Kosmogonie
Populärer Okkultismus
GA 94
11 Juli 1906, Leipzig
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Heute möchte ich noch über die christliche Einweihung und über das Erdinnere sprechen. Zu berücksichtigen ist dabei, daß die christliche Einweihung von allen durchgemacht wurde, die das Christentum aus einer okkulten Tiefe heraus lehren sollten, zum Beispiel auch von den Priestern der ersten christlichen Jahrhunderte. Diese Einweihungen haben sich noch lange erhalten, sind aber allmählich etwas verändert worden, und nur in bestimmten engen Kreisen wurden diese strengen Übungen noch durchgemacht. Man glaube nicht, daß die Strenge dieser Übungen jedem zugemutet werden kann, aber wer sich ihnen unterwirft, wird auch zu einer hohen Stufe der Erkenntnis auf christlichem Wege gelangen. Christus ist in dieser Hinsicht gleichsam der Urguru für alle christlichen Schüler auf diesem Wege. Angelus Silesius sagt einmal:
Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verloren.
[ 2 ] So etwas entstammt inneren Erlebnissen. Ähnlich auch im Johannes-Evangelium, wo es heißt: «Aber Jesus ging zum Tempel hinaus.»
[ 3 ] Das ist ein astralisches Erlebnis und bedeutet das Heraustreten des Astralleibes aus dem physischen. Ein Ersatz für den strengen Guru des Orients ist in der christlichen Einweihung die Forderung der christlichen Demut, des Sich-Fügens nicht unter einen einzelnen Menschen, sondern unter den Christus Jesus.
[ 4 ] Die erste Stufe ist die Fußwaschung. Man kommt zu ihr, indem man monatelang in folgenden Vorstellungen zu leben versucht: Die Pflanze kann nicht leben ohne das unter ihr stehende Mineralreich. Könnte sie sprechen, sie müßte sagen: Du Steinreich, du bist zwar niedriger als ich, aber dir verdanke ich mein höheres Dasein. Und wenn der Mensch sich im Leben umsieht, so muß er sich eingestehen: Habe ich es im Geistigen weit gebracht, so müssen dafür andere für mich arbeiten. Wir müssen uns deshalb in Demut und Dankbarkeit zu denen hinunterneigen, die unter uns stehen. «Wer da will der Erste sein, der wird der Letzte sein im Himmelreich», lautet ein Wort des Evangeliums. Diese Übung führt schließlich zum inneren Bilde der Fußwaschung. Christus wäscht den Aposteln die Füße, um ihnen den Tribut seines Dankes darzubringen. Wer in diesen Demutsvorstellungen lebt, der merkt, daß ihm in Form eines Astraltraumes das Bild der Fußwaschung erscheint. Dadurch wird das im Johannes-Evangelium Geschilderte zum Eigenerlebnis.
[ 5 ] Dann kann man zur zweiten Stufe übergehen. Der Schüler muß im Leben unbedingt alle Leiden und alle Hindernisse aufrecht ertragen lernen und ruhig bleiben, auch wenn alles auf ihn einstürmt. Und wieder tritt dann im Traume auf dem astralen Plane ein Bild auf, das der Geißelung. Nicht nur schaut der Schüler das Bild, sondern er fühlt am ganzen Körper brennende Schmerzen, sogar an den Nägeln und an den Haaren.
[ 6 ] Wenn dies sich eingestellt hat, geht man zur dritten Stufe über. Hier muß der Schüler nicht nur Schmerzen ertragen, sondern er muß in die Lage kommen, daß er Hohn und Spott ruhig über sich ergehen läßt. Als Traumerlebnis zeigt sich die Dornenkrönung mit einem eigentümlichen, vorübergehenden Kopfschmerz.
[ 7 ] Zur vierten Stufe zu gelangen ist sehr schwer. Der Geheimschüler muß ein Gefühl dafür ausbilden, daß der eigene Leib für ihn genau denselben Wert hat wie die Dinge um ihn herum, er muß ihn als etwas Fremdes betrachten lernen, er muß dazu gelangen, zu empfinden: Nicht ich gehe hin, sondern ich trage meinen Leib dahin. Der Schüler lebt dann nicht mehr in seinem Leibe, sondern er trägt ihn wie einen Gegenstand, wie das Kreuzesholz. Diese Übungen führen zu der Vision, daß sich der Schüler selbst gekreuzigt sieht. Und äußerlich sogar offenbart sich diese Einweihungsstufe, indem sich die sogenannten Blutsmale einstellen. Der Schüler erhält dann, entsprechend den Wundmalen der Kreuzigung, an den betreffenden Stellen seines Leibes richtige Stigmata, die sich vorübergehend zeigen können. Diese inneren und äußeren Erlebnisse stellen sich ein nach entsprechender Versenkung.
