Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II
Theosophie, Christologie und Mythologie
GA 90b
28 Dezember 1905, Berlin
22. Erkenntnis der Höheren Welten III
[ 1 ] Ich darf wohl das, was wir das letzte Mal begonnen haben, in Kürze nochmals skizzieren, um dann weiter darauf aufzubauen. Sie erinnern sich, dass ich versucht habe, die verschiedenen Grade des höheren Schauens Ihnen klarzulegen, und zwar in diejenigen Tätigkeiten auseinanderzulegen, die uns in die höheren Reiche hinaufführen, in die Reiche der höheren Wesenheiten, die wir betrachten müssen, wenn wir die ganze menschliche Entwicklungsgeschichte durch die verschiedenen Planeten hindurch wirklich durchgehen wollen. Ich bitte Sie, dabei zu berücksichtigen, dass man bei einer solchen Betrachtung notwendigerweise recht skizzenhaft bleiben muss, dass man manches besprechen muss, was wirklich recht schwer in die gewöhnlichen alltäglichen Begriffe zu bringen ist, denn man hat es ja dabei zu tun mit Dingen, für die eigentlich die gewöhnliche Sprache nicht geschaffen ist. Die gewöhnliche Sprache ist dazu da, um das, was sinnlich wirklich ist, das, was uns umgibt, zu bezeichnen. Daher ist sie recht unzureichend für alle die Dinge, für die wir heute eine Vorstellung erwecken wollen.
[ 2 ] In den Schulen, in denen seit Jahrhunderten - oder genauer: seit dem vierzehnten Jahrhundert - in Europa in derselben Art solche Vorstellungen entwickelt worden sind, wie wir sie jetzt elementar öffentlich besprechen dürfen, in diesen Schulen wurde durchaus nicht — namentlich, wenn es sich um die höheren Partien handelt — in den Worten der gewöhnlichen Sprache gesprochen, sondern in einer sogenannten symbolischen Sprache. Man eignete sich erst eine bestimmte Sprache an. Man eignete sich erst eine bestimmte Art, sich auszudrücken, an, die dann die Möglichkeit bot, in jener eigentümlichen Weise zu charakterisieren, die notwendig ist, wenn man in solche übersinnlichen Gebiete eindringen will.
[ 3 ] Nun lassen Sie mich kurz wiederholen, was ich das letzte Mal andeutete. Ich sagte Ihnen, dass zunächst unsere gewöhnliche, alltägliche Betrachtungsweise - und das ist auch diejenige, welche unsere Wissenschaft hat - die sogenannte materielle Erkenntnis ist. Diese hat ihren Gegenstand außerhalb unserer selbst. Sie hat ihren Gegenstand in der Sinnenwelt, und sie baut dann zunächst die Erkenntnis auf mit Hilfe des Bildes, geht dann vom Bild zum Begriff und vom Begriff zum Ich. Wir haben es also zu tun in unserer materiellen Erkenntnis mit: Gegenstand, Bild, Begriff und Ich. Diese vier Dinge sind dabei zu berücksichtigen.
[ 4 ] Wenn wir nun zu der ersten Stufe der höheren Erkenntnis aufrücken müssen, so muss der Gegenstand wegbleiben, der äußere sinnliche Gegenstand muss wegfallen. Von dem also, was wir innerhalb unserer gewöhnlichen Erkenntnis haben, bleiben uns dann nur noch Bild, Begriff, Ich. Dafür nun, dass nicht mehr äußere Gegenstände uns anregen, dass nicht mehr äußere Gegenstände auf unsere Sinnlichkeit wirken, dass die Sensation nicht mehr da ist, dafür tritt die Illumination ein, die für unsere gewöhnlichen Bilder Bilder vom Innern heraus bildet, sodass sie nicht Visionen sind, nicht Illusionen, sondern zu dem werden, was die Mystiker aller Zeiten Imaginationen genannt haben. Wenn man sich einen richtigen Begriff von dem machen will, was man hier Imagination nennt, dann muss man schon absehen können, richtig absehen können von allem, was noch eine Anlehnung an einen äußeren Gegenstand fordert. Ich glaube, das letzte Mal erwähnt zu haben, dass dies Schülern, welche man heranbilden will zu dieser Erkenntnisart, oftmals große Enttäuschung bringt. Der Mensch erwartet, dass, wenn sich ihm eine höhere Erkenntnis bieten soll, die sich so ausnimmt, wie das beim gewöhnlichen Leben der Fall ist, dass sie von außen an ihn herantritt. Das war auch bei dem Spiritismus der Fehler. Ich will nichts gegen den Spiritismus sagen. Der Fehler lag nur in der Methode. Der Irrtum ist der, dass der Spiritist die Dinge vor sich hat wie einen irdischen Gegenstand, der seine Sinnlichkeit anregt. Deshalb ist es auch im Grunde genommen keine gute Vorschule für ein höheres Erkennenwollen, wenn man gerade durch den Spiritismus geht, obgleich ich sehr gut weiß, dass viele unserer besten Theosophen durch den Spiritismus durchgegangen sind. Aber in den Zeiten, bevor durch die Theosophische Gesellschaft diese höheren Erkenntnisse in ihren elementaren Stufen populär gemacht worden sind, hatte man keine Schulen. Man hat da durchaus nicht aufgebaut auf der spiritistischen Methode. Man ist direkt darauf losgegangen, den Menschen so umzubilden, dass er imstande ist, ohne äußere Veranlassung sich wirklich zu erheben in die übersinnliche Welt. Der Spiritist versucht, die übersinnliche Welt zu seinem gewöhnlichen Anschauungsvermögen herunterzuholen. Er sagt sich: Ich kann so erkennen, dass die äußeren Gegenstände mich anregen; wenn nun die höhere Welt eine Wirklichkeit haben soll, so muss mir das Wesen einer höheren Welt ebenso erscheinen wie die gewöhnlichen Wesen. Sie müssen sich hineinbequemen in mein Anschauungsvermögen. Der Okkultist aber sagt: Nein, die Gegenstände und Wesenheiten einer höheren Welt gehen nicht hier herunter, nicht dahin, wo man mit den Augen sieht und mit den Händen greift, sondern man muss zu ihnen hinaufsteigen, man muss die Organe, die notwendig sind, um in der höheren Welt zu sehen, in sich entwickeln. Daher ist für die heutige Menschheit eine viel bessere Schulung als irgendwelche äußere Veranstaltung, um zu dem höheren Schauen zu kommen, der Durchgang - so sonderbar es auch demjenigen erscheinen mag, der etwas anderes erwartet -, der Durchgang durch die Künste. Das, was der Mensch, wenn er nicht direkt durch die Schule des Hellsehens durchgeht, ausnützen sollte, um wieder zu einem vertieften Schauen zu kommen, zu einer Imagination zu kommen, das ist die Vertiefung in dasjenige, was ihm die Kunst geben kann, und zwar die Kunst auf allen Gebieten. Da müssen wir uns klar sein darüber, welche Rolle die Kunst seit langer Zeit in dem Entwicklungsgang unserer Menschheit spielt. Durch solche Dinge wird uns auch manches klar, was sonst außerordentlich schwer auseinanderzusetzen ist.
