Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a
17 Oktober 1904, Berlin
62. Apokalypse III
[ 1 ] Ich möchte heute die Betrachtungen über die Apokalypse fortsetzen. Derjenige, welcher den ganzen Sinn und den Geist eines solchen Schriftwerkes, wie die Apokalypse es ist, verstehen will, muss sich vor allen Dingen klar machen, wie die Religionen wirken, und wie auch das Christentum in seinem Anfang wirkte, das heißt, welches die Kräfte waren, die es ermöglichten, dass das Christentum sowie die anderen Religionssysteme dieses gewaltige und großartige Leben des Geistes über die Menschheit hin ergossen hat.
[ 2 ] Es ist heute nur zu sehr der Glaube verbreitet, dass das einfache, schlichte, jedem verständliche Wort eigentlich die Wahrheit enthalten müsse, und es ist eine gewisse «Neigung» heute vorhanden gegen die Erhebung des Geistes zu den Höhen des Gedankens, zu den Höhen des übersinnlichen Schauens - also eine «Abneigung. Wir hören vielfach selbst von Theologen sagen: Alles das, was sich nicht in schlichteste Worte kleiden lässt, die jeder Mensch unbedingt verstehen kann, das könne der Wahrheit wenig dienlich sein. Wer so denkt, wird den ganzen Sinn und den ganzen Geist eines solchen Schriftwerkes, wie es die Apokalypse ist und wie es schon das mystische Johannes-Evangelium ist, nicht verstehen können. Zwar soll nichts gesagt sein gegen die Richtigkeit des Wortes, dass die Wahrheit in einfachen Worten verkündigt werden muss, denn wer die Wahrheit verkündigen will, muss die Wege finden, um zu den einfachsten Herzen sprechen zu können. Er muss das Wort finden, um sowohl zu denen zu sprechen, die auf den Höhen der Wissenschaft, Kultur und Bildung stehen, wie auch zu denen, die man mit dem Ausdruck des «schlichten Mannes aus dem Volke bezeichnet. Aber die Kraft, die innere Kraft kann sich nicht in dem schlichten, einfachen Wort Ausdruck verschaffen. Diese Kraft stammt aus den höchsten Höhen des Geisteslebens. Auch das Christentum hatte in den ersten Jahrhunderten Mysterien-Einweihungsstätten, in denen nicht allein schlichte Worte, nicht nur allgemein Verständliches verkündet worden ist, sondern in denen verkündigt worden ist die Offenbarung des höchsten spirituellen Schauens, das im Johannes-Evangelium hinaufreicht bis zu den Regionen, in welchen Raum und Zeit keine Bedeutung haben. Nicht jeder Außenstehende konnte dann von diesen Offenbarungen der höchsten Regionen sprechen. Der Kirchenvater und Kirchenlehrer der ersten Jahrhunderte fand dann das ganz populäre, einfache Wort, durch das er zu den Ungebildeten den Zugang fand. Er selbst hatte die Kraft, die Gewalt der geistigen Verkündigung von den höchsten Höhen des Geisteslebens. Und so etwas ist auch in der Apokalypse wie von selbst angedeutet. Sie brauchen nur mit Verständnis die wichtigsten Stellen in der Apokalypse zu lesen, so werden Sie finden, dass das, was von den Höhen des Geistes heruntergeholt ist, in ein Weltbild gefasst ist, dass daraus ein Weltbild entworfen ist.
