Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
undatierte 1905, Berlin
3. Die Vergottung des Menschen die Aufgabe der Künste
[ 1 ] Die mittelalterlichen Mystiker sprechen von einer sogenannten Vergottung des Menschen. Es ist ein außerordentlich treffender Ausdruck für einen inneren Vorgang, für bestimmte geistige Erfahrungen. Es liegt ihm zugrunde, dass der Mensch durch seinen inneren Wesenskern sich immer mehr entwickeln kann, den Geistesmenschen durch die äußere Hülle immer mehr durchscheinen lassen kann.
[ 2 ] Das ist das Wesen der Vergottung. Wer davon spricht, hat im Sinn, dass der Mensch auch seinen Ursprung genommen hat vom Geistigen. Gleichsam heruntergestiegen vom geistigen zum physischen Dasein, um sich wiederum heraufzubewegen zu seinem Ausgangspunkt. Warum musste er den Weg hinweg von der Göttlichkeit nehmen, wenn doch der Weg zurück wieder eingeschlagen werden muss? Ein bedeutender Mystiker der Gegenwart hat gesagt, dass derjenige, der nur ein wenig erfahren hat, diese Frage nicht mehr so leicht stellt, und im Grunde hat die griechische Mystik die Antwort gegeben, indem sie die Seele eine Biene nennt. Wie die Biene aus dem Bienenstock kommt, hinausfliegt in die Fluren und Honig sammelt, den Extrakt, den edelsten, von der Pflanze nimmt und wieder zurückbringt -, dasselbe tut die Seele in der Welt, zieht aus in die Fluren, sammelt zur Prüfung Weisheitsschätze, was nur hier zu erfahren ist für die Seelen, um den Wohnplatz Gottes wieder zu bereichern. Mehr könnten wir lernen an solchen einfachen Bildern, als der nüchterne Verstand zu erfassen vermag.
[ 3 ] Nun war es mir gestern vergönnt, über die drei Künste und ihre Entwicklung zu sprechen, indem ich sie darstellte als ein Spiegelbild jener Welten, die unserer jetzigen vorangegangen sind. Die drei Elementarreiche finden ihr Spiegelbild in der Architektur, der Plastik und Malerei. Alles in den drei Elementarreichen ist in gewisser Beziehung der noch unverdichtete Ausgangspunkt unserer Welt, der wie begraben schlummert und die der Mensch wieder herausholt. Deshalb hat man sie verglichen mit einer Schlummerstätte Gottes, wo sie ruhen, um durch den Menschen wieder auferweckt zu werden. Das Reich der fluktuierenden Bilder können wir nicht mehr mit äußeren Augen sehen. Der Mensch sucht, es durch die drei Künste wieder in sich zu beleben, auferstehen zu lassen.
[ 4 ] Dass unser Sein durch sein Schaffen eine Erlösung des in der Natur schlafenden Gottes ist, dass in unserer Seele der Gott wieder erwacht und in unsere Schöpfungen fließt, sodass in Menschenwerken aus deren Gestaltungen die Gottheit leben kann, das ist die hohe Aufgabe der Kunst.
[ 5 ] Und indem der Mensch das tut, vergottet er sich selbst und dadurch wird er das Wesen, das den Honig der Welt wieder zurückzubringen hat auf den Altar Gottes.
[ 6 ] Lassen wir unser Auge schweifen über die Werke der großen Maler. Was Raffael und Michelangelo auf die Leinwand hingezaubert, was Tausende von Seelen erhebt, es ist eine Schöpfung des Geistes, groß, gewaltig, aber sie wird vergehen, in winzige Atome werden zerstieben die Werke der großen Genien. Aber verbunden ist mit dieser menschlichen Schöpfung etwas, was unvergänglich ist, das, was die menschliche Seele sich erarbeitet. Sie haben etwas erworben, was unvergänglich ist; in die Ewigkeit hineingetragen, was sie in ihren Geist hineingetragen, hineingearbeitet haben. Wenn der Globus zerstoben sein wird, werden die Wesen mit hinübernehmen, was die Seelen hier gelernt und erfahren haben. Das bringen sie als die Bienen des Lebens zurück zum Altar Gottes. Das ist, was die Mystik Vergottung nannte. Immer wieder erlöst die Menschheit den verborgenen Gott. Dann wird offenbar, was so wenige heute verstehen: dass dasjenige, was der Mensch zuletzt schafft als die göttliche Welt, in der Anlage bereits da war. Sodass das Höchste, zu dem der Mensch zuletzt kommt, das Tiefste ist. Sodass wir in der Erkenntnis zuletzt haben, was Gott in die Welt hineingelegt hat. Hellscherische Einsicht ist Gemeinschaft mit der göttlichen Welt.
