Das christliche Mysterium
GA 97
16 Februar 1907, Leipzig
21. Wer sind die Rosenkreuzer?
[ 1 ] Um den Namen Rosenkreuzer schwebt für diejenigen, die sich mit theosophischer Literatur beschäftigen, etwas Unbestimmtes, Unklares, als läge ein Geheimnis dahinter. Viele sehen darin eine Bezeichnung für Menschen, die sich im 18. Jahrhundert mit möglichen und unmöglichen Zaubereien beschäftigt haben. In Werken von Persönlichkeiten, welche die Rosenkreuzer wissenschaftlich und geschichtlich erforschen wollen, fühlt man das wohlwollende Achselzucken durch, wenn es etwa heißt: Da war einmal eine Art von Bruderschaft, die hohe Ideale und moralische Fortschrittsideen gehabt hat. — Vielleicht wird darin noch von deren symbolischen Formeln gesprochen. Jedenfalls wird in gelehrten Werken immer wieder betont werden, daß die Rosenkreuzer verkommen seien. Wenn die Rosenkreuzer jemals das gewesen wären, was da gesagt ist, so würde die Rosenkreuzerei das Verkehrteste sein. In Wahrheit sind sie etwas, was zum Wertvollsten der Menschheit gehört. Äußerlich könnte man es nicht ergründen. In Bücher sind die Geheimnisse nie übergegangen. Ist etwas davon kundgeworden, so geschah es nur durch Verrat oder dergleichen und das konnte dann leicht als Torheit oder Aberglauben gelten. Eine solche Anschauung hat nichts mit dem zu tun, was die Rosenkreuzerei war. Etwas von dem, was die Rosenkreuzerei umschließt, ist jedoch in einem Buch zu finden, das im Jahre 1616 erschienen ist. Der Verfasser hieß Johann Valentin Andreae. Es hatte den Titel «Die chymische Hochzeit des Christiani Rosenkreutz» und stellt den Entwickelungsgang eines Menschen dar, der ein Rosenkreuzer wurde. Später hat Andreae ein Buch erscheinen lassen, von dem man nicht wußte, war es Ernst oder Scherz oder ein Widerruf.
[ 2 ] Es wird sich uns in unserer heutigen Betrachtung dasjenige enthüllen, was heute schon öffentlich werden darf von dem, was die Rosenkreuzerei wirklich ist. Eine Einweihung hat es zu allen Zeiten gegeben. Die Menschen stehen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Es gibt hochstehende Menschen, die in die tiefsten Weltengeheimnisse eingeweiht sind, die davon etwas wissen, wie die Welten sich bilden, wie die Erde entstanden ist und wie die Menschen immer höhere Entwickelungsstufen erreichen. Wenn ausgesprochen wird, der Eingeweihte sei wissend, so wird das oft zu leicht genommen. Zu wissen, welches das eigentliche Menschengeheimnis ist, zu wissen, was des Menschen Zukunft ist, das bedeutet das Größte, was der Mensch lernen kann. Ja, es gibt ein Wissen, welches auf den unvorbereiteten Menschen geradezu tötend wirkt. Würde es heute ohne weiteres mitgeteilt, wäre es um die Menschheit geschehen. Die Menschheit würde gespalten werden, der größte Teil würde zerstört, auf den kleineren Teil würde es günstig wirken. Das Geheimnis kann dem Eingeweihten nie in unberufener Weise abgelockt werden; auch durch keine Marter, kein Martyrium. Wollten Sie es von einem Eingeweihten fordern, er würde niemals einem Unberufenen das letzte Weltengeheimnis offenbaren. Von dem Gedanken allein, das Geheimnis offenbaren zu sollen, würde er wahnsinnig werden oder getötet werden. In einem Bilde stelle ich Ihnen die Perspektive der ganzen Entwickelung dar, die mit diesem Geheimnis zusammenhängt: eine Allee, die immer schmäler und schmäler wird, scheinbar, obgleich für alle Menschen sich einst das große Geheimnis enthüllen wird.
