Soul Immortality, Forces of Destiny
and the Course of Human Life
GA 71a
9 October 1916, Zurich
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The Mystery of the Human Being, tr. Tapp, et. al. 1970
Die Menschenrätsel in der Philosophie und in der Geistesforschung (Anthroposophie)
The Mystery of the Human Being
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Über die Notwendigkeit, von einem Menschenrätsel mit Bezug auf das menschliche Seelenleben zu sprechen, scheint ebenso überflüssig für eine wahrhaft empfindende Seele zu sein, wie es, in einem gewissen Sinne natürlich, aber überflüssig ist, von dem Vorhandensein des Hungers gegenüber dem leiblichen Leben des Menschen zu sprechen.
[ 1 ] No person with real inner sensitivity would find it any longer necessary to have to speak about a mystery when dealing with human soul life, than he would have to speak about the presence of hunger when dealing with the life of the body.
[ 2 ] Was den Lebensprozess als solchen anregt und bewirkt, es muss ja nach den naturgemäßen Voraussetzungen so eingerichtet sein, dass es auch Hunger bewirkt, und der Mensch kann sich gewissermaßen leiblich durch gewisse Betäubungsmittel über den Hunger hinwegsetzen, kann glauben, dass er eine Zeit lang hinwegkomme über dasjenige, was der Hunger bedeutet; aber auf die Dauer geht das ohne Schädigung des Leiblichen gewiss nicht. Ebenso wenig ist es möglich, ohne Schädigung des Seelenlebens zu mehr zu gelangen als höchstens zu einer Art Betäubung über das Vorhandensein eines Menschen- und Lebensrätsels für die Seele.
[ 2 ] In the way it functions the life process must be so regulated that it induces hunger. It is possible to disregard hunger by the use of certain drugs and to believe that we can get away from it for a time, but in the long run this cannot be done without injury to the body. Similarly, any attempt to conceal the fact that there is a mystery in human life is bound to lead to injury in the soul.
[ 3 ] Wer sich, genötigt durch irgendwelche Lebensverhältnisse oder durch Interesselosigkeit, verschließt gegen das Vorhandensein eines Menschenrätsels, der wird sehr leicht in all dasjenige verfallen, was notwendigerweise wie eine Art seelischer Hunger eintreten muss oder als Folge des Hungers eintreten muss, etwas wie eine Art Verkümmerung des Seelenlebens, Unsicherheit und Machtlosigkeit des Seelenlebens, ein Sich-nicht-zurechtfinden-Können in der Welt, und so weiter, und so weiter.
[ 3 ] Those who disregard the mystery of the human being, either because of their condition in life or a lack of interest, very easily fall prey to a kind of soul hunger and to what happens as a result of this—a sort of atrophy in the life of the soul, an uncertainty and powerlessness, an inability to find one's way in the world.
[ 4 ] Wenn es so für jeden wahrhaft empfindenden Menschen fast überflüssig scheinen könnte, über die Notwendigkeit der Menschenrätsel im Allgemeinen zu sprechen, so vielleicht schon weniger darüber, dass die großen Rätselfragen des Lebens mit jedem Zeitalter für die Menschheit einen neuen Charakter annehmen. Allerdings, bei der Kürze der Zeit kann nur einleitungsweise auf diese Tatsache hingewiesen werden. So, wie sich in Bezug auf alle äußeren Verhältnisse des Lebens für den genauer Betrachtenden die Menschheit ändert von Epoche zu Epoche, wie immer neue Bedürfnisse, neue äußere Lebensfragen auftreten, so ändern sich von Epoche zu Epoche auch die besonderen Nuancen, mit denen die Seelen, [sehnend] nach einer Lösung der Menschenrätsel, den Inhalt einer solchen Lösung für den Menschen möglich machen. In dem Zeitalter, das seit drei bis vier Jahrhunderten heraufgezogen ist — insbesondere aber im neunzehnten Jahrhundert und bis in unsere Tage des zwanzigsten Jahrhunderts heraufgezogen ist, das gipfelt in der Beherrschung der Welt durch Dampf, Elektrizität, durch die modernen merkantilen und sozialen Verhältnisse —, in diesem Zeitalter gibt es auch anders geartete Fragen an die großen Welttatsachen, in die der Mensch hineingestellt worden ist, als in früheren Zeitaltern. Aus den Bedürfnissen gewissermaßen des modernsten Zeitalters heraus sucht nun Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, sich der Lösung der Menschenrätsel zu nähern.
[ 4 ] Although no really sensitive person would find it necessary to have to speak about a human mystery in general, he would probably find more reason to consider that the great questions of life take on a new character in each succeeding period of time. As our time is so short, it is not possible to do more than indicate this fact. We can see how the outer conditions of life change from epoch to epoch, how new needs, new questions arise about the way we live. This also happens within the soul, which in its search for a solution to the mystery of man, changes its own finer qualities from epoch to epoch in order to make it possible for man to find such a solution. In this age that has been with us for three or four centuries, and particularly in the 19th century and our own day, which has culminated in the controlling of the world by means of steam, electricity, modern economic and social conditions, in this age there are also questions about the world in which the human being is placed that are of a different kind from those of earlier times. The science of spirit or anthroposophy seeks to approach the solution of the mystery of man out of the needs of modern times.
[ 5 ] Mit Unrecht sieht man in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, etwas, das eine Wiedererneuerung alter Mystiker-Anschauungen und so weiter sein soll. Diejenigen, die von diesem oder jenem Standpunkte aus Geisteswissenschaft oder Anthroposophie kritisieren, machen sich in der Regel nur ihr eigenes Bild von der Geisteswissenschaft zurecht und kritisieren dann dasjenige, was mit einem geringen Willen auf die Sache eingeht; nur das eigene, karikierte Bild dieser Geisteswissenschaft ist es, das kritisiert wird.
[ 5 ] It is a mistake to regard the science of spirit, or anthroposophy, as a renewal of the views of the old mystics. Those who level this sort of criticism, from whatever viewpoint it happens to come, usually construct their own picture of the science of spirit and then criticize this picture, which actually has very little to do with what the science of spirit really is. It is only a caricature of the science of spirit that is criticized.
[ 6 ] Es kann selbstverständlich nicht im engen Rahmen eines Abendvortrages alles dasjenige berührt werden, was auch nur zur äußeren Charakteristik der hier gemeinten Geisteswissenschaft oder Anthroposophie dienen könnte. Nur einige Gesichtspunkte können heute wiederum zu dem hinzugefügt werden, was ich schon seit Jahren her auch in dieser Stadt über den Gegenstand ausführen durfte. Besonders wichtig aber ist es, ins Auge zu fassen, dass die hier gemeinte Geisteswissenschaft weniger aus irgendwelchen unmittelbar religiösen Strömungen oder aus mystischen Strömungen hervorgegangen ist — obwohl sie zu diesen durchaus nicht in einem gegnerischen Verhältnis gleich gedacht werden darf, wie später wird berührt werden können —, sondern dass sie entsprungen ist aus dem Leben in den modernen naturwissenschaftlichen Anschauungen, entsprungen ist aus einer Gesinnung und wissenschaftlichen Weltenrichtung, welche mit dem Leben der modernen naturwissenschaftlichen Entwicklung zusammenhängt.
[ 6 ] It is of course not possible within the framework of an evening's lecture to mention everything that would be necessary even to provide an outline of the science of spirit. Only a few further points can be added to what I have been saying about this for many years now, even in this city. It is particularly important to remember that the science of spirit does not take its origin from religion or mystical movements—although we should not conclude that it is necessarily opposed to these, as we shall see later—but it arises out of the life of the modern scientific outlook, out of a scientific approach to the world, connected with what is happening in the evolution of present-day natural science.
[ 7 ] Ich glaube nicht, sehr verehrte Anwesende, dass derjenige in jenem geistigen Aufstieg zu den Weltengeheimnissen gut eindringen kann, der mit dieser Geisteswissenschaft hier gemeint ist, der ein Verächter der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist, wenn auch mehr in Betracht kommt die Gesinnungsweise, die denkerische Gewissenhaftigkeit gegenüber den Tatsachen der Welt, mehr in Betracht kommt als irgendwelche einzelnen naturwissenschaftlichen Resultate. Das Darinnenstehen in dem, wie die moderne Naturwissenschaft forscht und denkt, wie sie das innerliche Seelenleben mit Bezug auf Erkenntnis und Wissen diszipliniert, das ist etwas, was Geisteswissenschaft durchaus in sich aufnehmen muss, mit dem sie rechnen muss, wenn sie den Anforderungen der Zeit entsprechen will.
[ 7 ] I do not think that anyone who despises the modern scientific outlook can penetrate the mysteries of the world as is done in the science of spirit, even if it is not the results of science that matter so much as the method of approach in conscientiously applying one's thinking to the phenomena of the world. The science of spirit must be well versed in the ways natural science investigates and thinks, and in the way in which it disciplines the inner life of the soul in the art of acquiring knowledge. The science of spirit must absorb this and reckon with it, if it is to keep abreast of the times.
[ 8 ] Nun entsteht gerade einer solchen Gesinnung gegenüber die Frage: Wie ist es denn überhaupt der modernen Naturwissenschaft und der aus ihr folgenden Weltanschauung möglich, zu irgendeiner, die Tiefen der menschlichen Seele wirklich befriedigenden Anschauung über die Menschenrätsel zu kommen? Diese Antwort kann man sich nicht geben, wenn man ein irgendwie positiv denkender Geist ist, diese Antwort kann man sich nicht geben aus vorgefassten Meinungen heraus, nicht aus diesem oder jenem Glauben heraus, sondern man wird sich die Antwort geben müssen aus den Tatsachen der neueren naturwissenschaftlichen Entwicklung und Denkweise selber. Und so gestatten Sie denn, dass ich zunächst meinen Ausgangspunkt nehme von dem Gang des naturwissenschaftlichen Denkens und Forschens in der neueren Zeit. Der Gesichtspunkt ist dabei durchaus der eines Bewunderers der großen, gewaltigen Fortschritte der naturwissenschaftlichen Denkungsweise im neunzehnten Jahrhundert, und es ist der Gesichtspunkt, welcher es ermöglicht, anzuerkennen, dass die Hoffnungen, welche auf die Naturwissenschaft gesetzt worden sind, insbesondere im neunzehnten Jahrhundert, für eine Lösung der großen Menschenrätsel, im allerinnersten Wesen ehrlichste Hoffnungen und Absichten waren.
[ 8 ] It is just in connection with such an approach that the question arises: How is it at all possible for modern science and the outlook which results from it, to arrive at a view of the mysteries of the human being that really satisfies us deep down? If we are really positive thinkers we cannot permit ourselves an answer derived from preconceived opinions, or from one form of belief or another, but only from the facts of present-day scientific development and its method of thought. And so you will allow me to start with the course of scientific thought and research in more recent times. This will be regarded very much from the viewpoint of an admirer of the enormous progress made by the scientific approach in the 19th century, a viewpoint which enables one to realize that the hopes placed in natural science, particularly in the 19th century, for a solution to the great mysteries of man were absolutely honest and genuine.
[ 9 ] Sehen wir uns zuerst, um einiges herauszugreifen, den großen naturwissenschaftlichen Aufschwung mit seinen Hoffnungen und seinen Sehnsuchten an, sagen wir auf physikalisch-chemischem Gebiete. Wie wuchsen gewissermaßen materialistisch gesinnten, aber ganz in die naturwissenschaftlichen Weltanschauungen vertieften Persönlichkeiten die Schwingen eines Glaubens, so um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, dass man dasjenige, was der Mensch in seinem innersten Wesen ist, was er darlebt in der Welt, werde erklären können aus seiner physischen Organisation, wie man erklären kann aus der physischen Organisation mit Hilfe der wunderbar fortgeschrittenen physikalisch-chemischen Gesetze das Wirken der äußeren Naturkräfte und Naturgestaltungen in der Welt. Die großen Fortschritte, welche Physik und Chemie gemacht haben, berechtigten gewiss, für eine Weile solche Hoffnungen zu hegen. Diese Fortschritte führten ja dazu, sich ganz bestimmte Vorstellungen zu machen über die Welt des Kleinsten: das Atom, das Molekül. Wenn man heute auch über diese Dinge schon anders denkt, so gilt aber doch für die wissenschaftliche Entwicklung das, was ich zu sagen habe über das Atom, das Molekül; man wollte sie erforschen, man wollte dasjenige, was in den Stoffen und physikalischen Kräften wirkt, erklären aus der Beschaffenheit der stofflichen Moleküle und Atome heraus und von den durch diese Beschaffenheit bewirkten Kräfte und gegenseitigen Verhältnisse. Man glaubte, wenn man irgendeinen Vorgang aus dem Wesen des Kleinsten erklären könne, so werde man auch in nicht sehr ferner Zeit den Weg finden aus dem Wirken des kleinsten auch den kompliziertesten Prozess, den man als einen Naturprozess ansah, den komplizierteren Prozess des menschlichen Denkens, Empfindens, Fühlens und so weiter einsehen können.
[ 9 ] To take one aspect of this, let us look at the rise of the physical and chemical sciences, along with the hopes and aspirations which came with it. We see how people steeped in the scientific outlook began to believe (around the middle of the 19th century) that the inmost being of man can be explained in terms of the physical body just as the working of the forces and forms of nature can be explained in terms of the wonderfully advanced laws of physics and chemistry. The great progress made by physics and chemistry no doubt justified such hopes for a while, and this progress led to the formulation of particular ideas about the world of the smallest particles: atoms and molecules. Even if people think differently about such matters today, nevertheless what I have to say about the atom and the molecule holds good for the whole of the scientific development. The idea was to investigate them and to explain how the substances and physical forces worked in terms of the constitution of the material molecules and atoms, and of the forces and mutual relationships brought about by this constitution. It was thought that if it was possible to explain a process in terms of the smallest particles, it would not be long before the way would be found to understand even the most complicated process, which was seen as a natural process: the process of human thinking and feeling.
[ 10 ] Nun sehen wir uns, sehr verehrte Anwesende, an, wohin dieser Weg mit seinen großen Hoffnungen geführt hat. Wer sich vertieft hat in all das, was Physik und Chemie im Laufe der letzten Jahrzehnte geleistet haben, der hat wahrlich nur Hochachtung für dasjenige, was auf diesem Gebiete gearbeitet worden ist, was auf diesem Gebiete zustande gebracht worden ist. Ich kann nicht auf die Einzelheiten eingehen, aber erwähnen will ich als maßgebend die Meinung, die sich ein repräsentativer Forscher ausbildete, der sich wohl umgetan hatte gerade auf physikalisch-chemischem Gebiete, der sich eine Anschauung ausbilden wollte über die Natur des kleinsten physikalischen Teiles des Atoms, [Augustus Rowland], der spektral-analytische Forscher; er hat sich eine solche Meinung gebildet auf Grundlage alles dessen, was man heute wissen kann über das kleinste Wesen, das in der äußeren stofflichen Welt wirksam gedacht wird. Und wie merkwürdig ist diese Meinung! Aber wie berechtigt ist sie, das muss jeder anerkennen, der in diese Dinge Einblick hat, wie merkwürdig ist diese Meinung, aber wie berechtigt. [Augustus Rowland] sagt: «Nach alledem, was man heute wissen kann, muss ein Eisenatom komplizierter vorgestellt werden als ein Steinway-Klavier.»
[ 10 ] Now let us examine where this approach with its great hopes has led. Anyone having studied the achievements of physics and chemistry during the past decades can only be filled with admiration for what has been achieved. I cannot go into details, but I will mention the views of a representative scientist, who sought his views in physics and chemistry in investigating the nature of the smallest physical particle, the atom,—Adolf Roland, who specialized in spectral analysis. He formulated his views on the basis of everything that is possible to know about the smallest particles that can be imagined as effective in the material world.—And how remarkable his views are! And how justified they are must be recognized by anyone who has some understanding of the subject. Adolf Roland says: According to everything that can be known today, an atom of iron must be imagined as being more complicated than a Steinway piano.
[ 11 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ein gewichtiger Ausspruch eines mit den Methoden der modernen Forschung bekannten Menschen! Man glaubte noch vor Jahrzehnten, dadurch, dass man das kleinste leblose Wesen untersuchen könnte oder wenigstens Hypothesen vorläufig darüber aufstellen könnte, irgendetwas zu erfahren über die Welt, die uns unmittelbar für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. Und was stellt sich heraus? Der Forscher muss denken: Wenn ich nun wirklich in diese kleinste Welt hineinkomme, ich finde nichts, was mir erklärlicher ist als ein Steinway-Klavier. Also wird mir ganz gewiss, wie weit ich auch gehen mag durch die Zergliederung ins Kleinste hinein, die Welt nicht erklärlicher werden, als sie mir ist, wie sie unmittelbar vorliegt dem gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstsein. Das ist einer der Wege mit den großen Hoffnungen. Wir sehen gewissermaßen diese großen Hoffnungen hineinverschwinden in die Welt des Kleinsten. Und immer mehr und mehr wird gerade der ehrliche naturwissenschaftliche Fortschritt zeigen, wie nichts, aber auch nichts gegenüber der Beantwortung der großen Weltenrätsel hinzugefügt werden kann zu dem, was wir mit dem gewöhnlichen Bewusstsein überschauen, dadurch, dass wir ins Kleinste des Raumes hineindringen!
[ 11 ] Now this is a significant statement, coming from one so familiar with the methods of modern science. Years ago it was believed that one could investigate the tiniest lifeless beings, or at least produce provisional hypotheses about them, in order to find out something about the world that constitutes the immediate surroundings of our ordinary consciousness. And what, in fact, does one find out? The scientist has to admit that having penetrated this smallest of worlds, he finds nothing that is any more explicable than a Steinway piano. So it becomes quite clear that however far we are able to go by this process of division into the very smallest particles, the world becomes no more explicable than it already is to our ordinary, everyday consciousness.—This is one of the ways of approach, with its great hopes. We see as it were, these great hopes disappearing into the world of the smallest particles. And honest scientific progress will show more and more by penetrating into the smallest particles of space that we can add nothing toward answering the great human mystery to what can be known to our ordinary consciousness.
[ 12 ] Auf einem anderen Gebiete noch hat man gesehen, wie ebenso große und aus den Zeitverhältnissen heraus durchaus begreifliche Hoffnungen gehegt worden sind. Welche großen Hoffnungen glaubte man verwirklichen zu können, verbinden zu können mit dem Aufblühen der neueren, materialistisch gefärbten darwinistischen Theorie! Man glaubte überschauen zu können die Reihe der Lebewesen, die Reihe der Pflanzen, die Reihe der Tiere bis hinauf zum Menschen. Man glaubte, dass man den Menschen in Bezug auf das, was er seinem Wesen nach ist, verstehen könne dadurch, dass man ihn hervorgehen sieht aus untergeordneten Arten. Und indem man die Verwandlung der Arten vom einfachsten Lebewesen bis hinauf zum Menschen verfolgte, glaubte man, Bausteine zur Lösung des Menschenrätsels finden zu können. Die Arten — so glaubte man — der organischen Wesen werden sich von selber aufklären. Man glaubte auf so einfache Lebewesen, welche das ganze Werden eines Organismus, also auch des Menschlichen, erklären.
[ 12 ] In another sphere there have been just as great hopes, and understandably so, in view of the condition of the times. Just think of the great hopes people had with the advent of the Darwinian theory, with its materialistic bias! People thought they could survey the whole range of living beings, of plants and animals, right up to man. It was thought possible to understand man through having seen how he arose out of the species below him. And in following the transformation of the different species, from the simplest living being right up to man, it was thought possible to find material which would help solve the mystery of man.
