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Kosmogonie
Das Johannes-Evangelium
GA 94

19 Februar 1906, Berlin

Erster Vortrag

[ 1 ] Heute und das nächste Mal will ich über das Johannes-Evangelium sprechen. Ich möchte dabei bemerken, daß die Auseinandersetzungen, die wir über das Johannes-Evangelium hören wollen, allerdings mehr oder weniger nur für solche Teilnehmer ganz verständlich sein werden, die sich mit der Geisteswissenschaft schon etwas beschäftigt haben. Es würde aber die Sache natürlich zu sehr ins Weite führen, wenn wir hier auch alle anderen Dinge besprechen wollten, die etwa für Nichttheosophen in Betracht kommen könnten.

[ 2 ] Sie wissen vielleicht, daß in der letzten Zeit in bezug auf die Auffassung der neutestamentlichen Schriften, der Evangelien, eine gewisse Auffassung sich herausgebildet hat, die das Johannes-Evangelium eigentlich als historische, geschichtliche Urkunde entwertet hat. Man sagt in theologischen Kreisen, wenigstens in Kreisen der «Fortschrittlichen», daß als Urkunde über das Leben des Stifters des Christentums nur die drei ersten Evangelien, die synoptischen Evangelien, in Betracht kommen können. Synoptisch werden sie genannt, weil man den Inhalt zusammenfaßt und sich auf theologische Weise ein Gesamtbild über das Leben des Christus Jesus bilden will. Dagegen versuchen moderne Theologen, das Johannes-Evangelium als eine Art von Dichtung aufzufassen, als eine Bekenntnisschrift, als die Schrift eines Menschen, der seine Gemütseindrücke, sein inneres religiöses Leben schildert, wie er es empfangen hat durch den Einfluß des Christentums. So daß wir eine Andachtsschrift, ein inbrünstiges Bekenntnis in dem Johannes-Evangelium zu sehen hätten, aber nichts, was irgendwie in Betracht kommen könne für die wirklichen christlichen Tatsachen.

[ 3 ] Nun wird aber für jeden, der sich in die neutestamentlichen Schriften vertieft, eine innere Tatsache unbedingt feststehen. Das ist diese, daß aus dem Johannes-Evangelium unmittelbar Leben fließt, eine Überzeugung und ein Wahrheitsquell von etwas anderer Art als aus anderen Religionsschriften. Eine Gewißheit fließt aus ihm, zu der man eigentlich keine äußeren Tatsachen braucht. Das ist so ein Gefühl, das die Menschen überkommt, wenn sie an das JohannesEvangelium herantreten und dabei ein Empfinden für inneres seelisches Leben, für geistige Vertiefung haben. Man kann nicht recht durch etwas anderes als durch geisteswissenschaftliche Vertiefung ins klare kommen über dasjenige, was hier eigentlich vorliegt. Oft und oft habe ich zu Ihnen darüber gesprochen, wie man zu den Religionsurkunden ein Verhältnis bekommt durch die Geisteswissenschaft, durch spirituelle Vertiefung.

[ 4 ] Jeder von Ihnen weiß, daß das erste Verhältnis, das man zu religiösen Schriften hat, das des naiven Menschen ist, der die Tatsachen so, wie sie geschildert werden, hinnimmt, der sie nicht weiter kritisiert, der das Brot des religiösen Lebens aus diesen Urkunden empfängt und damit befriedigt ist.

[ 5 ] Zahlreichen neuzeitlichen Menschen, die diesen naiven Standpunkt eingenommen hatten und dann «gescheit» geworden sind, die aufgeklärt worden sind, fielen die Widersprüche in den Evangelien auf. Dann sagten sie sich von den Evangelien und vom Glauben los. Sie erklärten: Wir können es nicht mit unserem Gewissen, mit unserem Wahrheitsgefühl vereinigen, in diesen Schriften Erkenntnisse zu finden und bei dem Glauben an diese Schriften zu bleiben. — Das ist die Stufe der «Gescheiten», die zweite Stufe.

[ 6 ] Dann kommt die dritte Art, wie sich Menschen zu den religiösen Schriften verhalten. Sie beginnen, die Religionsschriften sinnbildlich auszulegen. Sie fangen an, Symbole, Allegorien darin zu sehen. Diesen Weg haben gerade in letzter Zeit Freidenker gewählt. Bruno Wille, der Herausgeber des Blattes «Der Freidenker», hat neuerdings diesen Weg eingeschlagen. Er ist dazu übergegangen, die Christus-Mythe wie die Bibel überhaupt einer sinnbildlichen Auslegung zu unterziehen. Ein notwendiger Entwickelungsweg, den der Mensch durchmachen muß, ein innerer Wendepunkt, kann dabei nicht herauskommen. Wer weniger geistreich ist, wird diese Schriften auch weniger geistreich ausdeuten. Andere, die geistreicher sind, werden auch mehr Geistreiches herausziehen. Dabei wird vieles hineingelegt, was ganz der menschlichen Geistreichigkeit entspricht und ihr entspringt. Das dritte ist also ein halb gläubiger, aber willkürlicher Standpunkt.

