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The Rudolf Steiner Archive

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Vor dem Tore der Theosophie
GA 95

29 August 1906, Stuttgart

Achter Vortrag

[ 1 ] Wir fahren weiter fort in der Behandlung karmischer Einzelfragen gegenüber dem menschlichen Leben.

[ 2 ] Eine weitere Frage ist: Welche Anschauung hat die Geheimlehre von der Entstehung des Gewissens? — Das Gewissen zeigt sich dem Menschen unserer Kulturstufe als eine Art innerer Stimme, die ihm anzeigt, was er tun oder lassen soll. Wie ist eine solche innere Stimme entstanden?

[ 3 ] Es ist von Interesse, zu erforschen, ob es denn überhaupt in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit immer so etwas gegeben hat wie das, was man heute Gewissen nennt. Da finden wir, daß es in sehr frühen Volkszuständen kein Wort für diesen Begriff gegeben hat. In der griechischen Literatur taucht es erst verhältnismäßig sehr spät auf, so daß die älteren Griechen das Wort noch nicht in ihrer Sprache hatten. Und ebenso haben andere Völker in den Anfängen ihrer Kultur kein Wort dafür gehabt. Daraus können wir schließen, daß in einem mehr oder weniger bewußten Zustand dieses Gewissen erst nach und nach bekanntgeworden ist. So ist es auch. Das Gewissen ist erst entstanden, es hat sich herausgebilder und sogar erst ziemlich spät in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Wir werden später sehen, was unsere Vorfahren anstelle des Gewissens hatten.

[ 4 ] Wie bildete sich nach und nach das Gewissen? Ein Beispiel: Darwin traf einmal auf seinen Reisen mit einem Menschenfresser zusammen und versuchte unter anderm ihm klarzumachen, daß es doch nicht gut sei, einen andern Menschen aufzufressen. Der Wilde aber sagte: Um zu entscheiden, ob es gut oder schlecht sei, einen Menschen zu fressen, müsse man ihn doch erst gefressen haben! Der Wilde hatte Gut und Böse noch nicht nach moralischen Begriffen beurteilt, sondern nach der von ihm empfundenen Annehmlichkeit. Er war ein zurückgebliebener Mensch aus einem alten, alten Kulturzustand, in dem wir alle einmal waren. Wie kam ein Mensch nun zu der Unterscheidung von Gut und Böse? Dadurch, zum Beispiel, daß er die Menschenfresserei so lange betrieb, bis er selbst einmal in die Lage kam, gefressen zu werden. In diesem Moment machte er die Erfahrung, daß ihn dasselbe treffen konnte. Er merkte also durch die Erfahrung, daß da etwas nicht ganz in Ordnung sei, und die Frucht dieser Erfahrung blieb ihm im Kamaloka und Devachan. Bei der nächsten Inkarnation brachte er ein ganz dunkles Gefühl mit, daß sein Tun nicht stimme, nach weiteren Inkarnationen wurde dies Gefühl bestimmter, er achtete auf die Empfindungen anderer, und es bildete sich so nach und nach ein gewisses Zurückhalten aus. Nach verschiedenen weiteren Inkarnationen hatte sich dies dunkle Gefühl verdichtet und der Gedanke herausgebildet: Das darf man nicht tun. — Ebenso hat ein Wilder im Anfang der Kultur alles ohne Unterschied gegessen; da bekam er Magenschmerzen, und nach und nach machte er die Erfahrung, daß er manches essen konnte und manches nicht. So verdichtete sich allmählich die Erfahrung und wurde zur Stimme des Gewissens.

[ 5 ] Was ist also das Gewissen? Das Ergebnis von Erfahrungen durch die verschiedenen Inkarnationen. Im Grunde ist alles Wissen, das höchste wie das niedrigste, überhaupt das Ergebnis von Erfahrungen; es ist auf dem Wege des Probierens, der Erfahrung entstanden.

