Kosmogonie
Die Theosophie anhand des Johannes-Evangelium
GA 94
6 November 1906, München
Achter Vortrag
[ 1 ] In diesen Vorträgen haben wir kennengelernt den Aufstieg des Menschen zum Gipfel der Erkenntnis und Weisheit. Gezeigt habe ich Ihnen, daß eine Art von Vorherverkündigung des Ereignisses von Palästina sich oft und oft bei der Einweihung in die Mysterien vollzogen hat. Die Einweihungszeremonien gipfelten in einem dreitägigen todesähnlichen Schlafe, durch welchen der Einzuweihende, wenn er aufwachte, in sich selbst dasjenige gefunden hat, was man. den höheren Menschen nennt. Selig - das heißt mit der Seele durchdrungen - ist derjenige, der die geistigen Welten schaut. Und nunmehr sollte selig werden, wer da glaubt und nicht schaut. Es sollte der Zeitpunkt kommen, wo als geschichtliche Tatsache vor den Augen der Menschheit sich abspielte, was früher innerhalb der Mysterien in der Seele des einzelnen Menschen sich vollzogen hatte. Um das zu verstehen, wollen wir nun zunächst von den Wirkungen der Einweihung sprechen.
[ 2 ] Der Alltagsmensch, der von des Tages Last und Arbeit ermüdet in den Schlaf sinkt, befindet sich in einem pflanzenähnlichen Zustand. Er empfindet nichts, er weiß nichts von sich. Während dieser Zeit arbeitet der Astralleib am physischen Leibe, um dessen verbrauchte Kräfte wieder auszubessern. Wenn der Mensch noch einen Nachklang seiner Nachterlebnisse im Äther- und im physischen Leibe hat, so sagen wir: sein Schlaf war von Träumen belebt. Meist sind aber beim Durchschnittsmenschen in der Erinnerung diese Bilder verschwommen und unverständlich.
[ 3 ] Anders beim Schüler. Wir unterscheiden das helle Tagesbewußtsein, das ITraumbewußtsein und den traumlosen Schlaf. Wenn der Schüler die ihm aufgegebenen Übungen geduldig ausführt, so kommt die Zeit, wo in die chaotische Wirrnis der Träume Ordnung hineinkommt. Der Schüler fängt an, die wirkliche Welt des Schlafes kennenzulernen. Nicht mehrabgerissene Reminiszenzen bringter herüber in das Tagesbewußtsein, sondern er erreicht die Kontinuität des Bewußiseins, das ständige Bewußtsein. Es kündigt sich dies allmählich an. Anfangs hat der Schüler beim Erwachen ein Gefühl wie ein Schwimmer, der ausdem Wasser auftauchtund sichan Dinge erinnert, die nie auf der Erde vorkommen. Aus dem Meer des Astralen tauchen immer mehr Einzelheiten auf. Zunächst entwickelt sich dieses Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen des Schülers sehr langsam. Später wird er gewahr, wie er das Erlebte hinübernehmen kann in das Tagesbewußtsein, in den Wachzustand. Das, was er die ganze Nacht hindurch wahrgenommen hat, die Welt, in der er gelebt hat, deren Ereignisse kann er Jetzt herübernehmen in diese physische Welt. Es beginnt nun für ihn die Zeit, wo ihm jede Pflanze zum Ausdruck einer geistigen Wesenheit der Erde, zum wirklichen Glied eines großen Erdengeistes wird. Er ist als Erdenmensch der Bewohner dieser Welt, und als Geistesmensch der Bewohner einer geistigen Welt. Es leben und weben in seiner Seele geistige Ströme, geistige Wesen, die auftreten und ihm nun bewußt werden. Sein Bewußtsein wächst zusammen mitdemderanderen. Er weiß, daß sein Bewußtsein nur ein TeildesErdenbewußtseins ist. Denken Sie sich diese Erde als ein lebendiges Wesen mit einem eigenen Bewußtsein, und nun denken Sie sich das Einzelbewußtsein alsSpiegelbild des einen großen Erdenbewußstseins, Es ist eine Illusion, zu glauben, daß der Mensch ein Bewußtsein hat, das nur ihm eigen ist. Auf dem Wege erst ist der Mensch, eins zu werden mit der Erde und ihrem Bewußtsein, also ein Erdensohn zu werden; der Chelaist es in erhöhtem Maße. Der Repräsentant dieses einen großen Erdenbewußtseins ist der Christus Jesus. Als das Fleisch