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The Rudolf Steiner Archive

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Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b

9 Oktober 1905, Berlin

15. Geisteswissenschaft als Gesundungsquell

[ 1 ] Ich habe mir das letzte Mal erlaubt, einige Worte über die Aufgabe oder die Bedeutung eines theosophischen Zweiges zu sprechen. Das, was ich damals sagte, ist wirklich etwas, was man vielleicht demjenigen, der in der theosophischen Bewegung steht, oder der sich beteiligen will an dem, was man heute Theosophie nennt, nicht tief genug vor Augen führen kann. Nichts ist häufiger heute, als das Opponieren, als das Kämpfen gegen die bloße Theorie, gegen die bloße Lehre und andererseits wieder das Verlangen nach Leben, nach Empfindung und Gefühl, nach dem, was nicht Theorie und nicht Lehre ist; denn keine Zeit ist so in Theorien, Lehren und Dogmen befangen gewesen - ohne dass man das eigentlich so recht weiß - wie die gegenwärtige.

[ 2 ] Das scheint eine starke Behauptung zu sein, und dennoch möchte ich sie aufrechterhalten, selbst gegenüber denjenigen, die einwenden: Ist das nicht das finstere Mittelalter, die dunkle Dogmenzeit und ist unsere Zeit nicht darüber hinaus? Sie finden in dieser Woche eine bekannte Zeitschrift aufliegen, in der auf der ersten Seite gesprochen wird über ein Buch, das über das Christentum handelt und das herrührt von dem Philosophen Eduard von Hartmann. Es ist uns heute nicht naheliegend genug, uns mit den Ideen dieser Schrift zu befassen. Aber ein bekannter Kämpfer für die gegenwärtige Erneuerung christlicher Ideen hat in der «Zukunft» Ideen geäußert in Anknüpfung an diese Schrift, die doch zu denken geben, weil sie sehr verbreitet sind in unserer Gegenwart. Da sagt Jentsch nämlich, Hartmann hätte in dieser Schrift etwa gesagt, was zwar oft schon gesagt worden ist, was aber der logische Kopf Eduard von Hartmanns so klar wie nur irgend möglich noch einmal gesagt hat, sodass jetzt jeder weiß, dass man es niemals wieder zu tun haben könne mit irgendwelcher theoretischen oder systematischen, lehrhaften Begründung der religiösen Anschauungen oder Wahrheiten. Die Zeit, in welcher man philosophisch oder theologisch die Religion begründet hat, wäre vorüber. Wir wissen heute ganz genau - und damit spricht er etwas aus, was in vielen Herzen nachklingen wird -, dass sich alle Denksysteme in Widersprüche verwickeln und dass uns eigentlich nur das Leben, das hinaufblickt in eine jenseitige Welt, zu einer göttlichen Weltordnung, einzig und allein interessieren könne.

[ 3 ] Der gute Mann merkt nicht, dass, obgleich er alle andere Dogmatik abweist, für ihn zwei oder drei, wenn auch bloß abstrakt bleibende Dogmen einen gewissen Wert haben. Er will alle Dogmatik abstreifen, und er ist gerade ein Dogmatiker ausgesprochener Art. Zwar will man nicht Dogmatiker sein, und doch ist man es, ohne dass man weiß, wie stark man Dogmatiker ist. Das hat auch dazu geführt, dass alle ähnlichen Bewegungen - seien es der «Giordano-BrunoBund» oder die «Gesellschaft für ethische Kultur» - mehr oder weniger auf einem streng lehrhaften Standpunkte stehen, dass es ihnen also mehr darauf ankommt, Lehren zu verbreiten. Ob es nun Lehren sind über das rechte sittliche Handeln oder über den Monismus oder über eine Reform unseres Religionsunterrichtes in den Schulen, der ersetzt werden soll durch einen Moralunterricht, der nur auf eine bestimmte Moraldogmatik hinausläuft - denn etwas muss man doch lehren -, das bleibt sich gleich. Also ersetzt man die alten Dogmen durch neue, durch Dogmen des Freisinns. Überall kommt es auf die Lehre an, überall auf den Inhalt des Wortes.

[ 4 ] Das ist bei der theosophischen Bewegung durchaus nicht nötig. Das wollte ich besonders betonen, was wir auch immer lehren, was auch immer der eine oder der andere in seinen Büchern schreibt oder lehrt, mögen es hohe Wahrheiten sein, und mag es viele Menschen geben, die sich angesprochen fühlen von solchen Wahrheiten, da sie ein widerspruchsloses Weltsystem darstellen und so weiter - darauf kommt es in der theosophischen Bewegung nicht an. Es kommt nicht darauf an, was wir lehren, was wir behaupten, was wir sagen, sondern darauf, wie wir in der theosophischen Bewegung zusammenleben, was für eine Gesinnung wir entwickeln. Diese Gesinnung, die wir entwickeln sollen und die wir entwickeln wollen, ist die, dass in unserer Seele das Bewusstsein lebt nach geistiger Wirksamkeit, dass Bewusstsein, dass Gedanken, Empfindungen, Gefühle ebenso wirkliche Kräfte in der Welt sind wie Magnetismus, Elektrizität, wie Licht oder Dampfkraft. Nicht der ist im wahren Sinne Theosoph, welcher zugibt, dass etwas Wahres ist an den Dingen, die innerhalb unserer Literatur verbreitet sind, sondern der, welcher sich mit seinen Mitmenschen zusammenfindet mit dem immer und immer wieder in seiner Seele aufsteigenden Bewusstsein, dass, wenn er etwas denkt, empfindet oder will, was sich vielleicht gar nicht einmal in eine äußere Handlung umsetzt, dass das dann eine Wirksamkeit habe.