[ 3 ] Die Rosenkreuzerei ist eine Art, eingeweiht zu werden. Durch Christian Rosenkreutz ist sie gestiftet worden. Es gibt verschiedene Wege der Einweihung. Der eine ist von den alten Rishis, den Indern gelehrt worden; das ist der orientalische Jogaweg. Dann gab es den christlich-gnostischen Weg, und der dritte ist der Rosenkreuzerweg. Alle drei Wege führen zu dem Gipfel der Einweihung. Es wird aber gewöhnlich nicht berücksichtigt, wie grundverschieden die geistige und physische Veranlagung der Inder und Europäer ist. Schon dem europäischen Körper wäre es unmöglich, den indischen Weg zu gehen. Man bedenkt außerdem nicht die Einwirkung der äußeren Verhältnisse in ihrer großen Verschiedenheit. Sie können verfolgen, daß in Indien zum Beispiel bestimmte Krankheiten Cholera, Blattern — einen ganz andern Verlauf nehmen, in heißen Ländern anders als in kalten. Die Umwelt ist ganz verschieden und wirkt sich dementsprechend auf alle Hüllen des Menschen aus. Es ist daher eine sonderbare Meinung gewesen, daß für den Europäer die Jogaschulung ausführbar sei. Das war ein Irrtum. Man hat allerdings nicht gewußt, daß seit dem 14. Jahrhundert die Rosenkreuzer einen Entwickelungsweg beschritten haben.
[ 4 ] Der Rosenkreuzerweg ist keineswegs ein unchristlicher. Für viele Menschen, die inbrünstig und fest im Christentum stehen, ist der christlich-gnostische Weg der richtige, und sie erreichen auf diesem die höchsten Gipfel. Aber die Zahl solcher Naturen nimmt ab. Die Rosenkreuzerei birgt die tiefsten Geheimnisse des Christentums, aber sie verschafft darüber hinaus die Möglichkeit, alle Zweifel hinwegzunehmen, in die jetzt die Menschen durch populäre oder auch weniger populäre Anschauungen gebracht werden. Niemand ist heute vor den bittersten Zweifeln geschützt, die sich an ihn überall herandrängen. Durch die christliche Schulung würde er diesen Zweifeln nicht in der richtigen Weise begegnen können, sich nicht zu schützen und zu verteidigen wissen. Sie dürfen das nicht in einer äußerlichen Weise nehmen. Wenn einer zum Beispiel sagen wollte: Ich lese keinen Haeckel, ich schließe mich ab in meiner christlichen Weltanschauung -, so wäre damit nichts erreicht. Wir leben in einer Welt, in welcher der Mensch ganz mit der Zivilisation angefüllt ist. Benützen wir Eisenbahnen, die neu erschlossenen Lichtquellen, so bedienen wir uns der Naturgesetze. Mag der Mensch sich noch so sehr verschließen: in jeder Lokomotive, in jeder künstlichen Flamme teilen sich ihm diese Gedanken, die im geistigen Umkreis leben, mit. Würde sich jemand nur an das Bibellesen halten, in der Nacht würde sein astralischer Leib, sein Seelenleib, doch umgeben sein mit allen möglichen zerstörenden Seelenempfindungen. Sie wissen nicht, warum Sie nervös werden. Derjenige weiß es, der die unbewußt einströmenden Gedanken kennt. Es geht dabei nicht um die materialistische Wissenschaft als solche, sondern um die ganze geistige Atmosphäre, in der wir leben. Im 12. Jahrhundert herrschte noch religiöse Inbrunst, die Kirche war geistig und äußerlich der Mittelpunkt. Der Mensch, der schwer gearbeitet hatte, flüchtete sich in das Haus der geistigen Mächte und fand dort Ruhe. Das ist heute anders geworden. Die rosenkreuzerische Schulung berücksichtigt diese Fakten, sie rechnet mit alledem, was an den modernen Menschen herankommt.
[ 5 ] Was ist nun die rosenkreuzerische Schulung? Sie werden hier hohe Ideale kennenlernen. Wer diese Schulung durchmachen will, muß sich an den wenden, der das entsprechende Wissen besitzt. Schon bei den ersten Schritten, die er tut, sieht der Schüler, worauf es ankommt. Was durch die Rosenkreuzerschulung bewirkt wird, ist eine völlige Umwandlung des Menschen. Nur dadurch, daß der Mensch Fähigkeiten der höheren Welt erlangt, kann er deren Bürger werden.
