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So That Man May Become Fully Human
GA 82

8 April 1922, The Hague

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2. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften

The Position of Anthroposophy among the Sciences

[ 1 ] Wenn Anthroposophie sich verbreitet über diejenigen Lebensgebiete, auf denen die Menschen gewöhnlich ihre religiösen, vielleicht auch ihre moralischen Impulse suchen, dann gibt es ja heute doch schon sehr viele Menschen, welche wenigstens einen gewissen Zug zu solch einer geistigen Strömung haben, wie es diese Anthroposophie ist. Es ist ja schon einmal so, daß der Geist der neueren Menschheit - ich habe mir gestern erlaubt, ihn den «Wissenschaftsgeist» zu nennen - in vieler Beziehung die alten, traditionellen Bekenntnisse in den Menschenseelen erschüttert hat und daß, wenn auch sehr viele gerade der anthroposophischen Richtung mit gewissem Zweifelsinn entgegenkommen, es doch schon in der Gegenwart sehr viele Seelen gibt, die mindestens für ein solches Suchen eine Neigung haben. Allein man darf schon sagen, in gewisser Beziehung schlimm wird die Sache für die Anthroposophie dann, wenn sie sich begeben will auf die Gebiete der verschiedenen Wissenschaften. Das soll ja insbesondere innerhalb dieses Kursus hier geschehen, und mir wird ja obliegen, mehr die allgemeinen, umfassenderen Prinzipien und Forschungsresultate hier zu vertreten, währenddem die anderen Vortragenden auf die speziellen Wissenschaftsgebiete eingehen. Aber gerade bei einer solchen Veranstaltung müssen ja alle - ich meine es mehr theoretisch als etwa moralisch — Antipathien, welche gerade von wissenschaftlicher Seite her gegen Anthroposophie kommen, sich geltend machen. Und ich kann Sie nur versichern, daß derjenige, der drinnensteht im anthroposophischen Forschen, ein volles Verständnis der Tatsache entgegenbringt, daß es eben heute einfach für eine Persönlichkeit, die im gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebe drinnensteht, noch außerordentlich schwierig ist, den Übergang zu finden aus der heute üblichen Wissenschaftlichkeit heraus in die Anthroposophie hinein. Und so kommt es, daß, obwohl ja Anthroposophie gewiß manches zu berichtigen hat, was den gegenwärtigen Bestand der wissenschaftlichen Forschung ausmacht, obwohl sie insbesondere, wenn man mehr in die organischen und geistigen Gebiete hinaufkommt, sehr vieles hinzuzugeben hat zu demjenigen, was dieser gegenwärtigen Forschung vorliegt, daß doch diese Anthroposophie eigentlich von sich aus in keinen Widerspruch kommt mit der gebräuchlichen Wissenschaft. Sie nimmt deren berechtigte Resultate hin und verfährt mit ihnen so, wie ich es eben charakterisiert habe. Das Umgekehrte findet allerdings nicht statt, und, wie gesagt, in begreiflicher Weise heute noch nicht. Anthroposophie wird zurückgewiesen. Ihre Ergebnisse werden als etwas angesehen, das den streng wissenschaftlichen Kriterien, die man heute zu stellen sich befugt hält, nicht genüge.

[ 1 ] As Anthroposophy spreads to fields where men usually seek their religious and, maybe, their moral impulses also, it encounters many persons who feel drawn towards such a spiritual stream. The modern spirit, which yesterday I allowed myself to call “the scientific spirit”, has, in many respects, shaken old, traditional beliefs, and although many people approach the anthroposophical line of research somewhat sceptically, there are, nevertheless, very many to-day whose souls have at least an inclination towards it. But it is correct to say that, in one respect, Anthroposophy encounters difficulties when it would enter the fields of the various sciences. That is the particular aim of this course, and it will be my task to present here, in the main, the general, more comprehensive principles and results of our research, while the other lecturers will deal with special scientific fields. But precisely such an arrangement must arouse all the antipathies—I use this word more in a theoretical than in a moral sense—which Anthroposophy encounters from scientific quarters. I can only assure you that one who is engaged in anthroposophical research fully understands how difficult it is for a man involved in scientific work to-day to pass from the scientific attitude into Anthroposophy. Although Anthroposophy has certainly much to correct in present-day science, and, at the same time, when organic and spiritual fields are included, very much to add to the present material for research, it does not of itself come into conflict with current science. It accepts the justified results of science and deals with them in the way I have just described. The reverse, however, does not occur; at least, not yet—as one may well understand. Anthroposophy is rejected; its results are not regarded as satisfying the strictly scientific criteria that one feels entitled to impose to-day.

[ 2 ] Es ist ja selbstverständlich, daß ich nicht in der Lage sein werde, in einem kurzen Vortrage auf alles dasjenige einzugehen, was von seiten der Anthroposophie selbst zu einer tüchtigen Begründung ihrer Ergebnisse dienen kann. Aber ich möchte doch in diesem heutigen Vortrage versuchen, die Stellung der Anthroposophie innerhalb der Wissenschaftsgebiete so zu charakterisieren, daß man aus dieser Charakteristik wird entnehmen können, wie es dieser Anthroposophie mit ihren Grundlegungen ebenso ernst ist wie nur irgendeiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und exakten Methodik in der Gegenwart überhaupt. Dazu wird allerdings notwendig sein, daß ich Sie heute noch werde quälen müssen mit etwas entlegeneren Auseinandersetzungen, mit Dingen, die man im gewöhnlichen Leben vielleicht schwierig nennt, die aber doch eine gewisse Grundlage schon einmal abgeben müssen für dasjenige, was ich allerdings vielleicht in leichterer und gefälligerer Form in den nächsten Tagen werde darzubieten haben.

[ 2 ] In a short lecture I shall not, of course, be able to go into all that Anthroposophy can itself bring forward to serve as an effective foundation for its results. But I should like in to-day's lecture to attempt to characterise the position of Anthroposophy among the sciences, and to do this in a way that will enable you to understand that Anthroposophy, in laying its foundations, is as conscientious as any science with its own precise technique. For this, however, I shall have to inflict upon you somewhat remote discussions—things which in ordinary life may be called difficult but which are necessary in order to provide a certain basis for what I shall have to offer in an easier and, perhaps, more agreeable form in the next few days.

[ 3 ] Man ist ja heute noch vielfach der Ansicht, daß Anthroposophie irgendwie ihren Ausgangspunkt nimmt von jener nebulosen Seelenverfassung, wie man sie in echt mystischen oder okkultistischen Richtungen der Gegenwart findet. Man irrt sich vollständig, wenn man der Anthroposophie eine solche wirklich sehr fragwürdige Grundlegung zuschreibt. Und eigentlich kann das nur derjenige tun, der diese Anthroposophie entweder nur oberflächlich oder gar nur von Seiten der Gegner aus kennt. Dasjenige, was zunächst die Grundorientierung des anthroposophischen Bewußtseins ist, das ist ja durchaus nicht nur in dem Sinne, wie ich das gestern schon charakterisiert habe, sondern in einem noch viel exakteren Sinne hergenommen von derjenigen Wissenschaftsrichtung der Gegenwart, welche eigentlich am allerwenigsten in ihrem wissenschaftlichen Charakter und ihrer Tragweite angefochten wird. Allerdings wird vielfach weder bei den Anhängern noch bei den Gegnern der Anthroposophie gerade das in der richtigen Weise angesehen, was ich jetzt einleitend werde zu charakterisieren haben.

[ 3 ] Many people to-day imagine that Anthroposophy starts somehow from the nebulous attitude of soul to be found in present-day movements that are really “mystical” or “occult”. But to ascribe to Anthroposophy such a very questionable foundation is a complete mistake. Only one who knows Anthroposophy only superficially, or, indeed, through its opponents, can do that. The fundamental attitude of consciousness in Anthroposophy has been drawn from that branch of present-day science which is least of all attacked in respect to its scientific character and importance. I admit, however, that many of our adherents—and opponents too—fail to perceive correctly what I have now to characterise by way of introduction.

[ 4 ] Es ist Ihnen ja schon gesprochen worden von der Stellung des Mathematischen in den Wissenschaften. Und weltbekannt, möchte man sagen, ist ja der Kantische Ausspruch, daß in jeglicher Wissenschaft eigentlich nur so viel wahres Wissen, wahre Erkenntnis zu finden sei, als in ihr Mathematik vorhanden ist. Nun, mit der speziellen Mathematik, mit demjenigen, was die Mathematik der Menschheit und der Wissenschaft überhaupt sein kann, habe ich es hier nicht zu tun, wohl aber mit der Seelenverfassung, in welche ein Mensch sich versetzt, der, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, mathematisiert, der in der Tätigkeit des Mathematik-Bildens darinnen lebt. Wir befinden uns ja eben in einer ganz speziellen Seelenverfassung, wenn wir Mathematik betreiben. Diese Seelenverfassung, sie kann vielleicht am besten dadurch charakterisiert werden, daß ich zunächst auf denjenigen Teil der Mathematik zu sprechen komme, welcher gewöhnlich Geometrie genannt wird, und der es ja, wenigstens in denjenigen Teilen dieser Wissenschaft, die der Mehrzahl der Menschen bekannt sind, zu tun hat mit einer Raumeslehre, mit der Behandlung des Raumes.

[ 4 ] The position of mathematics among the sciences has already been mentioned. Kant's pronouncement, that in every science there is only as much real knowledge—real cognition—as there is mathematics, is widely known. Now I have not to deal here with mathematics itself, with its value for the other sciences and in human life, but rather with the mental attitude a man assumes when “mathematicising”—if I may use this word; that is, when actively engaged in mathematical thinking. His attitude of soul is then, indeed, quite distinctive. Perhaps we may best characterise it by speaking, first, of that branch of mathematics which is usually called geometry and, at least in those parts of it known to the majority of people, has to do with space, is the science of space.