Ich, Johannes, der auch euer Bruder und Mitgenosse an der Trübsal ist und am Reich und an der Gewalt Jesu Christi, war auf der Insel, die da heißt Patmos, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses Jesu Christi. Ich war im Geist an des Herrn Tage. [Off 1,9-10]
[ 3 ] Damit sprach er aus, dass er auf der «Insel Patmos war - er meinte damit an einer Mysterienstätte -, und diese Offenbarung erhalten hatte. Und im Geiste hatte er sie erhalten. Und an anderen Orten spricht er noch anders. Am Anfang des vierten Kapitels sagt er:
Darnach sah ich, und siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel; und die erste Stimme, die ich gehört hatte mit reden wie eine Posaune, die sprach: Steige her, ich will dir zeigen, was-nach diesem geschehen soll, [Off 4,1]
[ 4 ] In den ersten drei Kapiteln ist das enthalten, was ich schon in der letzten Stunde zu skizzieren versuchte. Dann aber wird das Schicksal der Wurzelrasse geschildert, die die unsere ablösen wird. Daher unterscheidet die Apokalypse genau zwischen den beiden Arten des Schauens, der Inspiration und der Intuition. Das ist nötig, wenn man das eine und das andere verkündigen will. Eine niedrige Intuition genügt, um die Schicksale einer Wurzelrasse zu verkündigen, aber eine höhere Intuition ist nötig, um das zu sehen, was nach dieser unserer Wurzelrasse geschieht, zum Beispiel, wenn die sechste und siebente Wurzelrasse heraufgekommen sein werden. Das kann man nicht sehen in der Art, wie das Schauen verläuft, das den drei ersten Kapiteln zugrunde liegt; das kann man nur, wenn man aufsteigt ins Devachan. Niemals kann sich uns in der Region des hochentwickelten astralen Sehens das Schicksal einer Wurzelrasse entrollen. Daher sagt Johannes, dass er im Geiste die Stimme gehört habe. Bis zum Ende des dritten Kapitels in der Apokalypse haben wir es mit höherem astralischen Schauen zu tun, vom vierten Kapitel an haben wir es mit devachanischem Schauen zu tun. So wie der Apokalyptiker spricht, so sprechen die Eingeweihten aller Zeiten.
[ 5 ] Nur eines ist in der Apokalypse anders als in den anderen tiefen Einweihungsschriften. In der Apokalypse ist der Gesichtspunkt ein anderer. Der Theologe Johannes spricht in der Apokalypse als Christ, vom christlichen Gesichtspunkt aus. Wer also mit der richtigen Empfindung, mit richtigem Gefühl die Apokalypse lesen will, der muss sich ganz hineinversetzen in das Bekenntnis, und zwar vor allen Dingen in das ganz menschliche Bekenntnis, nicht bloß in das Theologenbekenntnis, der muss sich hineinversetzen in das Gefühl eines hochinitiierten Christen, in das Gefühl, wie es der Christ hat, wenn die ganze Kraft der christlichen Offenbarung in ihm gewaltet hat. Das muss man wissen.
[ 6 ] Ein bedeutsames Wort findet sich im ersten Johannes-Brief:
Drei sind, die da zeugen auf der Erde: Blut, Wasser und Geist.
Und drei sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, das Wort und der heilige Geist. [1 Joh 5,7-8]
[ 7 ] Dem Theosophen sind diese drei im Himmel zeugenden Prinzipien als Atma, Buddhi und Manas bekannt. Der Christ nennt die Prinzipien, die der Welt zugrunde liegen: Vater, Wort und heiliger Geist. Über den Vater zu sprechen, hätte der Christ der ersten Jahrhunderte abgelehnt, denn
Niemand kommt zum Vater denn durch mich. [Joh 14,6]
[ 8 ] Und derjenige, der das sprach, ist der große christliche Meister selbst, derjenige, durch den das Christentum selbst in die Welt gekommen ist. Ich spreche jetzt ganz im Sinne eines eingeweihten Christen der ersten Zeit. An den Vater glaubte er, und er glaubte, ihn nicht anders kennenlernen zu können als durch das Wort.
[ 9 ] Und was war das Wort? Nur eine schwache Vorstellung ist dem Uneingeweihten zu geben möglich von dem, was der eingeweihte Christ der ersten Zeit das Wort nennt, und zwar zunächst durch einen Vergleich. Das Höchste, wozu sich der Mensch erheben kann, ist der Gedanke, das Mentale. Der Mensch erhebt sich durch den Gedanken immer bis zum Leben im Devachan. Er lebt im Devachan, er ist sich dessen nur nicht bewusst. Das ist das Charakteristische des irdischen Menschen, dass er zu gleicher Zeit in drei Welten lebt: in der physischen Welt, in der astralischen Welt und in der devachanischen Welt. Bewusst ist er sich aber nur in der physischen Welt. Die höchste Äußerung, die es in der Welt gibt, war für alle Religionen, auch für die erste christliche Religion, der weltschöpferische Wille. Und wenn der Christ von dem Vater überhaupt etwas aussagt, dann ist es einzig und allein das, dass der Vater der weltschöpferische universelle Wille sei. Wenn der Mensch das Höchste, das in ihm lebt, das Devachanische, den Gedanken, durch den Willen, also durch das weltschöpferische Prinzip zum Ausdruck bringen will, so geschieht es zunächst durch die Sprache. Das Wort ist beim Menschen der Verkündiger des Geistes durch den Willen. Und so sagte der erste Christ: Alles dasjenige, was unsere Welt ist, ist im höchsten Sinne gefasst durch das Wort - aber jetzt durch das Wort, das durch den höchsten weltschöpferischen Willen entstanden ist. So wie der Mensch sein Höchstes durch die Kraft des Willens zum Wort zum Ausdruck bringt, so sagt der Christ: Der Vater brachte seinen Geist, den heiligen Geist, durch die Kraft des Wortes zum Ausdruck. Deshalb heißt es auch im Evangelium: Alles ist durch das Wort gemacht, und es ist nichts, was nicht durch das Wort gemacht wäre.
