Kosmogonie
GA 94
29 Mai 1906, Paris
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Man sollte sich von vornherein darüber im klaren sein, daß vor einer größeren Verbreitung der Geheimwissenschaft, das heißt seit etwa zehn Jahren, eine gewisse theosophische Literatur irrtümliche Ideen verbreitet hat über das Ziel, das die Geheimwissenschaft verfolgt. Man hat behauptet, daß das angestrebte Ziel die Unterdrückung des Körpers durch Askese sei. Man hat die Idee verbreitet, daß die äußere Wirklichkeit eine Illusion sei, die überwunden werden müsse. Man hat sich auf den indischen Begriff der Maja berufen. Da liegt mehr als eine Übertreibung vor. Es handelt sich vielmehr um einen wirklichen theoretischen Irrtum, dem durch die Wissenschaft wie durch die Praxis der Geheimwissenschaft widersprochen wird.
[ 2 ] Wie viel richtiger ist da das griechische Bild, das die Seele mit einer Biene vergleicht. Gleich wie die Biene aus dem Bienenstock ausschwärmt und den Blütensaft erbeutet, um ihn zu destillieren und daraus den Honig zu bereiten, ebenso dringt die aus dem Geist entsprungene Seele in die äußere Wirklichkeit ein und sammelt darin die Früchte, um sie dem Geist zu überbringen.
[ 3 ] Es handelt sich in der Geheimwissenschaft nicht darum, die Wirklichkeit zu verachten, sondern sie zu begreifen und zu nützen. Der Leib ist nicht das Kleid, sondern das Instrument der Seele. Die okkulte Wissenschaft ist nicht die Wissenschaft, die den Leib unterdrückt, sondern sie lehrt gerade, sich seiner für höhere Zwecke zu bedienen. Hätte man die Natur eines Magneten begriffen, wenn man ihn einfach als ein Stück Hufeisen beschreiben würde? Nein. Aber man begreift ihn, wenn man sagt: Das ist ein Stück Eisen, das in sich die Kraft birgt, andere Eisenteile anzuziehen. — Die sichtbare Wirklichkeit ist ganz durchsetzt von einer tieferen Wirklichkeit, die die Seele zu durchdringen sucht, um sie zu beherrschen.
[ 4 ] Die höhere Weisheit wurde während Tausenden von Jahren als tiefes Geheimnis im Schoß der okkulten Bruderschaften bewahrt. Man mußte ihnen angehören, um auch nur die Anfangsgründe der okkulten Wissenschaft kennenzulernen. Und um in sie einzutreten, mußte man durch Prüfungen schreiten und einen Schwur leisten, die geoffenbarten Wahrheiten nicht zu mißbrauchen. Aber die Bedingungen der menschlichen Natur, insbesondere des menschlichen Verstandesbewußtseins, haben sich gänzlich verändert, schon seit dem 16. Jahrhundert und besonders seit hundert Jahren, unter der Wirkung der wissenschaftlichen Entdeckungen. Durch die Wissenschaft ist eine bestimmte Zahl von Wahrheiten aus dem Reich der Natur und des sinnlich Wahrnehmbaren, die einstmals nur den Eingeweihten bekannt waren, Gemeingut geworden. Was heute die Wissenschaft kennt, war einstmals ein Mysterium. Die Eingeweihten haben schon immer gekannt, was mit der Zeit alle Menschen wissen sollten. Deswegen hat man sie auch Propheten genannt.
[ 5 ] Man muß hinzufügen, daß das Christentum eine große Veränderung in der Einweihung gebracht hat. Die Einweihung ist nach Jesus Christus nicht mehr dieselbe wie vorher. Wir können sie nur verstehen, wenn wir uns Rechenschaft geben von der menschlichen Natur und uns an dieser Stelle ins Gedächtnis zurückrufen, welches die sieben Wesensglieder des Menschen sind.
