Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
11 Dezember 1905, Berlin
20. Erkenntnis der höheren Welten I
[ 1 ] Sie haben von den Geistern gehört, die sich am Menschen [aufschließen]: «Wille, Weisheit, Form». Ich möchte noch einiges sagen über diese Wesenheiten.
[ 2 ] Sie müssen sich vertraut machen damit. Wer nur den physischen Teil berücksichtigt, der weiß nur wenig.
[ 3 ] Alle Lehren sind gewonnen aufgrund von Beobachtungen mit höheren Organen, die dem physischen Körper nicht angehören, die den höheren Körpern angehören und auch beim gewöhnlichen Menschen noch nicht entwickelt sind. Damit vertraut machen, dass durch höheres Schauen gewonnen.
[ 4 ] Die Namen der [vier] Stufen des Wahrnehmens [sind]:
[ 5 ] 1. Materielles Erkennen: Es ist das untergeordnete, nur für das alltägliche Leben [verwendete Erkennen].
[ 6 ] 2. Imaginatives Erkennen — Erkennen geistiger Wesen in Bildern: Die auf und ab wogenden Bilder der Traumwelt sind etwas Chaotisches, Ungeordnetes, ohne Bedeutung. Die Bedeutung kann aber entwickelt werden in der Seele. Imago-Bild, mit dem der Mensch sich umstellt. Da ist das Gewebe dessen, aus dem sich die Erkenntnis zusammengesetzt [...]
[ 7 ] Durch die Wirklichkeit, die man imaginativ erkennt, kann man durchfassen, durchgehen.
[ 8 ] 3. Das voluntaristische - willensartige - Erkennen: Man hat es nicht mehr mit Bildern zu tun. Alle Bilder-Erkenntnis gehört den astralen Welten an, alle Willenserkenntnis gehört der mentalen Welt an. L.]
[ 9 ] Wesen, die man wahrnimmt, haben den Stoff wie unser menschlicher Wille. Willensartige Äußerungen.
[ 10 ] 4. Intuition: Wille besonders ausgebildet sensitiv. Der Wille regt sich. Wenn der Wille empfindend wird, das ist die höchste Art der Erkenntnis, die der Mensch auf dem dritten Plan haben kann. Der höchste Plan ist die Intuition; die Stufen führen hinauf zu den drei Welten, da sind wir an der Grenze dessen angelangt, was den Menschen zunächst angeht.
[ 11 ] Die Intuition ist die Erkenntniswelt des Schülers, der den dritten Grad erreicht hat.
[ 12 ] Der dritte Grad oder Schwan ist derjenige, der den Verkehr der gewöhnlichen Menschen mit den Meistern verbindet - Lohengrin.
[ 13 ] Die Intuition befähigt den Menschen, die Gegenstände im Innern wahrzunehmen. Wir müssen so recht verstehen lernen, was für eine Bedeutung der Name «Ich» hat, man muss solcher Sache nachgehen. Durch Meditation klarmachen die Unterscheidung des Ich von anderen Namen. Dann unterscheiden Sie das Einmaleins der königlichen Yoga-Schule.
[ 14 ] Es ist ein unsagbar großer Unterschied zwischen dem «Ich» und anderen Namen. Es gibt kein Ding, das einen Namen hätte, den ein jeder ihm beilegen könnte, aber einen Namen kennen Sie alle, den nur ein jeder zu sich selbst sagen kann, das bedeutungsvolle Ich. Das Ich muss aus dem Innern zum Menschen klingen, dann betritt der Mensch das Gebiet, welches übersinnlich und der Weg ist, durch den er nur von innen kommt. Da betritt der Mensch zuerst das Gebiet, das keine [Lücke in der Mitschrift]
[ 15 ] Deshalb ist in der jüdischen Geheimlehre der unaussprechliche Name [Jahwe], welcher bedeutet «Ich bin», der sich im Innersten der Seele ankündigende Gott, das erste der Intuition. Wenn Sie nun alle Dinge lernen, so zu erkennen, wenn Sie ebenso den Dingen ihren Namen entlocken, wie Sie es zu sich tun, wenn Sie in die Dinge hineinkriechen durch Selbstentäußerung, durch das Aufgehen des Selbst, dann lernen Sie alle Geheimnisse, dann sagt jeder Gegenstand sein eigenes Ich, dann werden alle Dinge sprechend. Alle Illusion des eigenen Selbst ist dann verschwunden. Alle Dinge künden dann die in ihnen liegenden Worte. [...]