und Blut gewordene Wort stellt er dar das verkörperte zukünftige Ideal des Erden- und Menschheitsbewußtseins, zu dem sich die Menschen einmal alle durchringen werden. Der Christus Jesus führt uns in diese Zeit hinein, indem er als der Erstgeborene dieses Bewußtsein wirken läßt, so dafß die Menschen diesen Zustand rascher erreichen. Besonders sicher kann ja derjenige zu den Gipfeln führen, der selbst den Gipfel schon erreicht hat und die anderen zu sich heraufholt. Derjenige, der am Kreuze hing, trug das Erdenbewußtsein in seiner eigenen Brust. Das ganze Johannes-Evangelium redet in einer merkwürdig imaginierenden Sprache. Greifen wir ein Beispiel heraus. Was bedeutet das: Der Jünger, den der Herr lieb hat? - Denken Sie einmal, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums von sich selbst sagt «den der Herr lieb hat», und «der an der Brust Jesu liegt». Dieser Jünger ist der äußere Repräsentant des Herzens, des Budhiorgans. Was das Herz im menschlichen Leibe ist, das ist inmitten der zwölf Jünger der Johannes.
[ 4 ] Nehmen wir das dreizehnte Kapitel: die Fußwaschung (13, 1-20). Was bedeutet diese Fußwaschung? Der Mensch ist ein zweifach gebundenes Wesen, er ist ein Doppelwesen: mit seinem Haupt der Sonne und mit seinen Füßen der Erde zugewendet. Was muß noch rein werden am Menschen? Der der Erde zugeteilte Teil, der muß noch gereinigt werden vom Repräsentanten der vollendeten Menschheit (13, 8-10). Petrus, das heißt der Fels, ist der der Erde zugewandte Teil. Soll dieser auch rein werden, so muß er von Christus gewaschen werden. Darum die Worte Christi: «Wird dein Erdenteil nicht gewaschen, so hast du keinen Teil an mir.» Auf die Erwiderung des Petrus: «Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt», spricht Christus zu ihm: «Wer gewaschen ist, der bedarf nichts denn die Füße waschen, sondern ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.» Christus wußte wohl, wer ihm den Tod bringen sollte: Judas Ischariot, der Repräsentant des egoistischen Prinzips.
[ 5 ] Und weiter, Vers 18: «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen.» Wie kann Jesus, er, der das Erdenbewußtsein hat und als seinen Leib die ganze Erde fühlt, diese Worte sagen? Er kann es. Versetzen Sie sich in das Bewußtsein der Erde wie in das eines Menschen. Hätte die Erde ein Bewußtsein, so würde sie zu dem Menschen sprechen «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen». Christus hat dieses Bewußtsein, Christus als der Repräsentant des ganzen Erdenbewußtseins darf das sagen.
[ 6 ] Was wird sich dann erfüllen, wenn einstmals jene Liebe, die er dargelebt hat, in die ganze Menschheit übergreift und die Menschen alle Brüder geworden sind? Dann wird eines da sein als Vorbild. Die Menschen haben die Güter der Erde untereinander verteilt, aber eines, das, was die äußere Hülle der Erde ist, die Lufthülle, kann nicht geteilt werden, und wie dieser «Rock» der Erde nicht geteilt werden kann, so werden später auch die Güter gemeinsam sein. Symbolisch ist das auch ausgedrückt bei der Kreuzigung Christi in der Verteilung seiner Kleider unter die Kriegsknechte (Joh.-Ev. 19, 24). Der Rock des Christus Jesus als Umhüllung des Erdenbewußtseins ist ungenäht und aus einem Stück. Das Oberkleid, das in vier Teile geteilt wird, repräsentiert durch diese Teilung die vier Hauptkontinente, der unteilbare Rock, das ist der unteilbare Luftkreis. Das Erhabene, das dem Christentum zugrunde liegt, das Moralische und das geistig Kosmische, das so großartig im Johannes-Evangelium ausgedrückt ist, das ist darin beschlossen, daß in allen Äußerungen des Christus Jesus darauf hingedeutet wird: so wird man leben in der Zukunft, wie der Christus Jesus es dargestellt hat.