[ 5 ] Und wenn dann irgendeiner von uns irgendwo spricht zu einer solchen Gemeinde, die dieses Bewusstsein ihm entgegenbringt, dann sind seine Worte ganz etwas anderes als die Worte eines beliebigen anderen Vortragenden oder eines beliebigen anderen Redners. Denn dann werden Sie hier sitzen in dem Bewusstsein, dass nicht nur Ihr physischer Leib, der sich hier befindet, etwas Wirkliches ist, sondern dass Ihre Empfindungen und Gefühle und Ihre Gedanken, die durch Ihren Geist gehen, etwas so Anwesendes sind wie Ihr physischer Leib. Und wenn Sie mit diesem Bewusstsein die Türschwelle überschreiten und die Worte aufnehmen, die hier gesprochen werden, dann finden diese Worte den Weg, den sie finden sollen in die Welt. Die Worte des Theosophen werden nicht darum gesprochen, dass der eine oder andere ihnen zustimmt oder nicht zustimmt. Nicht ob sie wahr oder nicht wahr sind, kommt in erster Linie in Betracht, sondern die Tatsache, dass sie Kräfte sind. Der Einzelne mag noch so schöne und hervorragende Gedanken in seinen Worten zum Ausdruck bringen, darauf kommt es weniger an, es kommt hauptsächlich darauf an, durch welche Kanäle diese Gedanken ziehen. Eine theosophische Loge oder ein theosophischer Zweig ist der Ausgangspunkt von zahlreichen Kanälen, durch welche diese Gedanken, die ausgesprochen werden, ihren Abfluss finden in die ganze Welt hinaus.

[ 6 ] Aber nur dann werden diese Worte so gehört werden, wenn bei den Zuhörern das Bewusstsein einer geistigen Welt vorhanden ist. Dann verstärken sich die Kräfte des Redners durch das Bewusstsein eines jeden Anwesenden, dann sind die geistigen Kräfte wie in einer elektrischen Batterie, und sie dringen hinaus in die Welt wie Wellen und sind dort wirksam, wo sich Gelegenheit bietet. Auf diese Gesinnung, auf dieses Bewusstsein, auf dieses Leben in der Lehre kommt alles an, nicht auf den Inhalt. Unsere Lehren sind herausgeholt aus der Betrachtung von großen geistigen Zusammenhängen des Daseins und aus der Betrachtung des Wesens des Menschen. Nicht dass wir sie wissen, sondern dass sie wirken, ist das Ziel. Und diese Wirkung ist eine wichtige aus dem Grunde, weil diese Gedanken dieselben sind durch die seit Jahrmillionen, überhaupt seitdem es eine Zeit gibt, alles in der Welt geschehen ist. Und so wahr, wie durch diese Gedanken die Welt so geworden ist wie sie jetzt ist, so wahr wird durch dieselben Gedanken die Welt in der Zukunft so, wie sie werden soll und werden muss.

[ 7 ] Aber es gibt einen Faktor, der mitwirken muss, damit in der Zukunft das Richtige geschieht, und dieser Faktor heißt «Mensch», dieser Faktor heißt «erkennender und bewusster Mensch». Wir können sagen: Es hat eine Zeit gegeben, in welcher die großen Gedanken der Weltordnung durch das in die Wirklichkeit umgesetzt worden sind, was wir die Götter nennen. Damals war der Mensch noch ganz unbewusst. Damals konnte der Mensch noch nicht an dem Weltenbau mitwirken. Sehen Sie, der Mensch ist jetzt im Anfange der Entwicklung seines Bewusstseins. Er wird Zeiten entgegengehen, in denen dieses Bewusstsein immer weitere und weitere Kreise zieht. Dadurch wird er immer mehr berufen sein, an dem mitzuarbeiten, was einstmals die Götter getan haben. Deshalb nennen wir unsere Theosophie ‹Göttliche Weisheit›, weil wir die Weisheit daher haben, und weil wir unseren Anteil haben müssen, wenn wir in der Zukunft unseren Bau darnach einrichten wollen.

