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The Rudolf Steiner Archive

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Seelenunsterblichkeit, Schicksalskräfte und menschlicher Lebenslauf
GA 71a

25 Februar 1917, Stuttgart

Der Mensch als Geist- und Seelenwesen. Geisteswissenschaftliche Betrachtungen im Hinblick auf Unsere Schicksaltragende Zeit

[ 1 ] Die beiden Vorträge, die zu halten ich mir erlauben werde, sollen zusammengehen, wie einander erklären und ergänzen. Ich werde mich bemühen, sie so zu halten, dass jeder für sich verstanden werden kann. Was ich nun seit einer Reihe von Jahren in Stuttgart als Anthroposophie, als Geisteswissenschaft vorzutragen die Ehre habe, baut sich auf einer Notwendigkeit des gegenwärtigen Geisteslebens, nicht auf Willkürlichkeit. Daraus geht hervor, dass es gerade jetzt seinen Ausgangspunkt nehmen muss, um hineinzuschauen in die Gegenwart und zu sehen, dass gewisse Geistesimpulse jetzt ihre Bedingungen finden wie früher die kopernikanische Weltanschauung. Man braucht nur zu vergleichen, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung zu ihren Ergebnissen kommt und sich einlebt in die breitesten Kreise der Menschheit mit der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise, wie sie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden geherrscht hat. Da haben die Menschen zu gleicher Zeit mit der Beobachtung der Naturwesen und -vorgänge etwas Geistig-Seelisches in ihr Gemüt hineingenommen. Die moderne Naturanschauungsweise - das soll kein Tadel sein - schließt alles aus, was irgendwie Geistig-Seelisch ist, dadurch ist es notwendig geworden, die unauslöschlichen Bedürfnisse der Seele auf andere Weise wissenschaftlich zu befriedigen. Man kann nicht sagen, dass die Gegenwart schon zurechtgekommen ist, schon in irgendein Verhältnis zu der Geisteswissenschaft gekommen ist; alle Fragen der Geisteswissenschaft sind seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise verbannt.

[ 2 ] Ernste Forscher haben die naturwissenschaftliche Romantik des Darwinismus überwunden, zum Beispiel Oscar Hertwig, der ausschweifende Phantast, («Das Werden der Organismen, eine Widerlegung des Darwinismus»), haben die Zufallstheorien des Darwinismus wieder auf geordnete Bahnen gebracht. Daraus kann man eine gewisse Stimmung entnehmen gegenüber der geisteswissenschaftlichen Forschung, dass er, Hertwig, mit seinen Mitteln nicht herankam an das Geisteswissenschaftliche; er sagt, die Naturwissenschaft könne nicht heran an das Ewige in der Menschennatur. Das wäre gut, machte die Bahn frei, aber zwischen den Zeilen steht etwas anderes, da ist die Meinung verbreitet, dass man nur mit der Naturwissenschaft auf wissenschaftlichem Boden stehe.

[ 3 ] Man kann sagen, auf einer Seite weist die Naturwissenschaft mit aller Kraft auf die Notwendigkeit der Entstehung der Geisteswissenschaft hin, auf der anderen Seite gräbt sie sie ab. Du Bois-Reymonds Rede in Leipzig: Das Naturerkennen könne nicht Aufschluss geben über die Seele, aber die Wissenschaft höre da auf, wo das Übersinnliche beginne. Gegen solche Ziele und Bestrebungen hat heute die Geisteswissenschaft noch anzukämpfen. Daran knüpfen sich die Fragen nach der Ewigkeit der menschlichen Seele, nach der Freiheit des menschlichen Handelns und unzählige andere.

[ 4 ] Wer sich statt an die Naturwissenschaft an die Philosophie wendet, findet auch da wenig Befriedigung. Man findet da nur, was man ansehen kann als eine Summe von abstrakten Begriffen; das kann nichts geben für eine Stärkung der Seele. Wer heute in ein Psychologie-Buch schaut, findet es beherrscht von der Vorstellung, der Mensch sei ein Leibes- und Seelenwesen. Wenn man den Menschen in Leib und Seele gliedert, so ist das, wie wenn ein Chemiker eine Substanz vor sich hat und das Vorurteil hat, sie könne nur aus zwei Bestandteilen bestehen; so macht er seine Analyse und es kommt nichts heraus. In Wahrheit kommt man nur zurecht, wenn man den Menschen in Leib, Seele und Geist gliedert.

