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Das christliche Mysterium
GA 97

22 Februar 1907, Wien

22. Die christliche Einweihung und die Rosenkreuzerschulung

[ 1 ] Haben wir gestern ein Thema besprochen, das mehr die äußere, exoterische Seite der Geisteswissenschaft betrifft, so dürfen wir heute über die innere Seite, die esoterische Seite der Geisteswissenschaft, einige Betrachtungen anstellen.

[ 2 ] Wenn man, wie es heute unsere Aufgabe ist, zu einem großen oder auch kleineren Publikum über die Ergebnisse der Forschung des Übersinnlichen redet, so wird gar bald die Frage gestellt: Woher weiß man das? Wie kann man denn dazu kommen, selbst etwas zu erfahren in bezug auf die höheren Welten? — Diese Frage ist eine sehr berechtigte. Nur hat man sich klar zu sein darüber, daß man nicht allzufrüh, etwa gar vor der Bekanntschaft mit den wichtigen geisteswissenschaftlichen Ideen, diesen Weg des eigenen Beobachtens gehen kann. Man muß schon eine Art von Bekanntschaft mit den allgemeinen Ideen und Gedanken der Anthroposophischen Weltanschauung gemacht haben. Man muß versucht haben, die Ahnung zu bekommen, die jedem Menschen aufdämmert, daß Wahrheit in der Anthroposophie ist. Man muß endlich versucht haben, aus der menschlichen Logik heraus den inneren Zusammenhang der geisteswissenschaftlichen Lehren zu begreifen.

[ 3 ] Heute kann eigentlich prinzipiell nichts dagegen eingewendet werden, wenn jemand Verlangen trägt, selbst aufzusteigen zu den Stufen der höheren Erkenntnis. Gewiß wird von manchen Seiten recht viel von den Gefahren und von all dem gesprochen, was sich der okkulten Entwickelung - so nennt man nämlich die innere Entwickelung des Menschen — entgegentürmt. Viel wird über Hathajoga und Rajajoga gesprochen, doch hat dies mehr theoretischen Wert. Wenn die Sache richtig gemacht wird, wenn derjenige, der eine solche innere Entwickelung leitet, auch dazu berufen ist, das zu tun, dann besteht eigentlich die Gefahr nicht. Es muß nur alles richtig gemacht werden, darauf kommt es an. Ein solcher Vortrag wie der heutige ist etwa nicht dazu da, Anleitungen zu geben - dies sei besonders hervorgehoben -, diese müssen ausdrücklich von Mensch zu Mensch gegeben werden. Wer sie gibt, übernimmt eine große Verantwortung, und wer sie sich geben läßt, muß sich klar sein, daß der Erwählte sein Vertrauen auch wirklich verdient. Dieses Vertrauen ist etwas, was unbedingt vorhanden sein muß.

[ 4 ] Die okkulte oder innere Entwickelung des Menschen führt also den einzelnen nach und nach hinauf zu den Stufen der eigenen Erkenntnis. Ich möchte Ihnen nun das Wesentliche der inneren Entwickelung skizzieren, und zwar, wie schon gesagt, zur Information, nicht zur Anleitung.

[ 5 ] Wenn jemand den Gipfel der Erkenntnis erreicht hat, wenn jemand oben am Gipfel des Berges steht, hat er nach allen Seiten freie Aussicht. So ist es im physischen Dasein, so auch in der Erkenntnis. Solange man nicht oben ist, solange man am Wege ist, so lange hat man die freie Aussicht nicht. Man lernt, je mehr man steigt, immer mehr kennen, aber immer bleibt noch ein großer Teil durch den Berg verdeckt. Sehr gut paßt dieses Bild des Berges auf die innere Entwickelung. Ein jeder muß auch, wenn er die Stufen der höheren Erkenntnis hinaufsteigen will, von einem Punkte ausgehen, der für ihn geeignet ist. Das heißt, die Menschen sind verschieden auf Erden, verschieden auch hinsichtlich ihrer physischen, ätherischen und astralischen Konstitution. Die äußere Natur eines Hindu, eines Menschen aus Vorderasien, eines Europäers oder Amerikaners sind voneinander verschieden, viel mehr als sich der Nichtokkultist vorstellen kann. Was einer Hindunatur an Übungen in bezug auf innere Entwickelung frommt, das ist nicht ohne weiteres einer abendländischen Natur zuzumuten. Es war also ein Fehler, daß man die orientalische Jogalehre nach Europa übertrug. Dadurch wurde viel Unheil angerichtet. Der viel weichere Leib des Hindu kann ganz anders entwickelt werden, als der durch die Zivilisation, wenn man so sagen darf, viel härter gemachte Europäaerorganismus. So sind die menschlichen Naturen viel verschiedener, als Sie sich vorstellen können. Der Anatom kann Ihnen nichts sagen darüber, aber wer als Hellseher einen Blick in das Innere hinein tut, der weiß, wie gewaltig verschieden die Naturen sind.

