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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

18 June 1904, Berlin

32. Reinkarnation und Karma

[ 1 ] Wenn man die individuelle Entwicklung verfolgt, darf man sich nicht auf den Menschen beschränken, weil dessen Entwicklung nur ein Spezialfall in der ganzen Natur ist. Entwicklung ist der Wechsel von Tag und Nacht, alles was in der Zeit abläuft, Ebbe und Flut - überall in der leblosen Natur findet ein Ähnliches statt: Veränderungen im zeitlichen Geschehen. Was [in diesem Veränderlichen] bleibt, ist das Gesetz. Die Sonne steht im Frühling in einem gewissen Sternbild, dem des Widders-am 21. März. Sie war das Sinnbild des Logos - der Widder oder das Lamm ist deshalb das Zeichen des wiedererschienenen Sonnenlogos: das Lamm Gottes. Griechische Argonautensage: Heimholen des Widders, des Sonnengottes. Die Sonne befolgt dasselbe Gesetz. Was sich verändert, ist die Erscheinung und was die Erscheinung im selben rhythmischen Spiel sich wiederholen lässt, ist das Gesetz.

[ 2 ] Aber im gewissen Sinne ändert sich auch das Gesetz. Achthundert Jahre vor Christus fing die Sonne an, im Widder aufzugehen, früher im Stier; ganz langsam rückt sie weiter. Daher gab es bei den Ägyptern also den heiligen Stier ‹Apis›, auch bei den Persern. Solange sich die Sonne im Zeichen des Stiers bewegte, wurde sie so verehrt.

[ 3 ] Vorher ging die Sonne in den Zwillingen auf, und in uralten Völkern hören wir von ihrer Verehrung bei den Persern, auch bei den Urdeutschen. Ungefähr alle zweitausend Jahre rückt die Sonne ganz langsam vorwärts. Verhältnismäßig ist also das Gesetz dauernd, macht aber auch eine Entwicklung durch. Das Gesetz ist das Dauernde, [Lücke in der Mitschrift] das ewig Wechselnde sind die Erscheinungen.

[ 4 ] Rücken wir nun von der leblosen in die lebendige Natur. Die einzelne Pflanze stirbt immerfort, die Art geht aus dem Samen hervor. So wie in der leblosen Natur die Erscheinungen vorübergehen, und das Gesetz bleibt, so erhält sich in der lebendigen Natur die Art, und die Einzelwesen vergehen. Das gilt für die Pflanzen- und Tierwelt.

[ 5 ] Aber auch hier bleibt die Art und ändert sich zugleich im Lauf der Zeit: Aus der Felsentaube hat sich die zahme Stadttaube entwickelt. Das Wesentliche der Art bleibt, aber es verändert sich etwas. Wodurch hat die Art diese Entwicklung durchgemacht? Durch die äußeren Lebensverhältnisse, in welche die Arten kommen. Die Wirkung des Äußeren auf das Innere verändert die Art. Alles dasjenige, was vorher als äußerliche Verhältnisse an ein Wesen herantritt, wird nachher ein Fortbildungsprozess im Wesen selbst. Die Höhlen von Kentucky nehmen dem Tiere das Augenlicht, das Tier nimmt die Finsternis auf.

[ 6 ] Die Sonne würde bleiben, wenn nicht andere mächtige Himmelskörper sie weiterzichen würden. Jedes Wesen nimmt auf und bildet sich danach fort. Jeder Fortbildungsprozess ist daher Wechselwirkung. Das Tier bildet sich so um, dass es sorgt für das nächste Geschlecht.

[ 7 ] Rücken wir zur Persönlichkeit hinauf. Sie ist imstande vorzustellen, kann daher in eine neue Art von Lebensverhältnissen kommen, geistige Eindrücke aufnehmen. Sie gerät in neue, in eine geistige Umgebung. Genau wie in der Art, wird in der Persönlichkeit durch die neuen geistigen Verhältnisse der Fortentwicklungsprozess gebildet. Die Persönlichkeit geht vorüber wie die Erscheinung und die Einzelwesen, und wie das Gesetz und die Art bleibt die Individualität. Es wäre ein Durchbrechen des Gesetzes, wäre es anders, und wir sehen so die Reinkarnation ein. Wie die Lebensverhältnisse auf die Art wirken, wird das Geistige von der Persönlichkeit von innen aufgenommen und entwickelt sich fort. Das ist die Übereinstimmung des Gesetzes der Reinkarnation mit dem der Erhaltung der Art und des Gesetzes.

[ 8 ] Wenn wir verfolgen die sich fortentwickelnde Art, beobachten wir die Anpassung an die äußeren Lebensverhältnisse, die dann vererbt wird. Anpassung und Vererbung sind die großen Gesetze, welche die lebendige Natur beherrschen. Alle Vererbung ist ein Übertragen erworbener Merkmale auf die Erben. Wenn ich die Kropftaube ansehe, werde ich sie nur verstehen, wenn ich auf die Vorfahren zurückgehe, indem ich die Ursachen suche, wodurch ihre Organe entstanden sind. Die gegenwärtigen Bildungen muss man in den Tätigkeiten verflossener Zeiten suchen. Was früher Tätigkeit ist, wird später Organ. Dasselbe geschieht auf geistigem Wege mit der Individualität. Sie passt sich an und vererbt auf den Nachfolger der Persönlichkeit die Individualität, was sie erworben hat auf geistigem Gebiet. Was durch Erfahrung aufgenommen ist, wird in dem Entwicklungsprozess weitergebracht.