[ 8 ] In der Zukunft wird der Mensch in einem weiteren Sinne berufen sein, bewusster mitzuwirken als heute. Wie die heutige Gesellschaft sich selbst eine sittliche Welt-Ordnung schafft, so wird auch eine Zeit kommen, in der in viel höherem Maße als heute die geistigen Kräfte durch die Seele des Menschen ziehen, und die starre Gesellschaftsordnung einen viel tieferen, intensiveren Sinn haben wird. Und wie der Mensch heute nur an der Oberfläche die Naturgesetze verwendet, um das zu tun, was in der Industrie lebt und webt, so wird eine Zeit kommen, in der der Mensch die geistigen Weltgesetze gebrauchen wird, um unsere Einrichtungen zu machen. Der Mensch wird durch die Handhabung der großen Weltgesetze über Gesundheit und Krankheit Herr werden. Im Menschen lebt ein Göttliches. Dieses göttliche Wesen ist am Anfange der Entwicklung, und dieses göttliche Wesen herauszuholen und zu einem schaffenden zu machen, das ist das Ziel der Theosophie oder ‹Gottesweisheit›. Nicht um Neugierige zu befriedigen, die gern etwas von Gott wissen wollen, gibt es eine Theosophie, sondern um dem Menschen die Kraft zu geben, seine Aufgabe als ein sich vergöttlichendes Wesen zu erfüllen. Zwar nicht in einer kurzen Stunde, aber immer mehr und mehr wird uns das klar werden können.

[ 9 ] Was ich jetzt in einem Satz zusammenfassen möchte, dürfte manchem ganz eigentümlich erscheinen, ist aber doch eine Wahrheit, die der Okkultist so kennt, wie zum Beispiel ein Naturforscher irgendeine andere Wahrheit, irgendeine äußere Wahrheit. Es gibt eine solche Wahrheit. Ich habe schon im siebenundzwanzigsten Heft der «Lucifer-Gnosis» darauf aufmerksam gemacht. Sie hängt zusammen mit der Gesundheit in der Welt. Es ist eine Wahrheit allerdings im geistigen Sinn und nicht so offenbar ist der Zusammenhang. Letzten Endes ist es durchaus wahr, dass ein gesunder äußerer physischer Leib die Folge eines inneren Lebens des Geistes in der Wahrheit ist. Um mich deutlicher, aber etwas entfernt liegender auszudrücken: Eine theosophische Loge, ein theosophischer Zweig ist auch ein Quell von Gesundheit. Indem Sie hier in der Gesinnung zusammensitzen, von der ich gesprochen habe, und in Ihr Bewusstsein jene Wahrheiten aufnehmen, die nichts anderes sein sollen als ein Nachklang der großen Weltgedanken, die die Harmonien der Welt geschaffen haben, zittern und vibrieren durch Ihre Seele die wahren Gedanken der Welt. Und so wahr es ist, dass alles Physische eine Wirkung des Geistes ist, so wahr ist es, dass sich der Zustand des Physischen richten wird nach den Schwingungen, nach den Wellen, die jetzt durch Ihre Seele zittern. Wenn die Gedanken gesund sind, die die Wellenschwingungen Ihrer Seele anregen, dann werden diese auch die physischen Schwingungen anregen, und diese müssen dann gesund sein. Durch das Ausströmen der Wellen nach allen Richtungen der Welt bewirken wir eine Quelle der Gesundheit. Ein Quell der Gesundheit geht aus von den theosophischen Logen. Nicht morgen oder übermorgen können Sie diese Gesundung in Ihrem Leben schon bemerken. Aber in der Zukunft können Sie finden, dass die Gesundheit die Folge von dem jetzigen Triebe nach Wahrheit ist. Für die Nachkommen bauen wir gesunde Körper, indem wir unsere Seelen die Wahrheit pflegen lassen im geistigen Leben. Da stellen wir uns hinein in den ganzen Zeitenlauf, da stellen wir uns hinein in den Weltenlauf, wenn wir den richtigen Glauben haben.

[ 10 ] Viele sagen ja: Was hat uns der Materialismus geschadet? Der hat uns viele gewaltige Einrichtungen gebracht und auf allen Naturforscher- und Ärzteversammlungen so viel Wissen und Kenntnisse des Lebens. Da können Sie über das Leben so vieles hören. Sie können hören, wie großartig die hygienischen Fortschritte sind und so weiter, wie viel geringer die Sterblichkeit ist heute als vor einem Jahrhundert. Das alles hat uns das Studium der Naturgesetze gebracht, ein Studium, das arbeitet mit der reinen Materie. Aber Sie müssen auch tiefer sehen. Sie müssen sehen, dass nicht immer das Äußere mit dem Inneren stimmt, und dass das Äußere ein sehr trügerisches Kennzeichen für das Innere ist.

[ 11 ] Ja, wir wollen es nicht ableugnen, dass in unserer Zeit des Materialismus Großes und Großartiges geschaffen worden ist. Aber wer hat es geschaffen? Hier kommen wir auf einen Punkt, der uns den Unterschied lehrt zwischen dem, was der Mensch bloß denkt, was bloß im menschlichen Verstande lebt, und dem, was tief im Grunde seiner Seele liegt. Diese zwei Dinge müssen Sie streng unterscheiden. Sie gehen durch die Welt und machen Ihre täglichen Verrichtungen nach dem, was Sie heute denken. Aber was Sie heute denken, beruht auf einem Grunde, der nicht von heute ist. Was Sie heute denken, beruht auf einem tieferen Seelengrunde, der das Ergebnis der Vergangenheit ist. Schon rein äußerlich betrachtet sind selbst die materialistischen Denker des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Denken der Vergangenheit hervorgewachsen. Sie sehen: Erzeugt in den Schulen, die noch nicht dem Materialismus verfallen waren. Die großen Lehrer des Materialismus wie Büchner, Vogt, Moleschott, wo haben sie gelernt und wodurch ist es gekommen, dass ihre Bücher etwas so Verführerisches haben? Dadurch, dass ihre Schule in der Zeit war, wo diese noch nicht so vom Materialismus erfasst war. In Wahrheit tragen wir als Seelengrund das in uns, was wir in früheren Leben waren. Aus einer tiefen Weisheit heraus sagt uns die indische Philosophie: Das, was du heute denkst, wirst du morgen sein. Das gilt für den Menschen und für alle Tatsachen und Wesen der Welt. Heute ruht unser Denken auf der Oberfläche. Heute sind wir das, was wir in der Vorzeit gedacht haben.

