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Kosmogonie
Das Johannes-Evangelium
GA 94

5 März 1906, Berlin

Dritter Vortrag

[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir einzeln über das Johannes-Evangelium anstellten, haben uns tief, sehr tief in das Wesen der christlichen Weltanschauung hineingeführt und uns auch gelehrt, welche tiefe mystische Kraft in der wirklichen Durchdringung der christlichen Urkunde liegt. Wir haben gesehen, daß das Johannes-Evangelium nicht bloß so gelesen werden soll wie eine äußere Geschichte, wie eine Nachricht oder eine Mitteilung, sondern daß es gelesen werden soll wie eine Lebensschrift, so daß jeder Satz, wenn wir ihn lebendig aufnehmen, in uns etwas verwandelt.

[ 2 ] Wir haben die sieben Stufen des geistigen Aufstiegs in diesem Johannes-Leben betrachtet. Heute möge ein kleiner Nachtrag uns zeigen, wie tief solche Dinge doch zu nehmen sind. Ich möchte Ihnen an einzelnen Beispielen zeigen, daß es wirklich nicht etwas Untergelegtes ist, was ich als einen so tiefen Sinn versuchte herauszuschälen aus dem Johannes-Evangelium, sondern daß wir mit den Mitteln der sogenannten Geheimlehre, mit den Mitteln des Okkultismus erst manche Dinge, die sonst dunkel und unverständlich erscheinen müssen, verstehen lernen. Ich darf Sie zunächst einmal an etwas erinnern, was ich schon öfter vorgebracht habe, nämlich daran, welches die sieben Einweihungsstufen waren gerade in derjenigen Zeit, in welche die Geburt des Christentums hineinfiel.

[ 3 ] Wir haben die christliche Einweihung letztes Mal kennengelernt. Aber nicht nur ist durch das Christentum eine innere Einweihung möglich geworden, sondern es gab zu allen Zeiten, seitdem es Menschen in unserem Sinne auf der Erde gibt, die Möglichkeit, ein Eingeweihter zu werden, höhere Stufen des menschlichen Daseins zu erklimmen. Durch das Christentum sind alle diese Dinge noch mehr verinnerlicht worden. Der Mensch kann viel, sehr viel erreichen, seitdem das Christentum uns Urkunden gegeben hat, wie das Johannes-Evangelium eine ist, die er nur in sich wirken zu lassen braucht, in sich lebendig werden zu lassen braucht, um hinaufzusteigen zu gewissen Höhen. Solche Urkunden aber, wie sie das Christentum den Menschen in die Hand gegeben hat, gab es eigentlich vor der Entstehung des Christentums nicht. Da mußte man in geheime Einweihungstempel oder Kultstätten eingeführt werden, und nach den verschiedensten Völkern waren die untersten Stufen der Einweihung verschieden. Sie können sich aber denken, daß man dann über alle nationalen Eigentümlichkeiten hinauskommit. Die höheren Stufen waren deshalb bei allen Völkern, auch des Altertums, gleich.

[ 4 ] Ich möchte die sieben Einweihungsstufen noch einmal nennen, wie sie in der persischen Mithras-Einweihung vorhanden waren. Das war eine Einweihungsart, die in ganz Vorderasien, auch über Griechenland und Rom hinaus, sogar bis in die Gegend des Donaugebietes, gepflegt worden ist. Sie wurde noch lange über die Zeit hinaus ausgeübt, in der das Christentum entstanden ist. Lange konnte man diese sieben Stufen durchmachen, auch in den Geheimkulten und Tempeln Ägyptens, die oft in Felsen hineingebaut waren. Sie waren niemandem zugänglich als denjenigen, die als geläuterte Schüler und Eingeweihte nach strenger Prüfung damit bekannt geworden waren. Zuerst gab es den Grad des «Raben». Als Rabe trug der Einweihungsschüler diejenigen Kenntnisse, die in der sinnlichen Außenweltgewonnen werden können, in das geistige Leben hinein. In den Mythen und Sagen hat sich der Begriff des Raben erhalten. Da gibt es die Raben des Wotan, die Raben des Elias, und auch in der deutschen Barbarossa-Sage sind die Raben die Vermittler zwischen dem im Berge verzauberten Kaiser und der Außenwelt. In den Mithras-Mysterien war also die Bezeichnung Rabe die Umschreibung für einen Einweihungsgrad.

[ 5 ] Der zweite Grad war der des «Okkulten». So hießen diejenigen, welche schon einige wichtige, wesentliche okkulte Geheimnisse ausgeliefert erhielten.

[ 6 ] Der dritte Grad war der des «Streiters». Das waren Eingeweihte, in denen das höhere Selbst schon bis zu einem solchen Grade erfühlt wird, daß ihnen Sprüche von der Art, wie Sie sie in der zweiten Abteilung von «Licht auf den Weg» finden können - «Tritt zur Seite im kommenden Kampfe, und so du auch streitest, sei du nicht der Streiter» -, verständlich werden. Diese Sprüche verstehen kann erst ein im dritten Grade Eingeweihter. Damit soll nicht gesagt werden, daß sich nicht jedermann ein gewisses Verständnis aneignen kann. Jeder hat ein höheres Selbst, und wenn der Mensch imstande ist, sein niederes Selbst zu verleugnen und das, was er als niederes Selbst ist, in den Dienst des höheren Selbst zu stellen, so kann er in gewisser Weise sagen: So du auch streitest, bist du nicht der Streiter. - Aber erst dann, wenn der Mensch einen bestimmten Entwickelungsgrad erlangt hat, weiß er genau, was dieser Satz bedeutet. Dann fallen sogar Interessen ab, die man sonst als höhere Interessen bezeichnet. Sie werden bloße niedere Interessen und bloße Diener des Streiters.

