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The Rudolf Steiner Archive

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Damit der Mensch ganz Mensch werde
GA 82

8 April 1922, The Hague

2. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften

[ 1 ] Wenn Anthroposophie sich verbreitet über diejenigen Lebensgebiete, auf denen die Menschen gewöhnlich ihre religiösen, vielleicht auch ihre moralischen Impulse suchen, dann gibt es ja heute doch schon sehr viele Menschen, welche wenigstens einen gewissen Zug zu solch einer geistigen Strömung haben, wie es diese Anthroposophie ist. Es ist ja schon einmal so, daß der Geist der neueren Menschheit - ich habe mir gestern erlaubt, ihn den «Wissenschaftsgeist» zu nennen - in vieler Beziehung die alten, traditionellen Bekenntnisse in den Menschenseelen erschüttert hat und daß, wenn auch sehr viele gerade der anthroposophischen Richtung mit gewissem Zweifelsinn entgegenkommen, es doch schon in der Gegenwart sehr viele Seelen gibt, die mindestens für ein solches Suchen eine Neigung haben. Allein man darf schon sagen, in gewisser Beziehung schlimm wird die Sache für die Anthroposophie dann, wenn sie sich begeben will auf die Gebiete der verschiedenen Wissenschaften. Das soll ja insbesondere innerhalb dieses Kursus hier geschehen, und mir wird ja obliegen, mehr die allgemeinen, umfassenderen Prinzipien und Forschungsresultate hier zu vertreten, währenddem die anderen Vortragenden auf die speziellen Wissenschaftsgebiete eingehen. Aber gerade bei einer solchen Veranstaltung müssen ja alle - ich meine es mehr theoretisch als etwa moralisch — Antipathien, welche gerade von wissenschaftlicher Seite her gegen Anthroposophie kommen, sich geltend machen. Und ich kann Sie nur versichern, daß derjenige, der drinnensteht im anthroposophischen Forschen, ein volles Verständnis der Tatsache entgegenbringt, daß es eben heute einfach für eine Persönlichkeit, die im gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebe drinnensteht, noch außerordentlich schwierig ist, den Übergang zu finden aus der heute üblichen Wissenschaftlichkeit heraus in die Anthroposophie hinein. Und so kommt es, daß, obwohl ja Anthroposophie gewiß manches zu berichtigen hat, was den gegenwärtigen Bestand der wissenschaftlichen Forschung ausmacht, obwohl sie insbesondere, wenn man mehr in die organischen und geistigen Gebiete hinaufkommt, sehr vieles hinzuzugeben hat zu demjenigen, was dieser gegenwärtigen Forschung vorliegt, daß doch diese Anthroposophie eigentlich von sich aus in keinen Widerspruch kommt mit der gebräuchlichen Wissenschaft. Sie nimmt deren berechtigte Resultate hin und verfährt mit ihnen so, wie ich es eben charakterisiert habe. Das Umgekehrte findet allerdings nicht statt, und, wie gesagt, in begreiflicher Weise heute noch nicht. Anthroposophie wird zurückgewiesen. Ihre Ergebnisse werden als etwas angesehen, das den streng wissenschaftlichen Kriterien, die man heute zu stellen sich befugt hält, nicht genüge.

[ 2 ] Es ist ja selbstverständlich, daß ich nicht in der Lage sein werde, in einem kurzen Vortrage auf alles dasjenige einzugehen, was von seiten der Anthroposophie selbst zu einer tüchtigen Begründung ihrer Ergebnisse dienen kann. Aber ich möchte doch in diesem heutigen Vortrage versuchen, die Stellung der Anthroposophie innerhalb der Wissenschaftsgebiete so zu charakterisieren, daß man aus dieser Charakteristik wird entnehmen können, wie es dieser Anthroposophie mit ihren Grundlegungen ebenso ernst ist wie nur irgendeiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und exakten Methodik in der Gegenwart überhaupt. Dazu wird allerdings notwendig sein, daß ich Sie heute noch werde quälen müssen mit etwas entlegeneren Auseinandersetzungen, mit Dingen, die man im gewöhnlichen Leben vielleicht schwierig nennt, die aber doch eine gewisse Grundlage schon einmal abgeben müssen für dasjenige, was ich allerdings vielleicht in leichterer und gefälligerer Form in den nächsten Tagen werde darzubieten haben.

[ 3 ] Man ist ja heute noch vielfach der Ansicht, daß Anthroposophie irgendwie ihren Ausgangspunkt nimmt von jener nebulosen Seelenverfassung, wie man sie in echt mystischen oder okkultistischen Richtungen der Gegenwart findet. Man irrt sich vollständig, wenn man der Anthroposophie eine solche wirklich sehr fragwürdige Grundlegung zuschreibt. Und eigentlich kann das nur derjenige tun, der diese Anthroposophie entweder nur oberflächlich oder gar nur von Seiten der Gegner aus kennt. Dasjenige, was zunächst die Grundorientierung des anthroposophischen Bewußtseins ist, das ist ja durchaus nicht nur in dem Sinne, wie ich das gestern schon charakterisiert habe, sondern in einem noch viel exakteren Sinne hergenommen von derjenigen Wissenschaftsrichtung der Gegenwart, welche eigentlich am allerwenigsten in ihrem wissenschaftlichen Charakter und ihrer Tragweite angefochten wird. Allerdings wird vielfach weder bei den Anhängern noch bei den Gegnern der Anthroposophie gerade das in der richtigen Weise angesehen, was ich jetzt einleitend werde zu charakterisieren haben.

[ 4 ] Es ist Ihnen ja schon gesprochen worden von der Stellung des Mathematischen in den Wissenschaften. Und weltbekannt, möchte man sagen, ist ja der Kantische Ausspruch, daß in jeglicher Wissenschaft eigentlich nur so viel wahres Wissen, wahre Erkenntnis zu finden sei, als in ihr Mathematik vorhanden ist. Nun, mit der speziellen Mathematik, mit demjenigen, was die Mathematik der Menschheit und der Wissenschaft überhaupt sein kann, habe ich es hier nicht zu tun, wohl aber mit der Seelenverfassung, in welche ein Mensch sich versetzt, der, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, mathematisiert, der in der Tätigkeit des Mathematik-Bildens darinnen lebt. Wir befinden uns ja eben in einer ganz speziellen Seelenverfassung, wenn wir Mathematik betreiben. Diese Seelenverfassung, sie kann vielleicht am besten dadurch charakterisiert werden, daß ich zunächst auf denjenigen Teil der Mathematik zu sprechen komme, welcher gewöhnlich Geometrie genannt wird, und der es ja, wenigstens in denjenigen Teilen dieser Wissenschaft, die der Mehrzahl der Menschen bekannt sind, zu tun hat mit einer Raumeslehre, mit der Behandlung des Raumes.

