Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
2 Dezember 1905, Köln
30. Die Bergpredigt
[ 1 ] Die Bergpredigt wird gewöhnlich nicht in ihrer vollen Tiefe gewürdigt aus dem Grunde, weil sie von vielen aufgefasst wird als eine Predigt, die der Herr vor allem Volk gehalten haben soll. Sie ist aber in Wahrheit nicht an das Volk gerichtet, sondern «auf dem Berge gesprochen. Das bedeutet: im intimen Heiligtum, wo man die Geheimnisse der Religion mitteilt.
[ 2 ] Mit dem Volk spricht Jesus in Gleichnissen, aber wenn er mit den Jüngern allein ist, legt er ihnen noch allerlei besonders aus. «Auf dem Berge bedeutet im Mysterium». Die bedeutendste Unterweisung «auf dem Berge ist die, die man die «Verklärung» nennt. Da spricht Jesus mit seinen Jüngern davon, dass es eine Reinkarnation gibt. Er sagt ihnen: Johannes der Täufer ist Elias, sie haben ihn nur nicht erkannt. - Dort auf dem Berge der Verklärung waren für die Jünger Jakobus, Petrus und Johannes Zeit und Raum überwunden; sie schauten Wesen, die nicht mehr inkarniert waren: Moses und Elias. «Eb bedeutet das Ziel, der Weg. «Moses bedeutet die Wahrheit; in der Mitte steht Christus - das Leben. So sahen die Jünger vor sich: den Weg, die Wahrheit und das Leben.
[ 3 ] Wenn man diese Szene liest, findet man, dass die Jünger ein bedeutsames Wort sprechen. Im Pfad der Jüngerschaft werden drei Stufen unterschieden. Die erste Stufe ist die des heimatlosen Menschen, die zweite Stufe ist die, auf welcher der Mensch in der geistigen Welt «Hütten bauv. Auf dieser Stufe waren damals die Jünger, darum sprachen sie: Hier lasset uns Hütten bauen.
[ 4 ] Jesus hatte die drei Jünger, die auf der zweiten Stufe der Chelaschaft standen, mit sich ins Mysterium genommen. Alles, was «auf dem Berg» gesprochen wird, bedeutet, dass wir es zu tun haben mit einer intimen Offenbarung an die Schüler. Es heißt:
Als Jesus das Volk sah, ging er hinweg auf den Berg, und seine Jünger setzten sich zu ihm. [Mt 5,1]
[ 5 ] Auch wenn man diesen Satz nur wörtlich versteht, sieht man ein, dass es sich nicht um eine Predigt vor dem Volke handelt. Er ging weg mit seinen Jüngern. Wir haben es also mit einer intimen Unterweisung zu tun, die nur vor den vertrauten Schülern gesprochen werden soll. Diese sollen dann wiederum die anderen lehren, die draußen sind.
[ 6 ] Es wird in der Bergpredigt von zwei Welten gesprochen. Daraus können wir lernen, wie sich Sinnliches und Übersinnliches verhält. Der Mensch muss sich erst langsam und vorsichtig daran gewöhnen, beim Betreten anderer Welten die Dinge zu beurteilen. In der astralen Welt erscheint alles als Spiegelbild, sogar bei den Zahlen ist das so. Zum Beispiel 364 ist in der Astralwelt 463. Was hier in der Welt in einer gewissen Richtung geht - in der astralen Welt erscheint es im Spiegelbild. Menschen, die durch pathologische Zustände hellsehend werden, erzählen von furchtbaren Tieren, die auf sie losstürzen. Das sind die niederen Leidenschaften des Menschen; die erscheinen in der astralen Welt im Spiegelbild. Was vom Menschen ausgeht, kommt im Astralen auf ihn zu. Die Leidenschaften kommen ihm als Gestalten von außen entgegen. Das ist ein Beispiel dafür, wie das Innere im Spiegelbild erscheint, wenn wir es in der höheren Welt wahrnehmen. Jedes Ding, alles hier in der sinnlichen Welt, hat ein reales Spiegelbild in der übersinnlichen Welt. Schon der erste Satz in der Bergpredigt weist darauf hin. Man muss berücksichtigen, dass die Sprache geistiger ist, als man glaubt.
