Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
Anhang
Vorbemerkung:
[ 1 ] Da in den Notizen von den Darstellungen der Logoslehre im letzten Vortrag von Teil I und von Teil II der entscheidend dazugehörige Gedanke von der «Schöpfung aus dem Nichts» nicht in Erscheinung tritt, folgen hier ergänzende Ausführungen darüber, wie sie in anderen Vorträgen gegeben worden sind.
Aus Vortrag Berlin, 30. Oktober 1905 (in GA 93a)
[ 2 ] Der Gang der Entwickelung in der Welt tritt uns in drei Stufen entgegen: in Bewußtsein, Leben und Form. Das Bewußtsein in seinen verschiedenen Arten drückt sich aus in den sieben Planeten: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. Auf jedem Planeten geht es durch sieben Lebensreiche, und jedes Lebensreich geht durch sieben Formzustände.
[ 3 ] Unsere physische Erde ist ein solcher Formzustand, der vierte Formzustand oder Globus in dem vierten Lebensreiche des vierten Planeten oder Bewußtseinszustandes. Wir denken uns nun die Erde, wie sie jetzt ist und fragen uns: Was tun wir hier? — Wir nehmen die Gegenstände draußen im Raume, zunächst im Mineralreiche, und bilden daraus Kunstwerke. Da kombinieren wir; wir bilden aus Einzelheiten ein Ganzes. Dies ist ein Schaffen innerhalb der Form. Nun kann noch auf andere Weise etwas Neues entstehen, nämlich auf ähnliche Art wie zum Beispiel aus einer Pflanzenwurzel Stengel, Blätter und Blüten entstehen. Diese Blüte setzt man nicht zusammen wie eine Maschine, durch Kombination, sondern sie muß hervorwachsen aus dem, was schon da ist. Das ist ein Vorgang innerhalb des Lebens. Aus dem, was da ist, wird etwas Neues geschaffen.
[ 4 ] Bei der dritten Art der Hervorbringung, bei derjenigen aus dem Bewußtsein, geht etwas hervor auf solche Weise, daß wir sagen können: Es war vorher im Grunde genommen eigentlich nichts da - ein Nichts.
[ 5 ] Versetzen wir uns an den Uranfang einer solchen planetarischen Entwickelung, ganz an den Anfang der Saturnentwickelung. Was haben wir da zu beobachten? Es war noch kein physischer Planet da, nicht einmal in der feinsten Arupaform war ein Planet vorhanden, sondern wir sind da noch vor dem Augenblicke, wo der Saturn im ersten Anfange da ist. Da ist von unserer Planetenkette noch gar nichts vorhanden; wohl aber die ganze Frucht der vorhergehenden Planetenkette ist da, so ähnlich, wie wenn wir am Morgen aufwachen, noch nichts getan haben und lediglich die Erinnerung an das, was wir am vorherigen Tage getan haben, in unserem Geiste enthalten ist. So haben wir —- wenn wir uns so ganz in den Anfang der Saturnentwickelung versetzen - in den sich offenbarenden Geistern die Erinnerung an eine vorherige Planetenkette, an das, was vorher gewesen ist. Nun versetzen wir uns an das Ende der Planetenkette, in die Zeit, da die Vulkanstufe zu Ende geht. Während der Planetenkette ist nach und nach als Schöpfung zutage getreten, was an Anlage am Anfange vorhanden war. Wir haben also zuerst einen Ausfluß des Bewußtseins; aus dem Inhalt des Früheren heraus, aus der Erinnerung heraus schafft das Bewußtsein das Neue. Es ist am Ende also etwas da, was am Anfange nicht da war: nämlich alle Erfahrungen. Was am Anfange da war, ist herausgeflossen in lauter Dinge und Wesenheiten. Ein neues Bewußtsein ist am Ende entstanden mit einem neuen Inhalt, ein neuer Bewußtseinsinhalt. Es ist etwas, was aus dem Nichts hervorgegangen ist, aus Erfahrungen. Wenn wir das Erneuern im Leben betrachten, müssen wir uns sagen, es muß ein Same da sein, der das möglich macht. Aber der neue Bewußtseinsinhalt am Ende einer planetarischen Entwickelung ist tatsächlich aus dem Nichts hervorgegangen, aus Erfahrungen; dazu braucht man keine Grundlagen, es schafft etwas, was aus dem Nichts entsteht. Man kann nicht sagen, wenn eine Persönlichkeit die andere anschaut, sie habe der anderen etwas entzogen, wenn sie in der Folge die Erinnerung an die andere Persönlichkeit in sich trägt. Diese Erinnerung ist aus dem Nichts hervorgegangen. Das ist eine dritte Art des Schaffens: aus dem Nichts heraus. Die drei Arten des Schaffens sind also folgende:
[ 6 ] Kombinieren der vorhandenen Teile (Form)
[ 7 ] Hervorgehenlassen neuer Gebilde mit neuem Lebensinhalt aus vorhandenen Grundlagen (Leben)
[ 8 ] Schaffen aus dem Nichts heraus (Bewußtsein).