[ 5 ] Wir sprechen im Leben von dem dreidimensionalen Raum, und wir machen uns die Vorstellung, daß dieser dreidimensionale Raum so konstituiert ist, daß seine drei Dimensionen, wie man sagt, aufeinander senkrecht stehen. Dasjenige, was wir da im Seelenauge haben als Raum, das ist etwas, was uns zunächst ganz unabhängig vom Menschen und von der übrigen Welt vor dem geistigen Auge steht. Daß es zunächst vor den Augen des Menschen unabhängig von diesem Menschen selbst steht, das geht uns daraus hervor, daß der Mensch sich nach den Bestimmungen des Raumes als Wesen, als Individuum selber bestimmt. Er kann durchaus sagen, er sei so und so weit entfernt von irgendeinem Punkt, den er in Aussicht nimmt. Also gliedert er sich selbst in den Raum ein. Er gliedert sich wohl auch in den Weltenraum ein dadurch, daß er sich als Erdenwesen betrachtet und sich nun hineinstellt in bestimmte Sternenabstände und dergleichen. Kurz, den Raum betrachtet der Mensch zunächst als etwas Objektives, als etwas, was mit seinem Eigenwesen nichts zu tun hat. Das hat ja gerade dazu geführt, daß Kant davon gesprochen hat, der Raum sei eine Anschauung a priori, eine Anschauung, die gewissermaßen dem Menschen von vornherein gegeben ist. Er hat keine Möglichkeit, zu fragen, wodurch er diesen Raum habe. Er hat ihn einfach hinzunehmen als etwas Fertiges, in das er sich hineinzufinden hat, wenn er zum Vollbewußtsein seines Erdendaseins gekommen ist.

[ 6 ] So ist aber die Sache in Wirklichkeit nicht. Wir bilden als Menschen in Wahrheit den Raum doch aus unserer eigenen Wesenheit heraus. Wir verfolgen diese Bildung des Raumes, oder besser gesagt, der Raumvorstellung, der Raumanschauung nur nicht mit dem Bewußtsein, weil sie sich hineinstellt in ein Lebensalter des Menschen, in dem er noch nicht in der Weise über sich selbst und über seine eigenen Tätigkeiten nachdenkt, wie das der Fall sein müßte, wenn er sich vollständig über die Wesenheit des Raumes in bezug auf sein Eigenwesen aufklären sollte. Wir würden nämlich keine solche Raumanschauung haben, wie wir sie haben, wenn wir nicht die drei Dimensionen des Raumes erst innerhalb unseres Erdendaseins erleben würden. Wir erleben sie. Wir erleben die eine Dimension, indem wir uns von der Ohnmacht, als menschliches Wesen nach unserer Geburt aufrecht zu gehen, in diese eine, senkrechte Dimension hineinversetzen. Wir lernen einfach aus der Art, wie wir selber die eine Dimension bilden, das Vorhandensein dieser Dimension kennen. Und wir lernen nicht eine beliebige Dimension kennen aus unserer Menschenwesenheit heraus, die einfach auf den zwei anderen Dimensionen senkrecht steht, sondern wir lernen diese ganz bestimmte, auf der Oberfläche der Erde sozusagen senkrechtstehende Raumesdimension dadurch kennen, daß wir als Menschenwesen nicht gleich aufrecht geboren werden, sondern daß es zu den Bildegesetzen unseres Erdenlebens gehört, daß wir uns in diese vertikale Dimension erst hineinbringen.

[ 7 ] Eine zweite Dimension lernen wir kennen ebenso in einer unbewußten Art. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß der Mensch - jetzt will ich weniger dasjenige, was sich auf das Äußere bezieht, als mehr dasjenige, was sich auf das Innerliche bezieht, erwähnen -, indem er ausbildet die einzelnen Fähigkeiten, die im späteren Leben ihm dienen, daß er eine Orientierung von links nach rechts, von rechts nach links vornimmt. Man braucht nur daran zu denken, wie wir in einer gewissen Partie unseres Gehirns die Sprachorganisation haben, die sogenannten Brocaschen Sprachwindungen, und wie die andere Seite unseres Gehirns eine solche Organisation nicht hat. Man weiß heute ja auch durchaus durch anerkannte Wissenschaft, wie die Ausbildung dieser Sprachorganisation im linken Teil der menschlichen Gesamtorganisation zusammenhängt mit der zunächst aktiv auftretenden Beweglichkeit der rechten Hand. Man weiß also, daß da eine Orientierung von rechts nach links sich vollzieht. Diese Orientierung von rechts nach links, dieses Tätigkeiterregen links durch Tätigkeit rechts, oder umgekehrt, das ist etwas, was wir innerhalb unserer Bildungsgesetze geradeso erleben wie das Aufrichten. Und in diesem Zusammenorientieren des symmetrischen Rechts und Links erleben wir als Mensch zunächst die zweite Raumesdimension.

[ 8 ] Die dritte Raumesdimension erleben wir eigentlich niemals ganz vollständig. Wir visieren ja abschätzend eigentlich erst die sogenannte Tiefendimension. Die vollziehen wir fortwährend, obwohl das Vollziehen auch im Grunde stark im Unterbewußten liegt. Wenn wir unsere beiden Augenachsen kreuzen an einem Punkte, den wir in beide Augen fassen, so dehnen wir den Raum, der sonst für uns nur zwei Dimensionen hätte, in die dritte hinaus. Und bei allem Beurteilen, Abschätzen der Raumestiefe bilden wir eigentlich unbewußt aus unserem eigenen Wesen, unseren eigenen Bildungsgesetzen heraus erst die dritte Dimension. So lösen wir, könnte man sagen, in einer gewissen Weise aus unserem eigenen Leben heraus die drei Raumesdimensionen. Und dasjenige, was wir dann als den Raum auffassen, den wir in der Geometrie, in der euklidischen Geometrie zunächst, verwenden, ist nichts anderes als eine Abstraktion desjenigen, was wir konkret an unserem eigenen Organismus als die wirklichen drei Dimensionen, die mit unserem subjektiven Menschenwesen zusammenhängen, allmählich erkennen lernen. Wir lassen in der Abstraktion die ganz bestimmte Konfiguration des Raumes weg. Die bestimmte Senkrechte, die bestimmte Waagerechte, die bestimmte Tiefendimension, die werden einander gleichgültig. Solche Vorgänge finden ja immer bei der Abstraktion statt. Und dann, wenn wir aus dem in uns erlebten dreidimensionalen Raum durch Abstraktion den äußeren Raum, von dem wir in der Geometrie sprechen, gebildet haben, dann dehnen wir eigentlich unser Bewußstsein nur über diesen äußeren Raum aus.

