Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
17 Januar 1905, Köln
24. Über das Buch der Genesis
[ 1 ] Zunächst lernten die Menschen ihre Religion kennen aus den Schriften, die sie wörtlich auffassten. Heute gilt es als aufgeklärt, wenn man hinaus ist über die religiösen Urkunden. In Bezug auf das Alte Testament hat man immer hören können, dass es unmöglich ist, die biblischen Begriffe mit einem aufgeklärten Bewusstsein zu vereinigen. Man ging dazu über, die Schrift bildlich zu verstehen; man hielt noch an den Symbolen fest. Diese Auffassung der biblischen Symbolik hat dann die Menschen dazu gebracht, den biblischen Geist noch mit einem gewissen Ernst aufzufassen. Aber selbst die Theologen können sich heute noch kaum mehr zu etwas anderem entschließen, als die ersten Kapitel des Alten Testamentes nur als bildliche Darstellung zu nehmen. Es kann daraus eine recht gemütvolle Auffassung entstehen, aber wenn der Mensch fortschreitet, kann er nicht bei dieser Auffassung bleiben. Eine Art von Entwicklungsweg ist es: zuerst abzukommen von der orthodoxen Anschauung, dann von der bildlichen und überzugehen zu einer andern, wieder in gewissem Sinne wörtlichen Anschauung.
[ 2 ] Wir müssen aber dazu die Sprache der alten Weisheitslehren verstehen lernen und erkennen, dass die alten Lehrer nicht etwa gedichtet, nicht Phantasiegebilde hergestellt haben, sondern dass sie eine andere Vorstellung von der Wahrheit hatten, als wir heutzutage haben. Sie schrieben nieder die ewige Wahrheit in ihren Lehren. Diese kann man nicht an jeden Menschen unmittelbar heranbringen, während man die sinnliche Wahrheit wohl an jeden heranbringen kann.
[ 3 ] Die alten, großen Lehrer hatten selbst eine innere Entwicklung durchgemacht. Ihr Anschauen war ein geistiges. Sie wussten, das, was sie im Geiste schauten, das kann nicht jeder schauen, der in ihrer Umgebung ist. Die Völker waren in ihrer Auffassung noch kindlich. Dementsprechend mussten ihnen die großen Wahrheiten gegeben werden in einer besonderen, für ihr Verständnis geeigneten Form. Nun traten alle großen Lehrer an die Menschen heran mit dem Bewusstsein: Die Seele ist unvergänglich. Sie muss zur Wahrheit hin entwickelt werden. Moses beispielsweise hat gewusst, wenn er an die Vorstellungen des Volkes anknüpfte, senkte er etwas Bleibendes in die Seele hinein, in den Kausalkörper. Der materialistische Denker glaubt, dass die Seele im Tode zugrunde geht. Moses sagte sich aber: Teile ich heute dem Menschen in einer gewissen Form die Wahrheit mit, so wirkt das in seiner Seele. Später wird er reif sein, die Wahrheit in ihrer wahren Gestalt zu erkennen. Moses wusste, dass später andere kommen würden, die auslegen würden, was er lehrte. Er bereitete die Form vor. Das, was er präparierte, ist durchgegangen durch die Inkarnationen der Seelen. Er hielt es nicht für richtig, dass man gleich die letzte Form der Wahrheit den Leuten sagen sollte.
[ 4 ] Er selbst hat im Hintergrunde durchaus die Wahrheit selbst gehabt. Das hat er in den sieben Schöpfungstagen ausgesprochen. Er hat die Wahrheit in die Form gebracht, die damals der kindlichen Auffassung der Menschen entsprach. Wenn er von den «Runden» gesprochen hätte, hätte er kein Verständnis gefunden. Er sprach daher von Tagen, wie im alten Indien man von Tagen und Nächten des Brahma spricht.