[ 6 ] Eine interessante Tatsache gehört hierher: Erst seit Aristoteles gibt es eine Wissenschaft der Logik, der Lehre vom Denken. Daraus muß man schließen, daß das richtige Denken auch erst entstanden ist. Und so ist es auch. Das Denken mußte sich erst entwickeln, und das richtige Denken, die Logik, ist erst im Laufe der Zeit aufgrund der Beobachtung entstanden, daß falsches Denken zu Dingen führt, die von Übel sind. Das Wissen ist etwas, was sich die Menschen in vielen Inkarnationen erworben haben. Nach langem Probieren gelangte die Menschheit zu einem Schatz des Wissens. Da sieht man die Wichtigkeit des Karmagesetzes; wir haben hier auch etwas, was sich als bleibende Angewöhnung und Neigung aus der Erfahrung heraus bildet. Solch eine Neigung wie das Gewissen haftet auch am Ätherleib: Indem der Astralleib sich soundso oft überzeugt hat, daß dieses oder jenes nicht geht, bildet sich diese Neigung im Ätherleib als eine bleibende Eigenschaft aus.

[ 7 ] Ein anderer interessanter karmischer Zusammenhang zeigt sich bei einem gewohnheitsmäßig egoistischen Verhalten oder bei einem liebevollen sympathischen Mitleben mit anderen. Es gibt verhärtete Gewohnheitsegoisten — nicht bloß in bezug auf den Erwerbssinn — und es gibt altruistisch liebevoll Mitfühlende. Beides hängt am Ätherleib und kommt im nächsten Leben im physischen Leib zum Ausdruck. Personen, die in einem Leben gewohnheitsmäßig egoistisch handeln, altern früh im nächsten Leben, schrumpfen früh zusammen; das lange Jung- und Frischbleiben dagegen rührt von einem liebevollen, hingebungsvollen vorhergehenden Leben her. Somit kann man auch den physischen Leib bewußt vorbereiten für das nächste Leben.

[ 8 ] Nun wird Ihnen eine Frage auf der Seele liegen, wenn Sie sich erinnern, was ich gestern gesagt habe: Wie ist es denn mit den Dingen, die der physische Körper sich selbst erringt? Seine Taten werden sein künftiges Schicksal; aber die Krankheiten, die er in diesem Leben durchgemacht hat, was wird daraus?

[ 9 ] Die Antwort auf diese Frage, so seltsam sie klingen mag, ist keine Spekulation, keine Theorie, sie basiert auf Erfahrungen der Geheimwissenschaft und lehrt die Mission der Krankheit. Fabre d’Olivet, der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis, hat einmal ein sehr schönes Bild gebraucht. Er vergleicht das, was als Schicksal sich herausbildet, mit einem Naturvorgang; er sagt: Die wertvolle Perle entsteht durch eine Krankheit; sie ist ein Exsudat der Perlmuschel, so daß das Leben in diesem Fall erkranken muß, um etwas Wertvolles hervorzubringen. — So wie aus einer Erkrankung der Muschel die Perle sich bildet, so kommen die Krankheiten des physischen Körpers in einem Leben im nächsten Leben als ästhetische Schönheit wieder zum Vorschein. Entweder wird der eigene Körper durch die Krankheit, die er durchgemacht hat, im nächsten Leben schön an äußerer Gestalt, oder es wird eine Infektionskrankheit, die er mit seiner Umgebung getragen hat, belohnt durch die Schönheit seiner Umgebung. Schönheit entwickelt sich also karmisch aus Leiden, Schmerzen, Entbehrungen und Krankheiten. Das ist ein frappierender Zusammenhang, aber er besteht tatsächlich. Sogar der Schönheitssinn wird auf diese Weise herausgebildet. Kein Schönes ist in der Welt ohne Leiden und Schmerzen und Krankheiten. Ganz Ähnliches tritt uns in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit im allgemeinen entgegen. Sie werden daraus ersehen, wie wunderbar eigentlich die karmischen Zusammenhänge im Leben sind und wie die Fragen nach dem Bösen, nach Krankheit und Schmerz gar nicht zu beantworten sind, ohne die großen inneren Zusammenhänge der Menschheitsentwickelung zu kennen.

