Bewußtsein — Leben — Form
GA 89
4 July 1904
Sein, Leben und Bewußtsein I
[ 1 ] Was wir genau verstehen müssen, sind die Beziehungen zwischen den Begriffen: Sein, Leben und Bewußtsein. Was versteht man mystisch darunter? Denken wir uns ein Kind, das schreiben lernt, und alle Verhältnisse, die sich abspielen während des Schreibenlernens, jedes für sich: den Schreiblehrer, Materialien, womit alles zubereitet wird, nur nicht das Kind dabei. Wenn man sich dies als erstes vorstellt, das zum Schreiben gehört, hat man sich vorgestellt den ersten Aspekt des Seins. Nun [denken wir uns] alle Tätigkeiten, die Handgriffe, die das Kind sich erwirbt, für sich: das Leben abgesondert vom Sein. Nun lassen wir das erste und zweite für sich und nehmen den Aspekt, der sich ergibt, wenn das Kind abgeschlossen hat mit den Tätigkeiten. Es kommt nur in Betracht, was dem Kinde die Gewalt gegeben hat zum Schreiben: das Bewußtsein. — Überall finden wir die drei Aspekte: Sein, Leben und Bewußtsein.
[ 2 ] Nun wollen wir diese Begriffe genau festhalten, denn wenn man in der Theosophie spricht von Sein (Form), Leben und Bewußtsein, bringt man oft falsche Vorstellungen hinein. Es handelt sich darum, daß das Sein mit dem Leben in eine Wechselwirkung tritt, und das Ergebnis ist das Bewußtsein. Nun wollen wir die Begriffe [Evolution, Involution], die wir in der gestrigen Stunde gewonnen haben, anwenden. Wenn wir die Wechselwirkung des Seins mit dem Leben betrachten, sehen wir, daß das Sein übergeht in das Leben, das Leben nimmt das Sein auf. Was auf diese Weise vom Leben in das Sein aufgenommen wird, hüllt sich wieder in Involution, geht in dem Bewußtsein auf. So daß wir sagen können: ein jedes Bewußtsein ist Evolution eines involvierten Lebens und Seins. Wenn wir ein Bewußtsein untersuchen können, so fragen wir: Welch ein Leben ist in diesem Bewußtsein, welch ein Sein in diesem Leben involviert?
[ 3 ] Nehmen wir jetzt unser Bewußtsein, dieses Bewußtsein, das wir jetzt haben - Selbstbewußtsein. Wenn wir es untersuchen, werden wir es charakterisieren, wie ich es versuchte im Buch [«Theosophie»] in Anknüpfung an Jean Paul: Selbstbewußtsein ist — Ich bin Ich.
[ 4 ] Nun wollen wir aufsuchen, was darinnen involviert ist: das Leben dieses Bewußtseins muß darinnen involviert sein. Dieses Bewußtsein, das jetzt Selbstbewußtsein ist, muß früher gewesen sein ein Bewußtseinsleben, und dies Bewußtseinsleben ist darin involviert. Denken wir weg von dem: Ich bin Ich - das «Ich», dann sagt dies Bewußtsein nicht: Ich [bin Bewußtsein], sondern: Ich bin Leben. Das Bewußtsein hat sich erst aus ihm entwickelt. Da wir aber auf der Stufe des Selbstbewußtseins sind, so haben wir statt des lebendigen Bewußtseins das bewußte Bewußtsein. Vorher hatten wir das seiende Bewußtsein: Ich bin das Sein.
[ 5 ] Wir wollen es uns ordentlich übersetzen.
[ 6 ] «Ich bin das Ich» ist leicht zu übersetzen: der gegebene Tatbestand, den der Mensch erlebt.