[ 10 ] Die dritte Person ist der heilige Geist. Er ist für das Weltall dasselbe, was der Geist des einzelnen Menschen für den Menschen ist. Dieser Geist kommt in dem Weltenwort herab. Wollte sich der Christ ein Bild machen, dann sagte er sich: So wie ein Mensch spricht, wie sein Wort in die Luft hinaustönt, die Luft in Wellenbewegung versetzt und wie so sein Gedanke in den Wellen der Luft weiterlebt und das Wort die Verkörperung des Menschengeistes ist, so ist die Welt die Verkörperung des Gotteswortes.
Alles ist durch das Wort gemacht, und es ist nichts, was nicht durch das Wort gemacht wäre. [Joh 1,3]
[ 11 ] Damit ist zugleich gesagt, dass das eigentliche Grundprinzip das Höchste ist, das der Mensch in der Welt verkörpert sehen kann, das ist das Wort. Und dieses Wort wird als die zweite göttliche Person oder als der Sohn Gottes bezeichnet, als das höchste Wesen, nicht als abstraktes, im pantheistischen Sinne vorgestelltes Weltseelenbild, sondern als ein Wesen, viel persönlicher und individueller als die menschliche Persönlichkeit, die menschliche Individualität. Das ist durchaus festzuhalten, dass wir es mit einem höchsten Wesen zu tun haben und dass das Wort ein Ausdruck ist für das höchste Wesen, durch das das ganze Universum wie der Mensch mit Augen sehen, mit Ohren hören, mit dem Verstand begreifen kann. Das ist für den ersten Christen Mensch geworden in demjenigen, den er als den Verkündiger des Evangeliums erkennt.
[ 12 ] So hatte für die ersten Christen das Ereignis in Palästina einen kosmischen Wert. Der da gewandelt ist in Palästina, war für die ersten Christen nicht ein Mensch wie die anderen Menschen. Er war für sie das fleischgewordene Wort, dasjenige, was im ganzen Universum mit Augen sehen, mit Ohren hören, mit dem Verstand begreifen kann, und dieses unendliche Wesen in der Gestalt eines Menschen. Wer das nicht so versteht, wer deuteln will an dem fleischgewordenen Gott, an diesem Wort vom fleischgewordenen Gott, wer nicht der Anschauung ist, dass es hier die Inkarnation Gottes in Jesu ist, der kann sich nicht zurückversetzen in die Denkweise der ersten Christen.
[ 13 ] Er war eine einzigartige Persönlichkeit. Das drückt auch das Evangelium in einer herrlichen, großartigen, gewaltigen Weise aus. Dass der Christus zur Erhebung bis ins devachanische Schauen emporgestiegen ist, das drückt das Evangelium klar aus für denjenigen, der diese Dinge lesen kann.
[ 14 ] Um zum vollen Verständnis des Christentums zu kommen, bitte ich Sie aber eines zu berücksichtigen. Wir haben eine große Ähnlichkeit in dem, was wir die Erzählung des Lebens Jesu nennen und in dem, was wir die Erzählung von Buddhas Leben nennen. Diese Ähnlichkeit in der Verkündigung, diese Ähnlichkeit der Lehrjahre und so weiter ist schon mannigfaltig hervorgehoben worden. Woher diese Ähnlichkeit stammt, das weiß der Mystiker, weil er weiß, dass sich ein solches Leben zunächst wiederholt in gewissen Zeitepochen der Menschheit. Aber das Christus-Leben hat noch etwas anderes, etwas wesentlich anderes als das Buddha-Leben, und das verstanden die ersten christlichen Initiierten. Wenn Sie das Jesus-Leben verfolgen, so kommen Sie bis zu einem Punkte, der als die Verklärung geschildert wird. Jesus ging mit seinen Jüngern Petrus, Johannes, Jakobus zum Berge und wurde verklärt, er wurde von innen heraus leuchtend, und Moses und Elias schwebten zu beiden Seiten von ihm. Die Jünger erhielten damals bedeutende Offenbarungen. Damit ist ein allerwichtigstes Moment angedeutet. Moses und Elias erscheinen zu Seiten des Christus Jesus. Die Zeit ist aufgehoben, die Vergangenheit ist gegenwärtig. So ist es im Devachan. Hier in der physischen Welt haben wir Raum und Zeit. In der astralischen Welt haben wir nur noch die Zeit. Zeit- und raumlos aber ist die devachanische Welt. Moses und Elias, die längst Vergangenen, sind unmittelbar gegenwärtig. Das heißt also, bei der Verklärung sind die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes erhoben worden zu devachanischem Schauen.
