Damit der Mensch ganz Mensch werde
GA 82
7 April 1922, The Hague
1. Die Anthroposophie und das Geistesleben der Gegenwart
[ 1 ] Was ich heute abend vorzubringen habe, wird nur eine bescheidene Einleitung sein zu demjenigen, was ich mich bemühen werde, in den nächsten Abenden hier in einzelnen Kapiteln über die Anthroposophie auseinanderzusetzen.
[ 2 ] Anthroposophie ist nicht etwa so entstanden, daß gefragt worden wäre: Welches sind die Bedürfnisse, welches ist das Suchen unseres gegenwärtigen Zeitalters, welche Interessen und Sehnsüchte hat dieses gegenwärtige Zeitalter in bezug auf sein Geistesleben? Das wäre eine abstrakte Frage. Und so, wie man auch im gewöhnlichen Leben in der Regel dasjenige nicht findet, was man sucht, ohne daß man davon eine ordentliche Vorstellung hat, so wird man wohl auch nicht das Suchen im geistigen Leben eines Zeitalters befriedigen können, wenn man nicht schon ausgeht von einer ganz bestimmten, konkreten Vorstellung desjenigen, wonach dieses Zeitalter sucht. Aber obgleich Anthroposophie nicht von diesen abstrakten Fragen ausgegangen ist, wird doch nachher davon gesprochen werden können, ob sie, nachdem sie nun einmal da ist, die wichtigsten Fragen und Bedürfnisse unseres Zeitalters in irgendeinem Sinne geistig befriedigen könne.
[ 3 ] Anthroposophie ist nämlich ausgegangen von den Bedürfnissen der Wissenschaft selber, wie sich diese in unserem Zeitalter herausgebildet hat, nachdem sie ihren, man darf schon sagen, großen, gewaltigen Siegeszug durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte vollendet hat. Anthroposophie ist aus dieser Wissenschaftlichkeit hervorgegangen, indem gleichzeitig versucht wurde, sorgsam einzugehen auf dasjenige, was befruchtend für den wissenschaftlichen Geist der Gegenwart die Goethesche Weltanschauung liefern kann. So daß man sagen kann — gestatten Sie diese persönliche Bemerkung -—: Als sich mir die Notwendigkeit einer anthroposophischen Geisteswissenschaft ergab, war es auf der einen Seite die Meinung, daß gerade der gegenwärtige Wissenschaftsgeist sich hinentwickeln müsse zu einer Erfassung des übersinnlichen Lebens aus der Wissenschaft heraus, und es war dann zweitens dasjenige, was zu gewinnen war aus einer lebendigen Auffassung der Goetheschen Weltanschauung, das verbunden wurde mit diesem wissenschaftlichen Streben selbst. Diese Entwickelung habe ich für die Anthroposophie gesucht seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wenn man heute Ansichten über Anthroposophie hört, die mehr an der Oberfläche geschöpft werden, so lauten diese ja oftmals so, als ob aus dem Chaos, das sich für das Geistesleben der ganzen zivilisierten Welt ja doch schon während und nach der Kriegskatastrophe ergeben hat, wie ein dunkles, mystisches Wollen auch diese Anthroposophie hervorgegangen wäre. Das ist eben durchaus nicht der Fall. Diese Anthroposophie arbeitete in ernster Weise, wie wohl gesagt werden darf, schon jahrzehntelang und ist aus ganz anderen Voraussetzungen hervorgegangen.
[ 4 ] Aber wie gesagt, nachdem sie einmal da ist, kann gefragt werden: Kommt sie einem Bedürfnis, einer Sehnsucht im Geistesleben unserer Zeit entgegen? - Um diese Frage zu beantworten, wird man wohl hinschauen müssen auf den besonderen Charakter, auf die tieferen Eigentümlichkeiten des Geisteslebens unseres Zeitalters. Da wird man, wie ich glaube, zunächst einen Zug finden, der ganz besonders charakteristisch ist. Gewiß, wenn man so etwas ausspricht, kann einem jemand zahlreiche Ausnahmen entgegenhalten. Sie sollen auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Allein, dasjenige, was ich charakterisieren möchte, das ist der allgemeine Zug im Leben der Menschen dieses Zeitalters.
[ 5 ] Müssen wir uns in der Gegenwart nicht sagen, wenn wir ein wenig älter geworden sind, daß wir zumeist ohne Freudigkeit, ohne enthusiastische Hingebung an die Aufgaben des Lebens gerade heute herantreten? Das scheint eine pessimistische Ansicht zu sein, will es aber nicht sein. Sie will nur einfach mit offenen Augen anschauen, was doch eben ein durchgreifender Zug im Leben der gegenwärtigen Menschen ist. Wir wachsen heran, werden unterrichtet, werden durch das Leben wohl auch weiter gebracht. Wenn wir dann den eigenen Berufsaufgaben, wenn wir den Leiden und auch sogar den Freuden des Lebens gegenüberstehen, so wissen wir uns nicht mit unserer vollen Menschlichkeit heute in die Lage der Welt hineinzufinden. Und aus diesem Zug heraus wird sich gerade für unser Zeitalter ein wichtigstes Betrachtungsgebiet ergeben, das sogleich charakteristisch hinweist auf die tiefsten Eigentümlichkeiten unserer Zeit. Wenn wir im späteren Leben heute als Menschen stehen, so können wir nicht mehr hinblicken in der Rückschau, in der Erinnerung auf unsere Jugend, auf unsere Kindheit, wie doch einmal der Mensch auf diese Jugend, auf diese Kindheit hingeblickt hat. Derjenige, der eine gewisse innerliche Geschichtsforschung getrieben hat, der kann das durchaus sagen. Wenn wir in unsere Kindheit, in unsere Jugend zurückblicken, so steigt uns aus dieser Kindheit, aus dieser Jugend nicht dasjenige herauf, was uns mit Freudigkeit, mit Enthusiasmus, mit Initiative erfüllt, was uns Kraft gibt aus einer Zeit, die wir äußerlich zwar verloren haben, die aber innerlich in uns sein könnte als uns innerlich befeuernd, uns innerlich erkraftend. Es ist zwar radikal ausgesprochen, aber es ist in einem gewissen Sinne doch der Fall: Wir haben als erwachsene Menschen unseres Zeitalters zum großen Teil unsere Jugend, unsere Kindheit verloren. Und das zeigt sich ja insbesondere darin, daß wir auch, wenn wir jetzt mehr den Blick auf das soziale Leben werfen, als erwachsene Menschen uns so schwer mit der Jugend verständigen können. Es ist ein allgemeiner Zug wiederum unseres Zeitalters, daß in der Jugend ein gärendes Streben ist, daß aber diese Jugend im weiten Felde zu der Anschauung kommt, das Alter könne ihr nicht mehr dasjenige sein, wonach ihr Herz, wonach ihre Seele verlangt. Eine tiefe Kluft ist in unserem Zeitalter eingetreten -— mancher gesteht sich das nicht, aber es ist doch so — zwischen der Jugend und der erwachsenen Generation. Gerade diese Kluft weist aber darauf hin, daß der Mensch, der aus seiner vollen, kindlichen Jugendmenschlichkeit, möchte man sagen, dasjenige sich mit in die Welt heute bringt, was er eben, mag er nun welchen Ursprungs immer sein, doch mitbringt durch die Geburt in dieses physische Dasein -, daß der Mensch nicht findet, was er von dem Leben fordert kraft des Ewigen, das mit ihm geboren wird. Gerade dadurch, daß der jugendliche Mensch das nicht findet in dem Geistesleben, in dem Leben überhaupt, gerade dadurch offenbart sich, was unserer Gegenwart so stark fehlt. Jugendbewegung, das ist ja ein geflügeltes Wort heute geworden. Und Jugendbewegung, sie offenbart sich insbesondere auch bei derjenigen Jugend, welche hineinwächst in die geistigen Berufe; welche hineinwächst in ein Leben, durch das der Mensch führend werden soll für die geistigen, auch für die sozialen, für die moralischen, für die künstlerischen, für die religiösen Bedürfnisse seines Zeitalters.
