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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b

19 März 1905, Köln

27. Die Apokalypse des Johannes II

[ 1 ] Das, was das Christentum der Welt geworden ist, bereitete sich lange vor. Der Kernspruch des Christentums ist «Selig - von Seele erfüllt - sollen die Menschen sein, welche glauben, wenn sie auch nicht schauen.»

[ 2 ] Von einem religiösen Hauch war alles durchdrungen in den ältesten Zeiten. Wer etwas wissen sollte von den Geheimnissen der Welt, wurde vorbereitet zu seinem göttlichen Beruf in Mysterienschulen. Dort wurde er eingeführt in die Rätsel des Daseins. Dazu dienten auch die ägyptischen Geheimschulen. Da musste der, der eingeweiht werden sollte, vor allen Dingen im Leben eine gewisse Reife erlangt haben. Dann musste man sich ganz bestimmten Übungen unterziehen, welche den Menschen bereit machten, sich von dem Sinnlichen zu befreien, die Leidenschaften zu reinigen, sodass der Mensch nicht mehr klebte an den Anschauungen, die durch die Tore der Sinne kommen. Er musste sich davon frei machen und eine bestimmte Reife erlangen. Man bekam in den Mysterienschulen einen wissenschaftlichen, okkulten Unterricht. Darin wurde dem Schüler klar gemacht, wie der Geist sich ausgestaltet hat. Man dachte sich einen schlafenden Gott im Stein, dann einen Gott, der etwas mehr Bewusstsein hat in der Pflanze und so weiter. Der Weltengeist wachte dann vollends im Menschen auf. Alle Wissenschaften waren von diesen Anschauungen durchdrungen. Man wusste, wie sich der Mensch durch die Reiche hindurch entwickelt hat. Goethe hat das auch in der Entwicklung des Homunculus dargestellt. Alles, was in der Natur draußen ausgebreitet ist, ist gleichsam ein ausgebreiteter Mensch. Verwandt ist jedes einzelne Glied des Menschen mit etwas draußen in der Welt.

[ 3 ] Der Arzt im Sinne des Paracelsus hat den Zusammenhang zwischen einem Heilmittel und dem menschlichen Organismus erkannt; dass der Mensch verwandt gewesen ist mit irgendetwas in der Natur. Er sah die Gottheit in der Natur ausgebreitet und im Menschen wieder zusammengefasst. Wenn der Mensch diese Erkenntnis erlangt hatte, wenn er bestimmte Übungen durchgemacht hatte, wurde er in einem völlig abgeschlossenen Raum in einen anderen Bewusstseinszustand gebracht. Da machte der Mensch einen ganz bestimmten Prozess durch, der dreieinhalb Tage dauerte. Er erlebte jetzt im Seelenraum in der Wirklichkeit, was er im Unterricht gelernt hatte, nämlich den Hervorgang des Horus aus Isis und Osiris. Der Gott stieg wirklich hinab auf die Erde, und indem er hinabstieg, wurde er in die Naturreiche ausgebreitet.

[ 4 ] Der Mensch lernte, sich dann als geistiges Wesen zu erfassen. Eine Grablegung, eine Auferstehung und eine Himmelfahrt erlebte der Schüler in allen religiösen Mysterien. Die tiefsinnigen Mythen, die sinnbildliche Darstellungen großer Weltenwahrheiten sind, sind nicht ausgeklügelt.

[ 5 ] Die germanischen Mythen zeigen auch im Einzelnen, in wunderbarer Weise anschaulich, was der Mysterienschüler erlebt. Was von Wotan und so weiter erzählt wurde, waren sinnbildliche Erlebnisse in den Mysterien. Im Astralen erlebte der Mysterienschüler die Herabsteigung des Gottes, das Ausbreiten des Gottes, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Das alles trägt sich im Astralraum immer zu. Es ist ein bekanntes Erlebnis in dem Astralraum. Das, was im Altertum die Mysten schauen konnten, sollten die Menschen im Christentum glauben, wenn sie auch nicht schauten. Das Christentum war eine mystische Tatsache.