[ 5 ] Auf dem Monde hatte der Mensch ein traumhaftes Bewusstsein. Dort hatte er bis zur höchsten Stufe das Traumbewusstsein ausgebildet. Jeder von uns war dort in eine Art von Keimzustand gekommen; in traumhafter Weise hatte er dort wahrgenommen, und das in sich aufgenommen und zu einem Keim entwickelt. Diese Keime schliefen hinüber vom Monde zur Erde. Ein geistiger Keim war der Mensch, der zur Erde kam. Der war durch ein [Pralaya] hinübergeschlafen in den Erdenzustand.
[ 6 ] Nun ist seine Bestimmung, zum klaren Bewusstsein zu kommen. Er muss eine lange Reihe von Zuständen durchmachen. In den drei ersten Runden wurde wiederholt, was er auf früheren Planeten durchgemacht hatte. Moses spricht von den Runden. Der Mensch ist während der ersten Runde in dem ersten Elementarreich. Der Traumzustand geht sachte hinüber in einen Zustand, den der Mensch jetzt erreicht hat. Der Mondmensch unterschied nicht zwischen sich und den andern Gegenständen. Für ihn war eine traumhafte bildliche Wirklichkeit da in der Art, wie für uns die Außenwelt im Traum da ist. Er nahm nicht wahr durch die Sinne. Den Gegensatz zwischen sich und seiner Welt sollte der Mensch in der ersten Runde auf der Erde ausbilden. Moses nennt es den Unterschied zwischen Himmel und Erde. Er sollte sich selbst als Erdenbürger neben dem Himmel erkennen. Das ist, was in dem ersten Entwicklungszyklus geschieht.
Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirt. [1 Mose 1-2]
[ 7 ] Der Mensch unterschied nicht zwischen sich und den einzelnen Gegenständen. Das war alles noch ein Chaos. Dann, nach der ersten Runde, ging der Mensch wieder durch einen Zwischenzustand hindurch und kam dann in die zweite Runde. Da bekamen die Gegenstände schon bestimmtere Grenzen. Er kann schon unterscheiden, was um ihn ist. Es ist nicht mehr wüst und wirr. Er kann unterscheiden zwischen dem, was geistig ist, und dem, was äußerer Gegenstand ist. Vorher war es finster auf der Tiefe; der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Alles was Mensch war, war das Wasser. Die Menschenkeime alle zusammen bildeten das Gewässer. Der Geist Gottes brütete über den Menschenkeimen, die er zu den Gestalten aufrief. Es ward Licht.
[ 8 ] Sobald wir die Außenwelt sehen, wenn die Wesenheiten sich uns gegenüberstellen, dann erst können sie sich uns offenbaren. Es ward Licht.
Gott schied das Licht von der Finsternis; er machte Tag und Nacht. [1 Mose 1,5]
[ 9 ] Der Mensch nahm die Gegenstände wahr. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. [1 Mose 1,5]
[ 10 ] Nun folgte die rupische Runde, die gestaltete Runde, in der man das Dasein wahrnehmen konnte. Es soll ein Unterschied werden zwischen den Wassern; jeder sollte ein eigenes Kama haben. Jedes einzelne Menschenwesen wurde dadurch herausgehoben, dass Gott eine Grenze machte und das Wasser über und unter der Feste scheidet. In die einzelnen Menschenkeime pflanzte er die Anlage ein, zwischen dem Geistigen und dem Physischen zu unterscheiden. Es wurden in dem Menschen angelegt die zwei Seelen; die Seele, die hinaufblickt, und die Seele, die in das Irdische blickt, die in dem Irdischen lebt.
[ 11 ] In der dritten Runde tritt der Mensch in das dritte Elementarreich ein. Immer mehr und mehr bildeten sich die einzelnen Astralleiber der Menschen heraus. Jetzt wird der Mensch selbstständig. Er tritt heraus aus dem Mutterboden der All-Erde. Er gelangt zum Pflanzendasein. Das sind nicht unsere jetzigen Pflanzen. Der Mensch war selbst im Pflanzendasein. Alle abgetrennten Astralleiber erlangten die Möglichkeit, astrale Wesen aus sich hervorgehen zu lassen wie die Pflanze. Der Mensch wurde während der dritten Runde zum Tierdasein berufen, aber in einer pflanzlichen Natur, weil das Tier noch nicht den Leidenschaftskörper herausgebildet hatte. Er hatte noch kein warmes Blut. Dieses bildete sich heraus in der dritten Runde des dritten Elementarreiches. Das Besamen deutet darauf hin, dass eine Befruchtung noch nicht stattfand.
Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Örter, dass man das Trockene sehe. [1 Mose 1,9]
[ 12 ] Früher konnte man den Astralkörper nicht sehen. Jetzt schnürt er sich ab. Das Trockene der Erde bedeutet nur das besondere festere Dasein, was eine Grenze um sich bildet. Die Sammlung der Wasser bedeutet die allgemeine astrale Welt in ihrem Zusammenhang.
Gott sprach: Es lasse die Erde hervorgehen Gras und Kraut. [1 Mose 1,11]
[ 13 ] Dies war der Mensch. Auch bei den Germanen ging der Mensch hervor aus Esche und Ulme, bei den Persern ging er ebenfalls hervor aus einem Baum.
Und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst [...]. [1 Mose 1,11]
[ 14 ] bedeutet, dass jede Art gemäß seinen Samen in sich trug und keine geschlechtliche Fortpflanzung bestand.
[ 15 ] Die vierte Runde ist diejenige, in der sich der physische Mensch vorbereitet, wie er jetzt ist. Der Mensch trat in das Mineralreich ein, er nahm einen Körper an, der den chemischen und physikalischen Gesetzen unterworfen war. Den wird er in der nächsten Runde nicht mehr haben, sondern dann wird er seinen Astralkörper ebenso beherrschen, wie er jetzt seinen physischen Leib beherrscht. Er wird dann astralische Organe haben, er wird sich seine Organe selbst, wenn er sie braucht, ausbilden können, wenn der astralische Körper alles Physische beherrschen wird. Jetzt aber in der vierten Runde kann der Mensch nur im Hinblick auf die Gesetze der mineralischen Welt wirken. In dem physischen, mineralischen Körper sind wir wie in einem Hause eingeschlossen. Erst dadurch, dass wir selbst physisch geworden waren, dadurch wurde die ganze Welt physisch. Früher erlangte er durch eine Art von Hellsehen Kenntnis von der Welt um sich. Mit der vierten Runde ist die ganze Welt der sinnlichen Gegenstände um ihn her entstanden. Moses konnte deshalb sagen:
Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. [1 Mose 1,14]
[ 16 ] Kant sagt, dass der Raum und die Zeit aus dem Menschen selbst stammen. Das hat Moses damals schon gesagt. Das alles, was sinnlich wahrnehmbar ist, entstand erst, als der Mensch physisch, mineralisch wurde. Durch die physische Runde machen wir den mineralischen Körper immer vollkommener und entwickeln auch unseren Astralkörper. Der wird in der nächsten Runde so entwickelt sein, wie heute der physische Körper. Der Mensch wird dann wie in einem Luftreiche schweben. Dann ist der Mensch ein freies Wesen geworden, dann ist er wirklich ein tierisches Wesen geworden. Die Tierheit wird dann erst im Menschen zum Ausdruck kommen. Der astrale Körper des Menschen wird hier unter dem Bilde der Tiere gemeint, weil der astrale Mensch sich frei bewegt in der Astralwelt, wie die Walfische im Wasser, die Vögel in der Luft und so weiter. - Das ist die fünfte Runde oder der fünfte Tag.
[ 17 ] In der sechsten Runde ist des Menschen Kama-Manas-Körper ausgebildet, der niedere Denkkörper, was wir heute verborgen tragen in der physischen Hülle. Der Mensch wird dastehen in der sechsten Runde als im wahren Sinne des Wortes Mensch, nicht mehr in einer Hülle eingeschlossen. Mit dem Menschen zu gleicher Zeit werden die höheren Tiere ausgebildet. Der Kama-Manas-Körper erlangt dann die höhere Stufe der Tierheit.