[ 9 ] Es sind dies drei Definitionen von Wesenheiten, die eine Planetenkette hervorbringen, einer planetarischen Kette zugrunde liegen. Man nennt sie die drei Logoi. Der dritte Logos bringt aus der Kombination hervor. Wenn aus der einen Substanz etwas anderes hervorgeht mit neuem Leben, so ist das der zweite Logos, der hervorbringt. Überall aber, wo wir ein Hervorgehen haben aus dem Nichts, da haben wir den ersten Logos. Daher nennt man den ersten Logos oft auch das in den Dingen selbst Verborgene, den zweiten Logos die in den Dingen ruhende Substanz, die Lebendiges aus Lebendigem schafft, den dritten Logos den, der alles Vorhandene kombiniert, aus den Dingen die Welt zusammensetzt.
[ 10 ] Diese drei Logoi gehen in der Welt immer durch- und ineinander. Der erste Logos erfährt auch die innere Weisheit und auch den Willen. Im Schaffen des ersten Logos ist Erfahrung, das heißt, Gedankensammeln aus dem Nichts und dann wieder Schaffen nach den Gedanken aus dem Nichts. Die Schöpfung aus dem Nichts ist aber nicht so gemeint, als ob gar nichts dagewesen wäre, sondern daß im Laufe der Entwickelung Erfahrungen gemacht werden und daß im Laufe des Werdens Neues geschaffen wird, daß das, was da ist, gleichsam abschmilzt und aus der Erfahrung heraus Neues geschaffen wird. |
[ 11 ] Diese Schöpfung geschieht vergleichsweise so: Jemand sieht einen anderen Menschen an und merkt sich das Bild. Wäre er schöpferisch begabt wie der erste Logos, dann könnte er sich folgendes sagen: Ja, ich habe NN gesehen und ich kenne auch den Begriff des umgekehrten NN. Ich kann mir auch ein negatives Bild von ihm machen: Also statt wo Schwarz ist, Weiß und umgekehrt. So hat er aus der Erfahrung des Objekts und dessen Negativs ein vollständig neues Gebilde geschaffen. Dies könnte er mit Leben begaben. Es wäre ein neues Gebilde, das früher nicht da war. Nehmen wir nun an, jemand macht dieses so mit vielen Menschen und die vielen Menschen würden zugrunde gehen, so würde der Beobachter nach seinen Erfahrungen eine neue Welt schaffen können.
[ 12 ] Indem man die Welt betrachtet, sieht man fortwährend die drei Logoi ineinanderwirken. Wir wollen uns innerhalb unseres Planetensystems das Wirken der drei Logoi in bezug auf den Menschen vorstellen. Denken wir uns den Punkt des Anfanges der Saturnentwickelung, als noch nichts da war. Was geschieht da? Da wird alles, was vorher vorhanden war, gleichsam wie ausgeträufelt. Alle Dinge, die vorher da waren, werden ausgeströmt. Was auf diese Weise entsteht, das würde die allererste Stoffergießung sein aus der Summe der Erfahrungen von früher. Alles, was früher aufgenommen worden ist, wird in Form von Stoff ausgeströmt. Darin ist auch der Stoff enthalten, aus dem später die Menschheit entsteht. Dieser Stoff ist zunächst bloß als Stoff da. Diese Ausströmung muß dann fortwährend aufgebaut, zusammenkombiniert werden. Diese Kombination des ausgeströmten Stoffes ist eine neue Schöpfung. Das ist zunächst ein Schaffen des dritten Logos; nach der Ausströmung des Stoffes also ein Schaffen des dritten Logos.