[ 6 ] Was sich für den Mysterienschüler im Astralraum vollzogen hat, das hat auf dem physischen Plan als Menschenwerdung Christi stattgefunden. Vorausempfunden hatte der Mysterienschüler dies alles. Das Physische ist nur eine Verdichtung dessen, was im Seelenraum geschieht.

[ 7 ] Jede äußerliche Handlung, welche in der physischen Welt geschieht, ist nur eine Verdichtung einer oft wiederholten Handlung im Astralraum. Dort finden vorher rhythmische Wiederholungen dessen statt, was physisch geschehen soll. Nichts geschieht im Physischen, was sich nicht im Astralraum vorher oft wiederholt hat. Das Physische ist ein Heraustreten auf den physischen Plan von dem, was im Astralraum vorhergegangen war. Die Menschwerdung Christi war das physische Werden eines astralen Erlebnisses.

[ 8 ] Paulus war der Erste, der die Menschwerdung Gottes in sich erlebte, der sie innerlich erlebte. Für ihn wurde die Überzeugung lediglich aus dem Gang nach Damaskus geschöpft. Man konnte nach der Menschwerdung Christi auf dem physischen Plan Naturmystiker werden im Gegensatz zu dem Seelenmystiker des Altertums. Dadurch, dass Christus da war, ist etwas bewirkt worden, was vorher nicht da war. Mystiker wie die des Christentums waren vorher nicht da. Budhi, Gnade oder Gnosis, die zweite Fähigkeit der höheren Dreiheit, konnte man nur durch die Mysterien erlangen. Christus konnte nur aufleben im Innern durch den im Fleisch inkarnierten Logos.

[ 9 ] Die Mysterienschüler im Altertum nannte man Propheten. Sie erzählten ihre Erlebnisse aus dem Astralraum, die sich dort erst wiederholt abspielten, ehe sie physisch wurden. Alles, was heute Mysterium ist, wird Wirklichkeit in der Zukunft. Alles Geheime wird einmal offenbar werden. Die Erfüllung des alten Mysteriums ist die Menschwerdung Christi. Damit war die Möglichkeit gegeben, etwas Neues zu erzählen, was in der Zukunft geschehen soll, wenn die Zeit erfüllt ist.

[ 10 ] Die Menschen haben sich in dieser Runde durch mehrere Wurzelrassen entwickelt, sie stehen jetzt in der fünften Wurzelrasse. In ihr soll die Verstandesentwicklung vor sich gehen. Die vorhergehende Wurzelrasse war die atlantische, die auf dem untergegangenen Kontinent Atlantis lebte. Sie hatte noch nicht unseren denkenden Verstand, sie hatte noch ein [intuitives] Anschauungsvermögen.

[ 11 ] Das geistige Leben im Innern im Sinne des materiellen Zeitalters nennt man in der okkulten Sprache ein «versiegeltes Buch». Man hat die Möglichkeit, das Innere zu verbergen. Ein Löwe, ein Fisch werden ihren Charakter offen zur Schau tragen; der Mensch tut das aber jetzt nicht. Seitdem er die äußeren Eindrücke mit seinen Leidenschaften verarbeitet, ist er ein versiegeltes Buch. Das beginnt mit der fünften Wurzelrasse. Zuerst beginnt das in der indischen Kultur. In den Veden haben wir noch einen schwachen Abglanz dieser alten indischen Kultur. Die zweite Kultur war die persische, die dritte die ägyptisch-babylonisch-assyrische, namentlich aber die alten Semiten. Das Judentum ist ein Hauptausdruck derselben. Die vierte Kultur ist die, welche etwa um Achthundert vor Christus beginnt, die Verwandtschaft besitzt mit der Druidenkultur und mit der keltischen. Innerhalb der vierten Unterrasse wird das Christentum gegründet.