[ 6 ] Sieben Bestandteile, Verrichtungen, gehören zur rosenkreuzerischen Geheimschulung. Erstens: Richtiges Studium; zweitens: Aneignung der Imagination; drittens: Erlernung okkulter Schrift; viertens: Auffindung des Steines der Weisen; fünftens: Erkenntnis des Menschen selbst, der Welt im Kleinen, des Mikrokosmos; sechstens: Erkenntnis des Makrokosmos; siebentens: Erkennen, was Gottseligkeit ist. Oft kommen Abweichungen in der Reihenfolge vor, so daß ein Lehrer je nach der Individualität des Schülers, zum Beispiel das, was an fünfter Stelle steht, als vierte wählt.
[ 7 ] Sie werden fragen: Gibt es denn heute noch eine echte Rosenkreuzerei? Ja, es gibt eine solche, und sie wird erst in der Zukunft ihre wichtigste Bedeutung erlangen. Diese Rosenkreuzerbrüder haben auch gewisse Erkennungszeichen. Nicht viele können in die Öffentlichkeit hinaustreten, ein Teil wirkt vollständig in der Stille. Wer sie sucht, findet sie, und wer sie nicht findet, kann annehmen, daß es für ihn noch nicht an der Zeit ist. Die Begegnung tritt aber unweigerlich ein. Oft schaut es aus wie ein rechter Zufall. Sie können zum Beispiel in einem Wartesaal wegen einer eingeschneiten Bahnstrecke drei Stunden lang warten müssen. Ein Fremder tritt scheinbar ganz zufällig an Sie heran. Sie haben in ihm Ihren Lehrer gefunden. Das ist nur ein Fall, den ich Ihnen hier nenne.
[ 8 ] Erstens: Richtiges Studium. Was ist darunter gemeint? Sie werden in Welten geführt, von denen sich der gewöhnliche Mensch keinen Begriff macht. Es ist notwendig, daß man sich darin zurechtfindet. Ein Phantast, der nicht einen festen Halt in seinem Denken hat, ist nicht dafür geeignet. Sicherstes Denken ist Bedingung. Der Mensch muß sich umschauen, er muß sich bemühen, gesunden Auges umherzusehen, aber auch imstande sein, seine Sinne abzuschließen. Damit ist etwas gesagt, was nicht jeder würdigt, selbst nicht die größten Philosophen. Eduard von Hartmann zum Beispiel hat es immer wieder ausgesprochen: Bei jedem Denken ist immer noch etwas von den Sinnen zurückgeblieben, sei es ein Ton- oder ein Farbeneindruck. — Es bedeutet dies eine unglaubliche Unbescheidenheit, zu behaupten, ein Denken, in dem nichts Sinnenfälliges enthalten ist, sei nicht möglich. Was zu einem solchen sinnlichkeitsfreien Denken führt, wird jetzt in geisteswissenschaftlicher Literatur und in Vorträgen geboten.
[ 9 ] Solche, die sich als geeignet ausweisen, werden tiefer in das Wissen hineingeführt. Aber der elementare Teil dieses Wissens ist einem großen Teil der Menschen zugänglich. Das Studium, das heute an die Menschen herangebracht wird, welches von dem Sinnenfalligen der Welt wegführt, besteht in einer Schulung der Gedanken. Diese haben dann nichts zu tun mit dem, was uns in der Sinnlichkeit umgibt. Wer noch tiefer eindringen will, muß seinen Geist zu einer verstärkten Gedankentrainierung hinleiten. Zu solchem sinnlichkeitsfreien Denken versuchte ich Anleitung zu geben in den beiden Schriften: «Die Philosophie der Freiheit» und «Wahrheit und Wissenschaft». Es ist so: Wer beginnt, sich in diese Bücher zu vertiefen, wird merken, wie ein Gedanke sich an den andern reiht in einer bestimmten Notwendigkeit der Gedankenfolge. Alle, die höher hinaufstreben, erhalten damit das Mittel zu einem richtigen geistigen Wachstum.