[ 7 ] Der vierte Grad ist dann erreicht, wenn völlige innere Harmonie und Ruhe, Ausgeglichenheit und Kraft erlangt ist. Man nennt diese Stufe der Einweihung den Grad des «Löwen». Ein solcher Eingeweihter hat das okkulte Leben soweit in sich verwirklicht, daß er nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten für das Okkulte eintreten darf.

[ 8 ] Indessen geht das Bewußtsein eines Menschen, der durch diese vier Stufen hindurchschreitet, immer weiter und weiter. Es identifiziert sich mit immer größeren und größeren Menschengruppen. Es haben alle diese Ausdrücke noch eine geheime Bedeutung. Nehmen Sie den Ausdruck «der Okkulte». Der Mensch, wie er gewöhnlich vor uns steht, um was handelt es sich bei ihm? Es handelt sich bei ihm um das, was in ihm ist. Als Rabe, als ein im ersten Grade Eingeweihter, sucht er zu überwinden, was nur in ihm ist; dann werden seine Interessen weiter. Was die Menschen seiner nächsten Umgebung sind, was diese empfinden, was sie wollen, das wird zu gleicher Zeit seine Empfindung und sein Wille. Die Ausdrücke sind geprägt worden in Zeiten, in denen es noch menschliche Gemeinschaften gab, die man als Sippen, als erweiterte Familien betrachtete. Was sagte man sich zum Beispiel von einer Sippe, von einer gemeinsamen Familie? Man sagte sich, das sind die Glieder einer Seelenfamilie bis zu einem gemeinschaftlichen Vorfahrenpaar hinauf. So betrachtete man eine solche Sippe als die Glieder eines verborgenen Ichs, als die Glieder einer Seelenfamilie.

[ 9 ] Jeder, der im zweiten Grade eingeweiht war, der Okkulte, hatte sein Ich veredelt bis zu dem Ich seiner Gemeinschaft, so daß er deren Interessen zu den seinigen machte. Das Okkulte einer Menschengemeinschaft vermochte in ihm zu leben. So wurde eine solche Menschengemeinschaft, deren Ich der einzelne Eingeweihte zu seinem Ich machte, die Wohnstätte für ihn. Der Streiter kämpfte für die größere Gemeinschaft. Im alten Palästina bezeichnete man denjenigen, der sich aufgeschwungen hatte, einen ganzen Stamm, das Bewußtsein eines ganzen Stammes, das Ich eines ganzen Stammes in sich aufzunehmen, als einen «Löwen». Der Löwe aus dem Stamme Juda, das ist ein Ausdruck für denjenigen, der auf einer solchen Einweihungsstufe angekommen war, daß er das Ich des ganzen Stammes aufgenommen hat.

[ 10 ] Der Eingeweihte des fünften Grades hatte seine Persönlichkeit soweit überwunden, daß er die Volksseele in sich aufnehmen konnte. In ihm lebte der Volksgeist. In Persien nannte man einen solchen Eingeweihten «Perser», in Griechenland würde man einen solchen Eingeweihten einen «Griechen» genannt haben, wenn es Gebrauch gewesen wäre. Was bedeutet also dieser Grad? Alles Einzelne ist für ihn geschwunden, und sein Bewußtsein ist identisch geworden mit dem Ganzen. Das ist ein höheres Bewußtsein.

[ 11 ] Heute ist es nicht so. Wir gehen heute durch die Zerklüftung aller Gemeinschaften ganz anderen Stufen der Einweihung entgegen. Aber es hatte noch Bedeutung, als das Christentum entstand, wo von Seelen, im fünften Grade eingeweiht, die Rede ist. Davon können Sie sich im Johannes-Evangelium überzeugen. Ich bitte Sie, im Johannes-Evangelium zu lesen Kapitel 1, Vers 45:

[ 12 ] «Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und siehe es! Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht zu ihm: Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist.»

[ 13 ] Nathanael ist hier als ein Eingeweihter im fünften Grad bezeichnet. Er hat also kennengelernt dasjenige, was für uns Menschen die Kraft des Lebens ausmacht, den Baum des Lebens. Früher schon genießt man die Frucht von dem Baume der Erkenntnis. Die Frucht vom Baume der Erkenntnis genießt man, wenn man überhaupt zu sich «Ich» zu sagen vermag. Wenn aber das Höhere, das Geistige im Menschen erwacht, dann kann es dazu kommen, daß der Gott den Menschen behüten will. Sorge des Jehova war, daß die Menschen, nachdem sie von dem Baum der Erkenntnis genossen, nicht auch noch von dem Baume des Lebens genießen, wozu sie noch nicht reif sind. Der im fünften Grade Eingeweihte lernt aber das, was die Sorge gering macht und was über allen Tod und über alle Vergänglichkeit erhebt: das ist das geistige Element.