[ 5 ] Folgen Sie dem Rat zu dem Zwecke, um das, was ich zu sagen habe, anschaulich zu bekommen. Folgen Sie mir einmal in das, was man die griechischen Mysterien nennt, die griechischen Mysterien, in der Zeit, bevor Homer seine Gedichte geschrieben hat. Jene Zeiten, in denen dieser griechische Geist und Seher lange Urdramen vorgetragen hat, die die besten Geister gesucht haben. Aber weil sie nicht befähigt waren, hellseherisch zurückzublicken, keine positive Wissenschaft darin gefunden haben, so zeigt sich das, was sie geleistet haben, mehr wie eine Ahnung als ein wirkliches Erkennen. Gehen Sie aber zurück in diese früheren Zeiten, in die zum Beispiel Nietzsche hineinschauen wollte, als er begrifflich das Dionysische im Gegensatz zum Apollinischen fasste, gehen wir zurück in diese Zeiten, so sehen wir, wie Lehrer die Schüler hinführten in verborgene Kulturstätten und sie vorbereiteten, um da das Urdrama zu sehen. Was haben Sie da gesehen? Das Geheimnis des Weltendaseins und der Weltentwicklung haben sie gesehen. Das, was wir uns bemühen, durch viele Worte klarzustellen, das wurde in astraler Anschauung, in wirklicher Schau von diesen Schülern durchlebt: die herabsteigende Gottheit, die sich ins Materielle hineinsenkte, die sich in das Materielle hineingesenkt hat vor Urzeiten. Und dann die Umwandlung dieser ursprünglichen Gestaltung der Materie zu den Formen, die heute uns umgeben — zu den Mineralien, Pflanzen und Tieren. Das wurde da gezeigt, wie einstmals die unsichtbare, übersinnliche Gottheit im All schaffend war, und wie sie sich da jene Früchte gebildet, verdichtet hat, von denen unsere Schöpfung ausgegangen ist, wie gleichsam wie aus Wolkengebilden das Physische aus dem Geistigen hervorkam und wie aus den anfänglichen Gestaltungen sich allmählich die komplizierten und zuletzt der mikrokosmische Mensch sich herausbildete. Dieser ganze Gang des Weltenwerdens wurde vor den Schüler hingestellt. Man nannte das «die große Welttragödie. Zuerst die große lebendige Gottheit, die sich hineinsenkte in die Materie, die darin begraben wird, um im Menschen wieder aufzuleben, die lebendig begraben werdende und wieder auflebende Gottheit. Und nun wurde vor dem Schüler klar gemacht: In dir selbst vollzieht sich dieser Vorgang, in dir hat er sich vollzogen und vollzieht sich noch fortwährend. Du warst schon dabei in jenen Gestaltungen, die sich da vollzogen haben vor Urzeiten. In jenen Gestaltungen warst du im Anfange des Werdens, und die wandelten sich und wandelten sich bis zu deiner heutigen Gestalt. Heute hast du zu fühlen, wie das, was als Seele, was als Geist in dir lebt, wieder aufgeht, wie das, was sich hineinversenkt hat in die Materie, die Gottheit, sich wieder erhebt wie aus einem Grabe, aus dem die Gottheit aufersteht, und dass, wenn du dann «Ich» aussprichst, die Gottheit sich in dir ausspricht. Das alles wurde in vollständiger Anschaulichkeit dargelegt. Und damit vereinigten sich die Dinge, die der heutigen Menschheit längst abhanden gekommen sind. Es war dies möglich dadurch, dass man diese Schüler in einen ganz anderen Bewusstseinszustand versetzte, als in dem, in welchem der Mensch im Alltagsleben ist, sodass er umgeben war von den lebendigen Bildern des ganzen Weltenwerdens. Es handelt sich also darum, dass die Schüler sozusagen in sich hineinscheinen fühlten das Bewusstsein, das ihnen die Gegenstände des Alltags sichtbar machte. Die äußeren Gegenstände vergingen um sie herum, aber das, was man versuchte, ihnen zu zeigen, trat in viel lebendigeren Farben in ihnen auf, als sich jemals die Gegenstände der Natur sich würden darbieten können. Das Feuer der Gottheit stand vor ihrer Seele. Und das Feuer, das sich metamorphosierte, sodass aus ihm alles andere hervorging, das war da so ähnlich, wie dem Träumer in oberflächlicher Weise der Traum vorkommt.
