Kosmogonie
Das Johannes-Evangelium
GA 94
26 Februar 1906, Berlin
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Das letzte Mal habe ich über die ersten zwölf Kapitel des JohannesEvangeliums gesprochen. Wir haben gesehen, daß das Lazaruswunder die Einweihung eines Menschen in die geistige Welt darstellt. Das Johannes-Evangelium ist so aufzufassen, daß jeder Satz in die höhere Welt weist. Wenn wir es in uns lebendig machen, lernen wir die christliche Einweihung kennen. Wer andere Formen der Schülerschaft kennt, wer weiß, daß es auch solche andere Einweihungswege gibt, der weiß auch, daß derjenige, der heute die Schülerschaft anstrebt, durch andere Methoden heraufgeleitet wird, wie sie ja auch den meisten von Ihnen bekannt sind. Diejenigen, die schon dem geistigen Leben nähergetreten sind, wissen, daß es noch eine esoterische Seite unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen gibt. Die christliche Einweihung besitzt Ähnlichkeit mit anderen Einweihungswegen, aber heute kann man diesen Weg nicht nachvollziehen. Wer ihn beschreiten will, muß dies an der Hand eines kundigen Lehrers tun, aber angesichts unserer heutigen normalen Lebensbedingungen fragt es sich, ob dieser Weg überhaupt noch möglich ist. Lassen Sie uns das Lazaruswunder noch einmal ins Gedächtnis rufen, und zwar nur in bezug auf die christliche Einweihung.
[ 2 ] Gehen wir vom gewöhnlichen Schlafzustand aus. Was geschieht mit dem Menschen, der schläft? - Wir haben es beim Menschen zu tun mit dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich. Was geschieht nun im okkulten Sinne mit dem Menschen im Schlaf? - Da bleibt im Bette der physische und der Ätherleib, und der Astralleib hebt sich mit dem Ich heraus und schwebt beim unvollkommenen Menschen in der Form eines Ringes, später in der Form des physischen Leibes über diesen. Der Astralleib ist nicht untätig, er hat etwas zu tun. Wenn der Mensch wach ist, durchwebt das Astralische den physischen Körper. Wenn es herausgetreten ist, dann arbeitet es am physischen Leibe, es hegt und pflegt ihn. Der Astralleib verhält sich zum physischen Leib so wie der Arbeiter zur Maschine, aber mit dem Unterschiede, daß der Arbeiter hier in der Maschine darin ist, er durchseelt die verschiedenen Teile, die er in Bewegung bringt. Aber dieses Gleichnis vom Arbeiter an der Maschine trifft besser zu, wenn der Mensch im Schlafe liegt: Es wirkt der Astralleib von außen. Und was tut er? Er gleicht durch seine Arbeit am physischen Leibe die Schäden aus, welche dieser während des Tages erleidet. Man ersieht daraus, welchen Nachteilen Menschen ausgesetzt sind, die einen schlechten Schlaf haben. Auf den Astralleib selbst haben Wesenheiten Einfluß, die dem dritten Elementarreich angehören. Wesenheiten aus dem zweiten Elementarreich machen sich über den Ätherleib des Menschen her, und solche, die dem ersten Elementarreich angehören, verschaffen sich Zugang zum physischen Leib, um ihn zu zerstören. Nur wenn der Astralleib während des Schlafes am physischen Körper arbeitet, werden die Zerstörungsvorgänge ausgeglichen.
[ 3 ] Die bloße physische Erkenntnis ist hier ohne Einfluß. Wenn der Mensch aber anfängt, an sich geistig zu arbeiten, dann muß er auch für die Tätigkeit des Astralen am Physischen die nötigen Vorbedingungen schaffen. Die Meditation wirkt sich auf die Arbeit des astralichen Leibes am physischen und Ätherleib in der Nacht aus. Es dürfen nur gute Wesen Zugang zum Menschen finden. Wer die Einweihung sucht, muß sich die größtmögliche Ruhe verschaffen. Dazu gehört, daß er alle Aufregungsmittel, namentlich Alkohol meidet. Zu den Voraussetzungen eines jeden höheren Strebens zählt die Gedankenkontrolle, ein sittlich einwandfreies Leben und eben das Bestreben, sich nicht jeder Gemütsbewegung, weder dem Schmerz noch der Freude, hinzugeben, sondern ein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Damit wird auch die Möglichkeit herbeigeführt, daß gute Wesen tätig sind, wenn der Astralleib während des Schlafes am physischen und Ätherleib arbeitet.