[ 9 ] Aber nun kommt das Bedeutsame: Dasjenige, was wir erst aus uns selbst heraus gewonnen haben, das ist jetzt anwendbar auf die äußere Natur, zunächst in ihren unorganischen, ihren leblosen Bildungen, aber auch auf die verschiedenen Lageverhältnisse und Bewegungsverhältnisse der organischen Bildungen. Das ist, kurz gesagt, für unsere Außenwelt so maßgebend, daß wir, indem wir diesen Übergang, diese Metamorphose des Raumes von einem Gebiet, das eigentlich nur in uns lebt, zu dem, was wir gewöhnlich Raum nennen, vollzogen haben, da nun ganz mit unseren Raumesvorstellungen, unseren Raumerlebnissen in der Außenwelt drinnenstehen und uns selbst zurück nach Raumdimensionen, Raumabmessun‘gen in bezug auf unseren Standort und unsere Bewegung bestimmen können. Wir gehen tatsächlich, indem wir den Raum in dieser Weise bilden, aus uns heraus. Dasjenige, was wir erst in uns selber erlebt haben, das tragen wir indie Welt außerhalb unseres Leibes heraus, und wir stellen uns dann auf einen Gesichtspunkt, von dem aus wir dann auf uns selber, mit dem Raume erfüllt, zurückblicken. Und indem wir so den Raum erst verobjektiviert haben, können wir jetzt eben mit den Vorstellungen, die wir geometrisch innerhalb des Raumes bilden, die äußeren Bewegungs- und Lageverhältnisse der Dinge so studieren, daß wir wirklich empfinden: wir stehen auf sicherem wissenschaftlichen Gebiete, wenn wir mit dem so erst aus uns selbst heraus Gebildeten nun in die Dinge untertauchen. Es kann uns eigentlich aus den Verhältnissen heraus niemals ein Zweifel darüber kommen, daß wir mit dem so aus uns Herausgekommenen zu gleicher Zeit in den Dingen drinnen leben können. Wenn wir den Abstand oder den wechselnden Abstand zweier Körper in der Außenwelt nach Raumesverhältnissen beurteilen, so kommt uns gar nicht in den Sinn, daß das anders sein könnte, als daß wir etwas völlig Objektives feststellen, in das die Subjektivität nicht hereinspricht.

[ 10 ] Nun aber liegt hier im Grunde genommen ein wichtiges Problem vor, das Problem, daß etwas, was wir in uns selber subjektiv erlebt haben, indem wir es verwandeln, beim Raume einfach durch eine Art Abstraktionsvorgang verwandeln, dann ein die Außenwelt gewissermaßen Durchdringendes wird, als ein der Außenwelt Angehöriges erscheint. Wer sich unbefangen überlegt, was da eigentlich vorliegt, der muß sich sagen: Indem so etwas vollzogen wird wie das subjektive Raumeserlebnis in seinen drei Dimensionen und die nachherige Objektivierung desselben, steht eben der Mensch in der objektiven Außenwelt drinnen mit dem, was er selber erlebt. Unsere subjektiven Erlebnisse, indem sie Raumeserlebnisse sind, sind zugleich objektive Erlebnisse. Und schließlich ist es ja gar nicht schwierig, sondern im Grunde genommen trivial und elementar, diese Sache einzusehen. Denn indem wir uns selbst bewegend durch den Raum gehen, vollziehen wir allerdings etwas, was ein subjektiver Vorgang ist, aber er ist zu gleicher Zeit ein objektiver Vorgang, etwas, was in der Welt geschieht. Ob wir einen Automaten sich vorwärtsbewegen sehen oder einen Menschen, es kommt die Subjektivität nicht in Betracht. Für die äußere Weltkonstellation ist dasjenige, was sich vollzieht, indem der Mensch räumlich lebt, ganz objektiv.

[ 11 ] Nun aber, wenn man ins Auge faßt, wie da der Mensch etwas aus dem subjektiven Erlebnis heraus objektiviert, so daß er dann, indem er mit seinem eigenen Selbst den Raum durchmißt, sich in einem Objektiven bewegt denn er trägt ja eigentlich, indem er den Raum verobjektiviert hat, diesen Raum auch in sich —, wenn man das ins Auge faßt, was da als in der Zeit verlaufende Seelenverfassung eigentlich vorliegt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch dasselbe, was er da mit Bezug auf das Mathematisieren ausführen kann, auch ausführen könnte mit Bezug auf andere Erlebnisse, dann würde er ja gewissermaßen die mathematisierende Seelenverfassung in andere Erlebnisse hereintragen können. Nehmen wir einmal an, wir kämen dazu, nicht nur während unseres unbewußten Lebensganges - denn Aufrechtstehen- und Gehenlernen, Links und Rechts Zusammenorientieren gehören ja durchaus dem unbewußt verlaufenden Lebensgange an, und die Art und Weise, wie wir die Tiefendimension des Raumes ermessen, gehört dem halb unbewußt bleibenden Leben an -, sondern bewußt die subjektiven Erlebnisse so umzugestalten, daß wir dann mit dem umgestalteten Erlebnis außer uns stehend auf uns selbst zurückschauen könnten. Wenn wir nun ebenso, wie wir das Raumeserlebnis aus uns heraus schaffen und bilden, so daß wir, wenn wir einen Salzwürfel ansehen, wir ja die Gestalt des Würfels aus unserer Geometrie mitbringen und wissen, daß eine vollständige Identifizierung der Gestalt des objektiven Salzwürfels mit dem, was wir in der Raumesvorstellung gebildet haben, stattfindet - wenn wir ebenso anderes bilden könnten, wenn wir das zum Beispiel könnten mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen, mit Bezug darauf, wie wir die Sinnesqualitäten empfinden, die Farben, Töne und so weiter, und dann gegenübertreten würden den äußeren Gegenständen, dann würden wir in der gleichen Weise dasjenige, was wir erst in uns ausbilden, gewissermaßen herauswerfen in die Welt, uns damit außerhalb unseres Leibes versetzen und sogar auf uns zurückschauen können. Bei der Mathematik - ich habe das geometrische Bild angeführt, ich könnte auch anderes anführen - ist das zwar vollzogen worden, aber man achtet nicht darauf. Weder die Mathematiker noch die Philosophen haben dieses eigentümliche Verhältnis ins Auge gefaßt, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe.

[ 12 ] Mit Bezug auf die Sinneswahrnehmungen ist man aber in eine wahre wissenschaftliche Verwirrung gekommen. Die Menschen meinen vielfach — die Physiologen haben sich in dieser Beziehung sogar den Erkenntnistheoretikern und Philosophen im 19. Jahrhundert angeschlossen -, wenn wir zum Beispiel Rot sehen, so ist der äußere Vorgang irgendein Schwingungsvorgang, der sich fortpflanzt bis zu unserem Sehorgan, bis zum Gehirn. Dann wird ausgelöst das eigentliche Rot-Erlebnis. Oder es wird durch den äußeren Schwingungsvorgang ausgelöst der Ton Cis auf dieselbe Weise. Hier ist man in Verwirrung geraten, weil man dasjenige, was in uns, in unserer Körperbegrenzung lebt, gar nicht mehr von dem Äußeren unterscheiden kann. Hier spricht man durchaus davon, daß alle Sinnesqualitäten, Farben, Töne, Wärmequalitäten, eigentlich nur subjektiv seien; daß das äußere Objektive etwas ganz anderes sei.