[ 12 ] Sie glauben, dass wir das Alte überwunden haben. Von dem grauen finsteren Mittelalter sprechen die Leute. Aber gerade die ersten Zeiten des Mittelalters ruhen als unser tiefstes Sein in unserer Seele. Damals lebten wir in einer früheren Inkarnation. Was wir heute denken, werden wir erst in einer künftigen Inkarnation sein. Es darf uns nicht wundern, dass wir materialistisch denken, aber dennoch Früchte geerntet haben, die das Resultat früherer Epochen sind. Was wir heute haben, ist nur das Ergebnis von einem Zeitalter, auf das wir geneigt sind, mit Spott und Hohn herabzublicken. Aus dieser tiefen Erkenntnis heraus kam der Impuls, der im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts zur theosophischen Bewegung führte.

[ 13 ] Die Lebensfrucht früherer Zeiten und früherer Denkweise haben wir heute vor uns. Aber diejenigen, welche Wache halten über die Zeichen der Zeit, die wissen, dass von unseren Gedanken, von dem, was wir heute in der Seele haben, abhängt das Leben in der Zukunft. Diese Zukunft wird eine immer raschere und raschere Lebensentfaltung sein. Sie müssen sich klar darüber sein, dass das Leben nicht in allen Zeiten gleich rasch verläuft. Alle, die hier sitzen, haben viele theosophische Vorträge gehört, und ich darf deshalb oft ein Wort sagen, welches aus tieferer Weisheit herausgeholt ist. Wir wissen, dass es außer dem physischen Plan den Astralplan gibt, und der, welcher das höhere Leben kennt, weiß auch von dieser höheren Welt den Gang der Entwicklung vorauszusagen, den Gang des Fortschritts zu verfolgen.

[ 14 ] Wenn man da die Zeit von Karl dem Großen bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts und die Zeit vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts vergleicht, also ein Jahrtausend gegen ein Jahrhundert, so bemerkt man die überraschende Tatsache, dass in beiden Zeiträumen ungefähr dasselbe geschehen ist. Nur zehnmal schneller ging der Fortschritt der Menschheitswelle und immer schneller und schneller wird sie in der kommenden Zeit gehen. Daher müssen wir uns darauf gefasst machen, dass die Dinge, die unsere Gedanken nach sich ziehen, in einer gar nicht zu fernen Zukunft äußere Wirklichkeit sein werden. Dies zeigt Ihnen, aus welchem Impuls heraus die theosophische Bewegung geflossen ist.

[ 15 ] Die Gesundung soll die nachfolgende Generation unseren Gedanken verdanken, wie wir das, was wir haben an Fortschritten, den vorhergehenden Generationen verdanken. Sie mögen denjenigen, der in diesem Sinne die theosophische Bewegung ansieht, eine ‹prophetische Natur› nennen. Aber Propheten waren zu allen Zeiten diejenigen - und sie mussten es sein —, welche den Gang der Ereignisse wirklich leiten wollten. Denn, um zu bestimmen, was in der Zukunft geschehen soll, im großen Maßstabe, muss man vorher wissen, was gesetzmäßig für diese Zukunft ist. Die großen Individualitäten, welche wissen, was der Zukunft frommt, haben uns deshalb die Möglichkeit gegeben, wiederum das, was so lange vergessen war, nämlich die großen Weltgesetze, kennenzulernen und sie uns nachfühlen zu lassen zur geistigen und physischen Gesundung unseres Geschlechtes und unserer Rasse. Nehmen Sie dies ganz und gar wörtlich, dass wahre Gedanken eine gesundende physische Wirkung haben, und dass diejenigen Gedanken, welche in der theosophischen Loge erweckt werden durch unsere Seelenschwingungen ärztlich-medizinische Kräfte sind, die durch die Menschheit pulsieren. Fühlen Sie in Ihrer ganzen Seele diese Wahrheit, diese Lebenswahrheit und fühlen Sie die Wichtigkeit in der theosophischen Bewegung, dann kommen Sie auf ein anderes Kapitel und werden befähigt, es zu begreifen.