[ 14 ] Wie kann dieses geistige Element sich im Menschen festsetzen? Dieses geistige Element ist für jeden, der tiefer in die Theosophie eindringt, etwas, was die ganze Welt durchflutet. Für denjenigen, der in den höheren Welten zu schauen vermag, drückt sich alles dasjenige, was zunächst ein innerer Entwickelungszustand ist, auch auf den höheren Planen, zuerst auf dem astralen Plan, als ein Bild aus. Wenn nun der Mensch den fünften Grad der Einweihung erlangt hat, dann sieht er immer ein Bild auf dem astralen Plan, das er früher nicht gesehen hat, nämlich das Bild eines Baumes, das Bild eines sich verästelnden weißen Baumes. Man nennt dieses Bild auf dem astralen Plan, das Sie als ein Sinnbild für die Einweihungsstufe des fünften Grades der Einweihung nehmen wollen, den Lebensbaum. Von dem, der es erreicht hat, wird gesagt, daß er unter dem Lebensbaume saß. So saß auch der Buddha unter dem Bodhibaum und Nathanael unter dem Feigenbaum. Das sind Ausdrücke für die Bilder auf dem astralen Plan. Das, was da gesehen werden kann, sind Spiegelungen für innere, jetzt auch körperlich innere Dinge. Dieser Bodhibaum ist nichts anderes als das astrale Spiegelbild des menschlichen Nervensystems. Der Mensch, der den Blick nach innen zu richten vermag durch die Einweihung, der sieht in die astrale Außenwelt sein Innenleben bis auf das Körperliche hineingespiegelt. Sie sehen, was hier gesagt werden soll, in diesem Kapitel des Johannes-Evangeliums: Nathanael soll angeredet werden als ein Sachverständiger. Es soll darauf hingewiesen werden: wir verstehen uns. «Jesus spricht zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.» Das heißt: Wir sind Brüder des fünften Einweihungsgrades. Es ist eine Erkennungsszene der Eingeweihten. «Nathanael spricht zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.» Sie sehen, die Erkennung ist vollzogen. Jesus antwortet ihm gleich darauf, daß er sich erweisen werde nicht nur im fünften Grade eingeweiht, sondern noch als ein anderer. Er sagt: «Du glaubest, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres denn das sehen!»

[ 15 ] Weiter möchte ich Sie hinlenken auf das Gespräch mit Nikodemus, welches Sie finden können im dritten Kapitel. Da wird das bedeutsame Wort gesprochen: «Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.» Was heißt das: von neuem geboren werden und das Reich Gottes sehen? — Das heißt, sein höheres Selbst auferweckt haben, das heißt, so geboren werden, daß der ewige Wesenskern erwacht ist. Was heißt eintreten in das Himmelreich? Das heißt, nicht nur die Spiegelung des Devachan hier sehen, wie es sich durch die physischen Augen darstellt, sondern unmittelbar dieses Reich sehen. Das kann nur derjenige, der nicht bloß für diese physische Welt geboren ist, sondern der zum zweiten Male geboren wird.

[ 16 ] Nehmen Sie das, was ich schon einmal als Vergleich gebraucht habe, das aber mehr ist als ein Vergleich. Nehmen Sie es in gewissem Grade wörtlich. Geboren werden heißt: übergehen von dem Embryonalzustand zu dem Zustande, in dem man mit Sinnen die Außenwelt wahrnimmt. Derjenige, welcher nicht den Embryonalzustand durchmachen würde, könnte niemals reif sein, geboren zu werden. Wer diesen Zustand kennt, der weiß auch, daß das gewöhnliche Leben ein Embryonalzustand für das höhere Leben ist. Das führt uns tief hinein in die Bedeutung des gewöhnlichen Lebens. Sehr leicht könnten diejenigen, welche den Blick richten auf die geistige Welt, die Überzeugung gewinnen, daß es eine solche geistige Welt gibt, und daß der Mensch ein Bürger dieser geistigen Welt ist; sie könnten diese physische Welt mißachten und glauben, der Mensch könnte nicht schnell genug diese Welt verlassen, sich abtöten, um bald in die geistige Welt zukommen. Das ist nicht die richtige Erkenntnis. Das ist geradeso unsinnig, wie wenn man den menschlichen Keim nicht ausreifen lassen wollte, sondern ihn mit zwei Monaten holen wollte, damit er hier leben könne. Genau ebenso muß man für das höhere Leben reifen, reif werden. Das ist derjenige, der sein höheres Selbst ausgebildet hat. Hier in dieser physischen Welt ist die Ausbildungsstätte. Der, welcher das Ich hier ausgebildet hat, ist reif, einzutreten in die Reiche der Himmel, das heißt, wiedergeboren zu werden. Der Mensch muß durch Geburt und Tod immer wieder hindurchgehen, bis er sein volles Maß der Reife erlangt hat, um dann Eintritt zu erhalten in das geistige Reich selbst, so daß er dann keine physischen Organe mehr braucht. Daher müssen wir es einsehen, daß alles das, was unsere Augen und Ohren und die anderen Sinne hier leisten, Leistungen sind für das höhere Leben.