[ 10 ] Die Evolutionslinie geht zurück in ganz alte, alte Zeiten. Da waren noch ganz andere Verhältnisse, die Erde war eine ganz andere. Die höheren Tiere waren noch nicht vorhanden. Es gab eine Zeit, wo überhaupt noch keine Fische, Amphibien, Vögel, Säugetiere bestanden, nur Tiere, die niedriger sind als die Fische. Der Mensch war da, jedoch in ganz anderer Gestalt. Sein physischer Leib war noch sehr unvollkommen; höher war der geistige Leib. Er war noch in einem weichen, ätherischen Leib, und die Seele arbeitete selbst von außen an diesem physischen Leib. Der Mensch hatte noch alle anderen Wesen in sich. Nachher entwickelte sich der Mensch höher hinauf und ließ die Fischform zurück, die er in sich hatte. Das waren mächtige, phantastisch aussehende Geschöpfe, unähnlich unseren heutigen Fischen. Wieder entwickelte sich der Mensch höher hinauf und sonderte die Vögel aus sich heraus. Dann gingen die Reptilien und Amphibien aus dem Menschen heraus, groteske Wesen wie die Saurier, Fischeidechsen, die eigentlich nur Nachzügler der früher zurückgebliebenen, noch menschenunähnlicheren Wesen waren. Dann noch später setzte der Mensch die Säugetiere heraus. Zuletzt stieß er die Affen ab und ging selbst höher hinauf.

[ 11 ] Der Mensch war also von Anfang an Mensch, nicht Affe, und sonderte das ganze Tierreich aus sich heraus, um selbst vollkommener zu werden; gleichsam wie wenn man aus einer mit Farbe gemischten Flüssigkeit die Farbstoffe nach und nach heraussondert und das klare Wasser zurückbehält. Alte Naturforscher, wie Paracelsus und Oken, haben dies in schöner Weise ausgesprochen: Wenn der Mensch hinaussieht auf die Tierwelt, muß er sich sagen: Das habe ich selbst in mir getragen und abgesondert aus meinem Wesen.

[ 12 ] So hatte der Mensch in sich, was er später außer sich hatte. Und so hat der Mensch auch heute noch etwas in sich, was er später außer sich haben wird, nämlich sein Karma, die beiden Posten Gut und Böse. So wahr es ist, daß der Mensch das Tiergeschlecht aus sich herausgesetzt hat, ebenso wahr ist es, daß er das Böse und das Gute in die Welt hinaussetzen wird. Das Gute wird eine von Natur gute Menschenrasse ergeben, das Böse eine abgesonderte böse Menschenrasse. Das steht auch in der Apokalypse; das darf nur nicht mißverstanden werden. Nun muß man aber auch unterscheiden zwischen Seelenentwickelung und Rassenentwickelung. Eine Seele kann inkarniert sein in einer Rasse, die herunterkommt; aber wenn diese Seele sich nicht selbst böse macht, braucht sie sich nicht wieder in einer zurücksinkenden Rasse zu inkarnieren; sie verkörpert sich wieder in einer höhersteigenden Rasse. Für die heruntersteigenden Rassen strömen von anderen Seiten Seelen genug zur Inkarnation herbei.