Gott sprach: «Lasst uns Menschen machen.» [1 Mose 1,26]
[ 18 ] Dann erst wird der Mensch das, was er werden soll.
Er schuf ihn männlich und weiblich. [1 Mose 1,27]
[ 19 ] Der Mensch entwickelt sich durch die Geschlechtlichkeit hindurch zu einem Wesen, welches männlich und weiblich sein wird. Im Urtext steht: Er schuf den Menschen männlich-weiblich. Jetzt erst bekommt der Mensch wirklich Herrschaft über die Tiere. Die Macht, die Magie bekommt er erst, wenn der eigentliche Mensch befreit ist am sechsten Tag. - Am siebenten Tage war der Mensch Gott-ähnlich geworden. In der siebten Runde ist der Mensch wieder im ArupaZustande; selbst schöpferisch, selbst Gott geworden, daher heißt es:
Gott ruhete am siebten Tage. [1 Mose 2,2]
[ 20 ] Die vierte Runde ist die wichtigste für das Menschenleben. Der Mensch war früher weniger dicht gewesen. Moses sagt:
Er nahm an die festen Stoffe der Erde. [entspricht 1 Mose 2,7]
[ 21 ] Er wurde mit Staub umgeben. Er nahm die mineralischen Gesetze an. Er wird aus dem Staub der Erde gebildet, und die lebendige Seele wird ihm eingeformt. Als der Mensch in der lemurischen Rasse feste Formen — Knochengerüst — bekommt, da entsteht auch die Geschlechtlichkeit. Die Verfestigung ging zusammen mit der Einteilung in die Geschlechter. Im zweiten Kapitel schildert Moses den Menschen, der später entstand in der lemurischen Rasse, in der Zwei-Geschlechtlichkeit. In allen Mysterien wurde das gelehrt. Erst in der vierten Runde entstehen die Pflanzen- und Tiergebilde, wie sie heute sind. Während der Entwicklung des Menschen spalteten sich die Pflanzen und Tiere von ihm ab. Vorher waren die niederen Tiere entstanden. Die warmblütigen Tiere entstanden erst mit dem Menschen. Die Tiere entwickelten sich dadurch, dass sich zurückgebliebene Menschen abspalteten. Die Tiere sind dekadente Menschennaturen. Sie passen nicht mehr in die heutigen Verhältnisse hinein. Es sind auf früheren Stufen stehengebliebene Geschöpfe. Die ursprünglichen Tierformen spalteten sich zuerst ab, dann erst entstanden die beiden Geschlechter der Menschen.
[ 22 ] Früher verwendete der Mensch seine ganze Produktionskraft nach außen. Früher pflanzte sich der Mensch aus sich selbst fort. Als er die Fähigkeit des Eindringens in die dichte Materie verloren hatte, verwendete er die Produktionskraft zur Hälfte als Denkorgan.
[ 23 ] Der Mensch wurde einerseits ein geschlechtliches Wesen, andererseits bildete er eine Hälfte seiner Produktionskraft innerlich zum Denkorgan aus. Er bekam nun die Fähigkeit, den Geist mit seinem Gehirn zu verarbeiten. Der Geist befruchtete ihn jetzt. Gleichzeitig mit der Teilung in zwei Geschlechter entstand der denkende Mensch. Er erkannte Gutes und Böses. In der Zeit bildeten sich auch das Rückenmark und das Gehirn aus.
[ 24 ] Das ist die Schlange, die im Menschen selbst entstand. Er ging durch das Amphibien-Stadium hindurch. Dieses Wesen war sein eigener Verführer. Es begann sich auszubilden mit dem Beginne seines Durchgehens durch die Geschlechtlichkeit. - Rückenmark und Gehirn bildeten sich zuerst bei den Amphibien aus, und beim Menschen im amphiboiden-Zustande.