[ 13 ] Was bedeutet das nun für den Menschen? Für den Menschen bedeutet das nun, daß zunächst alle die Teile zusammenkombiniert werden, die dann seinen physischen Körper bilden. Der Mensch war damals, auf dem Saturn, ein richtiger Automat. Wenn man damals in ihn ein Wort hineingesprochen hätte, hätte er es wieder herausgesprochen. Formen der Wesen werden gebildet. Dies nennt man die Arbeit des dritten Logos und sie dauert bis in die Sonnenzeit hinein, in der der Mensch dann auch den Ätherkörper, das Leben bekommt. Dies ist die Arbeit des zweiten Logos. Nun gehen wir weiter bis in die Erdenzeit. Da bekommt der Mensch selbst ein Bewußtsein, das heißt die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln aus dem Nichts heraus. Dies ist die Arbeit des ersten Logos. Der Mensch auf dem Saturn erhält das, was Form in ihm ist, von dem dritten Logos. Der Mensch auf der Sonne erhält das, was Leben in ihm ist, von dem zweiten Logos. Der Mensch auf der Erde erhält das, was Bewußtsein in ihm wird, von dem ersten Logos.
[ 14 ] Der Begriff des Bewußtseins muß uns noch ein wenig klarer werden. Wir müssen uns dazu vollständig herausarbeiten den Begriff des Bewußtseins auf einem bestimmten Plan. Der Mensch ist bewußt, aber es handelt sich darum, zu wissen, wo sein Bewußtsein ist. Der Mensch ist jetzt bewußt auf dem physischen Plan, wenn wir von dem Wachbewußtsein sprechen. Aber das Wachbewußtsein könnte ja auch auf dem Astralplan sein. Wenn bei einem Geschöpf das Leben auf dem physischen Plan und das Bewußtsein auf dem Astralplan ist, so ist das ein Tier.
[ 15 ] Beim Menschen ist das Bewußtsein im Kopfe lokalisiert. Beim Tier, zum Beispiel beim Tiger, ist das Bewußtsein auf dem Astralplan. Es schafft sich außerhalb des Kopfes einen gewissen Angriffspunkt, durch den es auf den Tiger wirkt. Wenn der Tiger Schmerz empfindet, dann geht der Schmerz auch über auf den Astralplan. Das Organ dafür ist bei dem Tiger vor dem Kopfe, an der Stelle, wo beim Menschen die Stirne ist. Beim Menschen ist der Punkt bereits in den Kopf eingeschlossen und mit dem Vorderhirn ausgefüllt; es ist das Bewußtsein eingefangen worden durch das Gehirn und den Vorderschädel und ist daher auf dem physischen Plan. Bei dem Tiger und überhaupt bei allen Tieren liegt der Knotenpunkt des Bewußtseins vor dem Kopfe, im Astralen, da geht es in die Astralwelt hinein. Bei der Pflanze ist es wiederum anders. Wenn wir ihr Bewußtsein verfolgen könnten, würden wir, von oben nach unten gehend, immer an der Wurzelspitze herauskommen. Wenn wir dann die Linie des Wachstums verfolgen, so würden wir an den Mittelpunkt der Erde kommen. Da ist der Sammelpunkt aller Empfindungen, der Aufsaugepunkt des Bewußtseins der Pflanzen. Er steht direkt in Verbindung mit der mentalen Welt. Die gesamte Pflanzenwelt hat ihr Bewußtsein im Mentalen. Bei der gesamten mineralischen Welt ist das Bewußtsein auf den höchsten Gebieten der Mentalwelt, auf dem Arupaplan. Die Steine haben ihr Bewußtsein so, daß wenn wir den Punkt suchen wollten, wir ihn wie eine Art Sonnenatmosphäre finden würden. Wenn wir auf der Erde die mineralische Welt bearbeiten, Steine klopfen, steht jede einzelne Tat zu dieser Sonnenatmosphäre in einer gewissen Beziehung. Dort spürt man, was der Mensch hier arbeitet. Da haben wir also eine Reihe von Wesenheiten auf dem physischen Plan, deren Bewußtsein aber auf verschiedenen Planen liegt.