[ 5 ] Wir sprechen im Leben von dem dreidimensionalen Raum, und wir machen uns die Vorstellung, daß dieser dreidimensionale Raum so konstituiert ist, daß seine drei Dimensionen, wie man sagt, aufeinander senkrecht stehen. Dasjenige, was wir da im Seelenauge haben als Raum, das ist etwas, was uns zunächst ganz unabhängig vom Menschen und von der übrigen Welt vor dem geistigen Auge steht. Daß es zunächst vor den Augen des Menschen unabhängig von diesem Menschen selbst steht, das geht uns daraus hervor, daß der Mensch sich nach den Bestimmungen des Raumes als Wesen, als Individuum selber bestimmt. Er kann durchaus sagen, er sei so und so weit entfernt von irgendeinem Punkt, den er in Aussicht nimmt. Also gliedert er sich selbst in den Raum ein. Er gliedert sich wohl auch in den Weltenraum ein dadurch, daß er sich als Erdenwesen betrachtet und sich nun hineinstellt in bestimmte Sternenabstände und dergleichen. Kurz, den Raum betrachtet der Mensch zunächst als etwas Objektives, als etwas, was mit seinem Eigenwesen nichts zu tun hat. Das hat ja gerade dazu geführt, daß Kant davon gesprochen hat, der Raum sei eine Anschauung a priori, eine Anschauung, die gewissermaßen dem Menschen von vornherein gegeben ist. Er hat keine Möglichkeit, zu fragen, wodurch er diesen Raum habe. Er hat ihn einfach hinzunehmen als etwas Fertiges, in das er sich hineinzufinden hat, wenn er zum Vollbewußtsein seines Erdendaseins gekommen ist.

[ 5 ] We are accustomed to speak of three-dimensional space; we picture it so constituted that its three dimensions, as they are called, stand at right angles to one another. What we have before our mind's eye as space is, in the first place, quite independent of man and the rest of the world. And because man as an individual being orientates himself in accordance with spatial laws, he pictures space before his eyes, independent of himself. He can certainly say that he is at this or that distance from any selected point; thus he inserts himself into space, as a part of space. And by regarding himself as an earthly being and assigning to himself certain distances from this and that star, he inserts himself into cosmic space. In a word, man regards space as something objective, independent of his own being. It was this that led Kant to call space an a priori intuition (eine Anschauung a priori), a mode of intuition given to man prior to experience. He cannot ask how he comes to have space; he must simply accept it as something given; he must fit himself into it when he has attained full earthly consciousness.

[ 6 ] So ist aber die Sache in Wirklichkeit nicht. Wir bilden als Menschen in Wahrheit den Raum doch aus unserer eigenen Wesenheit heraus. Wir verfolgen diese Bildung des Raumes, oder besser gesagt, der Raumvorstellung, der Raumanschauung nur nicht mit dem Bewußtsein, weil sie sich hineinstellt in ein Lebensalter des Menschen, in dem er noch nicht in der Weise über sich selbst und über seine eigenen Tätigkeiten nachdenkt, wie das der Fall sein müßte, wenn er sich vollständig über die Wesenheit des Raumes in bezug auf sein Eigenwesen aufklären sollte. Wir würden nämlich keine solche Raumanschauung haben, wie wir sie haben, wenn wir nicht die drei Dimensionen des Raumes erst innerhalb unseres Erdendaseins erleben würden. Wir erleben sie. Wir erleben die eine Dimension, indem wir uns von der Ohnmacht, als menschliches Wesen nach unserer Geburt aufrecht zu gehen, in diese eine, senkrechte Dimension hineinversetzen. Wir lernen einfach aus der Art, wie wir selber die eine Dimension bilden, das Vorhandensein dieser Dimension kennen. Und wir lernen nicht eine beliebige Dimension kennen aus unserer Menschenwesenheit heraus, die einfach auf den zwei anderen Dimensionen senkrecht steht, sondern wir lernen diese ganz bestimmte, auf der Oberfläche der Erde sozusagen senkrechtstehende Raumesdimension dadurch kennen, daß wir als Menschenwesen nicht gleich aufrecht geboren werden, sondern daß es zu den Bildegesetzen unseres Erdenlebens gehört, daß wir uns in diese vertikale Dimension erst hineinbringen.

[ 6 ] But it is not so in reality. We human beings do actually build space out of our own being. More correctly: we build our idea (Vorstellung), our mental perception (Anschauung), of space from out of ourselves. Only, we do not do this consciously, because we do it at a time of life when we do not think about our own activities in the way that would be necessary if we were to come to a clear understanding of the nature of space in relation to our own being. Indeed, we should not have our intuition of space (Raumanschauung) if, in our earthly life, we did not first experience its three dimensions. We do experience them. We experience one of them when, from out of our inability to walk upright from birth, we raise ourselves into the vertical position. We learn this dimension from the way in which we build it. And what we learn to know is not just any dimension, set at right angles to the other two. We learn to know this quite definite dimension of space—standing vertically, so to speak, upon the earth's surface—from the fact that we human beings are not born upright, but, in accord with the formative laws of our earthly life, must first raise ourselves into the vertical position.

[ 7 ] Eine zweite Dimension lernen wir kennen ebenso in einer unbewußten Art. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß der Mensch - jetzt will ich weniger dasjenige, was sich auf das Äußere bezieht, als mehr dasjenige, was sich auf das Innerliche bezieht, erwähnen -, indem er ausbildet die einzelnen Fähigkeiten, die im späteren Leben ihm dienen, daß er eine Orientierung von links nach rechts, von rechts nach links vornimmt. Man braucht nur daran zu denken, wie wir in einer gewissen Partie unseres Gehirns die Sprachorganisation haben, die sogenannten Brocaschen Sprachwindungen, und wie die andere Seite unseres Gehirns eine solche Organisation nicht hat. Man weiß heute ja auch durchaus durch anerkannte Wissenschaft, wie die Ausbildung dieser Sprachorganisation im linken Teil der menschlichen Gesamtorganisation zusammenhängt mit der zunächst aktiv auftretenden Beweglichkeit der rechten Hand. Man weiß also, daß da eine Orientierung von rechts nach links sich vollzieht. Diese Orientierung von rechts nach links, dieses Tätigkeiterregen links durch Tätigkeit rechts, oder umgekehrt, das ist etwas, was wir innerhalb unserer Bildungsgesetze geradeso erleben wie das Aufrichten. Und in diesem Zusammenorientieren des symmetrischen Rechts und Links erleben wir als Mensch zunächst die zweite Raumesdimension.

[ 7 ] We learn to know the second dimension of space in an equally unconscious manner. You will be well aware that man—to mention what pertains more to his inner than to his outer being—in developing the capacities which serve him in later life, learns to orientate himself from left to right, from right to left. One need only recall that we have our organised speech centre in a certain area of the brain, the so-called Broca convolutions, while the other side of the brain has no such organisation. One also knows to-day—and from accepted science—that the development of the speech centre on the left side of the human body is connected with the mobility, spontaneous at first, of the right hand. One knows, too, that an orientation from right to left develops, that this activity excited on the left by an activity on the right, or vice-versa, is experienced by us within the laws that form us—just as we experience our achievement of the upright position. It is in this co-ordinated orientation of right with left, or left with right, that we human beings experience the second dimension of space.

[ 8 ] Die dritte Raumesdimension erleben wir eigentlich niemals ganz vollständig. Wir visieren ja abschätzend eigentlich erst die sogenannte Tiefendimension. Die vollziehen wir fortwährend, obwohl das Vollziehen auch im Grunde stark im Unterbewußten liegt. Wenn wir unsere beiden Augenachsen kreuzen an einem Punkte, den wir in beide Augen fassen, so dehnen wir den Raum, der sonst für uns nur zwei Dimensionen hätte, in die dritte hinaus. Und bei allem Beurteilen, Abschätzen der Raumestiefe bilden wir eigentlich unbewußt aus unserem eigenen Wesen, unseren eigenen Bildungsgesetzen heraus erst die dritte Dimension. So lösen wir, könnte man sagen, in einer gewissen Weise aus unserem eigenen Leben heraus die drei Raumesdimensionen. Und dasjenige, was wir dann als den Raum auffassen, den wir in der Geometrie, in der euklidischen Geometrie zunächst, verwenden, ist nichts anderes als eine Abstraktion desjenigen, was wir konkret an unserem eigenen Organismus als die wirklichen drei Dimensionen, die mit unserem subjektiven Menschenwesen zusammenhängen, allmählich erkennen lernen. Wir lassen in der Abstraktion die ganz bestimmte Konfiguration des Raumes weg. Die bestimmte Senkrechte, die bestimmte Waagerechte, die bestimmte Tiefendimension, die werden einander gleichgültig. Solche Vorgänge finden ja immer bei der Abstraktion statt. Und dann, wenn wir aus dem in uns erlebten dreidimensionalen Raum durch Abstraktion den äußeren Raum, von dem wir in der Geometrie sprechen, gebildet haben, dann dehnen wir eigentlich unser Bewußstsein nur über diesen äußeren Raum aus.

[ 8 ] The third dimension of space is never really experienced by us completely. We first focus this so-called “depth-dimension” as we try to gauge it. We are constantly doing this, though deep down in the unconscious. When we make the lines of vision of our eyes intersect at a point and focus both eyes on this point, we expand space, which would otherwise have only two dimensions for us, into the third dimension. And with every estimate of spatial depth we build the third dimension unconsciously out of our own being and the laws that form us. Thus one might say: we place, in a certain way, the three dimensions of space outside us. And what we conceive as space, the space we use in geometry—Euclidean geometry, at first—is nothing more than an abstraction from what we learn to know concretely, with our own organism, as the three dimensions linked to our own subjective being. In this abstraction the quite definite configuration of space is ignored; the definite directions—vertical, horizontal and depth—have equal value. (This is always done when we make abstractions.) And then, when we have constructed, by abstracting from the three-dimensional space experienced within, the external space we speak of in geometry, we extend our consciousness through this external space alone.

[ 9 ] Aber nun kommt das Bedeutsame: Dasjenige, was wir erst aus uns selbst heraus gewonnen haben, das ist jetzt anwendbar auf die äußere Natur, zunächst in ihren unorganischen, ihren leblosen Bildungen, aber auch auf die verschiedenen Lageverhältnisse und Bewegungsverhältnisse der organischen Bildungen. Das ist, kurz gesagt, für unsere Außenwelt so maßgebend, daß wir, indem wir diesen Übergang, diese Metamorphose des Raumes von einem Gebiet, das eigentlich nur in uns lebt, zu dem, was wir gewöhnlich Raum nennen, vollzogen haben, da nun ganz mit unseren Raumesvorstellungen, unseren Raumerlebnissen in der Außenwelt drinnenstehen und uns selbst zurück nach Raumdimensionen, Raumabmessun‘gen in bezug auf unseren Standort und unsere Bewegung bestimmen können. Wir gehen tatsächlich, indem wir den Raum in dieser Weise bilden, aus uns heraus. Dasjenige, was wir erst in uns selber erlebt haben, das tragen wir indie Welt außerhalb unseres Leibes heraus, und wir stellen uns dann auf einen Gesichtspunkt, von dem aus wir dann auf uns selber, mit dem Raume erfüllt, zurückblicken. Und indem wir so den Raum erst verobjektiviert haben, können wir jetzt eben mit den Vorstellungen, die wir geometrisch innerhalb des Raumes bilden, die äußeren Bewegungs- und Lageverhältnisse der Dinge so studieren, daß wir wirklich empfinden: wir stehen auf sicherem wissenschaftlichen Gebiete, wenn wir mit dem so erst aus uns selbst heraus Gebildeten nun in die Dinge untertauchen. Es kann uns eigentlich aus den Verhältnissen heraus niemals ein Zweifel darüber kommen, daß wir mit dem so aus uns Herausgekommenen zu gleicher Zeit in den Dingen drinnen leben können. Wenn wir den Abstand oder den wechselnden Abstand zweier Körper in der Außenwelt nach Raumesverhältnissen beurteilen, so kommt uns gar nicht in den Sinn, daß das anders sein könnte, als daß wir etwas völlig Objektives feststellen, in das die Subjektivität nicht hereinspricht.