[ 16 ] Was ich Ihnen nun sage, ist eine Versinnbildlichung dessen, was in allen Schulen gesagt worden ist. Ich spreche zu Ihnen, Sie hören mich dadurch, dass ich imstande bin, die Luft in Schwingungen zu versetzen in ganz bestimmte Formen, welche ein richtiges Abbild meiner Worte und Laute sind. Nun wissen Sie, dass man alle luftförmigen Dinge flüssig machen kann. Nun denken Sie, es könnte jemand in dem Moment die Luft festmachen, in dem ich etwas ausspreche, dann würden meine Worte herunterfallen wie Schneekristalle. So stellte sich mit Recht der Mensch, der tiefer hineinsah, überhaupt die Welt vor. So sprach einstmals die Weltenseele die Urworte hinein in einen unendlich feinen Stoff, in die Akasha-Materie. Alles, was hier auf Erde ist, ist heruntergefallene Akasha-Materie. Der Kristall ist das verdichtete Wort der Urseele. Alles um uns herum ist das starr gewordene Wort der Urseele. Wenn der Mensch zur intuitiven Erkenntnis aufsteigt, dann hört er die Worte, die einstmals die Urseele gesprochen hat.
[ 17 ] Die vier Stufen der Erkenntnis führen zum mentalen Plan. Die vier Stufen werden in allen Rosenkreuzerschulen gelehrt und bilden den Inhalt der ersten sieben Grade der Einweihung. Auch die Freimaurerei, bevor sie heruntergegangen ist zu den drei Johannisgraden, hatte diese sieben Stufen.
[ 18 ] Man kommt zur Einsicht in die höheren Welten durch das Gefühl und durch ruhige, klare Forschung. Vertrauen ist notwendig und der Glaube, hervorgerufen durch das ahnende Gefühl. Der Mensch ist veranlagt zur Wahrheit und Klarheit; wenn der Okkultist ihm etwas sagt, dann findet er schon, dass etwas Richtiges daran ist.
[ 19 ] Zunächst will ich ein Gerippe geben von der höheren Welt und will zunächst ganz logisch und elementar vorgehen. Wenn Sie die menschliche Entwicklung betrachten, so werden sie beim Menschen so, wie er vor Ihren Sinnen steht, die viergliedrige Natur gewahr.
[ 20 ] Erstens: Der physische Leib hat Gemeinschaftliches mit dem Mineralreich. Wenn der Mensch vor uns steht, so ist er eine Mischung des Physischen und der höheren Leiber. Das Auge ist ein physikalischer Apparat ohne Empfindung, aber es ist belebt, mit Empfindung begabt. Draußen in der Welt ist das Reich des Leblosen ausgebreitet, von dem der Mensch Besitz ergriffen hat.
1. Das Reich des Leblosen: Physischer Leib
2. Das Reich des Pflanzlichen: Ätherischer Leib
3. Das Reich des Tierischen: Astralleib Ich Manas Budhi [Atma]
[ 21 ] Zweitens: Der Ätherleib: Sie können ein Stück vom Mineralreich abschneiden und hinlegen, so ist es nach einem Jahr noch ebenso. Anders ist es bei der Pflanze, wenn Sie ein Blatt abschneiden, so ist es nach kurzer Zeit verdorrt.
[ 22 ] Drittens: Der Astralleib oder der Empfindungsleib.
