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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

30 Oktober 1904, Berlin

64. Über das Hellsehen

[ 1 ] Jeder Okkultist kennt die großen Gefahren, die darin liegen, okkulte Wahrheiten, okkulte Erkenntnisse in einer leichtfertigen Weise zu popularisieren. Auf der andern Seite sollte aber auch berücksichtigt werden, dass die Theosophie unter anderem die Pflicht auferlegt, gewisse okkulte Lehren, die nur aus den okkulten Forschungen stammen, zu verbreiten und zu vertreten. Wenn wir dies tun, so haben die, welche sich mit solchen Lehren bekanntgemacht haben, das Bedürfnis, etwas zu erfahren über die Methoden, wie denn eigentlich solche Erkenntnisse erlangt werden. Die Theosophie spricht von der Menschheitsentwicklung und von der Weltentwicklung, von Rassen, Runden und so weiter, von Planetensystemen und anderen Dingen. Der, welcher diese Wahrheiten hört, wird doch, auch wenn er glaubt, dass dem Intellekt diese Wahrheiten einleuchten, einmal das Bedürfnis haben, zu fragen, welches denn die Wege sind, auf denen solche Erkenntnisse erlangt werden.

[ 2 ] Nun ist im Allgemeinen über diesen Weg nicht leicht zu sprechen. Es sollen heute jedoch ein paar Bemerkungen über das Wesen dessen gemacht werden, was der Okkultist das Hellsehen nennt. Man darf Okkultismus und Theosophie nicht verwechseln. Theosophie ist im Grunde genommen nur der äußere Ausdruck für die Erfahrungen, die auf dem Gebiete des Okkultismus gewonnen werden. Der Okkultismus ist die Quelle der theosophischen Lehren. Von einem Kapitel dieses Okkultismus soll heute die Rede sein.

[ 3 ] Die Erfahrungen, die den theosophischen Lehren zugrunde liegen, werden in ganz anderen Bewusstseinszuständen gemacht, als die sind, die dem gewöhnlichen Menschen eigen sind. Zwei solcher anderer Bewusstseinszustände kommen insbesondere in Betracht. Es soll von dem ausgegangen werden, was der gewöhnliche Mensch erlebt. Dieser hat sein alltägliches, waches Tagesbewusstsein - durch das er die Sinnendinge um sich herum wahrzunehmen in der Lage und imstande ist-, um durch seinen Verstand, durch seine Vernunft, kurz durch seine Intellektualität, sich über Ursache und Wirkung und über die anderen Gesetze dieser physischen Welt zu unterrichten.

[ 4 ] Dieser Bewusstseinszustand ist aber nicht der einzige Erfahrungszustand des Alltagsmenschen. Die Erfahrung des Menschen reicht weit über das hinaus, was seinem Bewusstsein zugänglich ist. Der normale Mensch hat noch zwei andere Erfahrungszustände, das sind der sogenannte Traumschlaf und der traumlose Tiefschlaf.

[ 5 ] Dieser zweite Bewusstseinszustand, der von Träumen durchzogene Schlaf, versenkt den Menschen nicht ganz ins Unbewusste. Der Mensch ist in der Lage, etwas herüberzubringen ins wache Bewusstsein. Das, was er da ins Bewusstsein herüberbringt, ist aber nicht der Inhalt der eigentlichen Erfahrung, die er während des vom Traum erfüllten Schlafes gemacht hat. Die Erfahrung ist etwas ganz anderes als das, wessen er sich hinterher bewusst wird. Es ist sozusagen nur ein Herüberbringen von einzelnen Fragmenten, von fragmentarischen Spiegelbildern. Was der Mensch in einer ganz anderen Welt erlebt während des traumerfüllten, also nicht ganz tiefen Schlafes, sind zusammenhängende, in sich geordnete Tatsachen. Und von diesen Tatsachen, die er zwar erfährt, deren er sich aber nicht bewusst wird, hat er einige Erinnerung. Er hat sie für das wache Bewusstsein ins Gedächtnis herübergebracht und erinnert sich später an das, was drüben gewesen ist. Der Inhalt wird jedoch nur spärlich und verzerrt erinnert. Dieser Inhalt lässt sich in keiner Weise vergleichen mit dem, was drüben erfahren wird.