[ 6 ] Wenn Sie sich diesen Traum übersetzen in etwas, was Regelmäßigkeit und Harmonie hat und im großen Maße als das, was uns in der Außenwelt umgibt, dann haben Sie eine schwache Vorstellung davon, was in der Seele eines solchen Schülers des Urdramas vorging. Da sagte man von einem solchen Schüler, dass er die Welt gesehen habe im Zwielicht. In diese Bilder tönte dann hinein das Weltenereignis, dieses ganze Weltenwerden. Ein Abdruck von solcher Imagination, von solchen Bildern um uns herum, ist die sichtbare Kunst. Sie verhält sich zu dieser Imagination, zu dieser Schau, wie sich das Schattenbild zu dem wirklichen Gegenstand verhält. Sie hat also eine solche Verwandtschaft zur hellscherischen Imagination, während unser materielles Sehen keine Verwandtschaft hat zur hellseherischen Imagination.
[ 7 ] Die künstlerische Phantasie ist ein Schatten der Imagination. Damit ist nicht gesagt, [dass ich die künstlerische Phantasie als minderwertiger hinstellen wollte als das Hellsehen]. Damals, als die Menschen noch hellseherische Fähigkeiten erwecken konnten, sodass sie hellsehen konnten, hineinsehen konnten in die uralten Zeiten, da gab es noch keine Kunst. Was man da erlebte, war zugleich Religion und zugleich Kunst und zugleich Wissenschaft. Alles, was die Menschen in die höheren Welten führte, das war darin geboten. Später trennten sich diese drei. Diesen Zustand musste die Menschheit durchmachen. Und seit der Zeit ist die Kunst äußeres Schattenbild. Die äußere Kunst ist inneres imaginatives Schauen. Es gehört zum Entwicklungsgang, dass die Menschheit dieses ursprüngliche Schauen für eine Weile verloren hat. Was erweckt worden ist dadurch, das ist ein anderer Bewusstseinszustand. Und der stellt in einer späteren Gegenwart die Kunst in greifbarer, sichtbarer Form vor. Deshalb ist das künstlerische Schauen so vorteilhaft für das imaginative Schauen. Das ist die erste Stufe: die Illumination.
[ 8 ] Die zweite Stufe war diejenige, wo auch das Bild verschwindet, wo wir es nur mit Begriffen und Ich zu tun haben, und wo [anstelle des Bildes] die Inspiration eintritt. Inspiration ist dann für den Menschen da, wenn die sogenannte Kontinuität des Bewusstseins eintritt. Kontinuität des Bewusstseins heißt: Der Mensch hat nicht nur Bewusstsein während des Alltagslebens, sondern er setzt dieses Bewusstsein in den Schlaf hinein fort. Eine teilweise Aufhellung des Schlafes ist, wie Sie wissen, das Traumbewusstsein. Dieses Traumbewusstsein hat der gewöhnliche Mensch nur in einer chaotischen Weise. Bei dem, welcher sich zum Hellsehen, zur Illumination hinaufentwickelt, fangen die Traumbilder an, regelmäßig, gesetzmäßig zu werden. Er sieht im Traum Wahrheiten, die er, ohne dass er dieses Traumleben zur Regelmäßigkeit ausbildet, nicht sieht. Bei solchen, noch nicht entwickelten Menschen gibt es immer den traumlosen Schlaf als einen Bewusstseinszustand. Es gibt also hellseherische Individuen, welche es so weit bringen, dass sie einen Teil ihres Schlafes ausgefüllt haben von regelmäßigen, neue Welten enthüllenden Träumen. Damit beginnt diese Stufe des illuminativen Hellsehens, der Imagination. Dann sehen Sie auch, wie andere Menschen, in denen sie das nicht haben, in dem Traume leben.
[ 9 ] Nun muss derjenige, der einen solchen Menschen anleitet, ihn dahin bringen, dass er, dieser Schüler, seine Traumanschauungen herüberbringen kann in die alltägliche Wirklichkeit; das heißt, dass er dasjenige, was er in dieser Traumvorstellung wahrnimmt, auch im Alltagsleben wahrnehmen kann. Verständigen wir uns darüber einmal ganz klar. Der gewöhnliche Träumer: Was sieht er? Er hat etwas erlebt am Tage. Das kommt ihm als Reminiszenz im Traume vor. Es ist ein Nachklang von den Tageserlebnissen. Oder aber, er nimmt seine Umgebung in irgendeiner Weise wahr. Er hört einen Eisenbahnzug, der vorübersaust. Er wacht auf und merkt, dass er die neben ihm tickende Uhr symbolisch als Eisenbahnzug wahrgenommen hat. Oder es können auch die Stimmungen, in denen ein Mensch ist, sich symbolisch im Traum ausdrücken. Zum Beispiel: Der Mensch wird fiebrig und träumt von einem kochenden Ofen. Ich erzähle Ihnen hier Tatsachen, die wirklich einmal passiert sind. Ich bitte zu berücksichtigen, dass ich nur wirklich einmal vorgekommene Ereignisse als Beispiele anführe. Nehmen wir nun an, der Mensch träumt von hässlichen Tieren. Das Chaotische hört dann unter der Leitung des Geheimlehrers auf, da nimmt dann der Schüler Dinge wahr, die nicht aus dem alltäglichen Leben stammen. Es enthüllen sich ihm dann Dinge, die er nicht aus unserer Welt kennt. Erst wenn der Schüler imstande ist, dieses ins Alltagsleben herüberzutragen, dann machen wir das, was er erfährt, zum Gegenstand der okkulten Weisheit.
[ 10 ] Wie wird nun das, was ich charakterisiert habe als chaotisch, regelmäßig gemacht? Es fängt elementar an. Sie träumen zum Beispiel unter der Anleitung des Lehrers. Die Übungen werden als Meditationen vollzogen, und die haben dann die Wirkung, dass Sie im Traume wirklich sehen einen leidenden Menschen. Der leidende Mensch ist vor Ihnen in einer gewissen Situation. Sie überzeugen sich sehr bald, dass sie nicht geträumt haben, auch dass es nicht wirklich ist, sondern sie überzeugen sich, dass sie bei einem Freunde waren, der leidend ist oder leidend gewesen ist. Sie haben da nichts Sinnliches gesehen, sondern Sie haben da die Seele erfahren, das wirkliche Seelenleben. Sie erfahren dann nicht nur ein solches einzelnes Seelenleben, sondern sie erfahren Seelenleben bald in Hülle und Fülle. Sie müssen sich hineinfinden in die Mannigfaltigkeit der Gesichte. Sie müssen lernen, sie ordnungsgemäß zu erfassen. Es ist dies eine lange, geduldige Arbeit, aber machen müssen wir sie. Dann träumen wir das herüber in das Alltagsleben.