[ 5 ] Was eigentlich damit gemeint ist, wird klar werden, wenn man einen Blick wirft auf die Art, wie es beim Erleben der Physiologie, der Anatomie wirkt. Der Mensch erlebt Hunger, Sättigung, Atmungsbedürfnis als innere Erlebnisse.

[ 6 ] Geistwechsel im Gegensatz zum Stoffwechsel, gibt es das? Dieser paradoxe Ausdruck entspricht durchaus einer Wirklichkeit. Es genügt nicht, den Hunger und so weiter zu untersuchen und eine Naturwissenschaft damit zu begründen. So genügt es nicht, das Seelische zu untersuchen und eine Geisteswissenschaft damit zu begründen. Es ist das Verhältnis wie das gewöhnliche Erlebnis im physischen Leib zur Erhebung zur Wissenschaft. Was ist vom Geist aus dem menschlichen inneren Erleben zugewendet? Das, was der Mensch in das einfache Wörtchen «Ich» zusammenfasst. Man kann nicht durch das Versenken in das Gefühl des Hungers zu einer physiologisch-biologischen Wissenschaft kommen, ebenso wenig durch Versenkung in das Erleben von Fühlen, Denken, Wollen zur Geisteswissenschaft, nicht durch das mystische Seelenleben - es muss herausgegangen werden [Lücke].

[ 7 ] Die etwas wissen vom Ringen nach Erkenntnis, wissen etwas von den Hunderten von Grenzfragen der Erkenntnis. Sie werden sich nicht dabei begnügen, sie werden sich durchringen, sich durchleben, es nicht nur wie ein Ruhekissen betrachten, sondern weitergehen wollen. Man findet, dass man gerade an diesen Grenzpunkten hinauskommen kann über das gewöhnliche Erleben. Nicht nur das logische Denken [Lücke] Sie sagen, beim Rezitieren sich selber zu beobachten, sei nicht möglich, das bringe einen zum Stottern. Wer sich dabei beruhigt, ist; hoffnungslos [Lücke]

[Alfred Meebold:] Dann folgt eine Besprechung des Traumlebens - das Aneinanderketten der Traumerlebnisse.

[ 8 ] Wer Verzicht üben kann zur intellektuellen Tugend an den Grenzpunkten und noch mehr Geduld, noch mehr Arbeit aufwendet, der erhält Erfolge in der Geisteswissenschaft. Man reiht dann nicht mehr ein beliebiges Seelenerlebnis aneinander, sondern man entdeckt einen gewissen Vorgang. Dann kommt erst wieder die Rede auf das Ich, das man nicht erforschen kann dadurch, dass man philosophiert. Wenn man das Ich geistig beobachtet, kann man sich eine richtige Ansicht über das Ich bilden. Das ist Geistwechsel.

[ 9 ] Der Irrtum des gewöhnlichen Bewusstseins: Wer über den Zusammenhang von Lunge und Luft nachdenkt, der weiß, dass die Luft von außen kommt; dasselbe gewinnt man durch die höhere Beobachtung für das menschliche Ich. Das ist das Erste, was man erkennt über die geistige Wesenheit des Ich. Man findet die Eingebettetheit des Ich in ein geistiges Leben, in dem es ruht im Leben zwischen Geburt und Tod. Man findet ein geistiges Reich und darüber ein zweites, mächtigeres, weil die Wesenheiten dort einen Zusammenhang schaffen können zwischen physischem Keim und geistigem Reich. Die Geistreiche werden entdeckt [Lücke]

[ 10 ] Das Ich stellt sich so dar, dass es in vielen, vielen Bezichungen steht zu geistigen Wesen.

[ 11 ] Auf diese Art tritt Geistbeobachtung ein. Selbstbeobachtung erstreben, das muss man tun, um an die geistige Welt heranzutreten. Das führt dahin, das Ewige, Geistige auch vom Seelischen zu unterscheiden.

[ 12 ] Das Unsterbliche kündigt sich als solches an, wie sich die Röte der Rose ankündigt. [Lücke]

[ 13 ] Das Bild vom Baum, den man mit den Wurzeln ausgräbt, um ihn ganz zu überschauen - so macht es die Naturwissenschaft mit dem Leben -, es muss verdorren, wie der Baum verdorren muss.