[ 6 ] Das ist eine Welt, die, wenn sie durchschaut werden könnte, erfüllt wäre von Tatsachen der sogenannten astralen Welt. Ebenso wie die physische Welt von den Tatsachen der sinnlichen Welt erfüllt ist, erlebt man hier die spirituellen Tatsachen. Aber drüben erleben wir Gefühle, Leidenschaften, Wünsche, Begierden, Triebe als Tatsachen. Wir erleben sie nur so, wie sie als seelische Vorgänge vorhanden sind, nicht so, wie sie sonst sind in unserer persönlichen, durch das Erdenleben sich brechenden Gestalt. Es ist eben eine andere Welt, die der Mensch da erfährt und von der er nur Stücke herüberbringt in das gewöhnliche wache Tagesbewusstsein. Niemals dürfte irgendjemand nach dem, was er vom Trauminhalt in das wache Tagesbewusstsein herüberbringt, die Erlebnisse im sogenannten Astralen charakterisieren. Das ist eine ebenso reiche, ja viel reichere Welt als die Sinnenwelt, die hinsichtlich dessen, was sie an Gegensätzen bietet, sich nicht vergleichen lässt mit dem, was in unserer Sinnenwelt vor sich geht. Das, was gut, hell leuchtend, strahlend erscheint und was auf der anderen Seite an furchtbaren, abstoßenden grauenhaften Erscheinungen auftritt, lässt sich seiner Mannigfaltigkeit nach nicht vergleichen mit dem, was unsere Sinnenwelt bietet.

[ 7 ] Der dritte Zustand ist der traumlose Schlaf. Bei den meisten Menschen kommt von den Erlebnissen, die man während des traumlosen Schlafzustandes durchmacht, sehr wenig in das wache Tagesbewusstsein herüber. Was herüberkommt, wird für gewöhnlich nicht bewusst. Das Erlebnis des traumlosen Schlafes erscheint nicht seiner Ursächlichkeit nach, sondern seiner Wirkung nach im wachen 'Tagesbewusstsein. Was da erlebt wird, das sind die großen Gesetze der Wirklichkeit, die wahren, bis zu einem gewissen Grade viel wahreren Ur-Sachen und Wesenheiten unserer Welt. Was in den äußeren physischen Daseinsformen des Tier- und Pflanzenreiches sich abspielt — das Mineralreich gehört hier nicht her, denn über das wahre Wesen desselben kann nichts im traumlosen Schlaf erfahren werden -, die Art und Weise, wie sich das Leben in diesen Reichen gestaltet, wie sich die Formen von einer zur andern entwickeln, welche großen Gesetze das Leben eigentlich hat -, das, was, wenn wir es in seiner wahren Gestalt durchdringen würden, blitzartig in dem gewöhnlichen Bewusstsein manche Zusammenhänge des Lebens, die sonst rätselhaft und dunkel sind, erleuchten würde, alles dies macht der Mensch durch, ohne in bewusster Weise etwas im wachen Tagesbewusstsein zu behalten.

[ 8 ] Das ist nichts anderes als eine Schilderung der drei Zustände, von denen nur einer ein wirklicher Bewusstseinszustand ist, den wir beim Menschen antreffen.

[ 9 ] Nun ist es selbstverständlich, dass von den Erfahrungen, die so gewonnen werden, nichts Inhalt der okkulten Lehre sein kann. Okkulte Erfahrung beginnt erst dann, wenn eine ganz bestimmte Wandlung des Bewusstseinszustandes vor sich gegangen ist. Diese Wandlung soll kurz charakterisiert werden.

