Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
16 August 1904, Berlin
54. Von der Aufgabe und der Heimat des Menschen
[ 1 ] Erst durch Pasteur ist die Wissenschaft in der Lage zu beweisen, dass Lebendiges niemals aus Leblosem entstehen kann: Die Luft allein ist voll von Lebenskeimen; wenn man sie durch Glut gehen lässt, entsteht kein Leben mehr. «Jedes Leben entsteht aus dem Lebendigen», sagt die moderne Wissenschaft. Sie glaubt aber noch, dass Geistiges aus Körperlichem entstehen könne. Durch die Theosophie wissen wir, dass im Lebendigen nie Seelisches entsteht, ohne dass der Seelenkeim hinzukomme.
[ 2 ] Im Strome der Entwicklung bringt Lebloses Lebloses hervor; soll Lebendiges entstehen, muss ein neuer Strom entstehen mit Lebenskeimen. Soll aber Seelisches entstehen, muss ein neuer Strom mit Seelenkeim entstehen. Das Leblose ist also der Boden und der Schauplatz, innerhalb dessen sich das Lebendige verwirklicht; niemals dessen Ursache. Das Lebendige ist immer nur der Schauplatz, innerhalb dessen sich das Seelische verwirklicht, niemals dessen Ursache. Das ist es, was uns führt zu dem großen Gesetz der Reinkarnation; wir müssen für alles, was wir in der Seele finden, die Ursachen in dem seelischen Selbst suchen.
[ 3 ] Die Art wird dort geboren, wo die äußeren Verhältnisse der Art entsprechen. Wenn sie es nicht tun, geht das einzelne Wesen zugrunde; die Art erhält sich. So geht es mit der Seele, die ihrer ganzen Vergangenheit nach sich in rohem Lebenswandel bewegt hat, sogleich in einem guten Gedeihen. Die Seele hängt gefühlsmäßig mit ihrer Umgebung zusammen; unter denen, die gleich sind, behält die Seele die Neigung, in ihre früheren Gewohnheiten zurückzukehren.
[ 4 ] Physischer, kamischer und mentaler Körper setzen sich zusammen aus Stoff von entsprechender Gesetzmäßigkeit. Dieselbe Gesetzmäßigkeit kehrt zurück, nachdem die Stoffe abgefallen sind und sie sich devachanisch entfaltet hat; zieht aber zu sich eine verwandte Gesetzmäßigkeit in ihrer neuen Stoffansammlung. Das ist das Gesetz. des Karma: Jedes frühere Leben bleibt als Ursache für die folgenden Leben erhalten, und zwar werden sich die mentalen Eigenschaften der folgenden Leben nach den mentalen der früheren, die kamischen nach den kamischen der früheren und die physischen nach den physischen Eigenschaften der früheren richten.
[ 5 ] Die größte Schwierigkeit beginnt bei der Inkarnation im physischen Körper. Nur im Leben kann eine Wechselwirkung der drei Körper bestehen; die Physis muss zum Instrument werden. Wir wissen, dass die Tugenden, die hinauf- und hinabstreben in des Menschen Leben, in Wechselwirkung treten. Der «Kampf ums Dasein» führt in die unterste Stufe von Kamaloka. «Genuss-Suchv, «Richtungslosigkeib und «Täuschung bringen den Menschen in die zweite, dritte und vierte Abteilung von Kamaloka.
[ 6 ] Die Läuterung in den drei oberen Stufen besteht in denjenigen, die die Verneinung der drei höheren Eigenschaften bilden: Verwechslung des Symbols mit der Sache; Lesen des B [unleserlich] Worts in der Bibel statt des Geistes; Buchstabenglaube und Symbolverehrung finden ihre Läuterung in der fünften Region des Kamaloka.