[ 11 ] Sie werden dann imstande sein, im Alltage dasselbe zu sehen bei vollkommen wachendem Bewusstsein. Sie sehen dann nicht, was sinnlich ist, sondern was seelisch ist. Sie müssen sich vorstellen, dass Sie umgeben sein werden von dem Seelischen. Wenn Sie als Hellseher dem Menschen gegenüberstehen, so werden sie zunächst nichts anderes sehen als irgendein anderer Mensch auch sieht. Wenn Sie aber die Aufmerksamkeit auf sein Seelisches wenden, so wird er Ihnen seelisch durchsichtig. Da muss aber der richtige Traumzustand vorangegangen sein. Dann kommt schon das andere, denn es sind ja ganz bestimmte Stufen.
[ 12 ] Die nächste Stufe ist die, wo das Bewusstsein nicht mehr schwindet, wenigstens nicht zu schwinden braucht, wo also der traumlose Schlaf bei Bewusstsein absolviert wird, wo Sie imstande sind, morgens früh so aufzuwachen, dass Sie wissen, Sie haben die ganze Nacht Erfahrungen gemacht, wirklich erlebt. Diese Erfahrung des traumlosen Schlafes ist nicht in solchen Sinnbildern. Sie lässt sich zunächst nicht vergleichen mit der Welt der Bilder, die im traumerfüllten Schlaf um uns herum sind. Das, was hier zuerst auftritt im traumlosen Schlaf, ist eine Welt des Tönens und Redens, eine Welt der Töne und Worte. Der traumlose Schlaf wird zunächst mit Worten ausgefüllt. Sehen Sie, in den ersten Stadien dieser hellseherischen Entwicklung erfahren Sie zunächst das ganz sporadisch und einzeln. Sie wissen einfach morgens, da ist mir irgendetwas gesagt worden. Sie erinnern sich an das, was Ihnen da zugerufen worden ist. Sie wissen ganz genau: So etwas würde Ihnen im gegenwärtigen Leben, im gewöhnlichen Leben nicht zugerufen werden können. Es ist vielleicht eine große Wahrheit, die Sie im gewöhnlichen Leben nicht erfahren könnten. Irgendetwas Geistiges war dieses Zurufen, dieses Hören. Das wird immer mehr und mehr ausgebreitet, bis endlich das ganze Leben des traumlosen Schlafes ein fortwährendes Unterreden ist mit anderen Wesenheiten.
[ 13 ] Eine Vorbedingung allerdings, um in dieser Welt sich nicht Illusionen hinzugeben, ist dies, dass man schon bis zu einem gewissen höheren Grade innerer Selbstlosigkeit es gebracht hat. Derjenige, der viel kritisiert, viel Abfälliges über die Welt und ihre Erscheinungen gerne sagt, der wird auf dieser Stufe der Entwicklung sehr oft vielleicht den furchtbarsten, trügerischen Vorstellungen ausgesetzt sein. Daher wird der Lehrer den Schülern vor allen Dingen immer wieder eines einschärfen. Er wird dem Schüler sagen: Versuche, immer und immer wieder bloß Fragen zu stellen und dir die Antworten aus diesem Zustand heraus geben zu lassen. Das ist etwas ganz anderes, als man eigentlich im gewöhnlichen Leben macht. Im Leben ist man rasch fertig mit einer Antwort. Versuchen Sie einmal, von diesem Gesichtspunkte aus, das Leben zu betrachten. Jeder Mensch sagt heute: «Ich meine das», oder: «Das ist meine Anschauung.» So sagen heute die Menschen. Der Okkultist aber, der auf diese Stufe sich erheben will, sollte nie so reden. Aber, wenn er sich vorbereitet hat, so sollte er anders innerlich zu reden imstande sein. Er soll an die Welt Fragen stellen und sich ganz enthalten lernen, selber eine Antwort darauf zu geben. Das ist eine Stimmung, die Goethe, der sie kannte, mit einfachen Worten schildert. Er sagt: Wir sind nicht dazu geschaffen das Problem zu beantworten, sondern das Problem aufzustellen, es recht klar aufzuwerfen, und das Weitere dann in Ehrfurcht abzuwarten. Diese Stimmung zu erzeugen ist ungeheuer wichtig für den Schüler auf dieser Entwicklungsstufe. Daher ist es sehr nützlich auf dieser Stufe, wenn er die Enthaltsamkeit, die Selbstlosigkeit besitzt, sich eine recht wichtige Sache vorzunehmen und sich jeglicher Meinung zu enthalten. Denn, was er sagen kann, ist in der Regel doch nur das, was seiner gewöhnlichen Gescheitheit entspricht. Auf diesem Standpunkt steht er schon. Er will aber über diesen hinauskommen, und daher soll er sich vollständig der Antwort enthalten und abwarten, um sich die Antwort geben zu lassen. In diesem Zustand des traumlosen Schlafes wird sie ihm zugeraunt. Von diesem Zustande aus entspringt dann eine immer tiefere und tiefere Welt, die eine Welt des Gesprächs ist.
[ 14 ] Ich möchte gerne auf eine solche Stelle aufmerksam machen, auf jenen tiefen Ausspruch, den einer unserer auserlesenen Geister, Goethe, getan hat. Die, welche Goethes Märchen gelesen oder gehört haben, werden sich an eine Stelle erinnern, die da lautet:
«Was ist herrlicher als Gold?», fragte der König. «Das Licht», antwortete die Schlange.
