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The Rudolf Steiner Archive

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Kosmogonie
Die Theosophie anhand des Johannes-Evangelium
GA 94

5 November 1906, München

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Heute sollen die Einweihungsstufen der sogenannten rosenkreuzerischen, abendländischen okkulten Schulung uns beschäftigen. Alles was da angeführt wird, ist durchaus nicht als allgemeine Lebensvorschriften aufzufassen, sondern kann nur die Aufgabe desjenigen sein, der sich dieser Schulung ganz freiwillig unterwirft und sich damit zunächst heraushebt aus der allgemeinen Menschheit, um später dann das Errungene weitergeben zu können. Hat er sich zur Schülerschaft entschlossen, so sollte für ihn keine Möglichkeit mehr bestehen, an dieser Schulung, an der Art ihrer Vorschriften, an dem Gebaren des okkulten Lehrers Kritik zu üben. Er muß sich den Erfahrungen des. Lehrenden anvertrauen. Ist ihm dieses nicht möglich und hegt er irgendeine Spur von Mißtrauen oder Unzufriedenheit gegenüber seinem Lehrer, dann ist es besser, das Band zwischen sich und dem Lehrer zu zerschneiden. Denn nur eine auf Vertrauen begründete, die Autorität des Lehrers anerkennende Zuneigung kann die richtige Beziehung des Schülers zum Lehrer herstellen, die dem Schüler gedeihlich sein soll. Es bleibt dem Schüler jederzeit der freie Wille, dieokkulteSchulung zu lassen. Will man sich ihr aber unterziehen, so muß man sich auch klar darüber sein, daß die betreffenden Regeln aus einer festbegründeten Wahrheit heraus im Sinne der am weitesten fortgeschrittenen Individualitäten gegeben sind, jener, die wir als die großen Lehrer der Menschheit anzusehen haben, und daß man nur dann vorwärtskommen kann, wenn man die Regeln befolgt. Klar sein muß man sich auch darüber, daß dieser Weg mit seinen Anweisungen schon von vielen Hunderten erprobt und mit Erfolg gegangen worden ist.

[ 2 ] Bei den drei Wegen, die wir nun besprochen haben, ist das Verhältnis des Schülers zum Lehrer je ein verschiedenes. In der indischen Yogaschulung ist das Verhältnis zwischen Schüler und Guru ein sehr strenges: absolute, vollständige Unterwerfung unter den Guru ist unbedingte Voraussetzung. Da beim Beschreiten des indischen Weges der Schüler sich in den höheren Welten noch nicht auskennt, ist es notwendig, daß er von seinem persönlichen Guru geführt wird.

[ 3 ] Anders ist das Verhältnis bei der christlichen Schulung. Da ist der Lehrer der Führer zu dem großen Guru, dem Christus Jesus. Ein persönlicher Zusammenhang, ein persönliches Gemütsverhältnis zu dem Christus Jesus ist für den Schüler unbedingt notwendig. Kann er nicht mit der ganzen Kraft seiner Seele an den Christus Jesus und an das, was Er für die Menschheit getan und dargelebt hat, glauben, so kann er den christlichen Weg nicht gehen.

[ 4 ] Bei der rosenkreuzerischen Schulung ist das Verhältnis das freieste und leichteste. Der Lehrer ist der treue Freund, der Führer innerhalb der engeren Grenzen des okkulten Erlebens seines Schülers. Er bekümmert sich nicht um dessen tägliches Tun und Lassen, er vertraut ihm und läßt ihm volle Freiheit. Es gibt nirgends einen Zwang oder einen Befehl, nur ein Rat wird erteilt. Aber ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler muß da sein. Ohne dieses verbliebe die Schulung im Bereich des Manasischen, ohne dieses könnte Budhi überhaupt nicht eingepflanzt werden. Die Kraft, die durch das Vertrauensverhältnis erzeugt wird, ist notwendig bei der okkulten Schulung. Ohne sie können die im Schüler schlummernden Kräfte nicht geweckt werden.