[ 12 ] In einem geistvollen Mythus wird die Überwindung der dritten Unterrasse durch die vierte Unterrasse ausgedrückt im trojanischen Krieg. Homer war ein Mystiker, ein «blinder Seher» - das ist der ständige Ausdruck der Mystiker, womit man den Seher bezeichnete. Es ist der trojanische Krieg die äußere, sinnbildliche Ausgestaltung der Ablösung der dritten Unterrasse durch die vierte Unterrasse, die Ablösung der Priesterkultur durch die Könige. Erst in der vierten Unterrasse kam der kombinierende Verstand ganz zur Ausbildung. Das, womit der Mensch in der vierten Unterrasse die dritte Unterrasse überwunden hat, ist der kombinierende Verstand, die Schlauheit des Odysseus. Das Pferd ist das Sinnbild für den Verstand. Es ist auch das Symbol für eine jegliche Unterrasse innerhalb der fünften Wurzelrasse.

[ 13 ] Das, was in den vier ersten Unterrassen versiegelt worden ist, das ist der Verstand in der verschiedensten Gestalt. Durch das Christentum wird der Verstand verinnerlicht, spiritualisiert. Die Mission des Christentums wird sich erst in der sechsten Unterrasse erfüllen. Diese Mission wird vorhergesagt, die Menschen werden in der sechsten Unterrasse sich so entwickelt haben, dass das entsiegelt sein wird, was jetzt im Menschen verborgen ist. Die Siegel werden allmählich fallen durch das mystische Lamm am Throne Gottes. Während der sechsten Unterrasse werden sechs Siegel gelöst. Dadurch wird dargestellt, wie der Verstand nach und nach herauskommt.

[ 14 ] Das erste Siegel: ein weißes Pferd erscheint. Das ist, was geschah mit der ersten Unterrasse, die auszog, um Gegenden Asiens zu bevölkern, mit der ersten weltlichen Kultur. Die Lösung des zweiten Siegels bedeutet die ganze Kultur der zweiten Wurzelrasse, die sich auf den Krieg stützt. Der Okkultismus sieht diese Zustände nicht als vergangen an. Wir haben auch heute neben den anderen Kulturen noch die Kultur der zweiten Unterrasse, das rote Pferd. Dies ist auch ein verhüllter Verstandesstandpunkt.

[ 15 ] Beim dritten Siegel erscheint das schwarze Pferd, das Symbol der dritten Unterrasse - bei der das Gesetz, die Gerechtigkeit zum Ausdruck kommt. Paulus schreibt über dieses Gesetz im Gegensatz zur Gnade. Der Gott der dritten Unterrasse war ein Gott der Gerechtigkeit. Der Reiter auf dem schwarzen Pferd hält die Waage in der Hand als Symbol dafür.

[ 16 ] Das vierte Pferd, ein fahles Pferd, bedeutet das Ersterben der niederen Natur, das Begreifen dessen, was das höhere Leben ist. Beim fünften Siegel beginnt das höhere Leben. Da erscheint nicht wieder ein Pferd. Das weiße Gewand der Seelen ist die äußere Hülle, die sie bekommen, wenn das Innere erweckt ist. Das sechste Siegel ist das letzte, das eröffnet werden kann.

[ 17 ] In der fünften atlantischen Unterrasse waren es die Ursemiten, welche auszogen und die Unterrasse der fünften Wurzelrasse gründen sollten. In allen Unterrassen der fünften Wurzelrasse ist ein Einschlag dieser Ursemiten. In der siebenten Unterrasse wird der Mensch Christum nicht nur mystisch fühlen, sondern erkennen. Diese Erkenntnis wird dargestellt durch geistiges Tönen. Der Geistesmensch wird dann imstande sein durch Initiation das innere Wort zu vernehmen, das eine Vorahnung des Hellhörens ist. Das wird durch die Posaunen ausgedrückt. Die sieben Unterrassen der sechsten Wurzelrasse werden angedeutet durch das Hinaustönen in die Welt durch die Posaunen der Engel. Die sechste Wurzelrasse ist ein Gegenbild der lemurischen Wurzelrasse. Darin hört das individuelle Karma wieder auf. Es tritt ein höherer Zustand auf. Dann erlangt der Mensch selbstbewusst, was er vorher in einem traumhaften Zustand durchgemacht hat. - In der sechsten Wurzelrasse kommt die Entscheidung. Der Eine vereinigt sich ganz mit dem Materiellen, der Andere ganz mit dem Geistigen. Der Engel des Abgrunds zieht den Menschen hinunter, der sich belastet mit der Verwandtschaft mit der Materie. Der Mensch hat die Verwandtschaft mit dem Materiellen so groß gemacht, dass er davon hinabgezogen wird.