«Was ist erquicklicher als Licht?», fragte jener. «Das Gespräch», antwortete die
[ 15 ] In dieser Stelle weist Goethe darauf hin, dass er alles das wusste, was wir hier auseinandergesetzt haben. Dieses Gespräch, das über dem Lichte ist, das ist es, worauf er da hinweist. Dann bringt man also dieses, was man in dieser Weise im traumlosen Zustand erlebt hat, herüber in den Alltag. Manche werden versucht sein, zu glauben, dass der Hellseher überhaupt nicht mehr traumlos schläft, sondern fortwährend sieht. Das muss nicht sein. Es handelt sich nicht darum, wie große Teile von der Nacht ausgefüllt sind, die in dieser Weise verlaufen. Da können noch lange Perioden des traumlosen Zustandes dazwischen sein.
[ 16 ] Es ist wahr - ich glaube, es schon angedeutet zu haben: Wer in dieser Weise etwas im traumlosen Schlaf erleben kann, der hört alle Gegenstände um sich herum. Er hört das Glas Wasser, er hört ein jegliches Ding, das ihm etwas zuraunt. Das ist die dritte Stufe des Erkennens, die Inspiration.
[ 17 ] Auf diese Weise entstanden diejenigen Schriften, die man inspirierte nennt. Heute bekämpfen Theologen und Gelehrte die Methode der Inspiration bei den Schriften der Eingeweihten. Denken Sie sich, was zusammengeschrieben worden ist darüber, ob das Evangelium inspiriert ist oder nicht - und zwar von Lehrern, die keine Ahnung davon haben, dass es so etwas gibt wie Offenbarung. Inspirierte Schriften sind für solche, die man eines Tages möglichst schmerzlos verschwinden lässt. Aus dem Zustande des Hellsehens sind die größten Teile der drei synoptischen Evangelien und das JohannesEvangelium geschrieben. Sie sind inspiriert. Wir haben es da nicht mit einem Wunder zu tun, nicht mit einem Diktat eines Gottes, sondern mit diesem Zustand. Daher kann sie nur derjenige verstehen, welcher etwas davon weiß, wie in solchen Zuständen Wahrheiten kommen.
[ 18 ] Die nächste Stufe ist die Intuition. Sie drückt sich Ihnen dadurch klar aus, dass Sie jetzt fühlen: Sie sind in den Dingen drinnen, nicht mehr außer den Dingen. Sie kriechen jetzt in jedes Ding hinein. Das ist der Zustand der Intuition. Der gewöhnliche Mensch hat nur bei seinem Ich den Zustand der Intuition. Wenn der Mensch so weit entwickelt ist, steckt er in jedem Ding darinnen.
[ 19 ] Die Geister des Zwielichts nimmt der Mensch wahr auf der ersten Stufe, auf der Stufe der Imagination. Auf der Stufe der Inspiration nimmt der Mensch wahr die Geister des Feuers oder des Feuernebels. Auf der Stufe der Intuition nimmt er die Geister der Persönlichkeit wahr, die Geister, die überall als Grundlage der Welten-Iche verborgen liegen. Wenn er da angelangt ist, kann er wirklich untertauchen in die Tiefen.
[ 20 ] Dann gibt es aber auch ein Heraufheben über diesen Zustand. Der besteht darinnen, dass der Mensch, dass er nicht mehr bloß wahrnimmt, sondern dass er mittut mit der Menschheit. Das ist sogar etwas, wo das Verständnis selbst bei denjenigen leicht aufhört, die noch mitgehen bis zur Stufe der Intuition. Die werden von da aus nicht mehr so leicht mitgehen. Es ist auch nur durch Vergleich näher zu kommen dem, was ich jetzt sage.
[ 21 ] Es ist ein passiver Zustand auch bei der Intuition. Der Mensch taucht unter, er bleibt dabei aber in gewisser Beziehung passiv. Innerlich tätig fängt er erst an zu werden, wenn er innerlich höher steigt. Er macht nunmehr mit in der Welt. Den Zustand, den ich jetzt schildere, kann man nur erreichen, wenn man den Zustand der Intuition schon erreicht hat. Wenn nun jemand so weit ist, dass er sich in den Gegenstand ganz hineinversetzen kann, dass er bei jeglichem das Gefühl hat, das bist du selbst, dass er also bei einem Hund oder einer Tulpe das Gefühl hat, als wenn er hineingekrochen wäre, sodass er es nicht nur hört, sondern dass es in ihm selbst tönt, was es ist, dann kann er zu etwas anderem übergehen. Er kann sich erheben zunächst auf das Gebiet des Tierreiches. Wenn er das macht, dann hat er zunächst die Aufgabe, die Tierwelt um sich herum selbstlos zu betrachten, und zwar hat er sein Augenmerk auf die verschiedenen Tiergattungen zu lenken. Dann wird, während er bei der Intuition in einzelnen Tieren darinnen gewesen ist, für ihn jetzt eine Stufe eintreten, wo er aus dem einzelnen Tier wieder heraussteigt, aber in dem tierischen Wesen selbst darinnen bleibt. Sagen wir zum Beispiel, er hat einen Hund betrachtet. Durch die Intuition ist er fähig, sich ganz in ihn hineinzuversenken, alle Empfindungen mitzuerleben, und alles, was er an Lust und Schmerz hat, selbst mitzufühlen.