[ 7 ] ‹Selig› hängt zusammen mit dem Wort Seele. Auch im Griechischen ist das so. ‹Selig sein› heißt, die Seele zur Entfaltung bringen. So wie ‹heilig›, zusammenhängt mit dem Worte ‹heil sein›, ‹gesund sein›, ‹rein sein›. Der Heilige Geist ist der gesunde Geist, der ganz rein ist. Selig ist der, der die Seele entfaltet hat, der zum Übersinnlichen aufgestiegen ist. Stück für Stück legt der Herr den Jüngern dar, wie sie selig werden, wie sie aufsteigen.
[ 8 ] Die erste Seligpreisung heißt:
Selig sind, die da betteln um Geist, denn sie finden durch sich selbst die Reiche der Himmel. [Mt 5,3]
[ 9 ] Das heißt, in ihrem Selbst ist das Königreich der Himmel. Das ist der tiefe Zusammenhang zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt. Wer sich sehnt nach dem Geiste, der findet in sich das Spiegelbild seines Strebens, die Reiche der Himmel. Das ist der naturgemäße Zusammenhang zwischen unserem Streben und dem Spiegelbilde, den Reichen der Himmel. Es kann nichts geschehen in der sinnlichen Welt, was nicht in der übersinnlichen sein Gegenbild hätte. Verachten wir den Geist, so flieht der Geist. Streben wir nach Geist, so strömt uns das Spiegelbild entgegen. So setzt Christus immer seinen Jüngern die Zusammenhänge auseinander.
Selig sind, die da Leid tragen, denn sie werden durch sich selbst getröstet werden. [Mt 5,4]
Selig sind, die sanftmütig sind, denn ihnen wird das Reich der Erde werden. [Mt 5,5]
[ 10 ] Die nicht das in sich ausgebildet haben, was man sanftmütig nennt, die zornmütig sind, die können nicht das notwendige Gegenbild, das Erdenreich nämlich, für sich haben. Man soll nicht versuchen, in das Himmelreich einzudringen, ohne dass man erst das Erdenreich erlöst hat und es dann mitbringt in das Himmelreich. Wir sind auf der Erde da, um alles das, was auf der Erde ist, zu erlösen, zu vergöttlichen. Wie die Biene hinfliegt über die Fluren, den Honig aus den Blüten sammelt und ihn in den Bienenstock hineinträgt, so fliegt die Seele über die Welt, um Erfahrungen zu sammeln und sie in das Reich der Himmel zu bringen. Wir müssen lernen, die Welt an uns herankommen zu lassen und sie in uns wirken zu lassen. Wenn wir alles in uns aufnehmen, wenn wir der Erde Sanftmut und volle Ertragsamkeit entgegenbringen, so wird sie uns auch etwas bringen.
Selig sind, die da hungern nach Gerechtigkeit, denn sie werden in sich Sättigung finden. [Mt 5,6]
[Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. [Mt 5,7]]
[ 11 ] Wie Nord- und Südpol notwendig zusammengehören, so gehören notwendig das eine Glied der sinnlichen Welt und das andere in der übersinnlichen Welt zusammen.
Selig sind die, deren Herz rein bleibt, denn es wird sich ihnen durch sie selbst Gott enthüllen. [Mt 5,8]
[ 12 ] Nur im reinen Herzen enthüllt sich Gott. Der Mensch, der nicht imstande ist, das Herz rein zu machen von alledem, was ihm von der Sinnenwelt zufließt, der kann nicht das Gegenbild in seinem Herzen erleben. Ist das Herz rein von Sinnenstoff und Gedächtnisstoff, dann kann es Gott schauen. Dasjenige aber, welches voll ist von Sinnes- und Gedächtnisstoff, das schließt die Gottheit aus. Es ist das Bild und das Gegenbild: Das reine Herz - die Gottheit.