[ 13 ] Wiederum ist für den, der eingeweiht ist in alle die Forschungswege, die da gegangen worden sind, eine höchst anerkennenswerte, wunderbare Arbeit auf diesem Gebiete im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in unsere Tage hinein gerade geleistet worden. Man hat gedacht, man werde die Eizelle wiederfinden, aus der sich entwickelt der Mensch, in entsprechend einfachsten Lebewesen, und werde dann erklären können das Entstehen des Menschen aus seiner Eizelle, welche gleichgeartet ist mit dem, was man als einfachste tierische Form drauRen in der Welt werde finden können. Wiederum hat man den Weg zum räumlich Kleinsten, jetzt der Lebewesen, gesucht. Was ist auf diesem Wege gefunden worden? Es ist interessant, einen sehr gewissenhaften, bedeutenden Naturforscher in den Achtzigerjahren zu hören, Nägeli, der sich in der folgenden Weise über dasjenige ausspricht, was gerade jetzt berührt worden ist. Er sagt:
[ 13 ] Once again, anyone initiated into the ways of modern research can only be filled with admiration for the wonderful work that has been done on this subject even to this day. It was thought that we would find the single egg cell, out of which man had evolved, in the appropriate simplest living being, and would then be able to explain the origin of man out of this egg cell, which would be similar to what would be discovered as the simplest animal form in the world. Once again the path was taken to the smallest, this time the smallest living beings. And what has been found there? It is interesting to hear what a conscientious and important scientist of the 80's, Naegeli, had to say. He expressed his view, which has become famous, in the following way:
[ 14 ] Eine genauere Forschung der einzelnen Arten von Tieren und Pflanzen, wie sie vorhanden sind, ergibt, dass bis ins Kleinste hinein, bis in jede einzelne Zelle, eine jede einzelne Art mannigfaltigster Verschiedenheiten walten. Und dass die Eizellen eines Huhns sich von den Eizellen eines Frosches genau ebenso unterscheiden wie das Huhn selber vom Frosch.
[ 14 ] Exact research on the individual species of plants and animals shows that even the tiniest cells of each single species have the most varied differentiation. The egg cell of a hen is just as fully differentiated from that of a frog as a hen itself is different from a frog.—
[ 15 ] Wir kommen, indem wir hinuntersteigen zu dem einfachsten Zellenwesen, aus dem man erklären wollte die Komplikation desjenigen, was vor dem gewöhnlichen Bewusstsein steht, wir kommen zu nichts Einfacherem, wie wir zum Eisenatom kommen und schließlich anerkennen müssen als so kompliziert wie ein SteinwayFlügel. So müssen wir die Verschiedenheiten der einzelnen Eizellen so groß denken wie die Verschiedenheiten der Arten und Gattungen, die in der äußeren Natur vor dem gewöhnlichen Bewusstsein dastehen. Damit aber negierte Nägeli den ganzen Weg gerade aus naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit heraus, den der materialistisch gefärbte Darwinismus genommen hat.
[ 15 ] In descending to the simplest living cells, by means of which it was hoped to explain the complications facing our normal consciousness, we do not arrive at anything simpler—as for instance when we study the iron atom—and in the end have to admit that it is just as complicated as a Steinway piano. Thus we have to imagine that the difference between the individual egg cells is as great as is the difference between the various species we see in nature with our ordinary consciousness.
[ 16 ] Interessant ist nun eine andere Tatsache. Man könnte glauben: Nun ja, Nägeli, der große Botaniker, wäre eben eine einseitige Persönlichkeit, hätte eben in den Achtzigerjahren dieses ausgesprochen, und heute schreitet die Forschung schnell voran, und es könnte also heute das längst nicht mehr vertreten werden, was Nägeli in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat. Aber wir können gerade das Allerallerneueste auf diesem Gebiete ins Auge fassen, das in einer schönen Weise zusammengefasst ist durch einen sehr bemerkenswerten Mann, nämlich durch einen der hervorragendsten Schüler Ernst Haeckels, durch Oscar Hertwig; und in den letzten Wochen [ist] ja erst erschienen die Zusammenfassung desjenigen, was Oscar Hertwig, einer der größten Haeckel-Schüler, aus seinen Forschungen herauszugeben hatte, über — so nennt er sein Buch — «Das Werden der Organismen», eine Widerlegung der Darwin’schen Zufallstheorie.
[ 16 ] Naegeli therefore proves by means of his own scientific conscientiousness that the approach of Darwinism with its materialistic bias is of no value. But now there is another interesting fact. We could, of course, think that Naegeli, the great botanist, was really a one-sided personality, and in any case what he said was spoken in the 80's and that science has progressed and that his views are out of date. But we can also study the very latest developments on this subject, which have been well summed up by a most significant person, one of the most eminent pupils of Ernst Haeckel:—Oskar Hertwig. In the last week or two there has been published his summing up of what he has to offer as a result of his research on—as he calls his book,—Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufalls theorie.
[ 17 ] Also denken Sie, sehr verehrte Anwesend, es liegt die Tatsache vor, dass einer der größten Schüler Haeckels, des radikalsten Vertreters des materialistisch gefärbten Darwinismus im Laufe seines Lebens, dazu kommt, diesen ganzen materialistisch gefärbten Darwinismus gründlich und auf das Umfassendste zu widerlegen. Wir finden vor allen Dingen, dass Oscar Hertwig — Haeckels großer Schüler, den ich selber aus Haeckels Munde oftmals nennen gehört habe als denjenigen, auf den Haeckel ganz besonders viel gab, als seinen Fortsetzer —, wir erleben, dass Oscar Hertwig heute die Widerlegung desjenigen liefert, was er aus wissenschaftlichem Darwinismus in seinem Zeitalter von seinem Lehrer Haeckel aufgenommen hat. Er liefert diese Widerlegung gründlich, Oscar Hertwig, denn er macht — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — gewissermaßen ganze Arbeit.
[ 17 ] Just imagine, we are confronted by the fact that one of the great pupils of Haeckel, the most radical exponent of materialistic Darwinism, has in the course of his life come to refute this materialistic Darwinism in the most thorough and complete way. I myself often heard from Haeckel's own lips that Oskar Hertwig was the one from whom he expected the most, and whom he expected to be his successor. And now we find today that it is Oskar Hertwig who refutes what he had absorbed as scientific Darwinism from his teacher, Haeckel! And he does it thoroughly, for his work—if I may use the expression—has a certain completeness.
[ 18 ] Das ist das, was ich vorläufig erwähnen will. Ich werde noch auf die Frage zurückkommen. Nur das sei noch gesagt, dass Oscar Hertwig alles, was an Forschungen bis zu diesem Tage aufzubringen ist, heranzieht, um den Nachweis zu liefern, dass der Ausspruch, den ich Ihnen angeführt habe, der Ausspruch Nägelis, vollständig seine Richtigkeit hat; sodass vom heutigen, unmittelbar gegenwärtigen Standpunkt naturwissenschaftlicher biologischer Forschung zu sagen ist, dass der Weg ins kleinste Lebewesen niemals zu mehr führen kann als zu dem, wozu uns auch die Anschauung der Gattungen und Arten, die für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns stehen, führen kann. Denn die kleinsten Lebewesen, die Zellen, sind, wenn sie [Eizellen] sind, so verschieden — nach Nägeli, nach Hertwig — wie verschieden sind die Arten und Gattungen selber. Der Weg ins Kleinste lehrt uns nur, dass eben auf diesem Wege nichts zu finden ist, als was auch im Anblicke der gewöhnlichen Welt zu finden ist für das lebendige Bewusstsein.
[ 18 ] This is what I wanted to say, to start with. I shall come back to the question later. I would only like to add that Oskar Hertwig makes use of everything that even the most recent research has brought to light in order to prove that what Naegeli said was absolutely true, so that one can say that the present-day position of biological research shows that a study of the smallest living entities does not tell us any more than does a study of the various species that we can perceive quite normally. For these smallest living entities, the cells, are, according to Naegeli and Hertwig, just as different as are the species themselves. A study of them only teaches us that nothing can be discovered in this way that cannot also be discovered by our normal perception in looking at the ordinary world.
[ 19 ] Aber etwas ganz Ähnliches, sehr verehrte Anwesende, zeigt sich auch — ich kann das nur kurz erwähnen —, wenn wir statt ins Kleinste ins relativ Größte gehen: zu den astronomischen Tatsachen. Denn auch da haben wir im Laufe der letzten Zeiten der menschheitlichen Entwicklung die größten, die wunderbarsten Fortschritte gesehen, zum Beispiel in jenem wunderbaren Fortschritt der [Spektral]-Analysen, die besonders im Jahre [1859] die Menschheit so überraschten und seither so gewaltige Folgen gehabt haben für die Astronomie, für die Astrophysik insbesondere. Was haben sie gebracht? Einer der wichtigsten Sätze ist für viele, die auf diesem Gebiete zu Hause sind, der, dass, wo wir auch hinblicken in der Welt, mögen wir auch den einen oder anderen Stoff noch entdecken, das ist ja nicht maßgebend, dieselben Stoffe mit denselben Kräften, die hier auf der Erde wirksam sind und wirken, wir finden sie im ganzen, auch relativ Großen, sodass auch, wenn wir jetzt nicht ins Kleinste, sondern ins Große gehen, wir wiederum nichts anderes finden als dasjenige, was wir ausgebreitet im Raume und in der Zeit finden für das Bewusstsein, das wir im Alltag haben.
[ 19 ] Nor is it much different when—I can only mention this briefly—instead of looking at the very small, we look at the very large, the world of astronomy. For here too there has been the most wonderful progress in more recent times, for instance, in the study of the way the heavenly bodies move, which surprised everyone so much in 1859, and which has had such tremendous consequences in astronomy and especially in astrophysics.—And what has been the result? A thing one hears frequently from those who are at home in this subject is: Wherever we look in the world, whether we discover one or the other substance, this is not the main thing, for we find exactly the same substances with exactly the same forces in the universe, in the relatively large, as we find working here on the earth, so that when instead of looking into the very small, we examine the very large we only find what we know from our ordinary experience of space and time in everyday life.
[ 20 ] Gerade mit einer Vertiefung in dasjenige, was Naturwissenschaft leisten kann, mit einer bewundernden Vertiefung ferner in das, was sie geleistet hat, rüstet sich die moderne Geisteswissenschaft oder Anthroposophie aus. Aber sie ist sich auch klar darüber, dass, wie bewundernswert, wie großartig diese Leistungen der modernen Naturwissenschaft auch sein mögen, und wie bedeutungsvoll sie auch für gewisse Lebenszwecke sein mögen, wie unendlich notwendig sie sein mögen dem gesunden menschlichen Fortschritt: Hinein in das Menschenrätsel werden sie niemals führen! Das haben sie schon bis heute gezeigt.
[ 20 ] It is just in deepening what can be achieved by natural science and in particular in feeling deep admiration for what natural science has achieved that the way for a modern science of spirit or anthroposophy is prepared. But the latter is also well aware that however admirable these achievements of natural science are, however significant they may be for particular purposes, however necessary they may be for sound human progress, they can never penetrate the real mystery of man. This they themselves have proved until now.
[ 21 ] Daher sucht Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gerade aus dem heraus, was man lernen kann aus der modernen Naturwissenschaft, einen ganz anderen Weg zu gehen: den Weg, nicht durch Anschauung eines anderen, eines Kleinsten oder Größten, dasjenige zu erklären, was dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, nicht durch Anschauen eines anderen, eines Mikroskopischen oder Teleskopischen oder irgendwie in diesem Sinne bewaffneten Sinn zu Erreichenden oder mit wissenschaftlich geeigneten Methoden, die in der Sinnenwelt sich abspielen zu Erreichenden, nicht durch Anschauen eines anderen, als dem gewöhnlichen Bewusstsein vorliegt, sondern durch eine andere Art des Anschauens selber sucht Geisteswissenschaft sich der Lösung des Weltenrätsels zu nähern, soweit diese dem Menschen möglich ist.
[ 21 ] The science of spirit or anthroposophy therefore takes its cue from natural science and tries to go quite a different way, and this way is not connected with trying to explain what we experience with our normal consciousness by means of a study of the very small or the very large, nor with methods using microscopes, telescopes or anything that can be attained by our senses or instruments which help them, nor by any scientific methods used in the sense world, nor by studying anything other than what we experience in our normal consciousness, but the science of spirit seeks to approach a solution to the mystery of man by a quite different kind of perception, as far as it is possible for human beings to do this.
[ 22 ] Und wenn ich zunächst skizzenhaft charakterisieren sollte, wie man sich dieses andersartige Anschauen der Dinge vorstellen kann, die um uns herum ausgebreitet sind, der Weltenereignisse, die uns umgeben, so muss ich sagen, das, was hier gilt, lässt sich durch einen Vergleich klarmachen.
[ 22 ] In giving an outline of how one can imagine this other way of looking at the things that surround us, and at the events that happen around us in the world, I will make use of a comparison which will help to make the matter clearer.
[ 23 ] Wir kennen aus dem gewöhnlichen Leben zwei Bewusstseinszustände: den Zustand des gewöhnlichen Bewusstseins, den wir haben vom Morgens-Aufwachen bis zum Abends-Einschlafen, den Zustand unseres gewöhnlichen Tagesbewusstseins; wir kennen aber auch noch den Zustand des sogenannten Traumbewusstseins, in dem chaotisch wirken aus zunächst dem Menschen nicht zugänglichen, für sein Bewusstsein wenigstens nicht zugänglichen Untergründen des Organismus, im tiefsten Sinne aufsteigen und sich chaotisch angeordnet abspielen, wir kennen durch das Erleben den Unterschied zwischen diesem chaotischen Traumbewusstsein und dem geordneten, in die Wirklichkeit sich einkleidenden Tagesbewusstsein. Kurz, sehr verehrte Anwesende, wir wissen aus dem täglichen Leben, was Aufwachen ist.
[ 23 ] In ordinary life we are familiar with two states of consciousness, the state of our normal consciousness which we have from the time we awaken in the morning to the time we go to sleep in the evening—this is our normal day consciousness. We are also familiar with the state of our so-called dream consciousness, in which pictures rise chaotically out of depths of the organism that are not accessible to human consciousness, and these pictures appear to be completely without any form of order. It is our experience that makes us aware of the difference between this chaotic dream consciousness and our orderly day consciousness which is encompassed by the real world.
[ 24 ] Geisteswissenschaft oder Anthroposophie zeigt uns nun, dass so, wie es ein Aufwachen gibt aus dem chaotischen Traumbewusstsein zu dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein, dass es auch gibt ein Aufwachen aus diesem Tagesbewusstsein wiederum zu einem — wie ich es genannt habe in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» — «schauenden Bewusstsein». Nicht mit einem Zurückfallen in die Welt irgendwelcher Träume, in die Welt auch irgendwelcher Visionen oder Halluzinationen rechnet Geisteswissenschaft, sondern sie rechnet mit etwas, was eintreten kann in das menschliche Bewusstsein, in das gewöhnliche Tagesbewusstsein, so wie dieses gewöhnliche Tagesbewusstsein ersetzt das Traumbewusstsein, wenn wir aus dem Traumbewusstsein aufwachen in das Tagesbewusstsein: Also, mit einem schauenden Bewusstsein, mit einem wirklichen Erwachen aus dem gewöhnlichen Tageserleben, mit einem höheren Bewusstsein — wenn der Ausdruck gestattet ist — rechnet Geisteswissenschaft oder Anthroposophie. Und die Ergebnisse dieses schauenden, dieses höheren Bewusstseins, die macht sie zu ihrem Inhalte. Und so wie der Mensch sich eingliedert in eine Sinneswelt, wenn er aus dem Traum heraus, wo Bilder chaotisch auf- und absteigen, erwacht, so gliedert sich der Mensch ein als Geistesforscher in eine geistige Welt, in eine wirkliche, reale geistige Welt, wenn er aus dem gewöhnlichen Tagesbewusstsein erwacht zu dem schauenden Bewusstsein.
[ 24 ] The science of spirit or anthroposophy shows us that just as we awaken out of the chaotic dream consciousness into our ordinary day consciousness there is also a further awakening out of our day consciousness to—as I have called it in my book, Riddles of Man—a perceptive consciousness. The science of spirit does not deal with a reversion into a world of dreams, visions or hallucinations, but with something that can enter into human consciousness, into ordinary day consciousness in the same way that this day consciousness replaces our dream consciousness when we awaken. The science of spirit or anthroposophy is therefore concerned with a perceptive consciousness, with a real awakening out of our ordinary day consciousness, with a higher consciousness, if I may use such an expression. And its content is derived from the results of this perceptive, higher consciousness.—Just as the human being awakens from his dream world, where pictures move chaotically to and fro, into the world of the senses, so now as a scientist of spirit he awakens from the normal day consciousness into a perceptive consciousness, where he becomes a part of a real, spiritual world.
[ 25 ] Nun muss ich zunächst wenigstens eine kurze skizzenhafte Vorstellung von dem geben, was nun das schauende Bewusstsein ist. Dieses schauende Bewusstsein wird nicht erworben durch irgendeinen phantastischen willkürlichen Akt oder phantastischen, willkürlichen Entschluss. Dieses schauende Bewusstsein wird erworben von dem Menschen, der es als Geistesforscher erwerben will, in langer Arbeit, in einer Arbeit, die wahrhaftig nicht weniger mühselig ist als irgendeine Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, die aus kleinem und kleinstem zusammensetzt dasjenige, was, manchmal auch an kleinen Ergebnissen, die aber notwendig sind, für die Gesamtheit der Wissenschaft, hervortreten. Aber alles dasjenige, was der Geistesforscher zu verrichten hat, wird nicht so wie im Laboratorium, wie auf der Sternwarte, mit äußeren Vorrichtungen und mit äußeren Methoden verrichtet, sondern es wird an demjenigen Apparat, der einzig und allein für wirkliche Geisteswissenschaft taugt, verrichtet; es wird an der menschlichen Seele, an dem Element der menschlichen Seele selbst verrichtet; es besteht in inneren Vorgängen der menschlichen Seele, die allerdings, wie wir es gleich sehen werden, nichts zu tun haben mit einer chaotisch verworrenen Mystik, sondern die systematisch-methodisches Arbeiten an der menschlichen Seele voraussetzen.
[ 25 ] Now, first of all, I must give an idea of what this perceptive consciousness is. It is not acquired by means of any particular fantastic, arbitrary act or fantastic arbitrary decision, but it is acquired by a person working as a scientist of spirit, work which takes a long time, that is no less toilsome than work in the laboratory or observatory, which is pieced together out of the smallest fragments, perhaps even with only small results, but which are necessary for the progress of science as a whole. But everything that the scientist of spirit has to do is not done as in the laboratory or observatory with ordinary methods and appliances, but is done with the only apparatus that is of any use to the science of spirit, the human soul. It consists of inner processes of the human soul, which, as we shall now see, have nothing to do with vague or chaotic mysticism, but which demand systematic and methodical work on the human soul.
[ 26 ] Wie kommt man überhaupt darauf, nach solcher geistiger Arbeit zu begehren, nach solchen inneren Entwicklungen, nach solcher höheren Selbsterziehung zu begehren? Man kommt nur dazu, wenn man, ausgehend von dem gewöhnlichen Bewusstseinsleben — und man kann das —, zu einer gewissen Überzeugung kommt, die immer mehr und mehr vollkommen wird, je mehr man sich gerade mit seiner Gesinnung in das moderne wissenschaftliche Leben einlebt. Seit Jahrhunderten schon sieht man diese Gesinnung heraufziehen in einzelnen Persönlichkeiten, heute ist sie schon bei mehr und immer mehr Persönlichkeiten vorhanden, auf die einzelnen Namen und so weiter kann ich nicht eingehen, aber das, was da als ein inneres Erlebnis, als eine gewisse notwendige innere Anschauung und Gesinnung nach und nach hervortritt unter dem Einflusse der wissenschaftlichen Denkrichtungen der neueren Zeiten, das wird immer mehr und mehr breiteste Kreise der Menschenseelen ergreifen, das wird allgemeine Überzeugung werden mit all den Folgen, die eine solche Überzeugung haben muss.
[ 26 ] How does one acquire the wish to pursue such spiritual work, such an inner development, such a higher self training? It is possible to do it by taking our ordinary conscious life as a starting point, and gradually coming to a particular kind of conviction that becomes more compelling as one immerses one's mind in the modern scientific outlook. For several hundred years already there have been some personalities with this attitude of mind, and today this is increasingly the case. I cannot mention individual names now, but this inner experience, which gradually emerges under the influence of the scientific way of thinking as a distinct and necessary inner outlook and attitude, will affect increasingly wider circles of people and will become a common conviction with all the consequences that such a conviction is bound to entail.
