Grundelemente der Esoterik
GA 93a
2 Oktober 1905, Berlin
VII
[ 1 ] Helena Petrowna Blavatsky hat in der «Geheimlehre» Jehova einen Mondgott genannt. Das hat einen tieferen Grund. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Weiterentwickelung des Menschen klarmachen. So wie der Mensch jetzt ist, sind seine höheren Kräfte durcheinandergemischt. Seine Höherentwickelung besteht darin, daß das höhere Selbst aus den niederen Kräften und Organen herausgeschält wird.
[ 2 ] Das Gehirn zerfällt in drei wirkliche Teile: in ein Denk-, Gefühls- und Willensgehirn. Diese drei Partien werden später wie die drei Teile eines Ameisenhaufens von außen vom Menschen dirigiert werden. Die Teile nun, aus denen das Höhere herausgeschält wird, bleiben aber dann nicht so, wie sie heute sind, sondern sie steigen dann noch um eine Stufe herunter. Das ist der Grund, warum manche Menschen bei einer einseitigen geistigen Entwickelung moralisch schlechter werden. Bei der abendländischen Geisteskultur ist dafür weniger Gefahr vorhanden, denn die abendländische Wissenschaft zwingt noch nicht aus dem unteren Körper das höhere Geistige herauf. Mit der Theosophie dagegen nimmt der Mensch tatsächlich eine Weisheit auf, durch die das Ich zum Teil herausgerissen wird aus der gewohnten Organumgebung. Wenn ein Mensch, der theosophische Lehren aufnimmt, bis dahin nur durch das ihn umgebende Konventionelle ein anständiger Mensch war, so kann der schlechtere Mensch, der bis dahin verborgen blieb, dann tatsächlich herauskommen. Solche Erscheinungen kann man beobachten. Oft kommt die schlimme Natur gerade dadurch heraus, daß man sich mit Geistigem beschäftigt, ohne gleichzeitig das Moralische zu stärken. Diese Tatsache bringt eine gewisse Tragik mit sich. Die Theosophische Gesellschaft hatte tatsächlich auch zu leiden in dieser Beziehung. Einige Gelehrte, die auf dem Gebiete des abendländischen Wissens ganz tüchtige Menschen gewesen waren, haben darunter gelitten, daß sie in die Theosophische Gesellschaft kamen; bei ihnen ist die niedere Natur herausgekommen, ohne von der höheren beherrscht zu werden.
[ 3 ] Dasselbe Gesetz findet man auch in größerem Maßstabe. Die Wesenheiten, die wir auf dem alten Monde antreffen, hatten ihre Denkkraft noch nicht in einem physischen Gehirn. Die Denkkraft der Mond-Nirmanakayas, Bodhisattvas, Pitris und reinen Menschen arbeitete noch nicht in einem physischen Gehirn, sondern in der Äthermasse um sie her. Auf dem alten Monde war in der Umgebung nicht bloß Luft, sondern Äther, der mit Weisheit erfüllt ist. Die Gedanken waren auf dem alten Monde nicht in den einzelnen Wesenheiten, sondern sie schwirrten im Äther herum. Man nennt daher im Okkultismus den Mond auch den Kosmos der Weisheit. Wärmeäther und andere Ätherformen umgaben den Mond. Darin lebten Verstand und Vernunft, wie sie jetzt im Gehirn des Menschen leben. Dieser Zustand aber unterlag einer Entwickelung. Im Anfange der Mondenentwickelung prägte sich die Weisheit noch in schönen Gestalten aus. Die Wesenheiten, die nur die unteren Teile des Menschen, den physischen Körper, den Ätherkörper und den Astralkörper hatten, wurden von den Weisheitsströmen dirigiert. Bei der Weiterentwickelung stiegen nun die drei unteren Körper tiefer herunter. Als die Mondenentwickelung zu Ende war, waren die Wesenheiten, die weise waren, aber die Weisheit nicht in einem Gehirn hatten, so weit gekommen, daß sie diese niederen Körper ganz verlassen konnten. Diese Wesen, die nun Pitris geworden waren, die nicht mehr in solche physische, Äther- und Astralkörper hineinzugehen brauchten, waren die Scharen der Elohim mit verschiedenen Graden. Die unterste Rangstufe dieser Elohim ist die Jehova-Stufe. Also ist Jehova eine wirkliche Mondengottheit, die auf dem Monde durch die physische Entwickelung hindurchgegangen ist. Er hat aber auf dem Monde die physische Umgebung niemals denkerisch durch ein Gehirn verarbeiten können. Nur sein physischer, Äther- und Astralkörper hatten die physische Umgebung verarbeitet. Aber als Bilder hatte er sie verarbeitet. Das Denken schwebte darüber. Der Name Jehova bezeichnet nicht ein einzelnes Wesen, sondern eine Rangordnung in der Hierarchie. Viele Wesen können den Jehova-Rang einnehmen oder in ihn hineinrücken. Eliphas Levi hat wiederholt betont, daß man es bei den Bezeichnungen wie Jehova, Archangeloi, Angeloi und so weiter mit Rangordnungen zu tun hat.
[ 4 ] Die ersten, die als Menschen auf der Erde unterrichtet wurden, bekamen diesen Unterricht von Jehova in Bildern. Daher ist die Genesis eine Summe von großen Bildern; die Bilder, die Jehova auf dem Monde erlebt hatte.