Selig sind, die da üben brüderlichen Frieden, denn sie werden durch sich selbst Kinder Gottes. [Mt 5,9]
[ 13 ] Als Jesus dies seinen Jüngern erklären wollte, sagte er: Es gibt Kinder Gottes und Kinder der Menschen. Die Kinder Gottes wollen Kinder Gottes bleiben; die Kinder der Menschen wollen Kinder Gottes werden. Die Kinder Gottes nennt man auch die Nachkommen Abels, die Kinder der Menschen die Nachkommen Kains. Die Abkömmlinge Abels sind nicht heruntergestiegen zur größten menschlichen Arbeit und Mühsal; sie nehmen, was von Gott stammt, an, auch das Blut und bringen es Gott zum Opfer.
[ 14 ] Die Kinder der Menschen sind tiefer herabgestiegen. Sie müssen opfern von dem, was sie selbst durch ihre Arbeit errungen haben. Darin liegt ein tiefer Gegensatz im seelischen Leben des Menschen. Die Kinder Abels waren im Allgemeinen Priester, die schöpfen wollen aus der trancehaften Inspiration, die das nehmen, was Gott gibt und es ihm opfern. Gott hat in uns entzündet die trancehafte, unbewusste Inspiration. Dagegen gibt es eine vollbewusste Weisheit, die sich der Mensch erarbeitet auf diesem Erdenrunde. Kains Kinder sind die Menschen, welche diese Wissenschaft erobern. Wären die Menschen Abels Kinder geblieben, so wären sie am Gängelbande der göttlichen Natürlichkeit geführt worden; aber Gott wollte sie frei sein lassen Kains Kinder müssen sie werden. Dies führte zunächst zur Unfriedfertigkeit. Das hat dazu geführt, dass Kain seinen Bruder erschlagen hat. Die Kainskinder müssen wieder in sich die Friedfertigkeit entwickeln, dann werden sie wieder durch sich selbst Kinder Gottes werden. Das ist ein Satz, der vor allen Dingen die Grundauffassung derjenigen widerlegt, die glaubten, dass man das alte Abel-Prinzip wieder aufleben lassen müsste. Sie sagen: Die Menschen sind nicht danach, dass sie, wenn sie einmal Kainskinder gewesen sind, wieder Abelkinder werden können. - Darum will der Jesuitenorden die Menschheit in ihrer Dumpfheit bei der Göttlichkeit zu erhalten suchen. Er will das Böse dadurch bekämpfen, dass er den Menschen gar nicht die Möglichkeit gibt, frei zu werden. Der Jesuitenorden widerspricht geradezu diesem Satz, dass die Menschen wieder Kinder Gottes werden können durch sich selbst, und glaubt allerdings im Sinne Jesu zu handeln. Ignatius von Loyola sagte: Wir wollen die Menschen gar nicht so tief heruntersteigen lassen. - Das Gute sollte auf Kosten des Lichtes erhalten bleiben.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn sie finden in sich selbst die Reiche der Himmel. [Mt 5,10]
[ 15 ] Hier sehen wir den Gegensatz desjenigen, was im ersten Satz gesagt wird. Das Betteln um Geist geht von dem Menschen selbst aus. Hier finden wir das, was von außen wirkt; da bildet sich das Spiegelbild im Innern, das dem entgegentreibt. Immer klarer wird uns, dass diese Grundtendenz in der Bergpredigt liegt. Wir gewinnen dadurch ein tieferes Verständnis für das, was Christus seinen Jüngern gibt, «auf dem Berge, im Mysterium.
[ 16 ] Wenn man die radikal scheinenden Sätze von diesem Gesichtspunkt ansieht, so lernt man dies verstehen. In der sinnlichen Welt sind wir voneinander getrennt. In dem Augenblick, wo wir uns in der übersinnlichen Welt fühlen, sind wir eine Einheit. Nur in der Sinnenwelt sind wir viele. Wir glauben, dass unsere physische Haut eine Grenze ist. Wir sind aber nicht durch die voneinander getrennt. Das ist eine Illusion. Wir gehen darüber hinaus und sind miteinander verbunden. In Wahrheit stecken wir ineinander. Wenn wir das intuitiv gefühlsmäßig erfassen, dann werden wir zu einer anderen Auffassung unserer Mitmenschen kommen. Wir werden fühlen, wenn der Mitmensch seinen Zorn auf uns richtet, so sind in Wahrheit wir selbst derjenige, der den Zorn auf uns richtet. Denken wir uns ein Band geschlungen von Seele zu Seele, dann fühlen wir, wie die Trennung aufhört, und wir fühlen, dass wir gar kein Recht haben, die Intention eines anderen so zu empfinden, als ob sie nicht zu uns gehörte.