[ 16 ] Viele gibt es unter uns, welche sagen: Ja, die theosophische Bewegung verbreitet eine schöne hohe Ethik, sie verbreitet schöne Lehren, die in sich selbst zusammenstimmen. Aber man sollte dabei bleiben und nicht den Blick hinaufrichten und die Menschen verwirren in mystischen, geheimnisvollen, abstrakten und mentalen Welten. Wie viele gibt es in der Theosophischen Gesellschaft, die sagen: Lasst uns zufrieden mit dem astralen und mentalen Gebiet, wir wollen das Einheitsbewusstsein entwickeln. Eine gewisse Scheu ist zu bemerken gegenüber dem, was wir als die Lehre vom Astralen und Mentalen kennen. Aber einmal muss es ausgesprochen werden: Derjenige, der diese Lehre von diesen höheren Welten ausschließen wollte von der theosophischen Bewegung, der handelte gegen die Intentionen, welche die großen Individualitäten, die wir die Meister nennen, uns gegeben haben. Wir können ebenso gut die theosophische Bewegung fallen lassen, wenn wir die Lehre von den höheren Welten aus ihr verbannen. Gewiss, man kann heute von einer Ethik, von einer ethischen Lehre sprechen. In der Schule will man schon diese ethische Lehre einführen. Ethische Gesellschaften sind gegründet worden, welche den Versuch machen, ohne Rücksicht zu nehmen auf diese oder jene Weltanschauung, auf dieses oder jenes Religionsbekenntnis, allgemeine menschliche Pflichten aufzustellen und einzuführen. Pflichten aber kann man nur aufstellen über das, was man kennt. Sehen Sie sich aber einmal diese Pflichtenlehren an. Sie sind ein getreues Spiegelbild, ein vollkommener Abdruck des materiellen Zeitalters, in dem wir leben. Was Sie an neuen Pflichten bei den neuen Aufklärern finden, ist nichts anderes als die Konsequenz einer materialistischen Weltanschauung, die Konsequenz dessen, was die Augen sehen, Ohren hören und Hände tasten können. Das ist gewiss Idealismus, und man kann edler Idealist auf diesem Gebiete sein - zweifellos. Aber dies ist die letzte Konsequenz, der letzte Ausfluss einer materialistischen Zeit.

[ 17 ] Und weil selbst diejenigen, welche glauben, Idealisten zu sein, und die hinaufstreben mit ihren Gedanken und Gefühlen nach einer höheren Welt und eine dunkle Ahnung sich wenigstens bewahren wollen von einer höheren Welt, weil diese, wenn sie anfangen zu denken, zu fühlen und zu handeln und nicht bloß reden wollen, sogleich wieder in die materialistischen Denkgewohnheiten verfallen. Weil nun auch viele solche in der theosophischen Bewegung sind, deshalb verbreitet sich auch in ihr der Gedanke: Wir sollten uns beschränken auf eine solche materialistische Ethik, auf ein Einheitsbewusstsein, das man nicht fassen kann und nicht fassen will, weil die Menschen Furcht haben, in bestimmter Weise die höheren Welten anzufassen.

[ 18 ] Auch die Theosophen, die sagen, dass man nicht sprechen sollte vom astralen und mentalen Plan, weisen darauf hin, dass man mit dem bloßen Verstande eine gewisse Summe von theosophischen Wahrheiten verbreiten könne. Sie wollen auch dasjenige, was das tiefere Wesen und die Grundlage alles Wirklichen ist, nur hindeuten als auf ein Göttliches, das den Wirklichkeiten zugrunde liegt. Aber es selbst anschauen, es erfassen, sich ihm gegenüberstellen, so wie es ist, davor schrecken sie zurück. Das wäre gerade so, wie wenn jemand sagen wollte: Ja, eine elektrische Kraft gibt es, wir wollen es zugeben; aber sie anwenden, sie studieren, um elektrische Maschinen zu konstruieren und so weiter, darauf wollen wir uns nicht einlassen. Das ist gefährlich, wir könnten uns verwirren, das gibt der Welt ein anderes Bild. Ein solcher stellt sich aber doch der elektrischen Kraft nicht richtig gegenüber. Richtig stellt sich ihr vielmehr derjenige gegenüber, welcher sagt, ich will die elektrische Kraft nach jeder Richtung kennenlernen, damit ich sie in den äußeren Einrichtungen der Menschen zum Dasein und zur Anwendung bringen kann. Dem ersten Anhänger der elektrischen Kraft würde der Theosoph gleichen, der sagt: Kümmern wir uns nicht um astrale und mentale Welten, sondern nur um das Einheitsbewusstsein. Er würde die geistige Kraft nicht auf die unmittelbare Gegenwart anwenden.

[ 19 ] Wollen wir aber von dem Göttlichen nicht nur träumen, nicht nur Ahnungen haben, nicht bloß reden und höchstens dunkel fühlen, sondern es in die Wirklichkeit umsetzen, dann müssen wir es im Einzelnen in seinen Gestalten kennenlernen, wie es sich offenbart in den höheren Welten, und dann können wir eindringen in die höheren Welten. So wahr es ist, dass wir unsere physische Welt dadurch erobern, dass wir die einzelnen Gestalten der elektrischen Kraft kennenlernen, so lernen wir unser Leben als handgreifliche Wirklichkeit kennen, wenn wir diese Kraft uns zu eigen machen. Durch den Menschen soll diese Kraft, die heute nur von universellen Wesen in der Welt verwirklicht wird, in der Zukunft bewusst verwirklicht und beherrscht werden.

