Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
26 April 1905, Köln
28. Novalis’ Dichtung «Heinrich Von Ofterdingen»
[ 1 ] Werfen wir einen Blick auf das kurze Leben des Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Novalis ist mehr eine Erinnerung an ein früheres Leben als ein Leben selbst, eine feine Persönlichkeit, eine Individualität, die von Anfang an die tief innigste Geistigkeit als Anlage in sich hatte. Man ist immer wieder erstaunt, wie Novalis die höchste Intellektualität, das schärfste Denken mit einer wunderbaren Spiritualität verbindet.
[ 2 ] Er war ausgebildeter Bergbautechniker, der Mathematik und die physikalischen Fächer vollständig beherrschte, der das mathematische Denken mit einer feinen, zarten und doch feurigen, äthergleichen Geistigkeit verband, der dieses harmonisch darlebte in einer Weise, für die vielleicht kein zweites Beispiel im Leben zu finden ist. Man muss nachfühlen können, was in Novalis’ Aussprüchen, in seinen Fragmenten enthalten ist, um zu bemerken, wie tief er in das innere Gefüge der Welt eingedrungen ist. Man muss auch nachfühlen können seinen Enthusiasmus für die Mathematik. Sie ist ihm ein großes Gedicht, das in die Weltengeheimnisse einführt. Der Mensch sinnt nach über die Zusammenhänge von Raum und Zeit. Wenn er sich erfüllen kann mit der Harmonie der Sterne, die nach ewigen Gesetzen um die Sonne kreisen, mit den Formkräften, die innerhalb der Erde wirken in Erzadern, Kristallbildungen und so weiter, dann kann er das lebendige Wesen der Welt empfinden.
[ 3 ] Novalis ist erfüllt von einem wahren Enthusiasmus für die Mathematik. Er nennt die Mathematik, die solche Wege des Verstehens weisen kann, eine erhabene Religion. Wunderbar ist es, wie er diese scheinbar trockene Wissenschaft mit inbrünstiger Verehrung zu umfassen vermag. Die Sinnenwelt war für ihn nur als Spiegelung ewig lebendiger geistiger Tatsachen vorhanden, die in Naturgesetzen sich der irdischen Wahrnehmung offenbaren.
[ 4 ] Novalis fasste eine tiefe Liebe zu einem dreizehnjährigen Mädchen, welches bald nach der Verlobung starb. Die Erschütterung, die er durchlebte, war eine ungeheure. Sie öffnete ihm die Tore zur geistigen Welt. Novalis spricht mit der Verstorbenen wie mit einer Lebenden; sein eigenes weiteres Leben nannte er ein ‹Ihr-Nachsterben›. Sie ist ihm immer gegenwärtig. [Die Freundschaft, die ihn später mit einem anderen Mädchen verbindet, kann eine übersinnliche genannt werden. Sie ist ihm wie ein Sinnbild für das geistige Wesen, das darüber schwebt und mit dem er ganz zusammentfließt.]
[ 5 ] Es war in ihm eine Kraft der Spiritualität, die beispiellos dasteht in der neuen Zeit.
[ 6 ] Novalis war in früheren Leben durch tiefe Einweihungen geschritten. So trat er in dieses Leben mit der Anlage zu einer wahren, realen Erfassung des Weltgeschehens. Wie ein [Meteor] erschien er am geistigen Himmel, überall Geist ausstreuend in einer Weise, wie sie nur selten in den Kundgebungen der neueren Geister zu finden ist.
[ 7 ] Zwei Pole umfassten die frische, jugendliche Natur des Novalis: eine große Intellektualität und eine tiefe Spiritualität. Der ganze Reichtum seines mannigfaltigen gestaltenden Denkens floss ihm zusammen zu einer umfassenden Allheitsempfindung, die in einem göttlichen Urgrund ihren Lebensquell hatte. Er empfand überall den Urgrund als den Geist. Dieses Bewusstsein nannte Novalis «Magie. Die schaffende, schöpferische Phantasie, das Fühlen der Seele war ihm eine Nachbildung des großen Weltenfühlens; sie wurde ihm zum «magischen Idealismus. Er erlebte sein Ich als verwandt mit dem Ich aller anderen Wesen, und alle Wesen empfand er als untereinander verwandt. So verschmolz Novalis mit dem geistigen Weben und Leben der Natur.