[ 17 ] Jesus wollte den Jüngern klar machen, dass es nicht auf die äußere Gerechtigkeit ankommt, sondern auf das Sich-Hineinfühlen in die Seele des anderen. Er sagt:
Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: «Auge um Auge und Zahn um Zahn.» Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstehen sollt dem Übel. [Mt 5,38-39]
Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, auf dass ihr begreifet, dass ihr eine Einheit seid. [Mt 5,44-45]
[ 18 ] Es soll also nicht gelten «Auge um Auge, Zahn um Zahn», sondern ich muss mich verantwortlich fühlen für das, was der andere tut. Das Denken im Übersinnlichen soll da zum Ausdruck kommen.
[ 19 ] So jemand meinen Rock fordert und ich fühle mich eins mit ihm, so werde ich nicht anstehen, ihm alles zu geben. Ist mein Rock sein Rock, so ist auch mein Mantel sein Mantel. Ich gehe nicht eine Meile mit ihm, sondern zwei. Dass ich es bin, der ganz in dem andern lebt, das drückt Christus hiermit aus. Wir müssen übersinnlich denken, ganz loskommen von der Sinnlichkeit.
Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiße es aus und wirf es von dir. [Mt 5,29]
[ 20 ] Der Mensch hat Gelüste; er kann sie befriedigen nur durch die körperlichen Organe. Die Möglichkeit, diese Gelüste zu befriedigen, hängt ab von den körperlichen Organen. Kamaloka entsteht dadurch, dass der Mensch, wenn er stirbt, noch Gelüste hat nach dem, was nur die körperlichen Organe ihm bieten können. Er muss sich erst angewöhnen, nicht mehr sinnliche Organe zu gebrauchen. Wir sollen schon hier, in dieser Welt, die Sinne so gebrauchen, dass wir das Geistige aus den Dingen mit Hilfe der Sinne herausziehen. Indem wir das Sinnliche anschauen, sollen wir uns fortwährend zum Geiste erheben. In demselben Maße bereiten wir uns vor für das Devachan. Das spricht Christus aus, wenn er sagt:
Ärgert dich aber dein rechtes Auge, [so reiße es aus und wirf es von dir. Es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verderbe, als dass der ganze Leib in den Dunst der Hölle geworfen werde]. [Mt 5,29-30]
[ 21 ] Wenn das rechte Auge dich verführt, im Sinnlichen zu bleiben, dann mache dich frei von dem, woran das Auge haftet. Ein physisches Ausreißen ist natürlich damit nicht gemeint.
[ 22 ] In jedem Satz der Bergpredigt ist eine tiefsinnige Mysterienweisheit angedeutet, wie Sinnliches und Übersinnliches zusammenhängen. Hier legt Jesus den Jüngern das Wesen des Kamaloka dar, ferner lehrt er sie: Der Mensch soll niemals das Übersinnliche zu sinnlichen Zwecken missbrauchen. Die Gottheit soll niemals gezwungen werden, etwas zu tun, was nicht in den kosmischen Gesetzen selbst liegt. Wir sollen die übersinnliche Sphäre nicht herunterholen, sondern uns zur übersinnlichen Welt erheben. Die Versuchung ist groß, zum Beispiel im Spiritismus, die Manifestationen der geistigen Welt sehen zu wollen. Der Mensch will da die geistige Welt herunterholen, statt sich hinauf zu entwickeln. Die Wahrheit des Spiritismus ist nicht zu leugnen, aber die Methode wird angegriffen. Wir wollen nicht in die übersinnliche Sphäre eingreifen durch unsere sinnliche Sphäre.
[ 23 ] Christus schärft die Verderblichkeit des Eides ein, weil man nicht in das Übersinnliche eingreifen soll, man soll nicht den Himmel herunterziehen zur Bekräftigung irdischer Angelegenheiten.
Nicht bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, nicht bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel. [Mt 5,34-35]
[ 24 ] Wenn ihr das Übersinnliche haben wollt, sollt ihr euch zu dem Übersinnlichen erheben. Die übersinnlichen Gesetze soll niemand anrühren. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.
