höheren Bewusstsein — wenn der Ausdruck gestattet ist — rechnet Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Und die Ergebnisse dieses schauenden, dieses höheren Bewusstseins, die macht sie zu ihrem Inhalte. Und so wie der Mensch sich eingliedert in eine Sinneswelt, wenn er aus dem Traum heraus, wo Bilder chaotisch auf- und absteigen, erwacht, so gliedert sich der Mensch ein als Geistesforscher in eine geistige Welt, in eine wirkliche, reale geistige Welt, wenn er aus dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein erwacht zu dem schauenden Bewusstsein.
[ 24 ] >Spiritual Science or anthroposophy now shows us that just as there is an awakening from chaotic dream consciousness to ordinary daytime consciousness, there is also an awakening from this daytime consciousness to what I have called in my latest book, The Mystery of Man, “seeing consciousness.” Spiritual Science does not expect a fall back into the world of dreams, visions, or hallucinations, but rather something that can enter human consciousness, ordinary daytime consciousness, just as this ordinary daytime consciousness replaces dream consciousness when we awaken from dream consciousness into daytime consciousness: So, Spiritual Science or anthroposophy expects a seeing consciousness, a real awakening from ordinary daily experience, a higher consciousness — if the expression is permitted. And it makes the results of this seeing, this higher consciousness, its content. And just as human beings integrate themselves into a sensory world when they awaken from dreams, where images rise and fall chaotically, so human beings integrate themselves as spiritual researchers into a spiritual world, into a real, actual spiritual world, when they awaken from ordinary everyday consciousness to seeing consciousness.
[ 25 ] Nun muss ich zunächst wenigstens eine kurze skizzenhafte Vorstellung von dem geben, was nun das schauende Bewusstsein ist. Dieses schauende Bewusstsein wird nicht erworben durch irgendeinen phantastischen willkürlichen Akt oder phantastischen, willkürlichen Entschluss. Dieses schauende Bewusstsein wird erworben von dem Menschen, der es als Geistesforscher erwerben will, in langer Arbeit, in einer Arbeit, die wahrhaftig nicht weniger mühselig ist als irgendeine Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, die aus kleinem und kleinstem zusammensetzt dasjenige, was, manchmal auch an kleinen Ergebnissen, die aber notwendig sind, für die Gesamtheit der Wissenschaft, hervortreten. Aber alles dasjenige, was der Geistesforscher zu verrichten hat, wird nicht so wie im Laboratorium, wie auf der Sternwarte, mit äußeren Vorrichtungen und mit äußeren Methoden verrichtet, sondern es wird an demjenigen Apparat, der einzig und allein für wirkliche Geisteswissenschaft taugt, verrichtet; es wird an der menschlichen Seele, an dem Element der menschlichen Seele selbst verrichtet; es besteht in inneren Vorgängen der menschlichen Seele, die allerdings, wie wir es gleich sehen werden, nichts zu tun haben mit einer chaotisch verworrenen Mystik, sondern die systematisch-methodisches Arbeiten an der menschlichen Seele voraussetzen.
[ 25 ] Now I must first give at least a brief mental image of what contemplative consciousness is. This contemplative consciousness is not acquired through some fantastical arbitrary act or fantastical arbitrary decision. This contemplative consciousness is acquired by the person who wants to acquire it as a spiritual researcher through long work, work that is truly no less laborious than any laboratory or observatory work, which composes from the small and the smallest that which emerges, sometimes in small results, but which are necessary for the entirety of science. But everything that the spiritual researcher has to do is not done, as in the laboratory or observatory, with external devices and external methods, but is done with the apparatus that is solely and exclusively suitable for real Spiritual Science; it is done on the human soul, on the element of the human soul itself; it consists of inner processes of the human soul, which, as we shall see in a moment, have nothing to do with chaotic, confused mysticism, but presuppose systematic, methodical work on the human soul.
[ 26 ] Wie kommt man überhaupt darauf, nach solcher geistiger Arbeit zu begehren, nach solchen inneren Entwicklungen, nach solcher höheren Selbsterziehung zu begehren? Man kommt nur dazu, wenn man, ausgehend von dem gewöhnlichen Bewusstseinsleben — und man kann das —, zu einer gewissen Überzeugung kommt, die immer mehr und mehr vollkommen wird, je mehr man sich gerade mit seiner Gesinnung in das moderne wissenschaftliche Leben einlebt. Seit Jahrhunderten schon sieht man diese Gesinnung heraufziehen in einzelnen Persönlichkeiten, heute ist sie schon bei mehr und immer mehr Persönlichkeiten vorhanden, auf die einzelnen Namen und so weiter kann ich nicht eingehen, aber das, was da als ein inneres Erlebnis, als eine gewisse notwendige innere Anschauung und Gesinnung nach und nach hervortritt unter dem Einflusse der wissenschaftlichen Denkrichtungen der neueren Zeiten, das wird immer mehr und mehr breiteste Kreise der Menschenseelen ergreifen, das wird allgemeine Überzeugung werden mit all den Folgen, die eine solche Überzeugung haben muss.
[ 26 ] How does one come to desire such spiritual work, such inner development, such higher self-education? One comes to it only when, starting from ordinary conscious life — and one can do that — one arrives at a certain conviction that becomes more and more complete the more one acclimates oneself to modern scientific life with one's attitude. For centuries now, this attitude has been emerging in individual personalities; today it is already present in more and more personalities. I cannot go into individual names and so on, but what is gradually emerging as an inner experience, as a certain necessary inner view and attitude under the influence of the scientific schools of thought of recent times, will increasingly capture the broadest circles of human souls and become a general conviction with all the consequences that such a conviction must have.
[ 27 ] Zweierlei ist es, um das es sich da handelt. Das Erste ist, dass man schon aus einer wirklichen, intimen, geordneten, willigen Selbstbeobachtung heraus eine gewisse Anschauung gewinne über das menschliche Ich, über dasjenige, was wir das Ich, was wir unser Selbst nennen. Dieses Selbst, wir sprechen es an; wir sprechen es sogar mit einem Worte aus, nachdem wir von einem gewissen Zeitpunkt unserer Kindheitsentwicklung an uns das IchWort angeeignet haben. Allein wenn wir in ehrlicher und auf Selbsterziehung beruhender Selbstbeobachtung suchen — Was ist es eigentlich mit diesem Ich? Wo ist es in uns darinnen? —, finden wir dieses Ich, wenn wir ehrlich sein wollen? Oder müssen wir nicht gerade, wenn wir ehrlich und gewissenhaft selbst beobachten, zu einer Art Überzeugung kommen, wie der große Denker Hume gekommen ist, der da sagte, wahrhaftig nicht aus einer Willkür heraus, sondern aus ehrlicher Selbstbeobachtung heraus sagte:
[ 27 ] There are two things at stake here. The first is that, through real, intimate, orderly, willing self-observation, one gains a certain insight into the human I, into what we call the I, what we call our self. We address this self; we even express it in words, after we have acquired the word “I” at a certain point in our childhood development. But when we search in honest self-observation based on self-education—what is this ‘I’ actually? Where is it within us?—do we find this “I” if we want to be honest? Or, if we observe ourselves honestly and conscientiously, must we not come to a kind of conviction, as the great thinker Hume did, who said, truly not out of caprice, but out of honest self-observation:
Wenn ich noch so sehr in mein Inneres schaue, ich finde Gefühle, Vorstellungen, Lust und Leid, ich finde das, was ich als das eine oder andere an der Welt erlebt habe, aber ein Ich finde ich nirgends. Und wie könnte ich auch
No matter how deeply I look into my inner self, I find feelings, mental images, pleasure and pain, I find what I have experienced as one thing or another in the world, but I find no self anywhere. And how could I?
— so sagt er mit Recht —
— he says rightly —
dieses Ich finden! Wenn ich es so einfach finden könnte, so müsste es ja da sein, auch wenn ich schlafe. Aber wenn ich schlafe, weiß ich nichts von diesem Ich. Kann ich annehmen, dass es abends verlöscht und morgens wieder ersteht? Es muss also ohne, dass es von der Vorstellung ergriffen wird, auch während des Nichtvorstellens im Schlafenserlebnis vorhanden sein.
Find this self! If I could find it so easily, it must be there even when I am asleep. But when I am asleep, I know nothing of this self. Can I assume that it disappears in the evening and reappears in the morning? It must therefore be present in the experience of sleep, even when it is not being imagined by a mental image, without being grasped by the mental image.
[ 28 ] Das ist so klar wie möglich. Und diese Klarheit ergibt sich immer mehr und mehr für den, der die Literatur auf diesem Gebiete der Gegenwart kennt; er weiß, dass das für immer zahlreichere und immer zahlreichere Menschen der Fall sein wird.
[ 28 ] This is as clear as can be. And this clarity becomes increasingly apparent to those familiar with contemporary literature in this field; they know that this will be the case for an ever-growing number of people.
[ 29 ] Was liegt da eigentlich vor? Es liegt das vor, worauf man immer mehr und mehr kommt — natürlich müsste ich nun stundenlang sprechen, wenn ich alle Einzelheiten anführen wollte zum Beweis, dass man dazu komme —, aber es liegt das vor, ich will es nur anführen, wozu man immer kommt, dass dieses Ich, wovon wir sprechen, im gewöhnlichen Tagesbewusstsein genau nicht anders vorhanden ist als im tiefsten traumlosen Schlaf. Das Ich schläft immer. Es schläft, wenn wir schlafen, es schläft, wenn wir wachen, und nur vom schlafenden Ich wissen wir auch, wenn wir wachen, von dem, was in einer dumpfen Sphäre des Seelenlebens auch für das Wachbewusstsein lebt. Auch wenn wir hell wachend sind im gewöhnlichen Bewusstsein, ist das Ich nicht anders vorhanden, als es vorhanden ist im Schlafe. Und nur, weil unser übriges Seelenleben vorhanden ist und gewissermaßen wie der schwarze Fleck im Auge nicht sieht, so etwas in uns nicht vorgestellt werden kann wie das Ich, so nehmen wir dieses Nicht-Vorgestellte, dieses gewissermaßen Schwarz-Gestellte in der Seele wahr. Das Ich schläft fortwährend, und es ist kein Unterschied in Bezug auf die Vorstellung des Ich zwischen dem Schlafesund dem Wachleben.
[ 29 ] What is actually at stake here? What is at stake is what we are increasingly coming to realize—of course, I would have to speak for hours if I wanted to give all the details to prove that we are coming to this realization—but what is at stake, and I just want to mention it, is what we always come to realize, namely that this ego we are talking about is no more present in our ordinary daily consciousness than it is in the deepest dreamless sleep. The ego is always asleep. It sleeps when we sleep, it sleeps when we are awake, and only from the sleeping ego do we know, when we are awake, what lives in a dull sphere of soul life even for waking consciousness. Even when we are wide awake in ordinary consciousness, the ego is no more present than it is in sleep. And only because our remaining soul life is present and, like the black spot in the eye, does not see, can something like the I not be imagined in us, so we perceive this unimagined, this, as it were, blackened part of the soul. The I sleeps continuously, and there is no difference in the mental image of the I between sleep and waking life.
[ 30 ] Aber auch, wenn wir unser gewöhnliches Vorstellen ins Auge fassen, so kommen wir durch eine rechte, durch Selbsterzichung herausentwickelte Selbstbeobachtung dazu, zu erkennen, dass dasjenige, was als Vorstellungen in uns lebt, auch während des wachen Tageslebens kein anderes Dasein hat in uns als genau dasselbe wie die chaotisch auf- und abwogenden Traumvorstellungen der Nacht. In unserem Vorstellen träumen wir, auch wenn wir wachen. Diese Wahrheiten, dass unser Ich schläft, dass wir in unserem Vorstellen träumen, auch wenn wir wachen, diese Wahrheiten, die werden allerdings hinweggespült von dem regen Tagesleben. Aber für denjenigen, der die Menschenseele beobachten kann, ergeben sie sich durchaus als große, erschütternde Wahrheiten am Ausgangspunkte einer jeden geisteswissenschaftlichen Forschung.
[ 30 ] But even when we consider our ordinary mental images, through proper self-observation developed through self-exercise, we come to recognize that what lives in us as mental images has no other existence in us during our waking day than exactly the same as the chaotic, ebbing and flowing dream images of the night. In our mental images, we dream even when we are awake. These truths, that our ego sleeps, that we dream in our mental images even when we are awake, these truths are indeed washed away by the busy life of the day. But for those who can observe the human soul, they emerge as great, shattering truths at the starting point of all research in Spiritual Science.
[ 31 ] Und wenn man dann frägt, frägt die Selbstbeobachtung: Ja, wie unterscheidet sich denn eigentlich dann unser gewöhnliches Tagesleben, unser Wachleben von dem Traumleben, von dem Schlafleben? Was tritt denn da ein im Momente des Aufwachens? Wie gesagt, Details kann ich nicht ausführen, alle Details, die notwendig sind, um das vollständig zu durchdringen, was ich heute nur skizzenhaft anführen kann, finden Sie in meinen Büchern, namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss». Die Frage entsteht: Was tritt denn eigentlich im Momente des Erwachens ein, wenn wirklich unser Ich schlafend bleibt, wenn unsere Vorstellungen solche Bilder auch im Wachen sind wie die Traumbilder, wie unterscheidet sich denn der wachende Mensch von dem schlafenden Menschen?
[ 31 ] And when one then asks, self-observation asks: Yes, how does our ordinary daily life, our waking life, actually differ from dream life, from sleep life? What happens at the moment of waking up? As I said, I cannot go into detail here, but all the details necessary to fully understand what I can only sketch out today can be found in my books, namely in “How to Know Higher Worlds” and in my “An Outline of Esoteric Science.” The question arises: What actually happens at the moment of awakening, if our ego really remains asleep, if our mental images are the same images in waking life as in dreams, how does the waking person differ from the sleeping person?
[ 32 ] Da gibt eine — wie gesagt — geschulte Selbstbeobachtung die Antwort: Es ist das Hineindringen, Hineinströmen des Willens in das Seelenleben, welches einzig und allein das Wachleben von dem Schlaf- und Traumleben unterscheidet. Dass der Wille sich ergießt in uns und wir nicht willenlos aufsteigende Traumbilder haben, sondern uns mit dem Willen verbinden mit der äußeren Welt, uns durch den Willen eingliedern in die äußere Welt, das macht es, dass wir wachen und nicht träumen. Was die Traumbilder erweckt zu einer Wesenhaftigkeit, dass sie Abbilder sind, Abbilder reale wirkliche Abbilder einer äußeren Welt, das macht, dass wir uns nach dem Aufwachen durch den Willen hineingliedern in die äußere Welt. So paradox das heute noch klingt für sehr viele Menschen, es wird dieses eine Grundüberzeugung einer kommenden Weltanschauung werden müssen, und wird es werden, weil jede wahre, selbstbeobachtende Wissenschaft dieses ergibt.
[ 32 ] As I said, trained self-observation provides the answer: it is the penetration, the influx of the will into the life of the soul that alone distinguishes waking life from sleep and dream life. The fact that the will pours into us and we do not have dream images that arise without our will, but rather connect ourselves with the outer world through the will, integrate ourselves into the outer world through the will, is what makes us awake and not dreaming. What awakens the dream images to a reality, that they are images, real images of an outer world, is what causes us to integrate ourselves into the outer world through the will after waking up. As paradoxical as this still sounds to many people today, it will have to become a fundamental conviction of a coming worldview, and it will become so, because every true, self-observing science yields this result.
[ 33 ] Das Hineinblitzen des Willens in das Vorstellungsleben ist es, was uns real hineinstellt in die äußere Welt, die wir zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns haben. Dies ergibt eine wirkliche Selbstbeobachtung im gewöhnlichen Bewusstsein. In diesem gewöhnlichen Bewusstsein kann man aber nicht stehen bleiben, wenn man in die Wesenheit der Dinge, die uns umgeben, und den Zusammenhang des Menschen mit der Welt wirklich eindringen will. Da handelt es sich darum, dass eine ähnliche Umwandlung mit unserem Seelenleben vor sich gehe, mit unserem gewöhnlichen Tages-Seelenleben vor sich gehe, wie mit dem Schlaf- oder Traumleben beim Erwachen vor sich geht. Und eine Umwandlung wird herbeigeführt dadurch, dass man eben mühselig arbeitet an der metamorphosischen Umänderung erstens des Vorstellungslebens, zweitens des Willenslebens.