[ 20 ] Nicht um unsere Neugierde zu befriedigen, sehen wir da hinein in die geistige Welt, nicht umsonst suchen wir die Augen des Geistes und der Seele zu öffnen gegenüber den Wesen, die nicht im physischen Körper leben, sondern wie aus unseren Leidenschaften und Instinkten und inneren Seelenkräften wirken. Nicht umsonst erheben wir uns zu den Wesen, deren Körper kein physischer ist, deren Körper aus demselben Stoff gewoben ist, aus dem unsere Gedanken gewoben sind, zu den Wesen, die wir die Wesen der mentalen Welt nennen. Wir erheben uns zu diesen, um zu lernen, was der Welt, in der wir leben, eingewoben werden muss. Das ist eine Grundwahrheit, dass der Geist immer vorhanden ist. Wenn Sie eine Blume sehen, so sehen Sie nicht nur den physischen Gegenstand - die heutige Wissenschaft will ja nichts davon wissen: Diese Blume ist Geist, und deren sinnliche Gestalt ist nur der Ausdruck des Geistes. Öfters habe ich schon gesagt: Wenn Sie eine Wasserfläche haben, und Sie lassen das Wasser mehr und mehr abkühlen, so bildet sich Eis. Einer kommt nun und sagt: Eis ist wirkliches Wasser, nur in anderer Form. Dann kommt ein anderer und sagt: Das ist doch kein Wasser, es ist doch fest und nicht flüssig. Jeder weiß, dass Eis zusammengezogenes, durch Kälte geformtes, anders gestaltetes Wasser ist. Mit der Blume verhält es sich ganz ähnlich. In dieser Blume haben Sie nur anders gestalteten Geist. Wie Sie nun Eis in Wasser verwandeln können, so können Sie auch die Blume in deren geistige Wesenheit auflösen. Unsere physische Welt ist nichts anderes als zu fester Form gewordene astrale und mentale Wesenheit. Alle, die hier sitzen, sind auch mentale Wesenheiten und bringen sich in ihrem physischen Körper verdichtet zum Ausdruck. Will man gedeihlich wirken, so muss man die Kräfte kennen. Wollen Sie Eis erzeugen, so müssen Sie Kälte und Wasser haben. Wollen Sie die physische Welt in der richtigen Weise gestalten, so müssen Sie den Geist kennen.

[ 21 ] Sie müssen die Kräfte des Geistes erforschen, nicht um unsere Neugierde zu befriedigen gegenüber den höheren Welten, um allerlei Interessantes zu erfahren, sondern weil wir daraus unsere Kenntnis für unsere Lebenspraxis ziehen. Was heute noch astral ist, wird in der Zukunft physisch sein; und was heute noch mental ist, wird in der Zukunft astral und in noch fernerer Zukunft physisch sein. Indem wir heute in einer theosophischen Loge vom Astralen sprechen und diese astralen Wahrheiten durch unsere Seele ziehen lassen und in diesen Seelen Schwingungen erzeugen, werden diese Seelen künftig in Menschen inkarniert werden, welche für das Astrale disponiert sind. Werden wir dann wieder auf der Erde inkarniert werden, so werden diese Wahrheiten aus uns herausfließen. Physisch gestaltet wird dann durch uns dasjenige werden, was sich als Teile, als Kinder der astralen Welt in unsere Seele senkte. Wir sind da, um von den höheren Welten herunterzuholen die Gesetze unseres Wirkens und Lebens. Es kann daher auch nicht die Frage sein, ob es dem einen oder anderen gefällt, in die höheren Welten aufzusteigen, sondern lediglich, ob wir hinaufsteigen sollen und müssen. Dass wir hinaufsteigen sollen, dass wieder ein Zeitalter kommen soll, welches die Welt spiritualisiert, welches spirituelle Anschauungen in der Menschheit verbreitet, dies war die Erkenntnis der großen Wesenheiten, welche die theosophische Bewegung angeregt haben.

[ 22 ] Dem Zeitalter, das hinter uns liegt, der Epoche, in welcher der Mensch materiell wurde, ging ein anderes voraus. Das berief sich auf große, hohe geistige Wesenheiten, die die Lehrer und Führer der Menschheit waren. Damals, als in den alten Zeiten große heilige Führer der Menschheit diese Menschheit leiteten, da waren wenigstens alle diese Führer tief durchdrungen von den Wahrheiten, die heute die theosophische Bewegung in der Menschheit verbreitet, auch von der Wahrheit einer wieder und wieder sich verkörpernden Menschenseele. Wenn Sie sich das Verhältnis der großen Lehrer des Altertums zu der Menge denken, werden Sie einen Begriff bekommen von der Lehrart in den alten Zeiten. Denken Sie sich zurück in jene Zeiten und in die großen vorgeschrittenen Individualitäten, welche hineinschauten in den mysteriösen, geheimnisvollen Weltenbau, der für die Augen der anderen verschlossen war - wie sich Johannes in der Apokalypse ausdrückt. Sie sprachen zu den Menschen, die sie noch nicht mit dem Verstande erfassen konnten, die aber vorbereitet werden mussten, um sie in späteren Inkarnationen mit dem Verstande erfassen zu können - in einer bildlichen Form. Und das führte zu der Form von Sprache, die damals gesprochen wurde, zu der Sprache der Sage, des Mythus, des Märchens.