[ 10 ] Es gibt im gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein einen Punkt, der für die Entwicklung eines jeden Menschen, der einigermaßen sinnend oder sinnig ist, Epoche macht. Das ist das Erwachen des Selbstbewusstseins. Sie alle wissen, dass das Kind zunächst nicht in der Ich-Form spricht, sondern sagt: «Karlchen will», «Mariechen will». Es ist eine ganz bestimmte Entwicklungsstufe im Leben des Menschen, bei der die Möglichkeit auftritt, dass er zu sich Ich sagt. Dieses Erwachen des Ich-Bewusstseins unterscheidet sich von allen anderen Tatsachen, die man erleben kann. Es ist ein ganz intimes Erlebnis. Zu sich selber kann jeder Ich sagen. Jedem anderen Ding kann man einen anderen Namen beilegen. Ich kann nur jeder von sich selbst sagen und niemand kann zu einem anderen Ich sagen. Nur ein Mensch kann sich mit dem ganz bestimmten Namen, mit dem Ich bezeichnen.

[ 11 ] Selbstbewusstsein ist etwas ganz anderes. Der Gedanke des Ich ist ein ausschließlicher und mit keinem anderen zu vergleichen. Es gibt nun eine Möglichkeit, an dem Ich so zu arbeiten, dass es, wie es im gewöhnlichen Selbstbewusstsein nur in sich selber ist, seine ganze Gedankenwelt so aus dem Mittelpunkte des Ich heraus gestaltet, wie gewöhnlich nur der Gedanke des Ich auftritt. Wenn der Mensch durch sorgfältige anhaltende Meditation sich dazu bringt, dass er seiner ganzen Gedankenwelt so gegenübersteht - und nicht bloß seiner Gedankenwelt, sondern der Gedankenwelt überhaupt -, wie der gewöhnliche Mensch einzig und allein dem Punkte des Ich gegenübersteht, dann nennt man ihn einen intuitiven Menschen. Dann geht aus dem Mittelpunkt seines Wesens selbst die Gedankenwelt hervor. Er produziert dann in demselben Sinne Gedanken, wie er vorher den Ich-Gedanken produziert hat.

[ 12 ] Diese Stufe der Ich-Entwicklung kann erreicht werden. Durch richtiges Meditieren in einem gewissen Sinne kann der Mensch dahin kommen, sich so zu seiner Gedankenwelt zu stellen, wie er vorher sich nur zu seinem Ich gestellt hat. Zwei Sätze in «Licht auf den Weg» haben die Kraft, wenn sie in richtiger Weise angewendet werden, das Ich zu diesem Standpunkte zu bringen. Es sind keine bloß abstrakten Sätze, es sind Sätze, die aus der astralen Erfahrung von Jahrtausenden heraus geschrieben sind. Diese zwei Sätze, die ein Erziehungsmittel von außerordentlicher Art sind, heißen:

Bevor das Auge sehen kann, muss es der Tränen sich entwöhnen.
Bevor das Ohr vermag zu hören, muss die Empfindlichkeit ihm schwinden.

[ 13 ] Kraft und Leben ist in diesen Sätzen, sie brauchen nur in der richtigen Weise angewendet zu werden. Hat der Mensch diese Stufe erreicht, dann tritt notwendig noch etwas anderes ein: Dann ist er in der Lage, das, was sonst nur im traumlosen Schlaf erfahren wird und was sonst nur in Fragmenten herüberkommt, in einer geordneten Weise zu erfahren. Dadurch wird diese Welt, die im Astralen sich abspielt, für ihn ebenso tatsächlich, wie vorher die sinnliche Welt für ihn Tatsache war. Der Mensch hat dann die Erinnerung an die Tatsachen der Kama-Welt.

[ 14 ] Die nächsthöhere Stufe ist die, auf welcher der Mensch den traumerfüllten Schlaf nicht mehr hat, sondern durch Intuition in der Lage ist, in die höhere Welt hineinzuschauen. Die ist voller geistiger Klarheit; Willkür gibt es da nicht mehr. Mit diesem intuitiven Zustande sind zwei Wahrnehmungen verbunden. Der Mensch nimmt, wenn er diese Entwicklungsstufe erreicht hat, in eigener Erfahrung die gefährlichen Feinde des Menschenlebens wahr: die Elementargeister von Geburt und Tod, die in den anstoßenden Naturreichen fortwährend lauern, die immer da sind, die den Menschen zu verführen versuchen und so weiter. Diese Elementarwesen, die in den Astralkörper ziehen und seine Wünsche beeinflussen, sind immerfort da. Im gewöhnlichen Leben sind sie vom Schleier der Maja verdeckt.