[ 22 ] Nun gibt es eine höhere Stufe. Da schreitet der Mensch hinaus über die Dinge, ohne dass er das alles verliert. Aber das Sonderdasein geht dabei verloren. Über das Einzelwesen erhebt er sich, in der Tierheit aber bleibt er darinnen. Er verliert das Interesse an dem Einzelwesen, es verschwinden die besonderen Eigentümlichkeiten dieses Einzelwesens. Indem er sich so allmählich heraushebt, aber das Wesentliche dieser Wesenheit vorhanden bleibt, treten in seinem Geiste Formen auf, die er bisher nicht gesehen hat. Er hat zuerst das Ich der einzelnen Wesenheit erfasst und nimmt dann wie einen Extrakt dieses Ich aus dem Wesen heraus. Es gestaltet sich und formt sich, und jetzt bekommt er das, was Platon «Ideen» genannt hat. Das sind die Ideen des Platon. Da haben Sie nicht einen einzelnen Hund mehr, sondern Sie haben eine geistige, lebendige Form vor sich. Damit haben Sie mehr als das einzelne Wesen. Da haben Sie das Musterbild für alle diese Wesen. Sie haben das, was man die Gattungsseele nennt, und zwar nicht als einen abstrakten Begriff, sondern als lebendige Wirklichkeit. Sie sind da umgeben von den Gattungsseelen der Tiere. Sie leben jetzt mit diesen, wie sie vorher mit den bloß sinnlichen Tieren gelebt haben. Der Raum ist nicht leer um sie herum. Aber die Wesen, die Sie da sehen, sehen nicht so aus wie die Wesen, die da um uns herumlaufen. Es sind ganz neue Wesen, und die passen nicht für das einzelne Wesen, für den einzelnen Hund, wohl aber für alle von derselben Gattung. Es ist etwas, was viel abstrakter und viel lebendiger ist als das Physische. Was Sie da dann sehen, das sind die Geister der Form. Sie gehören einer höheren geistigen Welt an. Ein solcher Formgeist war Jehova. Er war derjenige Formgeist, der die Gattungsseele der Menschheit ausmachte. Die Gattungsscele der Menschheit war der Gott Jehova. Auf dieser Stufe der geistigen Welt kann man ihn erreichen, kann man sich erheben zu dem, was in der jüdischen Mysterienlehre Jehova genannt wird, zu dem Geist der menschlichen Form.
[ 23 ] Zu diesem Geist der menschlichen Form musste ein anderer hinzutreten, wenn sich ein Neues, ein Anderes entwickeln soll. Dieser Geist der menschlichen Form hatte den Menschen nur zu einem solchen gemacht, dass er war wie die Gattungsseele. Das individuelle Leben würde nicht herausgekommen sein. Das individuelle Leben ist dann herausgekommen, als der Mensch sich zur Erkenntnis des Guten und Bösen durchrang. Das ist groß und gewaltig im Sündenfall dargestellt. Weiter wollte Jehova nicht gehen als bis zur Form. Bis dahin hat er den Menschen geführt. Im Zusammenhang mit anderen Wesenheiten hat dann der Mensch seine Leitung über das JehovaPrinzip übernommen. So sehen Sie ihn versinken mit der Überhebung des Menschen über die Tierwelt in das, was man die Welt der Formen nennt.
[ 24 ] Wenn der Mensch so weit ist, dass er diese Wesenheit ahnen lernt, dann kann er sich zur nächsten Stufe erheben. Diese besteht darin, dass er jetzt erst wieder dasjenige in diesen Wesenheiten erkennen lernt, was er auf einer untergeordneten Stufe, bei den natürlichen Wesenheiten auch sehen und erkennen gelernt hat, wenn er über die Form hinausgeht, eben zum Leben. Das Erste, was Sie nämlich wahrnehmen - und warum ich das nennen muss —, das ist das, dass Sie zunächst diese Gattungsseele in der Form sehen. Sie müssen sich aber zu einem höheren Erkennen hinaufschwingen, wenn Sie diese Welt der Formen in Bewegung, in Tätigkeit sehen wollen. Das können Sie nicht, wenn Sie sich bloß in die Tierwelt versenken. Diese Gabe wird Ihnen erst zuteil, wenn Sie sich hingebungsvoll in die Pflanzenwelt versenken und Sie es mit dieser ebenso machen, wie ich es geschildert habe mit der Tierwelt. Wenn Sie sich in die Pflanzenwelt mit der Intuition hineinversenken, aber dabei die Wesenheit der Pflanze nicht verlieren, sodass die Wesenheit der Pflanze da bleibt und Sie es verstehen, sich zu verschmelzen mit der ganzen wesenhaften Natur der Pflanze, wenn es Ihnen gelingt, durch die Pflanzenwelt die leidende und sich freuende große Natur zu erleben.
[ 25 ] Wenn man dem heutigen Menschen von diesen Dingen spricht — und zwar je mehr er wissenschaftlich ist, desto mehr —, lacht er einen aus. Aber es ist doch wahr, dass in der Pflanzenwelt Lust und Leid wahrzunehmen ist für denjenigen, der mit der Pflanzenwelt leben kann, nicht als bloßer Vergleich, nicht als Sinnbild, sondern so, dass er weiß, den Ausdruck des inneren Empfindens wahrzunehmen, wie der Mensch bei dem Austritt einer Träne aus dem Auge eine Empfindung wahrnimmt. Es gibt also eine wirkliche Stufe der Erkenntnis, wo der aus der Pflanze herausperlende Tau Ihnen ankündigt wirkliches Leben, ein solches Leben, wie es in der Träne ist, die aus dem Auge quillt. Wenn Sie fähig sind, in dem Saft, der aus dem Baume herausfließt, wenn Sie ihn anschneiden, eine Manifestation des Lebens in der Natur zu sehen, so wie Sie sich schneiden und wissen, dass es dann weh tut, dann sind Sie da, wo Sie aufsteigen können in die Welt der Aktivität, in die Welt der Bewegung. Dann können Sie wahrnehmen, dass die Wesen, welche Sie vorher nur in der Form gesehen haben, innerlich lebendig sind. Da fangen die Wesen an zu reden. Die Gattungsseelen sagen Ihnen etwas.