[ 23 ] Hier sitzen Sie heute. Aber alle Ihre Seelen waren einstmals in jenen grauen Vorzeiten verkörpert, alle Ihre Seelen horchten hin auf einen der großen Lehrer der grauen Vorzeit, wie er die Märchen erzählte. Diese Märchen waren nicht solcher Art, die aus leichter oberflächlicher Phantasie erdacht wurden wie die heutigen, sondern in diesen Märchen lebte und webte die große Wahrheit des Seins. Und wenn die Wahrheit auch nicht begrifflich in ihnen ausgesprochen war, mit den Gestalten und Personen des Märchens senkte sich nicht das Begriffliche, sondern die Empfindung in Ihre Seelen. Die Märchen, welche Sie in Grimms Märchensammlung lesen, enthalten größtenteils solche Weisheitslehren. Als sie eingesenkt wurden in die Menschenseelen, da haben Sie sie so gelernt, dass Sie heute imstande sind, die Wahrheiten begrifflich aufzunehmen, die damals ins Märchen gefasst waren. Es ist die größte Unwahrheit, wenn man sagt, die Märchen enthalten keine Wahrheiten. Sie enthalten die urältesten Wahrheiten des Menschengeschlechtes. Die Seele, die das Märchen in sich einfließen lässt, empfängt den Empfindungskeim für die Wahrheit, der sich später entfaltet. In unserer Jugend müssen wir, weil alles in der Welt sich wiederholen muss, was in den Vorzeiten da gewesen ist, jene Seelen und Gemütszustände, die wir in früheren Zeiten durchgemacht haben, als wir die urewigen Worte der Heiligen der Menschheit hörten, nochmals kurz durchleben. Und wenn heute eine Mutter ihrem Kinde ein Märchen erzählt aus dem Schatze der alten Zeit, dann fließt Wahrheit in die Seele des Kindes. So wird das Kind wiederholt vorbereitet für sein späteres Alter, wo es dann diese Wahrheiten mit dem Verstande aufzunehmen in der Lage ist.

[ 24 ] Wenn wir die Sache so betrachten, verstehen wir den Zeitenlauf. Wir hören von der Zeit, die wir geschildert haben, wo die großen Mysterien der Menschheit gegeben wurden bis herab in unsere Zeit. Unsere Zeit sollte groß werden durch das, was der Mensch selbst hervorbringen kann. Allmählich musste es sich herausentwickeln aus dem, was in den Märchen eingewickelt war, wie ein Kind sich zur Größe und Selbstständigkeit herausentwickelt.

[ 25 ] Es war gut, dass sich die Menschheit eine Zeitlang auf sich selbst, auf ihre eigene Seele berief. Das ist ein Mittelzustand. Und wozu hat er geführt? Er hat dazu geführt, was sich ausdrückt in dem Spruch: Über das Jenseitige können wir nichts wissen. Was sich erst eröffnet jenseits des Todes, darüber wissen wir nichts. Es ist das eine große Unbescheidenheit, so zu sprechen. Nicht diejenigen können über eine Sache sprechen, die nichts davon wissen, sondern diejenigen, welche etwas davon wissen. Diejenigen, die die theosophische Bewegung in ihrem tiefsten Kern richtig verstanden haben, die haben auch durch dieses Gefühl das Richtige zu ergreifen versucht. Mit Notwendigkeit hat es das Pochen auf sich selbst bewirkt, dass der Mensch zu dem Nichtwissen kam. Zunächst sieht des Menschen Verstand nur, was diesseits des Todes liegt. Also kann er, wenn er auf sich selbst sieht, nichts wissen von dem, was jenseits des Todes liegt. Aber sie werden sich wieder gewöhnen hinzuhören auf die Lehrer, welche in diesem Leben schon die Pforte des Todes überschritten haben, und aus eigener Erfahrung von diesem Leben zu erzählen wissen.

[ 26 ] Was sich da abspielt, das begründet wieder eine neue Bescheidenheit. Nicht Unbescheidenheit ist es, wenn diejenigen, welche für die Theosophische Gesellschaft das Wort führen, immer und immer wieder betonen: Wir sprechen nicht unsere Weisheit aus, nein, wir sprechen nicht unsere Weisheit aus, wir sprechen das aus, was uns die großen Führer und Weisen der Menschheit auch heute noch lehren. Wir sprechen nicht deshalb von Meistern, weil wir uns anmaßen, die höheren Wahrheiten aus uns selbst, aus unserem eigenen Quell zu schöpfen. Wir sitzen zu den Füßen der Meister, weil wir wissen, dass, solange wir auf uns selbst pochen, solange wir uns nicht zu Schülern der Meister machen, wir bei dem «Ich weiß nicht» stehen bleiben müssen. Aus dieser Bescheidenheit heraus führen wir nicht unsere eigenen Gedanken aus. Ich spreche durch das, was wir anregen wollen in der Welt, ich spreche die Weisheit der großen, über uns stehenden, unsere Entwicklungsstufe lang hinter sich habenden großen weisen Führer. Und wir versuchen es auf alle Weise, die Stimme dieser Meister zu hören. Deshalb sind solche Lehren, wie sie in «Licht auf den Weg» stehen, als die goldenen Lehren von der theosophischen Bewegung verbreitet worden. Jener Satz

Ehe vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muss das Verwunden sie verlernen.