[ 6 ] Und wenn wir uns nun fragen: Warum befriedigt so wenig dasjenige, was an Geistesleben da ist, den heranwachsenden Menschen? -, dann wird uns diese Frage vielleicht, wenn auch nicht voll beantwortet, so doch wenigstens beleuchtet dadurch, daß wir auf die verschiedenen Zweige unseres Geisteslebens heute hinschauen: Innerhalb des Horizontes, der sich uns da darbietet auf wissenschaftlichem, auf künstlerischem, auf sittlichem, auf sozialem, auf religiösem Gebiet, finden wir, daß, wenn ich mich so ausdrücken darf, diese einzelnen Zweige des Lebens, die der Mensch doch braucht, wenn er zu einer vollen Persönlichkeit werden soll, sich selbst nicht mehr verstehen, und daß sie daher im Menschen, in der menschlichen Persönlichkeit, einander widerstreiten.
[ 7 ] Derjenige wäre ein Tor, der heute sich auflehnen wollte gegen dasjenige, was der Wissenschaftsgeist der letzten Jahrhunderte, insbesondere seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, in der Gesamtentwickelung der Menschheit heraufgebracht hat. Und Anthroposophie darf durchaus nicht so aufgefaßt werden, als ob sie nur in irgendeiner Beziehung in eine Oppositionsstellung sich begeben möchte gegen diesen Wissenschaftsgeist unseres Zeitalters. Dieser Geist hat heraufgebracht im wissenschaftlichen Forschen selber eine ungeheure Gewissenhaftigkeit und Exaktheit der Methoden. Ich möchte sagen, dasjenige ist die erste Frage geworden für diesen Wissenschaftsgeist: Wie kann man Sicherheit, wie kann man Gewißheit im Wahrheitsforschen erlangen? — Nach Sicherheit, nach Gewißheit im Wahrheitsforschen drängt dieser Wissenschaftsgeist der Gegenwart. Und Ungeheures ist, nun nicht nur für die Erkenntnis, sondern auch für das praktische Leben, namentlich in bezug auf die technischen Gebiete unseres Zeitalters, geleistet worden. Und dennoch, wenn wir uns fragen: Befriedigt dieser Wissenschaftsgeist gerade den drängenden Jugendsinn, wächst die heutige Jugend in diesen Wissenschaftsgeist so hinein, daß sie fühlt, da ist etwas, was ihr entgegenströmt für ihre volle Menschlichkeit? — wir können diese Frage nicht bejahen. Wird sie bejaht, dann ist es deshalb, weil man sich leeren Illusionen hingibt oder weil man einen Nebel vor das geistige Auge breiten will. Denn dieser Wissenschaftsgeist steht in merkwürdigem Konflikt mit anderen Gebieten des Lebens.
[ 8 ] Da sehen wir zunächst das künstlerische Gebiet. Indem man den Wissenschaftsgeist ausgebildet hat mit seinen exakten Methoden, seinem streng geschulten Denken, fühlen die Künstler, fühlen diejenigen, welche künstlerisch das Leben verfolgen wollen, welche künstlerisch genießen wollen, daß sie eigentlich das Künstlerische fernhalten müssen von diesem Wissenschaftsgeist. Wir hören es heute überall, daß dasjenige, was die Kunst gestalten, was die Kunst bilden will, aus ganz anderen menschlichen Quellen herkommen müsse als dasjenige, was auf eine gewisse, intellektualistisch beobachtende Art die Wissenschaft ergründet. Und wenn jemand hereintragen will den heutigen Wissenschaftsgeist in das künstlerische Schaffen, dann hat man das Gefühl, daß er dieses künstlerische Schaffen verdirbt, daß der Wissenschaftsgeist in der Kunst nichts zu suchen habe, daß die Wissenschaft die Wahrheit auf eine Weise erforscht, die nicht übertragen werden darf auf das Künstlerische.
[ 9 ] Nun, eine solche strenge Trennung desjenigen, was der Mensch von der Welt sich offenbaren läßt durch den Künstlersinn auf der einen Seite und durch den Wissenschaftsgeist auf der anderen Seite, eine solche strenge Trennung kannte das Griechentum, innerhalb dessen auf der einen Seite doch schon ein glänzender Wissenschaftsgeist entsprungen ist und auf der anderen Seite eine ideale Kunst - eine solche Trennung kannte der griechische Geist nicht. Und noch in der neuesten Zeit wollte eine solche Trennung auch Goethe nicht, der sich ja ganz vertieft hat in die griechische Weltanschauung. Goethe wollte zum Beispiel gar nicht sprechen von einer abgesonderten Idee von Wahrheit, von Schönheit, von Religion oder Frömmigkeit. Goethe wollte die Idee als eine wissen, und in Religion und Kunst und Wissenschaft wollte er nur verschiedene Offenbarungen der einen geistigen Wahrheit sehen. Goethe sprach von der Kunst als von einer Offenbarung geheimer Naturgesetze, welche ohne die Kunst niemals offenbar werden würden. Für Goethe war geradezu die Wissenschaft etwas, das er auf die eine Seite hinstellte, das eine andere Ausdrucksweise hat als die Kunst; auf der anderen Seite war ihm die Kunst etwas, was wiederum eine andere Ausdrucksweise hat. Aber nur wenn beide zusammen im Menschen wirken, kann der Mensch auch im Goetheschen Sinne die ganze volle Wahrheit ergründen. Heute denkt man daran, wie der Wissenschaftsgeist, der von Schlußtfolgerung zu Schlußfolgerung, von Beobachtung zu Beobachtung, von Experiment zu Experiment exakt geht, den Zusammenhang der künstlerischen Phantasie untergraben müsse; wie keine Berechtigung vorliege, durch die Kunst selber irgend etwas von der Wahrheit der Welt ergründen zu wollen. Wie man, mit anderen Worten, eine strenge Trennung vollziehen müsse zwischen Kunst und Wissenschaft. Müssen wir da nicht sagen, daß die Wissenschaft auf der einen Seite nach Gewißheit, nach einer gewissenhaften Methode strebt, daß sie vor allen Dingen Sicherheit haben will, daß sie die Dinge so hinstellen will, wenn ich mich so ausdrücken darf, daß sie stehenbleiben können und anerkannt werden müssen von jedem unbefangenen Menschengemüte? Aber indem man eben gerade diese große Sicherheit erstrebt, hat man zu dem, was man da ergründet von Natur und Mensch durch diese Wissenschaft, nicht das Vertrauen, daß es nun auch irgendwie eine Bedeutung haben könne für etwas, was doch auch zur Befriedigung des ganzen Menschen gehört: für das künstlerische Schaffen oder künstlerische Genießen. Man gründet eine festgefügte Wissenschaft, aber man hat zu ihr nicht das Vertrauen, daß sie mitsprechen dürfe da, wo es sich handelt um noch menschlichere Bedürfnisse, wenigstens innerlichere menschliche Bedürfnisse als diejenigen der Wissenschaft selber sind: die künstlerischen Bedürfnisse. Gewiß, logisch kann man die reinliche Scheidung zwischen Wissenschaft und Kunst durchführen. Ich kann es jedem nachfühlen, der da sagt: Ach, das ist ja nur eine Phraseologie, eine Rederei, wenn da irgend jemand in einem abfälligen Sinne spricht von dieser Scheidung zwischen Wissenschaft und Kunst. Die müsse ja doch sein. - Ich kann es, wie gesagt, nachfühlen. Allein in der Tiefe der menschlichen Seele ist etwas, was nach Einheit, nach Harmonie der einzelnen Seelenbetätigungen hinstrebt. Und während auf der einen Seite Logik die Scheidung vollzieht zwischen Wissenschaft und Kunst, verlangt etwas in uns nach Ausgleich, nach Harmonisierung der wissenschaftlichen Wahrheiten auf der einen Seite, der künstlerischen Wahrheiten auf der anderen Seite. Es fordert in uns etwas ganz tief seelisch, daß dasjenige, was wir als Wahrheit auf wissenschaftliche Weise aus Natur und Mensch herausholen, auch die Kraft habe, in uns künstlerische Initiative zu erzeugen, ohne daß wir in stroherne Allegorien oder abstrakte Symbolismen verfallen. Es ist in den Tiefen der Seele durchaus das Bedürfnis vorhanden, das Wissen, das die Wissenschaft ergründet, nicht leblos zu lassen, sondern es so zu beleben, daß wirklich hinüberströmen kann von dieser wissenschaftlichen Erkenntnis etwas in die Kunst, wie Goethe sich bewußt war, daß für ihn die reifsten Früchte seines künstlerischen Schaffens aus seiner Auffassung der Wissenschaft herübergeströmt sind.