[ 7 ] Dann kommt ein ganz anderer Standpunkt, und das ist der, wo man erkennen lernt, daß es Tatsachen der höheren Welt gibt, daß es außer unserer sinnlichen Welt noch andere, nämlich geistig-seelische Dinge gibt, und daß die religiösen Mitteilungen eben gar nicht Mitteilungen aus der sinnlichen Welt sind, sondern Darstellungen von Tatsachen einer höheren Welt. Wer dann diese Tatsachen der unmittelbar hinter unserer Welt liegenden astralen und der noch tiefer liegenden devachanischen oder mentalen Welt kennenlernt, der kommt dann wieder zu einem neuen, höheren Verständnis der religiösen Urkunden. Und es ist unmöglich, das Johannes-Evangelium ohne eine solche Erhebung zu einer höheren Welt zu verstehen. Nicht eine Dichtung, nicht eine aus bloß religiöser Inbrunst hervorgegangene Schrift ist das Johannes-Evangelium, sondern es stellt dar Mitteilungen aus höheren Welten, die der Schreiber dieses Evangeliums empfangen hat. Die Sache liegt ungefähr so - ich will Ihnen den Tatbestand kurz schildern. Was dafür als Beweis vorzubringen ist, will ich heute nicht heranziehen. Vielleicht werde ich mich das nächste Mal darauf einlassen. Derjenige, welcher das JohannesEvangelium geschrieben hat, lernte die Tatsachen, die sich zu Beginn unserer Zeitrechnung um den Stifter des Christentums abspielten, und dessen Wirken durch sein Erleben in höheren Welten kennen.

[ 8 ] Nun ein Beispiel zu dem Unterschied zwischen bloßem Kennen und dem Erkennen. Wir haben neulich einmal hier angeführt, daß ein Mensch neben uns sein kann, daß wir ihn sehen können, wie er ist, aber daß wir ihn deshalb noch nicht zu erkennen brauchen. Ich habe in diesem Zusammenhang die Anekdote von jener Sängerin erwähnt, die auf einer Abendunterhaltung zwischen Mendelssohn und einem ihr Unbekannten saß. Sie unterhielt sich sehr gut mit Mendelssohn, aber der andere, der sehr artig war, der war ihr zuwider. Sie fragte daher hinterher: Wer war denn der dumme Kerl zu meiner Linken? - Das war doch der berühmte Philosoph Hegel! war die Antwort. Wenn der Dame vorher gesagt worden wäre, bei einer Abendunterhaltung werde der große Philosoph Hegel zu sehen sein, würde sie vermutlich allein aus diesem Grunde der Einladung gefolgt sein. Da er aber jetzt unbekannt neben ihr saß, war er der dumme Kerl. Das ist der Unterschied zwischen Sehen und Verstehen, zwischen Kennen und Erkennen.

[ 9 ] Denjenigen, der das Christentum gestiftet hat, konnte man nicht ohne weiteres erkennen, wenn man nur den gewöhnlichen, auf das Sinnliche gerichteten Verstand hatte. Dazu gehörte das, was die christlichen Mystiker vielfach in so großen und schönen Worten zum Ausdruck gebracht haben. Das meinte auch Angelus Silesius, wenn er sagt:

Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verloren.

[ 10 ] Es gibt ein inneres Christus-Erlebnis, es gibt eine Möglichkeit, dasjenige zu erkennen, was uns äußerlich entgegentritt in den Ereignissen, die sich zwischen den Jahren 1 und 33 in Palästina abgespielt haben. Derjenige, der aus höheren Welten hereingekommen ist in diese Welt, muß wiederum aus einer höheren Welt verstanden werden. Und der ihn am tiefsten schildert, mußte sich erheben zu den beiden höheren Welten, die hier in Betracht kommen, zu der astralen und zu der devachanischen oder mentalen Welt. Diese Erhebung des Johannes, wenn wir sie so nennen dürfen, war die Erhebung in die zwei höheren Welten. Diese stellt uns das Johannes-Evangelium in seinen Mitteilungen dar.