[ 25 ] Die Rechte, die die Zöllner haben, die sollen wir nicht haben. Wir sollen wissen, dass zwischen «mein» und «dein» die große Einheit waltet.
Denn so ihr lieber, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht also auch die Zöllner [...]? [Mt 5,46]
Ihr sollt vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. [Mt 5,48]
[ 26 ] Ihr sollt bewusst handeln, aus der übersinnlichen Welt heraus.
[ 27 ] Auch der Schluss der Rede enthält tiefe okkulte Gesichtspunkte. Viele glauben, zu der Wahrheit gekommen zu sein durch allerlei Künste. Es handelt sich aber nicht allein darum, die höheren Kräfte zu erringen, sondern auch darum, sie in den Dienst der Menschheit zu stellen. Es ist nicht so leicht, sich dasjenige unbedingt zu bewahren, was bewahrt werden muss, wenn der Mensch zu höheren Kräften aufsteigt. Ganz bestimmte Beobachtungen kann man machen bei den Menschen, die ihre höheren Kräfte entwickeln und nicht zu gleicher Zeit auch ihren Charakter auf höhere Stufen heben. Sie werden dann leicht unvollkommener als vorher.
[ 28 ] Man nehme an, man habe eine Lösung aus zwei Stoffen, zum Beispiel eine rote und eine blaue Flüssigkeit gemischt vor sich; es wäre eine Mischfarbe. So ist der Mensch im alltäglichen Leben gemischt aus seiner niederen und seiner höheren Natur. So wie der Mensch gewöhnlich ist, hindert die höhere Natur seine niedere Natur daran, zu argen, radikalen Exzessen zu kommen. Durch das Ineinanderstecken der höheren und der niederen Seele werden wir im gewöhnlichen Leben vor solchen radikalen Exzessen bewahrt.
[ 29 ] Die höhere Entwicklung bedeutet das Herausziehen der höheren Seele aus der niederen. So wird die höhere Seele offenbar; aber die niedere Seele steht dann für sich verlassen da. So haben wir bei der okkulten Höherentwicklung die höhere, aber auch die niedere Natur - jede für sich. Daher kommt bei Menschen, die sich okkult entwickeln, die niedere Natur ganz heraus. Daher ist notwendig, neben der okkulten Entwicklung einhergehend, die Entwicklung des Charakters, der Moralität, der vollen Selbstbeherrschung. Die auf der Erde herrschende Moralität ist der feste Felsboden, auf welchem wir ruhen müssen. Wenn wir nicht auf ihm aufbauen, bauen wir auf Sand. Jesus sagt:
Es werden viele zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir uns nicht die höhere Fähigkeit des Weissagens angeeignet? [Mt 7,22]
[ 30 ] Es wäre sonderbar, wenn Christus alle diejenigen «Übeltäter> nennen wollte, die sich diese Fähigkeit erworben haben. Er spricht hier von denjenigen, die neben den höheren Fähigkeiten nicht auch eine höhere Moralität erworben haben.
Wer meine Rede hört ...
[ 31 ] — damit meint er seine Lehren, die er ihnen gegeben hat; man soll sie aufnehmen mit dem übersinnlichen Bewusstsein - am Schluss steht:
Das Volk entsetzte sich über seine Lehre. [Mt 7,28]
[ 32 ] Als Jesus seine Lehren beendet hatte, hörte man im Innersten, im Allerheiligsten, dass draußen ein Aufstand unter dem Volke entstanden war. Das spielte sich außer dem «Berge ab. Das Volk hatte die Bergpredigt nicht gehört; der letzte Satz steht in gar keiner Beziehung zu dem anderen. Die Bergpredigt ist von Christus-Jesus nur für seine Jünger gehalten, um den ganzen Charakter der übersinnlichen Welt den Jüngern zum Ausdruck zu bringen. Sie sollten seine Apostel dadurch werden, dass er ihnen im Allerheiligsten seine vertrautesten Absichten mitteilte. Durch dieses Wissen wurden ihre Worte, die sie vor der Welt redeten, beflügelt.
