So That Man May Become Fully Human
GA 82
8 April 1922, The Hague
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So That Man May Become Fully Human, tr. SOL
2. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften
2. The Position of Anthroposophy among the Sciences
[ 1 ] Wenn Anthroposophie sich verbreitet über diejenigen Lebensgebiete, auf denen die Menschen gewöhnlich ihre religiösen, vielleicht auch ihre moralischen Impulse suchen, dann gibt es ja heute doch schon sehr viele Menschen, welche wenigstens einen gewissen Zug zu solch einer geistigen Strömung haben, wie es diese Anthroposophie ist. Es ist ja schon einmal so, daß der Geist der neueren Menschheit - ich habe mir gestern erlaubt, ihn den «Wissenschaftsgeist» zu nennen - in vieler Beziehung die alten, traditionellen Bekenntnisse in den Menschenseelen erschüttert hat und daß, wenn auch sehr viele gerade der anthroposophischen Richtung mit gewissem Zweifelsinn entgegenkommen, es doch schon in der Gegenwart sehr viele Seelen gibt, die mindestens für ein solches Suchen eine Neigung haben. Allein man darf schon sagen, in gewisser Beziehung schlimm wird die Sache für die Anthroposophie dann, wenn sie sich begeben will auf die Gebiete der verschiedenen Wissenschaften. Das soll ja insbesondere innerhalb dieses Kursus hier geschehen, und mir wird ja obliegen, mehr die allgemeinen, umfassenderen Prinzipien und Forschungsresultate hier zu vertreten, währenddem die anderen Vortragenden auf die speziellen Wissenschaftsgebiete eingehen. Aber gerade bei einer solchen Veranstaltung müssen ja alle - ich meine es mehr theoretisch als etwa moralisch — Antipathien, welche gerade von wissenschaftlicher Seite her gegen Anthroposophie kommen, sich geltend machen. Und ich kann Sie nur versichern, daß derjenige, der drinnensteht im anthroposophischen Forschen, ein volles Verständnis der Tatsache entgegenbringt, daß es eben heute einfach für eine Persönlichkeit, die im gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebe drinnensteht, noch außerordentlich schwierig ist, den Übergang zu finden aus der heute üblichen Wissenschaftlichkeit heraus in die Anthroposophie hinein. Und so kommt es, daß, obwohl ja Anthroposophie gewiß manches zu berichtigen hat, was den gegenwärtigen Bestand der wissenschaftlichen Forschung ausmacht, obwohl sie insbesondere, wenn man mehr in die organischen und geistigen Gebiete hinaufkommt, sehr vieles hinzuzugeben hat zu demjenigen, was dieser gegenwärtigen Forschung vorliegt, daß doch diese Anthroposophie eigentlich von sich aus in keinen Widerspruch kommt mit der gebräuchlichen Wissenschaft. Sie nimmt deren berechtigte Resultate hin und verfährt mit ihnen so, wie ich es eben charakterisiert habe. Das Umgekehrte findet allerdings nicht statt, und, wie gesagt, in begreiflicher Weise heute noch nicht. Anthroposophie wird zurückgewiesen. Ihre Ergebnisse werden als etwas angesehen, das den streng wissenschaftlichen Kriterien, die man heute zu stellen sich befugt hält, nicht genüge.
[ 1 ] If anthroposophy spreads into those areas of life where people usually seek their religious, and perhaps also their moral, impulses, then there are indeed already very many people today who feel at least a certain affinity for such a spiritual movement as anthroposophy. It is certainly the case that the spirit of modern humanity—I took the liberty yesterday of calling it the “spirit of science”—has in many respects shaken the old, traditional beliefs in people’s souls, and that, even though very many approach the anthroposophical movement with a certain skepticism, there are already, even in the present, very many souls who have at least an inclination toward such a search. Yet one must say that, in a certain respect, things become difficult for anthroposophy when it seeks to venture into the realms of the various sciences. This is precisely what is to take place within this course here, and it will fall to me represent the more general, comprehensive principles and research findings here, while the other lecturers delve into the specific scientific fields. But it is precisely at such an event that all—I mean this more in a theoretical than, say, moral sense—antipathies, which arise specifically from the scientific side against anthroposophy, must make themselves felt. And I can only assure you that anyone deeply involved in anthroposophical research fully understands the fact that, especially today, it is simply still extraordinarily difficult for a person immersed in current scientific practice to find the transition from today’s standard scientific approach into anthroposophy. And so it is that, although anthroposophy certainly has much to correct in the current state of scientific research—and although, especially as one moves into the organic and spiritual realms, has much to add to what is currently available to research, that this anthroposophy does not, in and of itself, actually contradict conventional science. It accepts its legitimate results and proceeds with them as I have just described. The reverse, however, does not occur, and, as I said, understandably not yet today. Anthroposophy is rejected. Its findings are regarded as something that does not meet the strict scientific criteria that people today feel entitled to set.
[ 2 ] Es ist ja selbstverständlich, daß ich nicht in der Lage sein werde, in einem kurzen Vortrage auf alles dasjenige einzugehen, was von seiten der Anthroposophie selbst zu einer tüchtigen Begründung ihrer Ergebnisse dienen kann. Aber ich möchte doch in diesem heutigen Vortrage versuchen, die Stellung der Anthroposophie innerhalb der Wissenschaftsgebiete so zu charakterisieren, daß man aus dieser Charakteristik wird entnehmen können, wie es dieser Anthroposophie mit ihren Grundlegungen ebenso ernst ist wie nur irgendeiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und exakten Methodik in der Gegenwart überhaupt. Dazu wird allerdings notwendig sein, daß ich Sie heute noch werde quälen müssen mit etwas entlegeneren Auseinandersetzungen, mit Dingen, die man im gewöhnlichen Leben vielleicht schwierig nennt, die aber doch eine gewisse Grundlage schon einmal abgeben müssen für dasjenige, was ich allerdings vielleicht in leichterer und gefälligerer Form in den nächsten Tagen werde darzubieten haben.
[ 2 ] It goes without saying that I will not be able, in a short lecture, to address everything that, from the perspective of anthroposophy itself, can serve as a sound justification for its findings. But I would nevertheless like to attempt in today’s lecture to characterize the position of anthroposophy within the scientific fields in such a way that one can infer from this characterization how seriously anthroposophy takes its foundations, just as seriously as any scientific conscientiousness and exact methodology in the present day. To this end, however, it will be necessary for me to subject you today to somewhat more abstract discussions, to matters that one might call difficult in everyday life, but which must nevertheless provide a certain foundation for what I will, however, perhaps present in a lighter and more accessible form in the coming days.
[ 3 ] Man ist ja heute noch vielfach der Ansicht, daß Anthroposophie irgendwie ihren Ausgangspunkt nimmt von jener nebulosen Seelenverfassung, wie man sie in echt mystischen oder okkultistischen Richtungen der Gegenwart findet. Man irrt sich vollständig, wenn man der Anthroposophie eine solche wirklich sehr fragwürdige Grundlegung zuschreibt. Und eigentlich kann das nur derjenige tun, der diese Anthroposophie entweder nur oberflächlich oder gar nur von Seiten der Gegner aus kennt. Dasjenige, was zunächst die Grundorientierung des anthroposophischen Bewußtseins ist, das ist ja durchaus nicht nur in dem Sinne, wie ich das gestern schon charakterisiert habe, sondern in einem noch viel exakteren Sinne hergenommen von derjenigen Wissenschaftsrichtung der Gegenwart, welche eigentlich am allerwenigsten in ihrem wissenschaftlichen Charakter und ihrer Tragweite angefochten wird. Allerdings wird vielfach weder bei den Anhängern noch bei den Gegnern der Anthroposophie gerade das in der richtigen Weise angesehen, was ich jetzt einleitend werde zu charakterisieren haben.
[ 3 ] Even today, many people still believe that anthroposophy somehow takes its starting point from that nebulous state of mind found in genuinely mystical or occultist movements of the present day. They are completely mistaken if one attributes such a truly questionable foundation to anthroposophy. And in fact, only someone who knows this anthroposophy either only superficially or even only from the perspective of its opponents can do so. What is, first and foremost, the fundamental orientation of anthroposophical consciousness is by no means taken merely in the sense as I characterized it yesterday, but in an even more precise sense, derived from that branch of contemporary science which is actually the least contested in terms of its scientific character and scope. However, in many cases, neither the supporters nor the opponents of anthroposophy view in the correct manner precisely what I am now about to characterize in this introduction.
[ 4 ] Es ist Ihnen ja schon gesprochen worden von der Stellung des Mathematischen in den Wissenschaften. Und weltbekannt, möchte man sagen, ist ja der Kantische Ausspruch, daß in jeglicher Wissenschaft eigentlich nur so viel wahres Wissen, wahre Erkenntnis zu finden sei, als in ihr Mathematik vorhanden ist. Nun, mit der speziellen Mathematik, mit demjenigen, was die Mathematik der Menschheit und der Wissenschaft überhaupt sein kann, habe ich es hier nicht zu tun, wohl aber mit der Seelenverfassung, in welche ein Mensch sich versetzt, der, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, mathematisiert, der in der Tätigkeit des Mathematik-Bildens darinnen lebt. Wir befinden uns ja eben in einer ganz speziellen Seelenverfassung, wenn wir Mathematik betreiben. Diese Seelenverfassung, sie kann vielleicht am besten dadurch charakterisiert werden, daß ich zunächst auf denjenigen Teil der Mathematik zu sprechen komme, welcher gewöhnlich Geometrie genannt wird, und der es ja, wenigstens in denjenigen Teilen dieser Wissenschaft, die der Mehrzahl der Menschen bekannt sind, zu tun hat mit einer Raumeslehre, mit der Behandlung des Raumes.
[ 4 ] You have already heard about the place of mathematics in the sciences. And Kant’s statement that in any science there is actually only as much true knowledge and true insight to be found as there is mathematics present in it is, one might say, world-renowned. Now, I am not concerned here with mathematics as such, with what mathematics can be for humanity and for science in general, but rather with the state of mind into which a person enters when, if I may use the expression, they “mathematize,” that is, when they live within the activity of constructing mathematics. We find ourselves, after all, in a very special state of mind when we engage in mathematics. This state of mind can perhaps best be characterized by my first turning to that part of mathematics which is usually called geometry, and which, at least in those parts of this science known to the majority of people, deals with the study of space, with the treatment of space.
