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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

18 March 1904

Über die Kabbala

[ 1 ] Wir haben gesehen, daß die Bibel immer tiefer und tiefer verstanden werden kann, je mehr wir eindringen in die theosophische Lehre. Sie sollen aber heute sehen, wie die Theosophie, die theosophische Weisheit durch Jahrtausende hindurchgegangen ist und sich in den verschiedenen Zeiten nur durch Namen, Worte und so weiter verschieden gestaltet hat. Der heutige Abriß soll etwas behandeln, was gelehrt worden ist bei den alten Juden. Die Kabbala ist heute selbst unter den Juden etwas, was man seiner tiefen Weisheit nach sehr wenig kennt. Bei denjenigen kommt es manchmal noch zutage, wo man es am wenigsten vermuten würde. Wenn Sie einen gelehrten Juden träfen, der aus dem fernsten Galizien kommt, der äußerlich recht wenig auf sich gibt und für die zivilisierte Menschheit abstoßend wirken kann, dann könnten Sie die Erfahrung machen, daß derselbe Reste der kabbalistischen Weisheit noch kennt. In Österreich nennt man diese Leute «WunderRabbi», weil sie gewisse äußere magische Künste kennen, zum Beispiel können sie viel besser als unsere modernen Ärzte Suggestion ausüben. Bis zu einem gewissen Grade sind sie sogar eingeweiht.

[ 2 ] Etwas werde ich sagen über das, was in der Kabbala steht. In meinem Buche «Theosophie» werden Sie finden, daß jene Geheimlehren zusammenstimmen mit dem, was wir in der Theosophie lernen.

[ 3 ] Die Kabbala unterscheidet innerhalb der Welt zwölf Glieder, wovon das erste und das letzte geheim bleiben, weil sie überhaupt nicht in Worte zu bringen sind. Nur die zehn übrigen werden in Worte gebracht. Diese zehn übrigen werden in drei Gruppen eingeteilt: erstens die sogenannte Geistwelt, die Welt der reinen geistigen Wesenheiten, zweitens die Welt des Seelischen, drittens die Welt der Körperlichkeit.

[ 4 ] Nun sagt der Kabbalist jedem seiner Schüler sofort: Niemals kannst du mit Augen eine dieser drei Welten sehen, sondern jederzeit kannst du nur das «Reich» sehen. -— Das «Reich» ist das, was unsere Welt ist, die uns umgibt. Ich sehe einen Menschen, sagt der Kabbalaschüler, aber was ich sehe, ist im «Reiche». In Wahrheit ist dieser Mensch in der dreigliedrigen Welt. Er hat Körper, Seele und Geist. Durch den Körper atmet er, ernährt sich; durch die Seele fühlt er und durch den Geist denkt er. Das alles tritt uns entgegen als ein Ganzes, als das «Reich». Das ist das zehnte der Glieder. Dieses zehnte Glied ist der Zusammenfluß der übrigen neun in der verschiedensten Art und Weise.

[ 5 ] Erstens: die Welt des Körperlichen: Das Körperliche hat wieder drei Glieder. Jeder Körper ist in sich. Wäre er nicht in sich, so wäre er überhaupt nicht da. Stößt du auf ihn, so nimmst du seine Festigkeit wahr. Stößt er auf dich, so nimmst du seinen Schein wahr. Deshalb unterscheidet man: Fundament, Festigkeit, Schein. Das sind die drei Sephiroth der Körperlichkeit. Damit haben wir vier Sephiroth:

[ 6 ] Reich 10

[ 7 ] Festigkeit 9

[ 8 ] Fundament 8

[ 9 ] Schein 7

[ 10 ] Zweitens: Seelenwelt. Wiederum drei Sephiroth. Das erste ist dasjenige, was wir jetzt, in der Theosophie, die Sympathie nennen und was die Kabbala Liebe nennt. Liebe ist dasjenige, was der Seelenkörper ausgibt, wenn er an einen anderen herankommt. So wie die Festigkeit mir von einem Körper entgegentritt, so ist die Liebe das, was ich ausgebe. 6

[ 11 ] Das zweite Sephiroth ist die Gnade, die eigentlich nicht mehr bloß ausgebend ist wie die Liebe, die schon mehr in sich geschlossen ist; die nicht sich so ausgibt wie die Liebe, sondern die von innen heraus austeilt. 5

[ 12 ] Das dritte Sephiroth ist die Gerechtigkeit, die lediglich ausgleichend ist. 4

[ 13 ] Das sind die drei Seelen-Sephiroth.

[ 14 ] Nun zu den Sephiroth der Geistwelt. Sie sind das eigentlich Tätige.

[ 15 ] Das erste nennt die Kabbala den Weltverstand. 3

[ 16 ] Das zweite den Weltgedanken: der Verstand, der den Gedanken hat. 2

[ 17 ] Das dritte ist das Grundsephiroth, das nennt der Kabba list die Höhe oder die Krone, die Vereinigung von Verstand und Gedanke (Kether — die Höhe). 1

[ 18 ] Das sind die zehn Sephiroth. Nun sagt der Kabbalist zum Schüler: Du hast von jeder dieser Welten ein Glied in dir. Du hast aus der Körperwelt deine vegetative Seele (nephesch), Pflanzenseele, ätherischer Doppelkörper. Du hast aus der Seelenwelt die Leidenschaftsseele, die empfindende Seele (ruach), und du hast aus dem Geisterlande die denkende Seele (neschamah).

[ 19 ] Das war das Gerippe der jüdischen Geheimlehre.1Die anschließenden Notizen von Ausführungen über frühgnostiche Lehren wurden hier weggelassen, da sie nicht nur lückenhaft, sondern offensichtlich auch fehlerhaft sind und die von Rudolf Steiner benützten literarischen Quellen nicht eruiert werden konnten. Jedoch finden sich die Notizen des Vortrages gesamthaft in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft 29, wiedergegeben.

[ 20 ] Nächste vier Seiten: 4 Notizblätter zum Sephiroth-Kategorien-Problem

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