[ 10 ] Die große Frage, nicht genau formuliert, aber tief empfunden, sie tönt uns entgegen aus den Sehnsuchten unseres Zeitalters, die tiefe Frage: Wie können wir zu der Wissenschaft, die vor allen Dingen Gewißheit gesucht hat, auch wiederum ein solches Vertrauen gewinnen, daß wir durch sie eindringen in die Wahrheits-gebiete, die uns im künstlerischen Gestalten, im künstlerischen Bilden entgegentreten? Und das ist eine der allertiefsten Fragen für die gegenwärtige Menschheit.
[ 11 ] Man könnte lange debattieren und diskutieren darüber, daß eine reinliche Scheidung sein müsse zwischen der logisch-beobachtenden, wissenschaftlichen Methode und dem künstlerischen Bilden, dem künstlerischen Gestalten. Aber nehmen Sie an, im Reiche der Wirklichkeit läge die Sache so, daß, wenn wir aus dem Gebiete der unteren Naturreiche zum Menschen heraufkommen und die Naturgesetze nun auf den Menschen anwenden wollten, so wie wir sie kennenlernen im Sinne der heutigen sicheren Wissenschaft, wir dann eben einfach den Menschen nicht kennenlernen könnten. Ja, es könnte sogar schon so sein, daß die Natur selber künstlerisch schüfe, daß in den verschiedenen Reichen der Natur nicht bloß ein solches Schaffen vorhanden wäre, wie es im Sinne der gegenwärtigen Naturgesetze liegt, und daß das insbesondere nicht der Fall wäre im Menschenreiche, sondern daß die Natur selber, wie ja Goethe voraussetzte, eine große Künstlerin wäre, und daß wir einfach, wenn wir auch noch so kritisch zu Werke gehen und uns sagen: wir dürfen nicht Phantasie in die Naturwissenschaft hineintragen -, so könnte es sein, daß, indem wir uns das logisch vorsetzen, wir uns eben unsere Erkenntnis beschränken, ertöten, weil die Natur eben künstlerisch ist und sich erst einer künstlerischen Betrachtung ergibt.
[ 12 ] Selbstverständlich, wenn man das zunächst in dieser hypothetischen Form ausspricht, wie ich es jetzt tue, kann es vielfach angefochten werden. Allein derjenige, der Psychologe genug dazu ist, um in die Seelentiefen der heutigen Menschen hineinzuschauen, der weiß, daß gerade eine Ängstlichkeit heute in den Gemütern vorhanden ist gegenüber der Frage: Müßten wir nicht, wenn wir wissenschaftlich streben, dasjenige in der Seelenverfassung haben, was künstlerisch gestaltet und bildet? Aber wenn wir anders gar nicht in die Natur hineinkommen? Wenn die Natur künstlerisch begriffen sein will? Wenn insbesondere die Menschennatur schon in ihren physischen Organen künstlerisch begriffen sein will? Was machen wir denn dann, wenn wir eine noch so strenge Wissenschaft haben, und die Natur, die Welt von uns ein künstlerisch gestaltetes Erkennen fordert? - Ich weiß sogar, daß gerade Wissenschafter der Gegenwart einen solchen Satz für eine Absurdität halten. Aber ich weiß auch, daß man ihn zwar im Bewußtsein der Wissenschaft für eine Absurdität halten kann, daß ihn aber die menschlichen Herzen, die menschlichen Seelen heute nicht für eine Absurdität halten, sondern daß sie dunkel seine Wahrheit fühlen und ihn gerne auch im Lichte erschauen möchten.
[ 13 ] Und nicht anders ist es, wenn wir auf ein anderes Gebiet uns begeben, auf das Gebiet der Sittlichkeit, der Moral, auf das Gebiet des sozialen Wirkens und Arbeitens und auf das Gebiet der religiösen Vertiefung. Alles dasjenige, was in diese drei Gebiete fällt, es wird ja seit langer Zeit schon, gerade seit derjenigen Zeit, seit welcher der wissenschaftliche Geist in so maßgebender Weise die neuere Menschheit ergriffen hat, sozusagen aus der Wissenschaft verbannt. Was die Soziologie und das soziale Wirken betrifft, so hat man zwar gerade auf populärem Gebiete in der neuesten Zeit versucht — man braucht nur an den Marxismus zu denken -, aus dem wissenschaftlichen Geist heraus sozial und soziologisch zu denken und auch dem sozialen Leben aus dieser Wissenschaft heraus Impulse zu geben. Die Früchte sprechen nicht gerade dafür, daß man damit auf einem richtigen Pfade ist. Denn dasjenige, was heute gerade in bezug auf die soziale Frage die Welt bewegt und was durch alle möglichen Illusionen befriedigt werden soll aus dem Wissenschaftsgeist der neueren Zeit heraus, das führt ja zu jenen furchtbaren Disharmonien, zu jenen furchtbaren Zerstörungselementen, die heute im sozialen Leben der Menschheit wirken, und denen man es ja ansehen kann, daß in bezug auf sie eine Gesundung nur möglich ist, wenn nach irgendeiner Richtung eine geistige Umkehr stattfinden kann. Aber schließlich ist ja das Soziale ohne die Grundlagen des Sittlichen und des Religiösen wirklich nicht einer gesunden Lösung entgegenzuführen. Und so wird man gerade in bezug auf das Soziale hinschauen müssen zunächst auf die sittlichen und auf die religiösen Grundlagen des menschlichen Lebens. Und da finden wir nun ganz deutlich ausgesprochen, noch deutlicher als in bezug auf das künstlerische Erleben, gerade in den neuesten Erscheinungen, daß auf der einen Seite zwar die Wissenschaft mit ihrer starken Gewißheit und Gewissenhaftigkeit steht, daß aber erst recht das Vertrauen fehlt, einzuführen den Geist dieser Wissenschaftlichkeit in moralische Gesinnung und in religiöses Bewußtsein. Und stärker als je wird heute gerade von den scheinbar fortschreitenden Geistern betont, Wissenschaft müsse an ihrem Platz stehen bleiben. Sie müsse von alledem aber, was der Mensch als Impulse zu erstreben hat für sein sittliches Handeln, für seine Religiosität, verbannt werden. Dahin gehöre nicht Wissenschaft, dahin gehöre der Glaube. Man macht nun ebenso, wie man zwischen Wissenschaft und Kunst eine strenge Scheidung macht, auch eine strenge Scheidung zwischen Wissenschaft und Sittlichkeit, Wissenschaft und Religiosität. Man möchte appellieren an eine besondere Fähigkeit, an eine besondere Impulsivität der menschlichen Seele für diese Sittlichkeit, für dieses religiöse Leben. Man möchte die Glaubenswahrheit streng abtrennen von der wissenschaftlichen Wahrheit, wie man die künstlerische Wahrheit streng von ihr abtrennen will.