[ 7 ] Von einer besonderen Ausbildung des traumerfüllten Schlafbewusstseins haben wir gesprochen, die zur Erkenntnis der drei Elementarreiche führt, zu der Welt der flutenden Bilder, der Gestaltungen der gestaltlosen Kräfte, der des weltengestaltenden Tones. Nun gibt es andere Erfahrungen. Dieser Traum, der mit sinnbildlichen Darstellungen uns umgeben hat, ist es, der zu einem Wahrnehmen der gestaltenden Kräfte sich erheben kann. Nun gibt es das erwachte Bewusstsein während des traumlosen Schlafes.
[ 8 ] Wenn die Kontinuität des Bewusstseins eintritt, nimmt der Mensch die tönende Welt wahr: Die geistige Welt fängt an zu tönen. Was Pythagoras als Sphärenmusik beschrieben hat, ist wirkliche Wahrheit. In dem Klang drückt sich das innere Wesen der Welt aus: «Die Sonne tönt nach alter Weise.» Das wäre eine vollständige Phrase, denn die Sonne tönt nicht im physischen Leben, wohl aber, wenn wir sie als Körper einer geistigen Wesenheit erkennen. Aus dem Weltenchaos heraus hören wir sich ordnen das Chaos als Ton, als geistige Harmonie: «Tönend wird für neue Ohren ... Unerhörtes hört sich nicht.»
[ 9 ] Aber Geistiges hört sich. Geister, die theosophische Weisheit haben, haben daher von dem Tone als Weltengestaltendes gesprochen. In Schopenhauers Geist lebte die Ahnung von einer ungeheuer bedeutenden Tatsache. Das Weltenwesen ist für den Hellseher eine Welt von Tönen. Wenn wir in das Innere dringen, geschieht es durch das musikalische Wesen, durch die Welt der Töne, und das ist etwas Wahres.
[ 10 ] Gestaltungen drängen nach Außen, und selbst die gestaltenden Kräfte dringen in den Raum, und ihre Spiegelbilder sind äußere Ankündigungen von inneren Wesen. Die durchgeistigste Hülle ist, was wir in den drei Künsten wahrnehmen. Bei der Musik dringen wir nicht durch die Oberfläche hindurch, sondern direkt in das Wesen der Dinge. Wenn die Glocke klingt, flutet ihr innerstes Wesen in die Welt hinein. Der Ton ist die nach außen tretende Schönheit des innersten Wesens. Deshalb ist er auch ein äußeres Abbild von dem, in das sich der Hellscher im Innersten versenkt.
[ 11 ] Beim Inneren sprechen wir ebenfalls von drei Reichen. Wenn wir vom innersten Wesen des Weltengeistes sprechen, werden wir wie ein Gefühl von der Dreiheit bekommen müssen. Wie der Mensch hervorgekommen ist aus dem Mineralischen, das im physischen Körper pulsiert - dann pulsiert im Physischen das Leben so im höchsten Wesen. Wille, Weisheit, Tätigkeit. Hierin tritt der Wille wieder nach außen, von dem Schopenhauer spricht als der Wesenheit, die aus dem Abgrund steigt. Er lebt in uns, macht unser Wesen aus.
[ 12 ] Die Vorstellung wird ein Abbild, da geschieht die Verbindung mit außen; am meisten dort, wo Handlung, Tätigkeit ist. In ihnen verkörpern wir uns und sind vorhanden wie die Gottheit in ihrem Reiche. So haben wir abgrundigen Willen in der Weisheit, die Verbindung mit der Welt aufstellt, und wir haben Tätigkeit, in der er sich verbirgt. Wenn der Wille das Tiefste ist in uns, dann auch in der Natur. Indem in des Menschen Seele der Wille erwacht, feiert der Gott seine Auferstehung - ebenso in der Weisheit und in den Handlungen des Menschen. Wie Musik uns hineinführt in das Wesen der Dinge, so ist es die tiefste Wesenheit der Dinge selbst, die in den Tönen der Musik lebt. Der Ton ist der Geistkörper des Willens. Das ursprünglichste Wesen des Geistes ist in dem Willen des Musikalischen. Ein schöner Gedanke der Schopenhauer’schen Philosophie ist, dass das Weltenrätsel in der Musik sich löst.
[ 13 ] Nietzsche, der mit einem sehnenden Geiste sondergleichen nach solchen Gedankenzusammenhängen forschen wollte, kam zu einer verworrenen Ahnung schönster Art: in der «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Was wollte er in diesem Buche erreichen? Den Weg des Geistes nach seinem Innenleben hat Nietzsche zu beschreiben versucht. Er suchte vorzudringen bis zu dem Punkte, an dem der Mensch in sich den Weltenwillen pulsieren fühlt. In der Musik verwandelt der Mensch den Willen in einen Geistkörper. Der Mensch ist am intensivsten mit seinem Gott vereint, wenn Musik aus seiner Seele erklingt. So stellt sich Musik auch für Nietzsche ins Universum hinein.