[ 6 ] Nun kann man die heutige Menschheit in drei Typen einteilen: Erstens gibt es noch immer solche, für die im wesentlichen die orientalische Jogaeinweihung passend ist, dann solche, für welche der christlich-gnostische Weg möglich ist, endlich aber diejenigen und das ist bei der weitaus größten Zahl der Fall -, für die jener Weg geeignet ist, der seit dem 14. Jahrhundert als Rosenkreuzerweg bekannt ist. Wohlgemerkt, diese Wege führen nicht etwa zu verschiedenen Erkenntnissen, denn, wenn man oben ist am Gipfel, sind alle Dinge gleich. Aber die Wege sind und müssen verschieden sein.

[ 7 ] Auf dem christlich-gnostischen Wege kann man Mannigfaltiges erreichen, man kann zu den höchsten Erkenntnissen kommen. Der Rosenkreuzerweg ist aber für den modernen Menschen geeignet, weil dieser Mensch in Lagen kommen kann, wo sich ihm deshalb, weil er innerhalb unseres Lebens lebt, Zweifel ergeben, Störungen einstellen, welche er für sich und sein Wirken in der Welt beseitigen muß. Dies ist nur möglich bei der einen inneren Schulung mit Grundlage der rosenkreuzerischen Methode, die für die abendländische Welt die richtige ist.

[ 8 ] Ich möchte nur einige Gesichtspunkte der christlich-gnostischen Einweihung angeben, damit Sie sehen, daß hier noch ein Gebiet ist, über das man noch viel heute lernen kann. Ich werde dann ohne weiteres zur Rosenkreuzerschulung übergehen. Den orientalischen Jogaweg wollen wir heute nicht weiter berühren.

[ 9 ] Der christliche Weg ist in einer Schrift vorgezeichnet, die außerhalb okkulter Kreise kaum verstanden wird. Vollständig vorgezeichnet ist der richtige Weg der christlichen Einweihung im JohannesEvangelium.

[ 10 ] Das Johannes-Evangelium gehört zu den tiefsten Schriften der Welt, nur muß man es richtig lesen können, das heißt, man muß nicht glauben, daß das Lesen allein genügend und richtig ist. Es ist ein Lebensbuch. Vor allem müssen Sie sich klar sein, daß schon die ersten Worte nicht bloß zum Lesen, nicht zum philosophischen Spekulieren geschrieben sind, daß sie geschrieben sind zur Meditation. Nur muß man sie in der richtigen Weise haben, nicht in der gewöhnlichen Übersetzung, sondern aus der deutschen Sprachsubstanz heraus müssen die ersten Verse aus dem Johannes-Evangelium so geschaffen werden, daß nicht bloß der Sinn der Sätze, sondern auch der Lautwert der Sätze da ist. Denn im wirklichen okkulten Leben kommt noch dasjenige in Betracht, was man den Lautwert der Worte nennt.

[ 11 ] Die Meditation besteht in der inneren Versenkung in gewisse Formeln, Sätze oder auch Worte, aber die Meditation, die ein wichtiges Mittel der Entwickelung darstellt, ist nicht etwa nur eine philosophische oder verstandesmäfßige Versenkung in dasjenige, was einem der okkulte Lehrer gibt, sondern es ist ein Aufgehen bis in den Lautwert hinein. Wenn Sie über einen Satz nachdenken würden, den Ihnen ein Lehrer gibt, könnten Sie nur das an Gedanken herausbringen, was Sie schon haben. Sie sollen aber etwas Neues erhalten, darum handelt es sich. Meditationssätze sind Sätze, welche Ihnen die Pforte aufschließen zur geistigen Welt, welche beruhen auf jahrhundertelanger Erfahrung. Man weiß, dafß sie in jedem Buchstaben, in jeder Wendung eine Wirkung auf die Seele haben. So müssen Sie die ersten Sätze genau dem Buchstaben nach meditieren. Sie lauten, richtig übersetzt:

«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.