[ 14 ] Nun, das hat allerdings nicht gehindert, daß der Wissenschaftsgeist sich ja in der Gegenwart in alle Kreise verbreitet hat, daß er die populärste Form angenommen hat; daß heute von diesem Wissenschaftsgeist nicht etwa bloß die Wissenschafter eingenommen sind, sondern die ganze breite Masse der heutigen zivilisierten Menschheit. Man kann heute im alten, traditionellen Sinne ein religiös-frommer Mensch sein, aber man lebt doch, schon dank der öffentlichen Literatur, von den Zeitungen bis zu den Büchern, und durch das sonstige öffentliche Leben, ganz im modernen Wissenschaftsgeist darinnen. Deshalb konnte es auch nicht ausbleiben, daß, wie stark auch die Forderung sich stellt, zu trennen Glauben von wissenschaftlicher Erkenntnis, diese wissenschaftliche Erkenntnis auf allen möglichen Gebieten als Kritik des Glaubens auftritt, daß sie zersetzend und auflösend für diesen Glauben in zahlreichen Menschengemütern schon heute wirkt und wirken wird, wenn nicht auf diesen Gebieten auch eine völlige Umkehr in geistiger Beziehung stattfindet.
[ 15 ] Glauben und Wissen, die man heute streng scheiden will, sie sind ja gar nicht etwa ausgegangen von verschiedenen Quellen. Allerdings muß man, um das einzusehen, noch weiter zurückgehen als für die Kunst, wo man bloß bis zum Griechentum zurückzugehen hat, um einzusehen, daß der Grieche die künstlerische Wahrheit und die wissenschaftliche Wahrheit in Einheit sah. Man muß zurückgehen zu viel älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Aber da wird man Zeiten finden, in denen Religion einfach alles ist; in denen der Mensch in einer gewissen Weise durch seine Seelenkräfte sich in die Tiefen des Weltenalls so vertieft, daß ihm religiöses Leben aus dieser Vertiefung hervorquillt. Aber indem ihm dieses religiöse Leben hervorquillt, steht als eines vor seiner Seele dasjenige, dem gegenüber er religiös-fromm werden kann, dem er opfern kann, das auf ihn wirkt, indem es sich offenbart in Schönheit, das daher zu gleicher Zeit künstlerisch genossen werden kann, und das, wenn sich das Denken, das Erkennen hineinvertieft, als Wahrheit der Welt ihm entgegenrritt. Wissenschaft, Kunst und Religion, sie gingen aus einer Wurzel hervor. Aber das ist nicht alles, was dabei in Betracht kommt. Das ist ja richtig: Wenn wir in älteste Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen, finden wir, daß Wissenschaft, Kunst und Religion eins sind, daß sie aus einem gemeinsamen Urquell hervorkommen, daß dann später das religiöse Leben selbständig wurde — das war schon im Griechentum, im Römertum der Fall -, daß aber das künstlerische Leben mit dem wissenschaftlichen Leben noch in Einheit blieb. Und erst indem wir in die neueste Zeit hinaufdringen, finden wir, daß sich diese drei Zweige der menschlichen Persönlichkeitsoffenbarung sondern.
[ 16 ] Heute streben diese drei Zweige wiederum mit aller Macht in den unbewußten und unterbewußten Tiefen des Menschen zu einer Einheit, zur Harmonisierung hin. Warum das? Nun, vor der Wissenschaft kann man heute nur bewundernd stehen, und Opposition gegen dasjenige, was an der Wissenschaft Wahrheit ist, wäre, wie gesagt, Torheit. Aber diese Wissenschaft ist eben nur schöpferisch gewesen - trotz ihrer Größe, trotz ihrer Triumphe muß das gesagt werden - auf dem Gebiete des Gedankens und auf dem Gebiete der Beobachtung, oder der geregelten Beobachtung, des Experimentes. Die Wissenschaft ist nur schöpferisch gewesen mit Bezug auf dasjenige, was mit logischem Urteil und durch die Beobachtung vom Menschengeiste erlangt werden kann. Auf diesen Gebieten hat die Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten Großartiges, Ursprüngliches geleistet.
[ 17 ] Sehen wir die anderen Gebiete an, das künstlerische Gebiet, das Gebiet des sittlich-religiösen Lebens, dann müssen wir uns sagen — und wiederum ist es etwas, was sich nicht alle Menschen heute sagen, was aber im Grunde genommen die ganze zivilisierte Menschheit in den Tiefen des Seelenlebens fühlt -: Künstlerischer Sinn, künstlerischer Geist ist heute eigentlich nicht schöpferisch. Wir machen es uns ja allerdings oftmals vor, wenn wir nachschöpferisch sind; aber stilerzeugend, motiverzeugend ist das gegenwärtige Zeitalter auf künstlerischem Gebiete nicht. Stilerzeugend, motiverzeugend waren ältere Zeiten, zum Beispiel die griechische Zeit, die ihre Gebäude aus demselben Seelenschoße herausgeboren hat, aus dem die Dichter ihre Kunstwerke geschaffen haben; so sehr aus demselben Seelenschoße herausgeboren hat, daß ja der Glaube entstanden ist, Homer und Hesiod hätten den Griechen, indem sie Künstler waren, ihre Götter gegeben. Wir zehren von den künstlerischen Traditionen. Wir bauen gotisch, wir bauen antik, wir bauen barock und so weiter, aber wir bauen nicht gegenwärtig. Ebensowenig sind wir in der Lage, auf anderen Gebieten in künstlerischem Sinne voll gegenwärtig zu sein. Man muß schon diese Dinge etwas radikal aussprechen, wenn man dasjenige treffen will, was dennoch als Realität in den tiefsten Kräften unseres Zeitalters vorhanden ist.
[ 18 ] Auf religiös-sittlichem Gebiet sind die Traditionen noch älter. Auf religiös-sittlichem Gebiet ist unser Zeitalter nicht schaffend. Daher der Konservativismus der Religionen, der Drang, nur ja das Alte zu konservieren. Daher die Furcht, wenn irgendwo auf religiösem Gebiet etwas Neues auftritt. Wir haben von alten Zeiten her die künstlerischen Stile, wir haben von noch älteren Zeiten her die religiösen Inhalte. Und die Jugend, wenn sie heute heranwächst, trägt durch etwas Geheimnisvolles, das ich heute nicht erörtern kann, durch Geheimnisse, die mit ihr geboren werden, die Sehnsucht nach Schöpferischem auf allen Gebieten des Lebens. Sie findet dieses Schöpferische auf wissenschaftlichem Gebiet. Das genügt ihr nicht. Sie sehnt sich auf künstlerischem Gebiet nach tief Schöpferischem, sie sehnt sich auch auf sittlichreligiösem Gebiet nach tief Schöpferischem. Deshalb versteht heute die Jugend das Alter nicht, das Alter die Jugend nicht. Deshalb ist eine Kluft zwischen beiden.
[ 19 ] Das alles charakterisiert ja im Grunde unser gegenwärtiges Zeitalter, aber es zeigt noch nicht den tiefen Zwiespalt im Menschen selber, der zu alldem, was ich jetzt geschildert habe, eigentlich erst geführt hat. Und um diesen tiefen Zwiespalt in der menschlichen Natur selber zu finden, müssen wir schon auf die Eigentümlichkeit dieser menschlichen Natur hinschauen, wie sie sich gerade im wissenschaftlichen Zeitalter, das heißt seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herausgebildet hat. Da sehen wir, wenn wir so recht unbefangen auf den heutigen Menschen hinblicken, zwei entgegengesetzte Pole in seiner Natur. Diese zwei Pole beherrschen ja im Grunde genommen unser ganzes Geistesleben. Aber sie befriedigen nicht unsere menschlichen Bedürfnisse. Und diese zwei Pole, sie sind auf der einen Seite jenes starke, innerliche, intensive Selbstbewußtsein, das der moderne Mensch in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hat, und auf der anderen Seite die besondere Art, wie der Mensch durch seine neuzeitlichen Fähigkeiten dazu gekommen ist, die Welt zu begreifen.