[ 5 ] Wir sprechen im Leben von dem dreidimensionalen Raum, und wir machen uns die Vorstellung, daß dieser dreidimensionale Raum so konstituiert ist, daß seine drei Dimensionen, wie man sagt, aufeinander senkrecht stehen. Dasjenige, was wir da im Seelenauge haben als Raum, das ist etwas, was uns zunächst ganz unabhängig vom Menschen und von der übrigen Welt vor dem geistigen Auge steht. Daß es zunächst vor den Augen des Menschen unabhängig von diesem Menschen selbst steht, das geht uns daraus hervor, daß der Mensch sich nach den Bestimmungen des Raumes als Wesen, als Individuum selber bestimmt. Er kann durchaus sagen, er sei so und so weit entfernt von irgendeinem Punkt, den er in Aussicht nimmt. Also gliedert er sich selbst in den Raum ein. Er gliedert sich wohl auch in den Weltenraum ein dadurch, daß er sich als Erdenwesen betrachtet und sich nun hineinstellt in bestimmte Sternenabstände und dergleichen. Kurz, den Raum betrachtet der Mensch zunächst als etwas Objektives, als etwas, was mit seinem Eigenwesen nichts zu tun hat. Das hat ja gerade dazu geführt, daß Kant davon gesprochen hat, der Raum sei eine Anschauung a priori, eine Anschauung, die gewissermaßen dem Menschen von vornherein gegeben ist. Er hat keine Möglichkeit, zu fragen, wodurch er diesen Raum habe. Er hat ihn einfach hinzunehmen als etwas Fertiges, in das er sich hineinzufinden hat, wenn er zum Vollbewußtsein seines Erdendaseins gekommen ist.
[ 5 ] In everyday life, we speak of three-dimensional space, and we imagine that this three-dimensional space is constituted in such a way that its three dimensions, as they say, are perpendicular to one another. What we perceive as space in our mind’s eye is something that initially stands before our spiritual eye quite independently of human beings and the rest of the world. That it initially stands before the eyes of the human being independently of that human being is evident to us from the fact that the human being defines himself as a being, as an individual, according to the determinations of space. He can certainly say that he is so and so far away from any point he takes into view. Thus, he situates himself within space. He also situates himself within the cosmos by regarding himself as an earthly being and placing himself within certain stellar distances and the like. In short, human beings initially regard space as something objective, as something that has nothing to do with their own being. This is precisely what led Kant to speak of space as an a priori intuition, an intuition that is, so to speak, given to human beings from the outset. He has no way of asking by what means he possesses this space. He must simply accept it as something ready-made, into which he must find his way once he has attained full consciousness of his earthly existence.
[ 6 ] So ist aber die Sache in Wirklichkeit nicht. Wir bilden als Menschen in Wahrheit den Raum doch aus unserer eigenen Wesenheit heraus. Wir verfolgen diese Bildung des Raumes, oder besser gesagt, der Raumvorstellung, der Raumanschauung nur nicht mit dem Bewußtsein, weil sie sich hineinstellt in ein Lebensalter des Menschen, in dem er noch nicht in der Weise über sich selbst und über seine eigenen Tätigkeiten nachdenkt, wie das der Fall sein müßte, wenn er sich vollständig über die Wesenheit des Raumes in bezug auf sein Eigenwesen aufklären sollte. Wir würden nämlich keine solche Raumanschauung haben, wie wir sie haben, wenn wir nicht die drei Dimensionen des Raumes erst innerhalb unseres Erdendaseins erleben würden. Wir erleben sie. Wir erleben die eine Dimension, indem wir uns von der Ohnmacht, als menschliches Wesen nach unserer Geburt aufrecht zu gehen, in diese eine, senkrechte Dimension hineinversetzen. Wir lernen einfach aus der Art, wie wir selber die eine Dimension bilden, das Vorhandensein dieser Dimension kennen. Und wir lernen nicht eine beliebige Dimension kennen aus unserer Menschenwesenheit heraus, die einfach auf den zwei anderen Dimensionen senkrecht steht, sondern wir lernen diese ganz bestimmte, auf der Oberfläche der Erde sozusagen senkrechtstehende Raumesdimension dadurch kennen, daß wir als Menschenwesen nicht gleich aufrecht geboren werden, sondern daß es zu den Bildegesetzen unseres Erdenlebens gehört, daß wir uns in diese vertikale Dimension erst hineinbringen.
[ 6 ] But that is not how things really are. As human beings, we actually form space out of our own being. We simply do not follow this formation of space—or rather, the concept of space, the perception of space—with our consciousness, because it occurs during a stage of human life in which we do not yet reflect on ourselves and our own activities in the way we would need to if we were to fully understand the nature of space in relation to our own being. For we would not have such a conception of space as we do if we did not first experience the three dimensions of space within our earthly existence. We experience them. We experience the one dimension by placing ourselves, out of the powerlessness to walk upright as human beings after our birth, into this one vertical dimension. We simply come to know the existence of this dimension through the very way we ourselves form it. And we do not come to know just any dimension from our human existence that simply stands perpendicular to the other two dimensions, but we come to know this very specific spatial dimension—which stands, so to speak, perpendicular to the surface of the Earth—by the fact that we human beings are not born upright at once, but rather that it is part of the laws of form in our earthly life that we must first bring ourselves into this vertical dimension.
[ 7 ] Eine zweite Dimension lernen wir kennen ebenso in einer unbewußten Art. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß der Mensch - jetzt will ich weniger dasjenige, was sich auf das Äußere bezieht, als mehr dasjenige, was sich auf das Innerliche bezieht, erwähnen -, indem er ausbildet die einzelnen Fähigkeiten, die im späteren Leben ihm dienen, daß er eine Orientierung von links nach rechts, von rechts nach links vornimmt. Man braucht nur daran zu denken, wie wir in einer gewissen Partie unseres Gehirns die Sprachorganisation haben, die sogenannten Brocaschen Sprachwindungen, und wie die andere Seite unseres Gehirns eine solche Organisation nicht hat. Man weiß heute ja auch durchaus durch anerkannte Wissenschaft, wie die Ausbildung dieser Sprachorganisation im linken Teil der menschlichen Gesamtorganisation zusammenhängt mit der zunächst aktiv auftretenden Beweglichkeit der rechten Hand. Man weiß also, daß da eine Orientierung von rechts nach links sich vollzieht. Diese Orientierung von rechts nach links, dieses Tätigkeiterregen links durch Tätigkeit rechts, oder umgekehrt, das ist etwas, was wir innerhalb unserer Bildungsgesetze geradeso erleben wie das Aufrichten. Und in diesem Zusammenorientieren des symmetrischen Rechts und Links erleben wir als Mensch zunächst die zweite Raumesdimension.
[ 7 ] We also become acquainted with a second dimension in an unconscious way. You are no doubt aware that human beings—and here I wish to mention less what pertains to the external than what pertains to the internal—by developing the individual abilities that serve them in later life, acquire an orientation from left to right, from right to left. One need only consider how, in a certain part of our brain, we have the language centers—the so-called Broca’s areas—and how the other side of our brain lacks such an organization. It is now well established by recognized science that the development of this language organization in the left part of the human brain is connected to the initially active dexterity of the right hand. We know, then, that an orientation from right to left takes place. This orientation from right to left—this stimulation of activity on the left through activity on the right, or vice versa—is something we experience within our developmental laws just as we do the process of sitting up. And in this mutual orientation of the symmetrical right and left, we as human beings first experience the second spatial dimension.
[ 8 ] Die dritte Raumesdimension erleben wir eigentlich niemals ganz vollständig. Wir visieren ja abschätzend eigentlich erst die sogenannte Tiefendimension. Die vollziehen wir fortwährend, obwohl das Vollziehen auch im Grunde stark im Unterbewußten liegt. Wenn wir unsere beiden Augenachsen kreuzen an einem Punkte, den wir in beide Augen fassen, so dehnen wir den Raum, der sonst für uns nur zwei Dimensionen hätte, in die dritte hinaus. Und bei allem Beurteilen, Abschätzen der Raumestiefe bilden wir eigentlich unbewußt aus unserem eigenen Wesen, unseren eigenen Bildungsgesetzen heraus erst die dritte Dimension. So lösen wir, könnte man sagen, in einer gewissen Weise aus unserem eigenen Leben heraus die drei Raumesdimensionen. Und dasjenige, was wir dann als den Raum auffassen, den wir in der Geometrie, in der euklidischen Geometrie zunächst, verwenden, ist nichts anderes als eine Abstraktion desjenigen, was wir konkret an unserem eigenen Organismus als die wirklichen drei Dimensionen, die mit unserem subjektiven Menschenwesen zusammenhängen, allmählich erkennen lernen. Wir lassen in der Abstraktion die ganz bestimmte Konfiguration des Raumes weg. Die bestimmte Senkrechte, die bestimmte Waagerechte, die bestimmte Tiefendimension, die werden einander gleichgültig. Solche Vorgänge finden ja immer bei der Abstraktion statt. Und dann, wenn wir aus dem in uns erlebten dreidimensionalen Raum durch Abstraktion den äußeren Raum, von dem wir in der Geometrie sprechen, gebildet haben, dann dehnen wir eigentlich unser Bewußstsein nur über diesen äußeren Raum aus.
[ 8 ] We actually never fully experience the third spatial dimension. We actually only begin to perceive the so-called depth dimension in an approximate way. We carry this out continuously, although this process is essentially deeply rooted in the subconscious. When we cross our two visual axes at a point that we perceive with both eyes, we extend the space—which would otherwise have only two dimensions for us—into the third. And in all our judging and estimating of spatial depth, we actually unconsciously form the third dimension from our own being, from our own laws of formation. Thus, one might say, we derive the three spatial dimensions in a certain way from our own lives. And what we then perceive as space—the space we use in geometry, initially in Euclidean geometry—is nothing other than an abstraction of what we gradually learn to recognize concretely in our own organism as the real three dimensions connected to our subjective human being. In abstraction, we omit the very specific configuration of space. The specific vertical, the specific horizontal, the specific depth dimension—these become indifferent to one another. Such processes always take place in abstraction. And then, when we have formed, through abstraction, the external space of which we speak in geometry from the three-dimensional space experienced within us, we actually extend our consciousness only over this external space.