[ 5 ] Da der rosenkreuzerische Weg als erste Stufe das Studium angibt, könnte vielleicht gedacht werden, diese Schulung sei nicht für jeden Menschen. Das ist jedoch nicht richtig; sie ist für jeden Menschen da, auch für den allereinfachsten. Denn unter diesem Studium versteht man populäre Theosophie, alles das, was Sie hier in diesen Vorträgen und in meinen oder in anderen geisteswissenschaftlichen Schriften hören und lesen; das ist schon ein solches Studium. Es ist die elementare okkulte Lehre, die dem Menschen gegeben wird. Frei soll er dadurch werden von den Vorurteilen des Lebens, von der Suggestion der Wissenschaft, die den modernen Menschen vollständig beherrscht und schon viel Unheil angerichtet hat, ihm den unbefangenen Blick ins Freie versperrt, den Weg zur Vorurteilslosigkeit, den er finden muß, um ein klares Urteil zu haben. Im Abendlande ist kein freies Denken mehr üblich, sondern da ist alles Suggestion, aufgestelltes Dogma durch Macht und Autorität. Sogar bis in die einfachen Begriffe hinein haben wir diese suggestive Beeinflussung: die Suggestion durch die Gelehrten, die Suggestion durch die Wissenschaft, die Suggestion, die von dem einzelnen ausgeht. Unser modernes Leben wird beherrscht durch die Familie, durch die Beziehung der Geschlechter zueinander. Der Theosoph aber soll tiefer eindringen in vorbereitendes, logisches, sinnlichkeitsfreies Denken. Er soll sich in solche Gedankengänge möglichst versenken. Zu diesem Zweck, zur Schulung solcher Denkweise wurden die beiden Schriften «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit» von mirgeschrieben, damit man sich in solche Gedankengänge vertiefe. Es kommt dabei weniger darauf an, den betreffenden Inhalt zu verstehen, als in diesen Gedankengängen zu leben. Ein freies, scharfes, vernünftiges Denken ist notwendig, weil es dem Schüler eine gewisse Selbständigkeit verleiht, aber dieses Denken ist auch ein sicherer Führer für die höheren Welten. Neues, anderes tritt uns in den verschiedenen Welten entgegen; was aber in allen Welten das gleiche bleibt, das ist das Denken. Überall gibt es andere Wahrnehmungen, andere Erlebnisse, aber die Logik ist in allen Welten gleich. Das ändert sich erst auf dem Budhiplan. Es tritt jetzt eine merkwürdige Veränderung im Schüler auf. Seine Gedanken erweitern sich, erfassen andere Weltenkreise. Die Gedanken, die der Mensch gewöhnlich hier faßt, sind nichts Mentales, beziehen sich nur auf den physischen Plan. Sie sind nur die Schattenbilder der mentalen Realität. Jetzt nähert er sich ihrer Wirklichkeit.

[ 6 ] Nächst dem Studium haben wir als zweites die Imagination. Jeder muß sie einmal durchmachen. Der Mensch macht sich allmählich frei von der trockenen sinnlichen Anschauung der Dinge. Er versucht in ihnen nur den Ausdruck zu sehen für etwas, was dahinter steht und fängt an, die Welt im Goetheschen Sinne nach dem Wort zu betrachten: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Diese vertiefte Denkweise muß der Schüler systematisch durchführen. Die Dinge müssen ihm zu Gleichnissen, zu Symbolen werden. Wenn wir die Rose betrachten, so ist sie uns das Sinnbild für eine gewisse Form der Schönheit, die Herbstzeitlose das Bild einer feinen melancholischen In-sich-Abgeschlossenheit.