[ 20 ] Sehen wir uns einmal diese polarischen Gegensätze näher an. Wenn ich vom Selbstbewußtsein, vom Ichbewußtsein des modernen Menschen rede, so meine ich keineswegs allein dasjenige, was sozusagen in der Einsamkeit der Philosophenstube entsteht. Aus dem Selbstbewußtsein des Menschen, das heißt der Selbsterfassung der Idee, des Begriffes hat Hegel in grandioser Weise eine Weltanschauung entwickelt. Wir sehen in der Hegelschen Philosophie nur eben eine unendlich geniale Ausgestaltung desjenigen, was das Selbstbewußtsein in sich erfahren kann, wenn es in vollem Umfange seiner selbst eben gewahr wird. Und wir sehen auf der anderen Seite in den Anti-Hegelianern, wie sie, wenigstens wenn sie Philosophen sind, auch ausgehen vom Selbstbewußtsein. Sie verachten die Hegelianer, verachten jene breite Ausbildung im Ideell-Geistigen, wie sie durch Hegel erreicht worden ist aus dem menschlichen Bewußtsein heraus. Sie wollen bei einem Punkte bleiben, auf den sie immer wieder hinschauen, bei ihrem Selbstbewußtsein, das sich nicht ausbreitet, wie bei Hegel, aber sie gehen auch vom Selbstbewußtsein aus. Allein, indem man so charakterisiert, selbst wenn man mehr ins konkret-wissenschaftliche und philosophische Gebiet heruntersteigt, von diesem philosophischen Erfassen des Selbstbewußtseins aus kann man nicht allzuviel von der Natur des gegenwärtigen Zeitalters charakterisieren aus dem Grunde, der mir einmal besonders stark in einem Gespräch mit Eduard von Hartmann vor Augen trat. Wir sprachen über dasjenige, was erkenntnistheoretisch erreicht werden kann durch eine Kritik, eine Analyse des Selbstbewußtseins, und da sagte Eduard von Hartmann: Man sollte über solche Dinge heute überhaupt keine Bücher drucken lassen, sondern sie bloß hektographieren, damit sie nur in wenigen Exemplaren, vielleicht in sechzig Exemplaren vorhanden sind, denn nur so viel Menschen haben in Deutschland von den sechzig Millionen Interesse für solche Dinge. — Das ist auch wahr, wenn es sich um intimste philosophische Dinge handelt. Daher können Sie auch nicht erwarten, daß ich Sie hier behelligen will damit, wie sich im deutschen philosophischen Bewußtsein gerade das Selbstbewußtsein in der heutigen Zeit auslebt. Aber dieses Selbstbewußtsein zeigt sich ja seit dem letzten Jahrhundert nicht etwa bloß für den forschenden Philosophen, sondern es zeigt sich auf allen menschlichen Gebieten, und für diese meine ich es eigentlich. So wie der heutige Mensch über sich selber denkt, wie er stark in sich selber sein eigenes Wesen, sein Ich erfühlt — gewiß, es wird nicht beachtet von der äußerlichen Geschichtsforschung, aber die innerliche Geschichtsforschung weiß das -, so hat der Mensch einfach über sich selber nicht gedacht, nichts erkannt und gewußt vor dem 15. Jahrhundert. Da war das innerlich alles dumpfer. Da sagte man nicht mit jener Intensität «Ich», wie man es seither in der zivilisierten Menschheit sagen kann.
[ 21 ] Es ist also ein allgemeines Intensiverwerden des inneren Erlebens eingetreten. Dieses Intensiverwerden des inneren Erlebens zeigt sich auf dem Gebiete der Wissenschaft, indem man den Autoritätsglauben völlig abweist, indem man mit Recht nur dasjenige annehmen will, was sich vor dem eigenen Selbstbewußtsein rechtfertigen läßt. Es zeigt sich auf künstlerischem Gebiet, indem der Mensch überall dasjenige, was er in seinem tiefsten Selbstbewußtsein erleben kann, auch in das Kunstwerk hineinbilden, hineingestalten will. Es zeigt sich auf religiösem Gebiet, indem der Mensch ein Göttliches nur voll erleben kann, wenn es sich hineinsenkt in sein innerstes Selbst, das er stark erlebt, das er stark mit dem Göttlichen zusammen erleben will, wenn es überhaupt für ihn eine Geltung, eine Bedeutung haben soll. Im Sittlichen strebt der Mensch - ich habe das schon in meiner «Philosophie der Freiheit» in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gezeigt - nach Impulsen, nach ethischen Motiven, nach ethischen Regulierungen des Lebens, die aus dieser Wurzel seines starken Selbstbewußtseins hervorgehen. Und im sozialen Leben haben wir ja diese eigentümliche Erscheinung heute, daß überall soziale Forderungen auftreten, daß überall gesagt wird: Wir brauchen eine soziale Gestaltung des Lebens -, daß aber im Grunde genommen das menschliche Empfinden ganz weit entfernt ist von sozialen Empfindungen, von sozialem Fühlen. Und gerade weil uns das soziale Fühlen fehlt, fordern wir die soziale Gestaltung des Lebens. Wir möchten, daß von außen dasjenige komme, was uns eigentlich im Innern fehlt. Wir sagen: Wir müssen soziale Wesen werden -, weil wir in der neueren Zeit, gerade während der Wissenschaftsgeist groß geworden ist, im Grunde genommen nur in unserem Ich, in unserem Antisozialen stark geworden sind und heute nach dem Ausgleich zwischen diesem starken Ich und den sozialen Forderungen suchen.
[ 22 ] Und so tritt uns auf allen Gebieten dieses Selbstbewußtsein des Menschen entgegen. Derjenige, der die soziale Frage heute studiert aus der Gestaltung der menschlichen Arbeit heraus, derjenige, der Herz und Sinn dafür hat, was aus der sozialen Frage geworden ist unter dem Einfluß der modernen Technik, die den Menschen in so weitem Kreise hinweggebracht hat von der unmittelbaren Verbindung mit der Freude-erfüllten Arbeit; die ihn hingestellt hat an die gleichgültige Maschine - der weiß, wie auch auf diesem Gebiet das soziale Wollen aus dem erwachten Selbstbewußtsein nicht hervorgehen kann, weil dieses erwachte Selbstbewußtsein hingestellt ist vor etwas, vor die Maschine, der gegenüber dieses Selbstbewußtsein sich am wenigsten voll befriedigt fühlen kann.
[ 23 ] Nun, das steht auf der einen Seite: das Selbstbewußtsein des modernen Menschen. Aber wie konnte dieses Selbstbewußtsein zu dieser Kraft, die es nun einmal hat, kommen? Wodurch ist diese moderne Menschheit zu diesem starken Selbstbewußtsein erwacht? Man kann zu diesem Selbstbewußtsein zunächst nur kommen durch eine besondere Entfaltung des Gedankenlebens, des ideellen Lebens. Der Gedanke hat in früheren Epochen der Menschheit nicht die Rolle gespielt wie in der neueren Zeit. Aber gerade indem die Menschen fähig wurden, immer abstrakter und abstrakter, intellektualistischer und intellektualistischer zu denken, wurde das Selbstbewußtsein stark. Das Selbstbewußtsein wurde gerade unter der Kraft des Gedankens stark. Und so ist der Mensch dazu gekommen, das Denken bis zur höchsten Spitze auszubilden, während er früher mehr im Fühlen, im Anschauen, in der Intuition und Imagination und Inspiration gelebt hat, wenn diese auch traumhaft und unbewußt waren. Das Denken hat der Mensch ausgebildet, und mit dem Denken war es ihm möglich, im Gedanken sein starkes Selbstbewußtsein zu erringen.