[ 13 ] Wenn wir nun geradeso, wie wir die drei Raumesdimensionen zunächst aus uns heraus bilden, um sie an und in den Dingen wieder zu finden, wenn wir ebenso dasjenige, was in uns sonst als Sinnesempfindung auftritt, aus uns selbst schöpfen und dann außer uns versetzen könnten, dann würden wir das erst in uns Gefundene in den Dingen ebenso finden, ja, auf uns zurückschauend, es wiederfinden, wie wir das als Raum in uns Erlebte in der Außenwelt finden und auf uns zurückschauend, uns selbst diesem Raume angehörend finden. Wir würden, wie wir die Raumeswelt um uns haben, eine Welt von ineinanderfließenden Farben und Tönen um uns haben. Wir würden sprechen von einer objektivierten farbigen, tönenden Welt, einer flutenden, farbigen, tönenden Welt, so wie wir von dem Raume um uns herum sprechen.

[ 14 ] Das kann der Mensch aber durchaus erreichen, daß er diese Welt, die sonst für ihn nur vorliegt als die Welt der Wirkungen, kennenlernt als die Welt seiner eigenen Bildung. Wie wir unbewußt, einfach aus unserer menschlichen Natur heraus, uns die Raumesgestalt ausbilden, um sie dann in der Welt wiederzufinden, indem wir sie erst metamorphosiert haben, so kann der Mensch durch gewisse Übung - das muß er jetzt bewußt ausführen — dazu kommen, aus sich heraus den gesamten Umfang der Qualitäten enthaltenden Welt zu finden, um sie dann wiederzufinden in den Dingen, wiederzufinden zurückschauend auf sich selbst.

[ 15 ] Was ich Ihnen hier schildere, das ist das Aufsteigen zu der sogenannten imaginativen Anschauung. Dasjenige, was wir als Raumeswelt haben, das hat heute jeder Mensch, der nicht geradezu abnorm-mathematisch oder unmathematisch veranlagt ist. Dasjenige, was in gleicher Weise im Menschen leben kann, und so leben kann, daß er damit zugleich die Welt miterlebt, das kann durch Übungen im Menschen heranerzogen werden. Zu der gewöhnlichen gegenständlichen Anschauung der Dinge, in der uns die Mathematik ein sicherer Führer ist, kann die imaginative Anschauung - es ist nur ein technischer Ausdruck und bedeutet nicht «Einbildung» und «Imagination» im gewöhnlichen Sinne - hinzukommen und ein neues Weltgebiet eröffnen. Ich sagte schon gestern, daß ich noch eine besondere Übungs- und Forschungsmethode werde auseinanderzusetzen haben. Ich werde Ihnen dann zu schildern haben, was man zu machen hat, um zu einer solchen imaginativen Anschauung zu kommen, wo wir gewissermaßen ebenso, wie wir beim Raume, der allerdings zunächst keine uns im höheren Sinne interessierende Wirklichkeit enthält, dazu kommen, ihn als Gesamtanschauung zu haben, nun auch eine Gesamtanschauung des Qualitativen in der Welt haben. Dann aber, wenn wir in dieser Weise uns der Welt gegenüberstellen können, sind wir schon drinnen im übersinnlichen Schauen, auf der ersten Stufe des übersinnlichen Schauens. Das sinnliche Schauen, das ist zu vergleichen mit demjenigen Anschauen der Dinge, wo wir nicht an den Dingen Dreiecke und Vierecke unterscheiden, wo wir nicht geometrische Strukturen in den Dingen sehen, sondern einfach hinstarren auf die Dinge und ihre Formen nur äußerlich nehmen. Dasjenige Anschauen aber, das in der Imagination auftritt, ist ein solches Verwobensein mit dem inneren Wesen der Dinge, wie das mathematische Anschauen ein Verwobensein mit denjenigen Weltverhältnissen ist, die eben durchaus der Mathematik zugänglich sind.

[ 16 ] Wer mit der richtigen Gesinnung an Mathematik sich heranbegibt, der wird dazu kommen, gerade in dem Verhalten des Menschen im Mathematisieren das Musterbild zu sehen für alles dasjenige, was dann erreicht werden soll für eine höhere, eine übersinnliche Anschauung. Denn die Mathematik ist einfach die erste Stufe übersinnlicher Anschauung. Dasjenige, was wir als mathematische Strukturen des Raumes schauen, ist übersinnliche Anschauung. Wir geben es nur nicht zu, weil wir gewöhnt sind es hinzunehmen. Derjenige aber, der die eigentliche Natur dieses Mathematisierens kennt, der weiß, daß es zwar zunächst eine uns nicht sonderlich für unsere ewige Menschennatur interessierende Wissenschaft ist, was wir da mit der Raumesstruktur gegeben haben, daß es aber durchaus den Charakter alles dessen vollständig trägt, was man im anthroposophischen Sinne jetzt ohne nebulose Mystik, ohne verworrenen Okkultismus, sondern einfach mit dem Ziele, in die übersinnlichen Welten auf exakt-wissenschaftliche Weise hinaufzusteigen -, was man im wahren Sinne des Wortes vom Hellsehen verlangen kann.

[ 17 ] Was Hellsehen auf höherem Gebiete ist, studieren kann es jeder Mensch am Mathematisieren. Und am meisten wundern könnte man sich darüber, daß gerade Mathematiker, die den Prozeß kennen sollten, der im Menschen vorgeht, wenn man mathematisiert, daß die nicht eigentlich ein tieferes Verständnis demjenigen entgegenbringen, was als ein höheres, qualitatives Mathematisieren in der hellsichtigen Forschung, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf, aufzutreten hat. Denn dasjenige, was die erste Stufe dieser Forschung ist, die imaginative Erkenntnis, es ist nichts anderes als ein durch Übungen erlangtes Hineinschauen in noch andere Gebiete des Daseins, als das Mathematisieren es gestattet. Aber allerdings, es ändert sich so manches mit Bezug auf das menschliche Anschauen, wenn man diese ganze innere Natur des Mathematisierens einmal in wahrhaftiger menschlicher Selbsterkenntnis überschaut. Da kommt man nämlich zum Beispiel zu folgendem: Indem man darauf zurückblickt, wie man in der ersten Kindheit durch das Aufrechtgehen und Aufrechtstehen, durch das Orientieren von Links und Rechts, durch das Bestimmen der Tiefendimension zur Raumesstruktur gekommen ist, indem man daran anknüpft und den sonst nur abstrakt angeschauten Raum der Geometrie aus dem inneren menschlichen Erleben kennenlernt, da lernt man auch erkennen, welche verhängnisvollen Folgen eintreten, wenn man nicht zurückblicken kann auf dieses lebendige Hervorgehen des Raumes, der Vorstellung und der Anschauung des Raumes aus der Menschenwesenheit, sondern einfach den Raum schon in metamorphosierter Gestalt, unabhängig vom Menschen hinnimmt. Da ist man ja in der neueren Zeit dazu gekommen, diesen Raum in seinen drei Dimensionen so zu betrachten, daß man rein mathematisch zu einer vierten und zu weiteren Dimensionen übergegangen ist. Die mehrdimensionalen Räume und die Geometrien, die sich auf sie beziehen, sind ja heute etwas, was auch schon in weiteren Kreisen bekannt geworden ist. Aber für denjenigen, der nun die lebendige Gestaltung des Raumes einmal kennengelernt hat, ist es zwar außerordentlich interessant, so etwas zu verfolgen wie das Fortsetzen der Rechnungs- und Funktionsoperationen, die man für den dreidimensionalen Raum vornimmt, indem man gewisse Dinge erweitert, so daß man dann die nicht mehr anschaubare vierte Dimension bekommt und so weiter - diese Dinge sind mathematisch-logisch nicht nur interessant, sondern auch vollständig richtig -, aber für denjenigen, der eben so die Entstehung der Raumanschauung kennt, wie ich es beschrieben habe, für den liegt hier etwas ganz Besonderes vor. Wir können nämlich zum Beispiel, wenn ich diesen Vergleich gebrauchen darf, ein Pendel haben und das Pendel ausschlagen sehen. Wir können rein äußerlich dieses Ausschlagen des Pendels ansehen, und uns nun denken, das Pendel ginge im Ausschlagen immer weiter und weiter. Es tut es aber nicht. Wenn es an einem bestimmten Punkt angekommen ist, geht es wieder zurück nach der entgegengesetzten Seite. Wenn wir die Kraftverhältnisse kennen, die in dem Pendel leben, dann wissen wir, daß das Pendel eben oszilliert, daß es nicht einfach weitergehen kann wegen der in ihm liegenden Kraftverhältnisse.