[ 9 ] Aber nun kommt das Bedeutsame: Dasjenige, was wir erst aus uns selbst heraus gewonnen haben, das ist jetzt anwendbar auf die äußere Natur, zunächst in ihren unorganischen, ihren leblosen Bildungen, aber auch auf die verschiedenen Lageverhältnisse und Bewegungsverhältnisse der organischen Bildungen. Das ist, kurz gesagt, für unsere Außenwelt so maßgebend, daß wir, indem wir diesen Übergang, diese Metamorphose des Raumes von einem Gebiet, das eigentlich nur in uns lebt, zu dem, was wir gewöhnlich Raum nennen, vollzogen haben, da nun ganz mit unseren Raumesvorstellungen, unseren Raumerlebnissen in der Außenwelt drinnenstehen und uns selbst zurück nach Raumdimensionen, Raumabmessun‘gen in bezug auf unseren Standort und unsere Bewegung bestimmen können. Wir gehen tatsächlich, indem wir den Raum in dieser Weise bilden, aus uns heraus. Dasjenige, was wir erst in uns selber erlebt haben, das tragen wir indie Welt außerhalb unseres Leibes heraus, und wir stellen uns dann auf einen Gesichtspunkt, von dem aus wir dann auf uns selber, mit dem Raume erfüllt, zurückblicken. Und indem wir so den Raum erst verobjektiviert haben, können wir jetzt eben mit den Vorstellungen, die wir geometrisch innerhalb des Raumes bilden, die äußeren Bewegungs- und Lageverhältnisse der Dinge so studieren, daß wir wirklich empfinden: wir stehen auf sicherem wissenschaftlichen Gebiete, wenn wir mit dem so erst aus uns selbst heraus Gebildeten nun in die Dinge untertauchen. Es kann uns eigentlich aus den Verhältnissen heraus niemals ein Zweifel darüber kommen, daß wir mit dem so aus uns Herausgekommenen zu gleicher Zeit in den Dingen drinnen leben können. Wenn wir den Abstand oder den wechselnden Abstand zweier Körper in der Außenwelt nach Raumesverhältnissen beurteilen, so kommt uns gar nicht in den Sinn, daß das anders sein könnte, als daß wir etwas völlig Objektives feststellen, in das die Subjektivität nicht hereinspricht.
[ 9 ] But now comes the significant point: that which we have first derived from within ourselves is now applicable to external nature, initially in its inorganic, lifeless formations, but also to the various spatial and kinetic relationships of organic formations. In short, this is so decisive for our external world that, in effecting this transition, this metamorphosis of space from a realm that actually lives only within us to what we usually call space, we are now fully immersed in our conceptions of space, our spatial experiences in the external world, and can determine our own spatial dimensions and spatial measurements in relation to our location and our movement. In fact, by forming space in this way, we step out of ourselves. That which we first experienced within ourselves, we carry out into the world outside our body, and we then place ourselves at a vantage point from which we look back upon ourselves, filled with space. And by first objectifying space in this way, we can now, using the concepts we form geometrically within space, study the external conditions of motion and position of things in such a way that we truly feel: we stand on solid scientific ground when we now immerse ourselves in things with what we have thus formed from within ourselves. In fact, given these circumstances, we can never doubt that we can simultaneously live within things through what has emerged from within us. When we assess the distance or the changing distance between two bodies in the external world according to spatial relations, it does not even occur to us that this could be anything other than our establishing something entirely objective, into which subjectivity does not intrude.
[ 10 ] Nun aber liegt hier im Grunde genommen ein wichtiges Problem vor, das Problem, daß etwas, was wir in uns selber subjektiv erlebt haben, indem wir es verwandeln, beim Raume einfach durch eine Art Abstraktionsvorgang verwandeln, dann ein die Außenwelt gewissermaßen Durchdringendes wird, als ein der Außenwelt Angehöriges erscheint. Wer sich unbefangen überlegt, was da eigentlich vorliegt, der muß sich sagen: Indem so etwas vollzogen wird wie das subjektive Raumeserlebnis in seinen drei Dimensionen und die nachherige Objektivierung desselben, steht eben der Mensch in der objektiven Außenwelt drinnen mit dem, was er selber erlebt. Unsere subjektiven Erlebnisse, indem sie Raumeserlebnisse sind, sind zugleich objektive Erlebnisse. Und schließlich ist es ja gar nicht schwierig, sondern im Grunde genommen trivial und elementar, diese Sache einzusehen. Denn indem wir uns selbst bewegend durch den Raum gehen, vollziehen wir allerdings etwas, was ein subjektiver Vorgang ist, aber er ist zu gleicher Zeit ein objektiver Vorgang, etwas, was in der Welt geschieht. Ob wir einen Automaten sich vorwärtsbewegen sehen oder einen Menschen, es kommt die Subjektivität nicht in Betracht. Für die äußere Weltkonstellation ist dasjenige, was sich vollzieht, indem der Mensch räumlich lebt, ganz objektiv.
[ 10 ] But here, in essence, lies an important problem: the problem that something we have subjectively experienced within ourselves, when we transform it—simply by means of a kind of process of abstraction in relation to space—then becomes, as it were, something that permeates the external world and appears as belonging to the external world. Anyone who considers impartially what is actually at stake here must conclude: When something like the subjective experience of space in its three dimensions and its subsequent objectification takes place, the human being stands within the objective external world with what he himself has experienced. Our subjective experiences, insofar as they are spatial experiences, are at the same time objective experiences. And ultimately, it is not at all difficult, but rather, in essence, trivial and elementary, to grasp this point. For as we move through space ourselves, we are indeed carrying out something that is a subjective process, but it is at the same time an objective process, something that happens in the world. Whether we see an automaton moving forward or a human being, subjectivity is irrelevant. For the external world, what takes place as the human being lives spatially is entirely objective.
[ 11 ] Nun aber, wenn man ins Auge faßt, wie da der Mensch etwas aus dem subjektiven Erlebnis heraus objektiviert, so daß er dann, indem er mit seinem eigenen Selbst den Raum durchmißt, sich in einem Objektiven bewegt denn er trägt ja eigentlich, indem er den Raum verobjektiviert hat, diesen Raum auch in sich —, wenn man das ins Auge faßt, was da als in der Zeit verlaufende Seelenverfassung eigentlich vorliegt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch dasselbe, was er da mit Bezug auf das Mathematisieren ausführen kann, auch ausführen könnte mit Bezug auf andere Erlebnisse, dann würde er ja gewissermaßen die mathematisierende Seelenverfassung in andere Erlebnisse hereintragen können. Nehmen wir einmal an, wir kämen dazu, nicht nur während unseres unbewußten Lebensganges - denn Aufrechtstehen- und Gehenlernen, Links und Rechts Zusammenorientieren gehören ja durchaus dem unbewußt verlaufenden Lebensgange an, und die Art und Weise, wie wir die Tiefendimension des Raumes ermessen, gehört dem halb unbewußt bleibenden Leben an -, sondern bewußt die subjektiven Erlebnisse so umzugestalten, daß wir dann mit dem umgestalteten Erlebnis außer uns stehend auf uns selbst zurückschauen könnten. Wenn wir nun ebenso, wie wir das Raumeserlebnis aus uns heraus schaffen und bilden, so daß wir, wenn wir einen Salzwürfel ansehen, wir ja die Gestalt des Würfels aus unserer Geometrie mitbringen und wissen, daß eine vollständige Identifizierung der Gestalt des objektiven Salzwürfels mit dem, was wir in der Raumesvorstellung gebildet haben, stattfindet - wenn wir ebenso anderes bilden könnten, wenn wir das zum Beispiel könnten mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen, mit Bezug darauf, wie wir die Sinnesqualitäten empfinden, die Farben, Töne und so weiter, und dann gegenübertreten würden den äußeren Gegenständen, dann würden wir in der gleichen Weise dasjenige, was wir erst in uns ausbilden, gewissermaßen herauswerfen in die Welt, uns damit außerhalb unseres Leibes versetzen und sogar auf uns zurückschauen können. Bei der Mathematik - ich habe das geometrische Bild angeführt, ich könnte auch anderes anführen - ist das zwar vollzogen worden, aber man achtet nicht darauf. Weder die Mathematiker noch die Philosophen haben dieses eigentümliche Verhältnis ins Auge gefaßt, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe.
[ 11 ] Now, however, if one considers how a human being objectifies something from subjective experience, so that when he traverses space with his own self, he moves within an objective realm—for by objectifying space, he actually carries this space within himself —if one considers what is actually present there as a state of mind unfolding in time, then one comes to say to oneself: If a person could carry out the same thing that they can perform in relation to mathematization, also in relation to other experiences, then they would, in a sense, be able to bring the mathematizing state of mind into other experiences. Let us suppose, for a moment, that we were able not only during our unconscious life course—for learning to stand upright and walk, and orienting ourselves to left and right, certainly belong to the unconscious course of life, and the way we gauge the depth dimension of space belongs to the life that remains semi-unconscious—but to consciously transform our subjective experiences in such a way that we could then, standing outside ourselves with the transformed experience, look back upon ourselves. If we could now, just as we create and form the experience of space from within ourselves—so that when we look at a cube of salt, we bring the shape of the cube from our geometry and know that a complete identification of the shape of the objective cube of salt with what we have formed in our conception of space takes place—if we could form other things in the same way, if we could do this, for example, with regard to sensory perceptions, with regard to how we perceive sensory qualities—colors, sounds, and so on—and then confront external objects, then we would, in the same way, project what we first form within ourselves out into the world, thereby placing ourselves outside our bodies and even looking back upon ourselves. In mathematics—I have cited the geometric image, though I could cite others as well—this has indeed been accomplished, but it is not taken into account. Neither mathematicians nor philosophers have taken into view this peculiar relationship that I have now presented to you.
[ 12 ] Mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen ist man aber in eine wahre wissenschaftliche Verwirrung gekommen. Die Menschen meinen vielfach — die Physiologen haben sich in dieser Beziehung sogar den Erkenntnistheoretikern und Philosophen im 19. Jahrhundert angeschlossen -, wenn wir zum Beispiel Rot sehen, so ist der äußere Vorgang irgendein Schwingungsvorgang, der sich fortpflanzt bis zu unserem Sehorgan, bis zum Gehirn. Dann wird ausgelöst das eigentliche Rot-Erlebnis. Oder es wird durch den äußeren Schwingungsvorgang ausgelöst der Ton Cis auf dieselbe Weise. Hier ist man in Verwirrung geraten, weil man dasjenige, was in uns, in unserer Körperbegrenzung lebt, gar nicht mehr von dem Äußeren unterscheiden kann. Hier spricht man durchaus davon, daß alle Sinnesqualitäten, Farben, Töne, Wärmequalitäten, eigentlich nur subjektiv seien; daß das äußere Objektive etwas ganz anderes sei.
[ 12 ] With regard to sensory perceptions, however, we have fallen into a veritable scientific confusion. People often believe—and in this respect, physiologists in the 19th century even aligned themselves with epistemologists and philosophers—that when we see red, for example, the external process is some kind of vibrational process that propagates to our visual organ, to the brain. Then the actual experience of red is triggered. Or the note C-sharp is triggered by the external vibrational process in the same way. Here we have fallen into confusion because we can no longer distinguish what lives within us, within the limits of our body, from the external world. Here one certainly speaks of the fact that all sensory qualities—colors, sounds, thermal qualities—are actually only subjective; that the external objective is something entirely different.