[ 6 ] Die sieben Wesensbestandteile des Menschen sind:
[ 7 ] Erstens der physische Leib. Das ist der dem leiblichen Auge sichtbare Mensch, der natürliche Mensch, der einzige, den die Wissenschaft heute gut kennt. Der rein physische Mensch entspricht der mineralischen Welt. Er ist eine Zusammenfassung von allen physischen Kräften des Universums.
[ 8 ] Zweitens der Ätherleib. Wie kann man ihn verstehen? Wir wissen, daß die Hypnose ein anderes Bewußtsein weckt, nicht nur in dem hypnotisierten Subjekt, sondern auch in dem Hypnotiseur, der seiner Versuchsperson alles, was er will, suggerieren kann. Er kann bewirken, daß sie einen Stuhl für ein Pferd hält, aber er kann ihr auch suggerieren, daß der Stuhl nicht da ist oder daß in einem Zim-. mer voller Leute niemand ist. Der Eingeweihte kann nach Belieben diese Fähigkeit auf sich selbst anwenden und sich dazu bringen, den physischen Körper der Person, die er vor sich hat, sich abzusuggerieren. Alsdann bemerkt er anstelle des physischen Leibes nicht eine Leere, sondern den Ätherleib. Dieser Leib ist ähnlich dem physischen Leibe, jedoch etwas von ihm verschieden. Er entlehnt von ihm die Form, geht aber etwas über ihn hinaus. Er ist mehr oder weniger leuchtend und fließend. Seine Organe erscheinen als Strömungen von verschiedenen Farben, und anstelle des Herzens finden wir ein wahres Knäuel von Kräften, einen Wirbel von Strömungen. Der Ätherleib ist also ein wirklicher, ätherischer Doppelgänger des physischen Leibes.
[ 9 ] Diesen Leib hat der Mensch gemeinsam mit den Pflanzen. Er ist nicht das Produkt des physischen Leibes, wie die Empiriker glauben könnten, sondern er ist im Gegenteil der Erbauer des ganzen physischen Organismus. Für die Pflanze wie für den Menschen ist er die Wachstumskraft, die Kraft des Rhythmus und der Reproduktion.
[ 10 ] Drittens der Astralleib. Er hat nicht die Form des ätherischen und des physischen Leibes. Er nimmt eine eiförmige Form an und überragt den physischen Leib wie eine Wolke, eine Aura. Der Astralleib kann in allen Farben des Regenbogens erscheinen, je nach den Leidenschaften, die ihn beseelen. Jede Leidenschaft hat ihre astrale Farbe. Außerdem ist der Astralleib gewissermaßen die Synthese des physischen und ätherischen Leibes, und zwar auf folgende Weise: Der Ätherleib hat immer einen dem Geschlecht des physischen Leibes entgegengesetzten Charakter. Der Ätherleib eines Mannes ist weiblichen, der einer Frau männlichen Geschlechts. Der Astralleib ist beim Mann wie bei der Frau doppelgeschlechtlich. Er ist also in dieser Beziehung eine Synthese der beiden anderen Leiber.
[ 11 ] Viertens das Ich, Manas im Sanskrit, Jehova im Hebräischen, ist die vernunftbegabte und bewußte Seele; es ist die unzerstörbare menschliche Individualität, die das Wissen vom Aufbau der anderen Wesensglieder in sich birgt. Es ist das unaussprechbare, gleicherweise menschliche und göttliche Ich. Es ist die Einheit der vier Elemente, die Pythagoras unter dem Zeichen des Tetragramms verehrt hat.
[ 12 ] Die menschliche Evolution besteht in der Verwandlung der unteren Leibesglieder mit Hilfe des Ich in vergeistigte Leiber. Der physische Leib ist das älteste und infolgedessen vollendetste Glied im heutigen Menschen. Die gegenwärtige Phase der menschlichen Evolution hat zur Aufgabe die Verwandlung des Astralleibes.