[ 27 ] Zweierlei ist es, um das es sich da handelt. Das Erste ist, dass man schon aus einer wirklichen, intimen, geordneten, willigen Selbstbeobachtung heraus eine gewisse Anschauung gewinne über das menschliche Ich, über dasjenige, was wir das Ich, was wir unser Selbst nennen. Dieses Selbst, wir sprechen es an; wir sprechen es sogar mit einem Worte aus, nachdem wir von einem gewissen Zeitpunkt unserer Kindheitsentwicklung an uns das IchWort angeeignet haben. Allein wenn wir in ehrlicher und auf Selbsterziehung beruhender Selbstbeobachtung suchen — Was ist es eigentlich mit diesem Ich? Wo ist es in uns darinnen? —, finden wir dieses Ich, wenn wir ehrlich sein wollen? Oder müssen wir nicht gerade, wenn wir ehrlich und gewissenhaft selbst beobachten, zu einer Art Überzeugung kommen, wie der große Denker Hume gekommen ist, der da sagte, wahrhaftig nicht aus einer Willkür heraus, sondern aus ehrlicher Selbstbeobachtung heraus sagte:
[ 27 ] There are two things that we are concerned with here. The first is that we have to acquire a certain view of the human ego, or what we call our self, by means of true and intimate observation, carried out willingly and with discipline. We address this self, we express it in one word, when after a certain point in our childhood development, we begin to use the word “I.” In our honest self-observation based on self-training we ask: What is this ego really like? Where is it to be found in us? Is it possible to find it or, if we are honest and conscientious, do we not have to admit as the great thinker Hume did, who did not arrive at his convictions arbitrarily, but by honest, self-observation:
Wenn ich noch so sehr in mein Inneres schaue, ich finde Gefühle, Vorstellungen, Lust und Leid, ich finde das, was ich als das eine oder andere an der Welt erlebt habe, aber ein Ich finde ich nirgends. Und wie könnte ich auch
that however much I look into myself, I find feelings, ideas, joy and sorrow, I find what I have experienced in the world, but I do not find an ego anywhere? And how can I in any case
— so sagt er mit Recht —
—as he quite rightly says—
dieses Ich finden! Wenn ich es so einfach finden könnte, so müsste es ja da sein, auch wenn ich schlafe. Aber wenn ich schlafe, weiß ich nichts von diesem Ich. Kann ich annehmen, dass es abends verlöscht und morgens wieder ersteht? Es muss also ohne, dass es von der Vorstellung ergriffen wird, auch während des Nichtvorstellens im Schlafenserlebnis vorhanden sein.
find this ego? If it could be found so easily it would also have to be present when I sleep. But when I sleep, I know nothing about this ego. Can I assume that it is extinguished in the evening and revives again in the morning? Without actually being grasped by the mind, it must be present even when the mind is not working in sleep.
[ 28 ] Das ist so klar wie möglich. Und diese Klarheit ergibt sich immer mehr und mehr für den, der die Literatur auf diesem Gebiete der Gegenwart kennt; er weiß, dass das für immer zahlreichere und immer zahlreichere Menschen der Fall sein wird.
[ 28 ] This is absolutely clear. And all those who are familiar with present-day literature on this subject will increasingly find this clear and obvious, that this will become more and more the case.
[ 29 ] Was liegt da eigentlich vor? Es liegt das vor, worauf man immer mehr und mehr kommt — natürlich müsste ich nun stundenlang sprechen, wenn ich alle Einzelheiten anführen wollte zum Beweis, dass man dazu komme —, aber es liegt das vor, ich will es nur anführen, wozu man immer kommt, dass dieses Ich, wovon wir sprechen, im gewöhnlichen Tagesbewusstsein genau nicht anders vorhanden ist als im tiefsten traumlosen Schlaf. Das Ich schläft immer. Es schläft, wenn wir schlafen, es schläft, wenn wir wachen, und nur vom schlafenden Ich wissen wir auch, wenn wir wachen, von dem, was in einer dumpfen Sphäre des Seelenlebens auch für das Wachbewusstsein lebt. Auch wenn wir hell wachend sind im gewöhnlichen Bewusstsein, ist das Ich nicht anders vorhanden, als es vorhanden ist im Schlafe. Und nur, weil unser übriges Seelenleben vorhanden ist und gewissermaßen wie der schwarze Fleck im Auge nicht sieht, so etwas in uns nicht vorgestellt werden kann wie das Ich, so nehmen wir dieses Nicht-Vorgestellte, dieses gewissermaßen Schwarz-Gestellte in der Seele wahr. Das Ich schläft fortwährend, und es ist kein Unterschied in Bezug auf die Vorstellung des Ich zwischen dem Schlafesund dem Wachleben.
[ 29 ] How are we to understand this? I would have to speak for hours if I were to go into details to prove what I am now saying.—I can only just mention the one fact that the ego of which we are speaking is present in the same way in our day consciousness as it is in the deepest, dreamless sleep. The ego always sleeps. It sleeps when we are asleep, and it sleeps when we are awake, and we know only about a sleeping ego when we are awake, about what lives, even as far as our waking consciousness is concerned, in a hardly conscious sphere of our soul life. Even when we are wide awake in our ordinary consciousness the ego is still only present as it is when we sleep. The reason we cannot imagine anything like an ego in us is because the rest of our soul life is present and, like the black spot in our eyes, cannot see.—The ego is made dark in our souls in a way, and can only be perceived as something we cannot imagine. The ego is always asleep and there is no difference between the way the ego should be imagined in sleep and when we are awake.
[ 30 ] Aber auch, wenn wir unser gewöhnliches Vorstellen ins Auge fassen, so kommen wir durch eine rechte, durch Selbsterzichung herausentwickelte Selbstbeobachtung dazu, zu erkennen, dass dasjenige, was als Vorstellungen in uns lebt, auch während des wachen Tageslebens kein anderes Dasein hat in uns als genau dasselbe wie die chaotisch auf- und abwogenden Traumvorstellungen der Nacht. In unserem Vorstellen träumen wir, auch wenn wir wachen. Diese Wahrheiten, dass unser Ich schläft, dass wir in unserem Vorstellen träumen, auch wenn wir wachen, diese Wahrheiten, die werden allerdings hinweggespült von dem regen Tagesleben. Aber für denjenigen, der die Menschenseele beobachten kann, ergeben sie sich durchaus als große, erschütternde Wahrheiten am Ausgangspunkte einer jeden geisteswissenschaftlichen Forschung.
[ 30 ] It is the same when we consider our minds; for if we train our self-observation properly we realize that our mental images have exactly the same existence in our waking day life as they do in the night in the chaotic mental images of our dreams. In our minds we dream, even when we are awake. These truths that our ego sleeps and that we dream in our minds and imagination, even when we are awake—these truths, it is true, are washed away by our active life in the day. But for anyone able to observe the human soul they prove to be great and shattering truths which stand at the start of every spiritually scientific investigation.
[ 31 ] Und wenn man dann frägt, frägt die Selbstbeobachtung: Ja, wie unterscheidet sich denn eigentlich dann unser gewöhnliches Tagesleben, unser Wachleben von dem Traumleben, von dem Schlafleben? Was tritt denn da ein im Momente des Aufwachens? Wie gesagt, Details kann ich nicht ausführen, alle Details, die notwendig sind, um das vollständig zu durchdringen, was ich heute nur skizzenhaft anführen kann, finden Sie in meinen Büchern, namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss». Die Frage entsteht: Was tritt denn eigentlich im Momente des Erwachens ein, wenn wirklich unser Ich schlafend bleibt, wenn unsere Vorstellungen solche Bilder auch im Wachen sind wie die Traumbilder, wie unterscheidet sich denn der wachende Mensch von dem schlafenden Menschen?
[ 31 ] And if we were then to ask, to ask one's self-observation: This is all very well, but how do we actually distinguish our ordinary waking life of the day from our dream life and our sleeping life? What happens at the moment when we wake up?—As I have said, I cannot go into details—you can find all the details necessary to understand more completely what I am now saying in outline in my book Knowledge of Higher Worlds and its Attainment.—The question arises: What actually happens when we wake up, if our ego really remains asleep and our ideas and images, even in waking life, are like dream pictures? What is the difference between the waking and the sleeping human being?
[ 32 ] Da gibt eine — wie gesagt — geschulte Selbstbeobachtung die Antwort: Es ist das Hineindringen, Hineinströmen des Willens in das Seelenleben, welches einzig und allein das Wachleben von dem Schlaf- und Traumleben unterscheidet. Dass der Wille sich ergießt in uns und wir nicht willenlos aufsteigende Traumbilder haben, sondern uns mit dem Willen verbinden mit der äußeren Welt, uns durch den Willen eingliedern in die äußere Welt, das macht es, dass wir wachen und nicht träumen. Was die Traumbilder erweckt zu einer Wesenhaftigkeit, dass sie Abbilder sind, Abbilder reale wirkliche Abbilder einer äußeren Welt, das macht, dass wir uns nach dem Aufwachen durch den Willen hineingliedern in die äußere Welt. So paradox das heute noch klingt für sehr viele Menschen, es wird dieses eine Grundüberzeugung einer kommenden Weltanschauung werden müssen, und wird es werden, weil jede wahre, selbstbeobachtende Wissenschaft dieses ergibt.
[ 32 ] Trained self-observation provides the answer: It is solely the penetration of the will into the soul life which differentiates waking life from sleeping and dreaming. The fact that we are awake and do not dream is due solely to the will pouring into us. It is because of this that we do not have dream pictures rising up without any direction of will, that we unite ourselves to the outer world with our will and with our will become a part of the outer world. It is what awakens the dream pictures to the substance of real-ness that they are images of an outer world, that brings it about that after waking up we are able to incorporate ourselves into the world through our will. However paradoxical this may sound to many people today, it will have to become a basic conviction of a future outlook and will indeed become so, because it is bound to follow from a science based on true self-observation.
[ 33 ] Das Hineinblitzen des Willens in das Vorstellungsleben ist es, was uns real hineinstellt in die äußere Welt, die wir zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein vor uns haben. Dies ergibt eine wirkliche Selbstbeobachtung im gewöhnlichen Bewusstsein. In diesem gewöhnlichen Bewusstsein kann man aber nicht stehen bleiben, wenn man in die Wesenheit der Dinge, die uns umgeben, und den Zusammenhang des Menschen mit der Welt wirklich eindringen will. Da handelt es sich darum, dass eine ähnliche Umwandlung mit unserem Seelenleben vor sich gehe, mit unserem gewöhnlichen Tages-Seelenleben vor sich gehe, wie mit dem Schlaf- oder Traumleben beim Erwachen vor sich geht. Und eine Umwandlung wird herbeigeführt dadurch, dass man eben mühselig arbeitet an der metamorphosischen Umänderung erstens des Vorstellungslebens, zweitens des Willenslebens.
[ 33 ] It is the flashing of the will into our minds that gives us our real connection with the outer world, which we experience with our ordinary consciousness. It is this that provides us with real self-observation in our ordinary consciousness. But we cannot remain in this consciousness if we really wish to fathom the actual nature of the things that surround us and the connection of human beings with the world. There has to be a similar transformation in our soul life, in the ordinary soul life we have in the day, in relation to the transformation that happens in our sleeping and dreaming life when we wake up. And a transformation can come about by working arduously towards a change, firstly in the life of our minds, and secondly, in the life of our will.
[ 34 ] Und nun möchte ich gleich darauf aufmerksam machen, sehr verehrte Anwesende, dass dasjenige, was hier Geisteswissenschaft oder Anthroposophie genannt wird, nicht auf irgendetwas Metaphysischem oder Spiritistischen beruht, nicht auf irgendetwas verworren Mystischem beruht, sondern dass es eine wahre Fortsetzung gesunder menschlicher naturwissenschaftlicher Denkweise ist. Und so kann es angeknüpft werden, wie an manches andere, beispielsweise nun an die gesunden, aber die gesunden Anfänge, die bei einem ganz besonders gesunden Geiste der neueren Zeit vorhanden sind, es kann angeknüpft werden an dasjenige, was Goethe’sche Natur- und Weltanschauung genannt werden kann.
[ 34 ] And I would like to point out at the start that what we call the science of spirit or anthroposophy is not based on anything metaphysical, spiritualistic or anything vaguely mystical, but that it is a true continuation of the well-founded and human scientific way of thinking. And so we can, for instance, link on to the sound beginnings that are to be found in the Goethean outlook upon nature and the world.
[ 35 ] Gestatten Sie diese persönliche Bemerkung, sehr verehrte Anwesende, weil sie doch mit dem, das ich selber vorzubringen habe, einiges zu tun hat, dass ich gerade anknüpfe an diese Goethe’sche Natur- und Weltanschauung, das beruht darauf, dass ich durch mein Schicksal darauf geführt wurde, diese Goethe’sche Welt- und Naturanschauung gerade weiter zu vertiefen und aus ihr dasjenige herauszuholen, was dann weiterführt, wie wir sehen werden, zu einem wirklichen Hineinschauen in die Geisteswelt, die uns umgibt, so wie uns die sinnliche Welt umgibt.
[ 35 ] Allow me this personal remark, because it has something to do with what I have to say. That I am linking on to this Goethean outlook upon nature and the world is due to the fact that my destiny led me to immerse myself in it and to take from it what leads, as we shall see, to real perception into the spiritual world that surrounds us, surrounds us in the same way that the sense world does.
[ 36 ] Ein Großes bei Goethe, das heute noch immer nicht gewürdigt ist, ein Großes bei Goethe ist zum Beispiel, dass er imstande ist, dasjenige, was physikalische Erscheinungen sind, die man sonst nur abgesondert vom Menschen betrachtet, heranzuführen bis an das menschliche Seelenleben. Das ist etwas ganz Wunderbares, wenn man sieht, wie Goethe ein physikalisches Kapitel seiner heute noch von den meisten Menschen ganz verachteten Farbenlehre hinanführt von dem Physikalischen und Physiologischen bis zu dem, was er so schön zum Ausdrucke bringt in dem Teil, den er nennt: «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Allerdings, es ist heute mannigfaltig kompromittierend, über Goethes Farbenlehre zu sprechen. Über Goethes Farbenlehre kann heute nicht gesprochen werden ohne Weiteres, weil die Physik in ihrer heutigen Verfassung keine Diskussionsmöglichkeit für die Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre gibt. Aber es wird schon eine Zeit kommen, das will ich nur andeuten, wo diese Goethe’sche Farbenlehre gerechtfertigt wird von einer fortgeschrittenen Physik.
[ 36 ] What is so noteworthy with Goethe—and which is still not appreciated today—is that for instance he is able to bring physical phenomena that normally are only considered quite apart from the soul being, right into the life of the human soul. It is really quite wonderful to see how Goethe treats the physical aspects in his Theory of Color, which is still looked down upon by most people today, how he starts with the physical and physiological aspects and leads from them to what he expresses so beautifully in the section, “The Physical and Moral Effect of Color.” Naturally, one compromises oneself in many respects if one speaks about Goethe's Theory of Color. It cannot be spoken about as a matter of course because in its present form physics does not allow for any possibilities of discussing a justification of Goethe's theory. But the time will come when Goethe's Theory of Color will be vindicated by a more advanced kind of physics.
[ 37 ] Ich kann verweisen auf dasjenige, was ich in meinem Buche «Über Goethes Weltanschauung» und in meiner Einleitung zu Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften» in künstlerischer Beziehung ganz besonders über diesen Punkt ausgeführt habe. Aber heute will ich auf keine Rechtfertigung der Goethe’schen Farbenlehre eingehen, sondern nur auf das Methodische hinweisen, wie sich wirklich herausentwickelt aus dem Physikalischen bei Goethe das Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkung der Farben». Da spricht er sehr schön aus, was die menschliche Seele erlebt, indem sie dem Blau, der Farbe Blau gegenübersteht.
[ 37 ] I can refer to what I have said about the artistic side of this in my book Goethe's Conception of the World, and in my introduction to Goethe's scientific writings. (Published in English as Goethe the Scientist—Ed.) Today, however, I am not concerned with vindicating Goethe's Theory of Color, but only wish to deal with method, with how Goethe manages to evolve beyond purely physical considerations in the chapter “The Physical and Moral Effect of Colors.” Here he describes so beautifully what the human soul experiences when it perceives the color blue.
Blau
Blue,
— sagt Goethe —
says Goethe,
ergießt in die Seele herein ein gewisses Erlebnis von Kälte, weil sie an Schatten erinnert. Blaue Räume gießen über alle Gegenstände eine traurige Stimmung aus.
pours into the soul the experience of coldness because it reminds us of shadow. Blue rooms bestow a feeling of sadness on all the objects in the rooms.—
Oder nehmen wir noch das, was Goethe über das Erleben der roten Farbe sagt:
Or let us take what Goethe says about the experience of the color red.
Die rote Farbe
Red,
— sagt Goethe —
says Goethe,
ist in ihrer Wirkung einzig, wie ihre Natur ist: Sie kann erzeugen, die rote Farbe, ebenso das Erlebnis von Ernst und Würde wie von Ehrfurcht und Anmut, von Ernst und Würde, wenn sie in ihren dunkleren Tönen und verdichtet ist; von Ehrfurcht und Anmut wenn sie in ihren verdünnteren und helleren Zuständen auftritt.
produces an experience purely according to its own nature. It can produce the experience of seriousness and worthiness, or of devotion and grace—of seriousness and worthiness in its darker and thicker shades, of devotion and grace in its lighter and thinner shades.—
[ 38 ] Da sehen wir, wie Goethe nicht allein den Blick richtet auf das unmittelbar Physische der Farbe, sondern wie er die Seele heranholt an die Farbe wie ein Sympathie- und Antipathie-Erlebnis, ein unmittelbares Seelenerlebnis, wie wir es in dem Erlebnis von Lust und Leid im Leben haben. Wenn auch in einer kaum bemerkbaren Intensität von Goethe geschaut wird bei den Farben, so nimmt Goethe die Farbenwelt durch, so wie sie durchgenommen werden kann, wenn man das Seelenleben ergießt über diese Farben; das heißt: Goethe sondert nicht das seelische von dem physikalischen Erlebnis. Und gerade dadurch hat er die Anfänge geliefert zu einer Beobachtung, die auch heute natürlich noch in den Anfängen ist, die aber eine ernste und würdige Ausgestaltung erfahren wird gerade durch das, was Anthroposophie oder Geisteswissenschaft ist.
[ 38 ] So we see that Goethe does not only deal with the immediate physical nature of color, but he brings the soul into it, the experiences of sympathy and antipathy, as immediate experiences of the soul, as we have in life when we feel joy and sorrow. It may be that the intensity with which Goethe studied the colors is hardly noticeable, but nevertheless he goes through all the colors in a way that one can do if one allows one's soul life to pervade them,—that is, Goethe does not separate the physical from the soul experience. In doing this he laid the foundation for a kind of observation which even today is naturally only in its beginnings, but which will find a serious and worthy further development in the science of spirit.
[ 39 ] Denn so, wie der Mensch der Farbenwelt gegenübersteht, so ist es auch mit der Welt der übrigen Sinne gestaltet, so ist er in der Wahrnehmung selber durch das, was physikalisch da steht, was physikalisch durch sein Auge, durch sein Ohr wirkt, so stark in Anspruch genommen, dass gegenüber diesem starken physikalisch Dastehenden dasjenige, was seelisch dieses physikalisch Dastehende durchstrahlt, durchströmt, dass er dieses Seelische nicht wahrnimmt, nicht erlebt, nicht erlebt in seiner vollen Stärke und in seiner vollen Bedeutung für das innere Seelenleben selbst, so wie man ein schwaches Licht nicht bemerkt neben einer starken Lichtquelle. Denn für das gewöhnliche Augenwahrnehmen ist eben dasjenige, was physikalisch dasteht, vor allen Dingen von besonderer Stärke.
[ 39 ] For the human being's relationship to color is exactly the same as exists with the rest of his senses. He is so fully taken up with the perception of something physical, with what works through his eyes and ears, that he does not perceive what radiates through and permeates the physical percept as an element of soul; he does not experience its full power and significance in his inner life. It is like not being able to see a weak light against a strong one. For it is above all the physical object that our eye normally perceives so strongly.
[ 40 ] Nun gibt es aber eine Möglichkeit, das, was bei Goethe allerdings, man möchte sagen instinktiv durch seine gesunde Natur in den Anfängen da ist, des Weiteren auszubilden, immer weiter und weiter zu führen.
[ 40 ] Now it is possible to take what is to be found in Goethe in its first beginnings—albeit instinctively with him because of his naturally sound outlook—a stage further.