[ 13 ] Wenn wir nun geradeso, wie wir die drei Raumesdimensionen zunächst aus uns heraus bilden, um sie an und in den Dingen wieder zu finden, wenn wir ebenso dasjenige, was in uns sonst als Sinnesempfindung auftritt, aus uns selbst schöpfen und dann außer uns versetzen könnten, dann würden wir das erst in uns Gefundene in den Dingen ebenso finden, ja, auf uns zurückschauend, es wiederfinden, wie wir das als Raum in uns Erlebte in der Außenwelt finden und auf uns zurückschauend, uns selbst diesem Raume angehörend finden. Wir würden, wie wir die Raumeswelt um uns haben, eine Welt von ineinanderfließenden Farben und Tönen um uns haben. Wir würden sprechen von einer objektivierten farbigen, tönenden Welt, einer flutenden, farbigen, tönenden Welt, so wie wir von dem Raume um uns herum sprechen.
[ 13 ] If we could now, just as we first form the three spatial dimensions from within ourselves in order to find them again on and in things, if we could likewise draw from within ourselves that which otherwise appears within us as sensory perception and then place it outside ourselves, then we would find in things what we first found within ourselves, indeed, looking back upon ourselves, rediscover it, just as we find what we experience as space within ourselves in the external world, and looking back upon ourselves, find ourselves belonging to this space. Just as we have the world of space around us, we would have a world of interflowing colors and tones around us. We would speak of an objectified, colorful, resonant world, a flowing, colorful, resonant world, just as we speak of the space around us.
[ 14 ] Das kann der Mensch aber durchaus erreichen, daß er diese Welt, die sonst für ihn nur vorliegt als die Welt der Wirkungen, kennenlernt als die Welt seiner eigenen Bildung. Wie wir unbewußt, einfach aus unserer menschlichen Natur heraus, uns die Raumesgestalt ausbilden, um sie dann in der Welt wiederzufinden, indem wir sie erst metamorphosiert haben, so kann der Mensch durch gewisse Übung - das muß er jetzt bewußt ausführen — dazu kommen, aus sich heraus den gesamten Umfang der Qualitäten enthaltenden Welt zu finden, um sie dann wiederzufinden in den Dingen, wiederzufinden zurückschauend auf sich selbst.
[ 14 ] But human beings can certainly achieve this: to come to know this world, which otherwise exists for them only as the world of effects, as the world of their own formation. Just as we unconsciously, simply out of our human nature, form the spatial structure in our minds, only to find it again in the world after we have first transformed it, so too can a person, through certain practice — which he must now carry out consciously — come to find within himself the entire scope of the world containing qualities, in order to then rediscover it in things, to rediscover it by looking back upon himself.
[ 15 ] Was ich Ihnen hier schildere, das ist das Aufsteigen zu der sogenannten imaginativen Anschauung. Dasjenige, was wir als Raumeswelt haben, das hat heute jeder Mensch, der nicht geradezu abnorm-mathematisch oder unmathematisch veranlagt ist. Dasjenige, was in gleicher Weise im Menschen leben kann, und so leben kann, daß er damit zugleich die Welt miterlebt, das kann durch Übungen im Menschen heranerzogen werden. Zu der gewöhnlichen gegenständlichen Anschauung der Dinge, in der uns die Mathematik ein sicherer Führer ist, kann die imaginative Anschauung - es ist nur ein technischer Ausdruck und bedeutet nicht «Einbildung» und «Imagination» im gewöhnlichen Sinne - hinzukommen und ein neues Weltgebiet eröffnen. Ich sagte schon gestern, daß ich noch eine besondere Übungs- und Forschungsmethode werde auseinanderzusetzen haben. Ich werde Ihnen dann zu schildern haben, was man zu machen hat, um zu einer solchen imaginativen Anschauung zu kommen, wo wir gewissermaßen ebenso, wie wir beim Raume, der allerdings zunächst keine uns im höheren Sinne interessierende Wirklichkeit enthält, dazu kommen, ihn als Gesamtanschauung zu haben, nun auch eine Gesamtanschauung des Qualitativen in der Welt haben. Dann aber, wenn wir in dieser Weise uns der Welt gegenüberstellen können, sind wir schon drinnen im übersinnlichen Schauen, auf der ersten Stufe des übersinnlichen Schauens. Das sinnliche Schauen, das ist zu vergleichen mit demjenigen Anschauen der Dinge, wo wir nicht an den Dingen Dreiecke und Vierecke unterscheiden, wo wir nicht geometrische Strukturen in den Dingen sehen, sondern einfach hinstarren auf die Dinge und ihre Formen nur äußerlich nehmen. Dasjenige Anschauen aber, das in der Imagination auftritt, ist ein solches Verwobensein mit dem inneren Wesen der Dinge, wie das mathematische Anschauen ein Verwobensein mit denjenigen Weltverhältnissen ist, die eben durchaus der Mathematik zugänglich sind.
[ 15 ] What I am describing to you here is the ascent to what is called imaginative perception. What we have as the spatial world is possessed today by every human being who is not of a distinctly abnormal-mathematical or non-mathematical disposition. That which can live within a person in the same way—and live in such a way that the person thereby experiences the world simultaneously—can be cultivated in a person through exercises. To the ordinary, concrete perception of things, in which mathematics serves as a reliable guide, imaginative perception—it is merely a technical term and does not mean “imagination” or “imagination” in the ordinary sense—and open up a new realm of the world. I already mentioned yesterday that I will have to discuss a special method of exercise and research. I will then have to describe to you what one must do to arrive at such an imaginative perception, where we, in a sense, just as we do with space—which, admittedly, initially contains no reality of interest to us in the higher sense— come to have it as a total view, we now also have a total view of the qualitative in the world. But then, when we can face the world in this way, we are already within supersensible perception, on the first stage of supersensible perception. Sensory perception can be compared to that way of looking at things where we do not distinguish triangles and quadrilaterals in things, where we do not see geometric structures in things, but simply stare at things and take their forms only externally. The kind of perception that occurs in the imagination, however, is such an interweaving with the inner essence of things as mathematical perception is an interweaving with those world relationships that are indeed entirely accessible to mathematics.
[ 16 ] Wer mit der richtigen Gesinnung an Mathematik sich heranbegibt, der wird dazu kommen, gerade in dem Verhalten des Menschen im Mathematisieren das Musterbild zu sehen für alles dasjenige, was dann erreicht werden soll für eine höhere, eine übersinnliche Anschauung. Denn die Mathematik ist einfach die erste Stufe übersinnlicher Anschauung. Dasjenige, was wir als mathematische Strukturen des Raumes schauen, ist übersinnliche Anschauung. Wir geben es nur nicht zu, weil wir gewöhnt sind es hinzunehmen. Derjenige aber, der die eigentliche Natur dieses Mathematisierens kennt, der weiß, daß es zwar zunächst eine uns nicht sonderlich für unsere ewige Menschennatur interessierende Wissenschaft ist, was wir da mit der Raumesstruktur gegeben haben, daß es aber durchaus den Charakter alles dessen vollständig trägt, was man im anthroposophischen Sinne jetzt ohne nebulose Mystik, ohne verworrenen Okkultismus, sondern einfach mit dem Ziele, in die übersinnlichen Welten auf exakt-wissenschaftliche Weise hinaufzusteigen -, was man im wahren Sinne des Wortes vom Hellsehen verlangen kann.
[ 16 ] Whoever approaches mathematics with the right attitude will come to see, precisely in the way humans engage in mathematical thinking, the archetype of everything that is to be attained for a higher, supersensible perception. For mathematics is simply the first stage of supersensible perception. What we perceive as mathematical structures of space is supersensible perception. We simply do not admit it because we are accustomed to accepting it. But whoever knows the true nature of this mathematical thinking knows that, while what we have presented here regarding spatial structure is initially a science of little interest to our eternal human nature, it nevertheless fully embodies the character of everything that, in the anthroposophical sense, one can now demand of clairvoyance—without nebulous mysticism, without convoluted occultism, but simply with the aim of ascending into the supersensible worlds in an exact-scientific manner—what one can demand from clairvoyance in the true sense of the word.
[ 17 ] Was Hellsehen auf höherem Gebiete ist, studieren kann es jeder Mensch am Mathematisieren. Und am meisten wundern könnte man sich darüber, daß gerade Mathematiker, die den Prozeß kennen sollten, der im Menschen vorgeht, wenn man mathematisiert, daß die nicht eigentlich ein tieferes Verständnis demjenigen entgegenbringen, was als ein höheres, qualitatives Mathematisieren in der hellsichtigen Forschung, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, aufzutreten hat. Denn dasjenige, was die erste Stufe dieser Forschung ist, die imaginative Erkenntnis, es ist nichts anderes als ein durch Übungen erlangtes Hineinschauen in noch andere Gebiete des Daseins, als das Mathematisieren es gestattet. Aber allerdings, es ändert sich so manches mit Bezug auf das menschliche Anschauen, wenn man diese ganze innere Natur des Mathematisierens einmal in wahrhaftiger menschlicher Selbsterkenntnis überschaut. Da kommt man nämlich zum Beispiel zu folgendem: Indem man darauf zurückblickt, wie man in der ersten Kindheit durch das Aufrechtgehen und Aufrechtstehen, durch das Orientieren von Links und Rechts, durch das Bestimmen der Tiefendimension zur Raumesstruktur gekommen ist, indem man daran anknüpft und den sonst nur abstrakt angeschauten Raum der Geometrie aus dem inneren menschlichen Erleben kennenlernt, da lernt man auch erkennen, welche verhängnisvollen Folgen eintreten, wenn man nicht zurückblicken kann auf dieses lebendige Hervorgehen des Raumes, der Vorstellung und der Anschauung des Raumes aus der Menschenwesenheit, sondern einfach den Raum schon in metamorphosierter Gestalt, unabhängig vom Menschen hinnimmt. Da ist man ja in der neueren Zeit dazu gekommen, diesen Raum in seinen drei Dimensionen so zu betrachten, daß man rein mathematisch zu einer vierten und zu weiteren Dimensionen übergegangen ist. Die mehrdimensionalen Räume und die Geometrien, die sich auf sie beziehen, sind ja heute etwas, was auch schon in weiteren Kreisen bekannt geworden ist. Aber für denjenigen, der nun die lebendige Gestaltung des Raumes einmal kennengelernt hat, ist es zwar außerordentlich interessant, so etwas zu verfolgen wie das Fortsetzen der Rechnungs- und Funktionsoperationen, die man für den dreidimensionalen Raum vornimmt, indem man gewisse Dinge erweitert, so daß man dann die nicht mehr anschaubare vierte Dimension bekommt und so weiter - diese Dinge sind mathematisch-logisch nicht nur interessant, sondern auch vollständig richtig -, aber für denjenigen, der eben so die Entstehung der Raumanschauung kennt, wie ich es beschrieben habe, für den liegt hier etwas ganz Besonderes vor. Wir können nämlich zum Beispiel, wenn ich diesen Vergleich gebrauchen darf, ein Pendel haben und das Pendel ausschlagen sehen. Wir können rein äußerlich dieses Ausschlagen des Pendels ansehen, und uns nun denken, das Pendel ginge im Ausschlagen immer weiter und weiter. Es tut es aber nicht. Wenn es an einem bestimmten Punkt angekommen ist, geht es wieder zurück nach der entgegengesetzten Seite. Wenn wir die Kraftverhältnisse kennen, die in dem Pendel leben, dann wissen wir, daß das Pendel eben oszilliert, daß es nicht einfach weitergehen kann wegen der in ihm liegenden Kraftverhältnisse.