[ 26 ] Die nächste Stufe ist diejenige, welche der Mensch erreicht, wenn er imstande ist, dasselbe, was ich für die Pflanze gesagt habe, gegenüber dem Mineralreich zu empfinden, gegenüber der leblosen Natur. Zwar hat Kant gesagt: Zwei Dinge erfüllen ihn mit dem Gefühl der Ehrfurcht, der gestirnte Himmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm. Das bleibt aber doch nur abstrakt, solange uns der abstrakte Himmel mit Ehrfurcht erfüllt, sodass uns das noch genügt, dass der leblose Sternenhimmel zu uns spricht. Aber dass der tote Kristall nicht bloß tot und stumm ist, sondern dass er uns auch ausspricht die Geheimnisse der Natur, das zeigt uns schon die materialistische Anschauung. Man kann diese Geheimnisse erreichen durch die liebevolle Vertiefung in die Natur.
[ 27 ] Wer das vorausgemacht hat, was ich beschrieben habe, wer mit der Pflanzenwelt gelitten und sich gefreut hat, dem wird es auch leicht werden, die dumpfe Sprache der leblosen Natur zu verstehen - obwohl es da auch eine Kluft gibt. Es ist verhältnismäßig leichter, die Sprache der Pflanzen zu verstehen als die Sprache der Steine. Selbst bis in diese höheren Stufen hinauf bleibt dem Menschen das eigen, dass er am besten das versteht, was ihm verwandt ist. Nun ist ihm verwandt menschliches Fühlen, menschlicher Schmerz und menschliche Lust. Wenn auch Lust und Schmerz, die uns in der Pflanzenwelt erscheinen, sehr verschieden sind von menschlicher Lust und
[ 28 ] menschlichem Schmerz, so haben sie doch etwas leise Verwandtes, das wir nicht bei der stummen Steinwelt erkennen. Aber das Neue, was wir in der stummen Steinwelt erkennen, ist gerade das, was uns so hoch erheben würde [über] das, was uns so schwach macht. Die stumme Steinwelt hat keine Begierden mehr. Da schweigt die Begierdenwelt, da hört sie auf, bevor wir von der Pflanzenwelt hinübertreten zur Steinwelt. Die Pflanzen- und die Tierwelt hört hier auf. Die Pflanzen haben noch etwas Analoges der Begierde, was bei den Tieren sich steigert und bei den Menschen stark hervortritt. Das ist es, was diese unkeusch macht, während der Stein keusch ist. Wer den Stein erfasst, lernt Wesen kennen, die keusch und begierdenlos sind. Ein begierdenloses, ein verlangenloses Leben lernt man im Steinreich kennen. Wenn wir im Steinreich etwas Ähnliches empfinden und etwas Ähnliches wahrnehmen können, wie ich es von der Pflanzenwelt geschildert habe, da lernen wir erkennen, was es heißt, ein Wesen zu sein, das durch seine Natur keusch ist. Die keusche, stumme Steinwelt, von der wir nicht mehr sagen, dass durch sie so etwas wie durch den Tautropfen, wie durch das heraustropfende Pech des Baumes Lust und Schmerz zum Ausdruck kommt, sondern sagen müssen, dass sie in diskreter, vollständig verhaltener Stummheit treu in sich selber bewahrt und nicht - wenn ich mich trivial ausdrücken darf - das, was sie innerlich erlebt, jedem auf die Nase bindet. Das ist das Ungeheure, das wir in dem Inneren der Steinwelt erkennen. Die Steinwelt ist vor so und so langer Zeit zur Vollendung gekommen. In Wahrheit ist die Steinwelt die größte. Was als Bergkristall uns heute entgegentritt, hat einst seine Zeit der Unkeuschheit durchgemacht wenn wir Jahrmilliarden zurückblicken. Am größten erscheint uns die Weisheit der Natur, wenn wir sie prüfen in der lautlosen Welt der Gestirne, der Steine und Kristalle.
[ 29 ] Die Stufe der Form führt uns zum Geist der Form. Die zweite Stufe, die von der Pflanzenwelt ausgeht, führt uns zu den Geistern der Bewegung, der Aktivität, und dieselbe Anschauungsstufe führt uns zu den Geistern der Weisheit. Wir erreichen sie nicht früher, als bis wir die stumme, keusche, in sich geschlossene Wesenheit, lebensvolle Wesenheit des Steinreiches in uns selbst lebendig aufleben lassen.
[ 30 ] Wenn Sie eine kleine Schilderung haben wollen von dem, was in den Menschen vorgeht, so sei noch das Folgende gesagt. Der Mensch muss zunächst das äußere Licht um sich herum verschwinden lassen, er muss zunächst gegenüberstehen der leblosen Natur und von alledem, was ihm die Sinne sagen, absehen. Dann ist zunächst eine Dunkelheit da. Wenn er sich nun hinaufhebt zu dem Anschauen, das ich geschildert habe, dann werden alle Wesen von innen heraus leuchtend. Ein inneres Licht durchleuchtet und durchstrahlt alle diese Wesenheiten und strahlt von ihnen aus. Und dies ist das Licht der Weisheit. Das sind solche Stufen der Anschauung, die uns hinaufführen zu dem, was ich beschrieben habe als die Geister der Weisheit.
[ 31 ] Nun gibt es, wie Sie wissen, ganz am Anfang der Saturn-Entwicklung die Geister des Willens. Wollen Sie diese erkennen lernen, so müssen Sie sich nicht im Allgemeinen zu Tier, Pflanze und Mineral wenden, sondern, um die Geister des Willens zu erfassen, müssen Sie noch etwas ganz Besonderes haben. Sie mögen das, was ich jetzt sage, auch für noch so phantastisch ansehen - ich hoffe aber, dass das nicht geschieht. Wenn Sie sich noch höher erheben wollen - nachdem Sie die anderen Stufen einigermaßen absolviert haben -, so müssen Sie an etwas herantreten - es scheint paradox — wie zum Beispiel einen Ameisenhaufen, in dem nicht bloß Tiere gattungsmäßig vereinigt sind, sondern auch in weisem Zusammenhang leben, und sich hineinvertiefen in das geistvolle Zusammenwirken dieser kleinen Geschöpfe. Das tut der verstandesmäßige Forscher nicht. Der Hellseher aber lebt mit den in sich gegliederten Männchen und Weibchen und Arbeitern, die in wunderbarer Weise zusammenwirken, sodass er damit innerlich identisch ist.