[ 9 ] We now come to the important thing. What we have won from out of ourselves is now applicable to external nature; in the first place, to inorganic, lifeless forms, though it can also be applied to the spatial and kinetic relations between organic structures. Briefly, this fact largely determines the character of our external world. Having accomplished this transition (this metamorphosis of space) from one domain, which really lives in us, to space commonly so called, we now stand with our spatial concepts and spatial experiences within the outer world and are able to determine our position and motion by spatial measurements. We actually go out of ourselves when we construct space in this way. We lift out of our body what we have first experienced within ourselves, placing ourselves at a point of view from which we look back upon ourselves as filled with space. In thus objectifying space we are able to study the external movements and relative positions of objects with the help of ideas formed geometrically within space; we feel thereby that we are on firm scientific ground when we enter into objects with what we have formed so earnestly from out of ourselves. In these circumstances we cannot doubt that we can live within things with what has come from us in this way. When we judge the distance, or the changing distance, between two bodies in the outer world according to spatial relations, we believe we are determining something completely objective and independent of ourselves. It does not occur to us that this could be otherwise.

[ 10 ] Nun aber liegt hier im Grunde genommen ein wichtiges Problem vor, das Problem, daß etwas, was wir in uns selber subjektiv erlebt haben, indem wir es verwandeln, beim Raume einfach durch eine Art Abstraktionsvorgang verwandeln, dann ein die Außenwelt gewissermaßen Durchdringendes wird, als ein der Außenwelt Angehöriges erscheint. Wer sich unbefangen überlegt, was da eigentlich vorliegt, der muß sich sagen: Indem so etwas vollzogen wird wie das subjektive Raumeserlebnis in seinen drei Dimensionen und die nachherige Objektivierung desselben, steht eben der Mensch in der objektiven Außenwelt drinnen mit dem, was er selber erlebt. Unsere subjektiven Erlebnisse, indem sie Raumeserlebnisse sind, sind zugleich objektive Erlebnisse. Und schließlich ist es ja gar nicht schwierig, sondern im Grunde genommen trivial und elementar, diese Sache einzusehen. Denn indem wir uns selbst bewegend durch den Raum gehen, vollziehen wir allerdings etwas, was ein subjektiver Vorgang ist, aber er ist zu gleicher Zeit ein objektiver Vorgang, etwas, was in der Welt geschieht. Ob wir einen Automaten sich vorwärtsbewegen sehen oder einen Menschen, es kommt die Subjektivität nicht in Betracht. Für die äußere Weltkonstellation ist dasjenige, was sich vollzieht, indem der Mensch räumlich lebt, ganz objektiv.

[ 10 ] Now, however, a fundamental and important problem confronts us here. What we have experienced subjectively in ourselves, transforming it, in the case of space; simply by making from it a kind of abstraction, now becomes something permeating—to a certain extent—the outer world and appearing to belong there. Anyone who considers impartially what confronts us here must say: In his subjective experience of space in its three dimensions and in his subsequent objectifying of this experience, man stands within the external world with his own experiences. Our subjective experiences, being experiences of space, are at the same time objective. After all, it is not at all difficult, but trivial and elementary, to see that this is so. For when we move ourselves through space, we accomplish something subjective, but at the same time an objective event occurs in the world. To put it another way, whether we see an automaton or a man move forwards, subjectivity does not come into consideration. What occurs when a human being lives spatially is, for the external disposition of the world, quite objective.

[ 11 ] Nun aber, wenn man ins Auge faßt, wie da der Mensch etwas aus dem subjektiven Erlebnis heraus objektiviert, so daß er dann, indem er mit seinem eigenen Selbst den Raum durchmißt, sich in einem Objektiven bewegt denn er trägt ja eigentlich, indem er den Raum verobjektiviert hat, diesen Raum auch in sich —, wenn man das ins Auge faßt, was da als in der Zeit verlaufende Seelenverfassung eigentlich vorliegt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch dasselbe, was er da mit Bezug auf das Mathematisieren ausführen kann, auch ausführen könnte mit Bezug auf andere Erlebnisse, dann würde er ja gewissermaßen die mathematisierende Seelenverfassung in andere Erlebnisse hereintragen können. Nehmen wir einmal an, wir kämen dazu, nicht nur während unseres unbewußten Lebensganges - denn Aufrechtstehen- und Gehenlernen, Links und Rechts Zusammenorientieren gehören ja durchaus dem unbewußt verlaufenden Lebensgange an, und die Art und Weise, wie wir die Tiefendimension des Raumes ermessen, gehört dem halb unbewußt bleibenden Leben an -, sondern bewußt die subjektiven Erlebnisse so umzugestalten, daß wir dann mit dem umgestalteten Erlebnis außer uns stehend auf uns selbst zurückschauen könnten. Wenn wir nun ebenso, wie wir das Raumeserlebnis aus uns heraus schaffen und bilden, so daß wir, wenn wir einen Salzwürfel ansehen, wir ja die Gestalt des Würfels aus unserer Geometrie mitbringen und wissen, daß eine vollständige Identifizierung der Gestalt des objektiven Salzwürfels mit dem, was wir in der Raumesvorstellung gebildet haben, stattfindet - wenn wir ebenso anderes bilden könnten, wenn wir das zum Beispiel könnten mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen, mit Bezug darauf, wie wir die Sinnesqualitäten empfinden, die Farben, Töne und so weiter, und dann gegenübertreten würden den äußeren Gegenständen, dann würden wir in der gleichen Weise dasjenige, was wir erst in uns ausbilden, gewissermaßen herauswerfen in die Welt, uns damit außerhalb unseres Leibes versetzen und sogar auf uns zurückschauen können. Bei der Mathematik - ich habe das geometrische Bild angeführt, ich könnte auch anderes anführen - ist das zwar vollzogen worden, aber man achtet nicht darauf. Weder die Mathematiker noch die Philosophen haben dieses eigentümliche Verhältnis ins Auge gefaßt, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe.

[ 11 ] If we now focus attention on the human being as, in this way, he objectifies something of his subjective experience, moving himself in an objective domain by himself traversing space—for, in objectifying space, he really bears this space within himself also—we are led to say: If man could do with other experiences what he does when “mathematicising”, he would be able to transfer, to some extent, the mathematical attitude of soul to other experiences. Suppose we could shape other experiences—our mode of perceiving the qualities of colours and tones, for example—in the same way that we create and shape our experience of space from out of ourselves! When we look at a cube of salt we bring the cubical shape with us from our geometry, knowing that its shape is identical with the spatial concept we have formed. If we could create from out of ourselves, let us say, the world of colour, and then confront external coloured objects, we should then, in the same way, project (as it were) into the outer world what we first build up in ourselves. We should thus place ourselves outside our body and even look back upon ourselves. This has been accomplished in mathematics, although it remains unnoticed. (I have given a geometrical illustration; I could give others also.) Neither mathematicians nor philosophers have paid attention to this peculiar relationship that I have just put before you.

[ 12 ] Mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen ist man aber in eine wahre wissenschaftliche Verwirrung gekommen. Die Menschen meinen vielfach — die Physiologen haben sich in dieser Beziehung sogar den Erkenntnistheoretikern und Philosophen im 19. Jahrhundert angeschlossen -, wenn wir zum Beispiel Rot sehen, so ist der äußere Vorgang irgendein Schwingungsvorgang, der sich fortpflanzt bis zu unserem Sehorgan, bis zum Gehirn. Dann wird ausgelöst das eigentliche Rot-Erlebnis. Oder es wird durch den äußeren Schwingungsvorgang ausgelöst der Ton Cis auf dieselbe Weise. Hier ist man in Verwirrung geraten, weil man dasjenige, was in uns, in unserer Körperbegrenzung lebt, gar nicht mehr von dem Äußeren unterscheiden kann. Hier spricht man durchaus davon, daß alle Sinnesqualitäten, Farben, Töne, Wärmequalitäten, eigentlich nur subjektiv seien; daß das äußere Objektive etwas ganz anderes sei.

[ 12 ] In regard to sense perceptions, however, science has become really confused. In the nineteenth century physiologists joined hands here even with epistemologists and philosophers, and many people think with them as follows: When we see red, for example, the external event is some vibration which spreads itself out until it reaches our organ of vision, and then our brain. The specific sensation of red is then released. Or the tone C sharp is evoked by an external wave motion in the same way. This confusion has arisen because we can no longer distinguish what lives in us—within the confines of our body—from what is outside. All sense qualities (colours, tones, qualities of warmth) are said to be actually only subjective, while what is external, objective is said to be something quite different.

[ 13 ] Wenn wir nun geradeso, wie wir die drei Raumesdimensionen zunächst aus uns heraus bilden, um sie an und in den Dingen wieder zu finden, wenn wir ebenso dasjenige, was in uns sonst als Sinnesempfindung auftritt, aus uns selbst schöpfen und dann außer uns versetzen könnten, dann würden wir das erst in uns Gefundene in den Dingen ebenso finden, ja, auf uns zurückschauend, es wiederfinden, wie wir das als Raum in uns Erlebte in der Außenwelt finden und auf uns zurückschauend, uns selbst diesem Raume angehörend finden. Wir würden, wie wir die Raumeswelt um uns haben, eine Welt von ineinanderfließenden Farben und Tönen um uns haben. Wir würden sprechen von einer objektivierten farbigen, tönenden Welt, einer flutenden, farbigen, tönenden Welt, so wie wir von dem Raume um uns herum sprechen.