[ 7 ] Und so liegt jedem Ding eine Bedeutung zugrunde. Gleichnisse sind die Dinge nämlich in Wirklichkeit. Die ganze sinnliche Welt ist eine Einbildung, die geistige Welt ist das Reale. Es muß eine Wechselwirkung zwischen den Menschen und der geistigen Welt bestehen und erzielt werden. Wir müssen unsere Gedankenbilder, unser Seelenleben flüssig erhalten, nicht starre Formen uns bilden. Schon in Lucifer-Gnosis ist darauf hingewiesen worden, daß sich durch eine andauernde, liebevolle Betrachtung die Eigenschaften aus den Dingen herauslösen und dann den Raum durchfluten und durchströmen. So scheint zum Beispiel aus einer Pflanze etwas wie eine Flammenbildung heraufzusteigen; dahinter steht das Geistige. In diesen strömenden, flutenden Farben- und Geschmacksempfindungen, die hier auf dem physischen Plan kein Korrelat haben, hat der Mensch sich nun zurechtzufinden, und dann ist er so weit, daß die Unterweisung in der okkulten Schrift einsetzen kann.

[ 8 ] Als drittes ist zu lernen das Lesen der okkulten Schrift. Das hilft uns, die mannigfachen Erscheinungen richtig aufzureihen wie Perlen an einer Schnur. Die okkulte Schrift ist nicht willkürlich erdacht, sondern stellt die Strömungen dar, welche die Welt durchfließen. Etwas, das in der geistigen Wirklichkeit eine große Rolle spielt, sind zwei ineinandergerollte Spiralen, die einen Wirbel bilden. An der Nasenwurzel befindet sich die Anlage zu der zweiblättrigen Lotusblume, die sich in der Zukunft zu einem höheren Wahrnehmungsorgan entwickeln wird. Diesem ätherischen Organ entspricht ebenfalls das Zeichen des Wirbels. Es ist dem Zeichen des Krebses ähnlich, in dem die Sonne bei Anbruch der atlantischen Rasse stand. Wir haben noch im Kalender diese und die anderen Zeichen der Sternbilder. Ein sehr wichtiges okkultes Schriftzeichen ist der Merkurstab mit der Schlange daran. Es ist die Urform des Konsonanten S. Wer die okkulte Schrift kennt, kann die betreffenden Zeichen als Gedankenform hervorrufen; er hat dann in gewissen Fällen Macht über Andere. Im Johannes-Evangelium 8, 3-11, wird über Christus und die Ehebrecherin berichtet: Christus schrieb mit dem Finger Zeichen der okkulten Schrift auf die Erde, um die richtigen Gedankenformen bei der anklagenden Menge zu erzeugen, und sie zu der im Augenblick richtigen Tat zu veranlassen. «Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie.» Er übergibt ihre Schuld dem Karma, der ausgleichenden Gerechtigkeit. Christus wollte sagen: jede Tat trägt ihren Lohn in sich. «Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.» Eine Unterweisung im Sehen dieser okkulten Zeichen erhält Moses in seinem Gespräch mit Gott (2. Mose, 3 und 4). Da lernt Moses die okkulte Schrift kennen und wird ausgerüstet mit der Macht, die ihn befähigt, seine Aufgabe zu erfüllen. Daß er einen Stab werfen mußte, der zur Schlange wurde, bedeutet, daß er die okkulte Schrift lernte.

[ 9 ] Stellen wir uns einen Wirbel vor und denken uns seine beiden Teile in Rot und Blau, halten wir diese Vorstellung fest und führen sie zum eigenen der zu einem fremden Herzen, so schauen wir die beiden ätherischen Strömungen, welche dem roten und dem blauen Blut zugrunde liegen.

Spiral

[ 10 ] Ein viertes ist der Lebensrhythmus. Auf ihm beruht alles höhere Leben. Natur und Kosmos kennen lauter rhythmische Gesetze. Die Sternenbahnen, jede Blume, selbst das intime Tierleben kennen exakten Rhythmus. Könnten Sie sich denken, daß ein Veilchen im August blüht, statt im März? In der Natur ist der Rhythmus überall vorhanden. Aber je näher wir dem Menschen kommen, desto mehr verwandelt sich der Rhythmus in ein Chaos. Ein wahres Glück ist noch der wöchentliche Stundenplan unserer Schulkinder. Der Mensch soll sich einen gewissen Rhythmus selbst bringen, einen neuen Kosmos schaffen. Dies geschieht durch täglich sich wiederholende Handlungen, Meditationen zu einer bestimmten Tageszeit, auch durch eine Regelung des Atmungsprozesses.