[ 33 ] It is the flash of will into the life of imagination that places us truly in the outer world, which we initially have before us in ordinary consciousness. This results in real self-observation in ordinary consciousness. However, one cannot remain in this ordinary consciousness if one really wants to penetrate the essence of the things that surround us and the connection between human beings and the world. What is at stake here is that a similar transformation takes place in our soul life, in our ordinary daily soul life, as takes place in our sleep or dream life when we awaken. And a transformation is brought about by working laboriously on the metamorphic change, first of the life of imagination, and secondly of the life of will.
[ 34 ] Und nun möchte ich gleich darauf aufmerksam machen, sehr verehrte Anwesende, dass dasjenige, was hier Geisteswissenschaft oder Anthroposophie genannt wird, nicht auf irgendetwas Metaphysischem oder Spiritistischen beruht, nicht auf irgendetwas verworren Mystischem beruht, sondern dass es eine wahre Fortsetzung gesunder menschlicher naturwissenschaftlicher Denkweise ist. Und so kann es angeknüpft werden, wie an manches andere, beispielsweise nun an die gesunden, aber die gesunden Anfänge, die bei einem ganz besonders gesunden Geiste der neueren Zeit vorhanden sind, es kann angeknüpft werden an dasjenige, was Goethe’sche Natur- und Weltanschauung genannt werden kann.
[ 34 ] And now, dear audience, I would like to point out that what is called Spiritual Science or anthroposophy here is not based on anything metaphysical or spiritualistic, nor on anything confusedly mystical, but that it is a true continuation of healthy human scientific thinking. And so it can be linked, as with many other things, for example, to the healthy, but healthy beginnings that are present in a particularly healthy spirit of modern times; it can be linked to what can be called Goethe's worldview of nature and the world.
[ 35 ] Gestatten Sie diese persönliche Bemerkung, sehr verehrte Anwesende, weil sie doch mit dem, das ich selber vorzubringen habe, einiges zu tun hat, dass ich gerade anknüpfe an diese Goethe’sche Natur- und Weltanschauung, das beruht darauf, dass ich durch mein Schicksal darauf geführt wurde, diese Goethe’sche Welt- und Naturanschauung gerade weiter zu vertiefen und aus ihr dasjenige herauszuholen, was dann weiterführt, wie wir sehen werden, zu einem wirklichen Hineinschauen in die Geisteswelt, die uns umgibt, so wie uns die sinnliche Welt umgibt.
[ 35 ] Allow me this personal remark, dear audience, because it has something to do with what I myself have to say, that I am linking up with this Goethean worldview of nature and the world, which is based on the fact that my destiny has led me to to deepen my understanding of Goethe's view of the world and nature and to extract from it that which, as we shall see, leads to a real insight into the spiritual world that surrounds us, just as the sensory world surrounds us.
[ 36 ] Ein Großes bei Goethe, das heute noch immer nicht gewürdigt ist, ein Großes bei Goethe ist zum Beispiel, dass er imstande ist, dasjenige, was physikalische Erscheinungen sind, die man sonst nur abgesondert vom Menschen betrachtet, heranzuführen bis an das menschliche Seelenleben. Das ist etwas ganz Wunderbares, wenn man sieht, wie Goethe ein physikalisches Kapitel seiner heute noch von den meisten Menschen ganz verachteten Farbenlehre hinanführt von dem Physikalischen und Physiologischen bis zu dem, was er so schön zum Ausdrucke bringt in dem Teil, den er nennt: «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Allerdings, es ist heute mannigfaltig kompromittierend, über Goethes Farbenlehre zu sprechen. Über Goethes Farbenlehre kann heute nicht gesprochen werden ohne Weiteres, weil die Physik in ihrer heutigen Verfassung keine Diskussionsmöglichkeit für die Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre gibt. Aber es wird schon eine Zeit kommen, das will ich nur andeuten, wo diese Goethe’sche Farbenlehre gerechtfertigt wird von einer fortgeschrittenen Physik.
[ 36 ] One of Goethe's great achievements, which is still not appreciated today, is, for example, his ability to bring physical phenomena, which are otherwise only considered separately from human beings, into the realm of human soul life. This is something quite wonderful when one sees how Goethe leads a physical chapter of his theory of colors, which is still despised by most people today, from the physical and physiological to what he so beautifully expresses in the section he calls “The Sensual-Moral Effect of Colors.” However, it is now highly compromising to talk about Goethe's theory of colors. Goethe's theory of colors cannot be discussed today without further ado, because physics in its current state does not allow for any discussion that could justify Goethe's theory of colors. But there will come a time, I would just like to suggest, when Goethe's theory of colors will be justified by advanced physics.
[ 37 ] Ich kann verweisen auf dasjenige, was ich in meinem Buche «Über Goethes Weltanschauung» und in meiner Einleitung zu Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften» in künstlerischer Beziehung ganz besonders über diesen Punkt ausgeführt habe. Aber heute will ich auf keine Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre eingehen, sondern nur auf das Methodische hinweisen, wie sich wirklich herausentwickelt aus dem Physikalischen bei Goethe das Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Da spricht er sehr schön aus, was die menschliche Seele erlebt, indem sie dem Blau, der Farbe Blau gegenübersteht.
[ 37 ] I can refer to what I have said about this point in particular in my book “On Goethe's Worldview” and in my introduction to Goethe's “Scientific Writings” in relation to art. But today I do not want to go into any justification of Goethe's theory of colors, but only point out the methodical way in which the chapter “Sensual-moral effect of colors” really develops from the physical in Goethe. There he expresses very beautifully what the human soul experiences when confronted with blue, the color blue.
Blau
Blue
— sagt Goethe —
— says Goethe —
ergießt in die Seele herein ein gewisses Erlebnis von Kälte, weil sie an Schatten erinnert. Blaue Räume gießen über alle Gegenstände eine traurige Stimmung aus.
pours into the soul a certain experience of coldness, because it reminds us of shadows. Blue rooms cast a sad mood over all objects.
Oder nehmen wir noch das, was Goethe über das Erleben der roten Farbe sagt:
Or let's take what Goethe says about the experience of the color red:
Die rote Farbe
The color red
— sagt Goethe —
— says Goethe —
ist in ihrer Wirkung einzig, wie ihre Natur ist: Sie kann erzeugen, die rote Farbe, ebenso das Erlebnis von Ernst und Würde wie von Ehrfurcht und Anmut, von Ernst und Würde, wenn sie in ihren dunkleren Tönen und verdichtet ist; von Ehrfurcht und Anmut wenn sie in ihren verdünnteren und helleren Zuständen auftritt.
is unique in its effect, as is its nature: the color red can evoke a sense of solemnity and dignity as well as reverence and grace, solemnity and dignity when it is in its darker tones and condensed; reverence and grace when it appears in its more diluted and lighter states.
[ 38 ] Da sehen wir, wie Goethe nicht allein den Blick richtet auf das unmittelbar Physische der Farbe, sondern wie er die Seele heranholt an die Farbe wie ein Sympathie- und Antipathie-Erlebnis, ein unmittelbares Seelenerlebnis, wie wir es in dem Erlebnis von Lust und Leid im Leben haben. Wenn auch in einer kaum bemerkbaren Intensität von Goethe geschaut wird bei den Farben, so nimmt Goethe die Farbenwelt durch, so wie sie durchgenommen werden kann, wenn man das Seelenleben ergießt über diese Farben; das heißt: Goethe sondert nicht das seelische von dem physikalischen Erlebnis. Und gerade dadurch hat er die Anfänge geliefert zu einer Beobachtung, die auch heute natürlich noch in den Anfängen ist, die aber eine ernste und würdige Ausgestaltung erfahren wird gerade durch das, was Anthroposophie oder Geisteswissenschaft ist.
[ 38 ] Here we see how Goethe not only focuses on the immediate physicality of color, but also how he draws the soul to color as an experience of sympathy and antipathy, an immediate experience of the soul, as we have in the experience of pleasure and pain in life. Even though Goethe looks at colors with a barely noticeable intensity, he perceives the world of colors as it can be perceived when one pours one's soul life over these colors; that is to say, Goethe does not separate the spiritual from the physical experience. And it is precisely through this that he provided the beginnings of an observation that is, of course, still in its infancy today, but which will undergo a serious and dignified development precisely through what anthroposophy or Spiritual Science is.
[ 39 ] Denn so, wie der Mensch der Farbenwelt gegenübersteht, so ist es auch mit der Welt der übrigen Sinne gestaltet, so ist er in der Wahrnehmung selber durch das, was physikalisch da steht, was physikalisch durch sein Auge, durch sein Ohr wirkt, so stark in Anspruch genommen, dass gegenüber diesem starken physikalisch Dastehenden dasjenige, was seelisch dieses physikalisch Dastehende durchstrahlt, durchströmt, dass er dieses Seelische nicht wahrnimmt, nicht erlebt, nicht erlebt in seiner vollen Stärke und in seiner vollen Bedeutung für das innere Seelenleben selbst, so wie man ein schwaches Licht nicht bemerkt neben einer starken Lichtquelle. Denn für das gewöhnliche Augenwahrnehmen ist eben dasjenige, was physikalisch dasteht, vor allen Dingen von besonderer Stärke.
[ 39 ] For just as human beings relate to the world of colors, so too is the world of the other senses shaped; in their perception, they are so strongly influenced by what is physically present, by what physically affects their eyes and ears, so strongly that, in contrast to this strong physical presence, what radiates and flows through this physical presence in the soul is not perceived, not experienced, not experienced in its full strength and in its full significance for the inner life of the soul itself, just as one does not notice a weak light next to a strong light source. For ordinary visual perception, it is precisely that which is physically present that is of particular strength above all else.
[ 40 ] Nun gibt es aber eine Möglichkeit, das, was bei Goethe allerdings, man möchte sagen instinktiv durch seine gesunde Natur in den Anfängen da ist, des Weiteren auszubilden, immer weiter und weiter zu führen.
[ 40 ] However, there is a possibility to further develop what is already there in Goethe, one might say instinctively, due to his healthy nature, and to take it further and further.
[ 41 ] Und noch von einem anderen Punkte kann man ausgehen. Goethe behandelt die Farben niemals so, dass er sie nur ansieht in dem Dasein draußen, sondern er behandelt die Gegenwirkung, das Organische immer. Wie wunderbar, selbst gegenüber den neuesten physikalischen Versuchen von [Hering], Hume unter anderem ist dasjenige, was Goethe hervorhebt über die Gegenwirkung des Auges, wie die Farben nicht nur wahrgenommen werden, solange man sie ansieht, sondern wie sie abklingen. Aber in alledem sind eben für das äußere Anschauen schwache Anfänge gegeben, die vielmehr auf das innere Vorstellungsleben angewendet, weiter ausgebildet werden können; denn in ihrem sorgsamen gewissenhaften Ausbilden gewisser Seiten des Vorstellungslebens liegt ja eine Seite der Forschung, die zur Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gehört. So wie Goethe selber sich zu der Farbe stellt, so stellt sich derjenige, der geistesforscherisch in die geistige Welt eindringen will, zu dem Vorstellungsinhalt, der ja für dies gewöhnliche Bewusstsein im Grunde genommen nur willensdurchstrahlte Traumbilder-Welt ist, und ganz anders als das gewöhnliche Bewusstsein sich zu den Vorstellungen, zu den Begriffen, zu den Ideen verhält, verhält sich der Geistesforscher nicht für die äußere Welt; da bleibt er ein gesund denkender Mensch wie jeder andere Mensch. Aber für das Offenbaren der geistigen Welt muss er eine gewisse Art des schauenden Bewusstseins bewirken. Und er bewirkt es dadurch, dass er gewisse Metamorphosen des Vorstellungslebens hervorruft.
[ 41 ] And there is another point from which one can start. Goethe never treats colors in such a way that he only looks at them in their external existence, but always treats their counteraction, their organic nature. How wonderful, even in comparison to the latest physical experiments by [Hering], Hume, among others, is what Goethe emphasizes about the counteraction of the eye, how colors are not only perceived as long as one looks at them, but how they fade away. But in all this, there are only weak beginnings for external observation, which can be applied to the inner life of imagination and further developed; for in the careful and conscientious development of certain aspects of the life of imagination lies an aspect of research that belongs to Spiritual Science or anthroposophy. Just as Goethe himself approaches color, so does the person who wants to penetrate the spiritual world through spiritual research relate to the content of imagination, which for ordinary consciousness is basically only a world of dream images permeated by the will. And quite unlike ordinary consciousness in its relation to mental images, concepts, and ideas, the spiritual researcher does not relate to the external world; he remains a healthy-minded person like everyone else. But in order to reveal the spiritual world, he must bring about a certain kind of contemplative consciousness. And he does this by evoking certain metamorphoses in his imaginative life.
[ 42 ] Dasjenige, was im Einzelnen getan werden muss, finden Sie in den genannten Büchern. Ich will nur das, was bewirkt wird in seiner prinzipiellen Bedeutung, vor ihre Seele hinstellen, sehr verehrte Anwesende. Durch ganz gewisses Verhalten, methodisches Verhalten zu der Vorstellungswelt, gelangt der Geistesforscher dazu, seine Vorstellungen allmählich loszulösen von ihrer gewöhnlichen Aufgabe. Die gewöhnliche Aufgabe der Vorstellungen ist ja diese, dass wir durch sie Abbilder der äußeren Wirklichkeit gewinnen. Ergebnisse sind uns die Vorstellungen. Für den Geistesforscher sind sie Anfang, denn er gibt sich diesen Vorstellungen, gleichgültig, was sie für eine äußere Bedeutung haben, was sie für ein äußeres Abbild geben, er gibt sich dem inneren Leben, den inneren Wirkungen der Vorstellung hin. Und er gibt sich dem inneren Wirken der Vorstellung so hin, sodass er nicht auf das schaut, was in den Vorstellungen als Inhalt enthalten ist, sondern was sich an Kräften entwickelt, wenn das vollständig zur Ruhe gebrachte Bewusstsein Vorstellungstätigkeit, Denktätigkeit in sich lebendig, regsam macht.
[ 42 ] You will find what needs to be done in detail in the books mentioned. I only want to present to you, dear audience, what is achieved in its fundamental significance. Through very specific behavior, methodical behavior toward the world of imagination, the spiritual researcher gradually manages to detach his mental images from their usual task. The usual function of mental images is to provide us with images of external reality. The results are the mental images themselves. For the spiritual researcher, they are the beginning, for he surrenders himself to these mental images, regardless of their external meaning or the external image they represent; he surrenders himself to the inner life, to the inner effects of the mental image. And they surrender themselves to the inner workings of the mental image in such a way that they do not look at what is contained in the mental images as content, but at what forces develop when the consciousness, brought to complete rest, makes the activity of imagination and thinking alive and active within itself.
[ 43 ] Der gewöhnliche Forscher der äußeren Natur beginnt mit der äußeren Natur und endet mit den Vorstellungen. Der Geistesforscher muss mit der inneren Regsamkeit der Vorstellungen beginnen, mit einer Art meditativer Arbeit, aber nicht mit jener Meditation, die landläufig geschildert wird, und die nichts anderes ist als ein Brüten über gewisses Vorstellen, nein, sondern es handelt sich darum, dass wirklich alles übrige Wogen und Regen der Seele beruhigt wird, sodass das Seelenleben wie ein ruhiges Meer gegenübertritt besonderen Vorstellungen, die überschaubar sind. Die sollen sich dann regen im Seelenleben, sollen bloß im Vorstellungsleben innerlich regsam sein. Durch lange meditative Arbeit, die, wie gesagt durchaus nicht geringer ist als Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, kommt man dazu, in diesem inneren Leben der Vorstellungen gewisse Wirkungen wahrzunehmen für das Leben der menschlichen Seele selber, merkwürdige Wirkungen. Im gewöhnlichen Bewusstsein entwickelt man als eine der wichtigsten, der bedeutendsten Seelenfähigkeiten das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen.