[ 13 ] If now, in the same way in which we build the three dimensions of space from out of ourselves and find them again in things (and things in them)—if we could, in the same way, draw from ourselves what appears in us as sensation, and then set it before us, we should likewise find in things what we had first found in ourselves. Indeed, looking back upon ourselves we should find it again—just as we find in the outer world what we have experienced within us as space, and, looking back at ourselves, find that we are a part of this space. As we have the space world around us, so we should have around us a world of intermingling colours and tones. We should speak of an objectified world of flowing colours and singing tones, as we speak of the space around us.

[ 14 ] Das kann der Mensch aber durchaus erreichen, daß er diese Welt, die sonst für ihn nur vorliegt als die Welt der Wirkungen, kennenlernt als die Welt seiner eigenen Bildung. Wie wir unbewußt, einfach aus unserer menschlichen Natur heraus, uns die Raumesgestalt ausbilden, um sie dann in der Welt wiederzufinden, indem wir sie erst metamorphosiert haben, so kann der Mensch durch gewisse Übung - das muß er jetzt bewußt ausführen — dazu kommen, aus sich heraus den gesamten Umfang der Qualitäten enthaltenden Welt zu finden, um sie dann wiederzufinden in den Dingen, wiederzufinden zurückschauend auf sich selbst.

[ 14 ] Man can certainly attain to this and learn to know as his own construction the world which otherwise only confronts him as the world of effects (Wirkungen). As we, albeit unconsciously, construct for ourselves the form of space out of our human constitution and then, having transformed it, find it again in the world, so we can train ourselves, this time by conscious effort, to draw from out of ourselves the whole gamut of qualities contained in the world, so as to find them again in things, and then again in looking back upon ourselves.

[ 15 ] Was ich Ihnen hier schildere, das ist das Aufsteigen zu der sogenannten imaginativen Anschauung. Dasjenige, was wir als Raumeswelt haben, das hat heute jeder Mensch, der nicht geradezu abnorm-mathematisch oder unmathematisch veranlagt ist. Dasjenige, was in gleicher Weise im Menschen leben kann, und so leben kann, daß er damit zugleich die Welt miterlebt, das kann durch Übungen im Menschen heranerzogen werden. Zu der gewöhnlichen gegenständlichen Anschauung der Dinge, in der uns die Mathematik ein sicherer Führer ist, kann die imaginative Anschauung - es ist nur ein technischer Ausdruck und bedeutet nicht «Einbildung» und «Imagination» im gewöhnlichen Sinne - hinzukommen und ein neues Weltgebiet eröffnen. Ich sagte schon gestern, daß ich noch eine besondere Übungs- und Forschungsmethode werde auseinanderzusetzen haben. Ich werde Ihnen dann zu schildern haben, was man zu machen hat, um zu einer solchen imaginativen Anschauung zu kommen, wo wir gewissermaßen ebenso, wie wir beim Raume, der allerdings zunächst keine uns im höheren Sinne interessierende Wirklichkeit enthält, dazu kommen, ihn als Gesamtanschauung zu haben, nun auch eine Gesamtanschauung des Qualitativen in der Welt haben. Dann aber, wenn wir in dieser Weise uns der Welt gegenüberstellen können, sind wir schon drinnen im übersinnlichen Schauen, auf der ersten Stufe des übersinnlichen Schauens. Das sinnliche Schauen, das ist zu vergleichen mit demjenigen Anschauen der Dinge, wo wir nicht an den Dingen Dreiecke und Vierecke unterscheiden, wo wir nicht geometrische Strukturen in den Dingen sehen, sondern einfach hinstarren auf die Dinge und ihre Formen nur äußerlich nehmen. Dasjenige Anschauen aber, das in der Imagination auftritt, ist ein solches Verwobensein mit dem inneren Wesen der Dinge, wie das mathematische Anschauen ein Verwobensein mit denjenigen Weltverhältnissen ist, die eben durchaus der Mathematik zugänglich sind.

[ 15 ] What I am here describing is the ascent to so-called “imaginative perception” (imaginative Anschauung). Every human being to-day has the same space-world—unless he be abnormally mathematical or unmathematical. What can live in us in like manner, and in such a way that we experience with it the world as well, can be acquired by exercises. “Imaginative perception”—a technical term that does not denote “fancy” or “imagination” in the usual sense—can be added to the ordinary objective perception of objects (in which mathematics is our sure guide), and will open up a new region of the world. I said yesterday that I would have to expound to you a special method of training and research. I must describe what one has to do in order to attain to such “imaginative perception”. In this we come to perceive as a whole the qualitative element in the world—just as, in a sense, we come to perceive space (which has, at first, no reality that engages our higher interests) as a whole. When we are able to confront the world in this way, we are already at the first stage of super-sensible perception. Sense-perception may be compared to that perception of things in which we do not distinguish between triangular and rectangular shapes, do not see geometrical structures in things, but simply stare at them and only take in their forms externally. But the perception that is developed in “Imagination” is as much involved with the inner essence of things as mathematical perception is with mathematical relationships.

[ 16 ] Wer mit der richtigen Gesinnung an Mathematik sich heranbegibt, der wird dazu kommen, gerade in dem Verhalten des Menschen im Mathematisieren das Musterbild zu sehen für alles dasjenige, was dann erreicht werden soll für eine höhere, eine übersinnliche Anschauung. Denn die Mathematik ist einfach die erste Stufe übersinnlicher Anschauung. Dasjenige, was wir als mathematische Strukturen des Raumes schauen, ist übersinnliche Anschauung. Wir geben es nur nicht zu, weil wir gewöhnt sind es hinzunehmen. Derjenige aber, der die eigentliche Natur dieses Mathematisierens kennt, der weiß, daß es zwar zunächst eine uns nicht sonderlich für unsere ewige Menschennatur interessierende Wissenschaft ist, was wir da mit der Raumesstruktur gegeben haben, daß es aber durchaus den Charakter alles dessen vollständig trägt, was man im anthroposophischen Sinne jetzt ohne nebulose Mystik, ohne verworrenen Okkultismus, sondern einfach mit dem Ziele, in die übersinnlichen Welten auf exakt-wissenschaftliche Weise hinaufzusteigen -, was man im wahren Sinne des Wortes vom Hellsehen verlangen kann.

[ 16 ] If we approach mathematics in the right frame of mind, we come to see precisely in the mathematician's attitude when “mathematicising” the pattern for all that one requires for super-sensible perception. For mathematics is simply the first stage of super-sensible perception. The mathematical structures we “perceive” in space are super-sensible perceptions—though we, accustomed to “perceive” them, do not admit this. But one who knows the intrinsic nature of “mathematicising” knows that although the structure of space has no special interest at first for our eternal human nature, mathematical thinking has all the characteristics that one can ask of clairvoyance in the anthroposophical sense: freedom from nebulous mysticism and confused occultism, and the sole aim of attaining to the super-sensible worlds in an exact, scientific way.

[ 17 ] Was Hellsehen auf höherem Gebiete ist, studieren kann es jeder Mensch am Mathematisieren. Und am meisten wundern könnte man sich darüber, daß gerade Mathematiker, die den Prozeß kennen sollten, der im Menschen vorgeht, wenn man mathematisiert, daß die nicht eigentlich ein tieferes Verständnis demjenigen entgegenbringen, was als ein höheres, qualitatives Mathematisieren in der hellsichtigen Forschung, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, aufzutreten hat. Denn dasjenige, was die erste Stufe dieser Forschung ist, die imaginative Erkenntnis, es ist nichts anderes als ein durch Übungen erlangtes Hineinschauen in noch andere Gebiete des Daseins, als das Mathematisieren es gestattet. Aber allerdings, es ändert sich so manches mit Bezug auf das menschliche Anschauen, wenn man diese ganze innere Natur des Mathematisierens einmal in wahrhaftiger menschlicher Selbsterkenntnis überschaut. Da kommt man nämlich zum Beispiel zu folgendem: Indem man darauf zurückblickt, wie man in der ersten Kindheit durch das Aufrechtgehen und Aufrechtstehen, durch das Orientieren von Links und Rechts, durch das Bestimmen der Tiefendimension zur Raumesstruktur gekommen ist, indem man daran anknüpft und den sonst nur abstrakt angeschauten Raum der Geometrie aus dem inneren menschlichen Erleben kennenlernt, da lernt man auch erkennen, welche verhängnisvollen Folgen eintreten, wenn man nicht zurückblicken kann auf dieses lebendige Hervorgehen des Raumes, der Vorstellung und der Anschauung des Raumes aus der Menschenwesenheit, sondern einfach den Raum schon in metamorphosierter Gestalt, unabhängig vom Menschen hinnimmt. Da ist man ja in der neueren Zeit dazu gekommen, diesen Raum in seinen drei Dimensionen so zu betrachten, daß man rein mathematisch zu einer vierten und zu weiteren Dimensionen übergegangen ist. Die mehrdimensionalen Räume und die Geometrien, die sich auf sie beziehen, sind ja heute etwas, was auch schon in weiteren Kreisen bekannt geworden ist. Aber für denjenigen, der nun die lebendige Gestaltung des Raumes einmal kennengelernt hat, ist es zwar außerordentlich interessant, so etwas zu verfolgen wie das Fortsetzen der Rechnungs- und Funktionsoperationen, die man für den dreidimensionalen Raum vornimmt, indem man gewisse Dinge erweitert, so daß man dann die nicht mehr anschaubare vierte Dimension bekommt und so weiter - diese Dinge sind mathematisch-logisch nicht nur interessant, sondern auch vollständig richtig -, aber für denjenigen, der eben so die Entstehung der Raumanschauung kennt, wie ich es beschrieben habe, für den liegt hier etwas ganz Besonderes vor. Wir können nämlich zum Beispiel, wenn ich diesen Vergleich gebrauchen darf, ein Pendel haben und das Pendel ausschlagen sehen. Wir können rein äußerlich dieses Ausschlagen des Pendels ansehen, und uns nun denken, das Pendel ginge im Ausschlagen immer weiter und weiter. Es tut es aber nicht. Wenn es an einem bestimmten Punkt angekommen ist, geht es wieder zurück nach der entgegengesetzten Seite. Wenn wir die Kraftverhältnisse kennen, die in dem Pendel leben, dann wissen wir, daß das Pendel eben oszilliert, daß es nicht einfach weitergehen kann wegen der in ihm liegenden Kraftverhältnisse.