[ 17 ] Gewiß, wir haben oft und oft davon gesprochen, daß der Mensch höhere Sinne heranbilden muß, daß er die Chakrams oder heiligen Räder ausbilden muß, die ihn befähigen, in die geistige Welt zu kommen und sie zu sehen. Aber wodurch erlangt er diese heiligen Räder? Durch seine Arbeit hier auf dem physischen Plan. Hier ist die Zubereitungsstätte dafür. Was wir hier arbeiten, das bereitet uns die Organe für eine höhere Welt vor. So wie im Leibe der Mutter vorbereitet wird der Mensch, so wird im Leibe der großen Weltenmutter - und da sind wir, wenn wir unser physisches Leben führen -, im Leibe der großen Mutter vorbereitet dasjenige, was uns fähig machen muß, zu schauen und zu handeln in den höheren Welten. Es ist daher vollständig berechtigt, von einer höheren Welt zu sprechen und sie höher zu schätzen als unsere niedere Welt. Aber wir dürfen diesen Ausdruck nur in technischem Sinne nehmen. Alle Welten sind im Grunde genommen gleichberechtigte Ausgestaltungen des höchsten Prinzipes. Keine Welt dürfen wir so ansehen, daß wir sie verachten. So kommen wir dazu, daß wir uns richtig zu den niederen und richtig zu den höheren Welten verhalten. Das bildet die Voraussetzung für das dritte Kapitel des Johannes-Evangeliums.

[ 18 ] Wir müssen uns klar sein darüber, daß Jesus zu Nikodemus von einer richtigen Wiedergeburt spricht, und daß er ihn vor allen Dingen mahnen will, daß das gewöhnliche Leben unter diesem Gesichtspunkte als ein höheres Leben geboren werden soll und so betrachtet werden muß. Wer intimer liest und genauer betrachtet dieses Kapitel, der wird sehen, daß es sich um eben dies handelt.

[ 19 ] Am meisten haben gewisse Kreise einzuwenden gegen die Theosophie, weil sie die Wiederverkörperung lehrt, das allmähliche Heranreifen des Menschen zu der Wiedergeburt durch die wiederholten Erdenleben hindurch. Es wird gesagt, daß das Christentum nichts wisse von dieser Lehre der Wiedergeburt. Zunächst gibt es gerade im Johannes-Evangelium ein deutliches Zeichen dafür, daß Jesus, wenn er mit seinen Jüngern intim sprach, die Wiederverkörperung lehrte. Man kann nämlich mit dem neunten Kapitel - Heilung eines Blindgeborenen am Sabbath - nur dann einen Sinn verbinden, wenn man die Lehre von der Wiederverkörperung zugrunde legt. Man muß bedenken, daß er in der Sprache, die damals üblich war, sprach. Es war dazumal in Griechenland nicht üblich, anders zu sprechen als von der Kraft, die den Menschen im Innersten durchsetzt und im Innersten vorwärtsbringt. Die menschenbildende und menschenentwickelnde Kraft: das war für die Griechen der Gott, und auch bei allen Völkern der damaligen Zeit. Einen bloß äußeren Gott, einen Gott im Jenseits, kannten solche Zeiten noch gar nicht. Deshalb bezeichnete man vor allen Dingen das, was im Menschen lebt, als den Gott im Menschen. Wenn man also von dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs spricht, dann ist das höhere Selbst gemeint. Sie verstehen das Alte Testament nur, wenn Sie wissen, daß der Gott so aufzufassen ist. Auch Jesus spricht, wenn er zu seinen Jüngern intim spricht, von dem im Menschen lebenden Gott: «Seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist? — Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern daß die Werke Gottes offenbar würden an ihm.»

[ 20 ] Diese drei Sätze sprechen klar genug. Es hat weder er gesündigt, also der physische Teil nicht, und auch seine Eltern nicht; daher gilt auch nicht das jüdische Gesetz, daß Gott die Sünden der Väter bis zum soundsovielten Gliede heimsucht. Aber die Werke des Gottes im Menschen sollen sichtbar werden, das heißt des Selbstes im Menschen, das durch alle Verkörperungen hindurchgeht. Es sind so klar wie nur möglich die Worte, die Jesus in dieser Weise zu seinen Jüngern gesprochen hat. Sie kennen ja die orthodoxe Auslegung. Denken Sie nur einmal, wenn jemand voraussetzen wollte, was hier gesagt werden sollte: Gottes Herrlichkeit solle an einem Blinden offenbar werden. -— Das setzt voraus, daß man veranstaltet hätte, daß einer blind geworden wäre, damit Jesus ihn kurieren kann, damit Gottes Herrlichkeit offenbar werden kann. Ist das mit einem vertieften Christentum verträglich? Nein. Denn das würde das Christentum im moralischen Sinne herabwürdigen. Theosophisch interpretiert, hat dieses Bild einen großen, einen schönen und herrlichen Sinn.