[ 43 ] The ordinary researcher of external nature begins with external nature and ends with mental images. The spiritual researcher must begin with the inner liveliness of mental images, with a kind of meditative work, but not with the kind of meditation that is commonly described, which is nothing more than brooding over certain mental images. no, but rather that all other waves and rains of the soul are truly calmed, so that the life of the soul, like a calm sea, confronts particular mental images that are comprehensible. These should then stir in the life of the soul, should merely be internally active in the life of mental images. Through long meditative work, which, as I said, is by no means less than laboratory or observatory work, one comes to perceive certain effects in this inner life of mental images for the life of the human soul itself, remarkable effects. In ordinary consciousness, one develops memory, the power of recollection, as one of the most important, the most significant abilities of the soul.
[ 44 ] Was bringt denn das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen zustande? Das Erinnerungsvermögen, sehr verehrte Anwesende, bringt zustande, dass wir gewisse Vorstellungen, die wir in früherer Zeit gebildet haben, in späterer Zeit wiederum heraufholen können. Das Erlebnis ist zunächst gegeben; das Erlebnis wird in die Vorstellung aufgenommen. Die Vorstellung verhält sich schattenhaft gegenüber dem Erlebnis. Das Erlebnis verschwindet, die Tatsache geht fort; wir tragen die Vorstellung des Erlebnisses in uns. Nach Jahren oder nach einer anderen Zeit können wir sie wiederum herausholen. Ein schattenhaftes Nachbild, ein erinnerungsgemäßes Nachbild, das ist es, was wir wieder heraufholen aus unserem geistig-seelisch-körperlichen Gesamtorganismus als Erinnerungsvorstellung.
[ 44 ] What does memory, the ability to remember, accomplish? The ability to remember, dear audience, enables us to recall certain mental images that we formed in the past at a later time. First, the experience is given; the experience is taken up in the imagination. The mental image is like a shadow of the experience. The experience disappears, the fact goes away; we carry the mental image of the experience within us. Years later, or at another time, we can bring it back again. A shadowy afterimage, an afterimage based on memory, that is what we bring back from our entire mental, spiritual, and physical organism as a memory mental image.
[ 45 ] Durch das energische Sich-Einleben, eindringliche Sich-Einleben nach den Methoden, die in meinen Büchern angegeben und beschrieben sind in Bezug auf das Vorstellungsleben, gelangt man dazu, eine verstärkte Art von Seelenhaftigkeit gegenüber diesem Erinnerungsleben sich anzueignen. So paradox es klingt, ich muss es charakterisieren, weil ich nicht im Allgemeinen phantastisch herumsprechen will über Geisteswissenschaft, sondern das positiv Konkrete angeben will, was Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 45 ] Through energetic, intensive familiarization with the methods described in my books with regard to the life of imagination, one acquires a heightened sense of soulfulness in relation to this life of memory. As paradoxical as it sounds, I must characterize it because I do not want to talk fantastically about Spiritual Science in general, but rather want to indicate the positive concrete basis of Spiritual Science.
[ 46 ] Der Geistesforscher erlebt, dass er eine Vorstellung regsam macht, und durch das immer wieder und wiederum Ruhen des Bewusstseins auf dieser Vorstellung bringt er es bis zu dem Momente, wo er weiß: Jetzt hast du diese Denkkräfte so stark angestrengt, dass du nicht weiter kannst. Dann tritt etwas, man möchte sagen Erschütterndes ein. Der Moment, wo man weiß, man kann nicht mehr willkürlich das Denken in derselben Weise fortsetzen, man muss das Denken gleichsam entlassen, wie man eine Vorstellung entlässt, die dann in die Vergessenheit gerät und aus der Erinnerung wiederum heraufgeholt werden kann. Aber eine also durch energisch meditatives Leben zubereitete Vorstellung, die tritt, ich möchte sagen in viel untergründigere Tiefen des Lebens hinunter, wenn sie entlassen wird, als eine Vorstellung, die bloß zur Erinnerung führt. Und das erlebt dann — das ist nur beispielsweise, andere Erlebnisse müssen damit verbunden sein, aber einige Beispiele möchte ich anführen —, das erlebt der Geistesforscher, dass er eine Vorstellung durch die denkerischen Kräfte so verstärkt hat, dass er nun diese Vorstellung hinuntersenken kann, sodass sie nicht mehr da ist; dann aber tritt sie auf; später, je nachdem man die eine oder andere Vorstellung hat, das alles muss ganz geregelt vor sich gehen, bleiben diese Vorstellungen. Man eignet sich Anschauungen an über die Zeiten, in denen diese Vorstellungen bleiben müssen, da unten im Unbewussten dann; die eine Vorstellung bleibt länger, die andere kürzer im Unterbewusstsein unten, und man erlangt die Kraft, sie immer wiederum heraufzubringen — aber nicht so, wie man durch eine Erinnerungsvorstellung sich anstrengt, die Vorstellung heraufzubringen; sondern dieses Heraufkommen der Vorstellungen geschieht durch ruhige Hingabe. Das ist nicht wie in der gewöhnlichen Erinnerung, sondern man ist in einer erwartungsvollen Stimmung, die man im rechten Zeitpunkt herbeigeführt hat. Auf diese erwartungsvolle Stimmung wird man durch andere Dinge, die hier jetzt nicht beschrieben werden können, aufmerksam gemacht. Man ist in einer erwartungsvollen Stimmung; man tut gar nichts, um eine Vorstellung, um ein Erlebnis herbeizuführen, sondern gerade durch die ruhige Erwartung, durch die rein selbstlose Hingabe kommt nach Stunden, nach Wochen, nach Jahren oftmals erst dasjenige wieder zurück, was man in abgründigen Tiefen erschaut, gewissermaßen wie in einen Abgrund hinuntergeblickt hat. Und das Umgekehrte tritt ein vom gewöhnlichen Bewusstsein.
[ 46 ] The spiritual researcher experiences that he is making a mental image active, and by repeatedly resting his consciousness on this mental image, he brings it to the point where he knows: Now you have strained these thinking powers so much that you cannot go any further. Then something happens that one might call shocking. The moment when one knows that one can no longer arbitrarily continue thinking in the same way, that one must, as it were, let go of thinking, just as one lets go of a mental image, which then sinks into oblivion and can be retrieved from memory again. But a mental image prepared through an energetic meditative life descends, I would say, into much deeper depths of life when it is released than a mental image that merely leads to memory. And then the spiritual researcher experiences — this is only an example, other experiences must be connected with it, but I would like to give a few examples — he experiences that he has strengthened a mental image through his thinking powers to such an extent that he can now lower this mental image so that it is no longer there; but then it appears; later, depending on which mental image one has, all of this must proceed in a very orderly manner, these mental images remain. One acquires insights into the times when these mental images must remain there, down in the unconscious; one mental image remains longer, the other shorter in the subconscious below, and one acquires the power to bring them up again and again — but not in the way one strains to bring up a mental image through a memory; rather, this bringing up of mental images happens through calm devotion. This is not like ordinary memory, but one is in an expectant mood that one has brought about at the right moment. One's attention is drawn to this expectant mood by other things that cannot be described here. One is in an expectant mood; one does nothing to bring about a mental image or an experience, but precisely through quiet expectation, through pure selfless devotion, after hours, weeks, or often years, that which one has glimpsed in unfathomable depths, as if looking down into an abyss, often returns. And the opposite occurs from ordinary consciousness.
[ 47 ] Während im gewöhnlichen Bewusstsein die Sache so ist, dass das Erlebnis zuerst mit aller Lebendigkeit voransteht und dann die schattenhafte Vorstellung auftritt, ist jetzt etwas ganz anderes der Fall: Man geht aus dabei von etwas, das man gleichsam zur Selbsterziehung, zur Selbstzucht macht, eine Vorstellung in die Seele gesetzt hat, durch Wochen, monatelang immer wiederum in der Seele anwesend hat sein lassen, bis man zu dem Moment kommt, dass sie untertauchen kann; dann kommt sie herauf, aber wie sie heraufkommt dann, das ist das überraschende Erlebnis; das ist nicht etwas, was so schattenhaft ist, wie die Vorstellung war, sondern es ist ein Erlebnis, das vor dem Ausgangspunkte [Lücke].
[ 47 ] Whereas in ordinary consciousness the experience comes first with all its vividness and then the shadowy mental image appears, now something completely different is the case: One starts from something that one has, as it were, made into self-education, self-discipline, a mental image that one has placed in the soul, kept present in the soul for weeks, months on end, until one reaches the moment when it can submerge; then it rises up, but how it rises up is the surprising experience; it is not something as shadowy as the mental image was, but rather an experience that is beyond the starting point [gap].
[ 48 ] Das Erlebnis wird durch eine gewisse Bearbeitung der Vorstellung herbeigeführt, und man weiß ganz genau, wenn man diese Dinge kennt, die zu solchem führen, dass es sich hier um etwas ganz Gesundes, nicht Krankhaftes handelt. Es sind nicht etwa die gleichen Kräfte, die wirksam sind, wenn Sie zu Halluzinationen oder Visionen führen, oder überhaupt krankhafte Zustände hervorrufen, sondern es sind diejenigen Kräfte, die gerade das Entgegengesetzte hervorrufen und bewirken, die gerade geeignet sind, alles Halluzinatorische, Phantastische, Visionäre zu vertreiben; es ist der entgegengesetzte Vorgang.
[ 48 ] The experience is brought about by a certain processing of the mental image, and if you know the things that lead to this, you know very well that it is something completely healthy, not pathological. It is not the same forces that are at work when they lead to hallucinations or visions, or cause pathological conditions in general, but rather those forces that cause and bring about the opposite, which are precisely suited to dispelling everything hallucinatory, fantastical, and visionary; it is the opposite process.
[ 49 ] Und das Seelenleben ist nicht bloß so, dass es dies durchmacht, was ich beschrieben habe, wie es im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein bei gesundem Verstande ist, sondern es ist so, dass es viel gesünder sein muss, wenn die Übungen, die dazu gehören, wenn sie regelrecht gemacht sind, ganz selbstverständlich, manches überwinden lassen, namentlich überwinden lassen müssen alles, was in irgendeine Phantastik hineinführen kann. Dasjenige aber, was heraufgeführt wird, das ist etwas, was man vorher nicht gekannt hat: das ist ein Geistiges, ein Übersinnliches, das man jetzt in sich wahrnimmt. Als was wahrnimmt? Als das wahrnimmt, sehr verehrte Anwesende, was Goethe Geistesauge oder Geistesohr nennt, und was er selber erst instinktiv erahnte.
[ 49 ] And the life of the soul is not merely that it goes through what I have described, as it is in ordinary everyday consciousness with a healthy mind, but it is that it must be much healthier if the exercises that belong to it, when done properly, quite naturally, allow us to overcome many things, namely everything that can lead to any kind of fantasy. But what is brought forth is something that was not known before: it is something spiritual, something supernatural, which we now perceive within ourselves. How is it perceived? It is perceived, dear audience, by what Goethe calls the spiritual eye or spiritual ear, and which he himself only instinctively sensed.
[ 50 ] Jetzt weiß man, von dem Momente ab, wo man solch ein Erlebnis erfahren hat, wie ich es charakterisiert habe, weiß man, dass man nicht nur dieses physische Leben in sich trägt, sondern dass man einen feineren, überhaupt nicht aus physischen Stoffen bestehenden inneren Leib hat. So paradox es heute noch manchen verkommt, wenn man in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie von einem feinen Ätherleib spricht, einem Seelenleib, es ist eine Wahrheit — aber eine Wahrheit, die erst auf diese Weise wirklich erforscht werden kann, wie es jetzt charakterisiert worden ist. Man weiß jetzt: Man hat etwas in sich, worinnen geistiges Anschauen entstehen kann, wie Anschauen entstehen kann durch das physische Auge im physischen Organismus. Das Geistesauge oder Geistesohr, wie Goethe es genannt hat, wird etwas, von dem man weiß, dass aus dem Ätherischen, aus dem übersinnlichen Leibe etwas entspringt — man kann ihn nur nicht gebrauchen wie einen physischen Leib —, aber dass ein solcher übersinnlicher Leib vorhanden ist, das weiß man, und dass es eine Geisteswissenschaft geben müsse, die zu diesem führt, sehr verehrte Anwesende, das ist etwas, was nicht aus irgendeiner Willkür heute herausgeboren worden ist, sondern das wird herausgeboren aus dem philosophischen Denken gerade der neuesten Zeit.
[ 50 ] Now, from the moment one has experienced something like this, as I have described it, one knows that one carries not only this physical life within oneself, but that one has a finer inner body that does not consist of physical matter at all. As paradoxical as it may still seem to some today when Spiritual Science or anthroposophy speaks of a fine etheric body, a soul body, it is a truth — but a truth that can only be truly researched in the way that has now been described. We now know that we have something within us in which spiritual vision can arise, just as vision can arise through the physical eye in the physical organism. The spiritual eye or spiritual ear, as Goethe called it, becomes something that we know springs from the etheric, from the supersensible body — only we cannot use it like a physical body — but we know that such a supersensible body exists, and that there must be a Spiritual Science that leads to it, dear attendees. This is something that has not been born out of some arbitrary decision today, but has been born out of the philosophical thinking of the most recent times.
[ 51 ] Lassen Sie mich anführen einige Tatsachen, die in dieser Beziehung für die Beurteilung von Anthroposophie ganz besonders wichtig sind. Aus der schönsten Entwicklungsepoche der neueren Philosophie heraus haben solche Persönlichkeiten, die die Kraft dieser neueren Philosophie von der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts und von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in sich aufgenommen haben, sie haben instinktiv noch nicht in solch methodischer Weise — wie die heute möglich ist, so wie ich es Ihnen erzählt habe —, sondern eben instinktiv darauf aufmerksam gemacht, wie es außer dem physischen Leib, der dem Menschen zugrunde liegt, noch dasjenige gibt, was man einen ätherischen, einen seelischen Leib nennen kann. Nur, der äußere Ausdruck für ihn war etwas anders für diesen feineren Leib, der für die Geisteswissenschaft eine Tatsache ist.
[ 51 ] Let me cite a few facts that are particularly important in this regard for the assessment of anthroposophy. From the most beautiful epoch of development in modern philosophy, personalities who absorbed the power of this modern philosophy at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries and in the first half of the nineteenth century did not yet instinctively draw attention in such a methodical way — as is possible today, as I have told you — but instinctively drew attention to the fact that, in addition to the physical body that forms the basis of the human being, there is also what can be called an etheric body, a soul body. Only, the external expression for this finer body, which is a fact for Spiritual Science, was somewhat different.
[ 52 ] Nun: Fichte kommt gerade unter dieser Voraussetzung zu der Auffassung des Todesvorganges, wenn er sagt:
[ 52 ] Now, it is precisely on this basis that Fichte arrives at his view of the process of death when he says:
Denn kaum braucht noch gefragt zu werden, wie der Mensch an sich selbst sich verhalte im Todesvorgange.
For there is hardly any need to ask how human beings relate to themselves in the process of death.
Mit diesem Begriffe
With this concept
— meint Fichte —
— Fichte believes —
überspringen wir daher nicht nur die Erfahrung und greifen in ein unbekanntes Gebiet bloß illusorischer Existenzen hinüber, sondern wir befinden uns mit ihm gerade mitten in der begreiflichen, dem Denken zugänglichen Wirklichkeit.
we are not only bypassing experience and reaching into an unknown realm of merely illusory existences, but we find ourselves with him right in the middle of comprehensible reality accessible to thought.
[ 53 ] Und dann sagt Fichte — und das ist das Bedeutsame —, dieses Bewusstsein weist über sich hinaus:
[ 53 ] And then Fichte says — and this is the important point — that this consciousness points beyond itself:
[...] die Anthropologie endet in dem von den mannigfaltigsten Seiten her begründeten [Ergebnisse,] dass der Mensch nach der wahren Eigenschaft seines Wesens, wie in der eigentlichen Quelle seines Bewusstseins, einer übersinnlichen Welt angehöre. Das Sinnenbewusstsein dagegen und die auf seinem Ausgangspunkte entstehende Erscheinungswelt mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die Stätte zu sein, in welcher jenes übersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewusste eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt der Ideen in die Sinneswelt einführt. [...] Diese gründliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die «Anthropologie» in ihrem Endresultate zur «Anthroposophie».
[...] anthropology ends with the [conclusion], substantiated from the most diverse sides, that human beings, according to the true nature of their being, as in the actual source of their consciousness, belong to a supersensible world. Sensory consciousness, on the other hand, and the world of phenomena arising from its starting point, with the entire sensory life, including that of human beings, have no other meaning than to be the place in which that supersensible life of the spirit takes place, in that it introduces the otherworldly spiritual content of ideas into the sensory world through its own freely conscious actions. [...] This thorough understanding of the human being now elevates “anthropology” in its final result to “anthroposophy.”