Aus Vortrag Stuttgart, 15. September 1907 (in GA 101)
[ 16 ] Aber zunächst wollen wir einmal untersuchen, was Involution und Evolution bedeuten. Betrachten wir einmal eine Pflanze, eine vollentwickelte Pflanze mit Wurzel, Blättern, Stengel, Blüte, Frucht, kurz mit allen Teilen, die eine Pflanze nur haben kann. Das ist das eine. Und nun betrachten Sie das kleine Samenkorn, aus dem die Pflanze wiederum entstehen kann. Wer den Samen anschaut, sieht nur ein kleines Körnchen, aber in diesem kleinen Körnchen ist die ganze Pflanze schon enthalten; sie steckt gewissermaßen eingehüllt darin. Warum steckt sie darin ? Weil das Korn genommen ist von der Pflanze, weil die Pflanze alle ihre Kräfte in das Samenkorn hineingelegt hat. Deshalb unterscheidet man im Okkultismus die beiden Vorgänge: Der eine besteht darin, daß sich das Samenkorn aufrollt und zur ganzen Pflanze entfaltet - Evolution; der andere, daß sich die Pflanze zusammenfaltet, so daß ihre Gestalt gewissermaßen hineinkriecht in das Samenkorn -— Involution. Wenn also irgendein Wesen, das viele Organe hat, sich so heranbildet, daß von diesen Organen nichts mehr sichtbar ist, daß sie zusammengeschrumpft sind zu einem kleinen Teil, so nennt man das eine Involution, und das Auseinandergehen, das Sichentfalten eine Evolution. Überall im Leben wechselt diese Zweiheit, aber stets nur im Offenbaren. Nicht bloß bei der Pflanze können Sie das verfolgen, auch in den höheren Gebieten des Lebens verhält es sich so. Verfolgen Sie zum Beispiel einmal in Gedanken die Entwickelung des europäischen Geisteslebens von Augustinus bis Calvin bis über das Mittelalter hinaus. Wenn Sie den Blick schweifen lassen über das Geistesleben dieser Zeit, so werden Sie bei Augustinus selber eine gewisse mystische Innigkeit sehen. Niemand wird seine Schriften, besonders seine «Bekenntnisse» lesen, ohne zu empfinden, wie tief innig das Gefühlsleben dieses Menschen war. Und wenn wir dann weiter hinaufsteigen in der Zeit, so finden wir eine so wunderbare Erscheinung wie Scotus Eriugena, einen Mönch, der aus Schottland stammte und daher auch der schottische Johannes genannt wurde, der am Hofe Karls des Kahlen lebte. In der Kirche hat er schlecht abgeschnitten; die Sage erzählt, daß seine Ordensbrüder ihn mit Stecknadeln zu Tode gemartert hätten. Wörtlich ist das freilich nicht zu nehmen; aber wahr ist, daß er zu Tode gemartert wurde. Ein herrliches Buch ist von ihm verfaßt worden: «De divisione naturae» — «Über die Einteilung der Natur» -, das eine ungeheure Tiefe aufweist. Weiter finden wir die Mystiker der sogenannten deutschen Pfaffengasse, wo diese Gefühlsinnigkeit ganze Volksmassen ergriffen hat. Es waren nicht nur die Spitzen der Geistlichkeit, sondern auch das Volk; die Menschen, die auf dem Acker oder in der Schmiede arbeiteten, sie alle wurden von jener Gefühlsinnigkeit ergriffen, die sich als ein Zug der Zeit in dieser Weise auslebte. Weiter hinauf finden wir Nicolaus Cusanus, der 1400-1464 lebte. Und so können wir die Zeit hinauf verfolgen bis zum Ende des Mittelalters; immer finden wir jene Gefühlstiefe, jene Innigkeit, die sich über alle Kreise hin ausbreitete. Wenn wir nun diese Zeit vergleichen mit der späteren, die sie ablöste, mit derjenigen, die im 16. Jahrhundert beginnt und bis zu uns herauf sich erstreckt, dann bemerken wir einen gewaltigen Unterschied. Am Ausgangspunkte sehen wir Kopernikus stehen, der durch einen umfassenden Gedanken eine Erneuerung des Geisteslebens bewirkt; der diesen Gedanken so der Menschheit einverleibt, daß heute für einen Narren gilt, wer etwas anderes glaubt. Wir sehen Galilei, der an den Schwingungen einer Kirchenlampe in Pisa die Pendelgesetze entdeckt. So können wir Schritt für Schritt den Gang der Zeit verfolgen, überall würden wir den strikten Gegensatz zum Mittelalter finden. Das Gefühl nimmt immer mehr und mehr ab, die Innigkeit schwindet; der Verstand, die Intellektualität kommt mehr und mehr heraus, die Menschen werden immer klüger und gescheiter. Da folgen zwei Zeitepochen aufeinander, die genau entgegengesetzten Charakter haben. Die Geisteswissenschaft gibt uns die Erklärung beider Zeitepochen. Es gibt ein okkultes Gesetz, das besagt, daß es so sein muß. In der Zeit von Augustinus. bis Calvin war die Epoche mystischer Evolution und intellektueller Involution, und seither leben wir in einer Zeit intellektueller Evolution und mystischer Involution. Was bedeutet das? Von Augustinus bis zum 16. Jahrhundert war eine Zeit der äußeren Entfaltung des mystischen Lebens, da war es draußen. Aber etwas anderes war damals erst keimhaft vorhanden: das intellektuelle Leben. Es war wie ein Same gleichsam in der geistigen Erde verborgen, um sich nach dem 16. Jahrhundert nach und nach zu entfalten. Das intellektuelle Leben war also dazumal in der Involution, so wie die Pflanze im Samen drinnen ist. Nichts in der Welt kann entstehen, wenn es nicht vorher in einer solchen Involution war. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Intellektualität in der Evolution, das mystische Leben ist zurückgetreten, es ist in der Involution. Und jetzt ist die Zeit gekommen, wo dieses mystische Leben wieder heraustreten muß, wo es durch die theosophische Bewegung wieder zur Entfaltung, zur Evolution gebracht werden muß.