[ 17 ] Everyone can learn from a study of “mathematicising” what clairvoyance is on a higher level. The most astonishing thing is that mathematicians, who of all people ought to know what takes place when a man is “mathematicising”, do not show a deeper understanding of what must be presented as a higher, qualitative “mathematicising”—if I may use this word—in clairvoyant research. For “imaginative” cognition, the first stage in this research, is only a perception that penetrates other domains of existence than those accessible to “mathematicising”; and it has been gained by exercises. In respect to human perception, however, much is understood differently once one is able to survey, in genuine self-knowledge, the whole inner nature of “mathematicising”. For example, one arrives at the following: On looking back to the way in which we came to know in early childhood the structure of space—by walking and standing upright, by orientating ourselves to right and left, by learning to gauge the depth-dimension, by connecting all this with the abstractly perceived space of geometry (which the child learns to know from inner experience)—we realise the serious and important consequences that follow if we cannot look back to the living origin, within our own being, of space—of our conception and perception of space—but simply accept it in its already transformed shape, independent of ourselves. For example, in recent times we have come to regard this space (with its three dimensions) in such a way that we have gone on to postulate a fourth and higher dimensions. These spaces and their geometries are widely known to-day. Anyone who has once learnt to know the living structure of space finds it most interesting to follow such an extension of mathematical operations (applicable to three dimensions) and to arrive at a fourth dimension that cannot be visualised, and so on. These operations are logical (in the mathematical sense) and quite correct. But anyone who knows the genesis of our idea of space, as I have described it, will detect something quite special here. We could take a pendulum, for example, and watch it oscillate. Watching it purely externally, we might expect it to swing further and further out. But it does not. When it has reached a definite point, it swings back again to the opposite side. If we know the relation between the forces involved, we know that the pendulum oscillates and cannot go further because of the relation between the forces.

[ 18 ] Gewissermaßen solche Kraftverhältnisse lernt man erkennen in der eigenen menschlichen Seelenverfassung in bezug auf den Raum. Dann wird die Sache anders. Dann macht man gewiß logisch-mathematisch dasjenige mit, was den Übergang bildet aus den Rechnungsoperationen im dreidimensionalen zum vierdimensionalen Raum, nur merkt man: es geht nicht weiter. Es geht nicht in ein unbestimmtes Viertes hinein, sondern man muß von einem gewissen Punkte an umkehren, und die vierte Dimension wird nämlich einfach die dritte Dimension mit negativem Vorzeichen. Man kommt wiederum durch die dritte Dimension zurück. Das ist der Fehler, der in den mehrdimensionalen Geometrien gemacht wird. Da wird einfach abstrakt weitergelaufen von der zweiten in die dritte, von der dritten in die vierte Dimension hinein und so weiter. Aber dasjenige, was da vorliegt, ist, wenn ich mich jetzt vergleichsweise so ausdrücken darf, nicht einfach fortlaufend, sondern oszillierend. Die Raumanschauung muß wiederum in sich zurückkehren. Wir vernichten, indem wir die dritte Dimension negativ nehmen, diese dritte Dimension in Wahrheit. Die vierte Dimension ist die negative dritte und vernichtet die dritte, macht den Raum eigentlich zweidimensional. Und ebenso können wir einen Vorgang finden für die fünfte und sechste Dimension, der durchaus in sich wirklich ist, obwohl das logisch-mathematisch, algebraisch einfach fortlaufend ist. Wir müssen, wenn wir der Wirklichkeit gemäß vorstellen, in den Raum, der uns einfach vorliegt, mit der vierten, fünften, sechsten Dimension wiederum zurückkommen, und bei der sechsten haben wir einfach den Raum aufgehoben. Wir sind beim Punkt angekommen.

[ 18 ] In respect to space, one learns to know (to some extent) such an interplay of forces in the constitution of our soul. Then one views these things differently. From the logical, mathematical standpoint one can certainly keep step with those who extend their calculations from three-dimensional to four-dimensional space. But there one must make a halt. One cannot pass on into an indefinite fourth dimension; one must turn back at a certain point, and the fourth dimension becomes simply the third with a minus sign before it. One returns through the third dimension. The mistake made in these geometrics of more than three dimensions is in going on abstractly from the second to the third, from the third to the fourth dimension, and so on. But what we have here, if I may express it in a comparison, is not simple progression but oscillation. Our perception of space must return into itself. By taking the third dimension negatively, we really annihilate it. The fourth dimension is the negative third and annihilates the third, making space two-dimensional. And in like manner we can find a quite real progression, even though, logically, mathematically, algebraically, these things can be carried further and further. When we think in accordance with reality, we must turn back at the fourth, fifth and sixth dimensions to the space that is simply given us. With the sixth dimension, we have abolished space and reach the point.

[ 19 ] Was liegt da eigentlich in der Zeitkultur vor? Es liegt das vor, daß diese Zeitkultur abstrakt geworden ist in bezug auf das Denken, daß man den Lauf, den man mit dem Denken genommen hat von der Planimetrie zur Stereometrie einfach fortsetzt, während die Wirklichkeit mit der vierten Dimension wieder zurückführt in den Raum. Aber indem wir jetzt zurückkehren, sind wir keineswegs in derselben Lage, in der wir waren, als wir in die dritte Dimension hinausgekommen sind mit dem Visieren, sondern indem wir zurückkehren, sind wir geistbeladen. Finden wir die Möglichkeit, die vierte Dimension so zu denken, daß wir mit ihr wiederum, indem sie die negative dritte ist, in den Raum zurückkehren, dann wird der Raum geisterfüllt, während der dreidimensionale Raum materieerfüllt ist. Und mit immer höheren Geistgebilden finden wir den Raum erfüllt, wenn wir entlang der negativen dritten und zweiten und ersten Dimension gehen bis zu dem Punkt, wo wir keine Raumesausdehnung mehr haben, aber vollständig im Ausdehnungslosen, im Geistigen dann drinnenstehen.

[ 19 ] What really confronts us in the culture of our age? This—that its thinking has become abstract; that one simply continues along the line of thought that takes us from planimetry, stereometry, etc., whereas reality leads us back at the fourth dimension into space. But, in turning back then, we are by no means where we were when we found our way into the third dimension by gauging distances. We return spiritually enriched. If we can think of the fourth dimension (the negative third) in such a way that we return with it into space, then space becomes filled with spirit, whereas three-dimensional space is filled with matter. And we find space filled with ever loftier spiritual configurations when we pass along the negative third and second and first dimension and reach the point where we no longer have spatial extension but stand within the unextended—the spiritual.

[ 20 ] Was ich Ihnen schildere, ist nicht formale Mathematik, ist Wirklichkeit der geistigen Anschauung, ist dasjenige, was zeigt, wie ein geistgemäßer Weg in Wirklichkeit verläuft, im Gegensatz zu demjenigen Weg, der sich so sehr nur an die materiellen Erscheinungen gewöhnt hat, daß er selbst mit dem, was natürlich nicht mehr materiell in der Seelenverfassung wirkt, mit der Mathematik, indem er mit dem weiterläuft, in eine unwahrnehmbare Welt hineinkommt, in der er höchstens noch rechnen oder imaginäre mathematische Gebilde ausbilden kann.

[ 20 ] What I am now describing is not formal mathematics, but the reality of spiritual perception. It is a path in real conformity with the spiritual and in contrast to the path that has adapted itself so closely to material appearances alone. This latter path, even though keeping close to mathematics—which does not, of course, work in a material way in the soul—leads nevertheless to an imperceptible world in which one can, at most, only calculate and construct imaginary mathematical spaces.

[ 21 ] Hier sehen Sie, daß ein völliges Einleben in das Mathematische durchaus dahin führt, daß man die innere Natur des Geistigen als welterfüllend in sich schon durch Mathematik aufnimmt. Das richtige Durchschauen der mathematischen Seelenverfassung führt uns direkt hinein in den Begriff des hellsichtigen Erfahrens, Erlebens. Und dann steigen wir auf zu der Imagination, um in der Weise, wie es noch geschildert werden soll, mit ihr nun wirklich das Geistige zu überschauen, das dann nicht in der gewöhnlichen, aber in der von mir hier gekennzeichneten Art geschaut werden kann, wenn wir aus der dritten in die vierte Dimension übergehen und so weiter, bis zum dimensionslosen Gebiet, dem Punkt, der geistig uns zum Höchsten führt, wenn wir ihn erst, nicht als leeren Punkt, sondern als erfüllten Punkt erreicht haben.

[ 21 ] You see here that, by penetrating the mathematical domain completely, we are led to apprehend the inner nature of the spiritual present everywhere in the world. To understand the mathematical attitude of soul is to be led directly to the concept of clairvoyant experience. And then we raise ourselves to “Imagination” and, in the way I have still to describe, come thereby to a comprehensive survey of the spiritual that can be perceived, not in the ordinary way, but in the way I have put it here—that is: by going out of the third and into the fourth dimension, and so on, and coming to the domain of no-dimensions—that is, the point. This leads us spiritually to the highest if we apprehend it, not as an empty point, but as a “filled” point.

[ 22 ] Ich wurde einmal — es machte einen bedeutenden Eindruck auf mich - mit sonderbaren Augen angeschaut, als ein älterer Schriftsteller, der viel über geistige Dinge geschrieben hat, mich zum ersten Mal sah und frug: Wie ist Ihnen denn am ersten bewußt geworden dieser Unterschied zwischen dem Schauen der Sinneswelt und dem Schauen der übersinnlichen Welt? - Da sagte ich, weil ich am liebsten in solchen Dingen mich radikal ehrlich ausspreche: In dem Moment, wo ich den inneren Sinn der sogenannten neueren oder synthetischen Geometrie kennengelernt habe. — Also, wenn man von der analytischen zur synthetischen Geometrie übergeht, welche einem gestattet, nicht nur äußerlich an die Gebilde heranzukommen, sondern die Gebilde in ihren gegenseitigen Beziehungen zu erfassen, die also von Gebilden ausgeht, und nicht von äußeren Koordinaten, bekommt man die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen. Wenn wir aber nur Raumes-Koordinaten konstruieren, haben wir nicht das Gebilde erfaßt, sondern nur die Enden der Koordinaten, und dann verbinden wir diese Enden und bekommen die Linien. Aber an das Gebilde kommen wir eigentlich mit der analytischen Geometrie nicht heran, während wir mit der synthetischen Geometrie in den Gebilden darinnen leben. Da bekommen wir die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen.