[ 21 ] So war es immer, wenn Jesus mit den Jüngern intim sprach. Daß das so war, das enthüllt sich vor allen Dingen bei einer Szene, die wir die Verklärungsszene nennen. Die steht aber nicht im JohannesEvangelium. Sie finden diese Verklärungsszene bei Matthäus im siebzehnten Kapitel, bei Markus im neunten Kapitel; bei Johannes finden wir sie nicht. Das einzige, was wir bei Johannes finden, das darauf Bezug haben könnte, ist die Stelle im zwölften Kapitel, Vers 28: «Vater, verkläre deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verkläret und will ihn abermals verklären.» Und weiter, Vers 31: «Jetzt geht das Gericht über die Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und Ich, wenn Ich erhöhet werde von der Erde, so will Ich sie alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um zu deuten, welches Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben gehört im Gesetz, daß Christus ewiglich bleibe; und wie sagst du denn: des Menschen Sohn muß erhöhet werden? Wer ist dieser Menschensohn? Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, dieweil ihr das Licht habt, daß euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingehet. Glaubet an das Licht, dieweil ihr es habt, auf daß ihr des Lichtes Kinder seid.»

[ 22 ] Bei allen Evangelisten finden Sie die Verklärungsszene, bei Johannes nicht. Das wird uns tiefer in diese Szene hineinführen. Machen wir uns den Sinn der Verklärungsszene ganz klar. Was geschieht da? Jesus geht mit drei Jüngern, mit Petrus, Jakobus und Johannes, auf den Berg, das heißt ins innere Heiligtum, da wo man eingeweiht wird in die höheren Welten, wo man also in okkulter Sprache spricht. Wenn gesagt wird: Der Meister ging mit seinen Jüngern auf den Berg-, so heißt das, er ging an den Ort, wo er ihnen das Gleichnis auslegte. Die Jünger wurden entrückt in einen höheren Bewußiseinszustand. Sie sehen darin, was nicht vergänglich, sondern ewig ist. Moses und Elias erscheinen, und Jesus selbst unter ihnen. Was heißt das? In der Geheimwissenschaft heißt das Wort Elias dasselbe wie EL — das Ziel, der Weg. Moses ist das geheimwissenschaftliche Wort für Wahrheit. Indem also Elias, Moses und in der Mitte Jesus erscheint, so haben Sie darin die urchristliche Wahrheit: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Jesus selbst sagt - das ist eine urchristliche mystische Wahrheit -: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.»

[ 23 ] Alledem liegt zugrunde, daß hier das Ewige gegenüber dem Zeitlichen vor Augen geführt wird, daß die Jünger hineinsehen in eine Welt, die jenseits dieser Welt liegt. Da sagten sie hinterher zu dem Meister: Das alles sollte doch erst geschehen, wenn Elias wiedergekommen ist. - Also sie sprachen mit ihm so, als ob es selbstverständlich wäre, daß es eine Wiederverkörperung gibt, wie auch an verschiedenen Stellen des Evangeliums die Lehre von der Wiederverkörperung besprochen wird. Johannes frägt: Bist Du der wiedererstandene Elias. - Da sagt ihm der Meister: «Elias ist wiedergekommen.» - Johannes der Täufer ist Elias. —- «Die Menschen haben ihn nur nicht erkannt.» — «Saget es aber niemandem, bis ich wiederkomme.» - Da haben Sie die allgemeine, weisheitsvolle, religiöse Wahrheit der Wiederverkörperung ausgesprochen im intimen Gespräch zwischen dem Meister und seinem Schüler. Zu gleicher Zeitistes eingesetzt wie eine Art Testament: Saget es niemandem, bis ich wiederkomme. —- Diese Wiederkehr deutet auf eine sehr viel spätere Zeit, auf die Zeit, wenn alle Menschen durch ihr höheres Verständnis den Christus wiedererkennen werden. Wenn das der Fall ist, dann wird er ihnen wiedererscheinen.

[ 24 ] Diese Zeit wird gerade durch die theosophische Weltanschauung vorbereitet. Der Christus wird wiedererscheinen in der Welt. Für diese Zeit aber soll die Lehre von Wiederverkörperung und von Karma als populäre Lehre aufgespart werden. Jetzt aber sollten die Menschen von der Lehre von Reinkarnation und Karma nichts wissen, dadurch sollten sie veranlaßt werden, das Leben zwischen Geburt und Tod als etwas besonders Wertvolles und Wichtiges zu nehmen. Alle Stadien der Lebenserfahrung müssen durchgemacht werden von den Menschen. Bis zu Christi Zeit war es so, daß man allgemein sprach von Wiederverkörperung. Das Leben zwischen Geburt und Tod war nur eine vorübergehende Episode. Nun sollte der Mensch aber lernen, dieses Leben hier auf der Erde als etwas Wichtiges zu betrachten. Eine radikale Ausgestaltung dieser Lehre war die Lehre von der ewigen Strafe und der ewigen Belohnung. Das ist eine ganz radikale Ausgestaltung. Worauf es ankam, war das, daß jede Menschenindividualität, jeder Menschengott, durchgehen sollte durch eine Inkarnation, in der er nichts weiß von Reinkarnation und Karma, durch eine Inkarnation, in der er das Leben zwischen Geburt und Tod aber als eminent wichtig erkenne.