[ 11 ] Die ersten zwölf Kapitel des Johannes-Evangeliums enthalten die Erlebnisse des Johannes in der astralen Welt. Vom dreizehnten Kapitel ab sind es die Erlebnisse des Johannes in der devachanischen oder mentalen Welt, so daß sich derjenige, der das niedergeschrieben hat, von Christus sagt - die Worte sind ganz vergleichsweise zu nehmen —: Hier auf dieser Erde hat Er gelebt, hier hat Er aus Kräften heraus gewirkt, die göttlich sind, aus okkulten Kräften heraus. Er hat Kranke geheilt, Er hat alles, vom Sterben bis zum Auferstehen, durchgemacht. Diese Dinge mit dem bloßen Verstande zu begreifen, ist unmöglich. Hier auf der Erde gibt es keine Wissenschaft, keine Weisheit, durch die man verstehen kann, was da geschehen ist. Aber es gibt eine Möglichkeit, hinaufzusteigen in die höheren Welten. Da wird man die Weisheit finden, durch die man den, der hier auf der Erde gewandelt hat, verstehen kann. So erhob sich der Schreiber des Johannes-Evangeliums hinauf in die beiden höheren Welten und ließ sich einweihen. Es war eine Einweihung, und seine Einweihung schildert der Schreiber des Johannes-Evangeliums, die Einweihung in die astralische Welt und die Einweihung in die devachanische oder Mentalwelt.

[ 12 ] In alten Zeiten, in denjenigen Gebieten, in denen der menschliche Körper noch dazu geeignet war, wurde eine solche Einweihung in der folgenden Weise bewerkstelligt. Der betreffende Mensch mußte eine Artvon Schlafzustand durchmachen. Alles, was sonst bei einer heutigen europäischen Einweihung, die jahrelang dauert, weil das alles nicht durchgemacht werden kann von einem Europäer, was jetzt erzählt wird, alles das, was bei einer europäischen Einweihung durch lange Meditations- und Konzentrationsübungen erreicht wird, das wurde früher, ebenfalls nach bestimmten vorhergehenden Meditations- und Konzentrationsübungen, aber in kurzer Zeit, von einigen erreicht. Ich bemerke ausdrücklich, daß für denjenigen, der wirklich die Einweihung empfangen will, doch einmal diese zwei wichtigen Erlebnisse in irgendeiner Form kommen müssen, wo er durchmacht das, was jetzt zu beschreiben ist, wenn auch auf etwas andere Weise. Durch eine Art von Schlafzustand muß der Mensch durchgehen. Um zu wissen, was eigentlich Schlaf seinem Wesen nach ist, halten wir uns nochmals vor die Seele, was vorgeht, wenn der Mensch schläft. Es sind dann seine höheren Leiber von den niederen Leibern abgetrennt. Der Mensch besteht ja zunächst aus dem physischen Leib, den Sie mit Augen sehen können. Das zweite Glied ist der sogenannte Ätherleib. Das ist dasjenige Wesensglied, das den physischen Körper umschließt, das viel feiner ist als der physische Leib, und in dem Strömungen und Organe von wunderbarer Mannigfaltigkeit und Prächtigkeit tätig sind. Im Ätherleib sind auch die gleichen Organe vorhanden wie im physischen Körper. Auch der Ätherleib hat Gehirn, Herz, Augen und so weiter. Sie stellen diejenigen Kräfte dar, welche die entsprechenden physischen Organe erst geschaffen haben. Das ist ungefähr so, wie wenn Wasser in einem Gefäß abgekühlt wird, so daß es zu Eis wird. So müssen Sie sich die Entstehung des physischen Organs durch die Verdichtung des Ätherischen vorstellen. Der Ätherleib ragt nur wenig über den physischen Leib hinaus.