[ 23 ] Diese drei Reiche der Natur sind auch im Menschen. Dann haben Sie noch das vierte Glied, das Ich. Das Ich hält zusammen den Extrakt der ganzen Welt im menschlichen Leib. Schiller hat es ganz theosophisch ausgedrückt in dem, was er als Naturanschauung Goethes beschreibt: «Sie suchen die Natur zu erkennen, aber auf einem schweren Wege, indem Sie zusammenfassen alle drei Reiche, um den Menschen zu begreifen.»
[ 24 ] Hier sind wir auf einem Punkt angekommen, auf dem der Mensch heute ist. Wir haben das, was die Naturkräfte aus ihm gemacht haben. Der physische Leib ist das, was die Gottheiten gemacht haben, es ist das Gescheiteste. Weise ist der physische Leib aufgebaut, die andern Körper sind noch unvollkommen. Der Astralleib macht Torheiten gegen das Herz, er greift unrhythmisch und chaotisch ein in den weisen Bau.
[ 25 ] Das Ich ist das eigentliche Baby, es ist ganz am Anfange. Durch diese Unvollkommenheiten muss sich der Mensch erst hinaufentwickeln. Der Europäer weiß zu unterscheiden zwischen ‹gut› und ‹böse›, ‹wahr und ‹falsch›. So viel das Ich hat von einwandfreier Wahrheit, so viel Manas ist im Ich. Über all das, was manasisch ist, braucht man nicht erst abzustimmen. So viel auch der Mensch erreicht, mit allen andern gemeinsam, die Wahrheit muss er selbst erkennen.
[ 26 ] Leidenschaftslos werden. So viel leidenschaftsloses Gefühl im Menschen ist, so viel Budhi ist in ihm. Wenn das Ich sich ausbildet, wird es auch so rhythmisch wie der physische Leib. Zwei Welten.
[ 27 ] Der Mensch lebt in drei Reichen, aber es geht dem Menschen eine neue Welt auf, in die er sich hineinleben muss. Wie sich das Baby «Ich» über das Tierreich erhoben hat, so erhebt es sich in höhere Reiche. Das Ich hinaufzuführen, haben alle Religionen angestrebt. Wenn wir hinaufsteigen, so bekommen wir eine Übersicht.
[ 28 ] Die Mondwesen nennt die alte christliche Geheimlehre Engel. Die Asuras sind der Ursprung für alle Arten von Egoismus, wir hätten sonst aber nicht die Selbstständigkeit. Selbstheit, aber auch Selbstsucht. Die Götter der Form sind die aufbauenden architektonischen. Am physischen Leib haben die Geister der Form gearbeitet. Jehova ist der Geist der Form. Am Ätherleib sind besonders Mondgötter tätig gewesen, deshalb nennt Helena Petrovna Blavatsky Jehova den Mondgott. Der Okkultist geht an diese Wesen heran und sagt, dass sie nicht aus dem Nichts sich heraus entwickelt haben.
[ 29 ] Ergänzung aus den Aufzeichnungen von Alfred Reebstein
[ 30 ] Der Mensch, das Ich hat von den anderen Reichen Besitz ergriffen, einen Extrakt daraus gebildet, den es nun regiert. Der physische Leib ist in seiner Art am vollkommensten durchgebildet; die höheren Glieder, Ätherleib und Astralleib, sind in ihrer Art viel weniger und das Ich erreichen erst in späteren Stufen größere Vollkommenheit.
[ 31 ] Was an vollständig einwandfreier Wahrheit im Menschen ist, heißt: Manas.
[ 32 ] Budhi heißt, was vollständig unabhängig ist von Empfindungen und Leidenschaften. Gleichzeitig mit dem Menschenreich machen ihre Entwicklung durch:
- Mineralreich
- Pflanzenreich
- Tierreich
- Menschenreich — Reich der Iche
- Engelreich, lunarische Pitris, Mondwesen, Menschen des Mondes
- Erzengelreich, Feuergeister, Sonnenwesen, Menschen der Sonne
- Archai, Zeitgeister, Geister der Persönlichkeit; Asuras, Men schen des Saturn
- Geister der Form, Exusiai
- Geister der Bewegung — Tätigkeit - Dynamis
- Geister der Weisheit
- [Throne]
- Cherubim
- Seraphim