[ 54 ] Zu einer «Anthroposophie»! Er gebraucht den Ausdruck «Anthroposophie»! Wir sehen daran die Sehnsucht nach derjenigen Wissenschaft, die heute Tatsache werden soll.
[ 54 ] To an “anthroposophy”! He uses the term “anthroposophy”! We see in this the longing for the science that is to become a reality today.
[ 55 ] Um nun noch ein Beispiel anzuführen — ich kann der Kürze der Zeit wegen nur Einzelnes anführen —, sei der, durchaus bedeutende deutsche Denker Troxler, Vital Troxler, angeführt, der auch in der Schweiz bedeutsam gelehrt hat. Er sagt aus derselben Anschauung, aber noch instinktiv, weil es Geisteswissenschaft oder Anthroposophie damals noch nicht gegeben hat, er sagt, Vital Troxler:
[ 55 ] To cite another example — I can only mention a few due to time constraints — let us consider the highly significant German thinker Troxler, Vital Troxler, who also taught in Switzerland. He expresses the same view, but still instinctively, because Spiritual Science or anthroposophy did not yet exist at that time. Vital Troxler says:
Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelenleib unterschieden von dem gröberen Körper [...] eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [...] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geisterschers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswärtigen an seinem Geisterleib trage.
Philosophers have long distinguished between a fine, noble soul body and the coarser physical body [...] a soul that has an image of the body itself, which they called a schema, and which was for them the inner, higher human being. [...] In more recent times, even Kant, in the Dreams of a Spirit Surgeon, seriously dreams, in jest, of an entire inner spiritual human being who carries all the limbs of the outer human being on his spirit body.
[ 56 ] Und nun sagt Troxler:
[ 56 ] And now Troxler says:
Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [...] in jeder Anthroposophie [...] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann.
While it is most gratifying that the newest philosophy, which [...] must reveal itself in every anthroposophy [...], is gaining ground, it cannot be overlooked that this idea cannot be the fruit of speculation.
[ 57 ] Das Weitere brauche ich nicht anzuführen. Er meint also, dass es cin Wissenschaft geben muss, die geradeso, wie die Anthropologie zu den physischen Eigenschaften und Kräften des physischen Menschenleibes führt, so müsse es eine Eigenschaft geben, welche zu dem Übersinnlichen, zu den Eigenschaften dieses Übersinnlichen Leibes führt.
[ 57 ] I need not quote any further. He therefore believes that there must be a science which, just as anthropology leads to the physical characteristics and powers of the physical human body, there must be a characteristic which leads to the supersensible, to the characteristics of this supersensible body.
[ 58 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» charakteristische Denker aufgewiesen auf diesem Gebiete. Die haben diese Dinge nicht so ausgeführt, wie es die heutige Geisteswissenschaft ausführen kann, aber sie haben aus ihrem instinktiven Sehnen heraus nach einer zukünftigen Geisteswissenschaft, instinktiv von dem gesprochen, was durch diese Geisteswissenschaft Tatsache werden sollte. So der Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte, der bedeutende Philosoph Immanuel Hermann Fichte.
[ 58 ] In my book “The Riddle of Man,” I have pointed out characteristic thinkers in this field. They did not elaborate on these things in the way that today's Spiritual Science can, but out of their instinctive longing for a future Spiritual Science, they instinctively spoke of what should become fact through this Spiritual Science. Such was the case with the son of the great Johann Gottlieb Fichte, the eminent philosopher Immanuel Hermann Fichte.
[ 59 ] Er sagt in seiner «Anthropologie», die 1860 in zweiter Auflage erschienen ist, dass «in dem Stofflichen» nicht «das wahrhaft Beharrende» sein kann:
[ 59 ] In his Anthropology, published in a second edition in 1860, he says that “in the material” there cannot be “that which truly endures”:
In den Stoffelementen kann das wahrhaft Beharrende, das einende Formprinzip des Leibes nicht gefunden werden, welches sich während unseres ganzen Lebens wirksam erweist.
[...]
So werden wir auf eine zweite, wesentlich andere Ursache im Leibe hingewiesen.
[...]
Indem dieses das eigentlich im Stoffwechsel Beharrliche enthält, ist es der wahre, innere, unsichtbare, aber in aller sichtbaren Stofflichkeit gegenwärtige Leib. Der andere, die äußere Erscheinung desselben, aus unablässigem Stoffwechsel gebildet, möge fortan «Körper» heißen, der, wahrhaft nicht beharrlich und nicht eins, der bloße Effekt oder das Nachbild jener inneren Leiblichkeit ist, welche ihn in die wechselnde Stoffwelt hineinwirft, gleichwie etwa die magnetische Kraft aus den Teilen des Eisenfeilstaubes sich einen scheinbar dichten Körper bereitet, der aber nach allen Seiten zerstäubt, wenn die bindende Gewalt ihm entzogen ist.
The truly enduring, unifying form principle of the body, which proves effective throughout our entire life, cannot be found in the material elements.
[...]
Thus, we are directed to a second, essentially different cause in the body.
[...]
Containing that which is truly persistent in metabolism, it is the true, inner, invisible body, present in all visible materiality. The other, the outer appearance of the same, formed from incessant metabolism, may henceforth be called be called the “body,” which, truly impermanent and not one, is the mere effect or afterimage of that inner physicality which throws it into the changing material world, just as, for example, the magnetic force from the particles of iron filings creates a seemingly dense body, which, however, disperses in all directions when the binding force is removed from it.
[ 60 ] Also, Immanuel Hermann Fichte kommt instinktiv dazu, in dem Menschen einen Kraftleib annehmen zu müssen, der zunächst die äußeren Stoffteile — so wie die magische Kraft, die eingreifen kann —, in einer gewissen formellen Weise zusammenhält den äußeren Stoffleib. Sie sehen, dass auch Fichte da, wo er [auf] das Übersinnliche im Menschen aufmerksam macht, eine Anthroposophie herbeisehnt.
[ 60 ] Thus, Immanuel Hermann Fichte instinctively comes to the conclusion that he must assume the existence of a force body in human beings, which initially holds together the external material parts — like a magical force that can intervene — in a certain formal way, the external material body. You can see that even Fichte, when he draws attention to the supersensible in human beings, longs for an anthroposophy.
[ 61 ] Nicht etwas Willkürlich-in-die-Zeitentwicklung-Hineingestelltes ist Anthroposophie, sondern etwas, was den wirklich tieferen Kern des Seelenlebens längst ahnte; das [kann gerade aus solchen Beispielen ersehen werden]. [Danach große Lücke im Stenogramm.]
[ 61 ] Anthroposophy is not something arbitrarily inserted into the development of the times, but something that has long anticipated the truly deeper core of soul life; this [can be seen precisely from such examples]. [After that, there is a large gap in the shorthand transcript.]
[ 62 ] Doch ich muss auf die andere Seite der Entwicklung des Seelenlebens eingehen, auf die Entwicklung des Willens. Das, was ich hier angeführt habe, betrifft die Entwicklung des Vorstellungslebens. Auch der Wille kann über den Standpunkt hinausgeführt werden, den er im gewöhnlichen Bewusstsein hat. Wenn Sie sich denken, dass jemand meint — ich will nur das Allerwichtigste anführen, das andere kann ja dann in meinen angeführten Büchern nachgelesen werden —, [wenn Sie sich denken], dass jemand sein inneres Leben so ansehen würde, wie wir unter gewöhnlichen Verhältnissen das äußere Leben von Mensch zu Mensch ansehen, das Leben in der menschlichen Gesellschaft [anschauen], da sehen wir, [wie wir uns sagen], wenn irgendeine Begierde, irgendein Trieb [auftaucht].
[ 62 ] But I must address the other side of the development of the soul life, the development of the will. What I have mentioned here concerns the development of the life of imagination. The will, too, can be taken beyond the position it occupies in ordinary consciousness. If you imagine that someone thinks — I will only mention the most important point here; the rest can be read in the books I have cited — [if you imagine] that someone would view their inner life in the same way that we view the outer life of other people under ordinary circumstances, that is, life in human society, then we see [as we say to ourselves] when some desire, some impulse [arises].
[ 63 ] Die Verhältnisse gestatten uns, dass dieser Trieb, diese Begierde sich ausleben; [in anderen Fällen gestatten wir es uns nicht, oder gestatten es uns die Verhältnisse nicht]. Wir entwickeln dem äußeren Leben gegenüber eine gewisse Verantwortlichkeit, die im Gewissen wurzelt. [Wir entwickeln ganz bestimmte Gefühle, empfinden eine bestimmte Konfiguration des Seelenlebens gegenüber dem, was wir äußerlich tun oder nicht, schaffen oder nicht schaffen]. Dem inneren Seelenleben unterliegt das gewöhnliche Bewusstsein, solche inneren Anforderungen zu entwickeln.
[ 63 ] Circumstances allow us to act on this urge, this desire; [in other cases, we do not allow ourselves to do so, or circumstances do not allow us to do so]. We develop a certain responsibility toward our external life, which is rooted in our conscience. [We develop very specific feelings, experience a certain configuration of our inner life in relation to what we do or do not do externally, create or do not create]. The inner life of the soul is subject to the ordinary consciousness of developing such inner demands.
[ 64 ] Da gehorchen wir der Logik. Und wie anders kühl stehen wir gegenüber dem, was wir denken oder nicht denken oder klar denken oder beengt denken, wie anders kühl logisch stehen wir unseren Gedanken gegenüber als dem äußeren Leben! Wir nehmen das eine hin, weil wir es, ich möchte sagen im Geiste, in der Vorstellung fassen können; wir weisen das andere ab; aber jenes intensive Leben, das wir in der menschlichen Verantwortlichkeit haben, das erleben wir innerlich bei dem bloß logischen, bei dem bloß wissenschaftlichen Denken nicht.
[ 64 ] Here we obey logic. And how differently, how coolly we stand towards what we think or do not think, or think clearly or think narrowly; how differently, how coolly and logically we stand towards our thoughts than towards external life! We accept one because we can grasp it, I would say in spirit, in our mental image; we reject the other; but that intense life that we have in human responsibility, we do not experience inwardly in merely logical, merely scientific thinking.
[ 65 ] Die zweite Art der Übungen besteht nun darinnen, dass wir gewisse innere Verantwortlichkeit ausgießen über das Denken, das Vorstellungsleben selbst, dass wir dahin kommen, dass wir nicht nur sagen, diese Meinung ist gültig, diese Meinung ist richtig gefasst, die kann ich bejahen und so weiter, sondern dass wir eine Vorstellung nur hegen in einem ebensolchen Pflichtbewusstsein, wie wir es an uns tun an Vorstellungen, wie wir es unterlassen bei der einen oder anderen Handlung, es nicht tun; Moralität, aber ganz anders geartete Moralität noch, als sich über das äußere Leben ausgießt, gießt sich über unsere Vorstellungen aus. Innere Verantwortlichkeit über das ganze Vorstellungsleben ausgegossen, gibt Auffassungen, sodass wir gewissen Erlebnissen gegenüberstehen so, dass wir gewisse Vorstellungen uns gestatten, andere Vorstellungen ablehnen; in dem einen Falle sie annehmen, im andern Falle durch berechtigte, nüchterne Antipathie abstoßen. Durch Sympathie, Antipathie, Abstoßen, Ausstoßen, dadurch wird von einer anderen Seite her das innere Leben regsam. Das muss nun wiederum lange geübt werden. Es kann dadurch besonders wirksam unterstützt werden, ich will das beispielsweise anführen, dass wir uns angewöhnen, die Vorstellung möglichst vielseitig in unserer Seele anwesend sein zu lassen.
[ 65 ] The second type of exercise consists in pouring a certain inner responsibility over thinking, over the life of imagination itself, so that we come to the point where we do not merely say, this opinion is valid, this opinion is correctly formulated, I can affirm it, and so on, but that we only entertain a mental image with the same sense of duty that we apply to mental images, as we refrain from doing so in one action or another; morality, but a morality of a completely different nature than that which pours out over external life, pours out over our mental images. Inner responsibility poured out over the whole of our imaginative life gives rise to mental images, so that we face certain experiences in such a way that we allow ourselves certain mental images and reject others; in one case we accept them, in the other we reject them through justified, sober antipathy. Through sympathy, antipathy, repulsion, and rejection, inner life becomes animated from another side. This, in turn, must be practiced for a long time. It can be supported particularly effectively, for example, by getting into the habit of allowing mental images to be present in our souls in as many different ways as possible.
[ 66 ] Sehr verehrte Anwesende, im gewöhnlichen Leben ist der eine Monist, der andere Dualist, der dritte Materialist, der vierte Spiritualist und so weiter, und so weiter. Derjenige, der lernt, sich einzuleben in das Vorstellungsleben, dem werden diese Begriffe alle zu etwas ganz anderem, als sie sonst sind. Da lernt man erkennen, gerade durch das lebendige innere Erleben der Vorstellungswelt, da lernt man erkennen: Ja, es gibt Begriffe des Materialismus, man kann sie gebrauchen für ein bestimmtes Gebiet, für eine bestimmte Sphäre der Welt — da müssen sie sogar vorhanden sein, denn man lebt sich fruchtbar nur ein in eine gewisse Sphäre der Welt, wenn man den Materialismus in all seinen Seiten begriffen hat —, für eine andere Sphäre der Welt braucht man die spiritualistischen Begriffe, für eine dritte die materialistischen, für eine vierte die idealistischen Begriffe und so weiter. Monistische, dualistische Begriffe — es wird uns das Vorstellungsleben reich und vielseitig machen, und wir wissen, dass solche Vorstellungen nichts anderes bedeuten als die verschiedenen fotografischen Aufnahmen eines Baumes von verschiedenen Seiten. Und man lernt sich hineinleben in ein inneres Element, in eine innere Toleranz, was wiederum ein Ausgießen des Moralischen über das innere Leben ist, so wie derjenige, der ein Bild bekommt von einem Baume, das er genau angesehen hat, niemals sagen kann, wenn ihm ein Bild von der anderen Seite aufgenommen gezeigt wird, das ganz anders aussieht: das ist ja nicht derselbe Baum. Wie wir eben vier Bilder oder meinetwillen acht Bilder haben können, um die Wirklichkeit zu verstehen, vier oder acht Bilder, die ein oder dasselbe Wesen des Baumes zeigen können, so lernen wir, jegliche Art von Vorstellungen, die einzeln nur eine einseitige Aufnahme einer Realität sind, jegliche Art von Vorstellungen, die uns vorliegen, zu betrachten und zu lernen, uns liebevoll hineinzufinden in verschiedenen Vorstellungsarten, liebevoll uns hineinzuvertiefen in diese Vielseitigkeit.
[ 66 ] Dear attendees, in ordinary life, one person is a monist, another a dualist, a third a materialist, a fourth a spiritualist, and so on and so forth. Those who learn to live in the world of imagination will find that these concepts become something completely different from what they otherwise are. Through the living inner experience of the world of imagination, one learns to recognize that yes, there are concepts of materialism, they can be used for a certain area, for a certain sphere of the world — they must even be present there, because one can only live fruitfully in a certain sphere of the world if one has understood materialism in all its aspects — for another sphere of the world one needs spiritualistic concepts, for a third one materialistic concepts, for a fourth idealistic concepts, and so on. Monistic, dualistic concepts — these will make our mental images rich and varied, and we know that such ideas mean nothing other than different photographic images of a tree from different sides. And one learns to live in an inner element, in an inner tolerance, which in turn is an outpouring of morality over inner life, just as someone who gets a picture of a tree that he has looked at closely can never say, when shown a picture taken from the other side that looks completely different, that it is the same tree. Just as we can have four pictures, or eight pictures for that matter, to understand reality, four or eight pictures that can show one and the same essence of the tree, so we learn to look at all kinds of mental images that are only a one-sided perception of reality, all kinds of mental images that are available to us, and to learn to lovingly immerse ourselves in different kinds of mental images, lovingly immersing ourselves in this diversity.