[ 8 ] Die fünfte Stufe ist der mystische Tod. Jetzt wird der Schüler auf dem Astralplan wirklich hellsehend. Das andere waren Symptome des Anfangs. DerSchüler macht einen Augenblick ein Erlebnis durch, wie wenn alles verschwinden würde, wie wenn er dem Nichts gegenüberstünde. Diese Finsternis ist das Gegenbild der allgemeinen Finsternis, die bei Christi Tod über das ganze Land hereinbrach. Dann spaltet sich die Finsternis; das ist das Zerreißen des Vorhanges im Tempel und das Durchgehen Christi durch die Hölle. Auch das wird auf dieser Stufe durchgemacht. Wer nicht bis dahin vordringt, weiß noch nicht wirklich, was das Böse ist. Der Schüler der fünften Stufe steigt hinunter in diese Tiefen des Daseins. Das ist das Hinabsteigen in die Hölle.
[ 9 ] Mit der sechsten Stufe, der Grablegung, empfindet er die gesamte Erde als seinen Leib, und seinen eigenen Leib als ein Stück von ihr. Er wird mit dem ganzen Erdenplaneten eine Einheit. Der Schüler ist dann wie hineingelegt in den ganzen Erdenplaneten, zugedeckt und darin begraben, er wird selbst nun eins mit dem planetarischen Geist.
[ 10 ] Die siebente Stufe, die Auferstehung, kann nicht weiter geschildert werden, denn alles, was sie an Größe und Erhabenheit bedeutet, kann keine Seele, die mit ihrem Denken noch an das Gehirn gebunden ist, begreifen. Macht der Geheimschüler diese sieben Stufen durch, dann wird das Christentum in ihm lebendig. Er erlebt das Johannes-Evangelium als Wirklichkeit.
[ 11 ] Zum Abschluß soll noch von der Gestaltung des Inneren der Erde gesprochen werden. Diese Erforschung des Erdinnern hängt nämlich mit den christlichen Einweihungsstufen zusammen. Man kann gerade durch die christliche Einweihung einen wahren Begriff von den inneren Zuständen der Erde bekommen.
[ 12 ] Vom okkulten Standpunkt aus besteht ein Zusammenhang zwischen Menschenleben, Erdschichten, Erdbeben und Vulkanausbrüchen und so weiter. Es stehen noch gewaltige Veränderungen in dieser Richtung bevor. Die Ansicht der Naturwissenschaft, das Erdinnere sei glutflüssig, ist nicht richtig. Die bestimmte Substanz, die Sie aus der äußeren Anschauung kennen, weil Sie darauf treten, das ist die äußerste, physisch-substantielle Schicht der Erde. Man nennt sie die mineralische Erde. Die Naturwissenschaft kommt nicht einmal bis zur Mitte dieser Schicht. Jedes Erlebnis der christlichen Einweihung führt nun zum Eindringen in eine bestimmte Schicht des Erdinnern. Der dritte Einweihungsgrad läßt zum Beispiel ein Eindringen in die dritte, der siebente in die siebente Schicht zu und so weiter.
[ 13 ] Was in der zweiten Schicht ist, läßt sich mit keinem chemischen Stoff der obersten Schicht vergleichen, das ist schon eine ganz andere Materie. Die physische Wärme nimmt nur in der ersten Schicht zu. Die Substanz der zweiten Schicht hat Eigenschaften, die bewirken, daß, wenn etwas Lebendes damit in Verbindung gebracht würde, dieses Leben in dieser Substanz sofort getötet werden würde. Jede Pflanze würde in ihr sofort mineralisch, das Leben würde aus ihr herausgetrieben. Man nennt diese Schicht auch die lebenzerstörende.
[ 14 ] Die dritte Schicht ist eine Substanz, welche die seelische Empfindung in ihr Gegenteil umwandelt. Sie verwandelt Freude in Schmerz, und Schmerz in Lust. Sie reagiert auf die Gefühle der Lebewesen, sie hat als Materie diese Eigenschaft und heißt die Empfindungsschicht.