[ 8 ] In den «Lehrlingen zu Sais» findet man die Geschichte des Jünglings «Hyazinth», der ein inniges Verhältnis zu den Wesen der Natur hat. Ein herzlicher Freundschaftsbund besteht zwischen ihm und dem Mädchen «Rosenblüte. Die Tiere des Waldes, die Blumen des Feldes sind ihm Genossen seiner Geheimnisse. Es wird erzählt, wie er einem Mann mit einem langen Bart begegnet, der ein Buch hat, aus dem Hyazinth viel lernt. Nun treibt es ihn, das zu suchen, was das innerste Wesen des Menschen ausmacht. Dieses, was der Mensch suchen muss, nannte Novalis «die blaue Blume. Es ist das Aufsuchen des höheren Selbst im Menschen.
[ 9 ] Wir finden dieses bedeutsame Symbol auch in der orientalischen Mystik als die Lotosblume. Sie ist ein Symbol für das höhere Ich, des keuschen, geläuterten Menschentums, in dem das Ich sich entfalten kann. Noch ist es wie von Blumenblättern umschlossen - später wird es Früchte und Samen bringen. Novalis hatte sich ein solches Wissen aus seinen früheren Inkarnationen mitgebracht.
[ 10 ] Es wird uns nun erzählt, wie Hyazinth nach dem Lande der Geheimnisse wandert, immer suchend, bis er eine verschleierte Gestalt findet. Als er den Schleier hinwegzicht, erblickt er Rosenblütchen›.
[ 11 ] In Novalis’ «Hymnen an die Nacht» ist sein Erleben der kosmisch-menschlichen Einheit Iyrisch zum Ausdruck gekommen. So auch in den «Geistlichen Liedern», diesem erschütternden Dokument der Verschmelzung mit dem Christus.
[ 12 ] Alles, was er der Welt hat sagen wollen, hat Novalis angelegt in dem Roman «Heinrich von Ofterdingen». Er starb aber darüber, bevor er ihn vollenden konnte. Was er auszuführen beabsichtigte, wollen wir uns vor die Seele führen.
[ 13 ] Wir werden in die Zeit des Wartburg-Sängerkrieges versetzt, in der Heinrich jung war. Doch führt uns der Gang der Ereignisse hinüber aus der Gegenwartswelt in eine Märchenwelt. Zurückversetzen müssen wir uns in die Zeit, da die Gegend des atlantischen Ozeans noch Land war. Ein reges Leben gab es einst dort, Menschen, deren Treiben in der Tat den jetzigen Menschen wie ein Märchen vorkommen würde. Es war ein Land, auf dem Regen und Sonnenschein nicht so verteilt waren, wie sie es jetzt sind. Die Sonne war von Nebeln verdeckt, die Luft wässrig. Nicht umsonst haben die nordischen Sagen die Atlantis ‹Niflheim›, das heißt Nebelheim, genannt. Es gab dort keine Scheidung von Regen und Sonnenschein, sondern nur einen allmählichen Übergang von Wasser zur Luft. Ein Regenbogen wäre dort nicht möglich gewesen. Die Geschehnisse jener alten Zeiten sind erhalten in den Sagen über die Sintflut, die Arche, den Regenbogen, und man steht staunend vor den unendlich tiefen Wahrheiten, die in den alten religiösen Urkunden enthalten sind. Zunächst sieht man in der biblischen Erzählung des Regenbogens ein Sinnbild. Aber wir stehen hier vor einer Tatsache: Ein Regenbogen wäre in der alten Atlantis noch nicht möglich gewesen. Es ist einer jener heiligen Momente, die den okkulten Forscher überwältigen, wenn er sich im Schauen zurückversetzt in diese älteren Zeiten.
[ 14 ] In dieses alte Reich, von dem man wirklich als von einem Märchenreich sprechen kann, blickte Novalis Seherauge hinein. Der Mensch hatte damals noch nicht seinen klügelnden Verstand; er lebte das Leben der Natur mit. Er baute sich sein Haus in der Weise, dass es herauswuchs aus den Felsen und Pflanzen. Es gab damals noch keine Mythen. Was sind denn die Mythen, die sich unsere Völker erzählen? Die Gabe, Welten in der Dichtung herauszugestalten, ist erst unserer nachatlantischen Rasse eigen; die atlantische hatte sie nicht. Aber die Atlantier hatten noch die Gabe, Pflanzen zur Verwandlung zu bringen, sogar Tiere und Menschen. Die Verwandlungskünste der Circe in der Odyssee deuten hin auf solche Verwandlungskräfte der Menschen. Alles, was der Mensch aus seinem Innern als Mythe hervorbringt, hatten die Menschen auf der Atlantis erlebt und mit eigenen Augen gesehen. Die großen Dichter unserer Zeit haben die Bilder ihrer Dichtungen von dem erhalten, was sie auf der Atlantis selbst gesehen hatten.
