Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
29 June 1904, Berlin
39. Die fünfte Wurzelrasse das Feuer
[ 1 ] Wir wissen, dass die Materie unseres Erdballs sich allmählich verdichtet hat und dass die Stoffe, die wir heute haben, nicht die wirklichen sind. Die Zustände, die im Laufe der Zeiten durch Differenzierung entstanden, sind anders als die früheren. Während der ersten Rasse gab es einen Stoffzustand, der viel dünner war als unsere heutige Luft und den man in der okkulten Sprache als Äther bezeichnet; während der zweiten Rasse erhalten wir einen Zustand, der schon unserer heutigen Erde insofern entspricht, als er ähnlich ist dem, was wir als Dampf bezeichnen; bei der dritten Rasse entsteht ein Zustand, der in der Mitte liegt zwischen Festem und Flüssigem; er ist koaguliertem Eiweiß gleich; es ist eine Quellmaterie, wie wir sie heute in niederen Tierformen finden. Der Stoffzustand während der vierten Rasse ist noch etwas dichter und ist schwieriger zu beschreiben, weil er seither eine viel größere Verdichtung erfahren hat. In jedem verdichteten Stoffe liegt aber alles andere latent. Eine solche latente Kraft war während dieser Zeit, die Samenkraft, mit der der Atlantier alles verrichten konnte, und die er als «Tao» bezeichnete. Bei dem Grade von Verdichtung aber, die während der fünften Wurzelrasse erreicht wurde, trat eine andere Kraft ins Spiel, die früher nicht hat herausgeschlagen werden können, nämlich das Feuer. Daher ist für die fünfte Rasse die wichtigste Erfindung diejenige des Feuers, und daher sagt die Prometheus-Sage, dass Prometheus das Feuer von den Göttern stiehlt, dass er das okkulte Feuer offenbar gemacht hat. Dies ist das Licht, das ausgegossen wird über die Grundstruktur der Zivilisation der fünften Rasse. Wirksamer, heiliger als das aus der mineralischen Welt herausgezogene Feuer, wurde das aufgefangene Naturfeuer betrachtet. Diese Anschauung führte zum Feuerdienst des Zarathustra, zum Vestadienst. Dieses Feuer durfte, wie bekannt, wenn einmal angezündet, nie ausgehen. Das Geheimnis der vierten Rasse, die Anwendung der Samenkraft, auch Vrilkraft genannt, ging verloren mit der zu Ende gegangenen Kultur der Atlantier. Die überlebenden Initiierten wählten namentlich aus der fünften Unterrasse, den Urhebräern, ein gewisses Geschlecht, sonderten sie aus und brachten sie unter der Führung des Manu in die Wüste Gobi. Sie wirkten zunächst auf die Veredelung des Körpers, welcher fähig werden musste, das Gedankliche aufzunehmen. Damit aber der Gedanke den Charakter des Spirituellen trüge, mussten reine Körper gezüchtet werden, indem aus der kamischen Kraft alles herausgemerzt wurde, was unmittelbar mit der Lebenskraft in Verbindung stand. Alles, was mit dem Geschlechtlichen zusammenhing, durfte nicht als Nahrung genossen werden. Ausgewählt wurden alle diejenigen Stoffe, welche nur lebendige Nährstoffe waren und die keine Abfallprodukte lieferten. Nur solche Nährstoffe wurden genommen, die keine Ausscheidung gaben: im Tierreiche gar nichts; im Pflanzenreiche nur das, was aufbauend wirkte.
[ 2 ] Es war nur eine äußerliche primitive Kultur damals geschaffen, da sie nur das Wenige hervorbringen musste, was die Menschen genossen. - Heute wird unsägliche Gedanken-, Seelen- und physische Kraft dazu verwendet, um die Menschen zu nähren. Als Schlacke und abgebrauchtes Produkt wird sie abgeworfen in das, was man die achte Sphäre nennt. Die stärkste mentale Kraft wird in den Dienst der Schlacken gestellt. - Der Drang der Stammrasse war darauf gerichtet, das Spirituelle zu entwickeln. Das Physische zu versorgen, bedeutet: Kraft dem Spirituellen entziehen. So aber wurde ungeheure Kraft akkumuliert zum spirituellen Leben, und es strömte in der indo-arischen Unterrasse noch vollständig aus. Sie hatte es noch nicht nötig, aus der dicht gewordenen Materie das Feuer herauszuziehen, und verehrte den Geist spirituell. - Nun achtet der Mensch in solchem Zustande die Vrilkraft besonders hoch und weiß, dass er, psychisch wenigstens, die Kräfte erzeugen soll, die mit der Vrilkraft in Zusammenhang stehen.