[ 7 ] Echte Frömmigkeit ist Hingabe an das Geistige. Es kann sich auf das Zeitliche oder das Ewige im Geiste richten. Schwelger im Reiche des Geistes, die die Schöngeistigkeit als Genuss treiben, läutern sich in der sechsten Abteilung. In der siebten Abteilung finden sich die Idealisten, die Gott in der Natur suchen, die theoretischen Materialisten. Die Untugenden sind nichts anderes, als die Schattenbilder der Kama-Welt in unserer physischen Welt.
[ 8 ] Die Gerechtigkeit, die Kama-Manas zu Manas hinzieht, muss noch geläutert werden, aber im Devachan, da sie zur Einheit führt. Der Sinn, die Gerechtigkeit auszudehnen über die Grenzen der nächsten Umgebung, wird in der ersten Region des Devachan erweckt. Die Tugend der Enthaltsamkeit dem Weltlichen gegenüber, die Hingabe an den Geist bilden sich auf der zweiten Stufe des Devachan aus. Die im gewöhnlichen Sinne frommen Leute. - Die werktätige Anteilnahme am Leben, der äußere Ausdruck der Standhaftigkeit, wird geläutert im dritten Reich des Devachan. Leute, die Initiative haben, nicht sich gehen lassen.
[ 9 ] Klugheit - jeder, der von innen heraus die physische Welt beherrschen kann - führt zur vierten Stufe. Führer und Leiter der Menschheit in der äußeren Kultur - Musiker, Pädagogen.
[ 10 ] [Wer zum] Ewigen neigt, [dem] wird es zum Symbol. Steigerung der Enthaltsamkeit: wahre Schönheit. - Wenn der Mensch sich durch das Ewige bestimmen lässt statt durch das Vergängliche, haben wir die Frömmigkeit, das Leben in geistiger Standhaftigkeit. Klugheit hinaufgesteigert ist Weisheit. Siebte Tugend des Manas ist [Lücke in der Mitschrift].
[ 11 ] Wie die Waagschale des Manas ausschlagen kann, so [kann es auch] die des Verlangens und härtere Untugenden erzeugen. In Kama ist alles verwandt; wer darin verstrickt ist, hat keinen Kampf mehr zu führen; die Wesenheiten, die es wollen, kommen an ihn heran. — Genuss-Sucht gesteigert, dann lebt der Mensch nicht in sich, sondern im Äußeren: Hingabe an den Genuss - fünfte Untugend. Epidemien - Wollust ... Wenn der Mensch vollständig von außen bestimmt ist, absolut die Richtung verliert, aufgeht in Begierde, dann bekommen wir die sechste Untugend, die ihn fast bis zur Vernichtung des eigenen Wesens heranbringt: die Haltlosigkeit. Wenn er sich jeder beliebigen Täuschung hingibt, nichts durch Klugheit durchschaut, wenn sich Täuschung zur Dumpfheit verliert, so haben wir die letzte Untugend.
[ 12 ] Die Persönlichkeit hält also alles zusammen, sie ist zwischen Leben und Tod. Wenn sie abfällt, bleiben die zwei Seiten, die hinauf und hinunter drängen. Zum Kamaloka führt ihn das Maß der Untugenden - die andern zum Devachan. Solange die Persönlichkeit zusammenhält den Kampf ums Dasein und die Gerechtigkeit, pendelt der Mensch - wenn er auseinanderfällt, wird er nach beiden Richtungen hingezogen. In der Persönlichkeit war der Ausgleich. Ohne Persönlichkeit verfallen die Tugenden oder Untugenden ihren eigenen Reichen, eigenen Gesetzen. Pflanze - Salze - Same.
[ 13 ] Nun müssen wir bedenken, dass alle Tugenden beim Menschen sich innerhalb des V.o. des Verlangens entwickelt haben. Solange ein Wesen im Unteren lebt, haftet es am Unteren; es kann nicht im Höheren leben. Alles, was von Kama am Menschen haftet, muss [er ans] Kamaloka übergeben; erst dann kann er ins Devachan hinauf. Solange etwas Physisches an der Pflanze haftet, muss sie im Physischen leben. - Kamaloka ist der Ort, wo dem, was am Menschen Verlangen war, genügt werden muss; der Mensch muss seine Tugenden dort ausleben, während im sinnlichen Leben die physische Hülle sie zusammenhalten konnte. - Thanatos, Sisyphos.