[ 67 ] Das unterschätzt man im Wesentlichen für die Seite der Übungen, die man nun auch zu machen hat. Das ist etwas, was heute noch sehr wenig verstanden wird, was sogar von den Besten noch wenig verstanden wird, aber was dahin führt, dass der Wille in einer ähnlichen Weise weiter ausgebildet, weiter in Acht genommen wird [wie] die früher beschriebene Art des Vorstellungslebens. Und wir erleben es dann, dass dieser Wille sich frei macht von seinem Verbundensein mit der Körperlichkeit. Wir werden durch das Nachahmen des Experimentes, wie sich der Wasserstoff vom Wasser löst, sagen können: So lösen wir durch ein energisches In-Anspruch-Nehmen dieser verschiedenen beschriebenen Übungen rein den Willen los, machen ihn frei, und immer freier und freier, immer geistiger und geistiger. Dadurch erwecken wir in uns einen wirklichen höheren Menschen, nicht bloß ein Idealbild, nicht bloß ein wirklich Gedachtes, sondern wir machen die Entdeckung — die heute noch eine Paradoxie für die meisten Menschen ist, aber für die Geisteswissenschaft eine Wirklichkeit, eine Realität ist —, dass in uns ein zweiter, feinerer Mensch, ein Mensch lebt mit einem ganz anderen Bewusstsein, als in unserem gewöhnlichen Bewusstsein ist. Und dieses Bewusstsein, das auf diese Weise erwachen kann, zeigt uns, dass es ein viel realerer Mensch ist als wir, die wir im physischen Leibe hier leben und [physisch] herumgehen. Dieser Mensch in uns, der kann sich bedienen des Geistesauges, wie ich es früher genannt habe, im ätherischen Leibe, wie ich es beschrieben habe.
[ 67 ] This is essentially underestimated in terms of the exercises that one now has to do. This is something that is still very little understood today, even by the best, but which leads to the will being further developed and taken into account in a similar way [as] the type of imaginative life described earlier. And we then experience this will freeing itself from its connection with physicality. By imitating the experiment of how hydrogen is separated from water, we will be able to say: in this way, through an energetic application of the various exercises described, we purely separate the will, set it free, and make it ever freer and freer, ever more spiritual and spiritual. In this way, we awaken within ourselves a truly higher human being, not merely an ideal image, not merely a thought, but we make the discovery — which is still a paradox for most people today, but for Spiritual Science is a reality — that within us lives a second, finer human being, a human being with a consciousness quite different from our ordinary consciousness. And this consciousness, which can awaken in this way, shows us that it is a much more real human being than we who live here in our physical bodies and walk around [physically]. This human being within us can make use of the spiritual eye, as I called it earlier, in the etheric body, as I described it.
[ 68 ] Auch die Annahme eines solchen anderen Bewusstseins, eines anderen, weiteren, umfassenderen Menschen — der mit der Natur und ihrer Wesenheit und mit der Wesenheit der geistigen Welt in viel intimerer Beziehung steht als unser gewöhnliches Bewusstsein —, die Annahme eines solchen Menschen wiederum ist instinktiverweise vorausgeschen von tiefer gehenden Forschern des neunzehnten Jahrhunderts. Aber in der Geisteswissenschaft wird auch da dasjenige, um was es sich da handelt, zur Tatsache werden. Ich möchte nur darauf verweisen, wie in dieser Richtung gestrebt worden ist durch die Philosophie — die ich in ihren Einzelheiten durchaus nicht vertreten will —, durch die Philosophie Eduard von Hartmanns.
[ 68 ] The assumption of such a different consciousness, of a different, broader, more comprehensive human being — who has a much more intimate relationship with nature and its essence and with the essence of the spiritual world than our ordinary consciousness — the assumption of such a human being was, in turn, instinctively anticipated by deeper researchers of the nineteenth century. But in Spiritual Science, what is at stake here also becomes a fact. I would just like to point out how philosophy — which I do not wish to defend in its details — has strived in this direction, through the philosophy of Eduard von Hartmann.
[ 69 ] Hartmann hat hingewiesen [wieder und wieder] in seinem vielfach angreifbaren Werke — später hat er vielfach verbreitet die «Philosophie des Unbewussten», in der er hindeutet darauf, dass wirklich hinter dem gewöhnlichen Bewusstsein ein unbekanntes Seelisches im Menschen steckt, das, wie sich Eduard von Hartmann ausdrückt, in einer gewissen Weise schmerzvoll äußert [Lücke im Stenogramm] —, das in einer Art unterirdischem «Telefonanschluss» mit dem unbewussten Geistigen der Außenwelt steht, und das hinaufwirken kann und wirklich hinaufwirkt, im Astralischen als Strom sich ergießt aus dem Unbewussten oder Unterbewussten in das gewöhnliche Tagesbewusstsein herauf.
[ 69 ] Hartmann pointed out [again and again] in his much-criticized work — later he widely disseminated the “philosophy of the unconscious,” in which he suggests that behind ordinary consciousness there really is an unknown spiritual element in human beings which, as Eduard von Hartmann puts it, expresses itself in a certain painful way [gap in the stenogram] — which is connected to the unconscious spirit of the outside world in a kind of underground “telephone connection” and which can and does work upwards, pouring out of the unconscious or subconscious into ordinary everyday consciousness as a stream in the astral realm.
[ 70 ] Nun hat Eduard von Hartmann damit wirklich auf das schon instinktiv hingewiesen, was durch Geisteswissenschaft wiederum eine Tatsache werden soll. Nur hat Eduard von Hartmann eben geglaubt, dass man dieses andere Bewusstsein des Menschen nur durch theoretische Hypothesen, durch zergliedernde Begriffe und Schlussfolgerungen erreichen könne. Das war sein Mangel, weil er niemals den Weg machen wollte, der schicksalsmäßig der Eigentümlichkeit seiner Zeit angemessen ist: das innere Seelenleben nicht bloß theoretisch zu gestalten, sondern es lebensvoll in [Zucht] zu nehmen nach diesen zwei Seiten hin, die charakterisiert worden sind. Dennoch aber hat sich gerade daran gezeigt, wie die Annahme eines solchen Geistigen in allem mehr ist für das Menschenrätsel — auch philosophisch schon mehr ist, wenn sie nur philosophisch bleibt —, mehr ist für das wirkliche Menschenrätsel als dasjenige, was die weitere Forschung auf den früher beschriebenen Wegen erreichen kann. Und das ist wiederum durch die Tatsache im strengsten Sinne des Wortes zu beweisen.
[ 70 ] With this, Eduard von Hartmann has really pointed to what Spiritual Science is supposed to make a fact. However, Eduard von Hartmann believed that this other consciousness of human beings could only be reached through theoretical hypotheses, through dissecting concepts and conclusions. That was his shortcoming, because he never wanted to take the path that was fated to be appropriate to the peculiarity of his time: not merely to shape inner soul life theoretically, but to take it in hand in a lively way according to these two aspects that have been characterized. Nevertheless, this has shown how the assumption of such a spiritual element is more important for the mystery of humanity — even philosophically, if it remains purely philosophical — than what further research can achieve along the paths described earlier. And this, in turn, can be proven in the strictest sense of the word.
[ 71 ] Und eine merkwürdige Gestalt ist gerade auf diesem Gebiete Eduard von Hartmann. Eduard von Hartmann hat [1869] seine «Philosophie des Unbewussten» erscheinen lassen, darinnen hat er nun besprochen, wie das Geistige, das in der Seele, unterseelisch gewissermaßen in der geistigen Seele lebt, auch draußen in der Natur lebt, und wie der Materialist heute dafür nur eine einseitige Vorstellung habe, die man sich vorzustellen hat, dass im Ausgangspunkte der Entwicklung nicht ein /Lücke), sondern wie ein Geistiges, das in der Seele lebt, wirklich auch die Natur durchgießt und durchströmt.
[ 71 ] And Eduard von Hartmann is a remarkable figure in this field. Eduard von Hartmann published his “Philosophy of the Unconscious” in [1869], in which he discussed how the spiritual, which lives in the soul, sub-soul, so to speak, in the spiritual soul, also lives outside in nature, and how materialists today have only a one-sided mental image of this, which one must imagine as not a gap at the starting point of development, but rather as something spiritual that lives in the soul and truly permeates and flows through nature.
[ 72 ] Da kamen denn die Naturforscher — [1869] war es, als die «Philosophie des Unbewussten» zuerst erschien, es war die Zeit, in der die Hoffnungen am meisten vorhanden waren, durch dasjenige, was der neue Darwinismus gebracht hat, durch all dasjenige, was man geglaubt hat, erkennen zu können durch die Gesetze der «Zuchtwahl», des «Kampfes ums Dasein», durch das eine neue Weltanschauung zu gewinnen —, Hartmann wendete sich gegen all das, was von diesen materialistischen Anschauungen ausging in der energischsten Weise von einem geistigen Standpunkte aus. Und siehe da, in begreiflicher Weise, die Naturforscher, die dazumal ganz voll Anteilnahme waren für eine materialistische Auffassung des Darwinismus, diese Naturforscher, die sahen sich dasjenige an, was Hartmann geboten hat, und sie sagten: Nun ja, so kann eben ein Philosoph sprechen, ein Mensch, der nicht zu Hause ist in der wirklichen Naturforschung, der nicht weiß, mit welcher Gewissenhaftigkeit die Naturforschung arbeitet! Und viele Schriften, gegnerische Schriften erschienen gegen die Hartmann’sche «Philosophie des Unbewussten» von diesem oder jenem Naturforscher; überall der gleiche Grundton: Da spricht eben ein Dilettant, man braucht nicht weiter hinzuhören. Man muss nur die Laien, die auf so etwas immer hereinfallen, abhalten, für die muss man solche Schriften schreiben.
[ 72 ] Then came the natural scientists — it was [1869] when the “Philosophy of the Unconscious” first appeared, it was a time when hopes were at their highest, thanks to what the new Darwinism had brought, thanks to everything that people believed they could recognize through the laws of “selective breeding” and the “struggle for existence,” through which a new worldview could be gained — Hartmann turned against everything that emanated from these materialistic views in the most energetic way from a spiritual standpoint. And lo and behold, understandably, the natural scientists, who at that time were completely sympathetic to a materialistic view of Darwinism, these natural scientists, who looked at what Hartmann had to offer, said: Well, that's how a philosopher might speak, someone who isn't at home in real natural science, who doesn't know how conscientiously natural science works! And many writings, opposing writings, appeared against Hartmann's “Philosophy of the Unconscious” from this or that natural scientist; everywhere the same basic tone: That's just a dilettante speaking, there's no need to listen any further. One must only dissuade the laymen who always fall for such things; it is for them that one must write such writings.
[ 73 ] Unter den vielen Schriften, die da erschienen, erschien auch eine von einem Anonymus, der sich damals noch nicht nannte. Glänzend war alles vom Anfang bis zum Ende darin widerlegt; gezeigt wurde, wie der nichts versteht, nach der notwendigen Anschauung eines Naturforschers, von dem, was in der Naturforschung wirkt und lebt auf dem Wege zum Welträtsel hin! Die Naturforscher waren geradezu begeistert und völlig einverstanden mit dem, was dieser Anonymus geschrieben hat. Und bald wurde eine zweite Auflage notwendig dieses geistvollen naturforscherischen Werkes. Oscar Schmidt und Ernst Haeckel selber lobten es und sagten: Es ist schade, dass sich dieser Kollege, dieser bedeutende Naturdenker nicht nennt. Er nenne sich, und wir betrachten ihn als einen der Unseren. Ja, Ernst Haeckel sagte: Ich selbst hätte nichts Besseres sagen können als das, was dieser Anonymus sagt vom Standpunkt des Naturforschers gegen diesen Eduard von Hartmann.
[ 73 ] Among the many writings that appeared, there was also one by an anonymous author who did not yet reveal his name at that time. Everything in it was brilliantly refuted from beginning to end; it showed how he understands nothing, according to the necessary view of a natural scientist, of what works and lives in natural science on the way to the mystery of the world! The natural scientists were downright enthusiastic and in complete agreement with what this anonymous author had written. And soon a second edition of this witty natural science work became necessary. Oscar Schmidt and Ernst Haeckel themselves praised it and said: It is a pity that this colleague, this important natural thinker, does not name himself. Let him name himself, and we will consider him one of our own. Yes, Ernst Haeckel said: I myself could not have said anything better than what this anonymous author says from the standpoint of the natural scientist against Eduard von Hartmann.
[ 74 ] Und siehe da, bald kam es so weit, dass eine zweite Auflage notwendig gemacht wurde, so wie es das Kollegium der Naturforscher als wünschenswert dargestellt hatte. In dieser zweiten Auflage nannte sich nun der Verfasser. Das war einmal eine Lektion — es war Eduard von Hartmann selber, der diese Schrift geschrieben hatte —, es war einmal eine Lektion, die glänzender nicht gebracht werden konnte für diejenigen, die immer wieder und wiederum glauben, dass der, der nicht in ihre Töne einschlägt, durchaus nichts verstehen müsse von dem Nerv ihrer Gelehrsamkeit. Es ist eine Lektion, die noch bis heute wirken sollte, auch für viele, die noch in einer ähnlichen Gesinnung Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gegenüberstehen in Bezug auf dasjenige, was oftmals als gegnerisch gegen diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft vorgebracht wird.
[ 74 ] And lo and behold, it soon became necessary to publish a second edition, as the college of natural scientists had suggested would be desirable. In this second edition, the author revealed his name. That was a lesson — it was Eduard von Hartmann himself who had written this work — it was a lesson that could not have been better taught to those who believe again and again that anyone who does not agree with them must have no understanding of the essence of their scholarship. It is a lesson that should still be effective today, even for many who still approach Spiritual Science or anthroposophy with a similar attitude in relation to what is often presented as opposition to anthroposophy or Spiritual Science.
[ 75 ] Das, was gegen Anthroposophie vorgebracht werden kann, das, sehr verehrte Anwesende, weiß der Geistesforscher oder Anthroposoph ebenso gut, möge es noch so geistreich vorgebracht sein, was an Gegnerischem vorgebracht wird, er weiß es schon selber ebenso gut vorzubringen, wie Eduard von Hartmann dazumal dasjenige vorgebracht hat — was die Naturforscher vorzüglich fanden —, selber vorzubringen wusste dazumal. Solche Lektionen werden allerdings sehr bald vergessen, und die alten Unsitten kehren wieder. Aber hinweisen kann man darauf und sollte daraus lernen. Und nicht nur bei Eduard von Hartmann, sondern auch bei anderen, ist das Bewusstsein aufgetreten, instinktiv aufgetreten, dass ein anderes Bewusstsein in den Tiefen der Menschenseele wirkt.
[ 75 ] What can be put forward against anthroposophy, dear attendees, is known just as well by the spiritual researcher or anthroposophist, no matter how wittily it may be put forward, he knows how to put it forward just as well as Eduard von Hartmann did at the time — what natural scientists found excellent — knew how to put it forward at the time. Such lessons are, however, very soon forgotten, and the old bad habits return. But one can point this out and should learn from it. And not only in Eduard von Hartmann, but also in others, the awareness has arisen, instinctively arisen, that another consciousness is at work in the depths of the human soul.
[ 76 ] Ich erinnere nur, um das kurz anzudeuten, an Myers, den englischen Forscher, den Herausgeber der psychischen Untersuchungen, die in vielen Bänden erschienen sind, die überall und immer darauf hinarbeiten, dass neben den äußeren Erfahrungen ein solches Verborgenes in der Menschenseele vorhanden ist — was James, der Amerikaner, nennt als das Jahr [1886], das Jahr, der [Entdeckung] einer der wichtigsten Tatsachen, nämlich der Tatsache [Lücke]
[ 76 ] I recall, just to mention it briefly, Myers, the English researcher, the editor of the psychic investigations that have appeared in many volumes, which everywhere and always work toward the conclusion that, in addition to external experiences, there is something hidden in the human soul — what James, the American, calls the year [1886], the year of the [discovery] of one of the most important facts, namely the fact [gap]
[ 77 ] Heute weiß ein Forscher in der Regel sehr wenig von dem allen; er weiß nichts von Eduard von Hartmanns Auseinandersetzungen, er weiß nichts von James, der das Jahr 1886, das Jahr, in dem Myers entdeckt hat das Unterbewusstsein, dasjenige, das Geistig-Seelisches erhalten ist und mit dem Geistig-Seelischen der Welt zusammenhängt und aus dem heraufstrebt in das gewöhnliche Bewusstsein, dasjenige, was dieses gewöhnliche Bewusstsein erweckt, erwachen macht, das wie aus dem Alltagsbewusstsein, aus dem Traum erwacht, das das gewöhnliche Bewusstsein zum schauenden Bewusstsein macht in der Weise, wie ich es beschrieben habe. Aber das alles ist in einer verworrenen, in einer nicht reifen Weise bei Myers wie bei James vorhanden. Man möchte sagen, wie eine Hoffnung, oder wie eine Sehnsucht nur vorhanden; durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie wird es erst eine Tatsache.