[ 7 ] «Ich bin das Leben» müssen wir näher betrachten. Wenn wir das tun, werden wir finden, daß wir über das bloße «Ich» hinausgehen zur Grundlage und müssen uns fragen, wie hat sich entwickelt: «Ich bin das Leben». Es muß Wechselwirkung sein zwischen Sein und Leben. Sein ist im Leben involviert. Wenn wir dies bedenken, bekommen wir einen Begriff vom Menschen selbst, denn was da lebt in dem Begriff «Ich bin das Leben», ist der Mensch, bevor er Ich geworden ist. «Mensch» ist das Allgemeine, «Ich» das Besondere. Der Mensch ist in dem Ich involviert, kommt zur Evolution in dem «Ich». Sprechen wir auf dieser untern Stufe den Satz aus [«Ich bin das Leben»], müssen wir sagen: «Ich bin ein Mensch.» Sagen wir diesen Satz, so holen wir aus dem Innersten, was okkult in ihm eingewoben ist, und verstehen, was wir nicht mehr sind, sondern einmal waren und was involviert in uns enthalten ist.
[ 8 ] Dritter Satz: «Ich bin das Sein». Wenn wir dieses nehmen, so müssen wir uns klarmachen, daß dies eine Summe von äußeren Verhältnissen ist, die nunmehr ganz in das Innere eingeschlüpft sind als der innerste Kern, als die dritte Schicht, die tief in uns verborgen liegt.
[ 9 ] Ich bin Ich = was heute gegeben ist; Ich bin das Leben = [Lükke]; Ich bin das Bewußtsein: Wir sprechen die ganze äußere Welt in der Bewußtseinsstufe an; wir haben das Wesen als solches, das uns zugrunde liegt, denn vorher hat es nicht Bewußtsein und Leben gegeben, sondern Verhältnisse, Verhältnisse, die sich zusammengeballt haben und zu unserem innersten Wesen geworden sind. Dann müssen wir den Satz umsetzen in: «Ich bin ein Element». Denn das ist das Elementare.
[ 10 ] Wir haben also diese drei Stufen des Bewußtseins, die wir in uns verfolgen können:
1. Ich bin Ich
2. Ich bin ein Mensch
3. Ich bin ein Element.
[ 11 ] Wenn wir weitergehen, würde uns der Faden unserer drei Begriffe verlassen, aber er wiederholt sich immer. Es wird wiederum «Sein», indem es sich mit andern verbindet.
[ 12 ] Das vierte ist also die Vereinigung. So daß wir, wenn wir aufsteigen, zum Satze kommen: Ich bin in der Vereinigung. Dann verhält sich das Ich wie die früheren Tatsachen, die sich vereinigt haben, um sich ins Leben hineinzufinden. Das Ich-Bewußtsein wird also wieder ins Sein aufgenommen. Ebenso war das Sein früher schon Bewußtsein. So daß in dem ersten Sein ein früheres Bewußtsein schon involviert ist. - Wenn wir jetzt zurückgehen vom Satze: Ich bin ein Sein, Element, kommen wir zum Satz: Ich bin ein Vorbewußtsein. Dieses Vorbewußtsein kann man auch so ausdrücken: Ich bin ein Dhyan Chohan. In der christlichen Esoterik wird es so ausgedrückt:
Ich bin ein Gott
Ich bin eine Herrlichkeit (Element)
Ich bin eine Macht (Mensch)
Ich bin eine Gewalt (Fürstentum)
[ 13 ] Wir haben früher dasselbe genannt:
Allbewußtsein (jetzt Vorbewußtsein)
Lebensbewußtsein (oder Planzenbewußtsein, d. i. das Elementare)
Mensch-Tierbewußtsein oder Traumbewußtsein (Ich bin Mensch, Menschheitsbewußtsein)
(jetzt erreicht) intellektuelles Bewußtsein: (Selbstbewußtsein).
[ 14 ] So haben wir noch einmal den Mikrokosmos in seiner Kette.
[ 15 ] Denken wir, es bricht jetzt durch die nächste Stufe, In der Vereinigung wird also das Ich wieder zum Element.