[ 15 ] Von dieser Verklärung ausgehend sehen wir erst, was bedeutsam ist: Es ist der eigentliche Opfertod, das Leiden, Sterben und der Opfertod, also das, was Sie im Buddha-Leben nicht haben. Buddha ging mit seinem Schüler Ananda hinaus und wurde leuchtend. Wenn Sie diese Szene im Buddha-Leben geschildert sehen, so sehen Sie sie in einer anderen Gestalt; das ist von der Volksauffassung abhängig. In dem letzten Augenblick aber haben wir die Verklärung. Buddhas Leben schließt mit der Verklärung. Das Jesus-Leben beginnt seine eigentlich bedeutsame Epoche erst mit dieser Tatsache. Damit ist angedeutet, was der Christus sagen wollte gegenüber allen alten Religionssystemen der vorhergehenden Unterrassen der fünften Wurzelrasse. Der Christ wollte damit sagen: Wohl verstehen wir die Vorherverkündigung dessen, was durch die Evangelien gekommen ist in den vorhergehenden Religionssystemen, wohl erkennen wir, dass in den alten Mysterien das Wort der Wahrheit gelehrt und geschenkt worden ist. Aber eines ist erst durch das Christentum geworden, und das ist ausgedrückt durch das Merkwort: «Selig sind diejenigen, die nicht schauen und doch glauben.» - Das ist die große, die welthistorische Bedeutung des Christentums in seinem Evangelium.
[ 16 ] Das, was früher in den Mysterientempeln abgeschlossen von aller Welt für einige Auserlesene erreicht worden ist durch die Einweihung, durch das Schauen der großen Weltenwahrheiten im Innern der Mysterienkrypten, so seelisch, so innerlich frei und hoch sollten auch diejenigen werden können und werden, die es nicht bis zum Schauen bringen, sondern die bloß glauben können. Deshalb wurde dasjenige im Christentum, was sich früher in der Verborgenheit der Mysterien abgespielt hat, das Höchste, das Mysterium, bei dem der Mensch selbst durch die Pforte des Todes hindurchgeht, um in einem höheren Leben wieder aufzuerstehen, dieses tiefste Mysteriengeheimnis, das ein Uneingeweihter in seiner wahren Bedeutung nicht verstehen kann, das wurde hinausgerückt auf den großen Horizont des Weltendaseins. Das, was sich abgespielt hat in Palästina, hat sich abgespielt als historische, wirkliche Tatsache, die in allen Einzelheiten so verlaufen ist wie vorher die Mysterienhandlungen im Innern der Mysterienstätten. In den Mysterien wurden wiederholt Opfer und Opfertod. In populärer Form mussten die alten Mysterienlehren vor die Welt getragen werden. Damit aber ist ein weiter Schritt durch das Christentum vollzogen worden, ein Schritt in der Auffassung eines Eingeweihten der ersten Christenheit, ein Schritt, welcher den Menschen hinausführt über die Stufe, die die alten Religionen ihm haben sein können.
