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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

2 May 1904, Berlin

23. Zum Weissen Lotustag

[ 1 ] In wenigen Tagen wird es dreizehn Jahre sein, dass die Begründerin der theosophischen Gesellschaft das irdische Dasein verlassen hat. Sie wirkte zunächst in geheimen Gesellschaften, denn nicht durch das freie Wort, sondern in geheimen Zirkeln wurde die theosophische Weisheit vorgetragen, hinter streng verschlossenen Türen.

[ 2 ] Das ist indessen mehr bildlich als wörtlich zu nehmen. Die Rosenkreuzer haben den Weisheitsschatz bewahrt, der jetzt in populärer Form in der Theosophie fließt. Die Taktik und Diplomatik sind durch Helena Petrowna Blavatsky geändert worden. [Mehr als in früherer Zeit sind die Menschen heute zur Selbsteinkehr und zur Selbsterkenntnis genötigt, um des eigenen Herzens geheime Tiefen kennenzulernen. Deshalb ist bei den Leitern der Menschheit der Entschluss reif geworden, die Wahrheit hineinzutragen in die Menschlichkeit und zu allen Menschen von dem zu sprechen, was sonst in den Mysterien verborgen war.] Aber nicht nur die Ergebnisse drangen aus den geheimen Brüderschaften heraus, sondern auch das Wort selbst. Was wir heute verkündigen, ist mehr ein Buchstabieren. Es soll aber hinführen zum Lesen der tiefsten Wahrheiten der Menschen.

[ 3 ] Bedeutende Persönlichkeiten haben in irgendeiner Beziehung zu diesen geheimen Gesellschaften gestanden. Goethe knüpft im Märchen bewusst an das Geheimwissen aller Zeiten an. Es gibt ein Gedicht, das er zur Verherrlichung der rosenkreuzerischen Gesinnung geschrieben hat, ein Gedicht in welchem das ausgesprochen worden ist, was heute den Lebensnerv der theosophischen Bewegung ausmacht. Das Gedicht heißt «Die Geheimnisse».

[ 4 ] Dort sucht der demütige Pilger Bruder Markus nach einem Ruheplatz der menschlichen Seele, nach dem Montserrat - geistig -, der ein Höhepunkt menschlich geistiger Entwicklung war. Er kommt bei diesem Suchen in ein merkwürdiges Kloster. Zwölf Einsiedler sind darin. Der dreizehnte ist der Träger der größten Weisheit, ein Führer der Menschheit. Durch je einen der zwölf Einsiedler wird symbolisiert eine der Kräfte der Völker. Markus, der Dreizehnte, soll vereinigen, was die Menschheit auf verschiedenen Wegen gesucht hat. In den zwölf Brüdern sind die menschlichen Meinungen symbolisiert. Der Dreizehnte ist derjenige, welcher sie vereinigt. Wenn wir heute die im Gedichte gekennzeichnete Gesinnung betätigen, so sind wir auf dem ideellen Montserrat.

[ 5 ] Am Eingange des Klosters findet sich das Symbolum, das Kreuz mit Rosen umschlungen, [Platon sagt:] das Weltenkreuz der Materie, an dem die Weltenseele gekreuzigt sei. Mehr wie sonst lastet auf uns die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis. Wir müssen dieses Rätsel lösen, des Menschen Vergangenheit, des Menschen Gegenwart und des Menschen Zukunft. Diese Selbstschau ist zu üben, um dann darüber in der Sprache öffentlich zu sprechen, welche auf der ersten Stufe des Geheimlernens gegeben worden ist.

[ 6 ] Einige Worte über einen Einleitungsvortrag in den Geheimschulen finden Sie in einem der Monologe in Goethes «Faust», den Goethe erst nachher geschrieben hat. Was er da sagt, ist das Bekenntnis, dass der Mensch innerhalb des Universums leben muss und seine Grundregeln daraus zu holen hat. Es geht um die Szene «Wald und Höhle» aus «Faust I», da heißt es:

Erhabner Geist, du gabst mir alles, warum ich bat
Du hast mir nicht umsonst dein Angesicht im Feuer zugewendet
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich.
Kraft sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freundes zu schauen
Du fährst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert
Dann führst du mich zur sicheren Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst und meiner eigenen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber, schweben mir von Felsenwänden
Aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust
O, dass dem Menschen nichts Vollkommenes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes feuer
Nach jenem schönen Bild geschätig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuss
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde.
—[Faust I, Vers 3217-3250]

[ 7 ] [Wir sehen zuerst seine tief innerliche Naturempfindung, den großen Blick, den der Weltengeist ihm gestattete, und Goethe fährt dann aber mit der Zeile fort:]

zeigst mich dann mir selbst und meiner eigenen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