[ 11 ] Das fünfte ist die Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos. Wenn der Mensch in sich etwas findet, was einer Tatsache im Makrokosmos entspricht, dann lernt er sich erst wirklich kennen. Woher kann der Mensch wissen, wann sich die Sonne von der Erde gelöst hat? Das kann er erfahren, wenn er sich in das Innere seines Auges vertieft. Ein anderer Zeitpunkt ist der, als der Mensch begann, Ich zu sich zu sagen. Das geschah in der Atlantis, zur Zeit der Ursemiten, dadurch daß sich ein bestimmter Punkt im physischen Kopf mit einem anderen im Ätherkopf deckte. Die Erde war noch mit dichtem Nebel bedeckt, und gewisse Verhältnisse draußen und im Inneren des Menschen entsprachen sich. Eine wichtige Übung besteht darin, daß sich der Schüler auf eine bestimmte Stelle zwischen den Augenbrauen konzentriert und sich dabei einer Vorstellung hingibt, die ihm von seinem Lehrer gegeben wird.

[ 12 ] Auf einer sechsten Stufe, der Kontemplation, geht der Schüler aus sich heraus und erweitert sein Bewußtsein über die ganze Welt. Das höhere Selbst ist außer uns, wir müssen es inallen Wesen suchen, denn alles sind wir. Es spricht auch aus dem Jupiter und der Venus. Es gibt Theosophen, die das Göttliche nur in sich suchen wollen. In Wahrheit istesaber dieniedere Persönlichkeit, die aus ihnen spricht. Ein solcher ging einmal umher und sagte immer: Ich bin Atman, ich bin Atman. Das war auch das einzige, was er wußte. Das In-sich-Hineinbrüten führt zu nichts. Alles sind wir, und wir müssen uns in alle Wesen versenken. Das Versenken in das eigene Innere ist nur der Umweg dazu.

[ 13 ] Wenn man soweit gekommen ist, daß man sich in alle Wesen hineinversetzen kann, dann ist man auf der siebenten Stufe angelangt, der Gottseligkeit. Das ganze Wesen der Welt bekommt eine geistige Physiognomie. Alles, was der Mensch um sich herum sieht, wird zum Ausdruck von etwas Höherem. Wie die Tränen nicht nur salzige Tropfen von einer bestimmten chemischen Zusammensetzung sind, sondern Ausdruck seelischen Erlebens, so ist die Pflanzendecke der Erde Ausdruck der Erdenseele, die eine Wirklichkeit ist. Die einen Blumen erscheinen uns als freudig blickende Augen, die anderen als Tränen des Erdgeistes, die er weint über die viele Traurigkeit, die im Kosmos herrscht. Es ist wahr, was Goethe den Erdgeist sagen läßt:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben:
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

[ 14 ] So haben wir das Gerippe der rosenkreuzerischen Schulung kennengelernt.

[ 15 ] Welcher Schulung Sie sich unterziehen, ist nicht entscheidend. Sie können auf allen drei Wegen Ihre Seelenkräfte entwickeln und Erkenntnisse der übersinnlichen Welt erlangen. Nur ist es natürlich gut, wenn man bei der Wahl des Weges Rücksicht darauf nimmt, auf welcher Seite man selbst am Fuße des zu erklimmenden Berges bereits steht.