[ 3 ] Es ist nun ein wichtiges okkultes Gesetz: Du entziehst Dir selbst so viel an Vrilkraft, als du Vrilkraft zerstörst. - Mit jedem getöteten Wesen, gleichviel, ob es das armseligste Insekt ist, entzieht sich der Mensch so viel Vrilkraft, als er tötet. Daher ist die Zerstörung des Lebens in der fünften Rasse ebenso ein Mittel, zur schwarzen Magie zu gelangen, wie die Pflege der Vrilkraft in der Turanischen. Der Schmerz erhöht die Lebenskraft außer mir und stumpft sie ab in mir. Daher tötet der schwarze Magier in sich die Lebensvrilkraft: Er entzieht sich so viel vom Tao, dass in ihm das Entgegengesetzte erweckt wird. - Dadurch dass ich mir die helle Vrilkraft entziehe, setze ich mich in Beziehung mit der untern Kraft des Feuers, die in der dichtgewordenen Materie schlummert. Dies ist ein okkulter Vorgang in der fünften Wurzelrasse, dass sie durch Tötung — wie bei den Jagdvölkern - sich niedriger macht und die Feuerkraft wach ruft. Für diese okkulte Tatsache haben die Religionen ein Symbol geschaffen, das Tieropfer; ein Symbol der Wahrheit, dass das Feuer, das auf dem Altar entzündet wird, verbrennt, was in der vierten Rasse das Tonangebende war, nämlich das Leben. - Der schwarze Magier wird durch noch tiefer liegende Kräfte des Feuers dazu kommen, seine Künste auszuführen. Daraus wird uns begreiflich, warum eine bestimmte Art von zeremonieller Magie den Menschen dazu verführt, Selbstmord zu begehen.
[ 4 ] Weil das alles dem ursprünglichen Manu bekannt war, verbot er streng der ersten Unterrasse jede Tötung, weil sie bestimmt war, das spirituelle Leben auszuleben. Später war es nur möglich, die Heiligung der ganzen Rasse zu erreichen, indem sich einige enthielten und den andern das physische Leben überließen. Dies liegt der Kasteneinteilung zugrunde.
[ 5 ] Die indische Rasse ist daher die religiöse, und das Brahmanentum ist die Hauptreligion der fünften Wurzelrasse -, die übrigen sind Abschattierungen.
[ 6 ] Die zweite Unterrasse musste anfangen, den physischen Plan zu erobern, musste dort wohnen, wo Bebauung des Bodens nötig war, und es wandern Zweige in die Gegenden zwischen Euphrat und Tigris und nach Ägypten, wo sie die ägyptische Kultur der fünften Rasse begründen und die babylonisch-medisch-persische Kultur. Um den materiellen Plan zu erobern, wird das Feuer das äußere Kulturmittel. Der Inder brauchte es noch nicht. Doch war es nötig, die Kunst verschwinden zu lassen, welche das Feuer auf innere Weise aus der unmittelbaren Natur hervorbringen konnte. Wo irgendetwas in seiner Kehrseite zu bösen Künsten führen kann, wird es nötig, es in die Religion zu bannen. Das Feuer wurde in den Mittelpunkt des religiösen Kultus gestellt. Der Feuerdienst bedeutet: «Euch ist das Feuer gegeben, aber in dem Augenblick, in dem Ihr es nicht verehrt, werdet Ihr nicht ins rechte Verhältnis dazu kommen.» Daher führte der erste Zoroaster den Feuerdienst, den Ahura Mazdao-Dienst ein. Wenn der Mensch die Woche über zu seinem Dienst gebraucht, muss er knieend verehren an einem Tage: daher der Sabbat-Tag. Für die Perser war das Feuer das direkt Verehrte; für die Juden erschien Gott in der Feuerwolke; das Christentum nennt Gott ein verzehrendes Feuer.
[ 7 ] Auf alle diejenigen, die den Feuerdienst verschen, ob rechts oder links, wird schon das Wort «Magier verwendet. Aller Magismus führt seinen Ursprung zum Feuer. Mit ihm war der Boden gegeben, aus dem die Kultur der fünften Rasse quillen konnte.
[ 8 ] Von den Ursemiten stammte ja diese Gobi-Rasse, und man war nun so weit, dass man die ursprüngliche semitische Urkulturgrundlage verwenden konnte. Das Gedankliche konnte zum Ausdruck kommen, und die nächste Unterrasse war dazu ausersehen.
[ 9 ] Der Gedanke, unmittelbar auf dem physischen Plan ausgesprochen, ist das Gebot. Das Gebot, die Fassung des Lebens in Gedanken, ist die Mission des israelitischen Volkes. Vorher war das Leben Gewohnheit; jetzt tritt es in mentaler Gestalt auf, als Gebot. Hammurabi ist ein Verkünder des Gebots, dann Moses. Es ist die Mission des semitischen Stammes, deren Hauptausprägung das israelitische Volk ist. - Vorher war noch das Psychische ausgearbeiteter; jetzt fing man auf mentalem Wege an, das Leben zu regeln. Daher die eigentümliche Charakteristik des jüdischen Volkes.
[ 10 ] In der indo-arischen Rasse war der Gedanke da, aber zunächst spirituell. Die Veden sind spirituell-intuitiv.