[ 17 ] Wer waren die alten Religionslehrer? Lehrer der Menschheit waren sie. Das, was sie gelehrt haben, das war es, worauf es ankam. Die Lehrsätze Buddhas, Zoroasters, Konfuzius, Hermes, Pythagoras, Laotses, [Sokrates, Platons] - die Worte selbst waren es, auf die es ankam. Gleichsam auf einem hohen Berge standen sie, und von da aus verkündigten sie das Höchste, das heilige Wort. Aber noch ein anderes war möglich. Es war möglich, dass dieses Wort selbst hinunterstieg und menschliche Gestalt annahm und dass es einmal nicht ankam darauf, was verkündigt wird, sondern darauf, was gelebt wird, gelebt im tiefsten Sinne des Wortes. Das Ziel war da. In uralten Zeiten ist unserer fünften Wurzelrasse der Weg angegeben worden. Dazu kamen die Lehren und Gebote der alten Religionsstifter, des Laotse, des Konfuzius, des Moses, des Buddha - ihre Wahrheiten. Dann aber kam das Wort selbst in fleischlicher Gestalt herunter und lebte unter uns. Und wahr wurde das dreifach geteilte Wort
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. [Joh 14,6]
[ 18 ] Und so sah der christliche Bekenner und der Initiierte in seinem Religionsstifter den ‹Weg›, die ‹Wahrheit› und das ‹Leben›. In einem tiefen Wort hat der christliche Initiierte das, was ich gesagt habe, angedeutet. Alle alten Religionsstifter sind als verkörperte Engel aufgefasst worden, die Boten der Gottheit waren. ‹Engel› heißt nichts anderes als Bote der Gottheit. Nun aber kam einer, vor dem die Engel in Ehrfurcht ihr Angesicht verhüllten und sich hinlegten zu den Füßen des mystischen Lammes, den Füßen des fleischgewordenen Gottes. Das ist das Mysterium, dass in dem fleischgewordenen Lamm ein tieferes Herabsteigen zu den Menschen, ein Leben mit den Menschen gesehen werden kann. Vom Berge herunter haben die Früheren das Wort verkündigt. Christus ist aber heruntergestiegen in das Tal und hat gelebt als Mensch unter Menschen. Nicht befohlen hat er, was zu tun ist, nicht gesagt hat er, was wahr ist, sondern er hat gezeigt durch das, wie er das Leben lebte, das verwirklichte Wort. Darin sah der Christ seine Religion von den anderen Religionen unterschieden. Dadurch rückte er auch in den Mittelpunkt dessen, was der christliche Eingeweihte als Apokalypse oder geheime Offenbarung zu verkündigen hat. Warum das fleischgewordene Wort auch das «Lamm» genannt wird, davon wollen wir das nächste Mal sprechen.
[ 19 ] Das wird uns klar geworden sein, dass wir in den Mittelpunkt der Apokalypse dieses Lamm stellen müssen, und dass durch dieses Lamm allein die Zukunft der Menschheit sich verkündigen kann. Im vierten Kapitel der Apokalypse, da, wo der Mensch hinaufgeführt wird, da, wo der Himmel offensteht, da verkündigen sich ihm die Wahrheiten des Jenseits. Das ist das mystische Lamm, das die Siegel der Welt löst. Da trifft sich das verklärte Fleisch. Daher die Frage: Was tat sich dir kund, als du hinausschrittest über die bloße Höhe des christlichen Schauens? Da tat sich ihm kund das mystische Lamm. Aufgegangen ist ihm die devachanische Welt und die Möglichkeit, das eigentliche Geheimnis zu enthüllen, das offenbar werden muss, wenn die Zeit erfüllt ist, wenn die siebente Unterrasse unserer fünften Wurzelrasse um ist und eine neue Rasse der Menschheit mit einer neuen Entwicklungsstufe vorangeht.
[ 20 ] So haben wir in der Apokalypse geschildert das Schicksal der fünften Unterrasse und die Anfänge zu einer neuen Gestaltung der Welt, die mit drei Leitworten geschildert wird: ‹Pneumatologie›, ‹Gemeinschaftsleben›, das auf Liebe gebaut ist, ‹Sittenlehre›. Diese Welt kündet sich an in dem Weltengeheimnis, das durch die sieben Siegel, die geöffnet werden, geoffenbart wird durch denjenigen, der dadurch, dass der unter die Menschen gegangen ist, dieses Geheimnis erst möglich gemacht hat, und der es erfüllen wird, wenn der Zeitpunkt herangekommen sein wird, in dem unsere Wurzelrasse reif geworden ist, um in jene Welt hinüberzuleben und jene Evolutionsstufe zu erreichen, die durch diese drei Worte bezeichnet ist. Aus solchen Tiefen muss der Gehalt der Apokalypse geholt werden. Damit soll nicht gesagt werden, dass nur aus diesen Höhen das wahre Christentum geholt werden könne. Aber es muss durchsetzt sein vom Feuer, und dieses Feuer kann der Mensch nur dann gewinnen, wenn er die Kraft sich aus dem höheren Schauen holt, und das Resultat des höheren Schauens auf christlichem Gebiet ist eben die Apokalypse.