[ 24 ] Aber damit ist der Mensch bei einer Einseitigkeit in unserem Geistesleben angekommen. Der Gedanke, er entfernt sich von der Wirklichkeit. Wer sollte nicht die Empfindung haben, daß der Gedanke niemals die vollsaftige Wirklichkeit erringen kann, daß der Gedanke nur ein Bild der Wirklichkeit bleibt! Mit einem Bilde der Wirklichkeit haben wir unser starkes Selbstbewußtsein als moderne Menschheit heranerzogen. Daher ist es so: Wenn es die Menschen sich auch noch nicht voll zum Bewußtsein bringen, wenn es die Menschen auch noch nicht aussprechen können, sie fühlen, sie empfinden es, und die Jugend von heute empfindet es mit besonderer Intensität, daß der Mensch dasteht mit wirklichkeitsfremden Gedanken. Er steht einmal gegenüber der Wirklichkeit mit seinem Selbstbewußtsein, dem Selbstbewußtsein, das denkend erfaßt worden ist. Es kann nicht heran an das Leben, es bleibt Bild. Es ist ohnmächtig gegenüber dem Leben. Wir sind ganz bei uns selbst in unserem Selbstbewußtsein, stellen uns innerlich so stark wie möglich auf uns selbst, aber wir sind ohnmächtig, wir dringen nicht mit den Gedanken in die Wirklichkeit hinunter. Dieses ist der eine Pol unseres modernen Geisteslebens: die Ohnmacht des selbstbewußten Denkens.
[ 25 ] Dieses Gefühl von der Ohnmacht des eigenen Ich durchzieht die moderne Menschheit. Das macht diese moderne Menschheit so, daß sie ohne Freudigkeit, ohne innere Hingabe, selbst ohne Verständnis an das Leben herantritt, weil immer das stark entwickelte Ich, das starke Selbstbewußtsein sich ohnmächtig selbst gegenüber demjenigen Leben fühlen muß, in dem man selber zu arbeiten hat. Das ist der eine Pol.
[ 26 ] Und der andere Pol, er stellt sich dadurch für die moderne Menschheit heraus, daß, während früher der Mensch aus den Tiefen seines Seelenwesens heraus allerlei erfaßte, oder, wie man heute zu sagen beliebt, etwas von der Wirklichkeit erfaßt zu haben glaubte, hat der heutige Mensch nur Vertrauen, wenn er die Außenwelt verfolgt in der Beobachtung, der sich gar nichts aus dem Inneren beimischt; wenn er in der sogenannten objektiven Beobachtung die Außenwelt verfolgt im Experiment. Das eigene Innere soll vollständig schweigen, wenn man beobachtet oder experimentiert. Nur die Außenwelt soll sprechen. Wozu ist man dadurch gekommen? Dadurch ist man dazu gekommen, diese Außenwelt in treuer Beobachtung, im exakten Experiment zu erforschen, aber man kann mit dieser Erforschung im Grunde genommen nicht weiter kommen als bis zum Mechanismus. Ein Mechanismus ist für die Astronomie das Weltenall geworden. Ein Mechanismus ist für die Geologie die sich gestaltende Erde geworden. Ein Mechanismus ist selbst der Organismus des Menschen geworden, und die modernen neo-vitalistischen Versuche sind ja nur mit unzureichenden Mitteln angestellte Versuche, ein wenig dasjenige zu erreichen, was nicht erreicht werden kann mit der wissenschaftlichen Methode, die nun einmal anerkannt ist, und die doch nur dazu führt, im Experiment, in der Beobachtung den Mechanismus — etwas radikal gesprochen: die Maschine - zu begreifen. Indem wir dazu kommen, die Maschine zu begreifen, glauben wir, indem wir gar nichts hineinmischen in den Zusammenhang der physikalischen und mechanischen Gesetze, die wir da in der Maschine zu einem Gewebe formen, da glauben wir, dasjenige, was vor uns steht, zu durchschauen. Wir durchschauen es in einem gewissen Sinne durchaus, durchschauen, wie die einzelnen Glieder eines Mechanismus ineinanderwirken, ineinanderlaufen. Wir fühlen uns zunächst, weil es uns anerzogen wurde aus der neueren Geistesrichtung, befriedigt, indem wir die Maschine begreifen, indem wir selbst das Weltenall, den Kosmos als Maschine begreifen, mit ineinanderlaufenden Rädern und so weiter. Wir glauben befriedigt zu sein, aber wir sind es im Inneren nicht. Da bleibt etwas zurück, was uns gerade in bezug auf unsere volle Menschlichkeit zurückstößt vor diesem Begreifen der Maschine. Ein Begreifen der Maschine ist dasjenige, was eigentlich zu der Großartigkeit, zu den Triumphen des modernen Wissenschaftsgeistes beigetragen hat. Warum? Durchsichtig wird uns, nicht für die Augen, aber für den Verstand, für das Begreifen, die Maschine. Wenn wir in den Organismus hineinschauen, da bleiben die Dinge zunächst für eine solche äußere Beobachtung dunkel. In der Maschine ist alles durchsichtig. Allein, wir müßten fragen: Begreifen wir den Diamanten deshalb besser, weil er durchsichtig ist? - Es ist einfach nicht wahr, daß dasjenige, was durchsichtig wird, deshalb für uns begreiflicher wird. Denn was in der Maschine wirkt, das fühlen wir auf die Dauer, wenn wir ihm gegenüberstehen, immer mehr und mehr als fremd unserem eigenen Wesen. Und das ist das unbewußte Gefühl, das sich geltend macht: Da steht die Maschine, durchsichtig wird sie dem Verstand, aber sie hat nichts, was du in dir selber finden kannst, sie ist dir ganz fremd. Und so fühlen wir uns hinausgestoßen aus der Welt, die wir begreifen, die wir maschinell begreifen. Wir fühlen uns zurückgestoßen durch den anderen Pol unseres geistigen Lebens. Während der eine Pol nicht hinein kann in die Wirklichkeit, ohnmächtig ist gegenüber der Wirklichkeit, stößt uns die Wirklichkeit, die wir begreifen, zurück. Das ist der tiefe Zwiespalt im modernen Menschen. Sein Selbstbewußtsein hat er durch das Denken ausgebildet, aber er kann mit diesem Denken nun nicht in die Welt hinein. Aus der Welt holt er sich die Maschine; indem er diese aber begreift, stößt sie ihn zurück, denn sie hat nichts mit dem Menschen gemeinschaftlich. Das Denken macht uns wirklichkeitsfremd; die Wirklichkeit der Beobachtung stößt uns zurück. Wie man auch sonst beschreiben mag die Zwiespälte des modernen Geisteslebens — diese sind ihre beiden Wurzeln, diese zwei Pole des modernen Geisteslebens: die Ohnmacht des selbstbewußten Denkens mit seinem bloßen Bildcharakter, welches nicht in die vollsaftige Wirklichkeit hineinzudringen vermag, und die mechanistisch vorgestellten Beobachtungs- und Experimentierinhalte, die einen als fremd unserem eigenen Wesen zurückstoßen. Scheinbar spricht man nur über das Feld der Wissenschaft, indem man von diesen Dingen spricht. Aber dasjenige, was man dabei bespricht, durchzieht unser ganzes modernes Leben.
[ 27 ] Nun, da steht also auf der einen Seite dieses moderne Geistesleben mit den eben geschilderten zwei Polen. Auf der anderen Seite steht die Anthroposophie. Die Anthroposophie, welche versucht, nicht stehen zu bleiben bei dem denkenden Selbstbewußtsein, sondern fortschreitet in innerer Entwickelung durch innere Seelenübungen, die ich noch zu schildern haben werde; die von dem aus fortschreitet, was wir auf selbstverständliche Art in dem Denken haben. Von diesem Denken wird durch Übungen zu einem anschaulichen, zu einem bildlichen, zu einem imaginativen Denken fortgeschritten; zu einem Denken, das dann so stark wird, daf% es ein Schauen wird; das so stark wird, wie sonst nur die Sinneseindrücke sind. Ich deute diese Dinge heute nur an, werde aber in den nächsten Tagen zu schildern haben, wie man in der Tat zum hellsichtigen Schauen einer übersinnlichen Welt kommt, indem man das Denken ausbildet.