[ 15 ] Die vierte Schicht entspricht in gewissem Sinn dem ersten Gebiet des Devachan, denn auch dort erscheinen die physischen Dinge in ihrem Negativ. Im Devachan ist es so, daß anstelle des physischen Dinges eine Art von Aura da ist, ein Negativ, ein Hohlraum-Lichtbild, in welchem drinnen nichts zu sehen ist, und das von innen heraus einen gewissen Ton von sich gibt. Die vierte Schicht des Erdinnern hingegen ist substantiell das, was den Erdendingen Form gibt. Es sind dort gleichsam die umgekehrten Formen; es läßt sich das vergleichen mit Petschaft und Siegelabdruck. Diese vierte Schicht wird deshalb die Formschicht genannt.
[ 16 ] Die fünfte Schicht ist voll wuchernden Lebens. Hier ist das Leben nicht in die Form eingeschränkt.
[ 17 ] Die sechste Schicht, die Wasserschicht, ist substantiell eindrucksfähig und besteht ganz aus Wille und Empfindung. Sie antwortet auf Willensimpulse, sie schreit gleichsam, wenn sie gepreßt wird. Weil dieses innere Leben mit dem Feuer zu vergleichen ist, nennt man diese Schicht die Feuererde.
[ 18 ] Die siebente Erdschicht wird dann in der siebenten Einweihungsstufe erreicht. Wie das Auge auf gewisse Einwirkungen Gegenwirkungen in sich hervorbringt, so ist es auch in der siebenten Schicht. Ihre Substanz verwandelt alle Eigenschaften in ihr Gegenteil, indem sie sie umkehrt. Deshalb heißt diese Schicht «der Erdenreflektor».
[ 19 ] Die achte Schicht, die ebenfalls auf der siebenten Einweihungsstufe wahrnehmbar wird, hat nicht bloß irgendwelche physische Eigenschaften, sondern auch moralische, sie verwandelt alle moralischen Eigenschaften, welche die Menschen entwickeln, in ihr Gegenteil. Alles, was auf Erden verbunden ist, das wird dort getrennt und zerstreut. Alle moralischen Gefühle, wie Liebe, Mitleid, sind dort in ihr Gegenteil verwandelt, in Härte, Brutalität und so weiter. Man nennt diese Schicht den Zersplitterer.
[ 20 ] Die neunte Schicht ist das Erdgehirn. Dort wirkt das Böse magisch. Schwarzmagische Kunst steht damit in Verbindung. Der weiße Pfad wird dort schwarz.
[ 21 ] Es ist viel schwieriger, das Erdinnere zu erforschen, als den Astral- und Devachanplan. Diese Erforschung gehört wirklich zum Allerschwierigsten. Was Sinnett in seinem Buch: «Esoterischer Buddhismus» über das Erdinnere sagt, ist nicht richtig. Statt daß er selbst als Hellseher forschte, gebrauchte er ein Medium. Nur in der eigentlichen Rosenkreuzerschule vermag man vom Erdinnern zu sprechen. Und in den besten Zeiten des Christentums hat man das Erdinnere ähnlich betrachtet. Die nordischen Mysterien, die Trotten- und Druidenmysterien haben auch ziemlich ausführlich davon gesprochen. In poetischer Weise spricht auch Dante in seiner «Göttlichen Komödie» .vom neunteiligen Erdinnern. Die achte Schicht finden Sie dort als Kainsschicht, weil durch Kain das Böse, das Zersplitternde in die Welt gekommen ist.
[ 22 ] Überhaupt findet man in den großen Dichtungen wie in der Odyssee, im Parzival und so weiter okkulte Tatsachen geschildert. In der Erzählung vom armen Heinrich wird zum Beispiel hingewiesen auf die Einflüsse der verwesenden Astralstoffe der in Dekadenz geratenen Völker des frühen Mittelalters. Die Geheimlehre hat bewußt und unbewußt die großen Dichter stets beeinflußt. Im Lichte der Theosophie wird uns nicht nur die ganze Welt ungeheuer tief, sondern auch die großen Dichtungen der Menschheit. Da kann man so recht das Göttliche aufsuchen und erkennen.