[ 16 ] Was erreicht nun der Schüler, wenn ihn die Einweihung auf den Gipfel dort oben hingebracht hat? Ein sehr Reales. Erinnern Sie sich an dieSchilderung der menschlichen Wesenheit. Zur Zeit des Christus Jesus hatte die Mehrzahl der Menschen einen Teil des Astralleibes, einen Teil des Ätherleibes entwickelt. Anders war es bei den Eingeweihten. Wenn der Chela die nötigen Stufen durchschritten hatte, wurde er zur Einweihung zugelassen. Durchgearbeitet mußte er seinen ganzen Astralleib haben. Nichts war mehr in seinem Astralleib, das er nicht beherrschte. Im allgemeinen herrschen die Leidenschaften über den Menschen, nicht der Mensch über die Leidenschaften. Der Mensch muß Herr seiner Begierden und Leidenschaften sein, wenn er Schüler werden will. Dann muß er an seinem Ätherleibe arbeiten, er muß die Eigenschaften seines Temperaments umwandeln und es soweit bringen, daß er bewußt seine Bewegungen, seinen Gang, seineSchriftändern kann. Nicht nur handeltessich also darum, moralisch zu werden, sondern man muß ein ganz anderer Mensch werden.

[ 17 ] Wenn der ganze Astralleib vom Ich durchgearbeitet ist, dann ist er zu Manas, zum Geistselbst geworden, ist in dieses umgewandelt. Die Umwandlung des Ätherleibes heißt Budhi, er ist Lebensgeist geworden. — Wenn der Eingeweihte den physischen Leib zur Umwandlung erfaßt, dann wirkt er auf den Planeten ein und macht sich zum Mittelpunkt kosmischer Kräfte; dann entwickelt er in sich Atman, den Vater, den Geistesmenschen.

[ 18 ] Erst ist es eine unbewußte Arbeit, die der Mensch an seinem Ätherleibe und seinem Astralleibe verrichtet. Diese vollzieht sich im allgemeinen Entwickelungsgang der Menschheit. Der Chela beginnt diese Arbeit bewußt in die Hand zu nehmen. Es wird bei unablässigem Üben ein bestimmter Moment erreicht, wo der ganze astralische Leib umgewandelt ist. Dann kann sich alles, was im astralischen Leibe ist, in den Ätherleib hinein abdrücken. Dann erst darf dieses geschehen, früher nicht, denn früher kämen schlimme Eigenschaften hinein. Das Erworbene geht dann mit dem Kausalleib durch alle Inkarnationen hindurch. Die Verewigung, Verlebendigung alles dessen, was der Astralleib enthält, ist ein ungeheuer wichtiger Vorgang. Das kann er in keinem Kamaloka abwerfen, das trägt er für immer in sich. Deshalb ist die vorherige Reinigung sehr notwendig.

[ 19 ] Das Abdrücken dessen, was der Astralleib enthält, in den Ätherleib, wurde in der alten Einweihung so vollzogen, daß der Schüler in eine Krypta gebracht und dort in eine Art Sarg gelegt wurde. Manchmal wurde er auch an eine Art Kreuz gebunden und in einen lethargischen Zustand versetzt, bei dem der Ätherleib zugleich mit dem Astralleib aus dem physischen Leib heraustrat. Etwas ähnliches, nämlich das Heraustreten eines Teiles des Ätherleibes, geht beim Einschlafen eines Gliedes vor sich; man kann dann den betreffenden Teil des Ätherleibes aus dem Körper heraushängen sehen. Die Einweihung selbst nahm ein besonders hoher Initiierter vor. Vieles andere noch wurde da nach vorgeschriebenen Regeln gemacht. Solch ein Schlaf war etwas anderes als ein gewöhnlicher Schlaf. Es blieb bloß der physische Leib in dem sogenannten Sarg zurück, und der Ätherleib und Astralleib gingen heraus; es war also eine Art Tod. Dies war notwendig, daß man den Ätherleib frei bekam, denn nur dann kann sich der Astralleib in den Ätherleib abdrücken. Dreieinhalb Tage dauerte dieser Zustand. Wenn der Novize dann von dem Initiator wieder hingelenkt wurde zu dem physischen Leib, so wurde ihm noch eine letzte Formel eingeprägt, mit der er aufwachte. Das waren die Worte: «Eli, Eli, lama sabachthani!», das heißt: «Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verherrlicht!» Zugleich schien ihm ein bestimmter Stern, in der ägyptischen Einweihung der Sirius, entgegen. Jetzt war er ein neuer Mensch geworden. Man nannte nun den ganz vergeistigten Astralleib aus einem ganz bestimmten Grunde mit einem ganz besonderen Namen: «Jungfräulich» nannte man diesen Astralleib, die «Jungfrau Sophia». Und den Ätherleib, der aufnimmt, was die Jungfrau Sophia in sich trug, nannte man den «Heiligen Geist». Und das, was aus beiden entstand, das war der «Menschensohn». Der Verkündigung und Geburt des Jesus von Nazareth liegen diese Mysterieninhalte zugrunde.

