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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis I
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90a

25 Dezember 1904, Berlin

74. Die Entwicklung des Menschen

[ 1 ] Wie geht eine Evolution vor sich? Man hat eine Summe von Daseinskreisen vor sich, die sich später verinnerlichen. Das ist im ganzen Universum so.

[ 2 ] Betrachten wir die Entwicklung des Menschen. Sein physischer Leib ist in der jetzigen Rasse ausgebildet. Aber der Astralleib des Menschen ist gegenwärtig in einer unentwickelten Periode. Er muss so weit kommen, dass er Sinnesorgane hat, wie der physische Leib. Diese Sinnesorgane, die auf dem Astralplane dem Menschen gestatten werden, bewusst zu leben, nennt man Chakren. Die sind heute in der Anlage. Eines sitzt über dem Kehlkopf, man nennt es wegen seiner Form die sechzehnblättrige Lotusblüte. Sie wird dadurch ausgebildet, dass der Mensch heute spricht. Einer Tätigkeit auf dem unteren Plane entspringt ein Organ auf dem höheren Plane. Darauf bezieht sich auch unter anderem der dritte Vers in «Licht auf den Weg». Dies ist eine Anleitung. Alle diejenigen Worte nämlich, welche Kritik, Urteil, Ablehnung, Spitzen, die nach außen gehen, enthalten, tragen nichts dazu bei, das Rad in Bewegung zu bringen. Sodass nur das selbstlose Sprechen hier dies Organ wirksam auf dem höheren Plan macht. Sodass nicht Askese, Zurückziehen vom physischen Plan, den Theosophen macht, sondern das Arbeiten daran. Wenn unser Dienst Opferdienst wird, wird die zweiblättrige Lotusblüte auf der Stirn in Bewegung gebracht.

[ 3 ] Alles was ist, ist das Ergebnis von Tätigkeit oder Karma. — Wie sind Augen entstanden? Der Mensch hatte Tätigkeit auszuführen, die zur Bildung der Augen führte. Die jetzt rudimentäre Zirbeldrüse, sie war eine Art von Wärmeorgan, wie ein bewegliches Auge, als die Körper noch nicht leuchteten und der Mensch sich im Feuernebel bewegte. Er sondierte damit das Milieu, konnte im weiten Kreis die Temperaturunterschiede wahrnehmen. Das Ergebnis dieser Wahrnehmung ist die Wahrnehmung solcher Körper, die durch Erhitzung leuchten. Dann trat dies Organ zurück, und es bildeten sich als Ergebnis die zwei Augen. Die Zyklopensage ist eine Erinnerung daran.

[ 4 ] Wie grandios die Metamorphosen sind, die der Mensch durchgemacht, wird uns klar: Sie müssen so vor sich gehen, dass die äußere Formbildung innere Kraft wird.

[ 5 ] Wir stehen in der vierten Runde. Als der Mensch vom Monde herüberkam, war er im Allgemeinen Mondpitri. Er hatte zur höchsten Entfaltung das Traumbewusstsein gebracht. Das war nicht imstande, ein Objekt, das außen war, wahrzunehmen. Ein solches war nicht einmal da. Dazu hätte ein Gegenstand dem andern gegenüberstehen müssen. Die drei ersten Runden waren so, dass alles innerlich war, der Mensch sich in sich abschied. Die Pitris trugen alle verfügbare Materie in sich, es gab nur Menschen. Hätte der Mensch das Mineralreich in sich behalten, wäre er nie zu seiner Entwicklung gekommen. Daher musste er es aus sich herausstellen. Er sondert in der ersten Runde alles, was er nicht brauchen kann, aus sich heraus; indem er ein tiefer stehendes Wesen zurücklässt, hebt er sich hinauf. Das ist ein tiefes Gesetz des Okkultismus.

[ 6 ] Während der zweiten Runde bevölkert er seine Erde mit dem Pflanzenreich; während der dritten Runde lässt er alles zurück, was kaltblütige Tiere sind. Jetzt schläft das hinüber in die vierte Runde als Keim. Er macht den arupa, rupa und astralen Zustand durch und tritt in die dünnste Physis. Wie er ist, könnte er aber nicht intelligent werden, er muss noch eines abstreifen, und dies sind die warmblütigen Tiere, sie sind sozusagen dekadente, verkümmerte Menschen.