[ 77 ] Today, a researcher generally knows very little about all this; he knows nothing of Eduard von Hartmann's debates, he knows nothing of James, who in 1886, the year in which Myers discovered the subconscious, that which is preserved in the spiritual-soul and is connected with the spiritual-soul of the world and from which rises into ordinary consciousness, that which awakens this ordinary consciousness, which awakens as if from everyday consciousness, from dreams, which transforms ordinary consciousness into seeing consciousness in the way I have described. But all this is present in a confused, immature way in Myers, as in James. One might say that it is present only as a hope or a longing; it only becomes a fact through Spiritual Science or anthroposophy.
[ 78 ] Und so treten von zwei Seiten her, sehr verehrte Anwesende, so paradox das heute noch erscheinen mag, so tritt von zwei Seiten her die Entwicklung der inneren Seelenkräfte auf, und ich kann jetzt nur andeuten, wozu dasjenige, was ich in den Anfängen geschildert habe, wenn es später ausgebildet ist, systematisch ausgebildet ist, zuletzt dahin führt, dass der Mensch, wenn er immer mehr und mehr lernt, das geistige Auge im Ätherleib durch den anderen Menschen, der in ihm lebt, zu benützen, wenn er gewissermaßen diese Welt der inneren Vorgänge in sich selber entdeckt, und ihnen zuzuhören vermag, so gelangt er dazu, nun auch nicht nur den Raum, sondern die Zeit in seinen Anschauungen zu überwinden, auch die Zeit anders anzuschauen. Und wie gesagt, so paradox es heute erscheinen mag noch, der Mensch wird imstande sein, nicht nur erinnerungsgemäß sich zurückzuversetzen in der Zeitenreihe, sondern er gelangt dazu, sich wirklich in früheren Zeitpunkten zu erfassen in seiner Realität, zurückzugehen in der Zeit, und auch zurückzugehen soweit in der Zeit, dass er vor den Zeitpunkt [kommt], an den wir uns erinnern innerlich. Sie wissen alle, wir erinnern uns nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte in der Kindheit, bis zu dem können wir zurückdenken. Was wir vorher, in den ersten Jahren der Kindheit erlebt haben, daran müssen wir von außen erinnert werden. Aber über diesen Zeitpunkt hinaus, den ich eben angedeutet habe, bis in die Zeit hinein, wo wir als Mensch in der früheren Kindheit unsere Kräfte noch nicht voll erkennen, nicht voll anschauen wollen, bis zu diesem Zeitpunkt zurück können wir uns versetzen, bis zu einem Zeitpunkt, wo wir noch in das Wachstum hinein, in das lebendige Wachstum hinein fließen lassen haben die Kräfte, die wir dann für das gewöhnliche Bewusstsein brauchen.
[ 78 ] And so, dear friends, as paradoxical as it may still seem today, the development of the inner soul forces arises from two sides, and I can now only hint at what the development I described at the beginning, when it is later developed, systematically developed, will ultimately lead to the human being, as he learns more and more to use the spiritual eye in the etheric body through the other human being who lives within him, as he discovers, so to speak, this world of inner processes within himself and is able to listen to them, will then be able to overcome not only space but also time in his perceptions, and to see time differently. And as I said, as paradoxical as it may seem today, human beings will be able not only to transport themselves back in time through their memories, but they will also be able to truly grasp themselves in their reality at earlier points in time, to go back in time, and also to go back so far in time that they arrive at the point in time that we remember internally. You all know that we can only remember up to a certain point in childhood; that is as far back as we can think. We have to be reminded by others of what we experienced before that, in the early years of childhood. But beyond this point in time that I have just indicated, back to the time when we as human beings in early childhood do not yet fully recognize our powers, do not want to look at them fully, we can transport ourselves back to this point in time, to a point in time when we still allowed the powers that we then need for ordinary consciousness to flow into growth, into living growth.
[ 79 ] Das heißt, wir lernen nicht mit dem Ich anschauen, das im gegenwärtigen Zeitpunkt in uns ist, wir lernen anschauen mit dem Ich unserer allerersten Kindheit, mit jenem Ich, das das geistige Teil aus der geistigen Welt hereingetragen hat und sich verbunden hat mit dem, was wir an physischen Kräften und Stoffen von Vater, Mutter und von den Vorfahren ererbt haben. Zu unserem geistigen Menschen kehren wir zurück. Und so, wie wir vom gegenwärtigen Ausgangspunkte aus durchschauen mit dem erwachten Bewusstsein das Sinnliche, und in das Geistige hineinschauen, eine geistige Welt vor uns haben, so liegt vor uns, indem wir uns zurückversetzt haben, indem wir in der Zeit wirklich zurückgegangen sind, so liegt vor uns das Leben qualitativ — nicht mit den einzelnen Details —, aber qualitativ, das Leben, das im Körper, in der Leiblichkeit bewegt wird, und das der Tod abschließt. Und wie die äußere physische Wahrnehmung uns abgrenzt von der äußeren geistigen Wirklichkeit im gewöhnlichen Bewusstsein, so grenzt uns jetzt ab — wir wissen es — für das gewöhnliche Bewusstsein das leibliche Erleben von dem, was jenseits des Tores des Todes liegt. Denn in dem Augenblicke, wo wir angelangt sind in dem Zeitpunkte, wo wir vor dem Momente stehen, bis zu dem wir uns zurückerinnern, da sehen wir das Leben begrenzt auf der anderen Seite vom Tode, und sehen dasjenige, was der Tod aus uns macht. Das Jenseits des Todes zeigt sich mit dem Jenseits der Geburt zusammen, getrennt nur durch das leibliche Leben. Der geistige Mensch, das Ewige in uns wird erlebt, indem das physische Leben wie ein Fluss da steht: das eine Ufer ist die Geburt, das andere Ufer ist der Tod. Der Tod aber mit seinem Jenseits zeigt sich mit dem, was vor der Geburt ist, zusammen.
[ 79 ] This means that we do not learn to see with the ego that is within us at the present moment; we learn to see with the ego of our earliest childhood, with the ego that brought the spiritual part from the spiritual world and connected itself with the physical powers and substances we inherited from our father, mother, and ancestors. We return to our spiritual human being. And just as we see through the sensory world with our awakened consciousness from our present starting point and look into the spiritual world, which lies before us, so too, when we have transported ourselves back, when we have truly gone back in time, life lies before us qualitatively — not in its individual details — but qualitatively, the life that is moved in the body, in physicality, and that death concludes. And just as external physical perception separates us from external spiritual reality in ordinary consciousness, so now — we know — for ordinary consciousness, physical experience separates us from what lies beyond the gate of death. For at the moment when we have arrived at the point in time when we stand before the moment to which we can remember, we see life limited on the other side of death, and we see what death makes of us. The beyond of death reveals itself together with the beyond of birth, separated only by physical life. The spiritual human being, the eternal within us, is experienced as physical life stands there like a river: one bank is birth, the other bank is death. But death, with its beyond, reveals itself together with what is before birth.
[ 80 ] Und ebenso sehen wir in uns reifen dasjenige, was aus diesem Leben zu einem anderen Erdenleben hinüberführt. Denn sind wir durch die Pforte des Todes gegangen, so zeigt sich, wenn wir erkennen das, was in uns lebt, wie wir sagen können, in der Pflanze lebt und, nachdem es durch die finstere Kälte durchgegangen ist, eine andere Pflanze ist. So lernen wir erkennen das Geistig-Seelische, das in diesem Leben in uns ist, und das dann, wenn es durch die geistige Welt zwischen Tod und Geburt hindurchgegangen [sein wird, in einem neuen Erdenleben wieder erscheinen muss]. Alles das wird anschaulich, wenn sich die Seelenkräfte so entwickeln, wie es geschildert worden ist. Und wir lernen, [uns] zu durchschauen, wie wir [uns] durch die offenen Augen, offenen Ohren in eine physische Welt einleben, so leben wir uns in eine geistige Welt ein, leben uns wirklich konkret in eine geistige Welt hinein, die dann um uns herum ist. Wir sind mit geistigen Wesenheiten, mit geistigen Kräften zusammen.
[ 80 ] And in the same way, we see within ourselves the maturation of that which carries us from this life to another earthly life. For when we have passed through the gate of death, we recognize what lives within us, as we might say, lives in the plant, and after passing through the dark cold, is another plant. In this way we learn to recognize the spiritual-soul element that is within us in this life and that, when it has passed through the spiritual world between death and birth, must reappear in a new earthly life. All this becomes clear when the soul forces develop as described. And we learn to see through ourselves, just as we settle into the physical world through our open eyes and ears, so we settle into the spiritual world, truly and concretely living into a spiritual world that is then around us. We are together with spiritual beings, with spiritual forces.
[ 81 ] Und ebenso, wie wir hier unser Leben als Ausdruck kennenlernen durch geistige Anschauung, wie wir unseren Leib als den Ausdruck kennenlernen unserer geistigen Wesenheit, die in uns eintritt bei der Geburt, oder sagen wir bei der Empfängnis, so lernen wir kennen unser physisches Erdenleben, unsere physische Erde als einen weiteren Zustand von etwas, was im Planeten-Dasein vorangegangen ist, wir lernen kennen unsere Erde als eine Metamorphose, als die Umwandlung eines früheren Planeten, in dem wir waren als Mensch, auf einer Stufe aber noch nicht mit einem heutigen physischen Leib, sondern auf geistige Art, und die heutige Natur auch auf geistige Art. Die Tiere sind heruntergestiegen in der Entwicklung, der Mensch ist fortgeschritten. Sodass wir finden den Punkt, worinnen sich Menschheit und Tierheit berühren, nicht im Physischen, sondern im Geistigen. Der Mensch hat diejenige Entwicklung auf der Erde durchgemacht von einem früheren Planeten her, der sich in die Erde umgewandelt hat, gerade so, wie sich die Erde in eine nächste Stufe umwandeln wird, und der Mensch hat die Entwicklung durchgemacht, die ihn befähigt, ein Ich aufzunehmen, das heute noch schläft in ihm, das aber auch im Laufe der weiteren Entwicklung immer mehr und mehr aufwachen wird. Die ganze Welt wird durchgeistigt.
[ 81 ] And just as we come to know our life here as an expression through spiritual contemplation, just as we come to know our body as the expression of our spiritual being that enters us at birth, or let us say at conception, so we come to know our physical life on earth, our physical earth, as a further state of something that preceded it in planetary existence. we come to know our earth as a metamorphosis, as the transformation of an earlier planet in which we were as human beings, but not yet with a physical body as we have today, but in a spiritual way, and today's nature also in a spiritual way. Animals have descended in their development, while humans have advanced. So we find the point where humanity and animality meet, not in the physical, but in the spiritual. Human beings have undergone this development on Earth from an earlier planet that transformed into Earth, just as Earth will transform into the next stage, and human beings have undergone the development that enables them to take on an ego that still sleeps within them today, but which will also awaken more and more in the course of further development. The whole world will be spiritualized.
[ 82 ] Und so, wie wir uns mit einem verwaschenen Pantheismus in der gewöhnlichen äußeren Wirklichkeit nicht begnügen können, wenn von Natur hier gesprochen wird, sondern davon sprechen, dass wir lernen von Stufe zu Stufe Ansteigendes, wie wir das irdische Wesen schauen physisch, so treten wir auch nicht mit einem verwaschenen Pantheismus in eine geistige Welt ein, sondern als ein konkreter, einzelner wirklicher Mensch, als einzelne Wesenheit. Dies zu sagen wird einem heute am wenigsten noch verziehen. Dennoch ist es so, dass eine wirkliche, konkrete geistige Welt sich aufschließt, jene geistige Welt, der wir angehören mit unserem geistigen Menschen, wie wir mit unserem physischen Menschen angehören der äußeren physischen Wirklichkeit.
[ 82 ] And just as we cannot be satisfied with a vague pantheism in ordinary external reality when we speak of nature here, but speak of learning from stage to stage, as we see the earthly being physically, we do not enter a spiritual world with a vague pantheism, but as a concrete, individual, real human being, as an individual entity. To say this is the least forgivable thing today. Nevertheless, it is true that a real, concrete spiritual world opens up, that spiritual world to which we belong with our spiritual human being, just as we belong with our physical human being to external physical reality.
[ 83 ] Und so wird Geisteswissenschaft oder Anthroposophie hinzufügen, dadurch, dass sie inneres Leben methodisch erweckt, die Geisteserkenntnis zu der äußeren Naturerkenntnis hinzufügt, anderes Anschauen der Welt herbeiführen, anderes Anschauen gegenüber dem, was uns für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. In dieser Beziehung muss Geisteswissenschaft sich allerdings nach und nach erst hineinleben in die Herzen der Menschen, die sie eigentlich ersehnen, von der sie aber heute zum größten Teil noch nicht wissen, dass in ihren dunklen Gefühlen die Sehnsucht lebt nach dieser Geisteswissenschaft. Aber sie lebt, und sie wird immer mehr und mehr erkannt werden, diese Sehnsucht, als wirklich vor handen.
[ 83 ] And so Spiritual Science or anthroposophy, by methodically awakening inner life, adds spiritual knowledge to the knowledge of external nature, bringing about a different view of the world, a different view of what surrounds us in ordinary consciousness. In this respect, Spiritual Science must gradually find its way into the hearts of people who actually long for it, but who for the most part do not yet know that this longing for Spiritual Science lives in their dark feelings. But it lives, and this longing will be recognized more and more as truly existing.
[ 84 ] Es ist merkwürdig, wie die Einzelheiten dieses Erlebens, das ich beschrieben habe, in unserer Zeit und in der Zeit, die unmittelbar vorangegangen ist, noch nicht erfasst werden konnten, auch von den hervorragendsten Geistern. Ich musste Ihnen den großen Philosophen anführen, Eduard von Hartmann, der schon geahnt, aber nur theoretisch erreichen wollte ein anderes Bewusstsein im Menschen, der sich aber durchaus nicht hineinfinden konnte darein, dass man diesen Weg zum Geistigen nicht durch Theorien, nicht durch Hypothesen finden soll, sondern durch Erleben, dadurch, dass man Gedanken, die man so bearbeitet, wie man Gedanken bearbeiten lernt, gleichsam als Boten hinauszuschicken in eine unbekannte Welt, aus der sie einem wieder zurückkommen als Erlebnis, die einen in die geistigen Welten führen, wie beschrieben. Aber es muss nur dadurch erlebt werden, dass man sich unterstützen lässt von einem wirklichen Sein der Begriffs- und Vorstellungswelt.
[ 84 ] It is remarkable how the details of this experience that I have described could not yet be grasped in our time and in the time immediately preceding it, even by the most outstanding minds. I had to cite the great philosopher Eduard von Hartmann, who already sensed, but only wanted to achieve theoretically, a different consciousness in human beings, but who could not quite accept that this path to the spiritual should not be found through theories or hypotheses, but through experience, by sending out thoughts, which one processes in the way one learns to process thoughts, as messengers, as it were, into an unknown world, from which they return to one as experiences that lead one into the spiritual worlds, as described. But it must only be experienced by allowing oneself to be supported by a real being of the world of concepts and ideas.
[ 85 ] Verzeihen Sie, dass ich an diesem Punkte an ein Persönliches wiederum anknüpfe; aber dieses Persönliche hängt mit der ganzen Sache zusammen. Ich tue es ungern, aber Sie werden sehen, warum ich es bemerke.
[ 85 ] Forgive me for returning to a personal matter at this point, but this personal matter is connected with the whole issue. I do so reluctantly, but you will see why I mention it.
