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Bewußtsein — Leben — Form
GA 89

7 July 1904

Sein, Leben und Bewußtsein II

[ 1 ] Aus dem Angeführten von Evolution und Involution ist zu sehen, daß wir bei jeder Erscheinung fragen können: Was ist evolviert? [Was ist involviert?]

[ 2 ] Wenn wir die physische Erde betrachten, werden wir verschiedene Aggregatzustände finden: den festen, flüssigen, luftförmigen, ätherförmigen. Die Stoffe sind nur ihrer Außenseite nach für physische Menschen [Sinne] wahrnehmbar, sie haben noch eine Innenseite, die involvierte. Wahrnehmbar ist die äußere, die evolviert ist.

[ 3 ] Wenn wir Feuer, Luft und Wasser nehmen, können wir sagen, daß sie Repräsentanten sind für die drei Stufen, die wir genannt haben:

Feuer - Stufe des Seins,
Luft - Stufe des Lebens,
Wasser — Stufe des Bewußiseins.

[ 4 ] Man drückt das so aus, daß man sagt, das Wasser steht in irgendeiner Beziehung zum Bewußtsein, denn für den physischen Menschen stellt das Astrale das dar, worin er sich empfindend bewußt wird.

[ 5 ] Gehen wir zur Erde, so sind wir zur Stufe des Seins gelangt, wenn er [der Mensch] irdisch wird, wird er selbstbewußt. So daß diese vier Aggregatzustände vier Zustände im Menschen darstellen:

Sein, Leben, Bewußtsein und dann wieder Sein.

[ 6 ] Gehen wir zurück zum Zustand, in dem der Mensch so war, wie oft beschrieben: quall-, gallertartig, so daß dazumal er noch nicht dazu gelangt war, in seinem Innern die Luft als solche verbrauchen zu können.-Er war Wassermensch. Somit ist klar, daß dazumal das Organ zur Aufnahme der Luft keinen Zweck gehabt hätte. Es war auch nicht [vorhanden] und [somit auch] nicht die Lufttiere, die Vögel. Wir sind im Prozeß der Vorbereitung zum Lungenmenschen und der Tiere, die in seinem Gefolge entstanden.

[ 7 ] Der Mensch bereitet sich vor, die Luft aufzunehmen, das kann nur geschehen, indem er .... sich eine äußere Form bereitet, in dem das betreffende Formlose leben kann. Die Lunge ist nichts anderes als die Evolution dessen, was in der Luft involviert ist. Die Lunge ist somit die Evolution des Lebens [der Luft].

[ 8 ] Halten wir fest: Der Mensch entwickelt sich vom Lungenlosen zum Lungentier, er schafft sich Form, und in die Form kann einziehen das Leben. Die Begleiterscheinung: Vogelwelt. Der gallertartige Mensch wird nun fest, nimmt die chaotische, früher staubartige Materie in sich auf, und parallel mit dieser Assimilierung der Materie geht die der Luft. Zweierlei vollzieht sich: Assimilation des Erdenstaubes und Einsaugen des Prinzips des Lebens mit der Luft. Er wird von innen, seelisch lebend.

[ 9 ] Wir haben also diesen Moment zu verzeichnen. Die Vogelwelt ist das, was bleibt als ein ewiges Symbol von des Menschen lebender Seele. Daher der Phönix, der sich in der Asche fortwährend erneuert und verbrennt.

[ 10 ] In einem solchen Vorgang, wie die Erschaffung einer Form durch ein Prinzip, müssen wir etwas Typisches sehen.

[ 11 ] Früher hatten wir in der Luft als solche die äußere Hülle für das in ihr enthaltene Lebensprinzip, und jetzt die Lunge, [die] die äußere Hülle ist für das im Menschen enthaltene Lebensprinzip.

[ 12 ] Makrokosmisches Leben und Luft stehen zueinander in solcher Beziehung wie mikrokosmisch Menschenleben und Lunge.

[ 13 ] So kann die Bibel wieder wörtlich genommen werden: Zusammenfügung des Erdenstaubes mit dem lebenden Menschen.