[ 7 ] Was der Christus Jesus getan hat, als er den Spruch erfüllt hat: «Ich bin das Brot des Lebens» (Joh.-Ev. 6, 48), diese Speisung der Fünftausend, ist nicht nur ein Ereignis der damaligen Gegenwart, sondern eines von tiefer, dauernder Bedeutung. Die Erde ist der Leib des Christus Jesus: die wenigen Samenkörner, die Jünger, sie werden vervielfältigt. Das sind die Dinge, durch welche das Christentum so groß ist, weil Physisches und Moralisches so wunderbar übereinstimmen. Der wunderbarste Monismus ist im Christentum wiedergegeben durch die Art, wie Johannes es gibt.
[ 8 ] Auch zwischen Christentum und Karma ist kein Widerspruch zu finden. Das Christentum trat in einem Zeitpunkt auf, an dem es der am Tode krankenden Menschheit etwas zu bieten hatte, das damals Leben brachte und jetzt noch lebt. Es ging dem Christentum eine Zeit voran, wo die Lehre von der Reinkarnation allgemeines Menschengut war. Der Mensch sah damals sein Gegenwartsleben nur als etwas Vorübergehendes an: der ägyptische Sklave, den das härteste Geschick traf und tief niederbeugte, sagte sich: Es ist ein Dasein unter vielen. Hierin fand er Trost und Kraft und Hoffnung für Gegenwart und Zukunft. Er sagte sich: Mein Leben ist jetzt dunkel, später wird es hell sein. - Oder: Durch eigene Schuld habe ich mir dieses zugezogen, nun will ich es tragen und besser machen.
[ 9 ] Eine hohe geistige Kultur finden wir damals unter verschiedenen Völkern bei einer primitiven äußeren Kultur, die sich einfachster Werkzeuge bediente. Damals hing der Mensch noch nicht so an der Erde. Dazu mußte die Menschheit erst erzogen werden. Die Eroberung des Materiellen, alles, was wir heute in unserem Umkreis haben, wäre nicht möglich geworden, wenn der Mensch nicht gelernt hätte, die Erde liebzugewinnen. Dazu mußte ihm der Überblick über seine wiederholten Erdenleben entzogen werden. Es ist die weise christliche Pädagogik, daß das eine Leben für eine Zeitlang in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das mußte einmal so sein, um die Reinkarnationswahrheit dann später dem Menschen auf höherer Stufe wiederzugeben. Darum spricht in seinen Reden für das Volk Christus nicht darüber, aber im intimen Kreise mit seinen Jüngern spricht er davon, daß es das Karma gibt.
[ 10 ] In der moralischen Welt hängt alles wie Ursache und Wirkung zusammen, und das Richten gehört zu dem, was ausgeübt wird durch das tiefste und reinste Erdenwesen. In okkulten Schriftzügen ist alles das, was der Mensch getan hat, eingeschrieben in die Akasha-Chronik. Hat man das in der Zukunft einst erfaßt, so wird man nicht mehr weltlich strafen. Der Christus zeigt, wie in Zukunft die Gerichtsbarkeit gehandhabt wird, in Kapitel 8, Vers 1-11, des Johannes-Evangeliums: Es ist die Geschichte von der Ehebrecherin. Was Christus da sagt und tut, will zeigen, daß in der Erden-AkashaChronik all das eingeschrieben ist, was der Mensch getan hat. Das ist die unmittelbare Übergabe der Rechtsprechung an das sich selbst erfüllende Karmagesetz. Das lebendige Bewußtsein der AkashaChronik der Erde ist Christus selbst, darum wird ihm vom Vater das Gericht übergeben, und er hat Macht, die Sünden zu vergeben und auf sich zu nehmen (Joh.-Ev. 5, 21, 22, 23): «Denn wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, also auch der Sohn macht lebendig, welche er will. Denn der Vater richtet niemand, alles Gericht hat er dem Sohn gegeben, auf daß sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.»