[ 41 ] Und noch von einem anderen Punkte kann man ausgehen. Goethe behandelt die Farben niemals so, dass er sie nur ansieht in dem Dasein draußen, sondern er behandelt die Gegenwirkung, das Organische immer. Wie wunderbar, selbst gegenüber den neuesten physikalischen Versuchen von [Hering], Hume unter anderem ist dasjenige, was Goethe hervorhebt über die Gegenwirkung des Auges, wie die Farben nicht nur wahrgenommen werden, solange man sie ansieht, sondern wie sie abklingen. Aber in alledem sind eben für das äußere Anschauen schwache Anfänge gegeben, die vielmehr auf das innere Vorstellungsleben angewendet, weiter ausgebildet werden können; denn in ihrem sorgsamen gewissenhaften Ausbilden gewisser Seiten des Vorstellungslebens liegt ja eine Seite der Forschung, die zur Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gehört. So wie Goethe selber sich zu der Farbe stellt, so stellt sich derjenige, der geistesforscherisch in die geistige Welt eindringen will, zu dem Vorstellungsinhalt, der ja für dies gewöhnliche Bewusstsein im Grunde genommen nur willensdurchstrahlte Traumbilder-Welt ist, und ganz anders als das gewöhnliche Bewusstsein sich zu den Vorstellungen, zu den Begriffen, zu den Ideen verhält, verhält sich der Geistesforscher nicht für die äußere Welt; da bleibt er ein gesund denkender Mensch wie jeder andere Mensch. Aber für das Offenbaren der geistigen Welt muss er eine gewisse Art des schauenden Bewusstseins bewirken. Und er bewirkt es dadurch, dass er gewisse Metamorphosen des Vorstellungslebens hervorruft.
[ 41 ] And it can also be looked at from another viewpoint. Goethe never deals with colors only as they exist in the world, but he also deals with the reaction they stimulate, their effect on the organism. How wonderful, even compared with the latest experiments in physics done by Hertwig, Hume and others, are the things that Goethe brought to light about the reaction of the eye, how the colors are not only perceived as long as one looks at them, but then they only gradually fade away. In all this there are in our ordinary perceptions weak beginnings which can be applied much more to the inner life of our mental images and can undergo further development. For in the conscientious and careful development of particular aspects of our cognitive and imaginative life there is to be found an aspect of science that belongs to the science of spirit or anthroposophy. Goethe's attitude to color has to be applied by those who wish to penetrate into the spiritual world by means of the science of spirit to the content of our minds, which for our normal consciousness is really only a world of dream pictures permeated by the will. The scientist of spirit also approaches the outer world in exactly the same way as our ordinary consciousness approaches the pictures in our minds, concepts and ideas. A sound thinking person does not become any different from anyone else. But if he is to receive a revelation of the spiritual world he has to effect a particular kind of perceptive consciousness. And he does this by inducing a certain metamorphosis in the life of his mind.
[ 42 ] Dasjenige, was im Einzelnen getan werden muss, finden Sie in den genannten Büchern. Ich will nur das, was bewirkt wird in seiner prinzipiellen Bedeutung, vor ihre Seele hinstellen, sehr verehrte Anwesende. Durch ganz gewisses Verhalten, methodisches Verhalten zu der Vorstellungswelt, gelangt der Geistesforscher dazu, seine Vorstellungen allmählich loszulösen von ihrer gewöhnlichen Aufgabe. Die gewöhnliche Aufgabe der Vorstellungen ist ja diese, dass wir durch sie Abbilder der äußeren Wirklichkeit gewinnen. Ergebnisse sind uns die Vorstellungen. Für den Geistesforscher sind sie Anfang, denn er gibt sich diesen Vorstellungen, gleichgültig, was sie für eine äußere Bedeutung haben, was sie für ein äußeres Abbild geben, er gibt sich dem inneren Leben, den inneren Wirkungen der Vorstellung hin. Und er gibt sich dem inneren Wirken der Vorstellung so hin, sodass er nicht auf das schaut, was in den Vorstellungen als Inhalt enthalten ist, sondern was sich an Kräften entwickelt, wenn das vollständig zur Ruhe gebrachte Bewusstsein Vorstellungstätigkeit, Denktätigkeit in sich lebendig, regsam macht.
[ 42 ] The details of what has to be done you can find in the book already mentioned. I only want to put before you now the main principles. The scientist of spirit gradually manages to free his mental images from their normal task by a particular kind of methodical approach to the content of his mind. The normal function of our mental images is that they enable us to have pictures of the outer world. These pictures are the end result. But for the scientist of spirit they are a beginning, for whatever their significance, whatever kind of picture of the world they give, he immerses himself in its inner life, the inner effects of the picture, the image. And he does this in such a way that he does not look to its content, but to the forces that develop in it, and he does this when his consciousness has been completely brought to rest and becomes alive in the activity of his imagination and thinking.
[ 43 ] Der gewöhnliche Forscher der äußeren Natur beginnt mit der äußeren Natur und endet mit den Vorstellungen. Der Geistesforscher muss mit der inneren Regsamkeit der Vorstellungen beginnen, mit einer Art meditativer Arbeit, aber nicht mit jener Meditation, die landläufig geschildert wird, und die nichts anderes ist als ein Brüten über gewisses Vorstellen, nein, sondern es handelt sich darum, dass wirklich alles übrige Wogen und Regen der Seele beruhigt wird, sodass das Seelenleben wie ein ruhiges Meer gegenübertritt besonderen Vorstellungen, die überschaubar sind. Die sollen sich dann regen im Seelenleben, sollen bloß im Vorstellungsleben innerlich regsam sein. Durch lange meditative Arbeit, die, wie gesagt durchaus nicht geringer ist als Laboratoriums- oder Sternwarten-Arbeit, kommt man dazu, in diesem inneren Leben der Vorstellungen gewisse Wirkungen wahrzunehmen für das Leben der menschlichen Seele selber, merkwürdige Wirkungen. Im gewöhnlichen Bewusstsein entwickelt man als eine der wichtigsten, der bedeutendsten Seelenfähigkeiten das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen.
[ 43 ] Normally, a scientist starts with nature as it is in the world and ends up with his ideas. The scientist of spirit has to start with the inner activity of his ideas, with a kind of meditative activity, but which is not at all the same as the kind of meditation normally described and which is nothing more than brooding on something that is on one's mind—no, what we are concerned with here is that the soul is brought to rest, its activity is stilled, so that the life of the soul approaches certain ideas that can be grasped and surveyed like a calm sea. They should then become active in the life of the soul, active solely in the life of the mind. After a great amount of meditative work which is certainly not less than work done in the laboratory or observatory, we arrive at a stage where we perceive remarkable things happening, affecting the life of the soul in this inner life of the mind. One of the most important and significant faculties of the soul that we develop in our normal consciousness is our memory, our ability to remember.
[ 44 ] Was bringt denn das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen zustande? Das Erinnerungsvermögen, sehr verehrte Anwesende, bringt zustande, dass wir gewisse Vorstellungen, die wir in früherer Zeit gebildet haben, in späterer Zeit wiederum heraufholen können. Das Erlebnis ist zunächst gegeben; das Erlebnis wird in die Vorstellung aufgenommen. Die Vorstellung verhält sich schattenhaft gegenüber dem Erlebnis. Das Erlebnis verschwindet, die Tatsache geht fort; wir tragen die Vorstellung des Erlebnisses in uns. Nach Jahren oder nach einer anderen Zeit können wir sie wiederum herausholen. Ein schattenhaftes Nachbild, ein erinnerungsgemäßes Nachbild, das ist es, was wir wieder heraufholen aus unserem geistig-seelisch-körperlichen Gesamtorganismus als Erinnerungsvorstellung.
[ 44 ] What is it that our memory, our ability to remember brings about? It enables us to call up at a later time mental images that we have formed at an earlier time. First of all, we have an experience and this is taken into the mind. The resulting image is like a shadow of the original experience. The experience disappears, but the fact of its existence continues.—We carry the image of the experience in us. Years later, or whenever it might be, we can recall it. What we recall out of the total organism of our spirit, soul and body as a memory image is a shadow-like copy of what was imprinted on the memory in the first place.
[ 45 ] Durch das energische Sich-Einleben, eindringliche Sich-Einleben nach den Methoden, die in meinen Büchern angegeben und beschrieben sind in Bezug auf das Vorstellungsleben, gelangt man dazu, eine verstärkte Art von Seelenhaftigkeit gegenüber diesem Erinnerungsleben sich anzueignen. So paradox es klingt, ich muss es charakterisieren, weil ich nicht im Allgemeinen phantastisch herumsprechen will über Geisteswissenschaft, sondern das positiv Konkrete angeben will, was Geisteswissenschaft zugrunde liegt.
[ 45 ] If we pursue the methods actively and energetically that are given and described in my books for the cultivation of the mind, we acquire a much stronger kind of activity in the soul working in the memory. However paradoxical it may appear, I have to describe it, because I do not want to speak about the generalities of the science of spirit, but to deal with the positive and concrete aspect of it, upon which it is based.
[ 46 ] Der Geistesforscher erlebt, dass er eine Vorstellung regsam macht, und durch das immer wieder und wiederum Ruhen des Bewusstseins auf dieser Vorstellung bringt er es bis zu dem Momente, wo er weiß: Jetzt hast du diese Denkkräfte so stark angestrengt, dass du nicht weiter kannst. Dann tritt etwas, man möchte sagen Erschütterndes ein. Der Moment, wo man weiß, man kann nicht mehr willkürlich das Denken in derselben Weise fortsetzen, man muss das Denken gleichsam entlassen, wie man eine Vorstellung entlässt, die dann in die Vergessenheit gerät und aus der Erinnerung wiederum heraufgeholt werden kann. Aber eine also durch energisch meditatives Leben zubereitete Vorstellung, die tritt, ich möchte sagen in viel untergründigere Tiefen des Lebens hinunter, wenn sie entlassen wird, als eine Vorstellung, die bloß zur Erinnerung führt. Und das erlebt dann — das ist nur beispielsweise, andere Erlebnisse müssen damit verbunden sein, aber einige Beispiele möchte ich anführen —, das erlebt der Geistesforscher, dass er eine Vorstellung durch die denkerischen Kräfte so verstärkt hat, dass er nun diese Vorstellung hinuntersenken kann, sodass sie nicht mehr da ist; dann aber tritt sie auf; später, je nachdem man die eine oder andere Vorstellung hat, das alles muss ganz geregelt vor sich gehen, bleiben diese Vorstellungen. Man eignet sich Anschauungen an über die Zeiten, in denen diese Vorstellungen bleiben müssen, da unten im Unbewussten dann; die eine Vorstellung bleibt länger, die andere kürzer im Unterbewusstsein unten, und man erlangt die Kraft, sie immer wiederum heraufzubringen — aber nicht so, wie man durch eine Erinnerungsvorstellung sich anstrengt, die Vorstellung heraufzubringen; sondern dieses Heraufkommen der Vorstellungen geschieht durch ruhige Hingabe. Das ist nicht wie in der gewöhnlichen Erinnerung, sondern man ist in einer erwartungsvollen Stimmung, die man im rechten Zeitpunkt herbeigeführt hat. Auf diese erwartungsvolle Stimmung wird man durch andere Dinge, die hier jetzt nicht beschrieben werden können, aufmerksam gemacht. Man ist in einer erwartungsvollen Stimmung; man tut gar nichts, um eine Vorstellung, um ein Erlebnis herbeizuführen, sondern gerade durch die ruhige Erwartung, durch die rein selbstlose Hingabe kommt nach Stunden, nach Wochen, nach Jahren oftmals erst dasjenige wieder zurück, was man in abgründigen Tiefen erschaut, gewissermaßen wie in einen Abgrund hinuntergeblickt hat. Und das Umgekehrte tritt ein vom gewöhnlichen Bewusstsein.
[ 46 ] The scientist of spirit experiences that a mental image is brought alive, and by bringing the peace of his consciousness constantly to bear upon this image he gets to the point where he knows: Now you have exercised the powers of your thinking to such an extent that you can continue no further.—Then something shattering happens. The moment arrives when we know that we cannot continue to use our thinking in the same controlled way, but have to let it go, just as we let an idea or image go that then sinks into forgetfulness and that later can be recalled out of this by our memory. But when an image that we have as a result of an energetic meditative life is let go, it enters into much greater depths of our life than an image that is taken into our memory. The scientist of spirit then experiences—this is only one example, other experiences have to be linked to this, but now I only wish to give a few examples—that he has strengthened an image by the powers of his thinking to such an extent that he can allow it to sink into his being so that it is no longer present. But then it appears later, according to the images we have—this has all to be regulated—these images remain present. We acquire views in the course of time in which these images have to remain present, deep down in the unconscious. Some images remain for a longer period in the subconscious, others a shorter period and we acquire the power to recall them again and again. We do not do this by exerting ourselves in trying to remember an image. Images are recalled by peaceful immersion in ourselves; It is not like the way our ordinary memory works, for here we are dependent upon a mood of expectancy that we bring about at the right moment. We become aware of this mood of expectancy by other things which cannot be described here. We have a mood or feeling of expectancy; we do not do anything to bring about an image or an experience. We simply have this peaceful expectancy, this purely selfless immersion in ourselves and only after hours, weeks or even only after years does there come back what we have perceived in the very depths of our being, as if in a kind of abyss. And then the opposite happens from what takes place in our normal consciousness.
[ 47 ] Während im gewöhnlichen Bewusstsein die Sache so ist, dass das Erlebnis zuerst mit aller Lebendigkeit voransteht und dann die schattenhafte Vorstellung auftritt, ist jetzt etwas ganz anderes der Fall: Man geht aus dabei von etwas, das man gleichsam zur Selbsterziehung, zur Selbstzucht macht, eine Vorstellung in die Seele gesetzt hat, durch Wochen, monatelang immer wiederum in der Seele anwesend hat sein lassen, bis man zu dem Moment kommt, dass sie untertauchen kann; dann kommt sie herauf, aber wie sie heraufkommt dann, das ist das überraschende Erlebnis; das ist nicht etwas, was so schattenhaft ist, wie die Vorstellung war, sondern es ist ein Erlebnis, das vor dem Ausgangspunkte [Lücke].
[ 47 ] With our normal consciousness the experience comes first in all its vividness and then the shadowlike image is produced. Here something quite different happens. We start with something which leads at the same time to self-discipline and self-education, and this is an image which we put before our souls and let it be present in the soul for weeks or months until the moment comes when it can be completely immersed. Then it emerges again—but how it emerges is the surprising thing, for it is not anything as shadowlike as the normal image.
[ 48 ] Das Erlebnis wird durch eine gewisse Bearbeitung der Vorstellung herbeigeführt, und man weiß ganz genau, wenn man diese Dinge kennt, die zu solchem führen, dass es sich hier um etwas ganz Gesundes, nicht Krankhaftes handelt. Es sind nicht etwa die gleichen Kräfte, die wirksam sind, wenn Sie zu Halluzinationen oder Visionen führen, oder überhaupt krankhafte Zustände hervorrufen, sondern es sind diejenigen Kräfte, die gerade das Entgegengesetzte hervorrufen und bewirken, die gerade geeignet sind, alles Halluzinatorische, Phantastische, Visionäre zu vertreiben; es ist der entgegengesetzte Vorgang.
[ 48 ] This experience is brought about by working on the image in a certain way and we know full well, if we are familiar with things that lead to such results as these, that we are dealing here with something sound and not morbidly introspective. These are not the same forces that lead to hallucinations or visions, or that produce morbid or unsound states of any kind, but they are the forces that produce precisely the opposite and, in fact, have the effect of banishing everything in the nature of hallucinations and visions.—It is the opposite process.
[ 49 ] Und das Seelenleben ist nicht bloß so, dass es dies durchmacht, was ich beschrieben habe, wie es im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein bei gesundem Verstande ist, sondern es ist so, dass es viel gesünder sein muss, wenn die Übungen, die dazu gehören, wenn sie regelrecht gemacht sind, ganz selbstverständlich, manches überwinden lassen, namentlich überwinden lassen müssen alles, was in irgendeine Phantastik hineinführen kann. Dasjenige aber, was heraufgeführt wird, das ist etwas, was man vorher nicht gekannt hat: das ist ein Geistiges, ein Übersinnliches, das man jetzt in sich wahrnimmt. Als was wahrnimmt? Als das wahrnimmt, sehr verehrte Anwesende, was Goethe Geistesauge oder Geistesohr nennt, und was er selber erst instinktiv erahnte.
[ 49 ] The soul, in undergoing this, is not as it is in everyday life with its normal, healthy understanding, but it has to be much healthier and sounder if the exercises which belong to this whole development and which have to be done regularly are to overcome everything that would lead one astray. What this leads up to is something we have not known before—something spiritual, something super-sensible, that we now perceive in ourselves. What is it that perceives? It is what Goethe called the eye or the ear of the spirit, of which he had an instinctive presentiment.
[ 50 ] Jetzt weiß man, von dem Momente ab, wo man solch ein Erlebnis erfahren hat, wie ich es charakterisiert habe, weiß man, dass man nicht nur dieses physische Leben in sich trägt, sondern dass man einen feineren, überhaupt nicht aus physischen Stoffen bestehenden inneren Leib hat. So paradox es heute noch manchen verkommt, wenn man in der Geisteswissenschaft oder Anthroposophie von einem feinen Ätherleib spricht, einem Seelenleib, es ist eine Wahrheit — aber eine Wahrheit, die erst auf diese Weise wirklich erforscht werden kann, wie es jetzt charakterisiert worden ist. Man weiß jetzt: Man hat etwas in sich, worinnen geistiges Anschauen entstehen kann, wie Anschauen entstehen kann durch das physische Auge im physischen Organismus. Das Geistesauge oder Geistesohr, wie Goethe es genannt hat, wird etwas, von dem man weiß, dass aus dem Ätherischen, aus dem übersinnlichen Leibe etwas entspringt — man kann ihn nur nicht gebrauchen wie einen physischen Leib —, aber dass ein solcher übersinnlicher Leib vorhanden ist, das weiß man, und dass es eine Geisteswissenschaft geben müsse, die zu diesem führt, sehr verehrte Anwesende, das ist etwas, was nicht aus irgendeiner Willkür heute herausgeboren worden ist, sondern das wird herausgeboren aus dem philosophischen Denken gerade der neuesten Zeit.
[ 50 ] From the moment onward when we have had an experience such as I have just described, we know that we do not have only a physical body, but that we have a finer, more inward body that is in no way made up of physical substance. However paradoxical it may appear to many people today when in the science of spirit or anthroposophy we speak of a fine etheric body, a soul body, it is nevertheless a truth—but a truth that can really be investigated only in this way I have described. We now know that we have something in ourselves in which spiritual perception can arise, just as perception can arise in the physical organism in the physical eye. We know that the eye or the ear of the spirit, as Goethe called it, becomes something from which there springs something out of the etheric world, out of the super-sensible body. We cannot use this super-sensible body like a physical body, but we know that it exists and we know that there has to be a science of spirit for us to find it. It does not come into being by means of any arbitrary act of the will, but it comes into being with the help of the most recent philosophical thought.
[ 51 ] Lassen Sie mich anführen einige Tatsachen, die in dieser Beziehung für die Beurteilung von Anthroposophie ganz besonders wichtig sind. Aus der schönsten Entwicklungsepoche der neueren Philosophie heraus haben solche Persönlichkeiten, die die Kraft dieser neueren Philosophie von der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts und von der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in sich aufgenommen haben, sie haben instinktiv noch nicht in solch methodischer Weise — wie die heute möglich ist, so wie ich es Ihnen erzählt habe —, sondern eben instinktiv darauf aufmerksam gemacht, wie es außer dem physischen Leib, der dem Menschen zugrunde liegt, noch dasjenige gibt, was man einen ätherischen, einen seelischen Leib nennen kann. Nur, der äußere Ausdruck für ihn war etwas anders für diesen feineren Leib, der für die Geisteswissenschaft eine Tatsache ist.
[ 51 ] Let me cite a few facts that are especially important in this connection for the formation of a judgment about anthroposophy. The philosophers of more recent times who inherited the work of their predecessors done around the turn of the 18th to the 19th century and in the first half of the 19th century, pointed out, albeit instinctively and not as a result of method, that man does not have only a physical body, which provides the basis for his being, but he also has what one can call an etheric, a soul body. Only the terminology for this fine body was different, a body which exists as a fact for the science of spirit.
[ 52 ] Nun: Fichte kommt gerade unter dieser Voraussetzung zu der Auffassung des Todesvorganges, wenn er sagt:
[ 52 ] This kind of assumption led Immanuel Hermann Fichte (1797-1879) to his conception of the process of death, which he expressed in the following way:
Denn kaum braucht noch gefragt zu werden, wie der Mensch an sich selbst sich verhalte im Todesvorgange.
“For we hardly have to ask how the human being acts in regard to himself” when “going through death ...”