[ 14 ] Aus einer großen Anschauung heraus lässt Goethe Faust vordringen bis «Im Anfang war die Tat.» ‹Tat› ist der ausgeströmte Wille, und will der Mensch in ein Kunstwerk schaffen ein Abbild der Tat, so muss er aus dem musikalischen gebären, daher hat die Tragödie im Chor ihren Ausgangspunkt: Die Kunst der Handlung aus der Kunst des Tones, des nach außen fließenden Geistes. Und dann werden wir die kosmische Stellung der redenden Künste im Weltengeist finden.
[ 15 ] Weisheit ist die Kraft des Geistes, der halb nach außen dringt und sich den andern Teil von der Welt reichen lässt: die Durchdringung des Geistes mit dem Wesen von außen. Das Zusammenklingen von innen und außen - das ist die Weisheit. Das ist wahre Weisheit, wenn der Mensch die Harmonisierung seines inneren Wesens mit dem Außen findet. Und die wahre Weisheit schließt das Gute ein. Sie ist eine Weisheit des Empfindens.
[ 16 ] Wie der Wille seinen Ausdruck hat im Ton, so schafft sich in der Bedeutung die Seele den Weg zum Wort. Das Wort hat ebenso wie die Weisheit einen Teil von außen und einen Teil von innen. Es kündigt uns in seiner Bedeutung etwas Äußeres an. Wie in der Kunst des reinen Tones der ursprüngliche Wille zum Ausdruck kommt, so ist im Rhythmus des Wortes die Weisheit der Seele zur Seele ausgedrückt.
[ 17 ] Lyrik - von Bedeutung durchtränkter Ton,
[ 18 ] Lied - die Stufe der Weisheit nach außen gegossen und verkörpert.
[ 19 ] Das Dritte ist dort, wo der Geist zurücktritt und sich verkörpert in der Handlung. Des Menschen Handlung ist seine Schöpfung, das dritte Reich des Geistigen schöpft die dramatische Kunst. Das Drama ist das Abbild des dritten Reiches, der Aktivität.
[ 20 ] So lässt der Mensch die Phasen seines Wesens zurück in dem, was er als Abbild schafft. Musik, Lyrik, Dramatik.
[ 21 ] Solange sich die Wesen um uns herum durch den Ton ankündigen, bleiben wir in gewisser Beziehung außerhalb ihrer. Ihre Bedeutung sprechen sie aus durch das innere Wort, wenn sie nicht nur tönen sondern reden. Das ist etwas, was in allerfernster Zukunft wie ein Ideal vorschwebt, das ist auch etwas, was am Ausgangspunkt der Welt steht. Und der Künstler stellt es als Prophetie hin.
[ 22 ] Der Musiker, der Lyriker und der Dramatiker sind die Propheten dessen, was kommen soll. Die anderen drei Künste stellen die Vergangenheit dar; diese drei stellen die Zukunft dar. So schafft uns der Künstler ein Paradies, wodurch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich verbinden. Das ist, wovon Goethe spricht:
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken! [Faust I, Vers 344-349]
[ 23 ] [So spricht der Herr zu den drei Erzengeln Gabriel, Michael, Raphael im Prolog im Himmel in Goethes «Faust» I.] Was in schwankender Erscheinung lebt, befestigt der Gedanke.
[ 24 ] Man kann nicht schöner die kosmische Sendung der Kunst darstellen. Das Ewige selbst ist in dieser Welt. Und wenn wir fähig sind, das Schöne mit Hingabe anzusehen, zu umfassen mit unserer Liebe, das Ewige im Bild zu fühlen, dann befestigen wir das Schöne mit dauernden Gedanken. Wenn der ganze Erdenglobus zerstoben sein wird in Millionen von Atomen, wird das Ewige hinübergetragen in neue Welten. Diesen Anteil hat sicher die Kunst. Im Kunstwerk kann sich der Mensch ein begrenztes Abbild der Weltenschöne schaffen, ein begrenztes Abbild der göttlichen Vollkommenheit ist die Kunst.
[ 25 ] In den Künsten bekommen wir auch ein Vorgefühl jener beseligenden Freiheit, die uns aus der Erkenntnis strömt. Die Kunst erscheint als das sicherste Unterpfand unserer Befähigung zur Freiheit. So wird der schöne Schein der große Erzieher zum Höchsten, zur Freiheit. Der Deutsche, der Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung nicht kennt, der kennt ein wichtigstes Stück des deutschen Geistes nicht. Voll theosophischer Gesinnung sind sie, das Erleben des göttlichen Wesenskernes will die Theosophie; deshalb erhebt sich das Kunstgenießen zur Selbstlosigkeit, weil es interesseloses Wohlgefallen an der höchsten Geistigkeit schafft. Man muss durchdringen durch die Materie zum Geistigen, dann wird durch die Vergeistigung des Materiellen das Höchste erreicht, dann wird das Schöne die Erziehung zum Geistigen, und durch die ästhetische Empfindung der Schönheit dringt der Mensch zur Weisheit.