[ 14 ] Wenn wir die ganze Entwickelung überschauen, so gehen jedem mineralischen Zustand des Lebens drei frühere Zustände voraus und drei folgen nach. Wollen wir uns fragen: wie verhalten sich diese 7 Zustände? In dem mittleren ist ein gewisses Verhältnis zwischen Sein, Leben und Bewußtsein. Es ist ungefähr das des Gleichgewichts. Wenn wir uns dies vorstellen, daß sie gleich verteilt sind, so bekommen wir den mittleren Planeten, haben wir Bilanz:

[ 15 ] Sein oder Leib [a], Leben oder Seele [b], Geist oder Bewußtsein [c]. Der Planet ist in seinem mittleren Zustand:

$$a = b = c$$

[ 16 ] Es sind noch andere Verhältnisse möglich ( = gleich, > überwiegend):

$$a = b > c$$ $$a > b = c$$ $$4a > b > c$$

[ 17 ] Andere Verhältnisse sind nicht möglich.

[ 18 ] Wenn Sein die andern Zustände schroff überwiegt, so daß Leben und Bewußtsein keimhaft enthalten sind, haben wir ArupaZustand. Lassen wir das Leben so auftreten, daß es das Sein enthält, haben wir es mit der Form, Rupa, zu tun. Überwiegt das Bewußtsein... [Lücke], so haben wir das Astralische. Sind sie gleich, [haben wir] das Physische.

[ 19 ] Wenn wir den Arupazustand haben, haben wir evolviert das Sein, involviert Leben und Bewußtsein. Rupa-Zustand: evolviert Sein und Leben, involviert Bewußtsein. Astral-Zustand: alle drei evolviert, aber Sein und Leben größer als Bewußtsein. Im Physischen ungefähres Gleichgewicht der Verhältnisse.

[ 20 ] Wir haben uns bemüht, von den verschiedenen Standpunkten den Dingen nahezukommen und Begriffe flüssig zu erhalten, anzuheften an die Dinge.

[ 21 ] In jeder Form des Begreifens nur eine Hülle für das Wesen zu sehen, ist ein wichtiger okkulter Satz. Das Wesen muß in uns leben. Wir müssen uns fortwährend Kleider und Hüllen vom Wesen der Sache machen, uns aber bewußt sein, daß in diesen Hüllen und Kleidern das Wesen der Sache gar nicht enthalten ist. In dem Augenblick, wo wir eine Ausdrucksform für das innere Wesen der Sache gefunden haben, haben wir das Esoterische exoterisch gemacht. Niemals kann also das Esoterische anders mitgeteilt werden als in exoterischer Form.

[ 22 ] Bilde fortwährend Formen des Begreifens, aber überwinde zugleich immer diese selbstgeschaffenen Formen des Begreifens. Erst bist du, zu zweit sind die von dir geschaffenen Formen des Begreifens, drittens bist wieder du, indem du die Formen in dich aufgenommen und sie überwunden hast. Das heißt: du bist erst Sein, dann Leben in deinen selbstgeschaffenen Formen und drittens Bewußtsein in den Lebensformen, die du dir assimiliert hast. - Oder auch: du bist du und sollst dich in deinen Formen evolutionieren, um dann die evolutionierten Formen in dir wieder zu involvieren.

[ 23 ] So ist des Menschen Begreifen auch Sein, Leben und Bewußtsein.

[ 24 ] Es ist unmöglich, in einer Dogmatik-Lehre das Um-und-Um einer Wahrheit zu sehen; die Dogmatik ist nur der zweite Moment. Erst wenn man sie überwunden hat, hat man die Wahrheit der Dinge selbst eingesehen. Daher der wichtige Satz:

[ 25 ] Der Mensch muß, um die Wahrheit zu erkennen, dogmatisieren, aber er darf nie im Dogma die Wahrheit sehen.

[ 26 ] Und damit haben wir das Leben des Wahrheit suchenden Menschen, der das Dogma umschmelzen kann im Feuer des Begriffs.

[ 27 ] Daher schaltet der Okkultist in der freiesten Weise mit dem Dogma.

[ 28 ] Diese Erkenntnis, dieser Schlag in der Welt des Begriffes und wieder Gegenschlag, heißt Dialektik, während man das Festhalten des Begriffes Logik nennt. Dialektik ist also das Leben der Logik, und derjenige, der den Geist der Dialektik versteht, wird da, wo er die höheren Gebiete des Erkennens berührt, die starren, toten Begriffe in lebendige umwandeln, also sie auf bestimmte Personen verteilen. Er verwandelt die Logik in ein Gespräch. Daher hat Plato die Logik dialektisiert, in ein Gespräch verwandelt.

[ 29 ] Grüne Schlange von Goethe
Gold - Weisheit
Licht - Form, in der Weisheit sich auslebt.
Was ist herrlicher als das Licht? Das Gespräch!

[ 30 ] Schluß von Rudolf Steiners «Mystik». Angelus Silesius:

Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen, So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.