[ 10 ] Zweitens: Aneignung der Imagination. Hier unterscheidet sich das Vorstellen vom gewöhnlichen Denken. Denken Sie an Goethes Wort: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis» Wenn Sie einen Menschen mit lächelndem oder mit kummervollem Antlitz sehen, so werden Sie nicht sagen, da im Gesicht entsteht eine Falte, oder eine Träne rollt über die Backe, sondern Sie sagen sich, dieses ist der Ausdruck einer heiteren, jenes der einer traurigen Seele. Das Äußere erschließt Ihnen das Innere, es ist ein Sinnbild, ein Gleichnis für das Erleben der Seele. Beim Menschen wird es jeder zugeben. Jeder kennt den Unterschied eines Menschenkopfes und seiner Abbildung. Der Geologe beschreibt Ihnen die Erde, ohne daß ihn irgend etwas anderes dabei beschäftigt als die rein physische Struktur. Das wissen die Menschen nicht, daß der Erdkörper der Körper eines Wesens ist, und daß gewisse Pflanzen der Ausdruck sind für den heiteren und für den traurigen Erdengeist. Goethe wußte davon zu sagen, er wußte die Erde als einen Leib anzusehen und wußte, was ihn durchdringt. Er laßt den Erdgeist im «Faust» sagen:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
[ 11 ] Alles auf der Erde ist ein Gleichnis für das, was im Inneren der Erde vor sich geht. Auf dem Erdenleib wandern die Menschen umher. Aus meinem Leib - so kann die Erde sagen — wächst das heraus, was dem Menschen sein Brot gibt. - In jener Stelle des JohannesEvangeliums: «Der mein Brot isset, tritt mich mit Füßen», ist eines der tiefsten Mysterien der Weltanschauung ausgedrückt.
[ 12 ] Imagination eignet man sich dadurch an, daß man in jedem Ding ein Gleichnis sieht. Dazu aber muß man vorher logisches Denken gelernt haben. Aber in der Rosenkreuzerschulung wird niemand ein anderes Gleichnis wählen. Ein jeder empfindet in allem ein Gleichnis des Ewigen. Ich muß hier in einen Dialog kleiden, was sich hinter einem Gleichnis versteckt, welches erst in den mittelalterlichen Tempeln und dann in den Rosenkreuzerschulen gelehrt wurde. Der Lehrer sagte zum Schüler: Sieh die Pflanze an, wie sie mit ihrer Wurzel in den Boden treibt und wie sie den Blütenkelch, den Sitz der Befruchtungsorgane dem Sonnenlicht zuwendet. Der Blütenkelch wird vom Sonnenstrahl in Keuschheit geküßt, und hierdurch entsteht ein neues Wesen. Der Sonnenstrahl wird auch die heilige . Liebeslanze genannt. Selbst Darwin sagt: Die Wurzel der Pflanze ist . mit dem Kopf zu vergleichen. -— Der Mensch ist eine umgekehrte Pflanze. Seine Fortpflanzungsorgane sind schamvoll dem Mittelpunkt der Erde zugekehrt. Das Tier steht zwischen Mensch und Pflanze. Es werden die drei Reiche der Natur bildlich mit einem Kreuz bezeichnet.
[ 13 ] Plato sagt: Die Weltenseele ist am Kreuz des Weltenleibes gekreuzigt.
[ 14 ] Nun fordert der Rosenkreuzerlehrer den Schüler auf: Also vergleiche die fleischliche Materie mit der pflanzlich-keuschen Materie —, es wird aber eine Zeit kommen, wo der Mensch geläutert sein wird in seinen Begierden und Leidenschaften, und er wird zu einer Stufe heranreifen und der geistigen Sonne entgegenleuchten, so keusch, so begierdenlos wie die keusche Pflanze. Durch dieses Ideal wird er sein Fleisch so läutern, daß sich die Befruchtung keusch und rein vollzieht. Dieses Ideal stellt die mittelalterliche Schulung in dem Heiligen Gral dar. Ein heiliges Symbolum ist der Kelch für das, was menschliche Sinnlichkeit werden muß, wenn sie dem gleich wird, was der Pflanzenkelch ist. Dann wird sie geküßt werden von der weißen Taube — der Kelch wird dargestellt mit der Taube darüber. So die Welt zu vergeistigen, in solchen Bildern die Umgebung des Menschen zu sehen, hebt hinauf zum Anschauen astraler Bilder. Gemüt und Gefühl bilden die Imagination aus.