[ 20 ] Dieses innere Erlebnis wurde im Bilde auch so dargestellt, daß der Heilige Geist als die Taube über dem Kelch schwebt. Das ist der Moment, der im Johannes-Evangelium 1,32, beschrieben wird: «Und Johannes zeugete und sprach: «Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf Ihm».» Denken Sie sich das auf dem astralen Plan erlebt, so haben Sie ein wirkliches Ereignis. Derjenige, der diese großen Dinge darleben durfte außerhalb der Mysterien in der physischen Welt, der durfte als Initiator andere einweihen. Johannes-Evangelium 11, 1-45: die Auferweckung des Lazarus ist nichts anderes als eine Initiation, an Lazarus vollzogen.

[ 21 ] Wir können das Johannes-Evangelium nicht tief genug nehmen. So ist auch die Namengebung etwas außerordentlich Wichtiges. Die Namengebung, um die es sich in der Bibel handelt, ist genommen von der inneren Wesenheit der Menschen, Ein Beispiel dafür sind die Namen der zwölf Apostel. Sie weisen hin auf die Beziehung zwischen ihnen und dem Herrn, dem Christus, der das Haupt ist und als Zeichen den Widder oder das Lamm hat. Johannes bedeutet der die Budhi Verkündende. Sie können den Menschen in zwölf Teile einteilen, der ganze Mensch ist eine Zwölfheit. Der Mensch so, wie er jetzt ist, entstand allmählich. Jedesmal, wenn die Sonne in ein neues Sternbild trat, entwickelte sich ein neues Organ im Menschen. Als die Sonne im Zeichen des Löwen stand, bildete sich zum Beispiel das Herz aus. Wenn der Mensch höher aufsteigt, involviert er in sich eine Gruppenseele. Das nun, was die Teile des Menschen sind, finden Sie wieder in den Namen der zwölf Apostel, da sind sie hineingeheimnißt. Was in einem gewöhnlichen Leib die zwölf Wesensbestandteile sind, bedeuten die zwölf Apostel im Kollektivleib Christi. Der Teil, der das Ich darstellt, in welchem der Egoismus herrscht, der dem Christus den Tod bringt, der ist genannt Judas Ischariot. Hinzugesetzt wurde bei dieser Namengebung noch, daß er den Beutel hatte, das Geld, das niedere Habsuchtsprinzip.

[ 22 ] Welche Bedeutung diese Namengebung hat, sehen Sie auch noch darin, daß eben derjenige, der in dem großen Weltenplan der geistige Repräsentant der Menschheitsentwickelung ist, den Namen «der Menschensohn» erhält. Sein Vater ist der «Heilige Geist» und seine Mutter «die Jungfrau Sophia». Wieder finden Sie das im JohannesEvangelium 19, 25 - 27, in der Szene unter dem Kreuz: «Weib, siehe, das ist dein Sohn!» «Siehe, das ist deine Mutter!» Der Schreiber des Johannes-Evangeliums, der Jünger, den Christus selbst eingeweiht hat, nahm die Weisheit zu sich und schrieb das Johannes-Evangelium, das die Weisheit des Christentums enthält.

[ 23 ] Diese Dinge, das dürfen wir nicht vergessen, sind zugleich Tatsachen, aber als solche der Ausdruck tiefer geistiger Zusammenhänge.