Mit diesem Begriffe
“With this concept,
— meint Fichte —
Fichte continues,
überspringen wir daher nicht nur die Erfahrung und greifen in ein unbekanntes Gebiet bloß illusorischer Existenzen hinüber, sondern wir befinden uns mit ihm gerade mitten in der begreiflichen, dem Denken zugänglichen Wirklichkeit.
of the continuing existence of the soul we are not therefore bypassing our experience and laying hold of an unknown sphere of merely illusory existence, but we find ourselves in the midst of a comprehensible reality accessible to our thinking.”
[ 53 ] Und dann sagt Fichte — und das ist das Bedeutsame —, dieses Bewusstsein weist über sich hinaus:
[ 53 ] And now Fichte says—and this is what is important—this consciousness points to something beyond itself.
[...] die Anthropologie endet in dem von den mannigfaltigsten Seiten her begründeten [Ergebnisse,] dass der Mensch nach der wahren Eigenschaft seines Wesens, wie in der eigentlichen Quelle seines Bewusstseins, einer übersinnlichen Welt angehöre. Das Sinnenbewusstsein dagegen und die auf seinem Ausgangspunkte entstehende Erscheinungswelt mit dem gesamten, auch menschlichen Sinnenleben, haben keine andere Bedeutung, als nur die Stätte zu sein, in welcher jenes übersinnliche Leben des Geistes sich vollzieht, indem er durch frei bewusste eigene Tat den jenseitigen Geistesgehalt der Ideen in die Sinneswelt einführt. [...] Diese gründliche Erfassung des Menschenwesens erhebt nunmehr die «Anthropologie» in ihrem Endresultate zur «Anthroposophie».
“... Anthroposophy produces results founded on the most varied evidence that according to the nature of his being as also in the real source of his consciousness man belongs to a super-sensible world. Our ordinary consciousness, however, which is based on our senses and on the picture of the world that arises through the use of sight, and which includes the whole life of the sense world, including the human sense world, all this is really only a place where the super-sensible life of the spirit is carried out in bringing the otherworldly spiritual content of ideas into the sense world by a conscious free act ... This fundamental conception of man's being raises `Anthropology' in its final result into `Anthroposophy'.”
[ 54 ] Zu einer «Anthroposophie»! Er gebraucht den Ausdruck «Anthroposophie»! Wir sehen daran die Sehnsucht nach derjenigen Wissenschaft, die heute Tatsache werden soll.
[ 54 ] Into an “anthroposophy!” He uses the expression, anthroposophy. We can see from this the longing for the science that today has to become a reality.
[ 55 ] Um nun noch ein Beispiel anzuführen — ich kann der Kürze der Zeit wegen nur Einzelnes anführen —, sei der, durchaus bedeutende deutsche Denker Troxler, Vital Troxler, angeführt, der auch in der Schweiz bedeutsam gelehrt hat. Er sagt aus derselben Anschauung, aber noch instinktiv, weil es Geisteswissenschaft oder Anthroposophie damals noch nicht gegeben hat, er sagt, Vital Troxler:
[ 55 ] To cite another example—owing to lack of time I can only quote a few examples—I would like to bring in the important German thinker, Vital Troxler (1780-1866), who also did some important teaching in Switzerland. He speaks out of the same approach, but still instinctively, because the science of spirit or anthroposophy did not exist at that time:
Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelenleib unterschieden von dem gröberen Körper [...] eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [...] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geisterschers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswärtigen an seinem Geisterleib trage.
“Even in earlier times philosophers distinguished a fine, noble, soul body from the coarse body ... a soul, which contained within it a picture of the body which they called a model and which for them was the inner higher man ... More recently even Kant in his Dreams of a Spiritual Seer dreams seriously as a joke about a wholly inward soul man, that bears within its spirit-body all the limbs normally to be found outside ...”
[ 56 ] Und nun sagt Troxler:
[ 56 ] And now Troxler says:
Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [...] in jeder Anthroposophie [...] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann.
“It is most gratifying that the most recent philosophy, which ... must be manifest ... in anthroposophy, climbs to greater heights, and it must be remembered that this idea cannot be the fruit of mere speculation ...”
[ 57 ] Das Weitere brauche ich nicht anzuführen. Er meint also, dass es cin Wissenschaft geben muss, die geradeso, wie die Anthropologie zu den physischen Eigenschaften und Kräften des physischen Menschenleibes führt, so müsse es eine Eigenschaft geben, welche zu dem Übersinnlichen, zu den Eigenschaften dieses Übersinnlichen Leibes führt.
[ 57 ] I do not need to quote the rest. He means that there must be a science which leads to the super-sensible, to the qualities of this super-sensible body, just as anthropology leads to the physical qualities and forces of the physical human body.
[ 58 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» charakteristische Denker aufgewiesen auf diesem Gebiete. Die haben diese Dinge nicht so ausgeführt, wie es die heutige Geisteswissenschaft ausführen kann, aber sie haben aus ihrem instinktiven Sehnen heraus nach einer zukünftigen Geisteswissenschaft, instinktiv von dem gesprochen, was durch diese Geisteswissenschaft Tatsache werden sollte. So der Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte, der bedeutende Philosoph Immanuel Hermann Fichte.
[ 58 ] I have dealt with characteristic thinkers on this subject in my book, The Riddles of Man. They did not work out these things as the present-day science of spirit can do, but they spoke out of instinctive longing for a future science of spirit that has now to become a reality through this present science of spirit. Thus also the son of the great Johann Gottlieb Fichte, the important philosopher, Immanuel Herman Fichte.
[ 59 ] Er sagt in seiner «Anthropologie», die 1860 in zweiter Auflage erschienen ist, dass «in dem Stofflichen» nicht «das wahrhaft Beharrende» sein kann:
[ 59 ] In his Anthropology, the second edition of which appeared in 1860, Fichte says that there can be nothing that persists in matter:
In den Stoffelementen kann das wahrhaft Beharrende, das einende Formprinzip des Leibes nicht gefunden werden, welches sich während unseres ganzen Lebens wirksam erweist.
[...]
So werden wir auf eine zweite, wesentlich andere Ursache im Leibe hingewiesen.
[...]
Indem dieses das eigentlich im Stoffwechsel Beharrliche enthält, ist es der wahre, innere, unsichtbare, aber in aller sichtbaren Stofflichkeit gegenwärtige Leib. Der andere, die äußere Erscheinung desselben, aus unablässigem Stoffwechsel gebildet, möge fortan «Körper» heißen, der, wahrhaft nicht beharrlich und nicht eins, der bloße Effekt oder das Nachbild jener inneren Leiblichkeit ist, welche ihn in die wechselnde Stoffwelt hineinwirft, gleichwie etwa die magnetische Kraft aus den Teilen des Eisenfeilstaubes sich einen scheinbar dichten Körper bereitet, der aber nach allen Seiten zerstäubt, wenn die bindende Gewalt ihm entzogen ist.
“In the elements of matter it is not possible to find the unifying form principle of the body that is active during our whole life.
[...]
We are therefore directed to a second, essentially different cause in the body.
[...]
Insofar as this contains what persists in the digestion it is the true, inner, invisible body that is present in all visible matter. The outer manifestation of this, formed out of the never-ceasing digestion may henceforth be called `body' which neither persists nor is a unity and which is the mere effect or image of the inner bodily nature, which casts it into the changing world of substance in the same way that an apparent solid body is made out of the particles of iron filings by a magnetic force, but which is again reduced to dust as soon as the binding force is taken away.”
[ 60 ] Also, Immanuel Hermann Fichte kommt instinktiv dazu, in dem Menschen einen Kraftleib annehmen zu müssen, der zunächst die äußeren Stoffteile — so wie die magische Kraft, die eingreifen kann —, in einer gewissen formellen Weise zusammenhält den äußeren Stoffleib. Sie sehen, dass auch Fichte da, wo er [auf] das Übersinnliche im Menschen aufmerksam macht, eine Anthroposophie herbeisehnt.
[ 60 ] Thus we see that Immanuel Hermann Fichte instinctively finds himself in the position of having to accept a force-body which holds the material components together in a material body in a certain formal structure like a magnetic force. You notice, too, that Fichte also longs for an anthroposophy when he deals with the super-sensible in man and draws our attention to it.
[ 61 ] Nicht etwas Willkürlich-in-die-Zeitentwicklung-Hineingestelltes ist Anthroposophie, sondern etwas, was den wirklich tieferen Kern des Seelenlebens längst ahnte; das [kann gerade aus solchen Beispielen ersehen werden]. [Danach große Lücke im Stenogramm.]
[ 61 ] Anthroposophy does not appear at a particular time without reason, but it is something that has long been anticipated by the really deep core of our soul life. This can be seen quite clearly in the examples I have given.
[ 62 ] Doch ich muss auf die andere Seite der Entwicklung des Seelenlebens eingehen, auf die Entwicklung des Willens. Das, was ich hier angeführt habe, betrifft die Entwicklung des Vorstellungslebens. Auch der Wille kann über den Standpunkt hinausgeführt werden, den er im gewöhnlichen Bewusstsein hat. Wenn Sie sich denken, dass jemand meint — ich will nur das Allerwichtigste anführen, das andere kann ja dann in meinen angeführten Büchern nachgelesen werden —, [wenn Sie sich denken], dass jemand sein inneres Leben so ansehen würde, wie wir unter gewöhnlichen Verhältnissen das äußere Leben von Mensch zu Mensch ansehen, das Leben in der menschlichen Gesellschaft [anschauen], da sehen wir, [wie wir uns sagen], wenn irgendeine Begierde, irgendein Trieb [auftaucht].
[ 62 ] Now I must turn to the other aspect of the development of our soul life, the development of the will. What I have said so far was concerned with the development of the mind. The will, too, can be led beyond the condition it has in our normal consciousness. If you imagine that someone—I only want to mention the most important things, the rest can be read in my books—that someone were to look at his inner life in the same way that we look at our ordinary life between human beings under normal conditions, the life of the human community, we can notice our reaction when a desire or impulse awakens when we say:
[ 63 ] Die Verhältnisse gestatten uns, dass dieser Trieb, diese Begierde sich ausleben; [in anderen Fällen gestatten wir es uns nicht, oder gestatten es uns die Verhältnisse nicht]. Wir entwickeln dem äußeren Leben gegenüber eine gewisse Verantwortlichkeit, die im Gewissen wurzelt. [Wir entwickeln ganz bestimmte Gefühle, empfinden eine bestimmte Konfiguration des Seelenlebens gegenüber dem, was wir äußerlich tun oder nicht, schaffen oder nicht schaffen]. Dem inneren Seelenleben unterliegt das gewöhnliche Bewusstsein, solche inneren Anforderungen zu entwickeln.
[ 63 ] Conditions allow this impulse, this desire to take its course; another time the conditions do not allow us, or we do not allow it. We see that we evolve a certain responsibility toward outer life that is rooted in our conscience. We develop quite definite feelings, a particular configuration of our soul life in our conscience, concerning what we do or do not do. Our normal consciousness is subject to our soul life in developing such inner demands or standards—
[ 64 ] Da gehorchen wir der Logik. Und wie anders kühl stehen wir gegenüber dem, was wir denken oder nicht denken oder klar denken oder beengt denken, wie anders kühl logisch stehen wir unseren Gedanken gegenüber als dem äußeren Leben! Wir nehmen das eine hin, weil wir es, ich möchte sagen im Geiste, in der Vorstellung fassen können; wir weisen das andere ab; aber jenes intensive Leben, das wir in der menschlichen Verantwortlichkeit haben, das erleben wir innerlich bei dem bloß logischen, bei dem bloß wissenschaftlichen Denken nicht.
[ 64 ] we obey logic, but when it comes to thinking or not thinking, to whether thinking is clear or restricted, how cool and logical our relationship is to this as compared to our relationship to outer life! We accept the one because we can, as it were, grasp it in spirit, as a mental image; we reject the other. But one cannot experience the intensive life that we feel in our human responsibility when it comes to our purely logical and scientific thinking.
[ 65 ] Die zweite Art der Übungen besteht nun darinnen, dass wir gewisse innere Verantwortlichkeit ausgießen über das Denken, das Vorstellungsleben selbst, dass wir dahin kommen, dass wir nicht nur sagen, diese Meinung ist gültig, diese Meinung ist richtig gefasst, die kann ich bejahen und so weiter, sondern dass wir eine Vorstellung nur hegen in einem ebensolchen Pflichtbewusstsein, wie wir es an uns tun an Vorstellungen, wie wir es unterlassen bei der einen oder anderen Handlung, es nicht tun; Moralität, aber ganz anders geartete Moralität noch, als sich über das äußere Leben ausgießt, gießt sich über unsere Vorstellungen aus. Innere Verantwortlichkeit über das ganze Vorstellungsleben ausgegossen, gibt Auffassungen, sodass wir gewissen Erlebnissen gegenüberstehen so, dass wir gewisse Vorstellungen uns gestatten, andere Vorstellungen ablehnen; in dem einen Falle sie annehmen, im andern Falle durch berechtigte, nüchterne Antipathie abstoßen. Durch Sympathie, Antipathie, Abstoßen, Ausstoßen, dadurch wird von einer anderen Seite her das innere Leben regsam. Das muss nun wiederum lange geübt werden. Es kann dadurch besonders wirksam unterstützt werden, ich will das beispielsweise anführen, dass wir uns angewöhnen, die Vorstellung möglichst vielseitig in unserer Seele anwesend sein zu lassen.
[ 65 ] The second kind of exercise consists in pouring out a certain kind of inner responsibility over our thinking, over our mind, so that we reach the point of not only saying: This opinion is valid, this opinion is properly conceived, I can give it my assent and so on, but also that we manage to preserve a mental image in the same duty-bound consciousness as we have when we do not go through with the one or the other action. Morality—though quite a different kind of morality from the one we have in normal life—is poured out over our mind, over our mental images. Inner responsibility poured out over the life of our mental images results in attitudes where in dealing in certain experiences we allow ourselves some mental images and reject others, in the one case accepting them, in the other rejecting them by a justified but temperate antipathy. From this new aspect, sympathy and antipathy activate our inner life. This again has to be practiced for a long time. I will give an example of how this can be supported by accustoming ourselves to allowing a mental image to be present in our souls in as manifold a way as possible.
[ 66 ] Sehr verehrte Anwesende, im gewöhnlichen Leben ist der eine Monist, der andere Dualist, der dritte Materialist, der vierte Spiritualist und so weiter, und so weiter. Derjenige, der lernt, sich einzuleben in das Vorstellungsleben, dem werden diese Begriffe alle zu etwas ganz anderem, als sie sonst sind. Da lernt man erkennen, gerade durch das lebendige innere Erleben der Vorstellungswelt, da lernt man erkennen: Ja, es gibt Begriffe des Materialismus, man kann sie gebrauchen für ein bestimmtes Gebiet, für eine bestimmte Sphäre der Welt — da müssen sie sogar vorhanden sein, denn man lebt sich fruchtbar nur ein in eine gewisse Sphäre der Welt, wenn man den Materialismus in all seinen Seiten begriffen hat —, für eine andere Sphäre der Welt braucht man die spiritualistischen Begriffe, für eine dritte die materialistischen, für eine vierte die idealistischen Begriffe und so weiter. Monistische, dualistische Begriffe — es wird uns das Vorstellungsleben reich und vielseitig machen, und wir wissen, dass solche Vorstellungen nichts anderes bedeuten als die verschiedenen fotografischen Aufnahmen eines Baumes von verschiedenen Seiten. Und man lernt sich hineinleben in ein inneres Element, in eine innere Toleranz, was wiederum ein Ausgießen des Moralischen über das innere Leben ist, so wie derjenige, der ein Bild bekommt von einem Baume, das er genau angesehen hat, niemals sagen kann, wenn ihm ein Bild von der anderen Seite aufgenommen gezeigt wird, das ganz anders aussieht: das ist ja nicht derselbe Baum. Wie wir eben vier Bilder oder meinetwillen acht Bilder haben können, um die Wirklichkeit zu verstehen, vier oder acht Bilder, die ein oder dasselbe Wesen des Baumes zeigen können, so lernen wir, jegliche Art von Vorstellungen, die einzeln nur eine einseitige Aufnahme einer Realität sind, jegliche Art von Vorstellungen, die uns vorliegen, zu betrachten und zu lernen, uns liebevoll hineinzufinden in verschiedenen Vorstellungsarten, liebevoll uns hineinzuvertiefen in diese Vielseitigkeit.
[ 66 ] In ordinary life one person may be a monist, another a dualist, the third a materialist, the fourth a spiritualist and so on. If we learn to immerse ourselves in the life of our mental images our concepts take on a different aspect in the living inner experience of the world of our mental images so that we come to recognize: Of course, there are concepts of materialism, they can be used for a particular province, for a particular sphere of the world. In fact, they must be available, for one can only get something out of immersing oneself in a particular sphere of the world if one has grasped materialism in all its many aspects. For another sphere of the world spiritualistic concepts are needed, for a third, monistic, for a fourth, the concept of idealism and so on. Monistic, dualistic concepts—they enrich the life of our minds and we know that such concepts mean no more than do different photographs of a tree taken from different points. We learn now to immerse ourselves in an inner element, an inner tolerance, that once again is an outpouring of moral substances over our inner life. It is just like someone receiving a picture of a tree that he has actually seen, who would never say, if he received a picture of the tree taken from a different angle, that it was not the same tree. Just as we can have four or even eight pictures which all portray the same tree, so we learn to look at all sorts of ideas, which singly would represent a one sided picture of reality, and to learn about them, to look into them with great care and immerse ourselves in their manifoldness.
[ 67 ] Das unterschätzt man im Wesentlichen für die Seite der Übungen, die man nun auch zu machen hat. Das ist etwas, was heute noch sehr wenig verstanden wird, was sogar von den Besten noch wenig verstanden wird, aber was dahin führt, dass der Wille in einer ähnlichen Weise weiter ausgebildet, weiter in Acht genommen wird [wie] die früher beschriebene Art des Vorstellungslebens. Und wir erleben es dann, dass dieser Wille sich frei macht von seinem Verbundensein mit der Körperlichkeit. Wir werden durch das Nachahmen des Experimentes, wie sich der Wasserstoff vom Wasser löst, sagen können: So lösen wir durch ein energisches In-Anspruch-Nehmen dieser verschiedenen beschriebenen Übungen rein den Willen los, machen ihn frei, und immer freier und freier, immer geistiger und geistiger. Dadurch erwecken wir in uns einen wirklichen höheren Menschen, nicht bloß ein Idealbild, nicht bloß ein wirklich Gedachtes, sondern wir machen die Entdeckung — die heute noch eine Paradoxie für die meisten Menschen ist, aber für die Geisteswissenschaft eine Wirklichkeit, eine Realität ist —, dass in uns ein zweiter, feinerer Mensch, ein Mensch lebt mit einem ganz anderen Bewusstsein, als in unserem gewöhnlichen Bewusstsein ist. Und dieses Bewusstsein, das auf diese Weise erwachen kann, zeigt uns, dass es ein viel realerer Mensch ist als wir, die wir im physischen Leibe hier leben und [physisch] herumgehen. Dieser Mensch in uns, der kann sich bedienen des Geistesauges, wie ich es früher genannt habe, im ätherischen Leibe, wie ich es beschrieben habe.
[ 67 ] This is normally underrated when it comes to doing the exercises which have now to be undertaken. This is something that is not much understood today, even by the best, but it does lead to the further development of the will in a way similar to the development of the mind that I have described. We then experience that the will liberates itself from being bound to the body. Just as oxygen can be extracted from water, so the will is released by means of the energetic pursuit of these various exercises that are described, and it becomes freer and freer, and more and more spiritual. By these means we awaken a real, higher man in ourselves that is not just an image of an ideal nor something thought out. We make the discovery which is still a paradox to most people today, but which is quite real for the science of spirit, that a second, more subtle man lives in us, having a quite different consciousness from our normal consciousness. And this consciousness that we can awaken in this way shows us that it is a much more real man than the one that we live in the physical body and move around in. This man in us can make use of the eye of the spirit, as I called it earlier, in the etheric body, in the way I have described.
[ 68 ] Auch die Annahme eines solchen anderen Bewusstseins, eines anderen, weiteren, umfassenderen Menschen — der mit der Natur und ihrer Wesenheit und mit der Wesenheit der geistigen Welt in viel intimerer Beziehung steht als unser gewöhnliches Bewusstsein —, die Annahme eines solchen Menschen wiederum ist instinktiverweise vorausgeschen von tiefer gehenden Forschern des neunzehnten Jahrhunderts. Aber in der Geisteswissenschaft wird auch da dasjenige, um was es sich da handelt, zur Tatsache werden. Ich möchte nur darauf verweisen, wie in dieser Richtung gestrebt worden ist durch die Philosophie — die ich in ihren Einzelheiten durchaus nicht vertreten will —, durch die Philosophie Eduard von Hartmanns.