[ 17 ] What clairvoyance is on a higher plane, every person can study through the process of mathematizing. And one might be most surprised that precisely mathematicians, who should know the process that takes place within a person when one mathematizes, do not actually demonstrate a deeper understanding of what appears as a higher, qualitative form of mathematizing in clairvoyant research, if I may use that expression. For what constitutes the first stage of this research—imaginative insight—is nothing other than a gaze into yet other realms of existence, attained through practice, than those permitted by mathematical thinking. But certainly, much changes with regard to human perception once one surveys this entire inner nature of mathematical thinking in true human self-knowledge. For then one arrives, for example, at the following: By looking back at how, in early childhood, one arrived at the structure of space through walking upright and standing upright, through orienting oneself to left and right, and through determining the dimension of depth; by building on this and coming to know the space of geometry—which is otherwise viewed only abstractly—through inner human experience, one also learns to recognize the disastrous consequences that arise when one cannot look back upon this living emergence of space, the conception and perception of space from the human being, but simply accepts space already in a metamorphosed form, independent of the human being. In recent times, we have come to view this space in its three dimensions in such a way that we have moved on, purely mathematically, to a fourth and further dimensions. Multidimensional spaces and the geometries that relate to them are, after all, something that has already become known in wider circles today. But for those who have now become acquainted with the living structure of space, it is indeed extraordinarily interesting to follow something like the extension of the arithmetic and functional operations performed for three-dimensional space by expanding certain elements, so that one then arrives at the no longer perceptible fourth dimension and so on—these things are not only interesting from a mathematical-logical perspective, but also entirely correct—but for those who are familiar with the development of the concept of space as I have described it, there is something quite special here. For example, if I may use this comparison, we can have a pendulum and watch it swing. We can observe this swinging of the pendulum purely from the outside, and imagine that the pendulum keeps swinging further and further. But it does not. When it has reached a certain point, it swings back to the opposite side. If we know the forces at work within the pendulum, then we know that the pendulum oscillates, that it cannot simply continue on because of the forces inherent within it.
[ 18 ] Gewissermaßen solche Kraftverhältnisse lernt man erkennen in der eigenen menschlichen Seelenverfassung in bezug auf den Raum. Dann wird die Sache anders. Dann macht man gewiß logisch-mathematisch dasjenige mit, was den Übergang bildet aus den Rechnungsoperationen im dreidimensionalen zum vierdimensionalen Raum, nur merkt man: es geht nicht weiter. Es geht nicht in ein unbestimmtes Viertes hinein, sondern man muß von einem gewissen Punkte an umkehren, und die vierte Dimension wird nämlich einfach die dritte Dimension mit negativem Vorzeichen. Man kommt wiederum durch die dritte Dimension zurück. Das ist der Fehler, der in den mehrdimensionalen Geometrien gemacht wird. Da wird einfach abstrakt weitergelaufen von der zweiten in die dritte, von der dritten in die vierte Dimension hinein und so weiter. Aber dasjenige, was da vorliegt, ist, wenn ich mich jetzt vergleichsweise so ausdrücken darf, nicht einfach fortlaufend, sondern oszillierend. Die Raumanschauung muß wiederum in sich zurückkehren. Wir vernichten, indem wir die dritte Dimension negativ nehmen, diese dritte Dimension in Wahrheit. Die vierte Dimension ist die negative dritte und vernichtet die dritte, macht den Raum eigentlich zweidimensional. Und ebenso können wir einen Vorgang finden für die fünfte und sechste Dimension, der durchaus in sich wirklich ist, obwohl das logisch-mathematisch, algebraisch einfach fortlaufend ist. Wir müssen, wenn wir der Wirklichkeit gemäß vorstellen, in den Raum, der uns einfach vorliegt, mit der vierten, fünften, sechsten Dimension wiederum zurückkommen, und bei der sechsten haben wir einfach den Raum aufgehoben. Wir sind beim Punkt angekommen.
[ 18 ] In a sense, one learns to recognize such force relationships in one’s own human state of mind with regard to space. Then the situation changes. Then, logically and mathematically, one certainly follows the process that constitutes the transition from arithmetic operations in three-dimensional to four-dimensional space, only to realize: it does not go any further. It does not proceed into an indefinite fourth dimension, but one must turn back at a certain point, and the fourth dimension simply becomes the third dimension with a negative sign. One returns again through the third dimension. This is the error made in multidimensional geometries. There, one simply proceeds abstractly from the second into the third, from the third into the fourth dimension, and so on. But what is actually present there, if I may express it comparatively, is not simply continuous, but oscillating. The conception of space must return upon itself. By taking the third dimension as negative, we in fact annihilate this third dimension. The fourth dimension is the negative third and annihilates the third, effectively making space two-dimensional. And in the same way, we can find a process for the fifth and sixth dimensions that is entirely real in itself, even though logically, mathematically, and algebraically it is simply continuous. If we are to imagine things in accordance with reality, we must return to the space that simply lies before us with the fourth, fifth, and sixth dimensions, and with the sixth, we have simply abolished space. We have arrived at the point.
[ 19 ] Was liegt da eigentlich in der Zeitkultur vor? Es liegt das vor, daß diese Zeitkultur abstrakt geworden ist in bezug auf das Denken, daß man den Lauf, den man mit dem Denken genommen hat von der Planimetrie zur Stereometrie einfach fortsetzt, während die Wirklichkeit mit der vierten Dimension wieder zurückführt in den Raum. Aber indem wir jetzt zurückkehren, sind wir keineswegs in derselben Lage, in der wir waren, als wir in die dritte Dimension hinausgekommen sind mit dem Visieren, sondern indem wir zurückkehren, sind wir geistbeladen. Finden wir die Möglichkeit, die vierte Dimension so zu denken, daß wir mit ihr wiederum, indem sie die negative dritte ist, in den Raum zurückkehren, dann wird der Raum geisterfüllt, während der dreidimensionale Raum materieerfüllt ist. Und mit immer höheren Geistgebilden finden wir den Raum erfüllt, wenn wir entlang der negativen dritten und zweiten und ersten Dimension gehen bis zu dem Punkt, wo wir keine Raumesausdehnung mehr haben, aber vollständig im Ausdehnungslosen, im Geistigen dann drinnenstehen.
[ 19 ] What is actually present in contemporary culture? What is present is that this contemporary culture has become abstract with regard to thinking, that one simply continues the course one has taken with thought from planimetry to stereometry, while reality leads back into space with the fourth dimension. But in returning now, we are by no means in the same position we were in when we emerged into the third dimension with the aiming; rather, in returning, we are imbued with spirit. If we find a way to conceive of the fourth dimension such that, since it is the negative third, we return to space through it, then space becomes filled with spirit, whereas three-dimensional space is filled with matter. And with ever higher spiritual forms, we find space filled as we proceed along the negative third, second, and first dimensions to the point where we no longer have spatial extension, but stand completely within the non-extended, within the spiritual.
[ 20 ] Was ich Ihnen schildere, ist nicht formale Mathematik, ist Wirklichkeit der geistigen Anschauung, ist dasjenige, was zeigt, wie ein geistgemäßer Weg in Wirklichkeit verläuft, im Gegensatz zu demjenigen Weg, der sich so sehr nur an die materiellen Erscheinungen gewöhnt hat, daß er selbst mit dem, was natürlich nicht mehr materiell in der Seelenverfassung wirkt, mit der Mathematik, indem er mit dem weiterläuft, in eine unwahrnehmbare Welt hineinkommt, in der er höchstens noch rechnen oder imaginäre mathematische Gebilde ausbilden kann.
[ 20 ] What I am describing to you is not formal mathematics; it is the reality of spiritual perception; it is that which shows how a spiritual path actually unfolds, in contrast to the path that has become so accustomed to material phenomena that, even when continuing with mathematics—which naturally no longer acts in a material way upon the soul’s constitution—it enters an imperceptible world where one can at most still calculate or form imaginary mathematical constructs.
[ 21 ] Hier sehen Sie, daß ein völliges Einleben in das Mathematische durchaus dahin führt, daß man die innere Natur des Geistigen als welterfüllend in sich schon durch Mathematik aufnimmt. Das richtige Durchschauen der mathematischen Seelenverfassung führt uns direkt hinein in den Begriff des hellsichtigen Erfahrens, Erlebens. Und dann steigen wir auf zu der Imagination, um in der Weise, wie es noch geschildert werden soll, mit ihr nun wirklich das Geistige zu überschauen, das dann nicht in der gewöhnlichen, aber in der von mir hier gekennzeichneten Art geschaut werden kann, wenn wir aus der dritten in die vierte Dimension übergehen und so weiter, bis zum dimensionslosen Gebiet, dem Punkt, der geistig uns zum Höchsten führt, wenn wir ihn erst, nicht als leeren Punkt, sondern als erfüllten Punkt erreicht haben.
[ 21 ] Here you can see that a complete immersion in mathematics leads to the point where one already takes in the inner nature of the spiritual as world-pervading through mathematics itself. A correct understanding of the mathematical state of the soul leads us directly into the concept of clairvoyant experience. And then we ascend to imagination, so that, in the manner that is yet to be described, we may now truly survey the spiritual realm through it—a realm that cannot be perceived in the ordinary way, but only in the manner I have described here, as we pass from the third to the fourth dimension and so on, up to the dimensionless realm, the point that leads us spiritually to the highest, once we have reached it—not as an empty point, but as a fulfilled point.
[ 22 ] Ich wurde einmal — es machte einen bedeutenden Eindruck auf mich - mit sonderbaren Augen angeschaut, als ein älterer Schriftsteller, der viel über geistige Dinge geschrieben hat, mich zum ersten Mal sah und frug: Wie ist Ihnen denn am ersten bewußt geworden dieser Unterschied zwischen dem Schauen der Sinneswelt und dem Schauen der übersinnlichen Welt? - Da sagte ich, weil ich am liebsten in solchen Dingen mich radikal ehrlich ausspreche: In dem Moment, wo ich den inneren Sinn der sogenannten neueren oder synthetischen Geometrie kennengelernt habe. — Also, wenn man von der analytischen zur synthetischen Geometrie übergeht, welche einem gestattet, nicht nur äußerlich an die Gebilde heranzukommen, sondern die Gebilde in ihren gegenseitigen Beziehungen zu erfassen, die also von Gebilden ausgeht, und nicht von äußeren Koordinaten, bekommt man die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen. Wenn wir aber nur Raumes-Koordinaten konstruieren, haben wir nicht das Gebilde erfaßt, sondern nur die Enden der Koordinaten, und dann verbinden wir diese Enden und bekommen die Linien. Aber an das Gebilde kommen wir eigentlich mit der analytischen Geometrie nicht heran, während wir mit der synthetischen Geometrie in den Gebilden darinnen leben. Da bekommen wir die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen.