[ 15 ] Diese Feinde in den anstoßenden Naturreichen wird der Mensch zunächst auf dieser Stufe der Entwicklung gewahr. Und das ist für die Entwicklung im Okkultismus von größter Bedeutung. In diesem Zustande, der sich vergleichen lässt mit dem traumlosen Schlaf, nimmt der Mensch wahr - das ist sein erstes Erlebnis, das er in diesem Bewusstseinszustande hat —, welches die herunterziehenden, zum Niederen hinlenkenden Feinde in ihm sind. Es ist gut, dass diese Kräfte, die im Menschen also walten, dem gewöhnlichen Menschen verborgen sind. Es ist gut, dass hier ein Schleier darübergebreitet ist. Denn nicht das Sprechen davon, sondern das wirkliche Kennenlernen ist es, was erst der ertragen kann, der eine gewisse Stufe von Selbstvertrauen und moralischer Festigkeit in seinem Innern erlangt hat. Deshalb wird auch kein wahrer Okkultist eine Anleitung geben, eine solche Stufe zu erreichen, bevor der Mensch eine entschiedene Ausbildung des Charakters nach der Richtung des Selbstvertrauens, der Moralität, der Geistesgegenwart erreicht hat, damit er nicht in die Gefahr kommt, sich selbst zu verlieren, sondern seine Kräfte zusammenhalten kann. Diese drei Eigenschaften sind erforderlich für jeden Okkultisten.

[ 16 ] Man nennt das, was dem Tagesbewusstsein in dieser Art verborgen ist, auf dieser Stufe dem Menschen entgegentritt, den Hüter der Schwelle. Er hütet die Schwelle deshalb, weil er den gewöhnlichen Menschen nicht hereinschauen lassen darf in das, was dahintersteckt. Er verliert aber wesentlich von seinem Grauenhaften, wenn der Mensch die bezeichneten Charaktereigenschaften hat beziehungsweise sich bis zu einem gewissen Grade angeeignet hat. Am Ende der atlantischen Zeiten hatte man aufgehört, diese moralischen Kräfte genügend zu entwickeln. Daher traten jene eigentümlichen Verhältnisse ein, die aus der Schilderung von Atlantis bekannt sind.

[ 17 ] In der Fortsetzung dieses Weges muss dann der Mensch nicht nur dazu gebracht werden, die Gedankenwelt als seine eigene zu erleben, sondern er muss dann, um auf einer höheren Stufe mit der Wirklichkeit richtig verbunden sein zu können, auch die gesamte Empfindungswelt umwandeln. Dann beginnt die Fähigkeit, in den höheren Welten die Dinge unmittelbar während des wachen Tagesbewusstseins zu schauen, zum Beispiel die menschliche Aura; zunächst erst in den niedrigeren Stufen. Wenn der Mensch so weit ist, dann hat er im Grunde genommen sich schon einen Quell von außerordentlich hoher Erfahrung eröffnet. Dann lebt er ebenso bewusst im Geistigen, wie der gewöhnliche Mensch innerhalb der Sinnendinge lebt.

[ 18 ] Auf der dritten Stufe aber lebt er da, wo für den gewöhnlichen Menschen nichts mehr von bewusster Erfahrung ist. Da erlebt er so, wie der gewöhnliche Mensch in der äußeren Sinnenwelt, nur auf einer höheren Stufe. Er erlebt dann die Gesetze der Welt der Ursachen. Da ist kein Unterschied mehr zwischen den Erlebnissen im sogenannten bewusstlosen Schlafzustand und dem bewussten Tageszustand. Das ist die Kontinuität des Bewusstseins, die gradweise und ganz allmählich erlangt wird. Aber verhältnismäßig bald wird die Abtrennung der Seele so weit fortgeschritten sein, dass sie nicht nur in Gedanken, sondern auch in Empfindungen leben kann. Dann kann er sich daraus Begriffe machen, wie die Dinge in Wirklichkeit aussehen.