[ 14 ] Sieben Abteilungen sind in beiden Reichen, weil für je eine Untugend od. J. die entsprechende Tilgung vorhanden sein muss; es sind die Gesetze zur Abstreifung der sieben disharmonischen Eigenschaften, und die sieben Abteilungen des Devachans sind da zum Entfalten der sieben harmonischen Eigenschaften. Die drei unteren zur Abstreifung der groben unteren, die drei höheren zur Reinigung des Kampfes ums Dasein -, die höchste zur Abstreifung der Täuschung.
[ 15 ] Alles, was als Tugend im Leben erworben ist, findet seine Ausbildung im Devachan, die Fracht wird hinaufgenommen ins Devachan. Alles, was im sinnlichen Leben auftritt, ist das Phänomenale, die Erscheinung; es weist uns hin auf das Noumenale, was hinter den Dingen steckt. Wir müssen die Persönlichkeit in diesem zweifachen Aspekte sehen. Hier liegt auch, was wir freien Willen nennen, was uns verliehen ist, um diesen Kampf zu führen. Untugend durch Freiheit reinigen lassen - Schule der Inkarnation. Immer neue Wechselwirkungen.
[ 16 ] Des Menschen eigentliche Heimat ist Arupa des Devachan. Er steigt hinab in Rupa und füllt sich mit dem Gedanken-Körper. In der Arupa-Region sieht er, was sein eigenes Selbst ist, er genießt das unmittelbare Anschauen des Ewigen. Nun soll er die Schule des Daseins durchmachen. In Arupa würde er nie mit der Welt der Sonderung in Berührung kommen. Er muss nun das Schauen des Ewigen [verwandeln] in das Denken über das Gesonderte.
[ 17 ] Erstens: Das menschliche Wesen umgibt sich mit Gedankenstoff, damit es das Ewige im Zeitlichen denken kann. Das bringt ihn in die Welt des Sonderseins nach Rupa.
[ 18 ] Zweitens: Das menschliche Wesen umgibt sich mit Astralstoff, damit es das Ewige im Zeitlichen fühlen kann. - Kama oder Astralwelt.
[ 19 ] Drittens: Das menschliche Wesen umgibt sich mit physischem Stoff, damit es das Ewige im Zeitlichen wollen kann. Jetzt ist es wieder inkarniert und unterliegt nun den Gesetzen der physischen Welt, bis es wieder den Weg hinauf nimmt.
[ 20 ] Das ist, was wir die Pilgerschaft der Seele nennen, die durch die drei Welten führt. Dann kommt erst die höhere Welt, welche die eigentliche Heimat der Seele ist, die formlose Welt.
[ 21 ] Alle Gedanken, die wir aus den Dingen herausschälen, müssen in den Dingen liegen. Ihren bestimmten charakteristischen Inhalt nennen wir Form; nichts kann aber geformt sein, ohne eine dünne Materie zu haben. Als Wesenheit ist also das vorhanden, was wir uns in Gedankenmaterie vergegenwärtigen.
[ 22 ] Die drei oberen Prinzipien ruhen im Innern, während die drei unteren die äußere Hülle bilden. Sie sind objektiv und subjektiv vorhanden. Die drei ersten nur subjektiv. Wir können sie nicht beobachten. Im 4 Prana-Kama-Manas werden die Gedanken; sie erscheinen als Schatten. Würde Manas, die Seele, die Gedanken hegen, würden diese Gedanken so Kama-Manas gegenüberstehen, dass sie ihre Wirklichkeiten wären. Je nach der Stufe des Bewusstseins, auf der ein Wesen steht, nennt er etwas ein Wirkliches. Wenn der Mensch seine Physis verliert, verliert er das physische Prinzip. Verdunkelt sich aber ein Prinzip, tritt ein Neues ein.