[ 23 ] Es war eine Eigenschaft des lemurischen Zeitalters, daß damals die oberen Schichten der Erde nur sporadisch entwickelt waren, gleichsam nur als Inseln, so daß von der Feuerschicht viel nach außen drang. Die Feuerschicht ist die Grundlage der anderen Schichten. Der damals noch stark wirkende Wille des lemurischen Menschen vermochte noch magisch einzuwirken auf diese Feuerschicht. Die wogenden Bewegungen der Erde hingen noch mit dem Willen des Menschen zusammen. Darum kam es zum Untergang des lemurischen Kontinents aus der Feuerschicht heraus. Die Menschen waren zu tief gesunken, besonders in Spätlemurien. Fürchterliche Verirrungen hatten um sich gegriffen. Und so wirkten denn diese verderblichen Willensregungen auf die Feuerschicht: Lemurien ging, wie Sodom und Gomorrha, durch eine Feuerkatastrophe zugrunde, verbunden mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Der Wille wirkt eben auf die Feuerschicht. So besteht ein Zusammenhang zwischen dem Inneren des Menschen und dem Inneren der Erde. Der Erdenzersplitterer, die Kainsschicht, erfährt durch eine fortdauernde sittliche Entwickelung des Menschen eine Umwandlung. Was der Mensch auf der Erde tut, das gestaltet nach und nach den ganzen Erdenplaneten um. Und wenn die weiße Magie einmal hervorragend fortgeschritten ist, dann wird der Erdkern auch anders. Die schwarzen Magier werden ausgeschieden werden auf eine Art von Mond, wenn unser Planet einmal vergeht.
[ 24 ] Wenn nun heute ganz bestimmte böse Willensimpulse zusammenwirken, dann wirken sie auf die Feuerschicht, und es kann dann sein, daß sich die Erschütterung der Feuerschicht fortsetzt auf die Wasserschicht, und durch die anderen Schichten hindurch, bis zur obersten. Dadurch kommen Erdbeben, Vulkaneruptionen, Seebeben und so weiter zum Ausbruch. Wenn die Menschheit dafür sorgt, daß es auf Erden moralisch besser wird, wird es auch langsam besser werden in bezug auf die Erdkatastrophen. Mit dem Fortschritt der Menschheit hängen die Fortschritte des Erdenplaneten zusammen; was uns das Erdinnere zeigt, ist nur ein Beispiel dafür. Man hat untersucht, in welcher Beziehung das Karma des einzelnen Menschen zum Karma der Gesamtheit steht, hat erforscht, wie sein zukünftiges Schicksal verlaufen könnte, und gefunden, daß solche Menschen [die durch ein Erdbeben umkommen] gewöhnlich in der nächsten Verkörperung als besonders spirituelle Persönlichkeiten auftreten, oder wenigstens die Anlage zu spirituellem Leben mitbringen. Sie haben die Nichtigkeit des Materiellen eindringlich und rasch erfahren, es war der letzte Ruck, den sie noch brauchten, um sich dem Geist zuzuwenden. Ähnlich hat der Feuertod der Märtyrer in der nächsten Inkarnation besonderen Idealismus zur Folge. Interessant sind auch die Zusammenhänge zwischen Geburten und Erdbeben. In den meisten Fällen findet sich, daß die Menschen, die unmittelbar nach der Zeit eines Erdbebens geboren werden, sich als besonders materiell gesinnte Menschen erweisen. Die Kraft, durch die der Mensch aus dem Devachan wiederum herunterkommt, hat etwas zu tun mit der Feuerschicht. Der Mensch bringt die Feuerschicht insofern in Bewegung, als sein ihn zur Verkörperung führender Wille bei seiner Geburt besonders niederer, sinnlicher Art ist. Die Erde war im Beginne ihrer EntwickeJung ein Wesen, das einer Umwandlung fähig ist, und dementsprechend ist es das Menschentum. Der Mensch hat der Erde Schicksal an sein eigenes gebunden. Sie können sich denken, wie im Hinblick darauf das Verantwortungsgefühl des Okkultisten wächst in bezug auf die geistigen Strömungen, die in die Menschheit gebracht werden. Die theosophische Bewegung steht in Beziehung zu einem ganz bestimmten Ziel der Erdenentwickelung. Sie hat die allgemeine Menschenverbrüderung zu bringen. Ihr Ziel soll deshalb sein: den Erdenzersplitterer, die achte Schicht, zu verbessern; es erstrebt, vom Erdenzentrum zu retten, was zu retten ist. Hier gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Selbst die kleinste Wirkung geht nicht verloren. Der Mensch, der danach strebt, seine Seele umzuwandeln, so daß die Kraft, die aus dem Okkultismus herauskommt, wirksam wird, der wirkt an diesem Werke mit und wird dann auch das alltägliche Leben ganz anders nehmen. Das wahre Studium des Okkultismus besteht darin, daß der Geistesschüler erkennend eindringt in das gewöhnliche, natürliche Leben. Der Okkultismus kann auf allen Gebieten fruchtbar werden und segensreich wirken. Jede Seele muß und wird schließlich zur Wahrheit gelangen. Und so vertraut der Okkultismus auf das Echo, das er in den Seelen finden wird.