[ 15 ] Novalis verwebt seine eigenen Erinnerungen mit der Geschichte des «Heinrich von Ofterdingen» und lässt in seinen Erzählungen die alte Atlantis aufleben. Dann führt er uns in neuere Zeiten hinein, in die Zeit der Städtegründungen. Diese Zeit bringt mit sich das Heraufkommen des Bürgertums und die materielle Kultur. Mit dem Entstehen des Bürgertums ist die äußere, materielle Kultur verknüpft. Da wird das, was vorher Dichtung war, zu etwas anderem.
[ 16 ] Der Ursprung unserer Dichtung weist hin auf die Mysterien. Wir müssen uns in die Zeit versetzen, wo heilige Mysterien der Inspirationsquell waren für die Dichtungen eines Homer oder Aischylos und Sophokles, wo uralte Kultur die Grundlage gelegt hat für das, was in Homer und Aischylos als geistige Kraft wirkte. Da wurden die Gereinigten erst nach langen Prüfungen zu den höheren Mysterien zugelassen, den Urmysterien, die im Übersinnlichen, in der Astralwelt verliefen. Aber es gab einen Abglanz davon in späterer Zeit zum Beispiel in den Eleusinien. Da wurde das sogenannte Urdrama gegeben. Es wurde dargestellt, wie Gott, die Weltenseele, in die Materie hinabgestiegen ist und wie der herabsteigende, leidende und auferstehende Gott Wege der Erlösung weist. Es war der Chor, welcher in dem alten griechischen Mysteriendrama wie in einem Echo die Sprache des kosmischen Geschehens wiedergab.
[ 17 ] Bei Aischylos erleben wir den Übergang des alten heiligen Urdramas in das weltliche Drama. Es erblüht aus einem Zweige, der aus dem Mysterienwesen herausgewachsen ist. Der andere Zweig war die Philosophie, und der dritte Zweig war die Religion.
[ 18 ] In den Mysterienstätten besaßen die Alten die Einheit von Religion, Dichtung und Wissenschaft. Es wurde dort die Wissenschaft anschaulich vorgeführt. Als drei Zweige aus einer Wurzel wirkten diese Gebiete neben- und ineinander. Erst später gingen sie auseinander. Diese Trennung der drei Gebiete war notwendig, damit jedes in seiner Art vollkommen werden konnte. So mussten sie denn eine Zeit lang auseinanderstrebende Wege gehen. Große Geister suchen das wieder zu vereinigen, was sich in dieser Weise hat trennen müssen. Daher finden wir das Streben nach Vereinigung der Künste in solchen Erscheinungen wie zum Beispiel in dem musikalischen Drama von Bayreuth. Es liegt das Bestreben vor, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das wieder die drei Gebiete des Geisteslebens auf Erden umfasst.
[ 19 ] Poesie ist aus der Wahrheit hervorgegangen. Ursprünglich war die Dichtung nichts anderes als das Kleid der Wahrheit. Novalis blickt auf die Urzeit zurück, in der die Dichter in ihren Werken einen Ausdruck der höchsten Wahrheit zu prägen trachteten. Richten wir unseren Blick auf die Urdichtungen der Menschheit, so finden wir in ihnen in der Tat diesen Ausdruck. In Atlantis war der Mensch noch mit der Natur, mit seinem Gott verwandt, und die Mysterien gaben Darstellungen der so erlebten Realität. Später lebten Erinnerungen an diese Zeiten in den Mythen auf. Diese Erinnerungen waren für Novalis etwas Heiliges, Wirkliches. Er sagte sich: In der Zukunft wird wieder Wirklichkeit werden, was die Menschen noch als Erinnerung verborgen in sich tragen. Was wir aus unserer Imagination als Dichter schaffen und damit zum Bewusstsein bringen werden, das wird einmal Tatsache werden. Es wächst die gegenwärtige Welt zu einer neuen geistigen Wirklichkeit heran. Dadurch, dass die Menschen die Keime der Dichtung in das materielle Leben hineintragen, wächst auch aus dem materiellen Leben etwas ganz Besonderes hervor. Die Führerin auf dem Wege zu diesem Neuen ist ihm ‹Sophia›, die Weisheit.