[ 86 ] Ich versuchte 1894 in meiner «Philosophie der Freiheit» gerade einen solchen philosophischen Standpunkt als Vorbereitung für die Geisteswissenschaft der Welt zu bringen, wo die einzelnen menschlichen Standpunkte, die zuweilen mit so sonderbaren philosophischen Namen bezeichnet werden, wo die aufgefasst werden nun nicht so, dass man sich stark zu dem einen oder anderen bekennt, sondern dass man, gewissermaßen wie eine Fotografie von verschiedenen Seiten her, eines und desselben Gegenstandes, diese Begriffe selber aussprechen lässt, dass man vielseitig [eingestimmt] wird. Diese meine «Philosophie der Freiheit» hat Eduard von Hartmann [1894] wohl studiert, und er schickte mir sein Exemplar, in das er seine Eintragungen gemacht hat.
[ 86 ] In 1894, in my “Philosophy of Freedom,” I attempted to introduce just such a philosophical standpoint as a preparation for the Spiritual Science of the world, where the individual human standpoints, which are sometimes designated with such strange philosophical names, are not understood in such a way that one professes strongly to one or the other, but rather that, in a manner of speaking, like a photograph of the same object from different angles, these concepts themselves are allowed to speak, so that one becomes attuned to many different perspectives. Eduard von Hartmann [1894] studied my Philosophy of Freedom thoroughly and sent me his copy, in which he had made his own notes.
[ 87 ] Ich möchte aus [seinem] Briefe, den er mir dazu geschrieben hat, eine Stelle vorlesen, in der allerdings mit den sonderbaren philosophischen Ausdrücken, [die Sache entwickelt wird], aber ohne, dass ich — die Zeit ist zu kurz und ich muss dann schließen —, ohne dass ich die einzelnen philosophischen Ausdrücke erklären werde, ist doch dasjenige, was Eduard von Hartmann meint, verständlich. Erstens sagt er zum Beispiel: «Der Titel sollte lauten: «Erkenntnistheoretischer Monismus und Individualismus». Nicht: «Philosophie der Freiheit», sondern: «Erkenntnistheoretischer Monismus und ethischer Individualismus». Also er ahnt instinktiv, dass da zwei Seiten ein und derselben Sache beleuchten sollen diese Sachen. Er meint aber, das könne man nicht zusammenbinden.
[ 87 ] I would like to read a passage from [his] letter to me on this subject, in which, admittedly, the matter is developed using strange philosophical expressions, but without my explaining the individual philosophical expressions—time is too short and I must conclude—what Eduard von Hartmann means is nevertheless understandable. First, for example, he says: "The title should be: ‘Epistemological Monism and Individualism’. Not ‘Philosophy of Freedom’, but ‘Epistemological Monism and Ethical Individualism’. So he instinctively senses that these things are meant to illuminate two sides of the same coin. But he thinks that they cannot be tied together.
[ 88 ] Im Leben der Seele gliedert es sich lebendig zusammen, nicht durch eine stroherne Theorie. Das war die Meinung. Und so auch andere Standpunkte. Deshalb sagt Eduard von Hartmann:
[ 88 ] In the life of the soul, it is vividly intertwined, not through a straw theory. That was the opinion. And so were other points of view. That is why Eduard von Hartmann says:
In diesem Buche ist weder Humes in sich absoluter Phänomena lismus mit dem auf Gott gestützten Phänomenalismus Berkeleys versöhnt, noch überhaupt dieser immanente oder subjektive Phänomenalismus mit dem transzendenten Panlogismus Hegels, noch auch der Hegel’sche Panlogismus mit dem Goethe’schen Individualismus. Zwischen je zweien dieser Bestandteile gähnt eine unüberbrückbare Kluft. Weil alle diese Standpunkte so lebendig dastehen, dass sie miteinander sprechen, dass sie ein und dieselbe Sache von verschiedenen Gesichtspunkten charakterisieren!
In this book, neither Hume's absolute phenomenalism is reconciled with Berkeley's God-based phenomenalism, nor is this immanent or subjective phenomenalism reconciled with Hegel's transcendent panlogism, nor is Hegel's panlogism reconciled with Goethe's individualism. There is an unbridgeable gap between each of these components. Because all these points of view are so vivid that they speak to each other, that they characterize one and the same thing from different perspectives!
[ 89 ] Hartmann ahnt das, er empfindet, er fühlt das, konstatiert es. Aber er sieht nicht, dass es sich nicht handelt um ein hypothetisches, theoretisches Zusammendenken, sondern um ein lebendiges Zusammen-Erleben. Deshalb sagt er weiter:
[ 89 ] Hartmann senses this, he feels it, he states it. But he does not see that this is not a hypothetical, theoretical synthesis of thought, but a living shared experience. That is why he goes on to say:
Vor allem aber ist übersehen, dass der Phänomenalismus mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus
Above all, however, it is overlooked that phenomenalism inevitably leads to solipsism
[ 90 ] — also zur Eins-Lehre, zur Ich-Lehre —
[ 90 ] — that is, to the doctrine of the one, to the doctrine of the ego —
absolutem Illusionismus und Agnostizismus führt, und nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil die Gefahr gar nicht erkannt ist.
absolute illusionism and agnosticism, and nothing has been done to prevent this slide into the abyss of unphilosophy, because the danger is not even recognized.
[ 91 ] Diese Gefahr ist wohl erkannt! Und Eduard von Hartmann braucht wiederum instinktiv sehr richtig den Ausdruck «Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie». Ich habe ihn heute geschildert. Aber der «Rutsch in den Abgrund» wird nicht durch «Unphilosophie», aber auch nicht durch eine Philosophie-sein-wollende-Hypothese verhindert, sondern dadurch, dass das lebendige Leben in das andere Dasein hinübergeführt wird, dass das Unterbewusste lebendig bewusst gemacht wird, damit dasjenige, was unabhängig, objektiv von der Seele erlebt wird, nicht bloß subjektiv, wiederum zurückgeleitet werden kann in das Bewusstsein.
[ 91 ] This danger is well recognized! And Eduard von Hartmann, in turn, instinctively and very correctly uses the expression “slide into the abyss of unphilosophy.” I have described it today. But the “slide into the abyss” is not prevented by “unphilosophy,” nor by a hypothesis that aspires to be philosophy, but by the living life being carried over into the other existence, by the subconscious being made consciously alive, so that what is experienced independently and objectively by the soul can be led back into consciousness, not merely subjectively.
[ 92 ] Hier sehen Sie eben, wie Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich auseinandersetzen musste nach und nach mit demjenigen, was in der Zeit zwar vorhanden ist an Sehnsuchten und Hoffnungen nach einer solchen Wissenschaft, was aber noch nicht zu dem gelangen konnte, was eigentlich in der Geisteswissenschaft realisiert werden sollte, weil dazu notwendig ist das Erkennen intimer Seelenarbeit, die nicht mystisch subjektiv bleibt, sondern, sondern die objektiv wird, wie die äuRere Wissenschaft und Erkenntnis. Die äußere Naturwissenschaft wird im Übersinnlichen den Weg finden zu dieser Geisteswissenschaft.
[ 92 ] Here you can see how Spiritual Science or anthroposophy had to gradually grapple with what was present at the time in terms of longings and hopes for such a science, but which could not yet achieve what was actually to be realized in Spiritual Science, because this requires the recognition of intimate soul work that does not remain mystically subjective, but becomes objective, like external science and knowledge. External natural science will find its way to this Spiritual Science in the supersensible.
[ 93 ] Was ist denn in dieser Beziehung aber bis heute geschehen? Ich habe Ihnen Oscar Hertwig angeführt. Oscar Hertwig ist einer derjenigen, der Eduard von Hartmanns Bedeutung gefühlt hat! Ernst Haeckel ist einer derjenigen, die über Eduard von Hartmanns Veröffentlichung über «Die Philosophie des Unbewussten» am meisten gespottet hat.
[ 93 ] But what has happened in this regard to date? I have mentioned Oscar Hertwig to you. Oscar Hertwig is one of those who felt the significance of Eduard von Hartmann! Ernst Haeckel is one of those who most mocked Eduard von Hartmann's publication on “The Philosophy of the Unconscious.”
[ 94 ] Oscar Hertwig zitiert heute fortwährend Eduard von Hartmann, zitiert ihn so, dass er ihm überall recht gibt; er zitiert ihn so, dass er ihm sogar zustimmt da, wo Eduard von Hartmann gesagt hat: Die Art, wie es geschehen sei, wie man das Selektionsprinzip als modernen Aberglauben behandelte, das ist eine Kinderkrankheit, eine naturwissenschaftliche Kinderkrankheit unserer Zeit. Das zitiert Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler selber, als einen die Naturwissenschaft treffenden Ausspruch von Eduard von Hartmann! Und so vieles andere.
[ 94 ] Today, Oscar Hertwig constantly quotes Eduard von Hartmann, quoting him in such a way that he agrees with him on everything; he quotes him in such a way that he even agrees with him where Eduard von Hartmann said: The way it happened, the way the principle of selection was treated as modern superstition, is a teething problem, a scientific teething problem of our time. Oscar Hertwig, Haeckel's student himself, quotes this as a statement by Eduard von Hartmann that applies to science! And so much else.
[ 95 ] Diese Dinge sprechen klar und deutlich; sie sprechen dadurch klar und deutlich, dass sie zeigen, was die Naturwissenschaft nicht erkennen kann, was zu erkennen notwendig wäre, sondern es ist so, dass schon die Schüler der großen Lehrer der Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts zur Widerlegung desjenigen gekommen sind, was man dazumal an Hoffnungen gehegt hat. Und gerade Oscar Hertwig ist außerordentlich interessant, weil er zeigt, dass Naturwissenschaft heute schon auch nichts einzuwenden haben kann gegen eine Philosophie, wie diejenige ist von Eduard von Hartmann. Haben die Naturforscher den Weg gefunden zu Eduard von Hartmann — sie werden den Weg auch finden zur Anthroposophie oder Geisteswissenschaft. Dann aber kann eben das allgemeine Bewusstsein der Menschheit seinen Weg finden.
[ 95 ] These things speak clearly and distinctly; they speak clearly and distinctly because they show what natural science cannot recognize, what it would be necessary to recognize, but the fact is that even the students of the great teachers of natural science of the nineteenth century came to refute what were then cherished hopes. And Oscar Hertwig in particular is extremely interesting because he shows that natural science today can already have no objection to a philosophy such as that of Eduard von Hartmann. If natural scientists have found their way to Eduard von Hartmann, they will also find their way to anthroposophy or Spiritual Science. Then the general consciousness of humanity can find its way.
[ 96 ] Von mancher anderen Seite her wird Anthroposophie oder Geisteswissenschaft hinlänglich Gegnerschaft über Gegnerschaft entgegengebracht. Nur kurz, zum Schlusse, möchte ich erwähnen dasjenige, was die Anhänger gewisser Religionsgemeinschaften, namentlich die Anhänger christlicher Religionsgemeinschaften immer wieder und wiederum gegen Geisteswissenschaft vorgebracht haben. Das aber will ich nur kurz streifen. Es ist merkwürdig, in welcher Art gerade von religiöser Seite gegen Geisteswissenschaft vorgegangen wird. Da sagt man zum Beispiel: Dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen habe, das widerspreche dem oder jenem, das in der Bibel steht, das in der Tradition enthalten ist. Aber handelt es sich denn darum? Konnte man jemals daran denken, Amerika nicht entdecken zu wollen, weil Amerika noch nicht in der Bibel oder in der christlichen Tradition steht?
[ 96 ] From many other quarters, anthroposophy or Spiritual Science is met with sufficient opposition. Just briefly, in conclusion, I would like to mention what the followers of certain religious communities, namely the followers of Christian religious communities, have repeatedly and repeatedly brought up against Spiritual Science. But I will only touch on this briefly. It is strange how religious circles in particular have taken action against Spiritual Science. For example, they say: What Spiritual Science has to say contradicts this or that which is written in the Bible, which is contained in tradition. But is that really the issue? Could one ever think of not wanting to discover America because America is not yet mentioned in the Bible or in Christian tradition?
[ 97 ] Derjenige, sehr verehrte Anwesende, hat eine geringe Meinung von der Tat- und Schlagkraft des Größten, was auf der Erde geschehen ist — das Christentum —, der da glaubt, dass diese Tat- und Schlagkraft durch irgendeine Entdeckung jemals gefährdet werden kann!
[ 97 ] Ladies and gentlemen, anyone who believes that the power and influence of the greatest thing that has ever happened on earth—Christianity—could ever be threatened by some discovery has a very low opinion of it!
[ 98 ] Da muss ich mich immer erinnern, wenn ich höre, dass von christlicher Seite etwas eingewendet werden kann gegen Geisteswissenschaft, da muss ich mich immer erinnern an ein anderes, wie ein, diesmal nicht protestantischer, sondern katholischer Theologe, der Lehrer der christlichen Philosophie an einer katholischen theologischen Fakultät war, seine Rektoratsrede gehalten hat über Galilei, von dem man weiß, wie die Kirche mit ihm verfahren ist. Dieser wirklich echte, christlich gesinnte katholische Priester, der niemals bis zu seinem Tode verleugnet hat, dass er ein treuer Sohn seiner Kirche geblieben ist, dieser katholische Priester, indem er über Galilei gesprochen hat, er sagte:
[ 98 ] I am always reminded of this when I hear that Christians can raise objections to Spiritual Science. I am always reminded of another theologian, this time not a Protestant but a Catholic, who was a professor of Christian philosophy at a Catholic theological faculty and gave his rector's speech on Galileo, whose fate at the hands of the Church is well known. This truly genuine, Christian-minded Catholic priest, who never denied until his death that he had remained a faithful son of his Church, this Catholic priest, speaking about Galileo, said:
Mit Unrecht wendet sich das wirklich sich erkennende Christentum gegen einen solchen Fortschritt in der Naturerkenntnis, wie er durch Geister, wie Galilei, gebracht worden ist. Mit Unrecht behauptet das Christentum, dass gewisse Lehren, die selber mit Unrecht ihre Abfolge aus dem Christentum behaupten, im Widerspruch stünden mit der Naturwissenschaft. Denn die neuere Naturwissenschaft
A Christianity, which truly recognizes itself, is wrong to oppose such progress in the understanding of nature as has been brought about by minds such as Galileo's. Christianity is wrong to claim that certain teachings, which themselves wrongly claim to be derived from Christianity, are in contradiction with natural science. For modern natural science
[ 99 ] — meint dieser Priester und Theologe und Professor an einer Universität —,
[ 99 ] — says this priest, theologian, and university professor —,
die neuere Naturwissenschaft steht nur wie in einem Widerspruch mit den engeren Weltauffassungen der Antike, nicht aber mit den christlichen Auffassungen; denn diese christliche Auffassung, wenn sie recht verstanden wird, kann gerade die Entdeckungen immer weiterer und weiterer Wunder in den Welten nur bekräftigen, kann nur bekräftigen die Herrlichkeit der Gottheit und die Herrlichkeit der christlichen Auffassung; sie kann nur bekräftigen die Wunder, die die göttliche Gnade hier auf diesem Erdenplane verrichtet hat.
Modern science stands in contradiction only to the narrower worldviews of antiquity, but not to Christian beliefs; for these Christian beliefs, when properly understood, can only reinforce the discoveries of ever more wonders in the worlds, can only reinforce the glory of the deity and the glory of Christian beliefs; it can only confirm the wonders that divine grace has performed here on this earthly plane.
[ 100 ] In demselben Sinne kann man sagen, gerade vom Standpunkte des echt verstandenen Christentums aus — [nicht mit dem wirklich gut verstandenen Christentum steht Geisteswissenschaft in irgendeinem Widerspruch], sondern mit [Irrlehren], die mit Unrecht ihre Abstammung von dem Christentum [behaupten]. Und in einem Widerspruch steht — aber in einem Widerspruch, der das andere, das Gegenteil ergänzt —, steht die Geisteswissenschaft nur mit einem eng aufgefassten naturwissenschaftlichen Weltbilde, nicht mit dem weitgefassten christlichen Weltbilde. Und dasjenige, was Geisteswissenschaft findet, das wird so sein, dass die Wunder, die in der geistigen Welt entdeckt werden, nicht hinwegschaffen die Wunder, die uns im Christentum gelehrt werden, sondern sie im Gegenteil bekräftigen!