[ 15 ] Drittens: Erlernung der okkulten Schrift. Die okkulte Schrift besteht darin, daß die inneren Strömungen der Natur nachgebildet werden. Ein solches Zeichen ist das Wirbelzeichen. Könnten Sie den Orionnebel ganz sehen, so würden Sie ihn wie zwei ineinander verschlungene Sechsen wahrnehmen. Hier sehen Sie eine zugrundegehende und eine entstehende Welt in dem Nebel. So ist es überall. Wenn die Pflanze eine neue Frucht abstößt, so geht gar nichts von der alten Pflanze in die neue über. Nichts anderes als die Kräfte bewirken, daß sich eine neue Pflanze bildet. Auch da würden Sie nur den Wirbel sich hineinringeln und hinausringeln sehen. Ebenso könnten Sie sehen, wie eine alte Kultur sich in sich selbst hineinringelt und eine neue sich herausschlängelt. Dieser geistige Vorgang kann uns helfen, ein solches Schriftzeichen zu verstehen.
[ 16 ] Achthundert Jahre vor Christi Geburt trat die Sonne in das Zeichen des Widders oder Lammes. Jedes Frühjahr rückt sie etwas weiter. Jetzt ist der Frühlingspunkt im Sternbild der Fische. Zu ersterer Zeit glaubten die Menschen, der Widder bringe ihnen alles Heil, die neue Kraft im Frühjahr. Selbst den Erlöser brachten sie damit in Zusammenhang. In den ersten Zeiten des Christentums hatten sie als Symbol das Kreuz mit dem Lamm. Bevor die Sonne im Frühjahr im Sternbild des Widders stand, stand sie im Sternbild des Stieres. Damals verehrten die Ägypter den Apis, die Perser den Mythrasstier. Nach der Sintflut stand die Sonne im Sternbild des Krebses. Der Krebs hat dieses okkulte Zeichen bekommen:
[ 17 ] Und so gibt es viele solcher Linien, aber auch Farben. Und solche Zeichen lernt man, die uns hineinführen in die Naturkräfte und Naturmächte. Die Ausbildung des Willens lernt man in der okkulten Schrift.
[ 18 ] Viertens: Die Auffindung des Steines der Weisen. Im 18. Jahrhundert verstand man ein Geheimnis darunter. Jemand hatte damals auch etwas davon veröffentlicht. Es ist etwas, das jeder kennt. Der Stein der Weisen ist zugleich das Edelste, was der Mensch sich erringen kann, was der Mensch aus seinem Organismus machen kann, um zu höherer Entwickelung zu kommen.
[ 19 ] Hier möchte ich Ihnen ein Gleichnis der Vedantaphilosophie nennen: Einmal wollten die Menschen die Fähigkeit prüfen, ob der Mensch auch ohne Augen leben könne. Nach einem Jahr sagte der Betreffende: Ja, ich habe gelebt, aber als ein Blinder. - Dann versuchte er, ohne Ohren zu leben, und nach einem Jahr gab er den Bescheid: Ja, ich habe ohne Ohren gelebt, aber als ein Tauber. - Die Stimme wurde genommen, und er lebte als ein Stummer. Nun sollte ihm auch der Atem genommen werden, und das ging nicht: ohne Atem konnte er nicht leben. Der Atem bringt uns die Lebensluft. «Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.» Mit jedem Atemzug ziehen wir Sauerstoff ein und stoßen Kohlensäure aus. Bei der Pflanze ist ein umgekehrter Kreislauf vorhanden. Die Pflanze baut ihren Leib aus Kohlenstoff auf. Daher kommt es, daß wir noch nach Jahrtausenden in der Kohle versteinerte Pflanzen finden. Der Mensch hat in sich den Kohlenstoff, er atmet Sauerstoff ein und Kohlensäure wird erzeugt, die sich entfernt. Das tut auch das Tier. Nun lehrt die Rosenkreuzerschule eine besondere Gestaltung des Atmungsprozesses, und hierdurch lernt der Mensch den Vorgang, den die Pflanze in sich vornimmt. Dann wird der Mensch imstande sein, den Kohlenstoff in sich selber zu verwandeln: er wird selber das blaue zurückfließende Blut in rotes umwandeln. Er nimmt die Pflanzennatur in sich auf und wird einst tun, was die Pflanze heute tut. Der Rosenkreuzer sagt: Heute ist dein Leib durch Fleisch aufgebaut, einst wirst du ihn selber durch deinen Atem aufbauen. Die Pflanzennatur wird in dir erscheinen, du wirst aber nicht schlafen wie sie, du wirst hellseherisch dabei sein.