[ 22 ] I was once—and it made a significant impression on me—looked at with strange eyes when an older writer, who had written much about spiritual matters, saw me for the first time and asked: How did you first become aware of this difference between perceiving the sensory world and perceiving the supersensory world? - I replied, since I prefer to speak radically honestly about such matters: “At the moment when I came to know the inner meaning of what is called modern or synthetic geometry.” — So, when one moves from analytical to synthetic geometry, which allows one not only to approach the figures externally but to grasp the figures in their mutual relationships—that is, starting from the figures and not from external coordinates, one is inspired to study that state of mind which, when further developed, leads to entering the supersensible world. But if we merely construct spatial coordinates, we have not grasped the figure, but only the ends of the coordinates, and then we connect these ends and obtain the lines. But we cannot actually approach the figure with analytical geometry, whereas with synthetic geometry we live within the figures themselves. There we are inspired to study that state of mind which, when further developed, leads to entering the supersensible world.
[ 23 ] Damit habe ich charakterisiert, inwiefern Anthroposophie durchaus damit rechnen kann, in ebenso strenger Weise von dem Mathematisieren auszugehen, wie, nur von einem anderen Gesichtspunkte, die heutige Naturwissenschaft davon ausgehen kann. Diese Naturwissenschaft verwendet die fertige Mathematik. Derjenige, der begreifen will den hellsichtigen Prozeß, muß ihn da aufsuchen, wo er am primitivsten vorhanden ist: im Gestalten des Mathematischen. Kann er ihn dann hinauftragen in höhere Gebiete, dann bildet er etwas aus, was sich zum Elementaren, Primitiven des Mathematisierens so verhält, wie die späteren mathematischen Gebiete sich zu den Axiomen verhalten. Die ersten Axiome des Hellsehens sind lebendig. Und gelingt es uns, das Mathematisieren durch Übungen auszubilden, so werden wir nicht nur räumliche Verhältnisse in der Umwelt sehen, sondern wir lernen Geistwesen, bis zur geistigen Innerlichkeit vor uns sich offenbarende Geistwesen, kennen, wie wir die innere Würfelnatur des Steinsalzes kennen. Wir lernen Geistwesen kennen, wenn wir in dieser Weise dasjenige, was wir im Mathematisieren ausbilden, hinauftragen in höhere Gebiete.
[ 23 ] With this I have characterized the extent to which anthroposophy can certainly expect to proceed from mathematization in just as rigorous a manner as, albeit from a different perspective, modern natural science can proceed from it. This natural science makes use of ready-made mathematics. Anyone who wishes to grasp the clairvoyant process must seek it out where it exists in its most primitive form: in the structure of mathematics. If they can then carry it up into higher realms, they develop something that relates to the elementary, primitive aspects of mathematizing in the same way that later mathematical fields relate to the axioms. The first axioms of clairvoyance are alive. And if we succeed in developing mathematical thinking through exercises, we will not only perceive spatial relationships in the environment, but we will come to know spiritual beings—spiritual beings revealing themselves to us down to their spiritual innermost nature—just as we know the inner cubic nature of rock salt. We come to know spiritual beings when we carry what we develop in mathematical thinking up into higher realms in this way.
[ 24 ] Das wollte ich zunächst sagen über die Fundierung desjenigen, was innerhalb der Anthroposophie als hellsichtige Forschung anerkannt werden muß. Wir werden dann noch sehen, wie mit dieser hellsichtigen Forschung in die einzelnen Wissensgebiete, sowohl in die naturwissenschaftlichen Gebiete wie auch in die Gebiete der Heilkunde, der Medizin, der Geschichtswissenschaft und so weiter hineingegangen werden kann, und wie die Wissenschaften nicht angefochten, sondern bereichert werden sollen durch ein solches Hereintragen desjenigen in ihre Gebiete, was in übersinnlichem Anschauen erkannt werden kann.
[ 24 ] That is what I wanted to say first about the foundation of what must be recognized within anthroposophy as clairvoyant research. We shall then see how this clairvoyant research can be applied to the individual fields of knowledge—both the natural sciences and the fields of medicine, history, and so on—and how the sciences are not to be challenged but enriched by bringing into their domains that which can be perceived through supersensible observation.
[ 25 ] Aber es kann uns zu Hilfe kommen für das richtige Verständnis desjenigen, was hier eigentlich gemeint ist, wenn wir den Gang der Menschheitsentwickelung durch eine gewisse Zeit hindurch betrachten, wie er war, indem er zuletzt dazu führte, unser heutiges wissenschaftliches Denken auszubilden. Fassen wir nur dieses wissenschaftliche Denken einmal ins Auge. Es ist ein solches wissenschaftliches Denken, das zwar den blossen Formalismus der Mathematik einsieht, aber die innere Sicherheit und Exaktheit des Forschens doch an der Mathematik lernt und eigentlich die Naturgesetze nur dann für berechtigt ansieht, wenn sie einer solchen Formulierung fähig sind wie das Mathematische. Mindestens ist das eine Art von Ideal der heutigen Wissenschaftlichkeit. Aber das war nicht immer so. Das, was wir heute als Wissenschaftsgeist anerkennen, das hat sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung herausgebildet. Und ich möchte Ihnen heute nur drei Etappen, von denen heute die dritte da ist, dieses sich entwickelnden Menschengeistes einmal mehr erzählend vorführen. Einiges von dem, was zur Begründung dessen, was ich erzählen will, vorgebracht werden kann, werde ich auch noch berühren.
[ 25 ] But it can help us to correctly understand what is actually meant here if we consider the course of human development over a certain period of time, as it was, in that it ultimately led to the formation of our present-day scientific thinking. Let us just take a look at this scientific thinking. It is a kind of scientific thinking that, while acknowledging the mere formalism of mathematics, nevertheless learns the inner certainty and precision of research from mathematics and actually regards the laws of nature as valid only if they are capable of being formulated in a manner similar to that of mathematics. At the very least, this is a kind of ideal of modern scientific thinking. But this was not always the case. What we recognize today as the scientific spirit has only emerged in the course of human development. And today I would like to present to you, in a narrative form, just three stages of this evolving human spirit, the third of which we are currently experiencing. I will also touch upon some of the points that can be raised to substantiate what I intend to describe.
[ 26 ] Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwikkelung, so finden wir nämlich nicht immer dieselbe Seelenverfassung, die der Mensch heute hat. Heute hat eben der Mensch die Seelenverfassung, die ihn gewissermaßen als zu etwas Höchstem zur Ausbildung des Wissenschaftsgeistes führt. Wenn wir zurückgehen in den alten Orient - wir brauchen nicht einmal bis in die ältesten Zeiten des Indertums zurückzugehen -, da hat sich erhalten, was in älteren Zeiten Erkenntnisprinzip war. Da nannte man ganz anderes den Weg zur Erkenntnis als heute. In jenen älteren Zeiten - sogar die Sprachgeschichte kann das erhärten — kam sich der Mensch, indem er auf sich zurückschaute, nicht so vor wie der heutige Mensch, der heutige Mensch mit seinem ganz fest in sich durch das Denken erfaßten Selbstbewußtsein auf der einen Seite und der Erfassung des Mechanistischen durch die Beobachtung auf der anderen Seite. So hätte sich zum Beispiel der Mensch des Orients nicht fühlen können. Wie gesagt, selbst die Sprachgeschichte kann das bezeugen. Der Mensch des Orients fühlte sich zunächst als atmender Mensch, als atmendes Wesen. Ein Atmer, das war ihm der Mensch. Und der Atmungsprozeß war dasjenige, auf das der Mensch vorzugsweise in der Selbsterkenntnis, der Selbstanschauung hinblickte. Sogar die Unsterblichkeit brachte er mit dem Atmungsprozeß zusammen: Eine Art Ausatmung des Seelischen war der Eintritt des Todes. Der Mensch ein Atmer! Warum fühlte man in dieser älteren Seelenverfassung den Menschen als ein Atmungswesen? Weil man wirklich im Atmungsprozeß, der nicht so im Unbewußten verlief wie heute, im Ein- und Ausatmen das Leben verspürte. Die Vibrationen, den Rhythmus des Lebens, man fühlte sie im Atmen. Das Atmen war etwas, was man so spürte, wie man heute Hunger und Durst spürt. Aber es war ein fortwährendes Spüren im Wachzustand, dieser Atmungsprozeß. Und sah man mit den Augen, dann wußte man: jetzt geht der Atmungsvorgang bis in den Kopf, bis in das Auge. Das Schauen empfand man so, daß es durchströmt war von der Atembewegung. Ebenso eine Willensregung. Das Handausstrecken empfand man so, als ob es etwas wäre, was sich anschließt an die Atmungsbewegungen. Eine Ausbreitung des Atmens in den ganzen Leib spürte man als inneren Lebensprozeß. Sowohl die mehr theoretische Anschauung der Außenwelt durch die Sinne, sie fühlte man als beseelt vom Atem, wie man die Willensregungen als beseelt vom Atem fühlte. Der Mensch fühlte sich als ein Atmungswesen. Und weil er sich als ein Atmungswesen fühlte, weil er hätte sagen können, mein Atem wird so und so modifiziert, indem ich durch meine Augen sehe, durch meine Ohren höre, indem ich Wärmewirkungen empfange, weil er so überall in den Sinnesempfindungen differenzierte, modifizierte, metamorphosierte, verfeinerte Atmungsvorgänge erblickte, so war für ihn auch der Erkenntnisweg eine regelmäßige Ausbildung des Atmungsprozesses. Und diese war für jene älteren Epochen der menschlichen Erkenntnisentwickelung dasselbe, was heute unser Studieren ist an der Hochschule. Heute studieren wir in anderer Art. Dazumal, wenn man religiöse Befriedigung, wenn man Erkenntnisse erlangen wollte, studierte man, indem man den Atmungsprozeß gesetzmäßig umbildete; indem man, mit anderen Worten, das ausbildete, was später das JogaAtmen, die Joga-Übung genannt wurde. Und was wurde da ausgebildet? Wenn man verfolgt, wozu nun derjenige gekommen ist, der das Joga-Atmen übte, um hinaufzukommen zu höheren Erkenntnisstufen, dann findet man etwas Merkwürdiges. Diejenigen, die so durch JogaÜbungen Gelehrte geworden waren - der Ausdruck ist uneigentlich auf diese älteren Verhältnisse angewandt, aber man kann vielleicht so sagen, und auch das Studium dauerte etwa so lange, wie unser Universitätsstudium dauert -, diejenigen, die auf diese Weise Gelehrte geworden waren, hatten in dieser Erkenntnis etwas in ihrer Seelenverfassung ergriffen, was in einer späteren Zeit, zum Beispiel in der griechisch-römischen Zeit, als Ideenwelt angesehen worden ist und nunmehr wie von selbst da war; so da war in der menschlichen Seelenverfassung, daß man kein Joga mehr brauchte.