[ 28 ] Dann aber, wenn man durch die Ausbildung des Denkens zur Imagination vorschreitet, dann steht man mit dieser Imagination, die nichts anderes ist als ein fortgebildetes Denken, nicht mehr einsam und allein da in dem Selbstbewußtsein, das der Wirklichkeit fremd geworden ist. Dann steht man in einer neuen geistigen Wirklichkeit drinnen, in der Wirklichkeit, in der man drinnen gestanden hat, bevor man aus der geistig-seelischen Welt in die physische Verkörperung heruntergestiegen ist. Denn sein vorgeburtliches Leben lernt man kennen, wenn man wirklich in systematischer Weise ausbildet dasjenige, was im denkenden Selbstbewußtsein eben zur menschlichen Einsamkeit gegenüber der Welt führt. Gerade das zur Imagination fortgebildete Denken führt zu einer neuen Wirklichkeit, zu derjenigen Wirklichkeit, die sich bemächtigt hat als unser eigenes Selbst unserer Leiblichkeit. Unser Ich erweitert sich über unsere Geburt beziehungsweise unsere Empfängnis hinaus. Wir gelangen in eine geistige Welt hinein.
[ 29 ] Wenn man auf der anderen Seite erfaßt gerade aus dem Geiste der modernen Wissenschaftlichkeit heraus das Beobachten, das Experimentieren, dann wird man gewahr, was allerdings viele Menschen nicht gewahr werden, daß da im Experiment selber das Denken ja vollständig schweigt. Wer wirklich den Experimentiervorgang und das wissenschaftliche Forschen im Experimentieren verfolgt, der wird finden, daß das Denken nur notifiziert, daß es eigentlich nur wie statistisch die Fälle auffaßt und Gesetze bildet, daß es aber nicht untertaucht in die Wirklichkeit. Was sich mit der Wirklichkeit verbindet im Experiment, das ist der menschliche Wille. Eine tiefere Psychologie wird das immer mehr und mehr erkennen. Anthroposophie forscht in der Art, daß sie, so wie sie auf der einen Seite das Denken fortbildet zur Imagination, auf der anderen Seite fortbildet den Willen zur Intuition und zur Inspiration. Wie gesagt, die Einzelheiten werde ich in den nächsten Tagen zu besprechen haben. Heute möchte ich nur das Prinzipielle angeben.
[ 30 ] Indem der Mensch dazu gelangt, diesen Willen, der ihm sonst so dunkel bleibt wie die Schlafzustände für sein eigenes Bewußtsein, zu erkraften, so zu erkraften, wie man das Denken für die Imagination erkraftet, kommt er dazu, nun seinen eigenen Organismus, seine eigene Leiblichkeit geistig-seelisch - nicht physisch natürlich durchsichtig zu machen. Das heißt, der Mensch kommt dazu, dasjenige, was er früher für die Außenwelt, für den Mechanismus, für die Maschine entwickelt hat, nun für das eigene Wesen zu entwickeln. Dieses eigene Wesen aber zeigt sich dann auf ganz andere Art. Da werden wir nicht zurückgestoßen. Da ergreifen wir das, was aus dem ganzen Kosmos heraus in unsere Menschlichkeit eingeflossen ist, in einer solchen Durchsichtigkeit, wie wir sonst nur die Maschine ergreifen. Aber wir sind es selbst, die wir uns ergreifen. Wir werden nicht zurückgestoßen. Wir erfassen uns in uns selber. Und wir erfassen, zunächst im Bilde, dasjenige, was der Moment des Todes ist. Wir lernen die Ewigkeit der Menschenseele nach der anderen Seite hin kennen. Wir lernen durch die Erkraftung unseres Willens kennen, wie der Leib durchsichtig wird, und wir lernen anschauend begreifen, wie wir vollziehen den Durchgang durch die Pforte des Todes, wie wir hinausgehen aus dem Leibe, um einzutreten in eine geistig-seelische Welt.
[ 31 ] Durch die Fortentwickelung des Denkens lernen wir das Vorgeburtliche erkennen. Durch die Kultur, durch die Ausbildung des Willens lernen wir das Nachtodliche erkennen, dasjenige, was über unseren Tod hinausliegt. Wir lernen uns selbst erkennen in einer Wirklichkeit, lernen uns hineinstellen in diese Wirklichkeit. Wir bleiben nicht mit unserem Selbst einsam. Wir lernen ein Denken, ein entwickeltes Denken, das hineindringt in das Leben, nämlich in das geistige Leben. Und wir lernen etwas beobachten, zunächst an uns selbst, dann an der Welt, was uns nicht zurückstößt, sondern sich verbindet mit dem entwickelten Denken. Wir überbrücken den Abgrund, der zwischen den zwei Polen liegt, dem selbstbewußten Denken und der mechanistischen Beobachtung. Wir eignen uns an durch anthroposophische Forschung ein Denken, das nicht ohnmächtig ist gegenüber der Wirklichkeit, sondern das untertaucht in die Wirklichkeit; wir lernen eine Wirklichkeit kennen, die hinauflangt bis zum innerlichen Seelenleben, dem entwickelten Wollen, das nun auch wiederum seinerseits hinauflangt bis zum Denken. Wir erweitern das Denken, daß es untertauchen kann in die Wirklichkeit; wir erweitern das Wollen so weit, daß es hinauflangen kann zu dem Denken. So erfassen wir mit dem geistigen Leben eine volle Wirklichkeit, in der der Mensch nun selber darinnensteht.
[ 32 ] In drei Stufen der Erkenntnis ergibt sich das dem Menschen. Es ergibt sich in der imaginativen Erkenntnis, durch die zunächst das Denken bis zur Bildlichkeit intensiviert wird, innerlich erkraftet wird, wo man schaut zunächst in Bildern die übersinnliche, die geistige Welt. Dann kommt die inspirierte Erkenntnis. Ste können darüber Näheres in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» finden. In den nächsten Tagen werde ich auch noch manches zu charakterisieren haben. Durch die inspirierte Erkenntnis dringt die geistige Welt in unsere Seele herein. Dann kommt die intuitive Erkenntnis, durch die wir uns selber hineinstellen in die geistigen Wesenhaftigkeiten der Welt. Aber ohne daß man selber Geistesforscher wird, kann man, einfach durch den gesunden Menschenverstand, begreifen dasjenige, was der Geistesforscher herausholt aus der übersinnlichen Welt durch Imagination, Inspiration, Intuition. Eignet man sich diese Wahrheiten an, zum Beispiel die Wahrheiten, die durch imaginative Erkenntnis erlangt werden, dann bereichert man das innere Seelenleben. Wie bereichert man das innere Seelenleben?
[ 33 ] Nun, mit demjenigen, was mit Recht so großartig geschildert wird, unserem wissenschaftlichen Leben, unserem Wissenschaftsgeist, mit dem leben wir eigentlich in einer Seelenverfassung, die uns Menschen nur angemessen ist als intellektualistische Seelenverfassung, wenn wir völlig erwachsen sind, wenn wir in die zwanziger Jahre gekommen sind. Sehen wir nur auf das menschliche Lebensalter hin, das unmittelbar vorher liegt, auf das Alter, sagen wir, vom vierzehnten bis zum zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahr. Da leben wir ein Leben — derjenige, der auf solche Dinge wirklich sein Augenmerk lenken kann, der eine tiefere Psychologie in der Seele hat, der weiß das und kann es erforschen -, da leben wir so, daß aus unserem Inneren herauftauchen intensive Seelenerlebnisse. Nicht abstrakte Gedanken sind es da. Da sind es die Jugendideale, die innerlich vollsaftig sind, mit innerer Intensität und voll Kraft, die man erlebt nicht bloß wie blasse, matte Gedanken. Da steht der Mensch unter dem Eindruck einer inneren Impulsivität.