[ 13 ] Bei dem zivilisierten Typus des Menschengeschlechts teilt sich der Astralleib in zwei Partien, eine niedere und eine höhere. Die niedere bleibt noch chaotisch und dunkel, die höhere ist leuchtend und schon durchdrungen von den Kräften des Manas, das heißt geordnet und regelmäßig.
[ 14 ] Sofern der Initiierte seinen Astralleib von allen tierischen Leidenschaften gereinigt und ihn vollkommen leuchtend gemacht hat - das ist die erste Phase seiner Einweihung -, ist er bei der Katharsis, der Reinigung, angekommen. Erst dann kann er an seinem Ätherleib arbeiten und mittels dessen dem physischen Leib sein Siegel aufdrücken. Der Astralleib hat an sich keinen Einfluß auf den physischen Leib. Er ist darauf angewiesen, durch den Ätherleib hindurch zu wirken.
[ 15 ] Die Aufgabe des Schülers besteht also darin, zur Umwandlung des Astralleibs und Ätherleibs zu gelangen und in der Folge zur vollständigen Herrschaft über den physischen Leib. Auf diese Weise wird er ein Meister und verwandelt die drei niederen Wesensglieder seiner Natur in die drei höheren:
Fünftens: Manas.
Sechstens: Budhi.
Siebentens: Atma.
[ 16 ] Wir stoßen hier auf ein wunderbares Gesetz der menschlichen Natur, welches zeigt, daß das Ich und das Manas im Mittelpunkt der menschlichen Entwickelung stehen. Die Herrschaft, welche das Manas nach unten über den Astralleib und den Ätherleib ausübt, überträgt sich nach oben - das heißt auf die Glieder des oberen, göttlichen Menschen - durch den Erwerb neuer Fähigkeiten.
[ 17 ] So verwandelt sich zum Beispiel der Einfluß vom Manas auf seinen Ätherleib in Licht und Kraft für sein geistiges Wesen: Budhi. Der Einfluß, den er auf seinen physischen Leib ausübt, verwandelt sich in Licht und Kraft für seinen göttlichen Geist: Atma.
[ 18 ] So gipfelt also die ganze menschliche Entwickelung in der Verwandlung der unteren Wesensglieder durch das höhere Ich. Und unsere gegenwärtige Entwickelungsstufe hat zur Aufgabe die Umwandlung des Astralleibes, die Hand in Hand geht mit der Beherrschung des Empfindungslebens und seiner Reinigung.
[ 19 ] Der Astralleib des heutigen Menschen ist dunkel in seiner unteren Partie, hell und farbig in seiner oberen Partie. Die untere Partie ist noch nicht umgewandelt durch das Ich, die obere ist von ihm durchdrungen und umgewandelt worden. Wenn der Mensch seinen Astralleib ganz durchgearbeitet hat, so sagt man, daß er ihn in Manas verwandelt hat.
[ 20 ] Erst dann beginnt die Arbeit am Ätherleib. Dazu muß man wissen: Was sich im Astralleib ereignet, ist vorübergehender Art. Was sich im Ätherleib vollzieht, hinterläßt dort eine dauerhafte Spur und drückt sich außerdem wie ein Siegel auf dem physischen Leib ab.
[ 21 ] Die höhere Einweihung besteht in der Kontrolle aller Vorgänge des physischen Leibes, in ihrer vollkommenen Beherrschung, so daß man sie nach Belieben in der Hand hat.
[ 22 ] In dem Maße, wie der Eingeweihte an diesem Punkte ankommt, besitzt er Atma, wird er ein Magier und erwirbt er Macht über die Natur.
[ 23 ] Der Unterschied zwischen der östlichen und der westlichen Einweihung besteht in der Methode, mit welcher der Lehrer den Schüler zur Arbeit an dessen Ätherleib anleitet. Um uns darüber klar zu werden, ist es notwendig, die verschiedenen Zustände des Menschen während des Schlafens und während des Wachens zu betrachten.