[ 9 ] Nehmen wir die Bohne, sie entwickelt sich bis zum Keim, alles andere fällt ab, nur der kleine Teil bleibt, auch der stirbt ab, nur das Leben selbst mit der Art geht zur Nachkommen-Pflanze hinüber. Geblieben ist nur die Art, aber die Bohnenart selbst war, als sie Keim wurde, noch umgeben mit einem Teil von pflanzlicher Materie, der auch abfallen muss. Die ausgestaltete Pflanze ist die Art längst nicht mehr, sie hat aber etwas von den Hüllen, die der Keim hinüberretten muss. Erst wenn alles abgefallen, kann er neu entstehen. Es ist eine neue Inkarnation. Ganz wie in der Individualität, die mit allen Hüllen umgeben ist und sich nur inkarnieren kann, wenn alle Reste abgefallen sind. Der Mensch hat noch mehr Hüllen; die müssen dorthin zurückkehren, woher sie genommen sind. Dann ist sein Keim frei und ledig, in der Welt, in der allein er sich entwickeln kann - zu einem neuen Dasein. Der Mensch gehört der Erde an, ohne sie wär er nicht denkbar. Er kann nur unter diesem Luftdruck bestehen; das bezieht sich auch auf die geistigen Verhältnisse. Das kommt, weil er sich in diese Erde hineinentwickelt hat, in ihre physisch-astrale und mentale Sphäre, die ineinander getaucht sind. Aus diesen drei Kugeln ist der Mensch als Erdenmensch aufgebaut. Die Individualität selbst steckt erst im höheren Mentalen drin, dieses ist nicht an die Erde gebunden, gehört zur Sonnensphäre; darin ruht die Erde mit ihren drei Sphären, aber auch die Sonne und alle anderen Planeten. So bestehen wir aus einem Stoff noch, der sich nicht verändert, das ungeschriebene Blatt, in der die Erfahrungen eingetragen werden.

[ 10 ] Wir nennen die mentale Sphäre, insofern sie der Erde gehört, «Rupa», geformt; die andere, die sich hinausstreckt «Arup», mental. Hierher gehört [die] Ind[ividualität). Kinder der Sonne sind wir in gewisser Beziehung, deshalb nennen wir auch unsere Lehrer Sonnenkinder.

[ 11 ] So wie die Pflanze alle Stoffe, die sie genommen hat, um sich aufzubauen, langsam zurückgibt und nur behält, was Art ist, so behält der Mensch - Individualität - nur was Arupa, mental ist, um sich wieder zu inkarnieren. Arupa ist diejenige Region, die aus der Erde hinaus in das Allgemeine führt. Dann ist sie der befreite Schmetterling, der sich im Arupa-Mentalen frei ausbreiten kann, dann [Lücke in der Mitschrift] muss er zurückkehren, um neu zu erfahren.

[ 12 ] Der Mensch hat, wenn er sein Physisches abgegeben hat, auch dem Astralen das zurückzugeben, was von dort zu seinem Aufbau gedient hat, dann lebt er in Kamaloka.

[ 13 ] Was er lernt in diesem, wird Anlage, in Arupa muss es sich entwickeln, dann wird es zur vollen Entfaltung gelangen. Der Mensch ist nicht nur Erdenbürger, sondern Sonnenkind durch seine Zugehörigkeit zu der Sphäre. In der dritten Rasse wurde der Funke angezündet. Woher kam dieser Funke, den die Manasaputra brachten? Das erste Wissen war nicht irdisch gegeben, sondern von einem früheren Zustand herübergebracht; es ist etwas, was über die Wirkungssphäre hinausgeht; also bleibt es, wenn diese Wirkungen aufhören. Nur dadurch, dass der Mensch fähig ist, durch Arupa hindurchzugehen, wird er dauernd, sonst müsste er zerschellen. Aber ebenso ist die fortschreitende Entwicklung des Geistigen ein Gesetz, das für die Individualität gilt.

[ 14 ] Das Äußere wird zum Innern, was äußerlich erlebt ist, wird inneres Prinzip des Fortschritts. Was an die Individualität herantritt, wird inneres Gesetz. Der Strom des Makrokosmos fließt in das Einzelwesen hinein und wird dadurch Mikrokosmos. Veranlagungen sind Ergebnisse früherer Erfahrung: Unser Gewissen ist frühere Erfahrung. Genau wie in der Naturforschung müssen wir es erklären; das ist das Gesetz von Karma: Verursachung durch die verschiedenen Inkarnationen hindurch. Du hast die Ursache zu einer heutigen Anlage in früherer Tätigkeit zu suchen.

[ 15 ] Vedanta: Was du heute denkst, bist du [morgen].

[ 16 ] Reinkarnation heißt: Erhaltung des Geistigen in dem Körperlichen.

[ 17 ] Karma heißt: Was erst Tätigkeit ist, wird später Bildung oder Eigenschaft.