[ 68 ] The acceptance of such another consciousness of another more all-embracing man—this has a far more intimate connection with nature and its beings and to the spiritual world than our normal consciousness.—The acceptance of this also was instinctively foreseen by the more penetrating scientists of the 19th century. Here, too, the science of spirit brings about a fulfillment. I would only like to point out how Eduard von Hartmann worked in this direction, though I do not wish to advocate his philosophy in detail in any way.
[ 69 ] Hartmann hat hingewiesen [wieder und wieder] in seinem vielfach angreifbaren Werke — später hat er vielfach verbreitet die «Philosophie des Unbewussten», in der er hindeutet darauf, dass wirklich hinter dem gewöhnlichen Bewusstsein ein unbekanntes Seelisches im Menschen steckt, das, wie sich Eduard von Hartmann ausdrückt, in einer gewissen Weise schmerzvoll äußert [Lücke im Stenogramm] —, das in einer Art unterirdischem «Telefonanschluss» mit dem unbewussten Geistigen der Außenwelt steht, und das hinaufwirken kann und wirklich hinaufwirkt, im Astralischen als Strom sich ergießt aus dem Unbewussten oder Unterbewussten in das gewöhnliche Tagesbewusstsein herauf.
[ 69 ] In his really controvertible work, The Philosophy of the Unconscious, Hartmann referred to the fact that an unknown soul quality is to be found behind the normal consciousness of the human being that—as Eduard von Hartmann describes it—comes to expression painfully in a way, and which has a kind of underground telephone connection with the unconscious spiritual nature of the outer world, and which can work its way up, and does work its way up, through the astral nature and pours out of the unconscious or subconscious into our normal, everyday consciousness.
[ 70 ] Nun hat Eduard von Hartmann damit wirklich auf das schon instinktiv hingewiesen, was durch Geisteswissenschaft wiederum eine Tatsache werden soll. Nur hat Eduard von Hartmann eben geglaubt, dass man dieses andere Bewusstsein des Menschen nur durch theoretische Hypothesen, durch zergliedernde Begriffe und Schlussfolgerungen erreichen könne. Das war sein Mangel, weil er niemals den Weg machen wollte, der schicksalsmäßig der Eigentümlichkeit seiner Zeit angemessen ist: das innere Seelenleben nicht bloß theoretisch zu gestalten, sondern es lebensvoll in [Zucht] zu nehmen nach diesen zwei Seiten hin, die charakterisiert worden sind. Dennoch aber hat sich gerade daran gezeigt, wie die Annahme eines solchen Geistigen in allem mehr ist für das Menschenrätsel — auch philosophisch schon mehr ist, wenn sie nur philosophisch bleibt —, mehr ist für das wirkliche Menschenrätsel als dasjenige, was die weitere Forschung auf den früher beschriebenen Wegen erreichen kann. Und das ist wiederum durch die Tatsache im strengsten Sinne des Wortes zu beweisen.
[ 70 ] Eduard von Hartmann really pointed instinctively to what the science of spirit teaches as a fact. Only he believed that this other consciousness of the human being could only be arrived at by theoretical hypotheses, analytical concepts and inferences. This was what he was lacking because he never wanted to take the path which is appropriate to his time: not just to formulate the life of the soul theoretically, but to take it actively into training in the two ways that have been described. It has been possible to see from this that the acceptance of this spiritual nature in everything is much more helped by the solution of the mystery of the human being—even from a philosophical viewpoint, if it really remains philosophical—than all that can be done by the rest of science in the ways described above. And this can be proved by what has happened. Just in these matters Eduard von Hartmann proves a remarkable figure.
[ 71 ] Und eine merkwürdige Gestalt ist gerade auf diesem Gebiete Eduard von Hartmann. Eduard von Hartmann hat [1869] seine «Philosophie des Unbewussten» erscheinen lassen, darinnen hat er nun besprochen, wie das Geistige, das in der Seele, unterseelisch gewissermaßen in der geistigen Seele lebt, auch draußen in der Natur lebt, und wie der Materialist heute dafür nur eine einseitige Vorstellung habe, die man sich vorzustellen hat, dass im Ausgangspunkte der Entwicklung nicht ein /Lücke), sondern wie ein Geistiges, das in der Seele lebt, wirklich auch die Natur durchgießt und durchströmt.
[ 71 ] In 1869 he published his Philosophy of the Unconscious. Here he discussed how the spiritual that lives in the soul, hidden, as it were, in the spiritual soul, also lives in nature, and how the materialist today has only a one-sided idea of how the spiritual that lives in the soul also permeates and invades nature.
[ 72 ] Da kamen denn die Naturforscher — [1869] war es, als die «Philosophie des Unbewussten» zuerst erschien, es war die Zeit, in der die Hoffnungen am meisten vorhanden waren, durch dasjenige, was der neue Darwinismus gebracht hat, durch all dasjenige, was man geglaubt hat, erkennen zu können durch die Gesetze der «Zuchtwahl», des «Kampfes ums Dasein», durch das eine neue Weltanschauung zu gewinnen —, Hartmann wendete sich gegen all das, was von diesen materialistischen Anschauungen ausging in der energischsten Weise von einem geistigen Standpunkte aus. Und siehe da, in begreiflicher Weise, die Naturforscher, die dazumal ganz voll Anteilnahme waren für eine materialistische Auffassung des Darwinismus, diese Naturforscher, die sahen sich dasjenige an, was Hartmann geboten hat, und sie sagten: Nun ja, so kann eben ein Philosoph sprechen, ein Mensch, der nicht zu Hause ist in der wirklichen Naturforschung, der nicht weiß, mit welcher Gewissenhaftigkeit die Naturforschung arbeitet! Und viele Schriften, gegnerische Schriften erschienen gegen die Hartmann’sche «Philosophie des Unbewussten» von diesem oder jenem Naturforscher; überall der gleiche Grundton: Da spricht eben ein Dilettant, man braucht nicht weiter hinzuhören. Man muss nur die Laien, die auf so etwas immer hereinfallen, abhalten, für die muss man solche Schriften schreiben.
[ 72 ] In was 1869 that The Philosophy of the Unconscious was first published. It was the time when people had the greatest hopes of gaining a new view of the world on the basis of the new Darwinian approach, the laws of natural selection and the struggle for existence. Hartmann energetically opposed everything connected with this approach from a spiritual viewpoint, and naturally enough the scientists who were full of materialistic interpretation of Darwinism reacted to what Hartmann said. They said: Well, of course, only a philosopher can speak like that who is not at home in real scientific research and who does not know how conscientiously science works!—And many works were published by various scientists attacking Hartmann's Philosophy of the Unconscious. They all wrote basically the same thing—Hartmann was a dilettante and one should not bother to listen to him any further. One only had to protect the layman who always fell for such things; that is why Hartmann's position should be exposed.
[ 73 ] Unter den vielen Schriften, die da erschienen, erschien auch eine von einem Anonymus, der sich damals noch nicht nannte. Glänzend war alles vom Anfang bis zum Ende darin widerlegt; gezeigt wurde, wie der nichts versteht, nach der notwendigen Anschauung eines Naturforschers, von dem, was in der Naturforschung wirkt und lebt auf dem Wege zum Welträtsel hin! Die Naturforscher waren geradezu begeistert und völlig einverstanden mit dem, was dieser Anonymus geschrieben hat. Und bald wurde eine zweite Auflage notwendig dieses geistvollen naturforscherischen Werkes. Oscar Schmidt und Ernst Haeckel selber lobten es und sagten: Es ist schade, dass sich dieser Kollege, dieser bedeutende Naturdenker nicht nennt. Er nenne sich, und wir betrachten ihn als einen der Unseren. Ja, Ernst Haeckel sagte: Ich selbst hätte nichts Besseres sagen können als das, was dieser Anonymus sagt vom Standpunkt des Naturforschers gegen diesen Eduard von Hartmann.
[ 73 ] Among the many works that appeared there was also one which was anonymous. From start to finish everything was brilliantly refuted. It was shown how from the viewpoint which a scientist had to have, he understood nothing about how science works in its approach to the great mystery of the world!—The scientists were tremendously enthusiastic and were in full agreement with what the anonymous author had written, and it was soon necessary to reprint this ingenious, scientific work. Oskar Schmidt and Ernst Haeckel themselves were full of praise and said: It is a pity that this colleague of ours, this significant scientific thinker, does not say who he is. If he will only say who he is we will regard him as one of ourselves.—In fact, Ernst Haeckel even said: I myself could have said nothing better than what this anonymous author has marshaled from the scientific viewpoint against Hartmann.
[ 74 ] Und siehe da, bald kam es so weit, dass eine zweite Auflage notwendig gemacht wurde, so wie es das Kollegium der Naturforscher als wünschenswert dargestellt hatte. In dieser zweiten Auflage nannte sich nun der Verfasser. Das war einmal eine Lektion — es war Eduard von Hartmann selber, der diese Schrift geschrieben hatte —, es war einmal eine Lektion, die glänzender nicht gebracht werden konnte für diejenigen, die immer wieder und wiederum glauben, dass der, der nicht in ihre Töne einschlägt, durchaus nichts verstehen müsse von dem Nerv ihrer Gelehrsamkeit. Es ist eine Lektion, die noch bis heute wirken sollte, auch für viele, die noch in einer ähnlichen Gesinnung Geisteswissenschaft oder Anthroposophie gegenüberstehen in Bezug auf dasjenige, was oftmals als gegnerisch gegen diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft vorgebracht wird.
[ 74 ] And lo and behold, a second edition was needed just as the scientists had wished, But now in the second edition the author revealed himself. It was Eduard von Hartmann himself who had written the work! This was a lesson that could not have been executed more brilliantly for people who constantly believe that those who do not adopt their own attitude could not possibly understand anything about their learning and knowledge. It is a lesson from which we can still learn today, and particularly those could learn who, when it comes to opposing what the science of spirit teaches, approach it with a similar attitude.
[ 75 ] Das, was gegen Anthroposophie vorgebracht werden kann, das, sehr verehrte Anwesende, weiß der Geistesforscher oder Anthroposoph ebenso gut, möge es noch so geistreich vorgebracht sein, was an Gegnerischem vorgebracht wird, er weiß es schon selber ebenso gut vorzubringen, wie Eduard von Hartmann dazumal dasjenige vorgebracht hat — was die Naturforscher vorzüglich fanden —, selber vorzubringen wusste dazumal. Solche Lektionen werden allerdings sehr bald vergessen, und die alten Unsitten kehren wieder. Aber hinweisen kann man darauf und sollte daraus lernen. Und nicht nur bei Eduard von Hartmann, sondern auch bei anderen, ist das Bewusstsein aufgetreten, instinktiv aufgetreten, dass ein anderes Bewusstsein in den Tiefen der Menschenseele wirkt.
[ 75 ] The scientist of spirit or anthroposophist knows quite well the sort of things that can be leveled against anthroposophy, however well it may be presented. He is fully aware of what can be said against it, just as Eduard von Hartmann was able to present what the scientists found to be excellent and to their liking. Such lessons, it is true, are soon forgotten, and the old habits soon return. But we can recall them, and we should learn from them. It is not only with Eduard von Hartmann but also with others that an instinctive feeling has arisen that quite a different kind of consciousness is at work in the depths of the human soul.
[ 76 ] Ich erinnere nur, um das kurz anzudeuten, an Myers, den englischen Forscher, den Herausgeber der psychischen Untersuchungen, die in vielen Bänden erschienen sind, die überall und immer darauf hinarbeiten, dass neben den äußeren Erfahrungen ein solches Verborgenes in der Menschenseele vorhanden ist — was James, der Amerikaner, nennt als das Jahr [1886], das Jahr, der [Entdeckung] einer der wichtigsten Tatsachen, nämlich der Tatsache [Lücke]
[ 76 ] I would remind you of Myers, the English scientist and editor of the reports of psychic experiments which were published in many volumes and which set out to show how there is something hidden in the human soul that exists alongside our ordinary experience,—what James, the American, called the year of the discovery of one of the most significant facts, namely the discovery of the unconscious in 1886.
[ 77 ] Heute weiß ein Forscher in der Regel sehr wenig von dem allen; er weiß nichts von Eduard von Hartmanns Auseinandersetzungen, er weiß nichts von James, der das Jahr 1886, das Jahr, in dem Myers entdeckt hat das Unterbewusstsein, dasjenige, das Geistig-Seelisches erhalten ist und mit dem Geistig-Seelischen der Welt zusammenhängt und aus dem heraufstrebt in das gewöhnliche Bewusstsein, dasjenige, was dieses gewöhnliche Bewusstsein erweckt, erwachen macht, das wie aus dem Alltagsbewusstsein, aus dem Traum erwacht, das das gewöhnliche Bewusstsein zum schauenden Bewusstsein macht in der Weise, wie ich es beschrieben habe. Aber das alles ist in einer verworrenen, in einer nicht reifen Weise bei Myers wie bei James vorhanden. Man möchte sagen, wie eine Hoffnung, oder wie eine Sehnsucht nur vorhanden; durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie wird es erst eine Tatsache.
[ 77 ] Today scientists on the whole know very little about such things. They know nothing of Eduard von Hartmann's arguments, nothing about James, nothing about 1886 when Myers discovered the unconscious, the part of us that is of a spirit-soul nature and is connected with the spirit-soul nature of the world, and that rises into and awakens our normal consciousness. It is the same as I have described as awakening as if out of our everyday consciousness, out of a dreaming state, and makes our ordinary consciousness into a perceptive consciousness.—But in Myers and James it is to be found in a chaotic and immature state, rather like a hope or promise.—It becomes a real fact for the first time with the science of spirit or anthroposophy.
[ 78 ] Und so treten von zwei Seiten her, sehr verehrte Anwesende, so paradox das heute noch erscheinen mag, so tritt von zwei Seiten her die Entwicklung der inneren Seelenkräfte auf, und ich kann jetzt nur andeuten, wozu dasjenige, was ich in den Anfängen geschildert habe, wenn es später ausgebildet ist, systematisch ausgebildet ist, zuletzt dahin führt, dass der Mensch, wenn er immer mehr und mehr lernt, das geistige Auge im Ätherleib durch den anderen Menschen, der in ihm lebt, zu benützen, wenn er gewissermaßen diese Welt der inneren Vorgänge in sich selber entdeckt, und ihnen zuzuhören vermag, so gelangt er dazu, nun auch nicht nur den Raum, sondern die Zeit in seinen Anschauungen zu überwinden, auch die Zeit anders anzuschauen. Und wie gesagt, so paradox es heute erscheinen mag noch, der Mensch wird imstande sein, nicht nur erinnerungsgemäß sich zurückzuversetzen in der Zeitenreihe, sondern er gelangt dazu, sich wirklich in früheren Zeitpunkten zu erfassen in seiner Realität, zurückzugehen in der Zeit, und auch zurückzugehen soweit in der Zeit, dass er vor den Zeitpunkt [kommt], an den wir uns erinnern innerlich. Sie wissen alle, wir erinnern uns nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte in der Kindheit, bis zu dem können wir zurückdenken. Was wir vorher, in den ersten Jahren der Kindheit erlebt haben, daran müssen wir von außen erinnert werden. Aber über diesen Zeitpunkt hinaus, den ich eben angedeutet habe, bis in die Zeit hinein, wo wir als Mensch in der früheren Kindheit unsere Kräfte noch nicht voll erkennen, nicht voll anschauen wollen, bis zu diesem Zeitpunkt zurück können wir uns versetzen, bis zu einem Zeitpunkt, wo wir noch in das Wachstum hinein, in das lebendige Wachstum hinein fließen lassen haben die Kräfte, die wir dann für das gewöhnliche Bewusstsein brauchen.
[ 78 ] And so we see—however paradoxical it may appear today—that the development of the inner powers of the soul emerges on two fronts. I can only indicate how what I have described in its first beginnings, when systematically carried out, eventually leads to our being increasingly able to learn to use the spiritual eye in the etheric body by means of the other man that lives in us, and we discover this world of inner processes in ourselves and are able to feel ourselves as belonging to it. How we then learn not only to overcome our conception of space, but also of time. We come to look at time in quite a different way. And, as I have said, we become able not only to carry ourselves back in our memories into the past, but also to gain experience of ourselves at earlier points of time and also to carry ourselves back beyond the time that we normally remember. You all know that we can remember back only to a certain point in our childhood. This is as far as we can think back to. What we experienced in the first years of our childhood we can only be reminded of from outside. But now we can carry ourselves back to the time in our earliest childhood when as human beings we were not yet able to recognize or perceive our powers, to the time when the forces we need for our ordinary consciousness were needed for the initial growth of the body.
[ 79 ] Das heißt, wir lernen nicht mit dem Ich anschauen, das im gegenwärtigen Zeitpunkt in uns ist, wir lernen anschauen mit dem Ich unserer allerersten Kindheit, mit jenem Ich, das das geistige Teil aus der geistigen Welt hereingetragen hat und sich verbunden hat mit dem, was wir an physischen Kräften und Stoffen von Vater, Mutter und von den Vorfahren ererbt haben. Zu unserem geistigen Menschen kehren wir zurück. Und so, wie wir vom gegenwärtigen Ausgangspunkte aus durchschauen mit dem erwachten Bewusstsein das Sinnliche, und in das Geistige hineinschauen, eine geistige Welt vor uns haben, so liegt vor uns, indem wir uns zurückversetzt haben, indem wir in der Zeit wirklich zurückgegangen sind, so liegt vor uns das Leben qualitativ — nicht mit den einzelnen Details —, aber qualitativ, das Leben, das im Körper, in der Leiblichkeit bewegt wird, und das der Tod abschließt. Und wie die äußere physische Wahrnehmung uns abgrenzt von der äußeren geistigen Wirklichkeit im gewöhnlichen Bewusstsein, so grenzt uns jetzt ab — wir wissen es — für das gewöhnliche Bewusstsein das leibliche Erleben von dem, was jenseits des Tores des Todes liegt. Denn in dem Augenblicke, wo wir angelangt sind in dem Zeitpunkte, wo wir vor dem Momente stehen, bis zu dem wir uns zurückerinnern, da sehen wir das Leben begrenzt auf der anderen Seite vom Tode, und sehen dasjenige, was der Tod aus uns macht. Das Jenseits des Todes zeigt sich mit dem Jenseits der Geburt zusammen, getrennt nur durch das leibliche Leben. Der geistige Mensch, das Ewige in uns wird erlebt, indem das physische Leben wie ein Fluss da steht: das eine Ufer ist die Geburt, das andere Ufer ist der Tod. Der Tod aber mit seinem Jenseits zeigt sich mit dem, was vor der Geburt ist, zusammen.
[ 79 ] That is to say, we learn to perceive not with the ego of our earliest childhood, but the ego that has brought our spiritual nature out of the spiritual world and united itself with what has been inherited in the way of physical forces and substances from our father, mother and ancestors. We go back to this spiritual human being. From the present moment we look back with an awakened consciousness and see through the sense world into the spiritual; we have a spiritual world before us. Similarly, when we carry ourselves back in time we then have a qualitative experience of the life that we live in the body and that comes to an end with death. On the one hand, our ordinary perception cuts us off in our normal consciousness from spiritual reality; on the other, our bodily experience cuts us off in our normal consciousness from what exists beyond the gate of death. The moment we reach the time which we can remember back to, we see on the other hand life bordered by death, and we see what death makes of us. What is beyond death is revealed, together with what is beyond birth, only divided, kept apart by our life in the body. The spiritual man, the eternal in us, is experienced in that we see our physical life as a river; the one bank is birth and the other bank is death. Death, however, is revealed together with what exists before birth.
[ 80 ] Und ebenso sehen wir in uns reifen dasjenige, was aus diesem Leben zu einem anderen Erdenleben hinüberführt. Denn sind wir durch die Pforte des Todes gegangen, so zeigt sich, wenn wir erkennen das, was in uns lebt, wie wir sagen können, in der Pflanze lebt und, nachdem es durch die finstere Kälte durchgegangen ist, eine andere Pflanze ist. So lernen wir erkennen das Geistig-Seelische, das in diesem Leben in uns ist, und das dann, wenn es durch die geistige Welt zwischen Tod und Geburt hindurchgegangen [sein wird, in einem neuen Erdenleben wieder erscheinen muss]. Alles das wird anschaulich, wenn sich die Seelenkräfte so entwickeln, wie es geschildert worden ist. Und wir lernen, [uns] zu durchschauen, wie wir [uns] durch die offenen Augen, offenen Ohren in eine physische Welt einleben, so leben wir uns in eine geistige Welt ein, leben uns wirklich konkret in eine geistige Welt hinein, die dann um uns herum ist. Wir sind mit geistigen Wesenheiten, mit geistigen Kräften zusammen.