[ 20 ] In die Zeit der aufgehenden Städtekultur versetzt Novalis die Geschehnisse seiner Handlung, in jene Zeit, wo das äußere Leben beginnt, materiell zu werden, wo es übergeht in das bürgerliche Element des physischen Planes. Die Träger der Zukunft sind für ihn die Dichter. In die materielle Kultur wird der Same der Dichtung gelegt. Novalis lässt den Heinrich von Ofterdingen eine Art Seher sein. Er träumt von der blauen Blume, Träume, die nicht wie andere Träume sind, sondern eine Abspiegelung der geistigen Wirklichkeit. Er lässt ihn Verschiedenes erleben: Sagen und historische Ereignisse werden lebendig, so zum Beispiel leuchtet die Zeit der Kreuzzüge herein, das Spirituelle, das aus dem Orient nach Europa hereinfloss, in der Schilderung der Gefangenen auf dem Schloss.
[ 21 ] Das Wichtigste für Heinrich ist die Begegnung mit einem Bergmann, der fast sein ganzes Leben unter der Erde zugebracht hat. Es wird geschildert, was man empfinden kann, wenn man so in den Schächten unter der Erde arbeitet. Die Sterne des Himmels leuchten ihm entgegen wie die Zukunft. In den Tiefen der Erde findet er gleichsam seine Vergangenheit. Die Metalle sind dem Menschen wundersam verwandt. Was im Laufe der Jahrtausende sich da unten entwickelt hat, das Geheimnis der göttlichen Weltordnung, bringt der Bergmann mit, drängt sich dem Bergmann entgegen. Die Selbstlosigkeit in der Arbeit wird uns vor Augen geführt, wenn beschrieben wird, wie das Gold zum Vorschein gebracht wird. Den Bergmann interessiert nur, wie das Gold aus der Erde hervorkommt: Darin erkennt er die schaffende Gottheit. Es ist eine schöne, moralische Schilderung des selbstlosen Interesses an dem, was sonst die Selbstsucht der Menschen entflammt. Der Bergmann, der immer im Finstern wirkt, hat erst die rechte Vorstellung von der Großartigkeit des Lichts.
[ 22 ] Heinrich macht dann die Bekanntschaft mit dem alten Einsiedler in der Höhle. Dieser hat eine reiche Lebenserfahrung hinter sich und trägt sie in ein Buch ein. Er spricht davon, dass nur der ein wirklicher Geschichtsschreiber ist, der in allem Vergänglichen ein Gleichnis des Unvergänglichen sieht. Diese Begegnung vertieft wieder die Erfahrungen Heinrichs.
[ 23 ] Dann lernt Heinrich in Augsburg den Meister Klingsor kennen, der ein Seher ist. In einem Märchen vernehmen wir von ihm, was die Zukunft der ganzen Menschheit sein wird: Eine höhere Welt wird herausgeboren werden aus dieser Welt. Ein dichterischer Zauber liegt in der Erzählung der Liebe des Jünglings zu Mathilde, die sich später wieder als Cyane entpuppt - ein Hinweis darauf, dass das Vergängliche ein Sinnbild des Unvergänglichen ist. Er weiß, dass aus dem, was jetzt harte, steinerne Gegenwartswirklichkeit ist, in Zukunft eine andere Welt herauswachsen wird.
[ 24 ] Dann wird das Aufgehen in der astralischen Welt geschildert: Das Land Astralis versinnbildlicht uns die Evolution, die Entwicklung. Die Dichtung wird zu einer magischen Kraft, die die Menschen umgestaltet. Novalis glaubt an die zauberische Kraft der Phantasie, da, wo sie nicht zügellos dahinflutet, sondern sich unter die Führung der Sophia stellt und die ganze Welt mit der Kraft des schöpferischen Eros durchdringt.
[ 25 ] Einen wiederverkörperten Pythagoreer dürfen wir in Novalis sehen.