[ 5 ] Während sich auf dem Monde einerseits nur die niedere Wesenheit des Menschen, physischer, Äther- und Astralkörper, ausbildete, ist andererseits die obere Trinität gehegt und gepflegt worden. Diese war auch herangereift, nachdem auf dem alten Saturn Atma, auf der alten Sonne Buddhi, auf dem alten Monde Manas veranlagt wurden. Diese konnten sich dann auf der Erde weiterentwickeln. Was vom physischen, Äther- und Astralkörper herüberkam vom alten Monde auf die Erde, das sind die grotesken Tiere, in die sich das Atma-Buddhi-Manas nach und nach einhüllen konnte. Die Mondpitris hatten den schlechteren Teil übriggelassen, hatten dafür aber Atma, Buddhi, Manas gehegt und gepflegt in objektiver Weise. Sie brachten es durch ihre Pflege fertig, daß dadurch auf der Erde ein Denker entstehen konnte. Wenn man die äußeren Geschöpfe auf dem Monde ansieht, so sind das die Hüllen, welche den Menschen umgeben haben, nicht die Menschen selbst. Die Hüllen waren deshalb zu brauchen, weil aus ihnen das herausgegangen war, was notwendig war... (Lücke im Text.) Nun konnte sich die übrige Materie zusammenballen zu dem Gehirn. Der Anlage nach war der Stoff zum Gehirn da, konnte sich aber erst kondensieren, nachdem die Pitris heraus waren.
[ 6 ] Der Prozeß vor der lemurischen Zeit ist ein vorbereitender. Der Menschenleib wird so ausgearbeitet, daß sich das Atma-BuddhiManas hineinsenken kann. Dieses hat sich mit Kamamasse umgeben. Denken wir uns nun eine schleimige, gallertartige Wesenheit, die sich aus dem, was von dem Monde gekommen ist, herausringt. Das ist eine physische Grundlage. Außerdem ist vorhanden Atma-BuddhiManas und ein Astralkörper, den diese um sich herum organisiert haben. Diese Prinzipien bearbeiten nun die gallertartige Masse von außen, bis sie von dieser Masse von innen heraus Besitz ergreifen können. Das Geistige durchdringt schließlich das Physische. Jetzt haben sich eigentlich zwei verschiedenartige Wesenheiten vereinigt. In dem Augenblick, als das Gehirn gebildet ist, gehen sie ineinander auf. Dadurch kamen nun auch Geburt und Tod in die Erdenentwickelung. Früher hatten die Menschen den physischen Leib selbst aufgebaut; später wird es wieder so sein. Weil sich aber zwei Wesenheiten vereinigt haben, die nun annähernd zusammenpassen, haben wir Geburt und Tod, und jeder Zeitraum zwischen Geburt und Tod ist ein fortwährender Versuch, diese zwei verschiedenen Wesenheiten einander besser anzugleichen; ein Hinundherpendeln, bis endlich ein rhythmischer Zustand eintritt.
[ 7 ] Bis in die Mitte der sechsten Wurzelrasse (Hauptzeitalter) wird das fortdauern, bis dieser rhythmische Zustand erreicht ist und das eine Wesen dem anderen ganz angepaßt sein wird. Und Karma ist nichts anderes als das Maß des Ausgleiches, zu dem es der Mensch schon gebracht hat. In einer jeden Inkarnation erreicht man einen bestimmten Grad der Anpassung. Man muß nach jeder Inkarnation wieder zum Devachan aufsteigen, um zu überschauen, was man noch zu tun hat. Erst wenn der Ausgleich erreicht ist, ist Karma überwunden und der Mensch kann etwas Neues, die wahre Weisheit, Buddhi, aufnehmen; die muß bis dahin gehegt und gepflegt werden.
[ 8 ] Die zukünftige Entwickelung muß vorbereitet werden. Was der Mensch jetzt schon von sich gibt als Vorbereitung des zukünftigen Menschen, ist das Wort, die Sprache. Was der Mensch spricht, bleibt in der Akasha-Chronik. Es ist die erste Anlage für den zukünftigen Menschen. Die Sprache ist die Hälfte des früheren Fortpflanzungsvermögens. Durch die Sprache pflanzt der Mensch sich geistig fort. Damit hängt beim Manne die Änderung der Stimme zusammen. Die Hälfte des Sexuellen ist auf die Sprache übertragen worden. Die Stimme ist das spätere Fortpflanzungsorgan. Im Althebräischen hat man dasselbe Wort für das Sexuelle und die Sprache. Jetzt denkt der Mensch, und der Gedanke geht durch den Kehlkopf nach außen. Die nächste Stufe ist, daß das Gefühl nach außen geht, die Wärme. Dann wird das Wort der Ausdruck der inneren Körperwärme sein. Das kann geschehen, wenn der Schleimkörper (die Hypophyse) im Gehirn entwickelt sein wird. Die darauffolgende Stufe tritt ein, wenn die Zirbeldrüse (Epiphyse) entwickelt ist. Dann wird nicht nur das durchwärmte Wort nach außen gehen, sondern das Wort wird bleiben, wird gestaltet sein durch den Willen, der dann darin lebt. Wenn man dann das Wort sagt, wird es zu einem wirklichen Wesen.
[ 9 ] Damit hängt zusammen das: «Ich denke, ich fühle, ich bin» (Wille). Das Wort in dieser Weise ist «das Wort», das sich verwandelt vom Gedanken in Gefühl, dann in Willen. Das ist ein dreifacher Prozeß: Zuerst ist das Wort «Bewußtsein» (im Denken), dann «Leben» (das durchwärmte Wort), und zuletzt «Form», das durch den Willen gestaltete Wort. Dieses letztere ist das objektiv gewordene Wort. So folgen auch hier aufeinander: Bewußtsein, Leben, Form. Alles was heute Form ist, ist von früher her durch solch einen Prozeß entstanden. Der physische Körper, die Form, ist der reifste Körper; weniger reif sind der Ätherkörper, das Leben, und der Astralkörper, das Bewußtsein.