[ 80 ] We also see maturing in us what leads from this life to a further life on earth. For if we have gone through the gate of death we then see what lives in us. Just as we can say that there is something that lives in the plant which, having gone through the dark and cold time of year, develops into a new plant, so we see how our spirit-soul nature that is within us in this life goes through the spiritual world between death and birth and appears again in a new life on earth. All this becomes accessible to our perception when we develop the powers of the soul in the way that it has been described. Just as we grow accustomed to a physical world through our open eyes and open ears, so we accustom ourselves to a spiritual world, really become concretely aware of a spiritual world that exists around us. We live together with spiritual beings, spiritual forces.
[ 81 ] Und ebenso, wie wir hier unser Leben als Ausdruck kennenlernen durch geistige Anschauung, wie wir unseren Leib als den Ausdruck kennenlernen unserer geistigen Wesenheit, die in uns eintritt bei der Geburt, oder sagen wir bei der Empfängnis, so lernen wir kennen unser physisches Erdenleben, unsere physische Erde als einen weiteren Zustand von etwas, was im Planeten-Dasein vorangegangen ist, wir lernen kennen unsere Erde als eine Metamorphose, als die Umwandlung eines früheren Planeten, in dem wir waren als Mensch, auf einer Stufe aber noch nicht mit einem heutigen physischen Leib, sondern auf geistige Art, und die heutige Natur auch auf geistige Art. Die Tiere sind heruntergestiegen in der Entwicklung, der Mensch ist fortgeschritten. Sodass wir finden den Punkt, worinnen sich Menschheit und Tierheit berühren, nicht im Physischen, sondern im Geistigen. Der Mensch hat diejenige Entwicklung auf der Erde durchgemacht von einem früheren Planeten her, der sich in die Erde umgewandelt hat, gerade so, wie sich die Erde in eine nächste Stufe umwandeln wird, und der Mensch hat die Entwicklung durchgemacht, die ihn befähigt, ein Ich aufzunehmen, das heute noch schläft in ihm, das aber auch im Laufe der weiteren Entwicklung immer mehr und mehr aufwachen wird. Die ganze Welt wird durchgeistigt.
[ 81 ] Just as we recognize our life, our body, as the expression of our spiritual being which begins at birth, or rather at conception, so we also come to know our physical life on the earth, our physical earth, as a further condition or state of something that has been preceded in planetary existence. We come to see our earth as a metamorphosis, a transformation of an earlier planet, in which we existed as human beings at an earlier stage, not yet with the present-day physical body, but in a spiritual state and with the nature we have today in a spiritual form. The animals have undergone a downward evolution, the human being has evolved in such a way that the point at which man and animal meet is to be found in the spiritual and not in the physical. Man's evolution on the earth is a continuation of the life on an earlier planet, which has been transformed into the present earth, and which will similarly be transformed into the next stage and will enable the human being to take into himself an ego that today is still slumbering in him, but which will become more and more awake in the further course of evolution. The whole world will be spiritualized.
[ 82 ] Und so, wie wir uns mit einem verwaschenen Pantheismus in der gewöhnlichen äußeren Wirklichkeit nicht begnügen können, wenn von Natur hier gesprochen wird, sondern davon sprechen, dass wir lernen von Stufe zu Stufe Ansteigendes, wie wir das irdische Wesen schauen physisch, so treten wir auch nicht mit einem verwaschenen Pantheismus in eine geistige Welt ein, sondern als ein konkreter, einzelner wirklicher Mensch, als einzelne Wesenheit. Dies zu sagen wird einem heute am wenigsten noch verziehen. Dennoch ist es so, dass eine wirkliche, konkrete geistige Welt sich aufschließt, jene geistige Welt, der wir angehören mit unserem geistigen Menschen, wie wir mit unserem physischen Menschen angehören der äußeren physischen Wirklichkeit.
[ 82 ] When we speak about nature we do not content ourselves with referring to a vague pantheism existing in the outer world, but in looking at the being of the earth we speak of rising stages that we get to know. Nor do we enter into a spiritual world with a vague pantheism, but as a concrete individual and real human being. Today one is forgiven least of all for saying such a thing as this. Nevertheless it is true that a real, concretely spiritual world is opened up to us, the spiritual world that we belong to with our spiritual man, just as with our physical man we belong to ordinary physical reality.
[ 83 ] Und so wird Geisteswissenschaft oder Anthroposophie hinzufügen, dadurch, dass sie inneres Leben methodisch erweckt, die Geisteserkenntnis zu der äußeren Naturerkenntnis hinzufügt, anderes Anschauen der Welt herbeiführen, anderes Anschauen gegenüber dem, was uns für das gewöhnliche Bewusstsein umgibt. In dieser Beziehung muss Geisteswissenschaft sich allerdings nach und nach erst hineinleben in die Herzen der Menschen, die sie eigentlich ersehnen, von der sie aber heute zum größten Teil noch nicht wissen, dass in ihren dunklen Gefühlen die Sehnsucht lebt nach dieser Geisteswissenschaft. Aber sie lebt, und sie wird immer mehr und mehr erkannt werden, diese Sehnsucht, als wirklich vor handen.
[ 83 ] And so in bringing about a methodical awakening of inner life the science of spirit or anthroposophy adds knowledge of spirit to natural knowledge and introduces a different picture of the world from the one we have in our ordinary consciousness. In this connection the science of spirit will gradually have to be taken into the hearts of those who are longing for it, but who for the most part do not know that this longing exists in their hidden feelings. But it is there, and it will come to be more and more recognized.
[ 84 ] Es ist merkwürdig, wie die Einzelheiten dieses Erlebens, das ich beschrieben habe, in unserer Zeit und in der Zeit, die unmittelbar vorangegangen ist, noch nicht erfasst werden konnten, auch von den hervorragendsten Geistern. Ich musste Ihnen den großen Philosophen anführen, Eduard von Hartmann, der schon geahnt, aber nur theoretisch erreichen wollte ein anderes Bewusstsein im Menschen, der sich aber durchaus nicht hineinfinden konnte darein, dass man diesen Weg zum Geistigen nicht durch Theorien, nicht durch Hypothesen finden soll, sondern durch Erleben, dadurch, dass man Gedanken, die man so bearbeitet, wie man Gedanken bearbeiten lernt, gleichsam als Boten hinauszuschicken in eine unbekannte Welt, aus der sie einem wieder zurückkommen als Erlebnis, die einen in die geistigen Welten führen, wie beschrieben. Aber es muss nur dadurch erlebt werden, dass man sich unterstützen lässt von einem wirklichen Sein der Begriffs- und Vorstellungswelt.
[ 84 ] It is remarkable how even the most eminent thinkers of our time and of the immediate past have not yet been able to grasp the details of the kind of experience I have been describing. I wanted to cite the great philosopher Eduard von Hartmann who had an idea of what it was about, but who was only interested in reaching another consciousness in the human being theoretically, and who was unable to discover that one cannot find one's way into the spiritual by theories or hypotheses, but only by experience, by working upon one's thoughts in such a way that they are sent out as messengers into an unknown world, from which they return as experience, and that leads one into the spiritual world, as I have described. But the experience of it must be based on accepting the existence of a world of ideas and images as real.
[ 85 ] Verzeihen Sie, dass ich an diesem Punkte an ein Persönliches wiederum anknüpfe; aber dieses Persönliche hängt mit der ganzen Sache zusammen. Ich tue es ungern, aber Sie werden sehen, warum ich es bemerke.
[ 85 ] Forgive me if I say something personal once more, but it is very much connected with this whole subject. I do not particularly wish to do so, but you will see why I refer to it.
[ 86 ] Ich versuchte 1894 in meiner «Philosophie der Freiheit» gerade einen solchen philosophischen Standpunkt als Vorbereitung für die Geisteswissenschaft der Welt zu bringen, wo die einzelnen menschlichen Standpunkte, die zuweilen mit so sonderbaren philosophischen Namen bezeichnet werden, wo die aufgefasst werden nun nicht so, dass man sich stark zu dem einen oder anderen bekennt, sondern dass man, gewissermaßen wie eine Fotografie von verschiedenen Seiten her, eines und desselben Gegenstandes, diese Begriffe selber aussprechen lässt, dass man vielseitig [eingestimmt] wird. Diese meine «Philosophie der Freiheit» hat Eduard von Hartmann [1894] wohl studiert, und er schickte mir sein Exemplar, in das er seine Eintragungen gemacht hat.
[ 86 ] In 1894 I attempted in my Philosophy of Spiritual Activity to provide the world with just such a philosophical approach as a preparation for the science of spirit, where the individual human viewpoints, which sometimes have such remarkable names, could be understood, not as a choice of mutually exclusive views, but that they could be seen like photographs or different pictures of the same object and that these concepts could be allowed to speak for themselves so that one has a many-sided picture. Eduard von Hartmann studied this Philosophy of Spiritual Activity in 1894, and he sent me his copy in which he had made notes.
[ 87 ] Ich möchte aus [seinem] Briefe, den er mir dazu geschrieben hat, eine Stelle vorlesen, in der allerdings mit den sonderbaren philosophischen Ausdrücken, [die Sache entwickelt wird], aber ohne, dass ich — die Zeit ist zu kurz und ich muss dann schließen —, ohne dass ich die einzelnen philosophischen Ausdrücke erklären werde, ist doch dasjenige, was Eduard von Hartmann meint, verständlich. Erstens sagt er zum Beispiel: «Der Titel sollte lauten: «Erkenntnistheoretischer Monismus und Individualismus». Nicht: «Philosophie der Freiheit», sondern: «Erkenntnistheoretischer Monismus und ethischer Individualismus». Also er ahnt instinktiv, dass da zwei Seiten ein und derselben Sache beleuchten sollen diese Sachen. Er meint aber, das könne man nicht zusammenbinden.
[ 87 ] I would like to read a passage from the letter he sent me. It contains singular, philosophical expressions but what he means is quite clear even without going into what these expressions mean. In the first place he says, for instance: “The title should be `Monism based on the theory of knowledge—ethical individualism,' and not `Philosophy of Spiritual Activity'.” But he has an instinctive feeling for the fact that these two aspects are supposed to throw light on one and the same thing. He thinks, however, that they cannot be brought together.
[ 88 ] Im Leben der Seele gliedert es sich lebendig zusammen, nicht durch eine stroherne Theorie. Das war die Meinung. Und so auch andere Standpunkte. Deshalb sagt Eduard von Hartmann:
[ 88 ] They are in fact brought together in the life of the soul and not by means of empty theories. This is what he meant. And similarly in other points. Eduard von Hartmann therefore says:
In diesem Buche ist weder Humes in sich absoluter Phänomena lismus mit dem auf Gott gestützten Phänomenalismus Berkeleys versöhnt, noch überhaupt dieser immanente oder subjektive Phänomenalismus mit dem transzendenten Panlogismus Hegels, noch auch der Hegel’sche Panlogismus mit dem Goethe’schen Individualismus. Zwischen je zweien dieser Bestandteile gähnt eine unüberbrückbare Kluft. Weil alle diese Standpunkte so lebendig dastehen, dass sie miteinander sprechen, dass sie ein und dieselbe Sache von verschiedenen Gesichtspunkten charakterisieren!
“In this book neither Hume's absolute phenomenalism nor Berkeley's phenomenalism based on God are reconciled, nor this more immanent or subjective, phenomenalism and the transcendental panlogism of Hegel, nor Hegel's panlogism and Goethean individualism. Between these two aspects there yawns an unbridgeable abyss.” Because all these views exist in such a living way, they all testify to the same thing, they characterize one and the same thing from varying viewpoints!
[ 89 ] Hartmann ahnt das, er empfindet, er fühlt das, konstatiert es. Aber er sieht nicht, dass es sich nicht handelt um ein hypothetisches, theoretisches Zusammendenken, sondern um ein lebendiges Zusammen-Erleben. Deshalb sagt er weiter:
[ 89 ] Hartmann has an inkling of this, a feeling for it, but he does not see that what is important is not a hypothetical and theoretical way of putting them together in thought, but a living way of experiencing them as a unity. He therefore goes on to say:
Vor allem aber ist übersehen, dass der Phänomenalismus mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus
“Above all, the fact is ignored that phenomenalism leads with absolute inevitability to solipsism
[ 90 ] — also zur Eins-Lehre, zur Ich-Lehre —
[ 90 ] that is, to a doctrine of being one, a doctrine of the ego),
absolutem Illusionismus und Agnostizismus führt, und nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil die Gefahr gar nicht erkannt ist.
to illusionism and to agnosticism, and nothing is done to prevent this plunge into the abyss of un-philosophy, because the danger is not even recognized.”
[ 91 ] Diese Gefahr ist wohl erkannt! Und Eduard von Hartmann braucht wiederum instinktiv sehr richtig den Ausdruck «Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie». Ich habe ihn heute geschildert. Aber der «Rutsch in den Abgrund» wird nicht durch «Unphilosophie», aber auch nicht durch eine Philosophie-sein-wollende-Hypothese verhindert, sondern dadurch, dass das lebendige Leben in das andere Dasein hinübergeführt wird, dass das Unterbewusste lebendig bewusst gemacht wird, damit dasjenige, was unabhängig, objektiv von der Seele erlebt wird, nicht bloß subjektiv, wiederum zurückgeleitet werden kann in das Bewusstsein.
[ 91 ] This danger certainly has been recognized! And Eduard von Hartmann once again instinctively uses the right expression: “plunge into the abyss of un-philosophy.” This is precisely what I have described today! Of course, this plunge into the abyss is not prevented by un-philosophy or by any hypotheses setting out to be philosophical, but only by our real life being led into the other existence, by the unconscious being made conscious, so that what is experienced objectively and independently in the soul can be guided back again into the conscious.
[ 92 ] Hier sehen Sie eben, wie Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich auseinandersetzen musste nach und nach mit demjenigen, was in der Zeit zwar vorhanden ist an Sehnsuchten und Hoffnungen nach einer solchen Wissenschaft, was aber noch nicht zu dem gelangen konnte, was eigentlich in der Geisteswissenschaft realisiert werden sollte, weil dazu notwendig ist das Erkennen intimer Seelenarbeit, die nicht mystisch subjektiv bleibt, sondern, sondern die objektiv wird, wie die äuRere Wissenschaft und Erkenntnis. Die äußere Naturwissenschaft wird im Übersinnlichen den Weg finden zu dieser Geisteswissenschaft.
[ 92 ] You can see here how the science of spirit or anthroposophy has gradually to get to grips with the longings and hopes for such a science, that exist at the present time, but which in themselves cannot get as far as what has to be achieved in the science of spirit, because for this to happen it is imperative to see that intimate work on the soul has to be done which does not remain mystically subjective, but is just as objective as ordinary science and knowledge.
[ 93 ] Was ist denn in dieser Beziehung aber bis heute geschehen? Ich habe Ihnen Oscar Hertwig angeführt. Oscar Hertwig ist einer derjenigen, der Eduard von Hartmanns Bedeutung gefühlt hat! Ernst Haeckel ist einer derjenigen, die über Eduard von Hartmanns Veröffentlichung über «Die Philosophie des Unbewussten» am meisten gespottet hat.
[ 93 ] What then has been done about this up to now? I have cited Oskar Hertwig to you. Oskar Hertwig is one of those who felt the significance of Eduard von Hartmann! Ernst Haeckel is one of those who mocked most at what Eduard von Hartmann published in his Philosophy of the Unconscious.
[ 94 ] Oscar Hertwig zitiert heute fortwährend Eduard von Hartmann, zitiert ihn so, dass er ihm überall recht gibt; er zitiert ihn so, dass er ihm sogar zustimmt da, wo Eduard von Hartmann gesagt hat: Die Art, wie es geschehen sei, wie man das Selektionsprinzip als modernen Aberglauben behandelte, das ist eine Kinderkrankheit, eine naturwissenschaftliche Kinderkrankheit unserer Zeit. Das zitiert Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler selber, als einen die Naturwissenschaft treffenden Ausspruch von Eduard von Hartmann! Und so vieles andere.
[ 94 ] Oskar Hertwig still cites Eduard von Hartmann continuously and does so in full agreement with what he says, even where Eduard von Hartmann says that the way in which the idea of natural selection is treated as a modern superstition is like a childhood disease, a scientific childhood disease of our times. This is cited by Oskar Hertwig, himself a pupil of Haeckel, as an appropriate statement about natural science by Eduard von Hartmann. And there is much more like this.
[ 95 ] Diese Dinge sprechen klar und deutlich; sie sprechen dadurch klar und deutlich, dass sie zeigen, was die Naturwissenschaft nicht erkennen kann, was zu erkennen notwendig wäre, sondern es ist so, dass schon die Schüler der großen Lehrer der Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts zur Widerlegung desjenigen gekommen sind, was man dazumal an Hoffnungen gehegt hat. Und gerade Oscar Hertwig ist außerordentlich interessant, weil er zeigt, dass Naturwissenschaft heute schon auch nichts einzuwenden haben kann gegen eine Philosophie, wie diejenige ist von Eduard von Hartmann. Haben die Naturforscher den Weg gefunden zu Eduard von Hartmann — sie werden den Weg auch finden zur Anthroposophie oder Geisteswissenschaft. Dann aber kann eben das allgemeine Bewusstsein der Menschheit seinen Weg finden.
[ 95 ] It all adds up to a clear statement as to what science is unable to recognize and what it would really have to recognize. But what has happened is that the pupils of the great teachers of science of the 19th century have already started to refute everything that existed earlier in the nature of the hopes I have been talking about. Oskar Hertwig is extraordinarily interesting because he shows that science today cannot have any objection to such a philosophy as Eduard von Hartmann's.
[ 96 ] Von mancher anderen Seite her wird Anthroposophie oder Geisteswissenschaft hinlänglich Gegnerschaft über Gegnerschaft entgegengebracht. Nur kurz, zum Schlusse, möchte ich erwähnen dasjenige, was die Anhänger gewisser Religionsgemeinschaften, namentlich die Anhänger christlicher Religionsgemeinschaften immer wieder und wiederum gegen Geisteswissenschaft vorgebracht haben. Das aber will ich nur kurz streifen. Es ist merkwürdig, in welcher Art gerade von religiöser Seite gegen Geisteswissenschaft vorgegangen wird. Da sagt man zum Beispiel: Dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen habe, das widerspreche dem oder jenem, das in der Bibel steht, das in der Tradition enthalten ist. Aber handelt es sich denn darum? Konnte man jemals daran denken, Amerika nicht entdecken zu wollen, weil Amerika noch nicht in der Bibel oder in der christlichen Tradition steht?
[ 96 ] If the scientists find their way to Eduard von Hartmann, they will also find their way to the science of spirit. But then the general consciousness of humanity too will be able to find its way. The science of spirit will encounter opposition enough from other directions as well. To conclude, I would like to mention briefly the objections that are constantly brought by the adherents of various religious organizations against the science of spirit. It is remarkable how it is just from the religious viewpoint that the science of spirit is attacked. It is said, for instance, that what the science of spirit has to say contradicts things in the Bible or that are held according to tradition.—But is this really what we should be concerned about? Could we think of not wanting to discover America because it cannot be found in the Bible or in Christian tradition?
[ 97 ] Derjenige, sehr verehrte Anwesende, hat eine geringe Meinung von der Tat- und Schlagkraft des Größten, was auf der Erde geschehen ist — das Christentum —, der da glaubt, dass diese Tat- und Schlagkraft durch irgendeine Entdeckung jemals gefährdet werden kann!
[ 97 ] If anyone believes that the power of the greatest thing in the world—Christianity—could be endangered because of some discovery, he cannot have much faith in it!