[ 17 ] So wechselt überall im Leben Involution und Evolution ab im Offenbaren. Aber wer dabei stehenbleibt, betrachtet nur die Außenseite. Will man das Ganze betrachten, so muß noch ein Drittes hinzukommen, das hinter diesen beiden steht. Was ist dieses Dritte? Denken Sie sich einmal, Sie stünden einer Erscheinung der Außenwelt gegenüber und Sie denken darüber nach. Sie sind da, die äußere Welt ist da, und in Ihnen entstehen Ihre Gedanken. Diese Gedanken waren früher nicht da. Wenn Sie zum Beispiel den Gedanken der Rose bilden, so entsteht dieser erst in dem Augenblick, wo Sie in Beziehung zu der Rose treten; Sie waren da, die Rose war da; und wenn nun in Ihnen der Gedanke, das Bild der Rose aufsteigt, so entsteht etwas ganz Neues, noch nicht Dagewesenes. Das ist auch auf anderen Gebieten des Lebens der Fall. Stellen Sie sich den schaffenden Michelangelo vor. Michelangelo hat ja beinah nie nach Modellen gearbeitet. Wir wollen uns aber einmal vorstellen, er habe eine Gruppe von Modellen zusammengestellt. Michelangelo war da, die Modelle waren da. Aber das Bild, das Michelangelo nun von dieser Gruppe in der Seele hat, das ist neu, das ist eine völlig neue Schöpfung. Das hat nichts zu tun mit Involution und Evolution. Das ist ein völlig Neues, das entsteht aus dem Verkehr eines Wesens, das empfangen kann, mit einem Wesen, das geben kann. Solche Neuschöpfungen entstehen immer durch den Verkehr von Wesen mit Wesen. Solche Neuschöpfungen sind ein Anfang. Erinnern Sie sich an das, was wir gestern hier betrachtet haben, wie die Gedanken schöpferisch sind, wie sie die Seele veredeln können, ja später sogar an der Formung des Körpers arbeiten. Dasjenige, was irgendein Wesen einmal denkt, die Gedankenschöpfung, die Vorstellungsschöpfung, die arbeitet, die wirkt weiter. Sie ist eine Neuschöpfung und zugleich ein Anfang, aber sie zieht Folgen nach sich. Wenn Sie heute gute Gedanken haben, so sind diese Gedanken fruchtbar für die fernste Zukunft, denn Ihre Seele geht ihren eigenen Weg in der geistigen Welt. Ihr Leib geht wieder in die Elemente zurück, er zerfällt. Aber wenn auch alles zerfällt, wodurch der Gedanke entstanden ist, die Wirkung des Gedankens bleibt, der Gedanke wirkt fort. Nehmen wir noch einmal das Beispiel von Michelangelo. Seine herrlichen Bilder haben auf Millionen von Menschen erhebend gewirkt. Aber diese Bilder werden einst zu Staub zerfallen, und es wird Generationen geben, die nichts mehr von seinen Schöpfungen sehen werden. Was in Michelangelos Seele gelebt hat, bevor seine Bilder äußere Gestalt angenommen haben, was zuerst als Neuschöpfung in seiner Seele war, das lebt fort, das bleibt, und das wird in künftigen Entwickelungsstufen hervortreten und Form gewinnen. Wissen Sie, weshalb uns heute Wolken und Sterne entgegentreten? Weil es in der Vorzeit Wesen gab, die den Gedanken der Wolken und der Sterne hatten. Alles entsteht aus Gedanken-Schöpfungen, und der Gedanke ist eine Neuschöpfung. Aus Gedanken ist alles entstanden, und die größten Dinge der Welt sind hervorgegangen aus den Gedanken der Gottheit.