[ 13 ] Aber was innen ist, muß nach außen, und der Mensch wird immer höher steigen, wenn sein Karma sich ausgewirkt hat. Damit hängt etwas außerordentlich Interessantes zusammen. Im Hinblick auf diese Entwickelung der Menschheit sind nämlich schon vor Jahrhunderten Geheimorden gegründet worden, die sich die denkbar höchsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Manichäerorden. Die Wissenschaft weiß nichts Rechtes über ihn. Man meint, die Manichäer hätten die Lehre aufgestellt, daß es von Natur aus ein Gutes und ein Böses gäbe, die miteinander im Kampfe liegen; das sei so von der Schöpfung her bestimmt gewesen. Das ist ein zum Unsinn verzerrter Schimmer der wirklichen Aufgabe dieses Ordens. Die einzelnen Glieder dieses Ordens werden in ganz besonderer Weise für ihre große Aufgabe erzogen. Dieser Orden weiß, daß es Menschen geben wird, die im Karma kein Böses mehr haben werden, und daß es auch eine von Natur aus böse Rasse geben wird, bei der alles Böse noch in höherem Grade vorhanden sein wird als bei den wildesten Tieren, denn sie werden Böses tun bewußt, raffiniert, mit einem hochausgebildeten Verstande. Der Manichäerorden belehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, daß sie das Böse nicht nur bekämpfen, sondern fähig werden, es zum Guten umzuwandeln in späteren Inkarnationen. Das ungeheuer Schwierige dieser Aufgabe liegt darin, daß in jenen bösen Menschenrassen nicht etwa wie bei einem bösen Kinde neben dem Bösen noch Gutes ist, das sich durch Beispiel und Lehre höher entwickeln läßt. Jene von Natur aus ganz Bösen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied des Manichäerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolzene Böse wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein Zustand der Heiligkeit wird der allgemeine sittliche Zustand auf Erden sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Heiligkeit bewirken. Aber das kann nicht anders erzielt werden, als wenn erst dieses Böse sich bildet; und in der Kraft nun, die angewandt werden muß, um dieses Böse zu überwinden, entwickelt sich die Kraft zur höchsten Heiligkeit. Der Acker muß gedüngt werden mit dem ekelerregenden Dünger, der Dünger muß zuerst gleichsam in den Acker hineinwachsen als Ferment. So braucht die Menschheit den Dünger des Bösen, um den Zustand der höchsten Heiligkeit zu erreichen. Das ist die Mission des Bösen. Stark wird der Mensch, wenn er seine Muskeln anstrengen muß; ebenso muß das Gute, wenn es sich zur Heiligkeit steigern soll, erst das ihm entgegengesetzte Böse überwinden. Das Böse hat die Aufgabe, die Menschheit höher zu bringen.

[ 14 ] Solche Dinge lassen uns hineinschauen in das Geheimnis des Lebens. Später dann, wenn der Mensch das Böse überwunden hat, kann er darangehen, die heruntergestoßenen Geschöpfe, auf deren Kosten er sich entwickelt hat, zu erlösen. Das ist der Sinn der Entwickelung.

[ 15 ] Etwas noch Schwierigeres ist das Folgende. Ein Schneckenhaus, eine Muschelschale sind abgesondert aus der lebendigen Substanz des Tieres selbst. Was als Haus die Schnecke umgibt, war ursprünglich in ihr; es ist ihr eigener Leib in verdichteter Form. Die Theosophie sagt: Wir sind eine Einheit mit allem, was uns umgibt. - Das ist so zu verstehen, daß der Mensch einst alles in sich gehabt hat. In der Tat ist die Erdkruste entstanden dadurch, daß der Mensch sie einst auskristallisiert hat; und wie die Schnecke ihr Haus, so hat der Mensch auch alle anderen Wesen und Reiche, Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, in sich gehabt und kann zu allen sagen: Die Substanzen waren in mir, ich habe die Bestandteile herauskristallisiert. - So blickt er nun auf etwas außer sich selbst, und jetzt bekommt es einen greifbaren Sinn, wenn er, indem er sie schaut, sagt: Das alles bin ich selbst.

[ 16 ] Noch subtiler ist eine zweite Idee. Stellen Sie sich jenen alten Menschheitszustand vor, in dem noch nichts aus dem Menschen herausgesondert war. Der Mensch war da und hatte auch Vorstellungen; aber er hatte sie nicht objektiv dadurch, daß die äußeren Dinge einen Eindruck machten, sondern rein subjektiv. Alles kam aus ihm selbst heraus. Der Traum ist noch ein Erbstück aus jener Zeit, wo der Mensch die ganze Welt gleichsam aus sich herausgesponnen hat. Dann setzte er die Welt sich selbst entgegen. Wir haben die Dinge selbst gemacht und schauen unsere eigenen Produkte, unser eigenes, festgewordenes Wesen in den anderen Geschöpfen.

[ 17 ] Kant spricht von etwas, was der Mensch nicht erkennen könne, von einem «Ding an sich». Aber so etwas gibt es nicht. Es gibt keine Grenzen des Erkennens, denn der Mensch findet in allem, was er um sich herum sieht, die zurückgelassenen Spuren seiner eigenen Wesenheit.