[ 98 ] Da muss ich mich immer erinnern, wenn ich höre, dass von christlicher Seite etwas eingewendet werden kann gegen Geisteswissenschaft, da muss ich mich immer erinnern an ein anderes, wie ein, diesmal nicht protestantischer, sondern katholischer Theologe, der Lehrer der christlichen Philosophie an einer katholischen theologischen Fakultät war, seine Rektoratsrede gehalten hat über Galilei, von dem man weiß, wie die Kirche mit ihm verfahren ist. Dieser wirklich echte, christlich gesinnte katholische Priester, der niemals bis zu seinem Tode verleugnet hat, dass er ein treuer Sohn seiner Kirche geblieben ist, dieser katholische Priester, indem er über Galilei gesprochen hat, er sagte:
[ 98 ] When I hear of how objections can be made by Christians, I recall a theologian, this time not Protestant, but Catholic, a teacher of Christian philosophy, member of a Catholic faculty of theology, who gave his inaugural lecture on Galileo—and we know how the church dealt with Galileo. This really genuinely Christian and Catholic priest, who up to the time of his death never denied that he was a true son of the church, said in his lecture on Galileo:
Mit Unrecht wendet sich das wirklich sich erkennende Christentum gegen einen solchen Fortschritt in der Naturerkenntnis, wie er durch Geister, wie Galilei, gebracht worden ist. Mit Unrecht behauptet das Christentum, dass gewisse Lehren, die selber mit Unrecht ihre Abfolge aus dem Christentum behaupten, im Widerspruch stünden mit der Naturwissenschaft. Denn die neuere Naturwissenschaft
It is with injustice that a really perceptive Christianity turns against the progress of natural science as brought about by such people as Galileo. It is with injustice that Christianity declares certain ideas which are falsely said to be derived from Christianity, to be irreconcilable with natural science. For modern science,
[ 99 ] — meint dieser Priester und Theologe und Professor an einer Universität —,
[ 99 ] thinks this priest and professor of theology,
die neuere Naturwissenschaft steht nur wie in einem Widerspruch mit den engeren Weltauffassungen der Antike, nicht aber mit den christlichen Auffassungen; denn diese christliche Auffassung, wenn sie recht verstanden wird, kann gerade die Entdeckungen immer weiterer und weiterer Wunder in den Welten nur bekräftigen, kann nur bekräftigen die Herrlichkeit der Gottheit und die Herrlichkeit der christlichen Auffassung; sie kann nur bekräftigen die Wunder, die die göttliche Gnade hier auf diesem Erdenplane verrichtet hat.
only appears to be irreconcilable with the more limited view of the world held by the ancient peoples, but not with the Christian view, for this Christian view, properly understood, is bound to confirm the discoveries of more and more wonders in the world, and is bound to confirm the glory of the Godhead and the glory of the Christian view; it is bound to confirm the wonders that divine grace has instituted upon the earth.
[ 100 ] In demselben Sinne kann man sagen, gerade vom Standpunkte des echt verstandenen Christentums aus — [nicht mit dem wirklich gut verstandenen Christentum steht Geisteswissenschaft in irgendeinem Widerspruch], sondern mit [Irrlehren], die mit Unrecht ihre Abstammung von dem Christentum [behaupten]. Und in einem Widerspruch steht — aber in einem Widerspruch, der das andere, das Gegenteil ergänzt —, steht die Geisteswissenschaft nur mit einem eng aufgefassten naturwissenschaftlichen Weltbilde, nicht mit dem weitgefassten christlichen Weltbilde. Und dasjenige, was Geisteswissenschaft findet, das wird so sein, dass die Wunder, die in der geistigen Welt entdeckt werden, nicht hinwegschaffen die Wunder, die uns im Christentum gelehrt werden, sondern sie im Gegenteil bekräftigen!
[ 100 ] We can say the same about the science of spirit, for there is no contradiction between it and Christianity, properly understood. But contradiction exists only between it and a false teaching that unjustly purports to originate from Christianity. The only thing that the science of spirit cannot be reconciled with is a narrowly conceived scientific view of the world and not with a broadly based Christian view. And the discoveries of the science of spirit, the wonders that it finds in the spiritual world, will not mean an end to the wonders that Christianity teaches us about, but on the contrary will confirm them.
[ 101 ] Und ebenso sagt Laurenz Müllner, dieser echt christliche Theologe und Professor:
[ 101 ] Laurenz Mueller, also a genuinely Christian theologian and professor, speaks in a similar vein:
Das Christentum widerspricht nicht, und hat nicht zu widersprechen einer recht aufgefassten Entwicklungslehre, wenn sie nicht bloß kausale Weltentwicklung sein will, und den Menschen selbst bloß in die physische Kausalität hineinstellt.
Christianity does not contradict and is not intended to contradict a doctrine of evolution properly understood, as long as it does not set out to be a purely causal evolution of the world and to place man only within the framework of a physical causality.
[ 102 ] Geisteswissenschaft widerspricht nicht dem Christentum, weil diese Geisteswissenschaft nicht zu Ertötung des religiösen Erlebens und Erschauens führt, sondern im Gegenteil zu dem, was sie wirklich tut: das ist, dass sie das religiöse Erleben und Erschauen anfeuert. Und diejenigen, die wirklich heute noch glauben, dass ihr Christentum gefährdet werden könnte durch Geisteswissenschaft, die werden allmählich erkennen müssen: Während die falsch verstandene Naturwissenschaft bis jetzt immer mehr und mehr Seelen hinweggerrieben hat, äußerlich und auch innerlich, wird diese Anthroposophie oder Geisteswissenschaft, weil sie religiöses Leben entzündet, auch die Gebildeten wiederum zu den großen Geheimnissen nicht nur der christlichen Lehre, sondern auch des christlichen Werkes und Zeremoniendienstes wiederum zurückbringen. [Doch das wird vielfach eine Arbeit der Zukunft, wenn auch einer verhältnismäßig kurzen Zukunft, sein.]
[ 102 ] The science of spirit does not clash with Christianity, because it does not lead to the deadening of religious life and vision, but, on the contrary, it encourages and fires religious life and vision. And those today who still believe that their Christianity would be endangered by the science of spirit will gradually have to realize that whereas wrongly understood science has driven away more and more souls, both outwardly and inwardly, anthroposophy or the science of spirit, because it kindles religious life, will bring even educated people back to the great mysteries, not only of Christian teaching, but also of Christian deeds and ceremonial services. This will largely be the work of the future, in fact, of the relatively near future.
[ 103 ] Und gerade von dieser Seite möchte man wünschen, dass die Dinge mehr verstanden würden, und dass vor allem mehr Wille vorhanden sei, die Sache zu verstehen, dass man sich nicht ein Bild machen könne, ohne in die Sache einzudringen, und dieses Bild dann als widersprechend dem Christentum hinzustellen, und auf die Sache gar nicht eingeht.
[ 103 ] Just in this connection one could wish that things would be better understood and that above all there were more willingness to understand the matter, that one would not formulate a picture without really going into it and then setting up this picture as something contradictory to Christianity.
[ 104 ] Ich kann Ihnen das alles nur kurz andeuten. Ich müsste lange sprechen, wenn ich das alles einzeln anführen wollte — aber das könnte durchaus geschehen —, zu zeigen: dass das Christentum nicht den geringsten Grund hat, sich gegen solche Lehren zu wenden, wie die wiederholten Erdenleben!
[ 104 ] I can only mention this very briefly. I would have to speak for a long time if I had to go into everything in detail—but this could be done—to show that Christianity has not the slightest grounds for turning against such ideas as repeated lives on earth.
[ 105 ] Was die naturwissenschaftliche Lehre selber betrifft, so lassen Sie mich am Schlusse noch ein paar Worte sagen. Es ist ja so, dass die Naturwissenschaft heute bereits auf dem Standpunkte steht, dasjenige zu erkennen, was sie nicht erreichen kann. Und in einer merkwürdigen Weise kommt — wir können bei dem Beispiele wieder bleiben —, in einer merkwürdigen Weise kommt Oscar Hertwig in seinem Buche «Vom Werden der Organismen» auf etwas. In sehr merkwürdiger Weise kommt Hertwig darauf, dass keine objektive Forschung, keine Zergliederung der naturwissenschaftlichen Tatsachen zur materialistischen darwinistischen Philosophie der letzten Jahrzehnte geführt hat, sondern dass die Menschen dieses Zeitalters in sich getragen haben materialistische Gesinnung, in sich getragen haben nur den Glauben an die Ungeistigkeit der äußeren Welt, und den hineingetragen haben in die Naturdinge.
[ 105 ] To finish with, allow me to say a few words about the teachings of natural science. Today natural science has arrived at the point of realizing what it cannot attain. Oskar Hertwig—to keep to our former example—hits upon something in a remarkable way in his book Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie. In a remarkable way he comes to the conclusion that it is not any objective research, nor analytical research into scientific facts, that has led to the materialistic philosophy of Darwinism, but it arises from the fact that the people of this age have borne this materialistic outlook in themselves, have borne the belief in the unspiritual nature of the outer world in themselves, and have applied this to nature.
[ 106 ] Und da ist es sehr interessant, die Worte Oscar Hertwigs nun selbst auf sich wirken zu lassen, die er gebraucht hat, um zu zeigen, wie eigentlich die Dinge stehen. Hertwig sagt:
[ 106 ] And here it is very interesting to feel the weight of Oskar Hertwig's own words to show the real nature of the situation. Hertwig says:
Das Nützlichkeitsprinzip, die Überzeugung von der Notwendigkeit unbeschränkter merkantiler und sozialer Konkurrenz, materialistische Richtungen der Philosophie sind Mächte, die auch ohne Darwin eine große Rolle in der neuzeitlichen Entwicklung der Menschen gespielt haben. Wer schon unter ihrem Einfluss stand, begrüßte gern den Darwinismus als eine wissenschaftliche Bestätigung ihm schon anderweit vertraute, lieb gewordener Ideen. Er konnte sich jetzt selbst gleichsam im Spiegel der Wissenschaft schauen.
“Die Auslegung der Lehre Darwins,
“The principle of utility, the conviction of the necessity of unrestricted commercial and social competition, materialistic tendencies in philosophy, are forces that would have played an important part, even without Darwin. Those who were already under their influence greeted Darwinism as a scientific confirmation of the ideas they already cherished. They could now look at themselves, as it were, in the mirror of science.”
“The interpretation of Darwin's teaching,”
[ 107 ] — so sagt Oscar Hertwig weiter —,
[ 107 ] Oskar Hertwig continues,
die mit ihren Unbestimmtheiten so vieldeutig ist, gestattete auch eine sehr vielseitige Verwendung auf anderen Gebieten des wirtschaftlichen, des sozialen und des politischen Lebens. Aus ihr konnte jeder, wie aus einem delphischen Orakelspruch, je nachdem es ihm erwünscht war, seine Nutzanwendungen auf soziale, politische, hygienische, medizinische und andere Fragen ziehen und sich zur Bekräftigung seiner Behauptungen auf die Wissenschaft der darwinistisch umgeprägten Biologie mit ihren unabänderlichen Naturgesetzen berufen. Wenn nun aber diese vermeintlichen Gesetze keine solchen sind
“which is so ambiguous in its uncertainties, also allows for a varied application in the other spheres of economic, social and political life. Each person can get what he wants from it, just as from the Delphic oracle, and can draw his own conclusions concerning social, hygienic, medical and other questions, and can call on the scientific learning of the new Darwinian biology with its unalterable laws of nature, to confirm his own views. If however these laws of nature are not what they are made out to be”
[ 108 ] — und dass sie keine Naturgesetze sind, das suchte Oscar Hertwig, der Haeckel-Schüler, zu beweisen, und hat es bewiesen —,
[ 108 ] —and Oskar Hertwig sets out to prove, and does prove, that they are not really laws of nature,
sollten da bei ihrer vielseitigen Nutzanwendung auf andere Gebiete nicht auch soziale Gefahren bestehen können? Man glaube doch nicht, dass die menschliche Gesellschaft ein halbes Jahrhundert lang Redewendungen wie unerbittlicher Kampf ums Dasein, Auslese des Passenden, des Nützlichen, des Zweckmäßigen, Vervollkommnung durch Zuchtwahl etc. in ihrer Übertragung auf die verschiedensten Gebiete, wie tägliches Brot gebrauchen kann, ohne in der ganzen Richtung ihrer Ideenbildung tiefer und nachhaltiger beeinflusst zu werden!
“could there not also be social dangers when they are applied in various ways to other spheres? We surely do not believe that human society can use for fifty years such phrases as bitter struggle for existence, survival of the fittest, of the most useful, the most expedient, perfection by selection etc., without being deeply and substantially influenced in the whole direction of this kind of ideas.”
[ 109 ] Das sagt heute bereits ein Naturforscher, der nicht allein behauptet: Falsch sind sie, diese materialistisch geprägten darwinistischen Ideen; sondern schädlich sind sie, in Seelen-Not und sozial, politische Schäden müssen sie hineinführen. Nur noch Einseitigkeit und Eingeschränktheit der Anschauungen gewisser Naturforscher kann ein anderes meinen. Und das verrät sich manchmal in einer ganz fürchterlichen Weise.
[ 109 ] This is what a scientist is already saying today. He is not just saying that these materialistically formulated ideas of Darwinism are wrong, but that they are injurious, that they inevitably lead to difficulties in the soul life, and to social and political harm. Only the restricted and one-sided views of certain scientists could maintain otherwise. And sometimes this works out in the most terrible way.
[ 110 ] Ein Naturforscher der Gegenwart, ein großer Naturforscher der Gegenwart, den ich wahrlich recht sehr schätze — und gerade, weil ich ihn hoch schätze, führe ich ihn an —, er macht in einer merkwürdigen Weise eine Andeutung darüber, wie der Naturforscher heute vielleicht nicht genommen sein will, aber wie er genommen werden muss nach dem, was so wie eine [Bedeutung] ausgegossen ist über die Art und Weise, wie er oftmals noch zu dem steht, was zu erhoffen sein kann aus rein [naturwissenschaftlicher] Weltanschauung der Natur. Der Naturforscher, den ich sehr schätze, er sagt am Schlusse seines bedeutsamen Buches — und das sind nun seine eigenen Worte, die ich anführen will:
[ 110 ] A great scientist of the present day for whom I have great respect—and it is just because I have respect for him that I cite him now—hints in a remarkable way at how the scientist does not perhaps wish to be understood, but at how he must be understood on the basis of his attitude toward what can be expected of a purely naturalistic view of nature. The scientist, for whom I have the greatest respect, says at the end of a significant book—and these are now his own words that I am quoting:
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
“We live today in the best period of time”
[ 111 ] — er behauptet es, so sagt er:
[ 111 ] —this is what he maintains,
Wir leben ja heute in der «besten der Zeiten»
“We live today in the best period of time”
[ 112 ] — das wird nicht mit Vollgültigkeit sich beweisen lassen, aber, so meint er, dieser Naturforscher —,
[ 112 ] it cannot be proved with full validity, but he asserts:
Wir leben ganz gewiss in der «besten der Zeiten», wenigstens wir Naturforscher, und wir können auf noch bessere hoffen
“we live today in the best period of time, at least we scientists, and we can even hope for better,”
[ 113 ] sagt er
[ 113 ] he says,
denn wir können, nach dem, was wir heute haben an Naturforschung, verglichen mit dem Ergebnis früherer Forscher
“for in comparing the science of today with the achievements of earlier scientists we can
[ 114 ] — so sagt jetzt dieser Naturforscher —
[ 114 ] say with Goethe
wir können mit dem großen Natur- und Weltenkenner Goethe sagen:
«Es ist ein groß’ Ergötzen
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
who knew so much about nature and the world:
The pleasure ... is great, to cast
The mind into the spirit of the past,
And scan the former notions of the wise,
And see what marvelous heights we've reached at last.”
[ 115 ] So ein großer Naturforscher am Schluss eines bedeutenden Buches!
[ 115 ] —Thus speaks a first class scientist at the end of an important book!
[ 116 ] Ich weiß nicht, ob es viele Leute bemerken, und darüber nachdenken, wen Goethe das eigentlich sagen lässt, wer das sagt, sagt es der große Welt- und Naturkenner Goethe? Nein, er legt es dem Wagner in den Mund, demjenigen, der als ein beschränkter Wicht dem Faust entgegentritt.
[ 116 ] I do not know whether many people notice and think about the person whom Goethe makes say this. Is it really Goethe, the one who knew so much about the world and nature, who says this? No, he puts it into the mouth of Wagner
[ 117 ] Und Faust erwidert diesem Wagner ja:
[ 117 ] And Faust replies to Wagner:
O, dass dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
How strange, that he who cleaves to shallow things
Can keep his hopes alive on empty terms
And dig with greed for precious plunderings,
And find his happiness unearthing worms!”
[ 118 ] Das ist die Meinung des großen Welt- und Menschenkenners Goethe!
[ 118 ] This is the real view of the one who knew so much about the world and nature!
[ 119 ] Und wenn heute Naturforscher das noch nicht einsehen, was sich wirklich aus den gesunden Grundlagen einer solchen Weltanschauung, wie sie auch durch Goethe gestrahlt hat, ergibt — so kann man manchmal sie ertappen, [möchte ich sagen] an [solch unsinnig Gestaltetem, wie soeben] —, und wie Hertwig aber sagt, wahr sagt: «Aus dem, was die Zeit materialistisch gedacht hat, aus ihren naturalistischen Vorgängen, ihren materialistischen Trieben und Empfindungen, die sie gehabt hat und sie hineingetragen hat in die Natur, dadurch ist die materialistische Weltanschauung, der materialistisch gefärbte Darwinismus entstanden, die Tatsachen widerlegen ihn.»
[ 119 ] And if scientists today do not yet realize what can be built on the basis of the sound foundations to be found in a view of the world, such as also shone through Goethe, one can understand what Oskar Hertwig so rightly says: The materialistic conception of the world and Darwinism with its materialistic bias have arisen out of the general materialistic attitude of the times, their naturalistic methods, their materialistic impulses and feelings, and which have then been applied to nature. But the facts disprove this.
[ 120 ] Aber dann darf dem gegenüber der Geistesforscher aus einer, wie er glaubt, tieferen Welt- und Menschenkenntnis heraus erwidern: Nein, nicht von einer solchen eng umgrenzten Zeitanschauung, wie diejenige war um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, soll in die Natur hinein geträumt werden, sondern aus dem Höchsten was Geist und Seele erringen können, sollen die Anschauungen geformt werden, die in die Natur hineinzutragen versucht werden, damit man erkennt, ob die Natur dieses Anschauen wirklich bestätigt. Und nach dem, was wirkliche Geisteswissenschaft vorbringt, darf sie sich versprechen, dass ihr ein anderes widerfahren wird als der darwinistisch gefärbten Naturwissenschaft. Sie glaubte, aus gesetzlichen Vorgängen heraus die Welt zu erkennen, und wurde, wie wir gesehen haben, durch die Natur in diesem Glauben widerlegt.
[ 120 ] The scientist of spirit replies to this out of what he believes to be a deeper knowledge of the world and of man: No, it is not such a narrow view like the one prevalent around the middle of the 19th century that should affect our study of nature, but our views should be formulated according to the highest possible content that spirit and soul can attain, and they should then be applied to nature to see if nature really confirms them. We can then expect that the resultant view will not be anything like Darwinism. This latter believed the world to exist according to certain laws and, as we have seen, nature herself has disproved this belief.
[ 121 ] Geistesforschung strebt an, die Menschenseele in ihren Tiefen zu erforschen, und aus den Tiefen der Menschenseele dasjenige heraufzuholen, was dem Geist als Geist zugrunde liegt als geistige Wesenheiten und geistige Kräfte, im weitesten, umfassendsten Sinne. Und sie darf hoffen — das ist nicht eine Einseitigkeit, sondern eine Vielseitigkeit, die sie sucht, da sie nicht einen Weg geht, sondern alle Wege geht, auf die die menschliche Seele geführt wird aus ihrem reichen Inneren heraus —, sie darf hoffen, dass dasjenige, was sie [an die] Natur als Frage, als Rätsel gestellt hat, nicht von der Natur widerlegt wird, sondern, weil in der Natur der Geist lebt, der auch im Menschen lebt, wird der Geist in der Natur es bejahen, nicht, wie im andern Falle, es verneinen können bei demjenigen eben, was Geisteswissenschaft oder Anthroposophie sich als die wirkliche Gestalt des Menschenrätsels vorstellt.
[ 121 ] The science of spirit strives to study the human soul in its depths, and to draw out of these depths the spirit that exists in the broadest and most embracing sense as the foundation of existence in spiritual beings and forces. It is not a one-sided but a many-sided path that it takes, for there is not only one path it follows, but it follows all the paths on which the human soul is led, from out of its own rich inner life. The science of spirit may be allowed to hope that the questions, the mysteries, which nature has put to it will not be refuted by nature, but that the spirit in nature will affirm them because the spirit that lives in nature also lives in man, and not, as in the other case, to deny what the science of spirit or anthroposophy envisages the real nature of the human mystery to be.