[ 18 ] Die Abgliederung von Sonne, Erde und Mond entwickelt sich umgekehrt in der sechsten Unterrasse. Die beiden, Sonne und Mond, werden dargestellt als die zwei Zeugen irdischer Entwicklung.

[ 19 ] Mit der siebenten Wurzelrasse geht die Erde über in den astralen Zustand. Dies schildert die Apokalypse. Alles wird herausgeboren in dem astralen Globus. Dann wird alles auf der Erde aufstrahlen und wird sich seelenhaft herausleben. Sonne und Mond heben sich dann seelenhaft heraus. Das ist das Weib, mit der Sonne bekleidet und der Mond zu ihren Füßen. Sie trägt in ihrem Körper den Zustand, den die Erde durchmachen wird.

[ 20 ] Der Astralkörper entwickelt sich heraus aus dem Menschentier. Das Tier mit sieben Häuptern ist das, was von den sieben Rassen zurückgeblieben ist. Die sieben Teile sind die sieben Teile des Menschen, und die drei sind die verborgenen höheren Teile, die Logoi.

[ 21 ] Das zweihörnige Tier: Das Horn bedeutet immer einen Globus. Die sieben Globen sind sieben Hörner. Die Erde stellt zwei solche Globen für den Okkultisten dar. Mars und Merkur bilden für ihn zusammen die Erde. Die Erde ist im astralen Mars und Merkur das zweihörnige Tier.

[ 22 ] Die Globen setzt der Okkultist auf die Hunderterstellen. Auf die Einerstellen setzt er die Unterrassen, auf die Zehnerstellen die Wurzelrassen, auf die Hunderterstellen den Globus. Bei der sechsten Unterrasse der sechsten Wurzelrasse auf dem mentalen Globus, dem sechsten, macht Johannes Halt. Er sagt, wo das Menschentier angelangt ist, nämlich bei der Weisheit, die Zahl 666.

[ 23 ] Was sich nun durch ein Manvantara hindurch entwickelt, nennt der Apokalyptiker eine neue Erde, ein neues Jerusalem. Das alte nennt er Babylon. Das ist das, was bei der ganzen Runde das Hauptsächliche war: Kama-Manas, das Charakteristische für die ganze vierte Erdenrunde. Babylon ist in der fünften Runde überwunden, Kama ist dann überwunden.

[ 24 ] In der fünften Runde ist das Ergebnis des Karma zu sehen. Die Menschen werden auf dem Antlitz tragen, was sich in ihnen ausgebildet hat. Die meisten erreichen dann in ihrer Entwicklung, dass sie ihr Karma geregelt haben; aber die sich zu egoistischen Zwecken höhere Erkenntnisse angeeignet haben, werden ausgeschieden aus der Entwicklung. Sie kommen in die achte Sphäre. In die werden diejenigen verfallen, die sich selbst aus Egoismus ausscheiden.

[ 25 ] Während der fünften Runde kann die Ausscheidung noch nicht vollständig geschehen. Von dem Manichäischen geht das Erkennende aus. Aber Schaffendes, Bleibendes kann nur aus dem Budhi-Element hervorgehen. Während der fünften Runde entscheidet sich, was abgetrennt wird. Aber während der sechsten Runde geht die völlige Trennung vor sich. Erst in der budhischen Entwicklung der sechsten Runde geht dies vor sich. Das Loslösen des Bösen von der Erde wird in Kap. 17, Vers 10 der Apokalypse beschrieben. Fünf sind gefallen, eine ist — die sechste Runde - und eine wird kommen - die siebente Runde. Das Tier, das gewesen ist, geht ins Verderben; es ist das Absondern des Bösen in die achte Sphäre.