[ 22 ] I was once—it made a great impression on me—regarded with astonishment by an elderly author who had written much on spiritual matters. Seeing me for the first time, he asked: “How did you first become aware of this difference between perceiving the sense-world and perceiving the super-sensible world?” Because I always like to express myself about these things with radical honesty, I replied: “In the moment when I learnt to know the inner meaning of what is called modern or synthetic geometry.” You see, when one passes from analytic to synthetic geometry—which enables us, not only to approach forms externally, but to grasp them in their mutual relationships—one starts from forms, not from external co-ordinates. When we work with spatial coordinates, we do not apprehend forms but only the ends of the co-ordinates; we join up these ends and obtain the curves. In analytical geometry we do not lay hold of the forms, whereas in synthetic geometry we live within them. This induces us to study the attitude of soul which, developed further, leads us to press on into the super-sensible world.

[ 23 ] Damit habe ich charakterisiert, inwiefern Anthroposophie durchaus damit rechnen kann, in ebenso strenger Weise von dem Mathematisieren auszugehen, wie, nur von einem anderen Gesichtspunkte, die heutige Naturwissenschaft davon ausgehen kann. Diese Naturwissenschaft verwendet die fertige Mathematik. Derjenige, der begreifen will den hellsichtigen Prozeß, muß ihn da aufsuchen, wo er am primitivsten vorhanden ist: im Gestalten des Mathematischen. Kann er ihn dann hinauftragen in höhere Gebiete, dann bildet er etwas aus, was sich zum Elementaren, Primitiven des Mathematisierens so verhält, wie die späteren mathematischen Gebiete sich zu den Axiomen verhalten. Die ersten Axiome des Hellsehens sind lebendig. Und gelingt es uns, das Mathematisieren durch Übungen auszubilden, so werden wir nicht nur räumliche Verhältnisse in der Umwelt sehen, sondern wir lernen Geistwesen, bis zur geistigen Innerlichkeit vor uns sich offenbarende Geistwesen, kennen, wie wir die innere Würfelnatur des Steinsalzes kennen. Wir lernen Geistwesen kennen, wenn wir in dieser Weise dasjenige, was wir im Mathematisieren ausbilden, hinauftragen in höhere Gebiete.

[ 23 ] I have now described the extent to which Anthroposophy can be sure that it proceeds from “mathematicising” as strictly as the natural science of to-day—though from another point of view. Natural science applies mathematics as it has been elaborated to date. But anyone who wishes to understand clairvoyant activity must seek it where it is present in its most primitive form: in the construction of mathematical forms. If he can then raise this activity to higher domains, he will be developing something related to elementary, primitive “mathematicising” as the more developed branches of mathematics are related to their axioms. The primary axioms of clairvoyance are living ones. And if we succeed in developing our “mathematicising” by exercises, we shall not only see spatial relationships in the world around us, but learn to know spiritual beings revealing themselves to us, even with spiritual inwardness—as we learn to know the “cubicity” of a salt crystal. We learn to know spiritual beings when, in this way, we raise to higher domains what we develop by “mathematicising”.

[ 24 ] Das wollte ich zunächst sagen über die Fundierung desjenigen, was innerhalb der Anthroposophie als hellsichtige Forschung anerkannt werden muß. Wir werden dann noch sehen, wie mit dieser hellsichtigen Forschung in die einzelnen Wissensgebiete, sowohl in die naturwissenschaftlichen Gebiete wie auch in die Gebiete der Heilkunde, der Medizin, der Geschichtswissenschaft und so weiter hineingegangen werden kann, und wie die Wissenschaften nicht angefochten, sondern bereichert werden sollen durch ein solches Hereintragen desjenigen in ihre Gebiete, was in übersinnlichem Anschauen erkannt werden kann.

[ 24 ] This is what I wished to say, at the outset, about the basis of what must receive recognition as “clairvoyant research” in Anthroposophy. We shall go on to see how, with such clairvoyant research, one can enter different fields of knowledge—the natural sciences as well as therapy, medicine, history, etc. We shall see that the sciences are not to be attacked; they are to be enriched by the introduction of what can be known by super-sensible perception.

[ 25 ] Aber es kann uns zu Hilfe kommen für das richtige Verständnis desjenigen, was hier eigentlich gemeint ist, wenn wir den Gang der Menschheitsentwickelung durch eine gewisse Zeit hindurch betrachten, wie er war, indem er zuletzt dazu führte, unser heutiges wissenschaftliches Denken auszubilden. Fassen wir nur dieses wissenschaftliche Denken einmal ins Auge. Es ist ein solches wissenschaftliches Denken, das zwar den blossen Formalismus der Mathematik einsieht, aber die innere Sicherheit und Exaktheit des Forschens doch an der Mathematik lernt und eigentlich die Naturgesetze nur dann für berechtigt ansieht, wenn sie einer solchen Formulierung fähig sind wie das Mathematische. Mindestens ist das eine Art von Ideal der heutigen Wissenschaftlichkeit. Aber das war nicht immer so. Das, was wir heute als Wissenschaftsgeist anerkennen, das hat sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung herausgebildet. Und ich möchte Ihnen heute nur drei Etappen, von denen heute die dritte da ist, dieses sich entwickelnden Menschengeistes einmal mehr erzählend vorführen. Einiges von dem, was zur Begründung dessen, was ich erzählen will, vorgebracht werden kann, werde ich auch noch berühren.

[ 25 ] A consideration of the course of human evolution over a certain period—how it developed and led at last to the elaboration of our present scientific thinking—can help to a right understanding of what our aims here are. Let us focus our attention upon scientific thinking to-day. It is able to see clearly the formalism of mathematics, while it nevertheless learns from mathematics inner certainty and exact observation, regarding natural laws as valid only if they can be formulated mathematically. This is, at least, a kind of ideal for scientific method to-day. But it was not always so. The scientific spirit, as acknowledged to-day, has been elaborated in the course of human evolution. I should like to draw your attention to three stages only—of which the present is the third—in this development, and I shall do so in a more narrative form. I shall also touch on some of the things that can be said in support of what I shall relate.

[ 26 ] Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwikkelung, so finden wir nämlich nicht immer dieselbe Seelenverfassung, die der Mensch heute hat. Heute hat eben der Mensch die Seelenverfassung, die ihn gewissermaßen als zu etwas Höchstem zur Ausbildung des Wissenschaftsgeistes führt. Wenn wir zurückgehen in den alten Orient - wir brauchen nicht einmal bis in die ältesten Zeiten des Indertums zurückzugehen -, da hat sich erhalten, was in älteren Zeiten Erkenntnisprinzip war. Da nannte man ganz anderes den Weg zur Erkenntnis als heute. In jenen älteren Zeiten - sogar die Sprachgeschichte kann das erhärten — kam sich der Mensch, indem er auf sich zurückschaute, nicht so vor wie der heutige Mensch, der heutige Mensch mit seinem ganz fest in sich durch das Denken erfaßten Selbstbewußtsein auf der einen Seite und der Erfassung des Mechanistischen durch die Beobachtung auf der anderen Seite. So hätte sich zum Beispiel der Mensch des Orients nicht fühlen können. Wie gesagt, selbst die Sprachgeschichte kann das bezeugen. Der Mensch des Orients fühlte sich zunächst als atmender Mensch, als atmendes Wesen. Ein Atmer, das war ihm der Mensch. Und der Atmungsprozeß war dasjenige, auf das der Mensch vorzugsweise in der Selbsterkenntnis, der Selbstanschauung hinblickte. Sogar die Unsterblichkeit brachte er mit dem Atmungsprozeß zusammen: Eine Art Ausatmung des Seelischen war der Eintritt des Todes. Der Mensch ein Atmer! Warum fühlte man in dieser älteren Seelenverfassung den Menschen als ein Atmungswesen? Weil man wirklich im Atmungsprozeß, der nicht so im Unbewußten verlief wie heute, im Ein- und Ausatmen das Leben verspürte. Die Vibrationen, den Rhythmus des Lebens, man fühlte sie im Atmen. Das Atmen war etwas, was man so spürte, wie man heute Hunger und Durst spürt. Aber es war ein fortwährendes Spüren im Wachzustand, dieser Atmungsprozeß. Und sah man mit den Augen, dann wußte man: jetzt geht der Atmungsvorgang bis in den Kopf, bis in das Auge. Das Schauen empfand man so, daß es durchströmt war von der Atembewegung. Ebenso eine Willensregung. Das Handausstrecken empfand man so, als ob es etwas wäre, was sich anschließt an die Atmungsbewegungen. Eine Ausbreitung des Atmens in den ganzen Leib spürte man als inneren Lebensprozeß. Sowohl die mehr theoretische Anschauung der Außenwelt durch die Sinne, sie fühlte man als beseelt vom Atem, wie man die Willensregungen als beseelt vom Atem fühlte. Der Mensch fühlte sich als ein Atmungswesen. Und weil er sich als ein Atmungswesen fühlte, weil er hätte sagen können, mein Atem wird so und so modifiziert, indem ich durch meine Augen sehe, durch meine Ohren höre, indem ich Wärmewirkungen empfange, weil er so überall in den Sinnesempfindungen differenzierte, modifizierte, metamorphosierte, verfeinerte Atmungsvorgänge erblickte, so war für ihn auch der Erkenntnisweg eine regelmäßige Ausbildung des Atmungsprozesses. Und diese war für jene älteren Epochen der menschlichen Erkenntnisentwickelung dasselbe, was heute unser Studieren ist an der Hochschule. Heute studieren wir in anderer Art. Dazumal, wenn man religiöse Befriedigung, wenn man Erkenntnisse erlangen wollte, studierte man, indem man den Atmungsprozeß gesetzmäßig umbildete; indem man, mit anderen Worten, das ausbildete, was später das JogaAtmen, die Joga-Übung genannt wurde. Und was wurde da ausgebildet? Wenn man verfolgt, wozu nun derjenige gekommen ist, der das Joga-Atmen übte, um hinaufzukommen zu höheren Erkenntnisstufen, dann findet man etwas Merkwürdiges. Diejenigen, die so durch JogaÜbungen Gelehrte geworden waren - der Ausdruck ist uneigentlich auf diese älteren Verhältnisse angewandt, aber man kann vielleicht so sagen, und auch das Studium dauerte etwa so lange, wie unser Universitätsstudium dauert -, diejenigen, die auf diese Weise Gelehrte geworden waren, hatten in dieser Erkenntnis etwas in ihrer Seelenverfassung ergriffen, was in einer späteren Zeit, zum Beispiel in der griechisch-römischen Zeit, als Ideenwelt angesehen worden ist und nunmehr wie von selbst da war; so da war in der menschlichen Seelenverfassung, daß man kein Joga mehr brauchte.