[ 13 ] Der dritte Leib ist der Astralkörper. Er ist der Träger von Begierden, Wünschen, Leidenschaften und so weiter. Er durchdringt den physischen Körper in Gestalt einer Wolke. Farben sind da, heftige Leidenschaften in Form von zuckenden Blitzen. Die Eigenschaften des Temperamentes durchgleiten den Körper in Lichtpunkten mehr oder weniger hell. Der ganze innere Mensch prägt sich nach außen in einer Lichtform aus. Das ist das eigentliche Ich des Menschen, der Iräger des höheren, des eigentlichen Wesenskernes. Wenn der Mensch des Nachts schläft, also beim gewöhnlichen Schlaf, liegen im Bett der physische Körper und der Ätherleib. Diese sind fest miteinander verbunden. Getrennt von ihnen ist der Astralleib mit allem anderen, was noch zum Menschen gehört. Solange der Mensch nicht etwas Besonderes unternimmt, bleibt er unbewußt, wenn sein Astralleib aus dem physischen Leib heraus ist. Er bleibt unbewußt, wie der Mensch in der sinnlichen Welt unbewußt bleibt ohne Augen und Ohren. Sie könnten noch so lange leben in der physischen Welt — wenn Sie nicht Augen hätten, würde es keine Farben, wenn Sie keine Ohren hätten, keine tönende Welt geben. So ist es, wenn der Astralleib außer dem Körper ist. Er ist dann ausgedehnt in der seelischen Welt, aber er sieht sie nicht, er nimmt sie nicht wahr, weil er noch keine astralen Sinne hat. Diese müssen erst nach und nach ausgebildet werden. Solange der Mensch nicht Übungen macht, so lange bleibt er in der höheren Welt bewußtlos. Macht er sie aber, dann kann er in dieser höheren Welt Bewußtsein erlangen. Wenn sein Astralleib Organe bekommt, fängt er an, die astralische Welt ringsherum zu sehen. Diejenigen, die öfter diese Vorträge gehört haben, wissen, daß es sieben solche astralen Sinne gibt. Man nennt sie die heiligen Räder, Chakrams oder Lotusblumen. Zwischen den beiden Augen, zwischen den Augenbrauen befindet sich die zweiblättrige Lotusblume. In der Nähe des Kehlkopfes ist die sechzehnblättrige Lotusblume veranlagt, in der Nähe des Herzens die zwölfblättrige. Bilden sich diese Organe nach und nach aus, so wird der Mensch sehend in der astralischen Welt.

[ 14 ] Dieses astralische Schauen ist etwas ganz anderes als das physische Sehen. Sie können sich eine Vorstellung davon machen, wie das astralische Schauen ist, wenn Sie sich erinnern, wie das Traumleben verläuft. Sinnbilder sind es, die wir im Traume erleben. So sind auch die astralen Wahrnehmungen Sinnbilder, richtige Symbole. Da wird der Mensch ein Symbol-Sehender. Für das, was in der physischen Welt unmittelbar vorgeht, verliert er in der astralischen Welt das Bewußtsein, aber in Sinnbildern kann. er solche Tatsachen des Christus JesusLebens erfahren, wie sie Johannes aus seinem Erleben in der Astralwelt heraus schildert. Darstellungen dieser Art bilden den Inhalt der ersten zwölf Kapitel des Johannes-Evangeliums. Mißverstehen Sie mich nicht! Ich weiß, viele werden sagen: Wenn das astrale Erlebnisse sind, dann ist das doch nichts Wirkliches, und was uns von dem Stifter des Christentums gesagt wird, hat dann doch keine Gültigkeit. - Das ist nicht richtig. Es wäre das gleiche, wie wenn man leugnen wollte, daß ein Mensch aus Fleisch und Blut ein Genie ist, weil man das Genie nicht sehen kann. Wenn man auch die Wahrheit über den Christus Jesus erst auf dem Astralplan erkennen lernt, so hat sich sein Leben doch auf dem physischen Plan tatsächlich abgespielt. Wir haben es mit dem Symbol auf dem astralischen Plan und mit der äußeren Wirklichkeit auf dem physischen Plan zu tun. Nichts wird von der Tatsächlichkeit weggenommen, wenn wir sie im tieferen Sinne verstehen, im Sinne des Johannes-Evangeliums.

[ 15 ] Der Einweihung in den astralen Plan muß das vorangehen, was man Meditation nennt. Das ist die Versenkung der Seele in sich selbst, ich habe es hier öfter geschildert. Um zu einem meditativen Erleben zu kommen, muß sich der Mensch zunächst blind und taub machen gegenüber allen sinnlichen Eindrücken. Nichts darf ihn stören, Kanonen muß man losschießen können, ohne daß er in seinem inneren Erleben etwas davon vernimmt. Das gelingt einem nicht so ohne weiteres, aber durch ständiges Üben kann man die entsprechende Fähigkeit erwerben. Der Mensch hat sich auch für das, was er schon erlebt hat, unempfänglich zu machen, das Gedächtnis muß ausgelöscht werden. Rein mit sich selbst beschäftigt muß die Seele werden, dann können aus ihrem Inneren die ewigen Wahrheiten aufsteigen, ewige Wahrheiten, die geeignet sind, nicht bloß unser Verstehen zu wecken, sondern die in unserer Seele wie verzaubert schlummernden Fähigkeiten zu entbinden. Diese großen, ewigen Wahrheiten werden dem Menschen je nach der Reife aufgehen, die er durch sein Karma erlangt hat: dem einen, wie Subba Row sagt, in sieben Inkarnationen, dem anderen in siebzig Jahren, einem anderen in sieben Jahren, anderen in sieben Monaten, sieben Tagen oder in sieben Stunden.