Dieses war im Urbeginne bei Gott.

Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.

In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.

Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit seinem Namen Johannes.

Dieser kam zum Zeugnis, auf daß er das Zeugnis ablege von dem Licht, auf daß durch ihn alle glauben sollten.

Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes. Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.

Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt.

In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich-Menschen kam es), aber die einzelnen Menschen (die Ich-Menschen) nah men es nicht auf.

Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch es als Gottes Kinder offenbaren.

Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus menschlichem Willen, sondern aus Gott geworden.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Lehre gehört; die Lehre von dem einzigen Sohn des Vaters, erfüllt von Hingabe und Wahrheit.»

[ 12 ] Wenn wir langer miteinander sprechen könnten, könnte ich Ihnen manches über diese ersten Sätze sagen. Was ich Ihnen jetzt über diese christliche Einweihung kurz sage, haben Hunderte und aber Hunderte von Menschen durchgemacht. Es ist eine praktische Erfahrung für Tausende geworden. Nur andeuten will ich Ihnen einige Stufen der christlichen Einweihung.

[ 13 ] Dem Schüler wurde vorerst gesagt: Du hast zunächst durch Wochen, Monate, Jahre hindurch jeden Morgen eine gewisse Zeit lang diese ersten Sätze des Johannes-Evangeliums in deiner Seele leben zu lassen. Du hast diese Zeit hindurch die Aufmerksamkeit von allem abzuwenden, was um dich vorgeht. Blind und taub mußt du werden für alles um dich, und aufsteigen müssen diese Worte in deiner Seele, als ob du sie hörtest, Tag für Tag, immer und immer wieder.

[ 14 ] Diese Übung hat zunächst eine bestimmte Wirkung auf die Seele. Sie zaubert heraus, daß ein solcher Mensch sieht, wie seine Träume plötzlich regelmäßig werden, wie sie regelmäßige Formen annehmen. Und dann kommt jener Moment, wo der Mensch weiß, daß er nicht in einer Welt des Traumes ist. Sondern er weiß: Jetzt hast du eine neue Wirklichkeit um dich herum, die imaginative, die astralische. - Wie man im gewöhnlichen Bewußtsein Baum und Strauch um sich sieht, so sieht man nun die Erlebnisse jener Welt. Stufenweise kommen sie heraus, und dann weiß man, was sie bedeuten. Zuerst wie Traumbilder, dann immer mehr und mehr als lebende Wachvision sieht der Schüler die ersten zwölf Kapitel des Johannes-Evangeliums vor sich.

[ 15 ] Nach diesem Erleben sagt der Lehrer der christlichen Einweihung dem Schüler: Nunmehr hast du dich vorzubereiten für das Erleben des dreizehnten Kapitels. Stelle dir eine Pflanze vor! Diese Pflanze wächst aus dem mineralischen Reiche heraus. Wenn sie denken und empfinden könnte, dann müßte sie zu dem mineralischen Reiche sagen: Aus dir wachse ich heraus, du bist zwar ein niedereres Reich als ich, aber unmöglich könnte ich ohne dich leben. Und dankbar müßte sie sich zum mineralischen Reiche hinneigen und sagen: Ich danke dir, Stein! Dir verdanke ich das ganze Dasein. — Ebenso müßte das Tier zur Pflanze sprechen. Und der Mensch müßte sich zu den niederen Naturreichen hinunterneigen und dasselbe empfinden. Und jeder, der auf der sozialen Stufenleiter höher emporgekommen ist, müßte sich hinunterneigen zu dem unter ihm Stehenden und sagen: Ohne dich könnte ich nicht leben.