[ 26 ] As we look back on human evolution, we do not, in fact, always find the same disposition of soul that man has to-day. He cultivates the scientific spirit as, in a sense, a most lofty thing. If we look back at the ancient Orient—not necessarily so far back as the most ancient Indian times, but to times more recent—we found much of what had been handed down as cognitive principles still retained. The path to knowledge was named quite differently then. In those ancient times—even the history of language can support this—man did not think of himself as he does to-day. Modern man has, on the one hand, his consciousness of self firmly established within him, and, on the other hand, a grasp, through observation, of what is mechanistic. But the man of the Orient, for example, could not have this feeling of himself. (As I have said, the history of language can prove this.) He felt himself, in the first place, as a breathing human being. To him, man was a breather. In self-contemplation he focussed his attention chiefly upon the respiratory process. He even related immortality to the respiratory process: death came to him as a kind of expiration of his soul. Man a breather! Why did man in this former disposition of soul feel the human being as a breathing being? Because he did actually feel life in the respiratory process (which did not proceed so unconsciously as it does to-day). He felt the vibrations of life, life's rhythm, in his breathing; he felt breathing as one feels hunger and thirst to-day. But this was a continuous feeling in the waking state. When he looked with his eyes, he knew: the process of breathing now enters right into my head and into my eyes. He felt his perceptions permeated by the flow of the breath. It was just the same when the will stirred. He stretched out his hand and felt this movement as if it were something linked up with the respiratory movements. An expansion of the breath through the whole body was felt as an inner life-process. He even felt the more theoretical perception of the outer world through the senses to be ensouled with breath, just as he felt the breath ensouling the movements of the will. Man felt himself a breathing being, and because he could have said: “My breath is modified in this and that way when I see through my eyes, hear through my ears and receive through the effects of heat”—because in his sensations of all kinds he “saw” differentiated, modified, refined respiratory processes—because of all this the path of knowledge was for him a systematic training of the respiratory process. And this systematic training was for those earlier epochs in the evolution of man's cognition what university study is for us to-day. We study in a different way now. But in those times, when one sought religious satisfaction or wished to acquire knowledge, one “studied” by systematically modifying the respiratory process; in other words, by developing what was later called Yoga Breathing, Yoga Training. And what did one develop? If we investigate what was attained by one who practised Yoga Breathing in order to reach higher stages of cognition, we find something striking. Those who came to be “savants” through Yoga exercises—the word “savant” is not quite appropriate to these earlier conditions, but perhaps one can use it—required as long for this as we do for a university course. In the knowledge so acquired they had grasped in the disposition of their souls what, in a later age—the Graeco-Roman, for example—was regarded as a world of ideas and present of itself in the soul, thus making Yoga unnecessary.

[ 27 ] Das ist ja das Interessante, daß dasjenige, wonach der Mensch in einer früheren Epoche mit allen möglichen Übungen streben muß, in späteren Epochen von selbst da ist in der Entwickelung. Da bedeutet es nicht mehr dasjenige, was es früher bedeutet hat. Als Sokrates, als Plato wirkten, bedeutete die Philosophie eines Plato, eines Sokrates nicht mehr dasselbe, was es für die alten Jogaschüler oder Jogalehrer bedeutet hätte, wenn sie zu den sokratischen oder platonischen Wahrheiten gekommen wären. Der Jogaschüler war durch sein Joga-Atmen nicht genau so organisiert, aber er war in der Seelenverfassung, in der Plato, Aristoteles oder Scotus Erigena waren. So sehen wir dasjenige, was in den ältesten Zeiten getrieben worden ist als geregelte Übungen des Atmungsprozesses, und wir sehen, daß eine gewisse anschauliche Begriffswelt das Ergebnis dieses Erkenntnispfades war.

[ 27 ] This is really a very interesting thing—that what men had to strive for in earlier epochs through all kinds of exercises is present of itself in later epochs of evolution. It has then no longer the same significance as before. When Socrates, when Plato were alive, their philosophies had no longer the same significance as they would have had for the ancient pupils or teachers of Yoga, had they reached Socratic or Platonic truths. By this Yoga-breathing the pupil did not acquire exactly the same inner organisation as Plato, Aristotle or Scotus Erigena, but he came to the same disposition of soul [Seelenverfassung]. Thus we find systematic breathing exercises practised in ancient times, and we see that this cognitive path led to a certain vivid world of ideas.

[ 28 ] Man bekommt eigentlich von dem, was in der späteren Zeit in Heraklit, in Parmenides, in Anaxagoras lebte, eine richtige Vorstellung, wenn man sich sagt: Das ist dasjenige, was in diesem Zeitalter den Menschen als selbstverständlich gegeben war, und was in noch älteren Zeiten durch Joga erreicht wurde. Übungen waren es immer, wodurch man für ein Zeitalter die höheren Erkenntnisse anstrebte. So war das Anschauen der Welt in späteren Epochen so vorhanden, daß man nun nicht mehr den Atem wahrnahm, indem man sich selbst beschaute, sondern daß man wahrnahm, wie der Grieche wahrnahm. Ich habe darüber in meinen «Rätseln der Philosophie» Näheres ausgeführt. Da war es noch so, daß man sich nicht abgesonderte Gedanken über die Welt machte, sondern die Ideen waren mit den Sinneserlebnissen eine Einheit. Man sah seine Gedanken draußen, wie man Rot oder Blau draußen sah, wie man Cis, G, H hörte. Die Gedanken waren draußen in der Welt. Die griechische Weltanschauung versteht nur, wer das weiß. Aber man nahm nur Geist von Sinneswahrnehmungen durchdrungen, oder Sinneswahrnehmungen von Geist durchdrungen jetzt wahr, nicht mehr das Differenzierte des Atmungsprozesses.

[ 28 ] One really gains a correct idea of what lived later in Parmenides and Anaxagoras if one says to oneself: What was given to men in this age as something self-understood, had been achieved in still earlier times through Yoga. It was always through exercises that men strove for the higher knowledge required by their own age. Thus in the perception of the world in later epochs, men were no longer aware of their breathing in self-contemplation, but they perceived as the Greeks perceived (I have given more details of this in my Riddles of Philosophy). At that time one did not construct for oneself isolated thoughts about the world, for ideas and sense-experiences were one. One saw one's thoughts outside, as one saw red or blue and heard C sharp, G or B natural. Thoughts were in the world outside. Without knowing this, nobody understands the Greek view of the world. But the Greeks perceived only spirit permeated with sense-perceptions, or sense-perceptions permeated by spirit, and no longer differentiations in the process of breathing.

[ 29 ] Wiederum aber strebte nun die Menschheit danach, auf all denjenigen Gebieten, wo man eben nach höheren Erkenntnissen strebte, eine höhere Stufe des Erkennens zu erreichen. Und diese Stufe wurde wiederum durch Übungen erreicht. Man hat ja gerade über die Zeit des ersten Mittelalters, über das Geistesleben des ersten Mittelalters heute ziemlich unbestimmte Vorstellungen. Allein ein so abstraktes Lernen, wie wir es heute tun, war dasjenige nicht, was ein mittelalterlicher Student trieb. Er sollte auch Übungen machen, und das gewöhnliche Lernen war auch mit Übungenmachen verbunden. Es war eine innerliche Praxis und Praktik, die durchzumachen war; allerdings nicht in einer so robusten Weise wie die Jogapraktik des Atmens, sondern es war eine schon mehr nach innen verlegte Praxis, aber doch eine Praxis. Ein Niederschlag, der heute wenig verstanden wird, hat sich erhalten in dem, was man im Mittelalter die sieben freien Künste nannte, die derjenige durchmachen mußte, der auf eine höhere Erkenntnis Anspruch machte. Grammatik, das, was die praktische Handhabe der Sprache ist, war damit gemeint. Die Rhetorik, die nun nicht nur die Handhabung, sondern die schöne Handhabung der Sprache bedeutete. Die Dialektik, die Handhabung der Sprache von der inneren Kraft des Denkens aus. Und hatte man diese drei durchgemacht in innerer Praxis als Übungen, dann kam die Arithmetik, wiederum nicht unsere abstrakte Arithmetik, sondern jene Arithmetik, die sich einlebte in die Dinge, die ein deutliches Bewußtsein davon hatte, daß der Mensch alles innerlich bildet. Und so lernte man innerlich praktizierend Geometrie. Die Geometrie wurde ganz als mit dem Menschen verwoben praktisch zu einem Eigentum des Menschen gemacht, zu seiner Handhabe gemacht. Dann mündete das Ganze ein in das, was man Astronomie nannte. Der Mensch gliederte sein Wesen in den Kosmos ein. Er lernte erkennen, wie sich sein Haupt auf den Kosmos bezieht, wie seine Lunge, sein Herz ein Ergebnis des Kosmos ist. Man hatte nicht eine vom Menschen abgezogene Astronomie, sondern eine Astronomie, in der der Mensch voll darinnenstand. Und dann lernte man das Weben und Walten des göttlichen Wesens, das die Welt durchwebt und durchwellt, kennen in der siebenten Stufe, die man mit Musik bezeichnete, was aber nicht die heutige Musik ist, sondern ein höheres, lebendiges Ausbilden desjenigen, was mehr gedanklich ausgebildet war in der Astronomie. So übte der Mensch in einer späteren Zeit sich in innerlicher Praxis. Dasjenige, was früher Atmungsübungen waren, war jetzt mehr eine innerliche Seelenpraxis.

[ 29 ] Then once again men sought to attain a higher stage of cognition in all domains in which they were seeking higher knowledge. This stage was also gained through exercises. To-day we have rather vague ideas about the early Middle Ages and their spiritual life. A medieval student did not learn so abstractedly as we do to-day. He, too, had to do exercises, and ordinary study was also combined with the doing of exercises. Inward exercises had to be carried out, though not so strenuously as with Yoga breathing; they were more inward, but still a set of exercises. From this there remains a kind of deposit, little understood now, in what were called then the Seven Liberal Arts. They had to have been mastered by everyone who claimed to have received a higher education. Grammar meant the practical use of language. Rhetoric meant more: the artistic use of language. Dialectic was the use of language as a tool of thought. And when the student had practised these inwardly, as exercises, Arithmetic followed; but this, again, was not our abstract arithmetic, but an arithmetic which entered into things and was clearly aware that man shapes all things inwardly. In this way the student learnt Geometry through inward exercises, and this geometry, as something involving the human being, was the pupil's possession—a tool he could use. All this then passed over into what was called Astronomy: the student integrated his being with the cosmos, learnt to know how his head was related to the cosmos, and how his lungs and heart resulted from the cosmos. It was not an astronomy abstracted from man, but an astronomy in which man had his place. And then, at the seventh stage, the pupil learnt to know how the Divine Being weaves and rules throughout the world. This was called Music; it was not our present music but a higher, living elaboration of what had been elaborated in thought-forms in Astronomy It was in this way that men of a later epoch trained themselves inwardly. The breathing exercises of earlier times had been replaced by a more inward training of the soul.