[ 16 ] Johannes gibt nun auch dasjenige an, was ihn in einen solchen seelischen Zustand versetzt hat, was ihn hineingeführt hat in das Wahrnehmen auf dem astralischen Plan. Die Formel, die er als Meditationsformel gebraucht hat, steht am Anfang seines Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses Wort ist nichts von dem Entstandenen geworden. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.»

[ 17 ] In diesen fünf Sätzen liegen die ewigen Wahrheiten, die in der Seele des Johannes die großen Gesichte herauszaubern. Das ist die Meditationsformel. Derjenige, für den das Johannes-Evangelium geschrieben ist, darf es nicht nur lesen wie irgendein anderes Buch. Er muß die ersten fünf Sätze als Meditationsformel betrachten, dann lebt er Johannes nach, dann sucht er. dasselbe zu erleben, was Johannes erlebt hat. Das ist der Weg, ihm nachzuleben, so ist es gemeint. Johannes sagt: Tut, was ich getan habe, lasset in euren Seelen die großen Sätze «Im Anfang war das Wort» und so weiter wirken, und ihr werdet bewahrheitet finden, was in meinen zwölf ersten Kapiteln gesagt ist.

[ 18 ] Das ist etwas, was einzig und allein zum Verständnis des Johannes-Evangeliums beitragen kann. So ist es gemeint, und so soll es benutzt werden. Was nun das «Wort» bedeutet, das habe ich auch schon öfter erwähnt. Im Anfang - fassen wir das richtig, was das heißt. «Im Anfang» ist keine gute deutsche Übersetzung. Die Übersetzung müßte eigentlich lauten: Aus den Urkräften sproßte das Wort heraus. Das heißt es: da kam das Wort heraus, aus den Urkräften heraus. Im Anfang heißt also: aus den Urkräften heraus.

[ 19 ] Wenn der Mensch in diesen Schlafzustand kommt, dann ist er nicht mehr in der sinnlichen Welt. Er geht in eine seelische Welt hinein, und in dieser seelischen Welt erlebt er die Wahrheit über die sinnliche Welt. Da geht ihm die Wahrheit der sinnlichen Welt auf. Er geht aus den abgeleiteten Worten der sinnlichen Welt zu den Urkräften zurück und steigt zu den Worten der Wahrheit auf. Jede Wahrheit hat sieben Bedeutungen. Für den sich versenkenden Mystiker hat sie hier aber diese Bedeutung: Die Erkenntnis, das Wort, das da aufgeht, ist nicht etwas, was gestern und heute gilt, sondern dieses Wort ist ewig. Dieses Wort führt zu Gott, weil es bei Gott selbst immer war, weil es das Wesen selbst ist, das Gott in die Dinge hineingelegt hat.

[ 20 ] Es gibt aber noch ein anderes Verständnis, und das erwirbt man sich, wenn man jeden Tag immer wieder zurückkehrt zu dem bedeutsamen Wort: «Im Urbeginne war das Wort.» Wenn man anfängt, es nicht nur mit dem Verstande, sondern mit dem Herzen zu verstehen, so daß das Herz ganz eins wird mit diesem Wort, dann geht die Kraft auf, dann beginnt schon der Zustand, von dem Johannes spricht. Er schildert das mit großer Anschaulichkeit: «Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses Wort ist nichts von dem Entstandenen geworden.»

[ 21 ] Was finden wir in diesem Wort? Wir finden das Leben. Was erkennen wir durch das Leben? Durch das Licht? Ganz wörtlich müssen wir die religiösen Urkunden auffassen, wenn wir zu einer höheren Erkenntnis aufsteigen wollen. Wohin scheint das Licht, wenn der Mensch dazu kommt? In die Finsternis der Nacht. In diejenigen kommt es hinein, die schlafen. Es kommt in jeden hinein, der schläft. Aber die Finsternis hat es nicht begriffen - bis die Fähigkeit entstand, es auf dem astralen Plan wahrzunehmen. So ist auch der fünfte Satz wörtlich zu verstehen. Das astralische Licht scheint hinein in die Finsternis der Nacht, aber die Menschen sehen gewöhnlich nicht das Licht, sie müssen erst sehen lernen.

[ 22 ] Da für den Schreiber des Johannes-Evangeliums dies alles Wirklichkeit wurde, ging ihm auch das Licht auf, wer der war, dessen Schüler und dessen Apostel er war. Hier auf Erden hat er ihn gesehen. Nun hat er ihn auf dem astralen Plane wieder entdeckt, und er hat erkannt, daß der, welcher auf Erden im Fleisch gewandelt ist, von dem, was in seinem eigenen tiefsten Inneren lebt, nur durch ein Etwas unterschieden war. In jedem einzelnen Menschen lebt ein Gottmensch. In ferner Zukunft wird dieser Gottmensch aus jedem einzelnen auferstehen. So wie der Mensch heute vor uns steht, ist er in seinem äußeren Ausdruck mehr oder weniger ein Abdruck des inneren göttlichen Menschen, und dieser innere göttliche Mensch arbeitet fortwährend an dem äußeren Menschen.