[ 100 ] In the same sense, it can be said that, precisely from the standpoint of genuinely understood Christianity — [Spiritual Science is in no way contradictory to truly well-understood Christianity], but rather to [false teachings] that wrongly claim their descent from Christianity. And Spiritual Science is only in contradiction — but in a contradiction that complements the other, the opposite — with a narrowly conceived scientific worldview, not with the broad Christian worldview. And what Spiritual Science finds will be such that the miracles discovered in the spiritual world do not take away the miracles taught to us in Christianity, but on the contrary, confirm them!
[ 101 ] Und ebenso sagt Laurenz Müllner, dieser echt christliche Theologe und Professor:
[ 101 ] And Laurenz Müllner, that truly Christian theologian and professor, says the same thing:
Das Christentum widerspricht nicht, und hat nicht zu widersprechen einer recht aufgefassten Entwicklungslehre, wenn sie nicht bloß kausale Weltentwicklung sein will, und den Menschen selbst bloß in die physische Kausalität hineinstellt.
Christianity does not contradict, and does not have to contradict, a correctly understood theory of evolution, if it does not want to be merely a causal world evolution and place human beings themselves merely within physical causality.
[ 102 ] Geisteswissenschaft widerspricht nicht dem Christentum, weil diese Geisteswissenschaft nicht zu Ertötung des religiösen Erlebens und Erschauens führt, sondern im Gegenteil zu dem, was sie wirklich tut: das ist, dass sie das religiöse Erleben und Erschauen anfeuert. Und diejenigen, die wirklich heute noch glauben, dass ihr Christentum gefährdet werden könnte durch Geisteswissenschaft, die werden allmählich erkennen müssen: Während die falsch verstandene Naturwissenschaft bis jetzt immer mehr und mehr Seelen hinweggerrieben hat, äußerlich und auch innerlich, wird diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, weil sie religiöses Leben entzündet, auch die Gebildeten wiederum zu den großen Geheimnissen nicht nur der christlichen Lehre, sondern auch des christlichen Werkes und Zeremoniendienstes wiederum zurückbringen. [Doch das wird vielfach eine Arbeit der Zukunft, wenn auch einer verhältnismäßig kurzen Zukunft, sein.]
[ 102 ] Spiritual Science does not contradict Christianity, because this Spiritual Science does not lead to the death of religious experience and contemplation, but on the contrary to what it really does: it encourages religious experience and contemplation. And those who still believe today that their Christianity could be endangered by Spiritual Science will gradually have to realize: While misunderstood natural science has so far worn down more and more souls, both outwardly and inwardly, anthroposophy or Spiritual Science, because it ignites religious life, will also bring educated people back to the great mysteries not only of Christian teaching, but also of Christian work and ceremonial service. [But this will in many cases be a task for the future, albeit a relatively near future.]
[ 103 ] Und gerade von dieser Seite möchte man wünschen, dass die Dinge mehr verstanden würden, und dass vor allem mehr Wille vorhanden sei, die Sache zu verstehen, dass man sich nicht ein Bild machen könne, ohne in die Sache einzudringen, und dieses Bild dann als widersprechend dem Christentum hinzustellen, und auf die Sache gar nicht eingeht.
[ 103 ] And it is precisely from this side that one would wish that things were better understood, and above all that there was more willingness to understand the matter, that one could not form a picture without delving into the matter, and then present this picture as contrary to Christianity, and not address the matter at all.
[ 104 ] Ich kann Ihnen das alles nur kurz andeuten. Ich müsste lange sprechen, wenn ich das alles einzeln anführen wollte — aber das könnte durchaus geschehen —, zu zeigen: dass das Christentum nicht den geringsten Grund hat, sich gegen solche Lehren zu wenden, wie die wiederholten Erdenleben!
[ 104 ] I can only briefly hint at all this. I would have to speak at length if I wanted to list everything individually — but that could well happen — to show that Christianity has not the slightest reason to oppose such teachings as repeated earthly lives!
[ 105 ] Was die naturwissenschaftliche Lehre selber betrifft, so lassen Sie mich am Schlusse noch ein paar Worte sagen. Es ist ja so, dass die Naturwissenschaft heute bereits auf dem Standpunkte steht, dasjenige zu erkennen, was sie nicht erreichen kann. Und in einer merkwürdigen Weise kommt — wir können bei dem Beispiele wieder bleiben —, in einer merkwürdigen Weise kommt Oscar Hertwig in seinem Buche «Vom Werden der Organismen» auf etwas. In sehr merkwürdiger Weise kommt Hertwig darauf, dass keine objektive Forschung, keine Zergliederung der naturwissenschaftlichen Tatsachen zur materialistischen darwinistischen Philosophie der letzten Jahrzehnte geführt hat, sondern dass die Menschen dieses Zeitalters in sich getragen haben materialistische Gesinnung, in sich getragen haben nur den Glauben an die Ungeistigkeit der äußeren Welt, und den hineingetragen haben in die Naturdinge.
[ 105 ] As far as scientific teaching itself is concerned, let me say a few words in conclusion. The fact is that science today is already at the point of recognizing what it cannot achieve. And in a remarkable way — we can stick with the example — in a remarkable way, Oscar Hertwig comes to a conclusion in his book “On the Development of Organisms.” In a very remarkable way, Hertwig concludes that no objective research, no dissection of scientific facts has led to the materialistic Darwinian philosophy of recent decades, but that the people of this age have carried within themselves a materialistic attitude, have carried within themselves only the belief in the non-spirituality of the external world, and have carried this into the things of nature.
[ 106 ] Und da ist es sehr interessant, die Worte Oscar Hertwigs nun selbst auf sich wirken zu lassen, die er gebraucht hat, um zu zeigen, wie eigentlich die Dinge stehen. Hertwig sagt:
[ 106 ] And here it is very interesting to let Oscar Hertwig's own words sink in, the words he used to show how things actually stand. Hertwig says:
Das Nützlichkeitsprinzip, die Überzeugung von der Notwendigkeit unbeschränkter merkantiler und sozialer Konkurrenz, materialistische Richtungen der Philosophie sind Mächte, die auch ohne Darwin eine große Rolle in der neuzeitlichen Entwicklung der Menschen gespielt haben. Wer schon unter ihrem Einfluss stand, begrüßte gern den Darwinismus als eine wissenschaftliche Bestätigung ihm schon anderweit vertraute, lieb gewordener Ideen. Er konnte sich jetzt selbst gleichsam im Spiegel der Wissenschaft schauen.
“Die Auslegung der Lehre Darwins,
The principle of utility, the conviction of the necessity of unrestricted commercial and social competition, and materialistic schools of philosophy are forces that have played a major role in the modern development of humankind, even without Darwin. Those who were already under their influence welcomed Darwinism as scientific confirmation of ideas they were already familiar with and had grown fond of. They could now see themselves reflected in the mirror of science, as it were.
“The interpretation of Darwin's teachings,
[ 107 ] — so sagt Oscar Hertwig weiter —,
[ 107 ] — Oscar Hertwig continues —,
die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind
which, with its ambiguities, is so open to interpretation, also allowed for a wide range of uses in other areas of economic, social, and political life. From it, everyone could, as from a Delphic oracle, draw their own useful applications to social, political, hygienic, medical, and other questions, depending on what they wanted, and invoke the science of Darwinian biology with its immutable laws of nature to reinforce their assertions. But what if these supposed laws are not such?
[ 108 ] — und dass sie keine Naturgesetze sind, das suchte Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler, zu beweisen, und hat es bewiesen —,
[ 108 ] — and that they are not laws of nature, as Oscar Hertwig, Haeckel's student, sought to prove and did prove —,
sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, dass die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflusst zu werden!
could there not also be social dangers in their versatile application to other areas? One should not believe that human society can use phrases such as relentless struggle for existence, selection of the suitable, the useful, the expedient, perfection through selective breeding, etc., in their application to the most diverse areas, as its daily bread for half a century without being deeply and lastingly influenced in the entire direction of its idea formation!
[ 109 ] Das sagt heute bereits ein Naturforscher, der nicht allein behauptet: Falsch sind sie, diese materialistisch geprägten darwinistischen Ideen; sondern schädlich sind sie, in Seelen-Not und sozial, politische Schäden müssen sie hineinführen. Nur noch Einseitigkeit und Eingeschränktheit der Anschauungen gewisser Naturforscher kann ein anderes meinen. Und das verrät sich manchmal in einer ganz fürchterlichen Weise.
[ 109 ] This is already being said today by a natural scientist who not only claims that these materialistic Darwinian ideas are false, but also that they are harmful, leading to spiritual distress and social and political damage. Only the one-sidedness and narrow-mindedness of certain natural scientists can suggest otherwise. And this sometimes reveals itself in a very terrible way.
[ 110 ] Ein Naturforscher der Gegenwart, ein großer Naturforscher der Gegenwart, den ich wahrlich recht sehr schätze — und gerade, weil ich ihn hoch schätze, führe ich ihn an —, er macht in einer merkwürdigen Weise eine Andeutung darüber, wie der Naturforscher heute vielleicht nicht genommen sein will, aber wie er genommen werden muss nach dem, was so wie eine [Bedeutung] ausgegossen ist über die Art und Weise, wie er oftmals noch zu dem steht, was zu erhoffen sein kann aus rein [naturwissenschaftlicher] Weltanschauung der Natur. Der Naturforscher, den ich sehr schätze, er sagt am Schlusse seines bedeutsamen Buches — und das sind nun seine eigenen Worte, die ich anführen will:
[ 110 ] A contemporary natural scientist, a great contemporary natural scientist whom I truly hold in high esteem—and it is precisely because I hold him in high esteem that I mention him— makes a curious suggestion about how natural scientists today may not want to be perceived, but how they must be perceived according to what has been poured out like a [meaning] over the way in which they often still stand by what can be hoped for from a purely [scientific] worldview of nature. The natural scientist, whom I hold in high esteem, says at the end of his important book — and these are his own words, which I would like to quote:
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
We live today in the “best of times.”
[ 111 ] — er behauptet es, so sagt er:
[ 111 ] — he claims this, he says:
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
We live today in the “best of times”
[ 112 ] — das wird nicht mit Vollgültigkeit sich beweisen lassen, aber, so meint er, dieser Naturforscher —,
[ 112 ] — this cannot be proven with absolute certainty, but, according to this natural scientist,
Wir leben ganz gewiss in der «besten der Zeiten», wenigstens wir Naturforscher, und wir können auf noch bessere hoffen
We are certainly living in the “best of times,” at least we natural scientists, and we can hope for even better times to come
[ 113 ] sagt er
[ 113 ] he says
denn wir können, nach dem, was wir heute haben an Naturforschung, verglichen mit dem Ergebnis früherer Forscher
because, based on what we have today in natural science, compared to the results of earlier researchers
[ 114 ] — so sagt jetzt dieser Naturforscher —
[ 114 ] — says this natural scientist —
wir können mit dem großen Natur- und Weltenkenner Goethe sagen:
«Es ist ein groß’ Ergötzen
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
we can say with Goethe, the great connoisseur of nature and the world:
"It is a great delight
To put oneself in the spirit of the times,
To see how a wise man thought before us,
And how we have finally come so far."
[ 115 ] So ein großer Naturforscher am Schluss eines bedeutenden Buches!
[ 115 ] Such a great natural scientist at the end of an important book!
[ 116 ] Ich weiß nicht, ob es viele Leute bemerken, und darüber nachdenken, wen Goethe das eigentlich sagen lässt, wer das sagt, sagt es der große Welt- und Naturkenner Goethe? Nein, er legt es dem Wagner in den Mund, demjenigen, der als ein beschränkter Wicht dem Faust entgegentritt.
[ 116 ] I don't know if many people notice and think about who Goethe actually has say this. Is it the great world and nature expert Goethe who says it? No, he puts it into the mouth of Wagner, the one who confronts Faust as a narrow-minded pipsqueak.
[ 117 ] Und Faust erwidert diesem Wagner ja:
[ 117 ] And Faust replies to this Wagner:
O, dass dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Oh, that all hope does not fade from the head
That clings constantly to stale evidence,
Digging greedily for treasures,
And is happy when he finds earthworms!
[ 118 ] Das ist die Meinung des großen Welt- und Menschenkenners Goethe!
[ 118 ] That is the opinion of Goethe, the great connoisseur of the world and human nature!
[ 119 ] Und wenn heute Naturforscher das noch nicht einsehen, was sich wirklich aus den gesunden Grundlagen einer solchen Weltanschauung, wie sie auch durch Goethe gestrahlt hat, ergibt — so kann man manchmal sie ertappen, [möchte ich sagen] an [solch unsinnig Gestaltetem, wie soeben] —, und wie Hertwig aber sagt, wahr sagt: «Aus dem, was die Zeit materialistisch gedacht hat, aus ihren naturalistischen Vorgängen, ihren materialistischen Trieben und Empfindungen, die sie gehabt hat und sie hineingetragen hat in die Natur, dadurch ist die materialistische Weltanschauung, der materialistisch gefärbte Darwinismus entstanden, die Tatsachen widerlegen ihn.»
[ 119 ] And if natural scientists today still do not understand what really results from the healthy foundations of such a worldview, as it also shone through Goethe — then one can sometimes catch them, [I would like to say] in [such nonsensical creations as just now] — and as Hertwig says, truthfully: “From what time has thought of in materialistic terms, from its naturalistic processes, its materialistic drives and feelings, which it has had and carried into nature, the materialistic worldview, the materialistically colored Darwinism, has arisen, and the facts refute it.”
[ 120 ] Aber dann darf dem gegenüber der Geistesforscher aus einer, wie er glaubt, tieferen Welt- und Menschenkenntnis heraus erwidern: Nein, nicht von einer solchen eng umgrenzten Zeitanschauung, wie diejenige war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, soll in die Natur hinein geträumt werden, sondern aus dem Höchsten was Geist und Seele erringen können, sollen die Anschauungen geformt werden, die in die Natur hineinzutragen versucht werden, damit man erkennt, ob die Natur dieses Anschauen wirklich bestätigt. Und nach dem, was wirkliche Geisteswissenschaft vorbringt, darf sie sich versprechen, dass ihr ein anderes widerfahren wird als der darwinistisch gefärbten Naturwissenschaft. Sie glaubte, aus gesetzlichen Vorgängen heraus die Welt zu erkennen, und wurde, wie wir gesehen haben, durch die Natur in diesem Glauben widerlegt.
[ 120 ] But then the spiritual researcher may reply, based on what he believes to be a deeper knowledge of the world and human nature: No, it is not from such a narrowly defined view of time, as was that of the mid-nineteenth century, that we should dream our way into nature, but rather from the highest that spirit and soul can achieve should the views be formed that we attempt to carry into nature, so that we may recognize whether nature truly confirms this view. And according to what true Spiritual Science brings forth, it can promise itself that it will fare differently from Darwinian-influenced natural science. The latter believed it could understand the world through lawful processes and, as we have seen, was refuted by nature in this belief.
[ 121 ] Geistesforschung strebt an, die Menschenseele in ihren Tiefen zu erforschen, und aus den Tiefen der Menschenseele dasjenige heraufzuholen, was dem Geist als Geist zugrunde liegt als geistige Wesenheiten und geistige Kräfte, im weitesten, umfassendsten Sinne. Und sie darf hoffen — das ist nicht eine Einseitigkeit, sondern eine Vielseitigkeit, die sie sucht, da sie nicht einen Weg geht, sondern alle Wege geht, auf die die menschliche Seele geführt wird aus ihrem reichen Inneren heraus —, sie darf hoffen, dass dasjenige, was sie [an die] Natur als Frage, als Rätsel gestellt hat, nicht von der Natur widerlegt wird, sondern, weil in der Natur der Geist lebt, der auch im Menschen lebt, wird der Geist in der Natur es bejahen, nicht, wie im andern Falle, es verneinen können bei demjenigen eben, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich als die wirkliche Gestalt des Menschenrätsels vorstellt.
[ 121 ] Spiritual research strives to explore the depths of the human soul and to bring up from the depths of the human soul that which underlies the spirit as spirit, as spiritual beings and spiritual forces in the broadest, most comprehensive sense. And it may hope — this is not a one-sidedness, but a versatility that it seeks, since it does not follow one path, but all paths to which the human soul is led from its rich inner life — it may hope that what it has posed to nature as a question, as a mystery, will not be refuted by nature, but because the spirit that also lives in human beings lives in nature, the spirit in nature will affirm it, not, as in the other case, be able to deny it in precisely that which Spiritual Science or anthroposophy has in its mental image as the real form of the human mystery.