[ 25 ] Wenn Sie die theosophischen Bücher durchgehen, so werden Sie finden, daß die Zeit zwischen zwei Inkarnationen fünfzehn bis achtzehn Jahrhunderte ist. Das ist ungefähr die Zeit zwischen Jesu Geburt und unserer Zeit. Die zu jener Zeit gelebt haben, erscheinen jetzt wieder. Sie können also jetzt die neue Lehre wieder aufnehmen. Daher ist die theosophische Weltanschauung auf dem Berge Tabor vorbereitet durch den Christus Jesus. Wenn wir die Weltgeschichte im großen betrachten, dürfen wir nicht glauben, daß es sich um Wahres und Falsches handelt, das wir kritisieren können. Nicht um absolut Wahres und absolut Falsches kann es sich handeln, sondern darum, was den Menschen frommt. Wenn ich hier säße und hätte eine Schar Knaben, nicht älter als zehn Jahre, und würde sie Mathematik lehren, so wäre das, was ich lehrte, Wahrheit - und doch wäre es eine Torheit. Ich muß den Menschen geben, was den Menschen frommt für eine gewisse Entwickelungsepoche. Es ist also nicht richtig für uns als Späterlebende, einen Maßstab anzulegen und zu sagen, das Christentum hat Falsches gelehrt. Nein, man mußte, um den physischen Plan zu erobern, das eine Leben wichtig nehmen. Gewiß, große geistige Wahrheiten haben die chaldäischen Priester weisen ins Dasein gebracht. Ein ungeheures Wissen von der geistigen Welt haben sie heruntergebracht, aber sie lebten mit primitivsten Werkzeugen, ohne die Kenntnis der alltäglichen Naturkräfte. Der physische Plan war erst zu erobern. Um dieses zu tun, mußte die ganze Gefühlswelt darauf abgestimmt werden. Das Christentum hat die Menschheit darauf vorzubereiten gehabt, um die physische Welt zu erobern. Das war gesetzmäßig bestimmt, das ist das Testament vom Berge Tabor. So bewirkt das, was diesem Testament zugrunde liegt, etwas Wunderbares.

[ 26 ] Wer tiefer dringt, der wird noch auf allerlei kommen. Wenn wir religiöse Urkunden verstehen wollen, die aus solchen Zeiten stammen, die nicht materialistisch gedacht haben, sondern wirkliche Kenntnis vom geistigen Leben gehabt haben, müssen wir wissen, daß die Denkungsart eine ganz andere war, daß der Mensch, wenn er vom Menschen redete, in ganz anderer Weise geredet hat.

[ 27 ] Jetzt muß ich Ihnen etwas sagen, was für den Verstand leicht, für die Seelenauffassung aber schwer zu begreifen ist für die heutigen Menschen. In der damaligen Zeit, als das Evangelium entstand, war das Morgenrot des Christentums. Da hat man noch Namen gebraucht, wie ich es jetzt bezeichnen will. Da hat man sich nicht an den physischen Organismus gewendet. Ein Mensch jener Zeit hat immer durch den physischen Organismus das Geistige, das Höhere, durchblicken gesehen. Er hat unter einem Namen nicht das, was wir heute darunter verstehen, empfunden, sondern sinnvoll hat man benannt. Denken Sie sich, man hat jemand Jakobus geheißen. Jakobus heißt eigentlich Wasser. Wasser ist der geheimwissenschaftliche Ausdruck für das Seelische, so daß, wenn ich jemand als Jakobus bezeichne, ich damit sage, daß das seelische Element durch seinen Körper durchscheint. Sinnvoll bezeichne ich ihn damit als einen zum Wasser Gehörigen. Wenn ich also einem als Eingeweihten diesen Namen Jakobus gebe, so ist er mir das Sinnbild für das Wasser (hebräisch = Jam). Jakobus ist nichts anderes als der wissenschaftliche Name für einen Eingeweihten, der die Kraft des okkulten Wassers im besonderen beherrscht.

[ 28 ] Das waren die drei Jünger, mit ihrem Einweihungsnamen bezeichnet, die mitgenommen wurden nach dem Berge Tabor: Jakobus bedeutet das Wasser, Petrus bedeutet die Erde - der Fels (hebräisch = Jabbaschah), Johannes bedeutet Luft (Ruach). Johannes bezeichnet also den, der zum höheren Selbst gekommen ist. Das führt Sie tief hinein in die Geheimlehre. Versetzen Sie sich hinein in die Zeit, in der die Menschen nur die niederen Prinzipien hatten, also in die dritte Wurzelrasse, in die lemurische Zeit der Erde. Da haben die Menschen noch nicht Luft geatmet, sondern durch Kiemen. Die Lungen sind erst später entstanden und damit auch die Lungenatmung. Dieser Vorgang fällt zusammen mit der Befruchtung durch das höhere Selbst. Luft ist nichts anderes als nach hermetischem Grundsatz das Untere für das Obere, für das höhere Selbst. Bezeichne ich einen als Johannes, so ist er ein solcher, der das höhere Selbst zur Erweckung gebracht hat, einer, der die okkulten Kräfte der Luft beherrscht. Jesus ist der, welcher die okkulten Kräfte des Feuers (Nur) beherrscht. So haben Sie in den vier Namen die Repräsentanten für Erde, Wasser, Luft und Feuer. Das sind die Namen der vier, welche nach dem Berge 'Tabor hinaufgehen.