[ 23 ] Ich habe bereits am letzten Donnerstag darauf aufmerksam gemacht, wie man sich das schon an der Oberfläche klarmachen kann. Sehen Sie sich ein Kind an. Sie mögen vielleicht sagen, in diesen naiven Zügen liege der Vater, die Mutter, ein Oheim oder ein Ahne. Aber alles, was innen ist, drückt sich in den Gesichtszügen aus, drückt sich in den Gesten der Hand, in den ganzen Bewegungen des Kindes aus. Es arbeitet sich heraus das, was in dem Kinde schlummert. Dann kommt endlich das Eigene heraus, die Physiognomie wird ein Abdruck der eigenen Seele, während vorher mehr der Gattungstypus zum Ausdruck kam. Im Wilden schlummert die eigene Seele gewöhnlich noch und hat nur ein spärliches Dasein. In vielen Inkarnationen arbeitet sich aber das Individuelle heraus, die Seele bekommt mehr Macht über den physischen Körper, die Physiognomie bekommt den Abdruck oder den Ausdruck des Inneren. Im Unreifen drückt sich wenig von der Gewalt der Seele aus. Reifer wird der Mensch, und reif ist er, wenn das innere Wort ganz Fleisch geworden ist, wenn das Äußere ein genauer Abdruck des Inneren geworden ist, so daß das Fleisch ganz durchgeistigt ist. Das hat er aber erst jetzt verstanden, nachdem ihm klar vor das astrale Auge getreten ist das höhere Selbst. Das stand auf dem astralen Plane vor dem Seelenauge des Johannes, und er erkannte: Das bin ich. Ich habe es heute nur auf dem astralen Plane erlebt, es wird aber allmählich herunterrücken, wie es bei dem geschehen ist, dem ich gefolgt bin. - Es ist die tiefe Verwandtschaft des Christus Jesus mit dem Gottmenschen, der in jedem Menschen veranlagt ist. Das ist das tiefe innere Erlebnis des Johannes. Das innere Selbst lebt im Menschen unbewußt, und es wird der Seele erst durch die geschilderten Vorgänge bewußt.

[ 24 ] Was heißt das: Etwas wird uns bewußt? Kann etwas in uns bewußt werden, das bloß in unserem Inneren lebt? Solange es bloß in unserem Inneren lebt, ist es uns nicht bewußt. Was subjektiv ist, was der Mensch in sich trägt, dessen ist er sich nicht bewußt. Ich möchte einen groben Vergleich gebrauchen, um das zu verdeutlichen. Sie alle haben ein physisches Gehirn, aber Sie sehen es nicht. Man müßte es herausschneiden, dann könnten Sie es sehen. Derselbe Grund, nur in einer etwas anderen Weise, liegt vor dafür, daß Sie Ihr höheres Ich nicht sehen. Es ist das Ich in Ihnen drinnen. Es muß aber heraus, wenn Sie es wahrnehmen sollen, und das kann nur auf dem astralischen Plan geschehen. Wenn es herausgeht und vor Ihnen ist, dann ist in geistiger Beziehung dasselbe geschehen, wie wenn Sie auf einen Teller ein physisches Gehirn legen und es zum Objekte Ihrer sinnlichen Anschauung machen würden.

[ 25 ] Diesen Vorgang schildert der Schreiber des Johannes-Evangeliums: Das eigene höhere Ich tritt vor ihn, das eigene höhere Ich, das in seiner Vollendung den Christus darstellt. Wenn Sie das wissen, dann erst werden Sie gewisse Andeutungen, gewisse Wahrheiten der ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums verstehen können. Einzelnes werden Sie sehr gut verstehen, wenn Sie nur das nehmen, was ich bis jetzt schon gesagt habe. Man bezeichnet in der okkulten Sprache dasjenige, worin zunächst dieses Ich wohnt, den physischen Körper, den es sich aufgebaut hat, um darin zu wohnen, als den Tempel. So daß man sagt: Die Seele wohnt in dem Tempel.