[ 27 ] wird uns zum Leitsatz. Wir versuchen das Verwunden zu verlernen. Wir versuchen, jedem unserer Gedanken die Spitze abzubrechen die verwundet, weil wir wissen, dass Worte, die andere verletzen, das Wort des Meisters zurückwerfen. Spitze Gedanken, die verletzen, werfen die Meisterworte zurück. Wenn aber unser Herz sich erschließt wie eine Glockenblume, wenn unsere Worte weich und mild sind und nicht verwunden, dann geht rein und glockenhell die Stimme der Meister, das Wort der Meister durch uns.

[ 28 ] Die Stimme des Meisters hören Sie, wenn Sie widerstandslos durch die Worte, die nicht verwunden, hindurchgehen können. Dann vernehmen Sie die Worte des Meisters. Durch solche Gedanken fließen die Gedanken der Meister. Und wenn der Mensch sich so verhält, dann klingt durch ihn, durch das, was er denkt und sagt, die Stimme der Meister. Die «Meister des Zusammenklangs der Gedanken und Empfindungen» werden ihm hörbar. In diesem Sinne sprechen diejenigen, welche zu dem Meister ein wahres Verhältnis haben. Nur in diesem Sinne dürfen sie und können sie sprechen. Sonst ist ihr Wort nicht Wahrheit, sondern Betrug und Lüge. Alles, was in einem anderen Sinn als Kunde des Meisters gebracht wird, ist nicht wahr. Wahr aber ist es, dass durch die theosophische Bewegung die Gedanken und Impulse höherer Wesen fließen, wenn wir nicht unsere Gedanken verbreiten wollen, sondern uns zum Werkzeug derer machen, die heute wieder in der Welt das spirituelle Leben anfachen wollen.

Aus der Fragenbeantwortung

Kann man das Vernehmen der inneren Stimme auch in der Natur draußen pflegen?

[ 29 ] Die Schule der Einsamkeit in der Natur ist sehr wichtig. Die meisten Menschen können keine wahre Empfindung verbinden mit dem, was «Schweigen im Walde genannt wurde. Und doch liegt etwas sehr Bedeutsames dahinter. Denken Sie sich einen ganz lauten Schall immer schwächer und schwächer werden, und dann denken Sie sich ihn ganz verstummen. Sonst denken Sie nichts. Dann hören Sie nichts um sich herum. Denken Sie sich dasselbe beim Licht. Sie sehen Licht. Das Licht stumpft sich immer mehr ab; dann sehen Sie Dunkelheit. Und doch, die Dunkelheit ist nicht Nichts. Die Dunkelheit ist eine so positive Empfindung wie das Weiß. Aber sehen Sie, das NichtsHören und das Nichts-Sehen ist hervorgerufen aus dem allmählichen schwächer Werden des Lichtes und des Tones. Die ganze Dunkelheit und Lautlosigkeit ist nach und nach eingetreten. Fragen Sie sich jetzt einmal, könnte dieses schwächer und schwächer Werden des Tones nicht noch weiter fortgesetzt werden? Unter diese Nuance hinunter bis dahin, wo es noch leiser ist, als wenn man nichts hört. Im gemeinen Leben gibt das jeder zu. Einer, der immer und immer sein Geld ausgibt, der hat nichts; aber er kann doch noch weniger haben. Er kann Schulden machen. Dann hat er noch weniger als nichts. Wenn der Ton tiefer und tiefer geht, dann kommt man dazu, dass man auf der anderen Seite der Natur den Ton wieder hört. Da müssen Sie aber erst die Stimme leben lernen. Dies kann im Anfang als Stimmung empfunden werden. Wenn Sie solche Übungen machten, würden Sie schon finden, dass auf der anderen Seite der Mentalwelt für Geistesohren der neue Tag geboren wird. Wer dieses kann, der ist auf einem guten Wege. Es ist viel damit erreicht. In unseren Städten ist es aber fast unmöglich. Leicht ist es in der Natur draußen, da, wo der Frühling wirklich grünt, da, wo die Bäume, die Blätter und der Wald jeden Tag anders aussehen. Nicht umsonst sind die okkulten Stätten, in denen die Kultur gepflegt wurde, in die Natur hinausgelegt.

Sind Pflanzenfarben hörbar? Bei Stifter habe ich einen Satz gelesen: Ich hörte die blaue Farbe der Blume.

[ 30 ] Einer nicht sehr weitgehenden Sensitivität erscheinen auch die Töne in Farben und nicht nur die Farben in Tönen. Das geht noch weiter, dass, wenn ein anderer ‹I› ausspricht, gewisse Personen eine bestimmte Farbe in ihrem Bewusstsein haben. Der Anfang der neunten Symphonie ist schon in Farben umkomponiert. Der Physiologe Nussbaumer hat sich mit diesem Studium befasst, auch französische Physiologen.

Haben auch die Städte gewisse Farben?

[ 31 ] Ja, Berlin ist grau, Wien rot. Die gotische Kirche ist astral ein Musikstück, mental ein Tongebilde.