[ 20 ] Diesem Ideal geht der Mensch entgegen, seinen Leib aufzubauen aus Kohlenstoff - die gewöhnliche Kohle, das ist der Stein der Weisen. Nicht schwarze Kohle wird es sein, sondern durchsichtig wasserheller Kohlenstoff, wenn des Menschen Leib sternhaft geworden ist. Es sind das nicht nur chemische Vorgänge, sondern es sind hohe Ideale. Das macht der Rosenkreuzer gradweise durch, und später wird die ganze Menschheit dazu aufsteigen.
[ 21 ] Fünftens: Erkenntnis des Menschen als Mikrokosmos. In der ganzen übrigen Natur ist die Welt ausgebreitet, und der Mensch ist der Extrakt davon. Alles in der Welt ist als Buchstabe ausgebreitet, und der Mensch ist das Wort daraus. Im Anfang des 19. Jahrhunderts brachten Oken und Schelling ganz richtige Grundideen davon. Sie suchten sich die Wesenheit klarzumachen, die einem Organ entspricht. Oken verfuhr etwas grotesk, wenn er erklärte: Die Zunge ist ein Tintenfisch. - Goethe sagt: Das Auge ist vom Licht für das Licht gebildet. - Die wahre Natur des Lichtes erkennen wir erst, wenn wir im Menschen das finden, was dem Licht entspricht.
[ 22 ] Ein Leitmotiv gibt der Lehrer dem Schüler, sich zu konzentrieren auf einen Punkt, jenes Organ hinter der Nasenwurzel, und er lernt die Natur des Traumbewußtseins des Menschen kennen zum heutigen hellen Bewußtsein hinzu. Und der Mensch lernt die ganze Welt kennen, wenn er sich vertieft in Milz, Leber und anderes mehr. Hat er durch diese innere Versenkung - gefährlich ist ein Hineinbrüten - sein Bewußtsein erweitert, wird er zusammenwachsen mit der ganzen Welt.
[ 23 ] Sechstens: Erkenntnis des Makrokosmos. Wer das Vorhergehende erkannt hat, wird auch hinter allen Geschöpfen den Schöpfer erkennen.
[ 24 ] Siebentens: Erkenntnis der Gottseligkeit. Auf der siebenten Stufe erreicht der Mensch einen Punkt, welcher aus der Tiefe der menschlichen Seele das Allgefühl hervorruft und, wozu er erst auf dieser Stufe berechtigt ist, das Gefühl der Beseligung. Erst durch Erkenntnis des Makrokosmos lernt er sich hineinversetzen in dieses Allgefühl. Ein klares Sich-Hineinleben in alle Einzeldinge ist: Gottseligkeit. Da lernt er, was hinter der Natur als Seele ruht. Einmal sagte mir jemand: Ich habe niemals gemeint, daß der Stein beim Klopfen auch etwas fühle. - Der Geist des Mineralreiches fühlt das Zerklopfen des Steins als höchste Wollust, als beseligendes Gefühl. Wenn uns scheint, als müsse der Marmorbruch Marter empfinden, für den Geist des Steins ist das höchste Seligkeit. Nun könnten Sie sagen: Warum werden diese Einzelheiten nicht mitgeteilt? Einst sagte jemand, das könnte doch höchst nützlich für die Menschheit sein. Ich erwiderte ihm: Die Menschen würden selbstsüchtigen Vorteil daraus ziehen wollen, und dieses Geheimnis kann nur in den selbstlosesten Dienst der Menschheit gestellt werden.
[ 25 ] Dieses Geheimnis wußten die Rosenkreuzer und diejenigen, die jetzt durch die Welt wandeln und dem menschlichen Fortschritt dienen, sie teilen mit, was zum Fortschritt dient, sie, die wissen, wie die «Chymische Hochzeit» vor sich gehen kann.