[ 26 ] Es ist nun keine ganz schmerzlose Prozedur, wenn die Seele zum ersten Male aus dem Tempel des Leibes herausgehen soll, so daß sie draußen sichtbar ist. Dieses Verlassen des Leibes ist nicht schmerzlos. Alles, was diesen höheren Zusammenhang mit dem physischen Leibe bildet, das sind nicht so leicht zu lösende Fesseln, was Sie sich ungefähr so vorstellen können: Nehmen Sie an, Sie sind mit einem Gegenstande durch Fesseln verbunden und reißen ihn los - Sie werden schmerzliche Eindrücke durch dieses Zerreißen haben. Das ist durchaus ein Vorgang wie ein Zerreißen, wenn der Astralleib herausgeht aus dem physischen Leib, wenn er wahrnehmbar herausgeht. Das Heraustreten beim Schlaf ist etwas anderes, da nimmt der Mensch überhaupt nichts wahr. Tritt er aber bewußt heraus, dann werden die Schmerzen wahrnehmbar.

[ 27 ] Wenn der Mensch nun anfängt, astral bewußt zu werden, dann treten ihm die Dinge auf dem Astralplan im Spiegelbild entgegen. 165 dürfen Sie nicht 165 lesen, sondern 561, also wie im Spiegelbild geschrieben. Alles erscheint im Astralplan umgekehrt. Sogar die Zeit ist umgekehrt. Wenn Sie einen Menschen auf dem Astralplan verfolgen, so gehen Sie zunächst aus von dem Orte, wo er ist. Dann können Sie zurückgehen bis zu seiner Geburt. Rückwärts können Sie ihn verfolgen; auf dem physischen Plane — vorwärts, auf dem astralen Plane - zurück. So erscheint uns das Heraustreten aus der physischen Körperlichkeit. Es ist, wie wenn wir den Tempel des Leibes verlassen würden und gepackt würden von allen Seiten. Das ist der ° Vorgang, den Johannes schildern will, der darin besteht, daß er aus sich herausgetreten ist, um den Christus, sein eigenes höheres göttliches Selbst, vor sich zu erleben. Die Menschen, die um ihn herum sind, sind so, daß sie streng, wie mit Fesseln, ihren Astralleib an ihren physischen Leib gefesselt haben. Wäre Johannes so geblieben wie sie, dann wäre er weiterhin an den physischen Leib gefesselt.

[ 28 ] Nun lesen Sie, wie dieser Vorgang bildlich, symbolisch im Johannes-Evangelium Kapitel 8, Verse 58 und 59, geschildert ist: «Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ehe denn Abraham ward, bin ich. - Da hoben sie Steine auf, daß sie auf ihn würfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tempel hinaus, mitten durch sie hindurchstreichend», durch die Hindernisse. Damit endet das achte Kapitel. Das ist der Vorgang des Heraustretens des Astralleibes aus dem physischen Leibe. Gewöhnlich dauert solch ein Vorgang, ein letzter Akt, der zu diesem Heraustreten führt, um den Menschen völlig sehend zu machen, drei Tage. Wenn diese drei Tage um sind, dann erlangt der Mensch ein ebensolches Bewußtsein auf dem astralen Plan wie früher auf dem physischen Plan. Dann vereinigt er sich mit der höheren Welt.

[ 29 ] Man nennt in der okkulten Sprache diese Vereinigung mit der höheren Welt die Hochzeit der Seele, die mit den Mächten der höheren Welt geschlossen ist. Wenn man herausgetreten ist aus dem physischen Leib, dann steht der physische Leib einem gegenüber wie dem Kinde, wenn es Bewußtsein haben könnte, bei der Geburt gegenüberstehen würde die Mutter, aus der es herausgeboren ist. So steht der physische Leib einem gegenüber, und es kann ganz gut der astralische Leib zum physischen Leibe sagen: Dies ist meine Mutter. Wenn er seine Hochzeit gefeiert hat, dann kann er das sagen, dann blickt er zurück auf die früher vorhanden gewesene Vereinigung. Nach drei Tagen kann das geschehen. So ist der okkulte Vorgang für den Astralplan. Kapitel 2, Vers 1, heißt es: «Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa; und die Mutter Jesu war da.» Das ist der bildliche Ausdruck für das, was ich eben gesagt habe. Am dritten Tage geschah das.

[ 30 ] Wenn der Mensch aus dieser Welt in die astrale Welt eingetreten ist, befindet er sich in einem Gebiete, aus dem ihn ein weiterer Aufstieg in eine noch höhere Welt, in die mentale oder devachanische Welt führt. Dieser Eintritt in die mentale oder devachanische Welt muß mit einem völligen Entwerden, einer Tötung der niederen Natur erkauft werden. Der Mensch muß durchgehen durch den dreitägigen Tod und dann auferweckt werden. Ist er auf dem Astralplan sehend geworden, sind ihm die Bilder auf dem Astralplan entgegengetreten, dann ist er auch reif geworden, wissend zu werden auf dem mentalen oder devachanischen Plan. Das ist so, daß man dann schildern kann seine Auferweckung auf dem devachanischen Plan. Das bewußte, gedankliche Sich-Finden auf dem höheren Plan für sein eigenes Selbst — das ist die Auferweckung des Lazarus.