[ 4 ] Bei der Einweihung, wie sie im Johannes-Evangelium beschrieben ist, geht der Astralleib zusammen mit dem Ätherleib aus dem physischen Leib heraus. Dieser bleibt dann wie im Tode zurück. Das liegt zugrunde, wenn geschildert wird, daß Lazarus drei Tage im Grabe lag. Das Lazaruswunder ist also das Bild einer Einweihung. Es handelt sich darum, den Astral- und Ätherleib wieder in den physischen Leib zurückzuführen. Das vollbringt der Meister. Der Mensch ist jetzt ein Auferweckter, der sich an die Erlebnisse in den höheren Welten erinnern kann. Das ist bei jedem Menschen möglich. Was aber in alten Zeiten eine Prozedur von dreieinhalb Tagen war, vollzieht sich heute auf andere Weise. Das Ergebnis ist das gleiche, doch wird es mit anderen Methoden erreicht.
[ 5 ] Der Schüler des christlichen Einweihungsweges hatte sieben Prüfungen durchzumachen. Das waren nicht nur physische, sondern geistige Erlebnisse. Wer sie durchgemacht hatte, wußte, daß außerhalb des Leibes reale Erfahrungen möglich sind. Auf der ersten Stufe erfährt der Schüler, wie der Mensch das geworden ist, was er heute ist. Das wurde durch das folgende Gleichnis bewirkt: Die Pflanze muß einen mineralischen Boden haben. Das Mineralische steht zwar tiefer als die Pflanze, aber die Pflanze muß sich niedersenken und sagen: Dir, Stein, der du zwar niedriger bist als ich, verdanke ich mein Dasein, mein Leben. — Höher als die Pflanze steht das Tier. Es atmet Sauerstoff ein und Kohlenstoff aus, sonst kann es nicht leben. Die Pflanze atmet den Sauerstoff aus. Das Tier muß zur Pflanze sagen: Zu dir, Pflanze, neige ich mich in Demut, denn ohne dich könnte ich nicht sein. -— Und so verhält sich der höher stehende Mensch zum niedriger stehenden. Auch er muß zu diesem sagen: Ohne daß du da bist, bin ich nicht. — Mit diesem Gefühl muß man sich ganz durchdringen und sich in Demut neigen. Aus seinem tiefsten Erleben heraus muß der Mensch sich beugen können vor denen, die niedriger sind als er. Das ist die Fußwaschung, die erste Stufe der christlichen Einweihung: Christus neigt sich vor den Jüngern und wäscht ihnen die Füße. Was hier durchlebt wird, stellt ein Symbol der höheren Welt dar. Wer geistig in dieser höheren Welt leben kann, wer das geschilderte Gefühl ausgebildet hat wie Lazarus, der erlebt die Fußwaschung in der höheren Welt. Wer die Erniedrigung in der physischen Welt erlebt, der erlebt in einer höheren Welt die Fußwaschung. Dieses Erlebnis zeigt ihm an, daß er die erste Stufe auf dem Wege zur Einweihung erreicht hat. Auch im Körperlichen drückt sich das aus: er hat ein Gefühl, als wenn ihm alle Muskeln neu gestärkt würden. Stählen der Muskeln nach dem Gefühl der Erniedrigung, das entspricht der ersten Stufe.
[ 6 ] Die zweite Stufe der christlichen Einweihung sind Geißelung und Backenstreiche. Der Mensch muß lernen, das, was ihm früher weh getan hat, ruhig zu ertragen, die Schmerzen der Welt auf sich zu nehmen. Das drückt sich ebenfalls in der höheren Welt aus: diese Seelenstärke symbolisiert sich als Geißelung und wie wirkliche Schläge. Dann fühlt der Schüler eines Tages eine Art Stechen am ganzen Leibe, ein Zeichen, daß er bestanden hat. Das ist ein reales Erlebnis, das der Mensch durchmacht, der aus eigener Erfahrung den Weg geht. Die hohen Mystiker haben das erfahren. Ein solcher Mensch hat also die zweite Stufe erreicht.