[ 19 ] «Licht auf den Weg» gibt die richtige Anweisung, um diese Stufe zu erreichen. Sie erfordert Geduld, Ausdauer und Standhaftigkeit in ganz außerordentlichem Grade. Die Möglichkeit dazu liegt in den Kräften, die in den nächsten zwei Sätzen verborgen sind:

Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muss das Verwunden sie verlernen.
Eh' vor ihnen stehen kann die Seele, muss ihres Herzens Blut die Füße netzen.

[ 20 ] Sie enthalten die Kräfte, die Menschen bis zum unmittelbaren Erleben und zur unmittelbaren Empfindung zu führen.

[ 21 ] Wer auf dieser Stufe steht und so zu seiner Empfindungswelt «Ich» zu sagen vermag, der ist nun imstande, alle diejenigen Wahrheiten, die sich auf das Devachan beziehen, in bewusster Weise zu erleben. Die Lehren vom Devachan sind auf dieser Stufe des Bewusstseins bewusst erlebbar als wirkliche Erfahrung.

[ 22 ] Man kann nun glauben, dass der Mensch, wenn er die Entwicklung bis zu dieser Stufe durchmacht, zum Träumer wird, dass er seine gewöhnliche Nüchternheit und Urteilskraft verliert. Im Gegenteil, es hört da jede Möglichkeit auf, sich einem Aberglauben, einem Dogma hinzugeben. Auch Zweifelsucht und Skeptizismus verschwinden aus der Seele, wenn der Mensch dahin gelangt, sich einen Begriff von dieser Stufe der Entwicklung zu machen. Es gibt nun einen dem traumerfüllten Schlaf und einen dem Tiefschlaf analogen Zustand. Wenn der Mensch so weit fortgeschritten ist, das Devachan zu schauen, so gibt es für ihn noch andere Zustände, in die er sich mit Bewusstsein versetzen kann. Es sind solche, in denen er etwas viel Höheres erleben kann. Diese Zustände bestehen in Folgendem.

[ 23 ] Aus eigener Anschauung lernt man erkennen, wie sich die verschiedenen Formen des Universums ineinander verwandeln und metamorphosieren. Es wird bewusst, wie sich eine Gedankenform bildet aus Mental-Substanz, dann mit Astral-Substanz umschließt und den astralen Stoff plastisch beherrscht. Aber es wird auch gelernt, wie die Wesen von höheren Plänen, vom mentalen Plan durch den astralen Plan bis zur physischen Welt sich hinabbewegen. Die ganze Summe der Formverwandlungen, die möglich sind im Universum, liegt vor dem Blick des Einzuweihenden. Er kann Antwort darauf geben, welche Formen zum Beispiel eine Pflanze in früheren, längst verflossenen Epochen durchgemacht hat. Die verschiedenen Verwandlungsformen, die zu unserem Planetensystem gehören, enthüllen sich auf dieser Stufe der Erkenntnis. Dies wird in der Esoterik die bewusste Erfahrung der Formen-Entwicklung genannt.

[ 24 ] Der Zustand, der analog dem traumlosen Tiefschlaf ist, zeigt, wie in die verschiedenen Formen das Leben, die Wesenheit selbst sich hineinergießt. Im konkreten Fall besteht der Unterschied darin, dass während des zweiten Zustandes die verschiedenen Formen in ganz anderen Farben wahrgenommen werden als im dritten Stadium. Wenn eine Gedankenform wahrgenommen wird, kann sie zum Beispiel in leuchtend gelben Farben erscheinen. Es gibt Gedankenformen, die so wahrgenommen werden. Es gibt auch Gedankenbilder, die haben eine bestimmte geistige Gestalt. Im dritten Stadium strömt in diese Gedankenformen jener Lebensäther ein, welcher zum Beispiel die schöne helle Farbe der Pfirsichblüte haben kann. Sie können dann nicht nur starre oder ganz bewegliche, ineinander sich verwandelnde Formen sehen, sondern gewahren, wie diese Formen aus ihrem Mittelpunkte heraus belebt sind.