[ 26 ] If we look back at human development, we do not always find the same spiritual disposition that human beings have today. Today, human beings have precisely the state of mind that leads them, so to speak, to the highest development of the scientific spirit. If we go back to the ancient Orient—we need not even go back to the earliest times of Indian civilization—we find that what was the principle of knowledge in earlier times has been preserved there. In those days, the path to knowledge was called by a very different name than it is today. In those earlier times—even the history of language can corroborate this—when human beings looked inward, they did not perceive themselves as modern humans do, with their self-consciousness firmly grasped through thinking on the one hand, and their grasp of the mechanical through observation on the other. The people of the Orient, for example, could not have felt this way. As I said, even the history of language can attest to this. The people of the East initially felt themselves to be breathing human beings, breathing beings. A breather—that was what a human being was to them. And the process of breathing was what human beings looked to above all in self-knowledge, in self-contemplation. They even associated immortality with the breathing process: the onset of death was a kind of exhalation of the soul. Human beings as breathers! Why did people in this older state of mind perceive human beings as breathing beings? Because they truly felt life in the process of breathing—which did not take place unconsciously as it does today—in the inhalation and exhalation. The vibrations, the rhythm of life, were felt in the breath. Breathing was something one felt just as one feels hunger and thirst today. But this breathing process was a continuous sensation in the waking state. And when one looked with the eyes, one knew: now the breathing process extends into the head, into the eye. One perceived seeing as being permeated by the movement of the breath. The same was true of a movement of the will. One perceived the reaching out of the hand as if it were something connected to the breathing movements. One felt the expansion of breathing throughout the whole body as an inner life process. Both the more theoretical perception of the external world through the senses—one felt it animated by the breath—and the impulses of the will—one felt them animated by the breath. Human beings felt themselves to be breathing beings. And because they felt themselves to be breathing beings—because they could have said, “My breath is modified in such and such a way when I see through my eyes, hear through my ears, or receive thermal effects”—because they perceived differentiated, modified, metamorphosed, and refined breathing processes everywhere in their sensory perceptions, so for him the path of knowledge was also a systematic training of the breathing process. And this was for those earlier epochs of human intellectual development what our studying at the university is today. Today we study in a different way. Back then, if one sought religious fulfillment, if one wished to gain knowledge, one studied by systematically transforming the breathing process; in other words, by training what later came to be called yoga breathing, the yoga exercise. And what was being trained there? If one traces what the person who practiced yoga breathing actually achieved in order to ascend to higher levels of knowledge, one finds something remarkable. Those who had thus become scholars through yoga exercises—the term is not strictly applicable to these earlier conditions, but one might perhaps put it that way, and the study also lasted about as long as our university studies do—those who had become scholars in this way had grasped something in their soul’s constitution through this knowledge that, in a later era, for example in the Greco-Roman era, was regarded as the world of ideas and was now present as if by itself; it was present in the human soul in such a way that yoga was no longer needed.
[ 27 ] Das ist ja das Interessante, daß dasjenige, wonach der Mensch in einer früheren Epoche mit allen möglichen Übungen streben muß, in späteren Epochen von selbst da ist in der Entwickelung. Da bedeutet es nicht mehr dasjenige, was es früher bedeutet hat. Als Sokrates, als Plato wirkten, bedeutete die Philosophie eines Plato, eines Sokrates nicht mehr dasselbe, was es für die alten Jogaschüler oder Jogalehrer bedeutet hätte, wenn sie zu den sokratischen oder platonischen Wahrheiten gekommen wären. Der Jogaschüler war durch sein Joga-Atmen nicht genau so organisiert, aber er war in der Seelenverfassung, in der Plato, Aristoteles oder Scotus Erigena waren. So sehen wir dasjenige, was in den ältesten Zeiten getrieben worden ist als geregelte Übungen des Atmungsprozesses, und wir sehen, daß eine gewisse anschauliche Begriffswelt das Ergebnis dieses Erkenntnispfades war.
[ 27 ] That is indeed the interesting thing: that what a person had to strive for in an earlier epoch through all manner of exercises is, in later epochs, naturally present in the course of development. There, it no longer signifies what it once did. When Socrates and Plato were active, the philosophy of a Plato no longer the same thing that it would have meant for the ancient yoga students or yoga teachers if they had arrived at the Socratic or Platonic truths. The yoga student was not organized in exactly the same way through his yoga breathing, but he was in the same state of mind as Plato, Aristotle, or Scotus Erigena. Thus we see what was practiced in the earliest times as regulated exercises of the breathing process, and we see that a certain vivid conceptual world was the result of this path of knowledge.
[ 28 ] Man bekommt eigentlich von dem, was in der späteren Zeit in Heraklit, in Parmenides, in Anaxagoras lebte, eine richtige Vorstellung, wenn man sich sagt: Das ist dasjenige, was in diesem Zeitalter den Menschen als selbstverständlich gegeben war, und was in noch älteren Zeiten durch Joga erreicht wurde. Übungen waren es immer, wodurch man für ein Zeitalter die höheren Erkenntnisse anstrebte. So war das Anschauen der Welt in späteren Epochen so vorhanden, daß man nun nicht mehr den Atem wahrnahm, indem man sich selbst beschaute, sondern daß man wahrnahm, wie der Grieche wahrnahm. Ich habe darüber in meinen «Rätseln der Philosophie» Näheres ausgeführt. Da war es noch so, daß man sich nicht abgesonderte Gedanken über die Welt machte, sondern die Ideen waren mit den Sinneserlebnissen eine Einheit. Man sah seine Gedanken draußen, wie man Rot oder Blau draußen sah, wie man Cis, G, H hörte. Die Gedanken waren draußen in der Welt. Die griechische Weltanschauung versteht nur, wer das weiß. Aber man nahm nur Geist von Sinneswahrnehmungen durchdrungen, oder Sinneswahrnehmungen von Geist durchdrungen jetzt wahr, nicht mehr das Differenzierte des Atmungsprozesses.
[ 28 ] One actually gains a proper understanding of what lived in Heraclitus, Parmenides, and Anaxagoras in later times when one says to oneself: This is what was taken for granted by people in that age, and what had been achieved in even earlier times through yoga. It was always through exercises that people strove for higher knowledge in a given age. Thus, in later epochs, the way of viewing the world was such that one no longer perceived one’s own breath by observing oneself, but rather perceived things as the Greeks did. I have elaborated on this in my *Riddles of Philosophy*. Back then, people did not form separate thoughts about the world; rather, ideas were one with sensory experiences. One saw one’s thoughts outside, just as one saw red or blue outside, just as one heard C-sharp, G, and B. Thoughts were out there in the world. Only those who know this can understand the Greek worldview. But people now perceived only spirit permeated by sensory perceptions, or sensory perceptions permeated by spirit—no longer the differentiated aspects of the breathing process.
[ 29 ] Wiederum aber strebte nun die Menschheit danach, auf all denjenigen Gebieten, wo man eben nach höheren Erkenntnissen strebte, eine höhere Stufe des Erkennens zu erreichen. Und diese Stufe wurde wiederum durch Übungen erreicht. Man hat ja gerade über die Zeit des ersten Mittelalters, über das Geistesleben des ersten Mittelalters heute ziemlich unbestimmte Vorstellungen. Allein ein so abstraktes Lernen, wie wir es heute tun, war dasjenige nicht, was ein mittelalterlicher Student trieb. Er sollte auch Übungen machen, und das gewöhnliche Lernen war auch mit Übungenmachen verbunden. Es war eine innerliche Praxis und Praktik, die durchzumachen war; allerdings nicht in einer so robusten Weise wie die Jogapraktik des Atmens, sondern es war eine schon mehr nach innen verlegte Praxis, aber doch eine Praxis. Ein Niederschlag, der heute wenig verstanden wird, hat sich erhalten in dem, was man im Mittelalter die sieben freien Künste nannte, die derjenige durchmachen mußte, der auf eine höhere Erkenntnis Anspruch machte. Grammatik, das, was die praktische Handhabe der Sprache ist, war damit gemeint. Die Rhetorik, die nun nicht nur die Handhabung, sondern die schöne Handhabung der Sprache bedeutete. Die Dialektik, die Handhabung der Sprache von der inneren Kraft des Denkens aus. Und hatte man diese drei durchgemacht in innerer Praxis als Übungen, dann kam die Arithmetik, wiederum nicht unsere abstrakte Arithmetik, sondern jene Arithmetik, die sich einlebte in die Dinge, die ein deutliches Bewußtsein davon hatte, daß der Mensch alles innerlich bildet. Und so lernte man innerlich praktizierend Geometrie. Die Geometrie wurde ganz als mit dem Menschen verwoben praktisch zu einem Eigentum des Menschen gemacht, zu seiner Handhabe gemacht. Dann mündete das Ganze ein in das, was man Astronomie nannte. Der Mensch gliederte sein Wesen in den Kosmos ein. Er lernte erkennen, wie sich sein Haupt auf den Kosmos bezieht, wie seine Lunge, sein Herz ein Ergebnis des Kosmos ist. Man hatte nicht eine vom Menschen abgezogene Astronomie, sondern eine Astronomie, in der der Mensch voll darinnenstand. Und dann lernte man das Weben und Walten des göttlichen Wesens, das die Welt durchwebt und durchwellt, kennen in der siebenten Stufe, die man mit Musik bezeichnete, was aber nicht die heutige Musik ist, sondern ein höheres, lebendiges Ausbilden desjenigen, was mehr gedanklich ausgebildet war in der Astronomie. So übte der Mensch in einer späteren Zeit sich in innerlicher Praxis. Dasjenige, was früher Atmungsübungen waren, war jetzt mehr eine innerliche Seelenpraxis.