[ 11 ] Bei den persisch-chaldäischen Völkern treffen wir den Gedanken als Empfindung, als Naturdienst. - Das Dritte ist der Gedanke in seiner unmittelbaren Gestalt, als Gebot. So unterscheiden wir dreierlei:
Die Inder verehren den Gedanken als Geist.
Die Perser verehren ihn als Naturgewalt.
Die Juden verehren den Gedanken selbst.
[ 12 ] Der Gedanke aber auf dem physischen Plane muss einem Wesen zugeschrieben werden, muss einen Träger haben. Der Inder erkennt ihn als Geist; der Jude kennt nicht den kosmischen, sondern den menschlichen Gedanken und muss daher seinen Gott, Jahve, vermenschlichen, anthropomorphisieren.
[ 13 ] Alles was zeitlich ist, geht über zu einer Vermenschlichung des Gottesprinzips, wie die Griechen und andere Völkerschaften. Daher sehen wir, wie überall in der dritten Unterrasse spiritualistischer Pantheismus und naturalistischer Pantheismus übergehen in anthropomorphistische Religion.
[ 14 ] Nun handelt es sich darum, auch die andere Art Zivilisation kennenzulernen. Der Staat erscheint als Theokratie bei den Juden, Gott als König. Daher der ethische Charakter des jüdischen Staatsorganismus. Das Sündenprinzip durchzieht das Leben; alles wird gestraft.
[ 15 ] Allmählich macht sich der Mensch so heimisch auf dem physischen Plan, dass er jenes große Verständnis gewinnt, wie es uns zum Beispiel beim Griechen entgegentritt, der das Künstlerische ausarbeitet. Das Dasein zwischen Geburt und Tod wird ihm jetzt das Wesentliche. Achill sagt zum Beispiel: «Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein König im Reich der Schatten.» Der Mensch achtet jetzt das, was jenseits des physischen Planes ist, als ein Schattenland. Das Reelle liegt für den Griechen in der spirituellen schönen Form: in der Kunst.
[ 16 ] Nun kommen wir dazu, dass dieser physische Plan geheiligt werden muss. Der Inder hat aufgeschaut zum spirituellen Plan. Der Perser hat ihn als Empfindung erkannt. Der Jude durchdrang mit ihm schon Kama, er hat einen leidenschaftlichen Gott. Der Griechen Götter sind voll von Leidenschaften. Was noch nicht vergöttlicht ist, das ist der unmittelbare physische Plan. Das biblische Wort sagt uns: Drei zeugten auf Erden: der Geist, das Wasser und das Blut.
[ 17 ] Wir wissen, dass in der biblischen Sprache mit Wasser das Astrale, Kamische, mit Blut das Irdisch-Fleischliche gemeint ist. Alle Leidenschaften hatten schon den göttlichen Ausdruck bekommen: Kama war vergöttlicht. Nun war das Fleisch, der Ausdruck des Physischen, zu erobern. Bei dem Christentum, das der vierten, der lateinischen Rasse obliegt, wird zur Wahrheit die Reinigung des Fleisches. Das Wort wird im Fleisch verkörpert; der Leib wird verklärt; im verklärten Leibe wandelt dann das Göttliche.
[ 18 ] Das Neuhinzugekommene ist die Heiligung des Fleisches, die in der Auferstehung des Fleisches ihre Aufgabe sieht. Soll das materielle Leben gereinigt werden, um die aufsteigende Linie zu beginnen, muss das Fleisch geheiligt werden.
[ 19 ] Den im Fleische inkarnierten Gott anzubeten, war Aufgabe der lateinischen Rasse, wie den in Leidenschaften inkarnierten [Gott anzubeten], die [Aufgabe] der jüdischen Rasse war.
[ 20 ] Als der Gedanke in das Materielle ausgegossen wurde, war die ursprüngliche Form immer mehr verlorengegangen. Der Christ betet den persönlich gewordenen Gott an; es entwickelt sich bei ihm eine persönliche Zugehörigkeit. Er hält sich an das Blut. - Durch diese Zugehörigkeit musste der Gedanke selbst verlorengehen. Das jüdische Volk, das den Gedanken zuerst auf den physischen Plan gebracht hatte, musste aber noch einmal ihn aufleben lassen und zwar in dem Prinzip, dass außer dem Einigen kein andrer Gott sein kann; andre nur seine Propheten sind. Aus dem stammverwandten Maurentum, als semitischer Nachschub, erwächst das Prinzip der abstrakten Wissenschaft und wird fortgepflanzt in die germanische Rasse.
[ 21 ] In der kopernikanisch-galileischen Zeit wird es tatsächlich. Das mächtige Aufblühen der germanisch-englischen Rassen geschieht innerhalb der abstrakten Wissenschaft.
[ 22 ] Nun kann sich der Gedanke, nachdem er den physischen Plan erobert, wieder zum Spirituellen hinaufbewegen.