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[ 29 ] Denken Sie sich einmal diese vier beisammen auf dem Berge der Verklärung, dann haben Sie zu gleicher Zeit die Eingeweihten, welche die vier Elemente beherrschen - die Herren der. vier Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Erde. Was geschieht also ? Es geschah dazumal, daß der geistige Beweis geliefert wurde, daß durch die Jesus-Erscheinung die ganze Kraft der Elemente in einer Weise erneuert wird, daß das Leben, das durch die Elemente pulsiert, einen neuen, wichtigen Punkt in der Entwickelung durchmacht. Das ist okkult die Verklärung. Wenn nun jemand in dieser Weise die Verklärung durchmacht, daß er in sich hat die Stufen von Wasser, Erde und Luft und selbst aufsteigt zu den Kräften des Feuers, dann ist er ein Wiederauferweckter, ein solcher, der die Kreuzigung durchgemacht hat. Daher ist diese Szene bei den anderen Evangelisten in Wahrheit nichts anderes als eine Vorbereitung der eigentlichen tieferen Einweihungsszene, der Kreuzigung selbst. Dagegen erscheint uns bei Johannes alles vorbereitet. Die Vorbereitungsszene erscheint überhaupt nicht, sondern der Tod auf dem Berge Golgatha. Jam - Nur Ruach - Jabbaschah = INRI - das ist die Bedeutung der Worte, die am Kreuze stehen.

[ 30 ] So können Sie tiefer und tiefer hineingehen, und Sie werden nie auslernen in den religiösen Schriften. Manchmal, wenn man so etwas hört, ist es wie eine erzwungene Erklärung. Aber jeder Schritt, den Sie tiefer hinein machen, wird Ihnen den Beweis liefern, daß es sich nicht um etwas Erzwungenes handelt. Gerade bei den trivialen Erklärungen werden Sie sehen, daß man damit die «Tiefe» zwangsweise abweisen will. Aber die Tiefe liegt in diesen Schriften. Wer etwas weiß, der kann immer zu sich sagen: Wahrscheinlich wird noch viel mehr darinnen sein, ich werde noch viel lernen müssen. - Das ist die Ehrerbietung, die wir den religiösen Schriften entgegenbringen können.

[ 31 ] Diese Ehrerbietung ist das Beste, da sie dann die Kraft wird, die wir aus den Tiefen gewinnen. Nur hinzudeuten vermag ich auf einen wichtigen Satz. Er steht im Johannes-Evangelium, neunzehntes Kapitel, 33. Vers: «Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht ... Denn solches ist geschehen», heißt es dann im 36. Vers, «daß die Schrift erfüllet würde: «Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.» Sie wissen, daß das anklingt an eine Moses-Stelle. Auch dort hat es schon, richtig verstanden, einen tiefen Sinn. Noch kurz diese Stelle möchte ich erklären, die von tiefer Symbolik ist.

[ 32 ] Wenn Sie unsere ganze Welt überblicken, so werden Sie sich sagen, daß der Mensch, so wie er jetzt im Fleische inkarniert ist, zunächst keine Kraft hat über das Leben und keine Kraft hat über das, was über dem Leben steht. Was er beherrscht, ist die leblose Kraft, die unorganische Kraft. Der Mensch kann nicht eine Pflanze wachsen machen, sie nicht schneller wachsen machen. Die okkulten Kräfte dazu müßte er sich erst aneignen. Er vermag schon gar nicht über dasjenige, was noch höher ist als die Lebenskraft, eine Herrschaft auszuüben. Was der Mensch zu beherrschen vermag, ist draußen die unlebendige Welt. Daübt er seine Herrschaft aus, in dem Werke des Alltags, in den Stoffen, die ihm die Natur gibt. Er macht Kunstwerke, Bilder des Allerhöchsten, aber das Leben kann er ihnen nicht einhauchen. Er kann das Leben nur nachbilden. Er kann nur im Leblosen die Ahnung des Lebens erwecken, selbst in den höchsten christlichen Kunstwerken. Dies ist tatsächlich der Fall, weil der Mensch seine astrale und ätherische Kraft mit dem festen, dichten physischen Leib umgeben hat. Dadurch hat er dieses Verhältnis zur äußeren Umwelt bekommen, daß er nur Herr ist über das Leblose. Der Mensch muß sich seiner eigenen physischen Werkzeuge bedienen, und diese sind nur Herr über das Leblose. Die höheren Kräfte, die nicht an das Physische gebunden sind, müßten erwachen, dann würde der Mensch wieder Herr werden über das Leben. Die Menschen können Herr werden über die physischen Kräfte, nicht aber über das Leben selbst.