[ 8 ] [In den Mysterienschulen riefen im Frühling die Lehrer ihre Schüler zusammen, damit sie von den Tatsachen der Natur lernten.] Eröffnung der inneren Tiefen. Im Frühling, wenn die Natur erwacht, ist alles voller Wunder. Diese Wunder der Natur sollen nicht nur angestaunt, sondern auch entziffert werden. Die Mystik führt uns in die Natur auf allen Stufen, und wir können lernen, wie wir selbst als Menschen uns zu verhalten haben. In der Natur ist geschrieben, was theosophische Mystik ist. Verstehen wir die Wunder der Natur, dann verstehen wir auch die eigenen Wunder [dann begreifen wir, was in uns lebendig ist, den geheimen Sinn des Lebens. Keusch und stumm liegen die beiden untersten Reiche der Natur, das Steinreich und das Pflanzenreich, vor uns.]

[ 9 ] Das Steinreich steht vor uns wie ein Erinnerungszeichen an unsere frühere Vergangenheit. [Das Steinreich erinnert uns an eine Ferne, wo wir im dumpfen Trancezustand uns einst des hell leuchtenden Kristalls erfreuten; der Himmel selbst steht vor uns als Erinnerungssprache, die wir selber durchgemacht haben. Die Sternenwelt und das Steinreich erinnern uns an die Schöpferkraft, der wir entsprossen sind.]

[ 10 ] Und an eine andere Stufe erinnert uns das Pflanzenreich. Zurückgelassen haben wir nicht allein die Kristalle, sondern auch alles, was als scheinbar Lebloses vor uns steht. Majestätisch ist die scheinbar leblose Natur mit den Millionen von Sternen. An eine Allmacht majestätischer Schöpferkraft, der wir entsprossen sind, erinnert uns dieses Reich. Es ist nicht bloß unsere Erde, auf der wir eine kurze Spanne unseres Daseins zubringen, nein, es sind alle übrigen Welten, die der Okkultist kennt.

[ 11 ] [Majestätisch ist die ganze, scheinbar leblose Natur der Mineralien. Darauf baut sich auf das Reich des Wachstums, des Lebens.] Dann kommt das Pflanzenreich [ebenfalls als eine Erinnerungsstufe unseres eigenen Daseins anzuschauen]. Es ist etwas von ruhiger Seligkeit in jeder Pflanze vorhanden, eine selige Heiterkeit, welche sprießt und sprosst und durch die wir selbst hindurchgegangen sind [als wir uns aus dem majestätischen Reich der Mineralien herausgefunden hatten]. Diese zwei Regionen gehören den Welten an, die nur ein Geheimwisser erreichen kann.

[ 12 ] [Majestätische] Felsengebilde und Pflanzengebilde in seliger Heiterkeit finden sich überall. Eines gehört aber lediglich unserer Erde [, ein Reich findet der Seher nur auf unserer Erde, das Reich der höheren Tiere, da, wo Empfindung auftritt, wo das Lebendige in sich selbst beschlossen wird und Selbstgefühl entwickelt.] Das Tierreich können Sie nicht auf anderen Welten finden, wie es sich auf unserer Erde findet. Da, wo wir aus der seligen Heiterkeit heraus Lust und Schmerz, Freude und Leid entwickeln, entstehen die Gestalten, die wir kennen und für welche unsere Erde allein ein Schauplatz ist.

[ 13 ] Es ist oft gesagt worden, dass auf dem Antlitz der Tiere sich etwas ausdrückt, was man nur als Mitleid bezeichnen könnte. Die Tierheit sitzt wirklich im Leid. Die Tierheit ist entstanden, damit der Mensch sich losringen kann zu höheren Stufen. Er musste die Tierheit hinter sich lassen. Er musste aussondern das, was als lebendige Tierheit um uns herum lebt. [Daraus folgt für uns das Erbarmen gegen die Tiere, das die Ethik zum Führer hat.] Des Menschen Höhenzug musste erkauft werden mit der Ablösung der Tierheit. Dieser verfielen die, welche nicht die Fähigkeit hatten, sich vom Schmerz durch hohe Gedanken frei zu machen. Dann ging der Mensch den Qualen-Weg des Ich, um hinüberzugehen in eine andere, höhere Welt. Alles Lehren und Lernen soll nur dazu da sein, um uns zu dem zu führen, was jenseits des Lebens liegt[, denn des Menschen Wesen ist geistiger Natur]. Alles, was die Theosophie lehrt und nicht gelebt werden könnte, wäre vergebliche Mühe.