[ 30 ] Und wozu kam man? Man kam allmählich dazu im Laufe der menschlichen Zivilisationsgeschichte, den Gedanken in Absonderung zu haben von der Sinneswahrnehmung. Das mußte erst errungen werden. Die Griechen haben den Gedanken noch in der Welt gesehen, wie man Farben und Töne sieht. Daß der Gedanke von uns als etwas von uns Erzeugtes erfaßt wird, als etwas, was nicht darinnensteckt in den Dingen, daß das so empfunden wurde in der Seelenverfassung und daß es heute so empfunden werden kann, das ist ein Ergebnis des Übens in der Grammatik, Rhetorik und so weiter bis zur Musik. Dadurch wurde der Gedanke losgelöst von den Dingen. Man lernte frei im Gedanken sich bewegen. Dadurch wurde endlich dasjenige herbeigeführt, was uns nun wiederum selbstverständlich ist, was wir heute haben ohne diese Übungen, was wir heute vorfinden, wenn wir an unsere Schulen kommen, was geboten wird in den einzelnen Wissenschaften, wie es gestern geschildert wurde. Und gerade so, wie man in den früheren Zeitaltern durch Übungen hat vorwärtskommen sollen - in älteren Zeiten durch die Joga-Atmungsübungen, später durch die Übungen, die von der Grammatik bis zur Musik liefen, so daß man aus den Joga-Atmungsübungen als Selbstverständlichkeit bekam die griechisch-lateinische Weltauffassung und aus den Übungen, die auf dem Wege von der Grammatik bis zur Musik gingen, den heutigen Wissenschaftsstandpunkt -, so kann das wiederum fortgesetzt werden, und zwar am besten, wenn man von dem Sichersten ausgeht, von der Mathematik, die ja heute als das Sicherste anerkannt wird. Wahr ist es, so verwunderlich es auch jenem Schriftsteller war, als ich sagte: An der synthetischen Geometrie habe ich hauptsächlich mir zum Bewußtsein gebracht den Hellseherprozeß. Es ist natürlich nicht so, daß derjenige, der synthetische Geometrie studiert hat, ein Hellseher ist, aber veranschaulichen kann man den Prozeß auf diese Weise. So verwunderlich es diesem Schriftsteller war, nicht erzählt zu bekommen, nicht zu hören zu bekommen etwas, was von solchen Leuten, die wahrsagen, erzählt wird, so ist es doch so, daß von demjenigen, worauf heute die Wissenschaft fest steht, Anthroposophie ausgeht, um es weiterzuführen; um gerade dasjenige, was als sichere Wissenschaft vorliegt, von dieser Grundlage aus, die sie selbst gelegt hat, nun weiter in die Gebiete des Übersinnlichen hineinzuführen. Wir müssen daher den Prozeß noch weiter verinnerlichen. Und ein noch mehr verinnerlichter Prozeß ist dasjenige, was ich als den Weg in die heutige hellsichtige Forschung schildern mußte in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber gerade eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie angeführt habe, kann Ihnen zeigen, daß derjenige, der heute vollbewußt in der Anthroposophie drinnensteht, dieses Bewußtsein herholt aus einem Drinnenstehen im Gange der Menschheitsentwickelung; daß er nicht aus irgendeiner subjektiven Vorliebe oder Sympathie heraus behauptet: wir haben heute nötig, Übungen vorzunehmen, um fortzusetzen den Gang, der die Menschheit bis zum gegenwärtigen Standpunkte gebracht hat -, sondern daß er weiß, wie der Gang bis hierher war und wie er sich fortsetzen muß. Dieses historische Bewußtsein, dieses Bewußtsein vom Drinnenstehen im ganzen Menschheitsprozeß, das ist dasjenige, was dazukommt zu der Einsicht, die einem wird, wenn man innerlich, nicht äußerlich, den heutigen Wissenschaftsgeist in seine Seelenverfassung aufnimmt.

[ 30 ] And what did one attain? In the course of the history of civilisation men came gradually to have thoughts apart from sense-perceptions. This was something that had to be acquired. The Greeks still saw thought in the world, as we see colours and perceive tones. We grasp thought as something we produce, not located within things. The fact that men came to feel this in the constitution of their souls, that we can feel this to-day—that is the result of the training in Grammar, Rhetoric and so on to Music. Thought was thereby released. Men learnt to move freely in thoughts. In this way was achieved what we take for granted to-day, possessing it without these exercises—what we find when we go to school, what is offered in the separate sciences (as described yesterday). And precisely as man in different epochs had to advance by means of exercises—in ancient times by breathing exercises (Yoga) which gave him the Graeco-Latin conception of the world as something he took for granted; in later times by exercises that went from Grammar to Music and gave him the scientific standpoint we have to-day—so to-day he can again advance. He can best advance by setting out from what is most certain: namely, mathematics, recognised as certain to-day. My reply to that author was true, although it so astonished him. It was mainly through synthetic geometry that I became clear about the clairvoyant's procedure. Naturally, not everyone who has studied synthetic geometry is a clairvoyant, but the procedure can be clearly presented in this way. Though that author was so astonished at not being told the sort of thing that people who “prophesy” are wont to relate, it is nevertheless true that Anthroposophy, setting out from the firm base on which science stands to-day, seeks to extend this base; and from this base, which science itself has laid, to carry further, into super-sensible domains, what reliable science brings before us. From here we must proceed more inwardly. And a still more inward procedure is the path to clairvoyant research which I had to describe in my books Geheimwissenschaft (“Occult Science”) and Wie erlangt man Erkenntnisse der Höheren Welten (“How to Attain Knowledge of Higher Worlds”). But precisely such an historical survey as I have given can show you that anyone who stands to-day with full consciousness within Anthroposophy derives this consciousness from standing within the course of human evolution. My historical survey can also show you that I do not speak from personal predilection or subjective partiality when I assert that we need to undertake exercises in order to carry further the historical movement that has brought humanity to its present standpoint. Anyone who knows the course of history up to the present, and knows how it must continue, stands consciously within the whole historical process, and to this consciousness he adds the insight acquired by taking—inwardly, not outwardly—the spirit of modern science into the constitution of his soul.

[ 31 ] Dann darf wohl gesagt werden, die Anthroposophie weiß, was ihre Stellung in der heutigen Wissenschaft ist. Sie weiß es in einem absoluten Sinne, indem sie die Eigentümlichkeit der heutigen Wissenschaften kennt, indem sie jeden Dilettantismus und jedes Laientum ablehnt und von dem aus, was wahre Wissenschaft ist, weiterbaut. Sie kennt andererseits die historischen Notwendigkeiten. Sie weiß, wie der Weg der Menschheit von dem gegenwärtig Errungenen aus weitergehen muß, wenn wir nicht stillestehen wollen, wie auch alle unsere Vorfahren, da, wo sie Anteil hatten an der Zivilisationsentwickelung, vorwärts wollten. Wir müssen auch vorwärtsrücken. Aber wir müssen wissen, welche Schritte zu vollführen sind von dem gegenwärtigen Standpunkte des Wissenschaftsgeistes aus. Wie das sich im Einzelnen ausnimmt, werde ich zu schildern haben in den nächsten Tagen. Dann wird sich vielleicht leichter faßlich ausnehmen, was ich als Grundlegung heute geben mußte. Vielleicht hat sich aber doch zeigen können, das Anthroposophie schon aus wissenschaftlicher, wissenschaftsgleicher Gesinnung heraus weiß, was sie eigentlich will gegenüber der Gegenwart und der ganzen Menschheitsentwickelung und auch gegenüber den einzelnen Wissenschaften. Sie wird arbeiten, weil sie weiß, wie sie zu arbeiten hat. Vielleicht wird ihr Weg ein langwieriger sein. Wenn man aber auf der anderen Seite sieht, wie tief die Sehnsuchten in den unterbewußten Tiefen der Menschenseelen eigentlich nach jenen Höhen sind, die Anthroposophie erklimmen möchte, dann scheint es, als ob es zum Heile der Menschheit notwendig wäre, daß der Weg, den Anthroposophie zu gehen hat, nicht ein allzu langsamer sei. Aber es wird vielleicht weniger für Anthroposophie bedeutungsvoll sein als für den menschlichen Fortschritt, ob der Gang langsam oder schnell vor sich gehen wird. Wir reden davon, daß auf vielen Gebieten wir heute in einer schnell-lebigen Zeit darinnen sind. Möge dasjenige, was in der Erkenntnis des Übersinnlichen von der Menschheit erreicht werden will, so schnell-lebig erreicht werden, wie es für das Heil der Menschheit notwendig ist.

[ 31 ] Thus one may well say: Anthroposophy knows its position in respect to the science of to-day. It knows this in an absolute sense, because it knows the special character of contemporary science and rejects all that is dilettantish and amateurish. It builds further on genuine science. On the other hand, Anthroposophy knows the historical necessities; knows that man's path must go beyond present achievements—if we do not wish to stand still, unlike all our forerunners, who wanted to advance beyond the stage of civilisation in which they shared. We, too, must go forward. And we must know what steps to take from the present standpoint of the scientific spirit. In the next few days I shall have to depict what this actually involves. The foundations I have laid to-day will then appear, perhaps, in a more understandable form. But I may have been able to show that Anthroposophy knows from its scientific attitude—from an attitude as scientific as that of science—what its aims are in face of the contemporary world, of human evolution as a whole, and of the separate sciences. It will get to work because it knows how it has to work. Perhaps its path will be very long. If, on the other hand, one sees, in the subconscious depths of human souls, the deep longings for the heights that Anthroposophy would climb, one may surmise that it is necessary for the welfare of humanity that the path Anthroposophy has to take should not be too slow. But whether the pace be slow or fast may be less important for Anthroposophy than for human progress. In many domains we speak of being caught up in the “rapid tempo” of our time. May all that mankind is intended to attain by cognition of the super-sensible be attained as rapidly as the welfare of mankind requires.