[ 7 ] Die dritte Stufe ist die Dornenkrönung. Sie ist damit verbunden, daß man nicht nur Schmerzen, sondern sogar Verachtung von seinen Mitmenschen erträgt. Man muß Festigkeit erringen, um die Auslöschung zu ertragen, wenn niemand mehr da ist, der einem Mut und Stärke geben kann, als man selbst, wenn einem gar kein Wert mehr beigemessen wird und man doch innerlich aufrecht bleibt. So muß das erlebt werden. Das lebt sich aus in der geistigen Welt wie die Dornenkrönung: der Mensch sieht sich selbst mit der Dornenkrone. Am physischen Leib werden Schmerzen am Kopf empfunden. Das Gehirn macht Veränderungen durch, ein Vorgang, der auch später während des Wachzustandes bemerkbar wird.
[ 8 ] Der vierte Grad ist die Kreuzigung. Das wird dadurch erlebt, daß der Mensch lernt, seinen eigenen Leib wie einen fremden Gegenstand zu empfinden, etwa wie ein Stück Holz. Er verbindet sein Ich nicht mehr mit seinem Leibe. In der geistigen Welt sieht er sich mit dem Kreuz auf dem Rücken. Damit ist die vierte Stufe erreicht. Physisch drückt sich dies als Stigmatisierung aus: die Wundmale treten auf. Bei gewissen Heiligen ist das keine Sage, sondern es bezeichnet, daß sie diese vierte Stufe erreicht haben. Solche Heiligen sind Kreuzträger.
[ 9 ] Ist der Mensch so weit gediehen, so gelangt er zur fünften Stufe. Das ist der mystische Tod. Dem Schüler scheint die ganze Welt wie mit einem Schleier verdeckt zu sein. Alles um ihn her hat seinen alten Wert verloren. Während er sich so in der Finsternis fühlt, zerreißt plötzlich der Vorhang, und der Mensch beginnt, die geistigen Urziele zu schauen. Er blickt in eine ganz neue Welt hinein. Zugleich lernt er erkennen, was auf dem Grunde der menschlichen Seele liegt. Er wird ein Zweiter neben sich und sieht auf sein niederes Ich herab, das er getrennt von sich erschaut. Sein Leib ist die Mutter, die er unter sich stehen sieht, und das verwandelte niedere Ich ist der Jünger, der Zeugnis davon ablegt, daß der Christus lebt. Nun kann das höhere Ich zu dem niederen Ich sagen: «Siehe, das ist deine Mutter!»
[ 10 ] Wenn der Mensch diese fünfte Station durchgemacht hat, kann er zur sechsten, der Grablegung und Auferstehung, fortschreiten. Alles, was zum Planeten gehört, wird zum Leib des christlichen Mystikers. Er fühlt auf dieser Stufe, als ob die ganze Erde zu ihm gehört. Der Mensch hat aufgehört, ein Sonderwesen zu sein, er ist eins mit dem ganzen Erdenleben. Mit ihm ist er innerlich durch die Grablegung verbunden. Das Grab wird zur Quelle seiner Erfahrung: Mensch und Tier, Pflanze und Stein um ihn umher werden durchsichtig. Er hat sein Sondersein verloren, aber er hat das Leben der ganzen Erde, ihr höheres Leben, in sich aufgenommen. Die siebente Stufe wird die Himmelfahrt genannt. Sie bedeutet die völlige Aufnahme in die geistige Welt.
[ 11 ] Das Johannes-Evangelium ist eine Schilderung dieses christlichen Einweihungsweges. Wer es als einen äußeren Bericht nimmt, versteht es nicht. Es ist erst zu verstehen, wenn der Mensch es innerlich durchlebt. In diesem Sinne sagt Angelus Silesius:
Wenn du dich über dich erhebst und läßt Gott walten
So wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten.
[ 12 ] Wie kein Wesen das äußere Sonnenlicht sehen kann, wenn ihm nicht die Augen aufgeschlossen sind, so kann niemand das Geheimnis von Golgatha verstehen, wenn er es nicht innerlich erlebt. Erst wenn der Mensch zu einem solchen inneren Erleben gelangt, wird er einsehen, warum die Zeitrechnung in zwei Teile, vor und nach Christus, zerfällt.
[ 13 ] Das Christentum erlangt erst seine wahre Bedeutung, wenn es als innerer Weg durchgemacht wird. Das Johannes-Evangelium ist eine Schrift, die Satz für Satz erlebt werden kann. Und wer es erlebt hat, weiß, daß äußere Kritik gar keine Bedeutung hat. In dem Augenblick verschwindet jede Kritik, jeder Zweifel schwindet, wenn der Mensch weiß: du sollst das, was geschrieben steht, durch und durch erleben. Jede Zeile kann innerlich durchlebt werden.