[ 25 ] Die Folge, die eintritt, ist, dass man sich in die verschiedenen Ätherformen des Bewusstseins versetzen kann, sodass man nicht nur die Gesetze des devachanischen Lebens erkennen kann, sondern auch die Verwandlungen unserer Erde - nur unserer Erde, weiter geht es noch nicht -, die sie durchgemacht hat während der Zeit der sogenannten Runden-Entwicklungen. Es wird das Durchlaufen von mehreren Planeten oder Globen, von Arupa-Planeten und von Rupa-Planeten und dergleichen durchgemacht. Diese Verwandlungen kann man in diesem Bewusstseinszustande kennenlernen. Und dann können die verschiedenen Runden selber durchgemacht werden, kennengelernt werden.

[ 26 ] Der Mensch kann also durch entsprechende Übungen einen Teil der Lehre, welche die theosophische Bewegung in die Welt gebracht hat, verstehen lernen. Der weitere Weg kann jetzt nicht mehr dargestellt werden. Jenseits beginnt jener Zustand des Bewusstseins, der darin besteht, sich gegenüber der Möglichkeit der äußeren Empfindung unempfänglich zu machen. Und damit beginnt das eigentliche Leben des Adepten. Aus den Erfahrungen des Adepten kann erst dasjenige gewonnen werden, was über die bezeichnete Grenze hinausgeht.

[ 27 ] Was hier dargestellt worden ist, sollte den Zweck haben, auf die Methoden hinzudeuten, die zu dem Wissen führen, das in den theosophischen Lehrbüchern vorhanden ist.

[ 28 ] Es ist ja zum Teil das Mitteilen und das Aufnehmen der Theosophie auf Vertrauen aufgebaut. Das muss auch heute so sein. Aber es kann gefordert werden, dass Ausführungen gemacht werden, woher dieses Wissen stammt, zu dem zu gelangen wir im Abendlande wieder die Möglichkeit haben. Darin haben die führenden geistigen Individualitäten, die Meister, Gelegenheit, es möglich zu machen, nicht allein die Lehren, sondern auch die esoterischen Gesichtspunkte zu geben, die, wenn sie richtig gebraucht werden, die Entwicklung nach einer entsprechenden spirituellen Richtung hin fördern können.

[ 29 ] Neben dem bedeutsamen Werk der «Secret Doctrine» von H.P. Blavatsky ist auch jenes Buch «Licht auf den Weg» inspiriert worden, das wirklich ein Licht auf den Weg ist, der doch von jetzt ab in der Zukunft von der Menschheit beschritten werden soll. Wenn dieser Weg beschritten wird oder wenigstens verstanden wird, dann erst wird man etwas davon wissen können, wie dieses Wissen und dieses Wollen, die zu unserem Ziele führen sollen, erlangt werden können und wie sie erlangt werden müssen in der Zukunft. Für wenige erst mag ja heute der Weg gangbar sein. Darüber soll nicht weiter gesprochen werden. Aber darüber können wir uns klar sein, dass jenes menschliche Erleben, bei dem der Sinnenschein aufhört und höhere Erfahrung eintritt, nicht anders erlangt werden kann als durch eine bestimmte Entwicklung des geistigen Lebens.

[ 30 ] In intensiverer Weise als auf irgendeinem anderen Wege kann gerade durch diese geistige Entwicklung, die durch Lehre und Wort in der theosophischen Bewegung leben sollte, das große Ziel der Entwicklung erreicht werden, das in jener tiefen Erkenntnis, jener großen esoterischen Wahrheit ausgesprochen worden ist, die leicht gesagt, aber schwer verstanden werden kann, und die zu der urältesten Weisheit der Menschheit gehört:

Ein Leben wohnt in allen Wesen, eines ist es und auch ein Vieles, wie der Mond, der sich in vielen Bildern im Wasser spiegelt.