[ 33 ] Das hängt damit zusammen, daß des Menschen Körper einst weich und biegsam war, jetzt aber fester und fester geworden ist. Wenn Sie zurückgehen in der Entwickelung, dann werden Sie sehen, daß der Mensch ganz anders geworden ist. Das Knochensystem war noch nicht vorhanden in der lemurischen Zeit. Das hat sich erst später herausgebildet. So ist das Knochensystem das letzte, was aufgetreten ist im menschlichen Organismus. Es wird dem Menschen so lange eigen sein, bis er wiederum sich vergeistigt hat, bis er wiederum die inneren Kräfte erweckt hat und die Lektion gelernt hat, die er in seinem bis zum Knochensystem verdichteten Körper durchzumachen hat. Der Christus Jesus in seiner kosmischen Mission ist derjenige Geist, der in einem solchen Leib verkörpert ist, um den Menschen wieder den Weg zu zeigen aus dieser Welt hinaus in eine höhere Welt. Er ist der Führer, der Weiser in eine solche höhere Welt. Dabei ist das, was den Weg finden soll in diese höhere Welt, symbolisiert in dem Festen, in dem Knochengerüst des Menschen. Als der Mensch noch anders war, noch nicht so weit war bis zum festen Knochensystem, da brauchte er nicht einen Messias. Aber gerade für diese Epoche braucht er den Messias, den Erlöser.

[ 34 ] So ist es klar, daß für das jetzige Menschengeschlecht nicht in Betracht kommen die Kräfte in Jesus, die mit der höheren Welt zusammenhängen. Die Ausdrucksweise ist nun diese, daß man nennt das Knochengerüst = das Äußere, Wasser = Ätherkörper, Blut = Astralkörper, und dann Geist. Daher können Sie lesen bei Johannes: Drei sind, die da zeugen: Blut, Wasser und Geist. — Daher kann herausrinnen aus dem Leibe des Christus das Blut und das Wasser. Die kommen für den gegenwärtigen Menschheitszyklus nicht in Betracht. Dagegen ist dasjenige, was das Ganze halten muß, was den Menschen hinauf zu dem Throne des Ewigen bringen muß, worin die Lektion gelernt werden muß, in Unversehrtheit zu erhalten. Das ist das Knochengerüst, das Symbol für das Leblose in der Natur. Das hat jetzt durch das Knochensystem den Christus mit dem gegenwärtigen Menschheitszyklus zusammengebracht. Es ist das, was zusammengehalten werden muß bis zu der Zeit, wo die Menschheit die höheren Stufen erreicht hat. Wir könnten es noch verfolgen bis zu der entsprechenden Stelle der Bücher Moses. Aber das kann ein anderes Mal geschehen.

[ 35 ] Ich wollte heute noch eine Ergänzung, eine nachträgliche Andeutung geben, die Ihnen zeigen wird, daß das Johannes-Evangelium nie auszuforschen ist; die Ihnen zeigen wird, wie es Kraft und Leben enthält. Indem wir es in uns aufnehmen, gibt es uns selbst Kraft und Leben. Dadurch wird es zu der Hauptschrift für alle diejenigen, die immer tiefer und tiefer in das theosophische Christentum eindringen wollen. Wenn daher die Theosophie für das Christentum wird wirken sollen, dann wird sie vor allen Dingen an dieses JohannesEvangelium anzuknüpfen haben. Dann allerdings — darüber müssen Sie sich klar sein —, wenn ich das Johannes-Evangelium vollständig erläutern wollte, müßte ich einen ganzen Winter zu Ihnen darüber sprechen. Ich müßte Zeile für Zeile durchnehmen, und dann würden Sie erst sehen, wie tief die Worte sind, die dem Johannes zugeschrieben werden, das heißt demjenigen, der schon durch seinen Namen andeutet, daß er ein Künder des höheren Selbst ist. Er ist Vertreter der Luft, der die höheren Kräfte beherrscht und aus den Anschauungen des höheren Selbst sein Johannes-Evangelium geschrieben hat.

[ 36 ] Eitel und vergeblich wäre es, mit den Kräften des niederen Menschenverstandes das Johannes-Evangelium ergründen oder kritisieren zu wollen. In unserer Zeit feiert der Verstand große Triumphe, aber für den Verstand ist das Johannes-Evangelium nicht geschrieben. Erst der, welcher den niederen Verstand überwunden hat und ihn dann hinleiten kann in die Höhen der Geisteskräfte, wie sie Johannes hatte, der kann das Johannes-Evangelium auch verstehen. Das Richtige wird nicht sein, wenn die Theosophie sich entschließt, ein verstandesmäßiges Kritisieren des Johannes-Evangeliums zu beginnen, sondern wenn sie sich ganz und gar in die Tiefen desselben versenkt, um es selbst zu verstehen. Dann werden wir sehen, daß für uns ein neuer Geist des Christentums - nicht nur der Geist des vergangenen, sondern eines zukünftigen Christentums — aus dem Johannes-Evangelium hervorgehen kann, und wir werden etwas verspüren von den tiefen Wahrheiten eines der schönsten und bedeutsamsten der christlichen Aussprüche, der uns anzeigen soll aus dem Munde des Schöpfers des Christentums selbst, daß das Christentum nichts ist, was in der Vorzeit gelebt hat, sondern daß dieselbe Kraft noch lebt, denn - wahr ist, was der Christus gesagt hat: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Zeiten.»