[ 31 ] Auch diese Auferweckung des Lazarus schildert Johannes. Zuvor hat er gezeigt, daß man durch diesen ganzen Vorgang in die höhere Welt eintreten kann, daß dies die Tür ist zu den höheren Welten. In Kapitel 10, Vers 9, heißt es: «Ich bin die Tür; so jemand durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.» Das ist die Auferweckung dessen, was in Schlaf gehüllt war und nun auferweckt wird auf dem Devachanplan. Johannes macht sie durch. Johannes ist Lazarus, und Johannes will nichts anderes sagen als das, was in seinen ersten zwölf Kapiteln beschrieben ist: Als astrales Erlebnis hat er geschildert, daß er auferweckt war auf dem astralen Plan. Dann geschah die Einweihung für den devachanischen Plan. Drei Tage hat er im Grabe gelegen, und dann hateer die Auferweckung empfangen. Die Auferweckung des Lazarus ist die eigene Auferwekkung des Johannes, der das Evangelium geschrieben hat.

[ 32 ] Lesen Sie alles nach bis zu dem Kapitel über die Auferweckung des Lazarus, ob Johannes schon irgendwo vorkommt, ob irgendwo eine Andeutung von ihm zu finden ist. Sehen Sie Lazarus und Johannes an. Von Johannes heißt es: «Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische saß an der Brust Jesu, welchen Jesus lieb hatte.» Und gerade bei Lazarus finden Sie auch das Wort, daß der Herr ihn lieb hatte. Es ist dieselbe Individualität. Sie wird nicht erwähnt vor der Erweckung. Erst nachher tritt sie auf, nachdem sie «vom Tode auferweckt» worden ist.

[ 33 ] Das sind die Geheimnisse, die im Johannes-Evangelium schlummern. Der Jünger, den der Herr lieb hatte - das ist derjenige, den er selbst eingeweiht hat. Der Schreiber des Johannes-Evangeliums war derjenige, den der Herr lieb hat. Und wodurch war er imstande, das zu schreiben? Er war dadurch dazu imstande, daß er zuerst auf dem astralen Plan und dann auf dem Devachanplan eingeweiht worden ist. Wenn Sie so die Auffassung des Johannes-Evangeliums vertiefen, dann wird erst das Johannes-Evangelium in seiner wahren Tiefe verstanden werden, dann wird es zu einer der größten Urkunden, die jemals geschrieben worden sind. Es ist die Schilderung der Einweihung in die Tiefen des Seelenlebens. Geschrieben ist es darum, damit jeder das, was darin steht, nachleben kann. Und das kann man. Satz für Satz, Wort für Wort kann der Mensch in sich selbst bei seiner Erhebung auf den höheren Plan das finden, was im Johannes-Evangelium geschildert ist. Nicht eine Biographie des Christus Jesus ist es, sondern eine Biographie der sich entwickelnden Menschenseele. Und was geschildert ist, das ist ewig, und immer kann es sich in der Brust eines jeden Menschen ereignen. Ein Muster und Vorbild ist diese Schrift. Deshalb hat sie auch jene lebendige und erweckende Kraft, die den Menschen nicht nur zum Christen macht, sondern ihn die Auferweckung zu einer höheren Wirklichkeit nachvollziehen läßt. Nicht eine Bekenntnisschrift ist das Johannes-Evangelium, sondern eine Schrift, welche Kraft und selbständiges höheres Leben wirklich gibt. Das sprießt aus diesem Johannes-Evangelium, und wer es so aufnimmt, daß er es nicht bloß verstehen will, sondern es leben will, der hat dieses Johannes-Evangelium in der richtigen Weise verstanden.

[ 34 ] Nur mit wenigen Worten konnte ich auf das hindeuten, was darin enthalten ist. Das nächste Mal wollen wir auf Einzelheiten eingehen. Sie werden dann sehen, wie jeder einzelne Satz Ihnen eine Bestätigung sein kann für das, was wir heute in allgemeinen Umrissen über das Johannes-Evangelium gesagt haben. Sie werden dann nach und nach sehen, inwiefern sich dieses Johannes-Evangelium nicht bloß an den Intellekt des Menschen richtet, sondern an seine sämtlichen Seelenkräfte, und wie aus dem Johannes-Evangelium tatsächlich Seeleninhalte hervorsprießen.