[ 16 ] Darin ganz aufzugehen, hat der Schüler sich zu üben, wochen-, monatelang. Dann kommen zwei Symptome, für alle die gleichen. Er erlebt zunächst das äußere wie auch das innere Symptom als eine ganz bestimmte Tatsache. Er sieht sich selbst als den Dreizehnten, der den Zwölfen die Füße wäscht. Der Christus Jesus hat den Zwölfen in der Fußwaschung diese große Wahrheit klarmachen wollen. Dieses wunderbare Seelenerlebnis kommt in der Einweihung über den Menschen. Bis zu äußeren Symptomen geht es. Er erlebt etwas, was er empfindet, als wenn er seine Füße in Wasser tauchte. Niemand braucht sich davor zu fürchten, es vergeht bald wieder.

[ 17 ] Wenn der Schüler so weit ist, dann kommt der Lehrer und sagt: Jetzt hast du dich in eine andere Empfindungssphäre zu begeben. Das Leben bringt von allen Seiten Leid und Schmerz. Du mußt dich in einen Zustand hineinversetzen, daß du allem Leid und allem Schmerze, wie sie auch von allen Seiten der Welt kommen, als aufrechter Mensch begegnest, so daß sie dir nichts anzuhaben vermögen. Wochen- und monatelang mußt du in diesen Dingen verharren. -— Dann kommt ein Zeitpunkt, wo ein astralisches Symptom eintritt. Er sieht sich in der Vision der Geißelung, und am ganzen Körper tritt eine ähnliche Empfindung auf, die zwar wieder vergeht, die aber so wirkt, daß sich der Schüler mit dieser Empfindung bis in den ganzen Körper hinein durchdringt. Damit hat er sich reif gemacht, aufrechtzustehen in den Geißelhieben des Lebens.

[ 18 ] Für die dritte Stufe erhält er die Anweisung: Nun hast du dich hineinzuversetzen in die Empfindung, wie es mit dir stände, wenn du nicht nur Schmerz und Leid zu erdulden hättest, sondern wie wenn dir auch noch das, was dir das Heiligste ist, mit Hohn und Spott übergossen würde. Du mußt durch die Kräfte des Inneren stehen können, du mußt einen solchen Mittelpunkt in dir haben, daß du aufrechtstehen kannst. Dann tritt eine neue Vision auf: Der Schüler sieht sich als dornengekrönt. Er hat als das äußere Symptom eine Art Kopfschmerz, der bis in die Glieder hinein zeigt, daß sich dieses große Erlebnis eingestellt hat.

[ 19 ] Dann kommt die vierte Station. Es muß der irdische Leib für den Schüler wie ein Außending werden. Die meisten Menschen empfinden ihn als das Ich. Wie ein Stück Holz, wie etwas Äußerliches muß der Leib werden. Der Schüler muß sich angewöhnen zu sagen, statt «Ich komme zur Tür herein»: «Ich trage den Leib zur Tür herein». Ganz objektiv muß ihm der Leib werden. Wenn der Schüler sich darin wochen- und monatelang hineingelebt hat, dann hat er eine Vision, ein astralisches Erlebnis: Er sieht sich gekreuzigt. Das ist die vierte Station. Und als äußeres Symptom treten für eine kurze Zeit während der Meditation die Wundmale, die Stigmata auf, an den Händen, Füßen und der rechten Seite — nicht links, wie gewöhnlich angenommen wird. Sie zeigen, wie sich dieser Grad der Entwickelung bis in den fleischlichen Leib hineingearbeitet hat.

[ 20 ] Dann kommen Stufen, über die wir nicht mehr sprechen können, weil wir keine Worte dafür haben. Die fünfte Stufe ist der mystische Tod, wo der Schüler tatsächlich zuerst erlebt, wie wenn zwischen ihm und der Wirklichkeit etwas stünde wie ein schwarzer Vorhang. Bis ihm die Erkenntnis aufgeht, fühlt er etwas wie eine Art Verlorenseins, eine Art des ganz und gar Einsamstehens. Die Fleischeswelt ist, wie wenn sie versunken wäre, und wie ein undurchdringlicher schwarzer Vorhang liegt es vor dem Auge der Seele. Das ist ein Mornent, den jeder, der diesen Einweihungsweg geht, erleben muß. Man macht die Bekanntschaft mit allem, was als wirklich großes Leid und Schmerz auf dem Grunde der Seele ruhen kann, und mit allem Bösen, das in der Welt vorhanden ist. Das ist das Hinuntersteigen in die Hölle. Dann kommt es dem Schuler vor, als ob der Vorhang zerrisse, und er sieht in die andere Welt.