[ 18 ] Gewissermaßen solche Kraftverhältnisse lernt man erkennen in der eigenen menschlichen Seelenverfassung in bezug auf den Raum. Dann wird die Sache anders. Dann macht man gewiß logisch-mathematisch dasjenige mit, was den Übergang bildet aus den Rechnungsoperationen im dreidimensionalen zum vierdimensionalen Raum, nur merkt man: es geht nicht weiter. Es geht nicht in ein unbestimmtes Viertes hinein, sondern man muß von einem gewissen Punkte an umkehren, und die vierte Dimension wird nämlich einfach die dritte Dimension mit negativem Vorzeichen. Man kommt wiederum durch die dritte Dimension zurück. Das ist der Fehler, der in den mehrdimensionalen Geometrien gemacht wird. Da wird einfach abstrakt weitergelaufen von der zweiten in die dritte, von der dritten in die vierte Dimension hinein und so weiter. Aber dasjenige, was da vorliegt, ist, wenn ich mich jetzt vergleichsweise so ausdrücken darf, nicht einfach fortlaufend, sondern oszillierend. Die Raumanschauung muß wiederum in sich zurückkehren. Wir vernichten, indem wir die dritte Dimension negativ nehmen, diese dritte Dimension in Wahrheit. Die vierte Dimension ist die negative dritte und vernichtet die dritte, macht den Raum eigentlich zweidimensional. Und ebenso können wir einen Vorgang finden für die fünfte und sechste Dimension, der durchaus in sich wirklich ist, obwohl das logisch-mathematisch, algebraisch einfach fortlaufend ist. Wir müssen, wenn wir der Wirklichkeit gemäß vorstellen, in den Raum, der uns einfach vorliegt, mit der vierten, fünften, sechsten Dimension wiederum zurückkommen, und bei der sechsten haben wir einfach den Raum aufgehoben. Wir sind beim Punkt angekommen.

[ 19 ] Was liegt da eigentlich in der Zeitkultur vor? Es liegt das vor, daß diese Zeitkultur abstrakt geworden ist in bezug auf das Denken, daß man den Lauf, den man mit dem Denken genommen hat von der Planimetrie zur Stereometrie einfach fortsetzt, während die Wirklichkeit mit der vierten Dimension wieder zurückführt in den Raum. Aber indem wir jetzt zurückkehren, sind wir keineswegs in derselben Lage, in der wir waren, als wir in die dritte Dimension hinausgekommen sind mit dem Visieren, sondern indem wir zurückkehren, sind wir geistbeladen. Finden wir die Möglichkeit, die vierte Dimension so zu denken, daß wir mit ihr wiederum, indem sie die negative dritte ist, in den Raum zurückkehren, dann wird der Raum geisterfüllt, während der dreidimensionale Raum materieerfüllt ist. Und mit immer höheren Geistgebilden finden wir den Raum erfüllt, wenn wir entlang der negativen dritten und zweiten und ersten Dimension gehen bis zu dem Punkt, wo wir keine Raumesausdehnung mehr haben, aber vollständig im Ausdehnungslosen, im Geistigen dann drinnenstehen.

[ 20 ] Was ich Ihnen schildere, ist nicht formale Mathematik, ist Wirklichkeit der geistigen Anschauung, ist dasjenige, was zeigt, wie ein geistgemäßer Weg in Wirklichkeit verläuft, im Gegensatz zu demjenigen Weg, der sich so sehr nur an die materiellen Erscheinungen gewöhnt hat, daß er selbst mit dem, was natürlich nicht mehr materiell in der Seelenverfassung wirkt, mit der Mathematik, indem er mit dem weiterläuft, in eine unwahrnehmbare Welt hineinkommt, in der er höchstens noch rechnen oder imaginäre mathematische Gebilde ausbilden kann.

[ 21 ] Hier sehen Sie, daß ein völliges Einleben in das Mathematische durchaus dahin führt, daß man die innere Natur des Geistigen als welterfüllend in sich schon durch Mathematik aufnimmt. Das richtige Durchschauen der mathematischen Seelenverfassung führt uns direkt hinein in den Begriff des hellsichtigen Erfahrens, Erlebens. Und dann steigen wir auf zu der Imagination, um in der Weise, wie es noch geschildert werden soll, mit ihr nun wirklich das Geistige zu überschauen, das dann nicht in der gewöhnlichen, aber in der von mir hier gekennzeichneten Art geschaut werden kann, wenn wir aus der dritten in die vierte Dimension übergehen und so weiter, bis zum dimensionslosen Gebiet, dem Punkt, der geistig uns zum Höchsten führt, wenn wir ihn erst, nicht als leeren Punkt, sondern als erfüllten Punkt erreicht haben.