[ 32 ] Das ist die Methode, den Willen zu erkennen. Schopenhauer hat viel über den Willen geschrieben. Dieses Kapitel hätte er aber schreiben können, wenn er als Hellseher den Kopf in einen Ameisenhaufen gesteckt hätte. Da lernt man nämlich erkennen, was der Wille seiner Natur nach ist. Da lernt man erkennen, was es bedeutet, wenn Sie selbst das Wort ‹Ich will› aussprechen. Dieses Wort lebt tief in Ihrer eigenen Natur. Da wirkt vieles in Ihrer eigenen Natur zusammen. Sie nehmen aber nur das Resultat wahr. Der Naturforscher gibt Ihnen eine ganz andere Anschauung. Was ich Ihnen schildere, ist dem Leben entnommen. Wenn Sie dagegen an Stelle eines Ameisenhaufens einen Bienenstock wählen, so machen Sie etwas ganz Falsches. Das, was im Bienenstock lebt, ist etwas ganz anderes als das, was im Ameisenhaufen lebt.
[ 33 ] Wir haben gesprochen von den Geistern des Willens, von Geistern der Weisheit, von Geistern der Form, von Geistern der Bewegung, von Geistern der Persönlichkeit, von Geistern des Feuers, von Geistern des Zwielichts, dann von Mensch, Tier und Pflanze und Mineral. Diese Wesenheiten sind nicht aus der Luft gegriffen, sind nicht erfunden, sind nicht Spekulationen, die Ihnen da vorgetragen werden in dem elementaren Okkultismus, der als Theosophie figuriert, sondern es sind Dinge, die in der Erfahrung erworben sind.
[ 34 ] Nur Andeutungen konnte ich machen, wie so etwas zustande kommt, was man als elementare Theosophie oder als elementaren Okkultismus bezeichnet. In dieser Weise erwirbt man die höheren Fähigkeiten, die einen Einblick in die höheren Welten gewähren.
[ 35 ] Das, sehen Sie, ist etwas von dem, was in der Zukunft wiederum aufleben muss. Es ist heute um uns herum wirklich vieles, was einem Sorge machen kann, und ich glaube, was einem für den wirklichen Menschheitsfortschritt Begeisterten wirkliche Sorge machen kann, ist auch das, dass viele nicht die Augen offen halten. Der Mensch soll ein Pionier sein des Augenoffenhaltens. Nicht darauf kommt es an, das einzelne sich Theosophen nennen, sondern darauf, dass wir in der großen Entwicklung der Menschheit die Mittel und Wege finden, um dem, was sonst wirklich zusammenbrechen müsste, einen neuen Untergrund zu geben.
[ 36 ] Lassen Sie mich die Betrachtungen des alten Jahres abschließen mit diesem Hinweis, den ich schon einmal gemacht habe. Viel Zerstörungswerk wird um uns herum geleistet, vieles, was den aufmerksamen Betrachter, auch wenn er nicht Hellseher ist, darauf hinweisen könnte, dass wir am Anfange eines großen Zerstörungswerkes sind in Bezug auf das äußere Materielle, das sich im verflossenen Jahrhundert entwickelt hat, denn nur bis zu einem gewissen Punkte geht die materielle Entwicklung.
Ergänzung aus Aufzeichnungen unbekannter Autorschaft
[ 37 ] Aber dasjenige, was am meisten Sorge macht, dass so viele unserer Mitmenschen die Augen nicht offen halten für das, was der Menschheit nottut. Der Theosoph soll aber ein Pionier sein dieser Arbeit des Augenoffenhaltens. Nicht darauf kommt es an, dass Einzelne sich hinsetzen und entwickeln, sondern in der großen Entwicklung der Menschheit mitzuarbeiten, Mittel und Wege zu finden, dem, was sonst wirklich zusammenbrechen müsste, neuen Inhalt zu geben. Viele Zerstörungswerke werden heute um uns herum geleistet. Vieles, das den aufmerksamen Betrachter darauf hinweisen wird, dass wir am Anfang eines Zerstörungswerkes sind, der materiellen Kultur des neunzehnten Jahrhunderts; denn diese hat nicht in gleichem Maße auch eine geistige Entwicklung mit sich gezogen. Wir sind in der Lage, drahtlos zu telegrafieren; denken Sie sich nun diese Fähigkeit des Menschen nur um eine kleine Stufe weiter ausgebildet, sodass man hier in Berlin eine Droschke nimmt und mit einem Wellenerzeuger durch die Friedrichstraße fährt, um in Paris durch die entsprechenden Wellenerregungen den ganzen Louvre zu zerstören. Kein Mensch würde in einem solchen Falle imstande sein, den Attentäter nachzuweisen. Alle unsere juristischen Begriffe werden in einer Zeit, die man sich leicht ausmalen kann, vollständig machtlos sein; eine Zeit wird kommen, wo die rein materielle Kultur sich selbst im Großen und Ganzen ad absurdum führt, wo sie zerstörend, vernichtend wirkt.
[ 38 ] Nur dadurch, dass die innere Seelenkultur nun nachrückt, sodass die Menschen nicht mehr auf das Äußerliche angewiesen sind, und obwohl das Böseste gemacht wird, doch nur das Richtige geschieht, nur dadurch kann geholfen werden. Der Weg der Entwicklung der heutigen Menschheit zeigt die ersten Anfänge jetzt schon. Nur der Weg innerlicher, spiritueller Entwicklung kann wieder herausführen, und die Theosophie ist ein notwendiger neuer Anfang einer Kulturrichtung, zu der sich sozusagen überschlagenden äußeren Kultur das notwendige innere Moralische zu finden, das nur hier herausführen kann, denn der Mensch hat die Seele, den Geist neben dem Materigeübt werden. Deshalb sind die erneuerten, geistigen Bewegungen der Gegenwart so notwendig, damit wiederum die Kräfte geübt und gepflegt werden, die sonst verkümmern müssten.