[ 34 ] Was ist es, was da wirksam ist? Nun, was da im Menschen wirksam ist, es lebt eigentlich halbträumerisch in ihm. Er bringt es sich nicht in diesem Lebensalter zum Bewußtsein. Auch durch die gewöhnliche Wissenschaft kann es nicht zum Bewußtsein gebracht werden. Diese gewöhnliche Wissenschaft wird nie ergründen, was im Menschengemüt vor sich geht, was auch nur im menschlichen Leibe vor sich geht, sagen wir, zwischen dem vierzehnten und dem einundzwanzigsten Jahr. Das lehrt erkennen nur die imaginative Erkenntnis. Die bringt es zum Bewußtsein. Unterbewußt arbeitet es in unseren Jugendjahren in uns, was bewußt nur durch die imaginative Erkenntnis zur Offenbarung kommen kann. Der jugendliche Mensch, der das vierzehnte Jahr überschritten hat -— wer wirkliche Pädagogik kennt, weiß es -, der sehnt sich nach einer Erkenntnis, die imaginativ ist, denn nur dadurch versteht er sich selbst. Sonst muß er bis über das zwanzigste Jahr hinaus warten, bis das intellektualistische Leben vollgültig in ihn eintritt. Und dann kann er eben doch nur zum denkenden Bewußtsein kommen, mit dem er einsam ist. Er ödet sich hin, wenn ich mich so ausdrücken darf, bis zu diesem Zeitpunkte im menschlichen Leben. Er verlangt nach einer Offenbarung von seiten der Alten, die diese Alten ihm nur geben könnten — wenn sie seine Lehrer, seine Erzieher, seine Führer sind —, wenn sie imaginative Erkenntnisse hätten. Dann würden sie ihm sagen können, was er ist.
[ 35 ] Und zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, da leben wir ein innerliches Leben leiblich-seelisch-geistig so, daß das, was da unbewußt geschieht, was da Realität ist, nur begriffen werden kann für das inspirierte Erkennen. Nicht das äußere, intellektualistische, experimentierende Erkennen kann wissen, was sich eigentlich im Menschen herausarbeitet in den Kindheitsjahren. Da will alles nun nicht nach Naturgesetzen, sondern nach künstlerischen Impulsen sich gestalten. Da arbeiten in uns Inspirationen aus dem Weltenall heraus. Und die ältere Generation wird den Kindern zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahr, approximativ gesprochen, nur sagen können, wonach diese Kinder sich sehnen, wonach ihr ganzes Fühlen und Wollen hindrängt, wenn sie etwas weiß von inspirierter Erkenntnis. Wir werden mit den Kindern unterrichtend, erziehend nur wiederum reden können, wenn wir etwas wissen von inspirierten Welterkenntnissen.
[ 36 ] Und gar mit den ganz kleinen Kindern - «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen». Es ist doch ein tiefes Wahrwort, dieses Christus-Wort. In diesem Lebensalter, während des Säuglingsalters, des Alters bis zum Zahnwechsel hin, lebt das Kind so, daß man das Einleben seines Seelisch-Geistigen in das Physisch-Leibliche, dieses Hineinkraften, dieses plastische Gestalten des Leibes aus dem Seelischen heraus, nur mit intuitiver Erkenntnis begreifen kann. Daher die Kinder uns nur verstehen werden - fühlend, instinktiv - und von uns in der richtigen Weise beeinflußt werden können, wenn wir religiös geformte Wahrheiten bekommen können von einer Ausbildung der intuitiven Erkenntnis.
[ 37 ] So versteht die Jugend in unserem heutigen geistigen Zeitalter den alten Menschen deshalb nicht, weil wir als Menschen im Grunde genommen unsere Jugend verlieren. Denn wir würden sie nur dann nicht verlieren, wenn dasjenige, was wir in den Kindheits- und Jugendjahren erleben, von uns erinnert werden könnte im späteren, reifen Alter durch Rückschau vermittelst derjenigen Erkenntnisse, die aus Imagination, Inspiration und Intuition kommen. Mit diesen Erkenntnissen können wir uns vertiefen in unsere Kindheit, in unser Jugendalter. Mit diesen Erkenntnissen können wir als Lehrer, als Erzieher, als Menschheitsführer zu den Kindern, zu der Jugend so sprechen, daß uns diese Kinder fühlendinstinktiv verstehen, daß uns die Jugend verstehen lernt. Die Kluft zwischen der Jugend und dem Alter kann nur auf diese Weise ausgefüllt werden. Sie wird nicht auf andere Weise ausgefüllt werden können. Und es wird, wenn nicht der Wille vorhanden ist, in dieser Weise die Kluft zu überbrücken oder auszufüllen, unser Zeitalter in immer höherem Maße dasjenige zeigen, was es schon jetzt zeigt: daß die Jugend das Alter, das Alter die Jugend nicht versteht.
[ 38 ] Und die Folge davon ist, daß der Mensch den Menschen nicht versteht, daß ein soziales Leben immer mehr und mehr unmöglich wird. Einzig und allein durch Hereinstellen einer geistgemäßen Erkenntnis -— wenn ich mich dieses Goetheschen Ausdrucks bedienen darf - in unseren Wissenschaftsgeist, durch die Erweiterung unseres Wissenschaftsgeistes zu einer solchen geistgemäßen Erkenntnis, wird der Mensch sich voll begreifen können, wird der Mensch dazu kommen, nun sein Selbst nicht so ohnmächtig zu haben, daß es nicht an die Wirklichkeit herandringt, sondern die Wirklichkeit so zu beobachten vermögen, daß sie ihn nun nicht zurückschlägt. Einzig und allein dadurch wird er die beiden Pole, den Gedankenpol und den Wirklichkeitspol, die einander so fremd im modernen Menschen gegenüberstehen, zu einem lebendigen Ausgleich bringen können.
[ 39 ] So darf Anthroposophie, wenn sie auch nicht entstanden ist etwa in abstrakter Weise aus der Beobachtung des Suchens der Zeit, aus der Beobachtung der Sehnsuchten unserer Zeit, darf Anthroposophie, nachdem sie aus wissenschaftlichen Untergründen entstanden ist, dennoch darauf hinweisen, wie sie gerade auf den wichtigsten Gebieten des Zeitalters dasjenige leisten darf, wenigstens wird leisten können, wonach dieses Zeitalter im tiefsten Sinne des Wortes verlangt.
[ 40 ] Das wollte ich als eine Einleitung, gewissermaßen als ein Vorwort den Betrachtungen der nächsten Tage voranschicken, damit charakterisierend, wie diese Anthroposophie sich selber auffassen möchte. Sie möchte sich so auffassen, daß sie nicht tote, abstrakte Erkenntnis, nicht Erkenntnis in Theorien bloß ist, daß sie durch das Leben im Leben erfaßte und selber lebendige Erkenntnis ist; daß sie einströmt in den Menschen nicht bloß als Gedanken und nicht bloß als Beobachtungsresultate, sondern als ein Lebensblut der Seele; daß sie als Leben im Menschen selber vorhanden ist.
[ 41 ] Gewiß, Anthroposophie wäre die unbescheidenste der Unbescheidenheiten, wenn sie den Glauben erwecken wollte, so und so viele Welträtsel sind vorhanden, so und so viele Welträtsel können gelöst werden. Darum handelt es sich nicht. Das Leben ist voll von Rätseln, und nur solange es Rätsel gibt, wird Leben sein. Denn wir müssen die Rätsel erleben, und im Erleben der Rätsel können wir allein das Dasein auf wirklich menschliche Weise weiterführen. Eine Welt, in der es keine Fragen gäbe, wäre eine unlebendige Welt. Darum handelt es sich nicht, daß Anthroposophie versprechen will, alle Lebensrätsel zu lösen. Aber sie möchte durch ihren eigenen Charakter das sein, was imstande ist, dem Leben zu dienen, auch durch die Erkenntnis und durch die Kraft, welche dem ganzen, dem vollen Menschen, auch dem künstlerischen, dem religiösen, dem sittlichen, dem sozialen Menschen die wirkliche Grundlage geben kann. Dem Leben möchte Anthroposophie dienen. Sie möchte diesem Leben dadurch dienen, daß sie selber nicht bloß totes, daß sie lebendiges Wissen ist und damit eine eigene Lebenskraft entfaltet. Sie möchte dem Leben dienen, und dem Leben kann nichts anderes dienen als das Leben selber. Daher möchte Anthroposophie selber Leben werden, um dem Leben der Menschheit zu dienen.