[ 22 ] Ich wurde einmal — es machte einen bedeutenden Eindruck auf mich - mit sonderbaren Augen angeschaut, als ein älterer Schriftsteller, der viel über geistige Dinge geschrieben hat, mich zum ersten Mal sah und frug: Wie ist Ihnen denn am ersten bewußt geworden dieser Unterschied zwischen dem Schauen der Sinneswelt und dem Schauen der übersinnlichen Welt? - Da sagte ich, weil ich am liebsten in solchen Dingen mich radikal ehrlich ausspreche: In dem Moment, wo ich den inneren Sinn der sogenannten neueren oder synthetischen Geometrie kennengelernt habe. — Also, wenn man von der analytischen zur synthetischen Geometrie übergeht, welche einem gestattet, nicht nur äußerlich an die Gebilde heranzukommen, sondern die Gebilde in ihren gegenseitigen Beziehungen zu erfassen, die also von Gebilden ausgeht, und nicht von äußeren Koordinaten, bekommt man die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen. Wenn wir aber nur Raumes-Koordinaten konstruieren, haben wir nicht das Gebilde erfaßt, sondern nur die Enden der Koordinaten, und dann verbinden wir diese Enden und bekommen die Linien. Aber an das Gebilde kommen wir eigentlich mit der analytischen Geometrie nicht heran, während wir mit der synthetischen Geometrie in den Gebilden darinnen leben. Da bekommen wir die Anregung, jene Seelenverfassung zu studieren, die dann, weiter ausgebildet, dazu führt, in die übersinnliche Welt einzudringen.

[ 23 ] Damit habe ich charakterisiert, inwiefern Anthroposophie durchaus damit rechnen kann, in ebenso strenger Weise von dem Mathematisieren auszugehen, wie, nur von einem anderen Gesichtspunkte, die heutige Naturwissenschaft davon ausgehen kann. Diese Naturwissenschaft verwendet die fertige Mathematik. Derjenige, der begreifen will den hellsichtigen Prozeß, muß ihn da aufsuchen, wo er am primitivsten vorhanden ist: im Gestalten des Mathematischen. Kann er ihn dann hinauftragen in höhere Gebiete, dann bildet er etwas aus, was sich zum Elementaren, Primitiven des Mathematisierens so verhält, wie die späteren mathematischen Gebiete sich zu den Axiomen verhalten. Die ersten Axiome des Hellsehens sind lebendig. Und gelingt es uns, das Mathematisieren durch Übungen auszubilden, so werden wir nicht nur räumliche Verhältnisse in der Umwelt sehen, sondern wir lernen Geistwesen, bis zur geistigen Innerlichkeit vor uns sich offenbarende Geistwesen, kennen, wie wir die innere Würfelnatur des Steinsalzes kennen. Wir lernen Geistwesen kennen, wenn wir in dieser Weise dasjenige, was wir im Mathematisieren ausbilden, hinauftragen in höhere Gebiete.

[ 24 ] Das wollte ich zunächst sagen über die Fundierung desjenigen, was innerhalb der Anthroposophie als hellsichtige Forschung anerkannt werden muß. Wir werden dann noch sehen, wie mit dieser hellsichtigen Forschung in die einzelnen Wissensgebiete, sowohl in die naturwissenschaftlichen Gebiete wie auch in die Gebiete der Heilkunde, der Medizin, der Geschichtswissenschaft und so weiter hineingegangen werden kann, und wie die Wissenschaften nicht angefochten, sondern bereichert werden sollen durch ein solches Hereintragen desjenigen in ihre Gebiete, was in übersinnlichem Anschauen erkannt werden kann.

[ 25 ] Aber es kann uns zu Hilfe kommen für das richtige Verständnis desjenigen, was hier eigentlich gemeint ist, wenn wir den Gang der Menschheitsentwickelung durch eine gewisse Zeit hindurch betrachten, wie er war, indem er zuletzt dazu führte, unser heutiges wissenschaftliches Denken auszubilden. Fassen wir nur dieses wissenschaftliche Denken einmal ins Auge. Es ist ein solches wissenschaftliches Denken, das zwar den blossen Formalismus der Mathematik einsieht, aber die innere Sicherheit und Exaktheit des Forschens doch an der Mathematik lernt und eigentlich die Naturgesetze nur dann für berechtigt ansieht, wenn sie einer solchen Formulierung fähig sind wie das Mathematische. Mindestens ist das eine Art von Ideal der heutigen Wissenschaftlichkeit. Aber das war nicht immer so. Das, was wir heute als Wissenschaftsgeist anerkennen, das hat sich erst im Laufe der Menschheitsentwickelung herausgebildet. Und ich möchte Ihnen heute nur drei Etappen, von denen heute die dritte da ist, dieses sich entwickelnden Menschengeistes einmal mehr erzählend vorführen. Einiges von dem, was zur Begründung dessen, was ich erzählen will, vorgebracht werden kann, werde ich auch noch berühren.

[ 26 ] Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwikkelung, so finden wir nämlich nicht immer dieselbe Seelenverfassung, die der Mensch heute hat. Heute hat eben der Mensch die Seelenverfassung, die ihn gewissermaßen als zu etwas Höchstem zur Ausbildung des Wissenschaftsgeistes führt. Wenn wir zurückgehen in den alten Orient - wir brauchen nicht einmal bis in die ältesten Zeiten des Indertums zurückzugehen -, da hat sich erhalten, was in älteren Zeiten Erkenntnisprinzip war. Da nannte man ganz anderes den Weg zur Erkenntnis als heute. In jenen älteren Zeiten - sogar die Sprachgeschichte kann das erhärten — kam sich der Mensch, indem er auf sich zurückschaute, nicht so vor wie der heutige Mensch, der heutige Mensch mit seinem ganz fest in sich durch das Denken erfaßten Selbstbewußtsein auf der einen Seite und der Erfassung des Mechanistischen durch die Beobachtung auf der anderen Seite. So hätte sich zum Beispiel der Mensch des Orients nicht fühlen können. Wie gesagt, selbst die Sprachgeschichte kann das bezeugen. Der Mensch des Orients fühlte sich zunächst als atmender Mensch, als atmendes Wesen. Ein Atmer, das war ihm der Mensch. Und der Atmungsprozeß war dasjenige, auf das der Mensch vorzugsweise in der Selbsterkenntnis, der Selbstanschauung hinblickte. Sogar die Unsterblichkeit brachte er mit dem Atmungsprozeß zusammen: Eine Art Ausatmung des Seelischen war der Eintritt des Todes. Der Mensch ein Atmer! Warum fühlte man in dieser älteren Seelenverfassung den Menschen als ein Atmungswesen? Weil man wirklich im Atmungsprozeß, der nicht so im Unbewußten verlief wie heute, im Ein- und Ausatmen das Leben verspürte. Die Vibrationen, den Rhythmus des Lebens, man fühlte sie im Atmen. Das Atmen war etwas, was man so spürte, wie man heute Hunger und Durst spürt. Aber es war ein fortwährendes Spüren im Wachzustand, dieser Atmungsprozeß. Und sah man mit den Augen, dann wußte man: jetzt geht der Atmungsvorgang bis in den Kopf, bis in das Auge. Das Schauen empfand man so, daß es durchströmt war von der Atembewegung. Ebenso eine Willensregung. Das Handausstrecken empfand man so, als ob es etwas wäre, was sich anschließt an die Atmungsbewegungen. Eine Ausbreitung des Atmens in den ganzen Leib spürte man als inneren Lebensprozeß. Sowohl die mehr theoretische Anschauung der Außenwelt durch die Sinne, sie fühlte man als beseelt vom Atem, wie man die Willensregungen als beseelt vom Atem fühlte. Der Mensch fühlte sich als ein Atmungswesen. Und weil er sich als ein Atmungswesen fühlte, weil er hätte sagen können, mein Atem wird so und so modifiziert, indem ich durch meine Augen sehe, durch meine Ohren höre, indem ich Wärmewirkungen empfange, weil er so überall in den Sinnesempfindungen differenzierte, modifizierte, metamorphosierte, verfeinerte Atmungsvorgänge erblickte, so war für ihn auch der Erkenntnisweg eine regelmäßige Ausbildung des Atmungsprozesses. Und diese war für jene älteren Epochen der menschlichen Erkenntnisentwickelung dasselbe, was heute unser Studieren ist an der Hochschule. Heute studieren wir in anderer Art. Dazumal, wenn man religiöse Befriedigung, wenn man Erkenntnisse erlangen wollte, studierte man, indem man den Atmungsprozeß gesetzmäßig umbildete; indem man, mit anderen Worten, das ausbildete, was später das JogaAtmen, die Joga-Übung genannt wurde. Und was wurde da ausgebildet? Wenn man verfolgt, wozu nun derjenige gekommen ist, der das Joga-Atmen übte, um hinaufzukommen zu höheren Erkenntnisstufen, dann findet man etwas Merkwürdiges. Diejenigen, die so durch JogaÜbungen Gelehrte geworden waren - der Ausdruck ist uneigentlich auf diese älteren Verhältnisse angewandt, aber man kann vielleicht so sagen, und auch das Studium dauerte etwa so lange, wie unser Universitätsstudium dauert -, diejenigen, die auf diese Weise Gelehrte geworden waren, hatten in dieser Erkenntnis etwas in ihrer Seelenverfassung ergriffen, was in einer späteren Zeit, zum Beispiel in der griechisch-römischen Zeit, als Ideenwelt angesehen worden ist und nunmehr wie von selbst da war; so da war in der menschlichen Seelenverfassung, daß man kein Joga mehr brauchte.