Ich bin ein Dhyan Chohan = Vorbewußtsein
Ich bin ein Element = Sein<
Ich bin ein Mensch = Leben
Ich bin Ich = Bewußtsein - SelbstbewußtseinSein = psychisches Bewußtsein
Leben = hyperpsychisches Bewußtsein
Bewußtsein = spirituelles Bewußtsein
[ 16 ] Nun wird das Selbstbewußtsein ins Sein erhoben. Was wir also heute ergreifen im Denken, wird zum Sein, damit wir einst das Bewußtsein haben von der ganzen Menschheit, indem wir unser Ich hinüberkappen über alle Menschen. Dies nennt man dann das psychische Bewußtsein. - Die nächste Stufe wird diejenige sein, wo das Ich eines jeden andern in uns Leben wird: das hyperpsychische Bewußtsein. - Auf der allerhöchsten Stufe nehmen wir die ganze Welt in unser Bewußtsein auf: Alles ist in uns: spirituelles Bewußtsein. (Alles was draußen ist, ist schon drinnen: göttliches Bewußtsein.)
[ 17 ] Stellen wir uns vor [es wird mit einem Papierblatt demonstriert]: die Papierfläche ist das Vorbewußstsein. Nun engt es sich ein:
[ 18 ] 1. Ich bin ein Element
[ 19 ] Nun engt es sich ein in etwas, was schon weniger ist:
[ 20 ] 2. Ich bin Mensch
[ 21 ] Dann:
[ 22 ] 3. Ich bin Ich
1. Das Ich wird dann selbst
2. Sein und tritt nach außen.
3. Es überstrahlt auch das Leben.
4. Es überstrahlt das ganze elementare Dasein und kommt dann wieder hinaus in das, was es war.
[ 23 ] Rekapitulieren wir, so finden wir, daß im Ich eine denkbar starke Involution liegt, daß es die vollständige Trias involviert enthält; sein Wesen enthält dies Ich vollständig verborgen im Finstern. Prüfen wir, was in dieses Finstere hineingekommen ist, so war es das Leben, es hat erhellt diese Finsternis, es schien hinein. Und vorher schien in das Leben hinein das Sein, und in dem Sein war involviert das Vorbewußtsein. Die Offenbarung des Vorbewußtseins ist nun wieder das Wort. - So daß wir sagen können: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheinet in die Finsternis, und die Finsternisse haben es nicht begriffen.»
[ 24 ] Das Ich muß nach außen scheinen, was es innerlich, okkult ist. Kein Äußeres darf dem Ich schaden, das Ich muß kraftvoll werden. Was es innerlich in sich hat, muß in äußerer Kraft hervortreten. Was findet es? Das, was sich früher evolviert hat, den Versucher, die Schlange, die da draußen sich windet. Das Ich muß die Schlange überwinden, und nun müssen wir uns klar sein, daß dies das Zeichen dafür ist, daß jemand den lebendigen Christus in sich geboren hat, wenn er das Tödliche, den Versucher, den Tod überwindet, den Fürst dieser Welt.
[ 25 ] (Markus 16, 17-18): Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen vertreiben, und so sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden.
[ 26 ] So du im Innern Licht bist, wird dein Auge einfältig sein. (Es wird das Licht durchlassen.) So du aber ein Schalk bist, wird in dir Finsternis sein. So aber in dir Finsternis ist, wie groß muß denn die Finsternis überhaupt sein.
Zustand vor dem Jahre 30:
Ich-übermenschliches Ich- Christus
Ich - menschliches Chela Ich - Jesus: Palästina
Ich - menschliches Chela Ich - Johannes der Evangelist: Alexandrien
Zustand nach 30: Christus in Jesus; Jesus in Johannes
[ 27 ] Worauf es ankommt im Testament, sind die hinter dem Worte stehenden Tatsachen; in den andern heiligen Büchern sind es die Lehren. (Im Alten Testament handelt es sich im Verhältnis zum Neuen um eine Involution. Es ist der Makrokosmos im Verhältnis zum Mikrokosmos.)