[ 18 ] Alles das wurde gesagt, um Ihnen zu zeigen, daß man, wenn man nur eine Seite der Dinge betrachtet, niemals zu einem wirklichen Verständnis kommen kann. Man muß sich klar darüber sein, daß alles, was uns in einem gewissen Zustande erscheint, in früheren Zeiten ganz anders war, und nur, wenn man die Gegenwart und die Vergangenheit miteinander vergleicht, kommt man da zu einem Verständnis. Und so auch, wenn man nur die sinnliche Welt betrachtet: Niemals wird man verstehen, warum es überhaupt Krankheit gibt oder was die Mission des Bösen ist, wenn man sich auf die sinnliche Betrachtung beschränkt. Alle solchen Zusammenhänge haben einen tiefen Sinn. Diese ganze Entwickelung durch Abspaltung, die ich Ihnen geschildert habe, hat sich vollzogen, weil der Mensch ein innerliches Wesen werden sollte; er mußte das alles aus sich heraussetzen, um sich selbst schauen zu können. So verstehen wir die Mission der Krankheit, die Mission des Bösen und die Mission der Außenwelt. Das sind große Zusammenhänge, wie sie die Betrachtung des Karmagesetzes ergibt.

[ 19 ] Wir wollen nun noch einige karmische Einzelfragen behandeln, die häufig gestellt werden. Welches ist der karmische Zusammenhang, daß viele Menschen schon so jung sterben, zum Beispiel schon als Kinder? Fälle, die der Geheimwissenschaft bekannt sind, lehren das Folgende. Man konnte zum Beispiel ein Kind, das früh gestorben ist, in Beziehung auf sein voriges Leben untersuchen, und da zeigte sich, daß es in seinem früheren Leben recht gut veranlagt war und diese Anlagen auch gut benutzt hatte. Es war ein recht fähiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft geworden, aber es war etwas schwachsichtig. Durch diese schwachen Augen und das weniger genaue Ansehen-Können bekamen alle seine Erfahrungen einen besonderen Anstrich. Es fehlte dadurch überall an einer Kleinigkeit, um die es hätte besser sein können; der Mensch blieb immer etwas zurück wegen der schwachen Augen. Er hätte ganz Außerordentliches leisten können, wenn er gute Sehorgane gehabt hätte. Er starb und wurde dann ganz kurze Zeit danach wieder inkarniert mit gesunden Augen, lebte aber nur wenige Wochen. Dadurch aber hatten die Wesensglieder erfahren, wie man gesunde Augen bekommt, und der Mensch hatte ein Stückchen Leben bekommen, um zu erwerben, was ihm noch gefehlt hatte, gleichsam eine Korrektur des vorhergehenden Lebens. Der Schmerz der Eltern wird natürlich karmisch ausgeglichen, aber sie mußten das Werkzeug für diese Korrektur sein.

[ 20 ] Was ist der karmische Zusammenhang bei totgeborenen Kindern? Darüber läßt sich schwer sprechen. In einzelnen Fällen, die okkult untersucht wurden, hatte sich der Astralleib schon mit dem physischen Leib verbunden, zog sich dann aber wieder zurück, so daß der physische Leib tot zur Welt kam. Warum aber zieht sich der Astralleib zurück? Das hängt so zusammen: Gewisse Glieder der höheren Menschennatur hängen mit gewissen physischen Organen zusammen. Kein Wesen zum Beispiel kann ohne Zellen einen Ätherleib haben. Der Stein hat keinen Ätherleib, weil er keine Gefäße oder Zellen hat wie die Pflanze. Ebenso ist der Astralleib an ein Nervensystem gebunden. Die Pflanze hat keinen Astralleib, eben weil sie kein Nervensystem hat. Sobald eine Pflanze von einem Astralleib durchzogen würde, könnte sie nicht mehr physisch wie eine Pflanze aussehen, sie müßte mit einem Nervensystem versehen sein, wie der Stein mit Zellen begabt würde, wenn er von einem Ätherleib durchzogen würde.