[ 21 ] Es folgt sodann die Grablegung, ein Erlebnis, bei dem man sich mit den Planeten eins fühlt, und die siebente Stufe, von der man nicht reden kann, weil nur der etwas ahnen kann, der sein Denken von seinem Gehirn lostrennen kann. Es ist die Himmelfahrt.

[ 22 ] Durch diese Darstellung der christlichen Einweihung wollte ich Ihnen begreiflich machen, was man sich darunter vorzustellen hat. Es ist ein entsagungsreicher Weg. Ganz in der Stille kann es geschehen, und mancher lebt unter Ihnen, der dies alles durchgemacht hat. Es geschieht gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens, und je ernster, desto weniger ist es für den äußeren Blick sichtbar.

[ 23 ] Wenn nun der Mensch gewappnet sein will gegen alles, was von außen herantreten kann, so muß er die Rosenkreuzereinweihung durchmachen. Was Sie vielfach in Büchern darüber lesen, das müßte Sie dahin führen, die Rosenkreuzer wirklich als Scharlatane anzusehen, denn so sind sie vielfach von Gelehrten geschildert.

[ 24 ] Die wahren Rosenkreuzer haben sich seit dem 14. Jahrhundert an einem geheimen Zeichen erkannt. Außenstehenden durfte jedoch nicht mitgeteilt werden, worin das Wesen des Rosenkreuzertumes bestand. Erst seit einem gewissen Zeitpunkt des 19. Jahrhunderts muß es sogar sein, daß die elementaren Dinge der Rosenkreuzereinweihung mitgeteilt werden. Allmählich erst wächst die Menschheit hinein in jene Reife, durch die sie etwas über die Dinge erfahren darf. Warum das so sein muß, warum die höheren Geheimnisse noch immer verborgen gehalten werden müssen, darauf können wir heute nicht weiter eingehen.

[ 25 ] Auch die Rosenkreuzereinweihung hat sieben Stufen, und zwar: Erstens das Studium, das Rosenkreuzerstudium, zweitens die Aneignung der imaginativen Erkenntnis, drittens die Aneignung der okkulten Schrift, viertens die Aufsuchung des Steines der Weisen, fünftens das Erleben des Zusammenhangs zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, sechstens die Versenkung in den Makrokosmos und siebentens die Gottseligkeit.

[ 26 ] Ich schicke wieder voraus, daß nur skizzenhafte Andeutungen gegeben werden können und nicht mehr.

[ 27 ] Das Studium ist nicht das Lernen, wie es gewöhnlich geschieht, sondern man muß darauf kommen, daß es für den Menschen ein Denken gibt, welches noch ein flüssiges, wirkliches Denken ist, wobei der Mensch alle sinnlichen Wahrnehmungen um sich herum ausschließt. Die abendländischen Denker leugnen, daß es ein solches Denken gibt. Sie sagen, man könne nur denken, wenn in dem Gedanken noch ein Rest von Sinneswahrnehmung enthalten sei. Die Herren wissen eben nicht, daß andere es gekonnt haben, und wollen es nicht glauben, weil sie selbst nicht so denken können. Der Mensch muß lernen, alles zu vergessen, von allem abzusehen, was äußerlich auf die Sinne wirkt, ohne jedoch leeres Gefäß zu bleiben. Das ist möglich, wenn man sich in einen reinen, sinnlichkeitsfreien Gedankeninhalt vertieft, wie er in den Mitteilungen des Geistesforschers enthalten ist, und über das, was sich fortspinnt, sinnt. Ich habe in meinen Schriften diesen Weg verfolgt, ich habe sie so niedergeschrieben, daß wie bei einem lebendigen Wesen ein Glied aus dem andern herauswächst, ein Gedanke aus dem andern organisch herauskommt. Man gibt sich dem Gedanken selbstlos hin, es tritt eine innere Trennung ein. Wer höher hinauf will, muß geisteswissenschaftliche Mitteilungen so lesen. Wer nicht höher hinauf will, der kann sie wie ein gewöhnliches Buch lesen. Das erstere ist aus dem Grunde der Fall, weil der Mensch durch die höhere Erkenntnis in andere Welten gelangt. Sie leben jetzt im physischen Plane — das Wort «Ebene» sollte abkommen, denn es ruft die meisten Irrtumer hervor. Das englische Wort «plan» sollte nicht «Ebene» heißen, sondern so wie ein Plan eines Hauses gar nichts mit einer Ebene zu tun hat, so sollte es Plan heißen. Also Sie kommen in verschiedene Plane, in verschiedene Welten. Zuerst leben Sie hier in der physischen Welt, dann kommen Sie in die astralische, imaginative Welt. Das ist eine Welt, die man so schildern kann: Denken Sie sich eine Pflanze, grün, mit roter Blüte. Sie erlangen durch gewisse Übungen die Möglichkeit, nicht nur zu sehen, was Ihre Sinne sehen, sondern Sie können wahrnehmen, wie sich aus der Pflanze gleichsam eine kalte Flammenbildung heraushebt. Sie nehmen schwebende Farben wahr. Sie kommen so zur Wahrnehmung von Wesen, die Sie mit den äußeren Sinnen nicht wahrnehmen können. Es verdampft alles von der Oberfläche der Dinge und wird der Ausdruck von rein astralischen Vorgängen. Diese Welt ist eine viel wirklichere als unsere Sinneswelt, denn unsere Sinneswelt ist aus ihr, der geistigen, heraus geschaffen. Diese physische Welt ist eine verdichtete aus dem Astralischen. Für den wirklichen Okkultisten ist die Materie verdichteter Geist, den wir wieder auflösen können. Unsere ganze sinnliche Welt ist verdichtete astralische Erscheinung.