[ 27 ] Das ist ja das Interessante, daß dasjenige, wonach der Mensch in einer früheren Epoche mit allen möglichen Übungen streben muß, in späteren Epochen von selbst da ist in der Entwickelung. Da bedeutet es nicht mehr dasjenige, was es früher bedeutet hat. Als Sokrates, als Plato wirkten, bedeutete die Philosophie eines Plato, eines Sokrates nicht mehr dasselbe, was es für die alten Jogaschüler oder Jogalehrer bedeutet hätte, wenn sie zu den sokratischen oder platonischen Wahrheiten gekommen wären. Der Jogaschüler war durch sein Joga-Atmen nicht genau so organisiert, aber er war in der Seelenverfassung, in der Plato, Aristoteles oder Scotus Erigena waren. So sehen wir dasjenige, was in den ältesten Zeiten getrieben worden ist als geregelte Übungen des Atmungsprozesses, und wir sehen, daß eine gewisse anschauliche Begriffswelt das Ergebnis dieses Erkenntnispfades war.

[ 28 ] Man bekommt eigentlich von dem, was in der späteren Zeit in Heraklit, in Parmenides, in Anaxagoras lebte, eine richtige Vorstellung, wenn man sich sagt: Das ist dasjenige, was in diesem Zeitalter den Menschen als selbstverständlich gegeben war, und was in noch älteren Zeiten durch Joga erreicht wurde. Übungen waren es immer, wodurch man für ein Zeitalter die höheren Erkenntnisse anstrebte. So war das Anschauen der Welt in späteren Epochen so vorhanden, daß man nun nicht mehr den Atem wahrnahm, indem man sich selbst beschaute, sondern daß man wahrnahm, wie der Grieche wahrnahm. Ich habe darüber in meinen «Rätseln der Philosophie» Näheres ausgeführt. Da war es noch so, daß man sich nicht abgesonderte Gedanken über die Welt machte, sondern die Ideen waren mit den Sinneserlebnissen eine Einheit. Man sah seine Gedanken draußen, wie man Rot oder Blau draußen sah, wie man Cis, G, H hörte. Die Gedanken waren draußen in der Welt. Die griechische Weltanschauung versteht nur, wer das weiß. Aber man nahm nur Geist von Sinneswahrnehmungen durchdrungen, oder Sinneswahrnehmungen von Geist durchdrungen jetzt wahr, nicht mehr das Differenzierte des Atmungsprozesses.

[ 29 ] Wiederum aber strebte nun die Menschheit danach, auf all denjenigen Gebieten, wo man eben nach höheren Erkenntnissen strebte, eine höhere Stufe des Erkennens zu erreichen. Und diese Stufe wurde wiederum durch Übungen erreicht. Man hat ja gerade über die Zeit des ersten Mittelalters, über das Geistesleben des ersten Mittelalters heute ziemlich unbestimmte Vorstellungen. Allein ein so abstraktes Lernen, wie wir es heute tun, war dasjenige nicht, was ein mittelalterlicher Student trieb. Er sollte auch Übungen machen, und das gewöhnliche Lernen war auch mit Übungenmachen verbunden. Es war eine innerliche Praxis und Praktik, die durchzumachen war; allerdings nicht in einer so robusten Weise wie die Jogapraktik des Atmens, sondern es war eine schon mehr nach innen verlegte Praxis, aber doch eine Praxis. Ein Niederschlag, der heute wenig verstanden wird, hat sich erhalten in dem, was man im Mittelalter die sieben freien Künste nannte, die derjenige durchmachen mußte, der auf eine höhere Erkenntnis Anspruch machte. Grammatik, das, was die praktische Handhabe der Sprache ist, war damit gemeint. Die Rhetorik, die nun nicht nur die Handhabung, sondern die schöne Handhabung der Sprache bedeutete. Die Dialektik, die Handhabung der Sprache von der inneren Kraft des Denkens aus. Und hatte man diese drei durchgemacht in innerer Praxis als Übungen, dann kam die Arithmetik, wiederum nicht unsere abstrakte Arithmetik, sondern jene Arithmetik, die sich einlebte in die Dinge, die ein deutliches Bewußtsein davon hatte, daß der Mensch alles innerlich bildet. Und so lernte man innerlich praktizierend Geometrie. Die Geometrie wurde ganz als mit dem Menschen verwoben praktisch zu einem Eigentum des Menschen gemacht, zu seiner Handhabe gemacht. Dann mündete das Ganze ein in das, was man Astronomie nannte. Der Mensch gliederte sein Wesen in den Kosmos ein. Er lernte erkennen, wie sich sein Haupt auf den Kosmos bezieht, wie seine Lunge, sein Herz ein Ergebnis des Kosmos ist. Man hatte nicht eine vom Menschen abgezogene Astronomie, sondern eine Astronomie, in der der Mensch voll darinnenstand. Und dann lernte man das Weben und Walten des göttlichen Wesens, das die Welt durchwebt und durchwellt, kennen in der siebenten Stufe, die man mit Musik bezeichnete, was aber nicht die heutige Musik ist, sondern ein höheres, lebendiges Ausbilden desjenigen, was mehr gedanklich ausgebildet war in der Astronomie. So übte der Mensch in einer späteren Zeit sich in innerlicher Praxis. Dasjenige, was früher Atmungsübungen waren, war jetzt mehr eine innerliche Seelenpraxis.