[ 21 ] Soll nun der Ich-Leib nach und nach Platz greifen, dann muß innerhalb des physischen Körpers warmes rotes Blut vorhanden sein. Alle Tiere, die rotes Blut haben, sind in einer Zeit aus dem Menschen herausgesondert worden, in der sich für den Menschen der Ich-Zustand vorbereitet hat. Daraus erkennen wir, daß die physischen Organe in Ordnung sein müssen, wenn die höheren Leiber Wohnsitz in ihnen nehmen sollen. Wichtig ist nun, zu berücksichtigen, daß der physische Körper ausgestaltet wird in seiner Form durch rein physische Vererbung. Nun kann die Zusammensetzung der Säfte eine unrichtige sein, während die Eltern sonst geistig und seelisch gut zueinander passen. Dann kommt kein ordentlicher physischer Leib zustande; da bekommt der Menschenkeim einen physischen Leib, in dem die höheren Leiber ihren Wohnsitz nicht errichten können. Zum Beispiel der Ätherleib verbindet sich mit dem physischen Leib, nun soll sich der Astralleib des physischen Leibes bemächtigen. Da findet er kein geeignetes Werkzeug, kein ordentlicher Organismus steht ihm zur Verfügung, und der Astralleib muß sich wieder zurückziehen. So bleibt der physische Leib zurück, der dann tot geboren wird. Mithin wird eine Totgeburt bewirkt durch eine physisch schlechte Säftemischung, die kein geeignetes Werkzeug für den geistig-seelischen Menschenkeim geliefert hat. Der physische Leib gedeiht nur soweit, als höhere Wesensglieder in ihm wohnen können. Sie sehen, wie man ins einzelne gehen muß beim Studium karmischer Zusammenhänge.

[ 22 ] Wie kommen nun karmische Ausgleiche zustande? Wenn jemand einer anderen Person etwas zugefügt hat, so muß das zwischen ihnen karmisch wieder ausgeglichen werden. Dazu aber müssen die betreffenden Personen gleichzeitig verkörpert sein. Wie geschieht das? Was bringt die Menschen zusammen, welche Kräfte bewirken das? Die Technik des Karma ist folgende: Das Böse, das ich einem Menschen angetan habe, ist geschehen, dadurch hat er gelitten. Nun sterbe ich, gehe ins Kamaloka. Zunächst unmittelbar nach dem Tode muß ich es im Erinnerungstableau sehen; das schmerzt nicht. Dann lebe ich mein Leben zurück. Komme ich in der Kamalokazeit wieder an den Punkt, da muß ich in den ausgehaltenen Schmerz des anderen Menschen nun selbst erleiden. Da kommt also der Gefühlsinhalt hinzu; der prägt sich wie ein Stempel in den Astralleib ein. Ich nehme etwas von diesem Schmerz als Ausbeute ins Devachan mit, es bleibt davon eine Kraft in mir als Ergebnis dessen, was ich an dem anderen Menschen erlebt habe. Ich muß in des anderen Menschen Schmerz oder auch Freude hineinschlüpfen, die er durchleben mußte; das zieht gewisse Kräfte in den Astralleib, so daß ich eine große Menge von Kräften mitnehme ins Devachan.

[ 23 ] Komme ich nun zurück zu einer neuen Verkörperung, so ziehen mich diese Kräfte wieder zu dem betreffenden Menschen hin, zum Ausgleich des Karmas. So werden alle Menschen zusammengeführt, die einmal etwas miteinander erlebt haben; sie haben während der Kamalokazeit sich diese Kräfte einverleibt.

[ 24 ] Selbstverständlich können in einem physisch verkörperten Menschen auch Kamaloka-Erlebnisse mit mehreren Menschen sein, um ihr Karma auszugleichen. Ein Beispiel soll uns auch das klarmachen. Ein in der Geheimwissenschaft bekannter Fall sagt folgendes: Ein Mensch wurde von fünf Richtern zum Tode verurteilt. Was war da geschehen? Dieser eine hatte im vorigen Leben eben diese fünf getötet, und die karmischen Kräfte hatten diese sechs Menschen zusammengeführt zum karmischen Ausgleich. Daraus entsteht nun aber nicht etwa eine nie endende karmische Kette, sondern andere karmische Beziehungen ändern den weiteren Verlauf.

[ 25 ] Sie sehen, geheimnisvoll arbeiten die geistigen Kräfte, um das komplizierte Menschengebilde zustande zu bringen. Manche wichtige, große Gesichtspunkte werden uns noch klar werden, wenn wir in den nächsten Tagen die ganze Entwickelung der Erde und des Menschen betrachten werden.