[ 28 ] Hinter dieser astralischen Welt steht nun wieder eine andere Welt, die wir am besten dadurch beschreiben, daß ich Ihnen zeige, wie der Mensch dazu kommt, sie zu erleben. Wenn er diese Übungen macht, die ich in meinen Schriften beschrieben habe, regeln sich zunächst seine Träume. Versuchen Sie, sich einmal in die Natur der Träume zu versenken. Was ist der Traum? Ich werde einige Beispiele anführen, und zwar aus dem Leben, denn andere bringe ich nicht vor.

[ 29 ] Jemand hat geträumt, er habe einen Laubfrosch gefangen, und hatte den Bettzipfel in der Hand. Im Wachzustande hätte er als den dem Traum zugrunde liegenden Tatbestand bemerkt, daß er den Bettzipfel in der Hand gehalten hat. Der Traum symbolisiert den Vorgang. - Ein anderes Beispiel: Jemand träumt, er befinde sich in einem dumpfen, schwarzen Kellerloch voller Spinnweben. Er wacht mit Kopfschmerzen auf. — Ganze dramatische Vorgänge können so geträumt werden. Ein Student steht an der Tür des Hörsaales. Ein anderer, der hereinkommt, rempelt ihn an, und es kommt, so träumt er weiter, zu einem Pistolenduell. Der Schuß knallt - und der Stuhl neben dem Bette ist umgefallen. Dieses kleine Ereignis hat sich symbolisiert ausgedrückt in der ganzen 'Traumhandlung. Eine Bäuerin träumt, daß sie nach der Stadt gehe, in die Kirche eintrete, wo der Pfarrer von erhabenen Dingen predigt. Gerade an einer erhabenen Stelle verwandelt sich der Pfarrer: Er sieht aus, als ob er Flügel bekäme, und fängt auf einmal an zu krähen. In dem Augenblick wacht die Bäuerin auf, denn draußen kräht der Hahn. Diese Handlung des Hahnenschreies hat sich symbolisiert umgestaltet im Traume.

[ 30 ] Ein solcher Bildner ist der Traum. Dies alles ist chaotisch. In diese Welt kommt jedoch Leben hinein, und alles wird harmonisch und regelmäßig, wenn Sie sich bis zu einem gewissen Punkte die Gewißheit erringen, daß da eine Wirklichkeit vorhanden ist. So tritt das zuerst auf, und später nimmt man das in der Traumwelt Wahrgenommene in das gewöhnliche Leben herüber. Es bildet sich nämlich etwas heraus, was man «die Kontinuität des Bewufßtseins» nennen kann.