[ 7 ] Zur Mitte der lemurischen Zeit war die Entwicklung so weit, dass Folgendes eintreten konnte. Bis dahin konnte ein Wesen aus dem andern hervorgehen, geschlechtliche Fortpflanzung gab es nicht. Damals, als die Wesen alle sich ungeschlechtlich fortpflanzten, war die Erde in ganz anderem Zustand. Alles, was feste Masse ist, war damals aufgelöst, flüssiges Element. Durch die Veränderung ist das bedingt, was man geschlechtliche Fortpflanzung nennt. Mit der Verhärtung hängt die Sexualität zusammen, ein Wesen konnte nicht mehr allein ein anderes hervorbringen, daher mussten auch die Weichtiere sich den neuen Bedingungen fügen.

[ 8 ] Wie ist die Sexualität entstanden? Ein Maß von Kraft -<1> wollen wir es nennen — war notwendig, um ein neues Wesen hervorzubringen. Bei der Verhärtung ist dies nicht möglich. 1 wird in 2 gespalten, die eine Hälfte der Kraft geht auf die Fortpflanzung ab, die andere wird abgespalten. Die eine Hälfte ballt sich zum Gehirn zusammen, wird geistig, ist also veredelte Reproduktionskraft, die andere Kraft wird dadurch brutaler. Es sind die zwei Pole.

[ 9 ] Die abgespaltene Kraft, das Geistige, konnte durch Manas befruchtet werden, wird zum Träger von Manas. Daher sind vom Sexuellen die Symbole genommen, um das Höchste zu versinnbildlichen. Als die späteren Rassen kamen, wurden die reinen Symbole missverstanden und führten auch zu Ausschreitungen. Die materielle Wissenschaft, die nur vom physischen Plan ausgeht, hat nur dieses gesehen.

[ 10 ] Diese geistige Kraft, bevor sie zu der Phase gekommen ist, wo wir heute stehen, hat viele Phasen durchgemacht. Zunächst war die Vorstellungskraft viel getränkter von vollsaftigen sinnlichen Vorstellungen; sie war noch nicht so verdünnt, dass sie als Gedächtnis leben konnte, und sie hatte magische Kraft, konnte reproduzierend wirken bei entsprechendem Training. Das bloß Sinnliche des Menschen wurde in rauer Weise abgehärtet, dann wirkte die Produktionskraft. Diese musste er aufgeben in dem Maße, als er sich höher entwickelte. Das Gedächtnis war, was sich während der atlantischen, die Verstandeskraft während der arischen Rasse entwickelte. So schwand die Kraft auf Kosten der Verfeinerung.

[ 11 ] Der Sinn der Evolution ist, dass ein Höheres sich entwickelt, während ein Niederes zurückgelassen wird. So haben wir die wilden Völkerschaften zurückgelassen, von denen irrtümlich die Kulturgeschichte uns ableitet.

[ 12 ] Nun sind wir, nachdem das höhere Tierreich abgestoßen ist, in der Mitte der vierten Runde. Der Mensch muss nach und nach alles wieder aufnehmen, was er früher von sich abgestoßen; er muss alles erlösen. Im astralen Zustand wird er dazu fähig sein. Das ganze ausgebreitete höhere Tierreich sind die Leidenschaften, die der Mensch herausgestellt hat. Mit den mächtigeren Organen des entwickelten, gereinigten Astralleibes, kann er die ausgelagerte Kraft wieder aufnehmen und sie gebrauchen, um sich zu erhöhen. Das ist die Entwicklung der drei künftigen Globen. Sodass, wenn unsere Entwicklung zu Ende sein wird, das höhere Tierreich, das ein mineralisches Gerüste hat, nicht mehr sein wird; das ganze Mineralreich wird aufgesogen.

[ 13 ] Während der fünften Runde ist also nur da: das Pflanzenreich, das niedere Tierreich und der Mensch selbst. Er absorbiert nun das Pflanzenreich und das Höhere des niederen Tierreichs. Es ist ein anderer physischer Zustand, das Mineralreich wird nicht sein, aber die Pflanze wird einen noch dichteren physischen Zustand haben. Es findet keine Verflüchtigung in den Äther statt, sondern eine Verphysischung des Pflanzlichen. Es wird ein wachsendes Knochenskelett sein, mit Absonderungen pflanzlicher Art. Gewisse Substanzen, die heute noch Luft sind, werden Wasser sein, in dem Keime aufquellen können.

[ 14 ] Wenn die sechste Runde beginnt, ist nur das Tierreich da und zwar die fortgeschrittenen, heute niedrigeren Formen, und der Mensch. Das Tierreich saugt er auf. Und in der siebten Runde erreicht der Mensch die Gottähnlichkeit. - Gott ruht am siebten Tage. Der Mensch selbst ist Schöpfer und entwickelt sich zu jener Reife, die nötig ist, um eine neue Entwicklung zu beginnen.