[ 11 ] In Christus lebt das ganze Erdenkarma der Menschen, er ist das lebendig verkörperte Erdenkarma. Darum die Lehre des Christentums von dem persönlichen lebendigen Verhältnis jedes einzelnen Menschen zu Christus, welches zugleich das Bewußtsein gibt, daß Christus die Sünden vergibt, daß irgendwo der Ausgleich im Christus Jesus zu suchen ist. Die Erlösung ist bei ihm zu suchen, die Erdengerechtigkeit stellt er dar. So werden Sie jeden Satz im Johannes-Evangelium begreifen können, wenn Sie es in dieser subtilen Weise studieren und sich wieder und wieder darin versenken, um tiefer in das Johannes-Evangelium einzudringen, wenigstens in den Teil, den Sie theosophisch begreifen können.
[ 12 ] Der Mensch steigt langsam auf zu dem höheren Bewußtsein. Erst unterscheidet er noch: ich habe Schmerz, ich habe Lust. Ist der Mensch darüber hinausgedrungen, so steigt er auf durch die Einweihung vom physischen Alltagsbewußtsein zum zweiten, zum Astralbewußtsein, wo die astrale Welt wie in lebendigen Bildern auftritt. Man unterscheidet in der östlichen Weisheit fünf solche Bewußtseinsstufen: Erstens das physische Alltagsbewußtsein = Jagrat; zweitens das Traumbewußtsein = Swapna; drittens das Devachanbewußtsein = Sushupti; viertens das Turiyabewußtsein; fünftens das Nirvanabewußtsein.
[ 13 ] Bei der ersten und zweiten Stufe kann man noch nicht mehr tun, als sich erinnern an das im Traum Erlebte; da hat man noch nicht die Erkenntnis, die bei der dritten Stufe, dem Devachanbewußtsein, einsetzt. Diese Stufe ist erreicht, wenn man außer der astralen auch die rein geistige Welt erlebt. Kann man damit sein Tagesbewußisein erfüllen und so die Welt geistig durchsetzt sehen, dann hat man Turiya erlangt. Nimmt man das Urwesen der Welt wahr, so hat man Nirvana erreicht.
[ 14 ] Wenn Christus sagt: «Ehe denn Vater Abraham ward, bin ich», so weist er darauf hin, daß ein höheres Bewußtsein in ihm lebt. Als die Menge ihn steinigen will, geht er «zum Tempel hinaus» (Joh.-Ev. 8, 58, 59), das heißt, er erhebt sich zu einem Bewußtsein, das seinen Verfolgern nicht zugänglich ist.
[ 15 ] Wer höhersteigt, muß alle Glieder läutern und das hinauswerfen, was ihn hinunterzieht. Christus als Repräsentant des Erdenbewußtseins, das sich läutert und aufsteigt, treibt das Unreine aus: die Wechslergesinnung, der Schachergeist, die Geldgier werden ausgetrieben sein. Das ist der Sinn der Reinigung des Tempels, die zugleich ein Sinnbild für die Menschheitszukunft ist. Nach der Vertreibung der Wechsler und Händler sagt Jesus: «Brechet diesen 'Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten.» «Er aber redete von dem Tempel seines Leibes», heißt es weiter (2, 14-21). In diesen Worten haben Sie den Hinweis auf die drei kommenden Weltentage, von denen wir schon gesprochen haben. Der Christus Jesus spricht hier von der Evolution der ganzen Erde. Die alte Ordnung soll vergehen, und am dritten Weltentage wird ein Leib kommen, der nicht mehr das Niedere enthält.