[ 31 ] Der Mensch hat auch den traumlosen Schlaf. Auf seiner nächsten Entwickelungsstufe lernt nun der Rosenkreuzerschüler, im Schlafzustand die Wesen und Vorgänge um sich herum wahrzunehmen: Aus der Finsternis des traumlosen Schlafes tönen die Offenbarungen der Geisteswelt. Das ist die nächste, die devachanische Welt. Die pythagoreischen Schulen nannten diese Welt die Welt der Sphärenmusik: Die geistige Welt tönt. Wenn Sie wirklich etwas über das Devachan hören wollen, kann es nur so geschehen, daß es Ihnen als eine tönende Welt geschildert wird. Goethe, der in diesem Grade in die Rosenkreuzerweisheit eingeweiht war, wußte um diese Tatsache: «Die Sonne tönt nach alter Weise» Das ist entweder ein Unsinn oder eine höhere Weisheit. Die physische Sonne tönt nicht, der Geist der Sonne ist ein wirkliches, tönendes Wesen. Und Goethe bleibt im Bilde; lesen Sie im zweiten Teil des «Faust»: «Tönend wird für Geistesohren /Schon der neue Tag geboren.» Er schrieb so, weil für ihn eine Wahrheit war, was die Pythagoreer Sphärenmusik genannt haben. Das alles kann ich nur andeuten. Alle Dinge werden sprechen zu uns, eine neue Offenbarung geht hervor.

[ 32 ] Das sind die Stufen, zu denen der Rosenkreuzerschüler durch seine Übungen gelangen kann. Die Welten sind immer ganz andere, und wer nur die physische Welt kennt, kann sich keinen Begriff davon machen, was er in andern Welten erfahren kann. Nur eines bleibt gleich durch alle Welten, und das ist das logische Denken. Die Wahrnehmungen sind ganz verschieden in der astralischen, in der devachanischen Welt, aber die Denkgesetze sind in allen drei Welten die gleichen. Daher muß der Rosenkreuzerschüler erst dieses Denken lernen, damit er nicht abirre von dem sicheren Pfade.

[ 33 ] Die zweite Stufe ist die Aneignung der imaginativen Erkenntnis. Da kann ich Ihnen nur einige Dinge sagen, die Ihnen erklären sollen, was man darunter versteht. Wenn Sie sehen, daß eine Träne über eine Wange perlt, so schließen Sie daraus, daß Traurigkeit in der Seele ist. Wenn Sie die Physiognomie des Menschen heiter sehen, schließen Sie daraus, daß die Seele heiter ist. Das tun Sie dem Menschen gegenüber. Wer zur imaginativen Erkenntnis aufsteigen. will, muß es der ganzen Welt gegenüber tun. Ihm muß das Leben der Pflanzen, der Tiere und der Steine ein Ausdruck der Physiognomie der Weltseele werden. Manches muß wie die Heiterkeit sein, anderes wie die perlenden Tränen des Erdgeistes. Das muß eine Wirklichkeit für den Menschen werden. So wie wir im Gesicht des Menschen seine Physiognomie lesen, so muß uns die ganze Erde ein Ausdruck für die geistige Seele der Erde werden. Da kann man viel erleben. Damit hängt das Geheimnis des Heiligen Grales, des Ideals des mittelalterlichen Rosenkreuzerschülers, zusammen.

[ 34 ] Nehmen wir ein Beispiel. Da stand der Schüler des Rosenkreuzers dem Lehrer gegenüber, der ihm eine Übung auferlegte. Was ich nun als Form eines Dialoges bringe, ist als Zwiegespräch nie gesprochen worden, aber es ist geübt worden, was darinnen enthalten ist, es ist erlebt worden. Es ist ganz wahr und absolut richtig in jeder Einzelheit. Der Schüler kommt zum Lehrer, und dieser sagt ihm: Sieh dir die Pflanze an! Sie streckt die Wurzel in den Boden hinein, sie wächst in die Höhe, öffnet den Kelch nach oben, darin hat sie die Befruchtungs- und Fortpflanzungsorgane. Keusch und edel und rein laßt sie sich küssen vom Sonnenstrahle und dem Lichte, der heiligen Liebeslanze, die als Sonnenstrahl den Kelch der Pflanze durchdringt und dasjenige herauslockt, was in den Befruchtungsorganen der Pflanze veranlagt ist. Du würdest dir etwas Falsches vorstellen, wenn du, die Pflanze mit dem Menschen vergleichend, denken würdest, die Blüte sei der Kopf und die Wurzel die Füße. Die Wurzel ist der Kopf und die Blüte das Untere. Der Mensch ist eine umgekehrte Pflanze.