[ 14 ] [Wir können von der Natur lernen, wie sie uns in ihren drei Reichen drei Tugenden vorhält.] Es gibt drei Fundamentaltugenden des Menschen:

- Majestät - im ersten Reiche
- Selige Heiterkeit - im zweiten Reiche
- Leid und Freude [Erbarmen] — im dritten Reiche.

[ 15 ] Was sollen wir lernen von Lust und Leid? [Lust und Leid in Geduld ertragen lernen, das lehrt uns] Die Lehre von den Wiederverkörperungen. Das Tier kann sich nicht über den Zustand von Leid und Lust erheben. Des Menschen Wesenskern ist aber geistiger Natur. Und der Geist sucht einen Aufenthalt in dem, was Lust und Leid, Freude und Schmerz ist.

[ 16 ] Warte in Geduld - das ist es, was uns aus der großen Lehre der Reinkarnation folgt.

[ 17 ] Was lernen wir von dem Pflanzenreich in seiner seligen Heiterkeit? Wir lernen das, was uns fließen kann aus dem großen Gesetze, das uns ebenfalls die theosophische Weltbewegung in populärer Form gegeben hat, aus dem Gesetze von Karma, dem Gesetze der ewigen Verursachung aller geistigen Dinge.

[ 18 ] Es scheint das Wesen der Pflanzen zu sein, schmerzlos und ruhig in seliger Heiterkeit wieder hervorzubringen ihresgleichen. Sie sind ganz hingegeben dem Hervorbringen von ihresgleichen. Im Sprießen, Wachsen und Knospen besteht das opferwillige Leben der ganzen Pflanze, wenn wir der Welt gegenübertreten, nicht richten, nicht urteilen, sondern das, was sie tut, von uns aus zu verstehen suchen, wenn wir nicht richten, sondern zu begreifen suchen, dann tauchen wir in die Mitwesen ein und holen die Mittel, sie zu verstehen aus ihnen heraus. Das ist das, was das zweite Reich uns lehrt. Das Karmagesetz lehrt uns als den zweiten sittlichen Grundsatz die Liebe. Das Pflanzenreich erinnert uns an eine Vorstufe der Liebe.

[ 19 ] [Alsdann können wir auch das keusche, majestätische Reich der Steine begreifen. Durch unsere Selbsterkenntnis lernen wir das Selbst in jedem anderen Menschen schätzen, das uns ebenso groß gegenübersteht wie das Steinreich; und haben wir dieses begriffen, wie wir jedem Menschen gegenübertreten sollen mit Ehrfurcht, so haben wir drei Fundamentaltugenden, die uns die drei Naturreiche lehren: Ehrfurcht vor jedem Ich, das Reich der Mineralien; Liebe zu jedem Wesen, das Pflanzenreich und Geduldhaben, das Tierreich.]

[ 20 ] Unseres Herzens geheimste tiefste Wunder sind es, die uns die Theosophie gibt. Selbsterkenntnis sollen wir üben. Dann geht uns auf der tiefe Sinn eines okkulten Goethewortes, das scheinbar einfach ist: Erkenne dich und lebe mit der Welt in Frieden.

[ 21 ] Was in jedem Menschen zu sich Ich sagt, sagt in jedem anderen Menschen auch zu sich Ich. Diese Selbsterkenntnis führt zu wahrer, höchster Menschenachtung. Wir dürfen nicht eingreifen in das Leben der anderen Menschen, ebenso wenig wie wir in das Leben des Steinreiches hineindringen dürfen oder können. Das menschliche Selbst muss uns ein Heiligtum sein. Ehrfurcht vor jedem menschlichen Ich - das ist der dritte ethische Grundsatz, den die theosophische Bewegung wieder zu Ehren bringen will.

[ 22 ] Geduld, Liebe und Ehrfurcht sind die drei Tugenden im Reiche des Menschen. Durch Ehrfurcht nähern wir uns dem stummen Steinreich. Daraus fließt dann das, was in den Geheimschulen als Grundsatz vorhanden gewesen ist. Mache dir das stumme keusche Reich der leblosen Natur zu deinem Ideale, sodass du ehrfürchtig vor jedem anderen Ich stehst und es dein geistiges Schamgefühl verletzen würde, hineinzugreifen mit grober Hand in dasjenige, was ein menschliches Ich ist. Wenn das bei dir eintritt, dann hast du verstanden dieses höchste Ideal. Das ist es, was als die Siebenheit von Natur und Mensch verkündigt worden ist. Drei Tugenden im Reiche der Natur, drei Tugenden im Reiche des Menschen. Und dazwischen das Ich. Das Ich steht in der Mitte und entwickelt sich in derselben aber rückläufigen Stufenfolge, wie die Natur sie uns bietet. Wir schreiten also durch Geduld über Liebe zur Ehrfurcht fort.