[ 23 ] Es leuchtet im Innern der Seele 8 auf. Verliert er Prana und Kamaloka, tritt 9 ein; [verliert er] Kama-Manas, dann tritt 10 ein. Was ist es, das da tätig wird?
[ 24 ] Wenn er Kama-Rupa verliert, tritt in den Tiefen seiner Seele ein neues Wesen ein; das ist verwandt mit Kama-Rupa, hat aber ein anderes Gesetz. Das zieht ihn in die Welt des Geistes hinein. Man nennt es das geistige Feuer im Okkultismus. «Es wird einer kommen, der euch mit Feuer tauft.» Was für die Physis eintritt, ist das, was alles enthält, was das Physische beherrscht, mit vollkommener Weisheit. Wir nennen es «Mahat» oder die «kosmische Weisheit». Sie glänzt auf, indem wir die Physis abstreifen.
[ 25 ] Die Stoffe gehen ab, die Gesetze werden zum höheren Prinzip. Was Tendenz und Kraft wird, leuchtet als höheres Prinzip wieder auf. Gibt er Kama-Manas ab, das, was eigentlich unser Selbst in dieser Welt ist, tritt unser wahrstes Ich auf - dadurch, dass wir dieses Wesen sind, unser Selbstbewusstsein. Nun sprechen wir Manas als unsern Körper an, das kosmische Gedankenfeuer, das wir tragen. Wir sprechen Manas als unser Objektives an, wie früher unsern physischen Körper. Erwacht unser Selbstbewusstsein, fühlen wir uns als einheitliches Wesen, zum Ganzen gehörig. Augustinus: Wir Menschen sehen die Dinge, weil sie sind; die Dinge sind, weil Gott sie sieht.
[ 26 ] Wir sind, von einem höheren Plane gesehen, Gedanken des Weltengeistes, die in eine Form gegossen sind. Im Seelenleben des Weltengeistes, da sind alle Dinge wirklich vorhanden. Wenn wir die Verkörperung abstreifen, bleiben wir erhalten im Seelenleben. Das, was wir im gewöhnlichen Sinne Wirklichkeit nennen, entsteht nur dadurch, dass sich die höheren Prinzipien verdunkeln und in der Welt der Sonderheit auftauchen.
[ 27 ] Der Mensch unterliegt als Individualität den Gesetzen, die in den sechs höheren Reichen herrschen - als Persönlichkeit denjenigen, die in den vier unteren herrschen. Deshalb müssen die unteren immer wieder erneuert werden. Der Mensch muss sterben und wiederverkörpert werden, weil er in einer Welt lebt, die den Gesetzen von Geburt und Tod unterworfen ist. Nicht der Mensch steht unter dem Gesetze von Geburt und Tod, sondern die unteren Welten, in denen der Mensch sich von Zeit zu Zeit verkörpert.
[ 28 ] Tag und Nacht wechseln, aber das Gesetz ist ewig. Das Gesetz tragen wir hinauf, es erglänzt in seiner Schönheit, wenn wir das Physische abgestreift haben. Der Mensch trägt das Geeinte, das Ewige fortwährend hinauf in das höhere Reich. Herauszuholen aus der untern Welt, so viel von der höheren Welt, als in ihr verborgen ist, ist des Menschen Aufgabe. Deswegen wird er esoterisch mit einer Biene verglichen. Das Zeitliche muss er heraufheben, um es mit dem Ewigen zu vereinigen. Weil er es nicht auf einmal tun kann, macht er es in aufeinanderfolgenden Verkörperungen. Da die Welt sich nicht auf einmal verkörpert, sondern nacheinander in Epochen, muss auch der Mensch dasselbe tun. Der Grund der Wiederverkörperung liegt in der Weltentwicklung. Wir erlösen also nicht nur uns, sondern auch die Welt, indem wir uns entwickeln, und versäumen unsere Aufgabe gegenüber dem Ewigen, wenn wir unsere Entwicklung nicht befördern.