[ 18 ] Da haben Sie das Dritte. Im Offenbaren wechseln die Dinge zwischen Evolution und Involution. Aber dahinter steht tief verborgen das Dritte, das erst die Fülle gibt, eine Schöpfung, die eine völlige Neuschöpfung ist, die aus dem Nichts hervorgegangen ist. Dreierlei gehört also zusammen: Die Schöpfung aus dem Nichts, und dann, wenn diese offenbar wird und in der Zeit verläuft, nimmt sie die Formen des Offenbaren an: Evolution und Involution.
Aus Vortrag Berlin, 17. Juni 1909 (in GA 107)
[ 19 ] Das Schaffen aus Verhältnissen heraus nennt man in der christlichen Esoterik das Schaffen im Geiste. Und das Schaffen aus richtigen, schönen und tugendhaften Verhältnissen heraus nennt man in der christlichen Esoterik den Heiligen Geist. Der Heilige Geist beseligt den Menschen, wenn er imstande ist, aus dem Nichts heraus das Richtige oder Wahre, das Schöne und Gute zu schaffen. Damit aber der Mensch imstande geworden ist, im Sinne dieses Heiligen Geistes zu schaffen, mußte ihm ja erst die Grundlage gegeben werden, wie zu allem Schaffen aus dem Nichts. Diese Grundlage ist ihm gegeben worden durch das Hereintreten des Christus in unsere Evolution. Indem der Mensch auf der Erde das Christus-Ereignis erleben konnte, wurde er fähig, aufzusteigen zum Schaffen im Heiligen Geist. So ist es Christus selbst, welcher die eminenteste, tiefste Grundlage schafft. Wird der Mensch so, daß er feststeht auf dem Boden des Christus-Erlebnisses, daß das Christus-Erlebnis der Wagen ist, in den er sich begibt, um sich weiterzuentwickeln, so sendet ihm der Christus den Heiligen Geist, und der Mensch wird fähig, im Sinne der Weiterentwickelung das Richtige, Schöne und Gute zu schaffen.
[ 20 ] So sehen wir, wie gleichsam als letzter Abschluß dessen, was dem Menschen eingeprägt worden ist durch Saturn, Sonne und Mond, auf der Erde das Christus-Ereignis gekommen ist, welches dem Menschen das Höchste gegeben hat, was ihn fähig macht, in die Perspektive der Zukunft hinein zu leben und immer mehr heraus zu schaffen aus den Verhältnissen, aus dem, was nicht da und nicht dort ist, sondern davon abhängt, wie der Mensch sich stellt zu den Tatsachen seiner Umwelt, was im umfassendsten Sinne der Heilige Geist ist. Das ist wiederum solch ein Aspekt der christlichen Esoterik. Es hängt die christliche Esoterik zusammen mit dem tiefsten Gedanken, den wir haben können von aller Entwickelung, mit dem Gedanken der Schöpfung aus dem Nichts.
[ 21 ] Deshalb wird auch jede wahre Entwickelungstheorie niemals den Gedanken der Schöpfung aus dem Nichts fallenlassen können. Nehmen wir an, es wäre nur Evolution und Involution, so wäre eine ewige Wiederholung da, wie es bei der Pflanze ist, so würde auf dem Vulkan nur dasjenige da sein, was auf dem Saturn seinen Anfang genommen hat. So aber kommt zur Evolution und Involution die Schöpfung aus dem Nichts hinzu und in die Mitte unserer Entwickelung hinein. Nachdem Saturn, Sonne und Mond vergangen sind, tritt auf die Erde der Christus als das große Bereicherungselement, welches bewirkt, daß auf dem Vulkan etwas ganz Neues da ist, etwas, was noch nicht da war auf dem Saturn. Derjenige, der nur von Evolution und Involution spricht, der wird von der Entwickelung so sprechen, als wenn sich alles nur wiederholen würde wie ein Kreislauf. Solche Kreisläufe aber können nimmermehr die Weltenentwickelung wirklich erklären. Nur wenn wir zur Evolution und Involution diese Schöpfung aus dem Nichts hinzunehmen, die den Verhältnissen, die da sind, Neues einfügt, dann kommen wir zu einem wirklichen Verständnis der Welt.