[ 16 ] Erinnern wir uns zugleich daran, daß der Chela, wenn er zur Meisterschaft vorrückt, dreieinhalb Tage ins Grab gelegt wird. Der Tempel des Leibes wird ihm abgebrochen und dann wieder aufgerichtet. So geschieht es da für den einzelnen, und für die ganze Menschheit ist es geschehen durch Christi Tod und Auferstehung. Sie müssen spüren im Johannes-Evangelium das Leuchten der Sätze nach vielen Seiten hin, denn tief und vielseitig sind diese Sätze, die das ganze Weltengeheimnis umschließen.
[ 17 ] In der Einweihung wird die Seele vom Leibe getrennt, aber diese ist bewußt in den höheren Welten. Nikodemus kommt zu Christus «bei der Nacht», also außerhalb des Tagesbewußtseins (3, 1-21). Christus sagt ihm: «Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser» — das heißt aus der astralen Welt, die man wie Fluten erlebt - «und aus Geist» - dem Devachan - «so kann er nicht in das Reich Gottes kommen», so erlebt er nicht die geistige Welt. Er spricht hiervon, solange das Alltagsbewußtsein nichts zu sagen hat, nämlich während der Einweihung. Jedes Wort im Johannes-Evangelium bedeutet etwas Tieferes, und es gibt kein Ende in der Erklärung dieses Evangeliums.
[ 18 ] Der Zweck dieser Stunden war, daß Sie sehen, wie man dieses merkwürdige Buch verstehen muß. Die Art, wie man es benützen soll, hat dabei hervortreten sollen. Hoffentlich ist es mir etwas gelungen, es Ihnen nahezubringen.
[ 19 ] «Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen», muß auch ich hier sagen. Christus Jesus ist aus der Mutter Sophia geboren, Johannes, das heißt Lazarus, der Schreiber des Johannes-Evangeliums, hat sie zu sich genommen, und wir müssen ihre Verkörperung, die der Jungfrau Sophia, studieren, um dann dort die Mittel zu finden, den innerlichen Christus in uns zu bilden. Wenn wir die einzelnen Verse meditativ benützen, dann werden wir die Taten erleben, auf die sie Bezug nehmen, und dann werden wir verstehen den unergründlich tiefen Sinn dieses Evangeliums. Es gibt wieder, wie sich das größte Ereignis der Weltgeschichte, das Ereignis von Palästina, in den höchsten geistigen Zuständen, in denen Johannes es gesehen hat, ausnimmt.
[ 20 ] Das Johannes-Evangelium zu verstehen ist allein möglich durch die Geistesforschung und die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Wir sollen uns immer mehr bewußt werden, wie wir uns zu dem Verständnis des Geistes hinzuarbeiten haben, der auf Erden der tiefste ist. Christus stellt uns ein Wesen dar, wie es sonst keines auf der Erde gegeben hat. Am Ende der Erdentage ist das «Wort» wieder der letzte Ausdruck für die geistige Wesenheit des Christus. Christus wird sich dann in allen Menschen verkörpern. Im Fleische konnte ihm dazu die Möglichkeit, sich zu verkörpern, nur ein höheres Wesen geben. Niemals könnten Sie die Sonne sehen, wenn Sie kein Auge hätten. Wer aber hat das Auge des Menschen gemacht? Die Sonne hat es gemacht. Christus ist die Sonne, welche die Menschenseele in sich aufnehmen soll mit Hilfe dessen, wodurch wir den Christus schauen. Das Johannes-Evangelium ist dieses Auge. Dieses aber könnte nicht sehen ohne den wirklichen Christus Jesus, der dieses Auge erst dem Jünger geöffnet hat, den der Herr lieb hatte, den er selbst erweckt hat, der sein intimer Schüler war. So rückt im Johannes-Evangelium unser Gefühl hinauf im Denken, Fühlen und Wollen auf den Wegen, die uns die Geist-Erkenntnis eröffnet.