[ 24 ] Während des Schlafens ist der Astralleib teilweise vom Körper getrennt und untätig, während der Ätherleib in seiner vegetativen Arbeit fortfährt.
[ 25 ] Beim Tode trennt sich der Ätherleib mit dem Astralleib vollkommen vom physischen Leibe. Im Ätherleib, als dem Träger des Gedächtnisses, sitzt die Erinnerung an das Leben, so daß in dem Augenblick, wo er sich loslöst, die Sterbenden ihr Leben wie in einem einzigen Tableau lesen. Der Ätherleib wird, wenn er vom physischen Leib getrennt ist, sehr viel regsamer, weil er nicht mehr von seiner Beziehung zum Physischen gestört wird.
[ 26 ] Die orientalische Initiation bestand nun darin, den Ätherleib und den Astralleib des Schülers während eines lethargischen Zustands, der gewöhnlich drei Tage dauerte, von dem Schüler zu trennen. Während dieses Zeitraums lenkte der Hierophant den Ätherleib des Schülers, übertrug auf ihn gewisse Impulse, flößte ihm seine Weisheit ein, übertrug sie auf ihn als einen mächtigen und unauslöschlichen Eindruck.
[ 27 ] Beim Erwachen fand der Eingeweihte in sich diese Weisheit, weil der Ätherleib das Gedächtnis des Menschen in sich schließt; und er bewahrte diese Weisheit - es war diejenige der okkulten Lehre, aber geprägt von dem unauslöschlichen, persönlichen Abdruck des Hierophanten. Nach dieser Einweihung sagte man von dem, der die Einweihung durchgemacht hatte, daß er zweimal geboren sei.
[ 28 ] Man ging so zu Werk, weil es schwierig gewesen wäre, auf eine andere Weise die höheren Wahrheiten mitzuteilen.
[ 29 ] Anders verhält es sich mit der abendländischen Einweihung. Sie unterscheidet sich von der östlichen darin, daß die eine sich im Schlafzustand vollzieht und die andere im Zustand des Wachens, das heißt, daß sie die Trennung zwischen Ätherleib und physischem Leib vermeidet. In der abendländischen Einweihung bleibt der Einzuweihende unabhängig, und der Lehrer ist nur ein Erwecker. Der abendländische Lehrer will weder herrschen noch bekehren, sondern allein erzählen, was er geschaut hat.
[ 30 ] Welches ist nun die Art und Weise, wie man auf ihn zu hören hat? - Es gibt in Wirklichkeit drei Arten zu hören: hören, indem man sich dem Wort als einer unfehlbaren Autorität unterwirft; hören, indem man sich auflehnt gegen das, was man hört; schließlich das einfache Hinhören ohne knechtischen und blinden Glauben, gewissermaßen ohne systematische Opposition, indem man einfach die Ideen auf sich wirken läßt und ihre Wirkungen beobachtet. So muß in der abendländischen Einweihung die Haltung des Schülers seinem Lehrer gegenüber sein.
[ 31 ] Was nun den Lehrer betrifft, so weiß er, daß er, um der Meister zu sein, der Diener sein muß. Es handelt sich für ihn nicht darum, die Seele seines Schülers nach seinem Bilde zu modeln, sondern ihr Rätselvolles zu ahnen und aufzulösen. Was er lehrt, ist nicht eine Glaubenslehre, oder vielmehr, es ist eine Lehre, die aber nur Wert hat, indem sie der inneren Entwickelung dient. Jede Wahrheit, die nicht gleichzeitig eine Lebenskraft ist, ist eine unfruchtbare Wahrheit. Deshalb ist es notwendig, daß jeder Gedanke Zugang zur Seele finde. Er tut dies nicht, wenn er nicht vom Gefühl durchströmt ist; sonst ist er ein totgeborener Gedanke.