[ 29 ] Once again, however, humanity now strove to attain a higher level of knowledge in all those fields where one was seeking higher insights. And this stage was again attained through exercises. After all, we have rather vague notions today about the period of the early Middle Ages, about the spiritual life of the early Middle Ages. Yet such abstract learning as we engage in today was not what a medieval student pursued. He was also expected to perform exercises, and ordinary learning was also connected with the practice of exercises. It was an inner practice and discipline that had to be undergone; though not in such a robust manner as the yogic practice of breathing, but rather a practice shifted more inward, yet still a practice. A legacy that is little understood today has been preserved in what was called the seven liberal arts in the Middle Ages, which anyone claiming a higher level of knowledge had to undergo. Grammar, which is the practical handling of language, was meant by this. Rhetoric, which meant not only the handling but the beautiful handling of language. Dialectic, the handling of language from the inner power of thought. And once one had mastered these three through inner practice as exercises, then came arithmetic—again, not our abstract arithmetic, but that arithmetic which became one with things, which had a clear awareness that human beings form everything inwardly. And so one learned geometry through inner practice. Geometry was made practically one’s own, woven entirely into the human being, made into a tool for human use. Then the whole process culminated in what was called astronomy. The human being integrated his being into the cosmos. They learned to recognize how their head relates to the cosmos, how their lungs and heart are a result of the cosmos. It was not an astronomy abstracted from the human being, but an astronomy in which the human being stood fully within it. And then, in the seventh stage—which was called music, though this is not today’s music, but a higher, living development of what had been more intellectually developed in astronomy—people came to know the weaving and surging of the divine being that interweaves and surges through the world. Thus, in a later era, humanity engaged in inner practice. What used to be breathing exercises was now more of an inner soul practice.
[ 30 ] Und wozu kam man? Man kam allmählich dazu im Laufe der menschlichen Zivilisationsgeschichte, den Gedanken in Absonderung zu haben von der Sinneswahrnehmung. Das mußte erst errungen werden. Die Griechen haben den Gedanken noch in der Welt gesehen, wie man Farben und Töne sieht. Daß der Gedanke von uns als etwas von uns Erzeugtes erfaßt wird, als etwas, was nicht darinnensteckt in den Dingen, daß das so empfunden wurde in der Seelenverfassung und daß es heute so empfunden werden kann, das ist ein Ergebnis des Übens in der Grammatik, Rhetorik und so weiter bis zur Musik. Dadurch wurde der Gedanke losgelöst von den Dingen. Man lernte frei im Gedanken sich bewegen. Dadurch wurde endlich dasjenige herbeigeführt, was uns nun wiederum selbstverständlich ist, was wir heute haben ohne diese Übungen, was wir heute vorfinden, wenn wir an unsere Schulen kommen, was geboten wird in den einzelnen Wissenschaften, wie es gestern geschildert wurde. Und gerade so, wie man in den früheren Zeitaltern durch Übungen hat vorwärtskommen sollen - in älteren Zeiten durch die Joga-Atmungsübungen, später durch die Übungen, die von der Grammatik bis zur Musik liefen, so daß man aus den Joga-Atmungsübungen als Selbstverständlichkeit bekam die griechisch-lateinische Weltauffassung und aus den Übungen, die auf dem Wege von der Grammatik bis zur Musik gingen, den heutigen Wissenschaftsstandpunkt -, so kann das wiederum fortgesetzt werden, und zwar am besten, wenn man von dem Sichersten ausgeht, von der Mathematik, die ja heute als das Sicherste anerkannt wird. Wahr ist es, so verwunderlich es auch jenem Schriftsteller war, als ich sagte: An der synthetischen Geometrie habe ich hauptsächlich mir zum Bewußtsein gebracht den Hellseherprozeß. Es ist natürlich nicht so, daß derjenige, der synthetische Geometrie studiert hat, ein Hellseher ist, aber veranschaulichen kann man den Prozeß auf diese Weise. So verwunderlich es diesem Schriftsteller war, nicht erzählt zu bekommen, nicht zu hören zu bekommen etwas, was von solchen Leuten, die wahrsagen, erzählt wird, so ist es doch so, daß von demjenigen, worauf heute die Wissenschaft fest steht, Anthroposophie ausgeht, um es weiterzuführen; um gerade dasjenige, was als sichere Wissenschaft vorliegt, von dieser Grundlage aus, die sie selbst gelegt hat, nun weiter in die Gebiete des Übersinnlichen hineinzuführen. Wir müssen daher den Prozeß noch weiter verinnerlichen. Und ein noch mehr verinnerlichter Prozeß ist dasjenige, was ich als den Weg in die heutige hellsichtige Forschung schildern mußte in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber gerade eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie angeführt habe, kann Ihnen zeigen, daß derjenige, der heute vollbewußt in der Anthroposophie drinnensteht, dieses Bewußtsein herholt aus einem Drinnenstehen im Gange der Menschheitsentwickelung; daß er nicht aus irgendeiner subjektiven Vorliebe oder Sympathie heraus behauptet: wir haben heute nötig, Übungen vorzunehmen, um fortzusetzen den Gang, der die Menschheit bis zum gegenwärtigen Standpunkte gebracht hat -, sondern daß er weiß, wie der Gang bis hierher war und wie er sich fortsetzen muß. Dieses historische Bewußtsein, dieses Bewußtsein vom Drinnenstehen im ganzen Menschheitsprozeß, das ist dasjenige, was dazukommt zu der Einsicht, die einem wird, wenn man innerlich, nicht äußerlich, den heutigen Wissenschaftsgeist in seine Seelenverfassung aufnimmt.
[ 30 ] And what was the result? In the course of human civilization, people gradually came to separate thought from sensory perception. This had to be achieved first. The Greeks still saw thought as part of the world, just as one sees colors and sounds. That thought is grasped by us as something we produce, as something that is not inherent in things—that this was perceived in the state of the soul and that it can be perceived this way today—is a result of practice in grammar, rhetoric, and so on, up to music. Through this, thought was detached from things. One learned to move freely in thought. This finally brought about what is now taken for granted by us, what we have today without these exercises, what we find today when we come to our schools, what is offered in the individual sciences, as was described yesterday. And just as one was supposed to make progress through exercises in earlier ages—in older times through yoga breathing exercises, later through exercises ranging from grammar to music— so that from the yoga breathing exercises one naturally acquired the Greek-Latin worldview, and from the exercises ranging from grammar to music, the modern scientific perspective—so this can be continued, and best of all by starting from the most certain foundation, from mathematics, which is indeed recognized today as the most certain. It is true, as surprising as it was to that writer when I said: It was through synthetic geometry that I primarily brought the clairvoyant process to my consciousness. It is, of course, not the case that anyone who has studied synthetic geometry is a clairvoyant, but the process can be illustrated in this way. As surprising as it was to this writer not to be told, not to hear anything that is recounted by such people who tell fortunes, it is nevertheless the case that anthroposophy proceeds from that upon which science is firmly established today, in order to carry it further; to take precisely that which exists as a certain science, from this foundation that it has laid itself, into the realms of the supersensible. We must therefore internalize the process even further. And an even more internalized process is what I had to describe as the path to modern clairvoyant research in my books *Esoteric Science* and *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. But precisely such a historical perspective as I have outlined can show you that the person who today stands fully conscious within anthroposophy derives this consciousness from a standing within the course of human development; that they do not assert, out of some subjective preference or sympathy, that we need to undertake exercises today to continue the course that has brought humanity to its present point—but rather that they know how the course has been up to now and how it must continue. This historical consciousness, this awareness of being immersed in the entire process of humanity, is what is added to the insight one gains when one takes in the spirit of modern science—not externally, but internally—into one’s soul.
[ 31 ] Dann darf wohl gesagt werden, die Anthroposophie weiß, was ihre Stellung in der heutigen Wissenschaft ist. Sie weiß es in einem absoluten Sinne, indem sie die Eigentümlichkeit der heutigen Wissenschaften kennt, indem sie jeden Dilettantismus und jedes Laientum ablehnt und von dem aus, was wahre Wissenschaft ist, weiterbaut. Sie kennt andererseits die historischen Notwendigkeiten. Sie weiß, wie der Weg der Menschheit von dem gegenwärtig Errungenen aus weitergehen muß, wenn wir nicht stillestehen wollen, wie auch alle unsere Vorfahren, da, wo sie Anteil hatten an der Zivilisationsentwickelung, vorwärts wollten. Wir müssen auch vorwärtsrücken. Aber wir müssen wissen, welche Schritte zu vollführen sind von dem gegenwärtigen Standpunkte des Wissenschaftsgeistes aus. Wie das sich im Einzelnen ausnimmt, werde ich zu schildern haben in den nächsten Tagen. Dann wird sich vielleicht leichter faßlich ausnehmen, was ich als Grundlegung heute geben mußte. Vielleicht hat sich aber doch zeigen können, das Anthroposophie schon aus wissenschaftlicher, wissenschaftsgleicher Gesinnung heraus weiß, was sie eigentlich will gegenüber der Gegenwart und der ganzen Menschheitsentwickelung und auch gegenüber den einzelnen Wissenschaften. Sie wird arbeiten, weil sie weiß, wie sie zu arbeiten hat. Vielleicht wird ihr Weg ein langwieriger sein. Wenn man aber auf der anderen Seite sieht, wie tief die Sehnsuchten in den unterbewußten Tiefen der Menschenseelen eigentlich nach jenen Höhen sind, die Anthroposophie erklimmen möchte, dann scheint es, als ob es zum Heile der Menschheit notwendig wäre, daß der Weg, den Anthroposophie zu gehen hat, nicht ein allzu langsamer sei. Aber es wird vielleicht weniger für Anthroposophie bedeutungsvoll sein als für den menschlichen Fortschritt, ob der Gang langsam oder schnell vor sich gehen wird. Wir reden davon, daß auf vielen Gebieten wir heute in einer schnell-lebigen Zeit darinnen sind. Möge dasjenige, was in der Erkenntnis des Übersinnlichen von der Menschheit erreicht werden will, so schnell-lebig erreicht werden, wie es für das Heil der Menschheit notwendig ist.
[ 31 ] Then it may well be said that anthroposophy knows what its place is in today’s science. It knows this in an absolute sense, in that it understands the peculiar nature of today’s sciences, in that it rejects all dilettantism and all amateurism, and builds on what true science is. On the other hand, it recognizes historical necessities. It knows how humanity’s path must continue from what has been achieved so far, if we do not wish to stand still, just as all our ancestors, wherever they participated in the development of civilization, sought to move forward. We must also move forward. But we must know what steps to take from the current standpoint of the scientific spirit. How this looks in detail, I will have to describe in the coming days. Then what I had to present today as a foundation may perhaps become easier to grasp. Perhaps, however, it has become evident that anthroposophy, already from a scientific and science-like mindset, knows what it actually wants in relation to the present and the entire development of humanity, as well as in relation to the individual sciences. It will work because it knows how it must work. Perhaps its path will be a long one. But when one considers, on the other hand, how deeply the longings in the subconscious depths of the human soul actually reach toward those heights that anthroposophy seeks to ascend, then it seems as though it would be necessary for the good of humanity that the path anthroposophy must take not be too slow. But whether the progress is slow or fast may be less significant for anthroposophy than for human progress. We speak of how, in many areas, we are living in a fast-paced age today. May that which humanity seeks to achieve in the knowledge of the supersensible be attained as swiftly as is necessary for the salvation of humanity.