[ 30 ] Und wozu kam man? Man kam allmählich dazu im Laufe der menschlichen Zivilisationsgeschichte, den Gedanken in Absonderung zu haben von der Sinneswahrnehmung. Das mußte erst errungen werden. Die Griechen haben den Gedanken noch in der Welt gesehen, wie man Farben und Töne sieht. Daß der Gedanke von uns als etwas von uns Erzeugtes erfaßt wird, als etwas, was nicht darinnensteckt in den Dingen, daß das so empfunden wurde in der Seelenverfassung und daß es heute so empfunden werden kann, das ist ein Ergebnis des Übens in der Grammatik, Rhetorik und so weiter bis zur Musik. Dadurch wurde der Gedanke losgelöst von den Dingen. Man lernte frei im Gedanken sich bewegen. Dadurch wurde endlich dasjenige herbeigeführt, was uns nun wiederum selbstverständlich ist, was wir heute haben ohne diese Übungen, was wir heute vorfinden, wenn wir an unsere Schulen kommen, was geboten wird in den einzelnen Wissenschaften, wie es gestern geschildert wurde. Und gerade so, wie man in den früheren Zeitaltern durch Übungen hat vorwärtskommen sollen - in älteren Zeiten durch die Joga-Atmungsübungen, später durch die Übungen, die von der Grammatik bis zur Musik liefen, so daß man aus den Joga-Atmungsübungen als Selbstverständlichkeit bekam die griechisch-lateinische Weltauffassung und aus den Übungen, die auf dem Wege von der Grammatik bis zur Musik gingen, den heutigen Wissenschaftsstandpunkt -, so kann das wiederum fortgesetzt werden, und zwar am besten, wenn man von dem Sichersten ausgeht, von der Mathematik, die ja heute als das Sicherste anerkannt wird. Wahr ist es, so verwunderlich es auch jenem Schriftsteller war, als ich sagte: An der synthetischen Geometrie habe ich hauptsächlich mir zum Bewußtsein gebracht den Hellseherprozeß. Es ist natürlich nicht so, daß derjenige, der synthetische Geometrie studiert hat, ein Hellseher ist, aber veranschaulichen kann man den Prozeß auf diese Weise. So verwunderlich es diesem Schriftsteller war, nicht erzählt zu bekommen, nicht zu hören zu bekommen etwas, was von solchen Leuten, die wahrsagen, erzählt wird, so ist es doch so, daß von demjenigen, worauf heute die Wissenschaft fest steht, Anthroposophie ausgeht, um es weiterzuführen; um gerade dasjenige, was als sichere Wissenschaft vorliegt, von dieser Grundlage aus, die sie selbst gelegt hat, nun weiter in die Gebiete des Übersinnlichen hineinzuführen. Wir müssen daher den Prozeß noch weiter verinnerlichen. Und ein noch mehr verinnerlichter Prozeß ist dasjenige, was ich als den Weg in die heutige hellsichtige Forschung schildern mußte in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber gerade eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie angeführt habe, kann Ihnen zeigen, daß derjenige, der heute vollbewußt in der Anthroposophie drinnensteht, dieses Bewußtsein herholt aus einem Drinnenstehen im Gange der Menschheitsentwickelung; daß er nicht aus irgendeiner subjektiven Vorliebe oder Sympathie heraus behauptet: wir haben heute nötig, Übungen vorzunehmen, um fortzusetzen den Gang, der die Menschheit bis zum gegenwärtigen Standpunkte gebracht hat -, sondern daß er weiß, wie der Gang bis hierher war und wie er sich fortsetzen muß. Dieses historische Bewußtsein, dieses Bewußtsein vom Drinnenstehen im ganzen Menschheitsprozeß, das ist dasjenige, was dazukommt zu der Einsicht, die einem wird, wenn man innerlich, nicht äußerlich, den heutigen Wissenschaftsgeist in seine Seelenverfassung aufnimmt.

[ 31 ] Dann darf wohl gesagt werden, die Anthroposophie weiß, was ihre Stellung in der heutigen Wissenschaft ist. Sie weiß es in einem absoluten Sinne, indem sie die Eigentümlichkeit der heutigen Wissenschaften kennt, indem sie jeden Dilettantismus und jedes Laientum ablehnt und von dem aus, was wahre Wissenschaft ist, weiterbaut. Sie kennt andererseits die historischen Notwendigkeiten. Sie weiß, wie der Weg der Menschheit von dem gegenwärtig Errungenen aus weitergehen muß, wenn wir nicht stillestehen wollen, wie auch alle unsere Vorfahren, da, wo sie Anteil hatten an der Zivilisationsentwickelung, vorwärts wollten. Wir müssen auch vorwärtsrücken. Aber wir müssen wissen, welche Schritte zu vollführen sind von dem gegenwärtigen Standpunkte des Wissenschaftsgeistes aus. Wie das sich im Einzelnen ausnimmt, werde ich zu schildern haben in den nächsten Tagen. Dann wird sich vielleicht leichter faßlich ausnehmen, was ich als Grundlegung heute geben mußte. Vielleicht hat sich aber doch zeigen können, das Anthroposophie schon aus wissenschaftlicher, wissenschaftsgleicher Gesinnung heraus weiß, was sie eigentlich will gegenüber der Gegenwart und der ganzen Menschheitsentwickelung und auch gegenüber den einzelnen Wissenschaften. Sie wird arbeiten, weil sie weiß, wie sie zu arbeiten hat. Vielleicht wird ihr Weg ein langwieriger sein. Wenn man aber auf der anderen Seite sieht, wie tief die Sehnsuchten in den unterbewußten Tiefen der Menschenseelen eigentlich nach jenen Höhen sind, die Anthroposophie erklimmen möchte, dann scheint es, als ob es zum Heile der Menschheit notwendig wäre, daß der Weg, den Anthroposophie zu gehen hat, nicht ein allzu langsamer sei. Aber es wird vielleicht weniger für Anthroposophie bedeutungsvoll sein als für den menschlichen Fortschritt, ob der Gang langsam oder schnell vor sich gehen wird. Wir reden davon, daß auf vielen Gebieten wir heute in einer schnell-lebigen Zeit darinnen sind. Möge dasjenige, was in der Erkenntnis des Übersinnlichen von der Menschheit erreicht werden will, so schnell-lebig erreicht werden, wie es für das Heil der Menschheit notwendig ist.