[ 35 ] So sieht der Okkultist im Menschen die umgekehrte Pflanze und in der Pflanze den umgekehrten Menschen, und das Tier steht mitten darinnen. Sieh dir die Pflanze an: ihr entspricht der abwärtsgerichtete Balken des Kreuzes, dem Tier der horizontale Balken, dem Menschen der vertikale, aufwärtsgerichtete Balken. - Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Kreuzes: Es ist das Sinnbild für Pflanze, . Tier, Mensch als drei Reiche der Natur. Deshalb schreibt Plato, daß die Weltenseele am Weltenleibe gekreuzigt sei. - Und nun sagte der Lehrer weiter zum Schüler: Sieh dir den Menschen an, den Menschen im Fleische! Was ist dieses menschliche Fleisch, vergleiche dieses mit dem, was in der Pflanze enthalten ist. Keusch und rein ist die Pflanzenmaterie. Das menschliche Fleisch ist durchdrungen von Begierde und Leidenschaft. Höher steht der Mensch auf der Leiter der Entwickelung, damit aber hat er auch zugleich die Begierde und Leidenschaft aufgenommen. - Und eine zukünftige Gestaltung des Menschen ging in der Ahnung des okkulten Schülers auf, in welcher das menschliche Fleisch wieder rein und keusch sein wird wie der keusche Blumenkelch, der sich mit seinen Befruchtungsorganen der heiligen Liebeslanze des Sonnenstrahles entgegenstreckt. Dann werden seine produktiven Kräfte dem Geiste so rein entgegenstreben, wie heute die Pflanze der Liebeslanze, dem Lichte entgegenstrebt. Wer das anstrebt, erstrebt eine Umwandlung des Fleisches. Damit stellte man vor das Auge des Schülers das große Ideal hin, daß der Mensch einmal so rein und keusch sein wird wie die Pflanze. Dieses Ideal nennt man den Heiligen Gral. Das ist eines jener Bilder, die zum Herzen und zur ganzen Seele sprechen. Nicht Gedanken sind es, durch die der Schüler aufsteigen konnte, sondern Bilder, die auf die ganze Seele wirken und das Herz und das Gefühl mitreißen. Erst dann kann imaginative Erkenntnis erlangt werden.

[ 36 ] Die dritte Stufe ist die Aneignung der okkulten Schrift. Es gibt etwas in der Welt, was man im okkulten Leben den Wirbel nennt. Dieser Wirbel ist überall in der Natur und in der geistigen Welt vorhanden. Stellen Sie sich vor, Sie schauten hinauf zum Orionnebel, der eine merkwürdige Spirale bildet. Wären Sie ein Seher, so würden Sie sehen, daß sich ein Wirbel wie eine Sechs herauswindet und dann einen zweiten, der dunkler ist. Diese beiden Wirbel greifen ineinander. Das kommt in der geistigen Welt auch vor.

[ 37 ] Wir leben in der Zeit nach der großen atlantischen Flut. Vor dieser Zeit lebten unsere uralten Vorfahren, Menschen ganz anderer Art. Heute stellt man sich vor, die Menschen damals seien so gewesen, wie sie jetzt sind. Die äußeren physischen Verhältnisse waren jedoch ganz anders. So war Atlantis ein Land, das immer dunkel war, gehüllt in dichte Nebelmassen. Es ist wichtig, daß Sie das wissen. Die alte deutsche Mythologie hat die Erinnerung behalten in den Worten Nifelheim, Nebelheim, Nibelungen. Diesen Verhältnissen entsprechend war die menschliche Organisation eine ganz andere. Ebenso haben die Atlantier eine ganz andere Kultur gehabt. Sie würden eine Vorstellung davon bekommen, wenn ich Ihnen im einzelnen schildern könnte, wie die Menschen damals in allen Dingen artikulierte Laute vernommen haben. Sittengebote gab es nicht. Wenn einer wissen wollte, wie er sich zu seinem Nachbarn verhalten sollte, konnte er sich nicht an irgendwelche Instanz wenden: er horchte auf die Wellen und wußte es.

[ 38 ] Das war eine Kultur, von der jede Spur geschwunden zu sein scheint. Sie ist untergegangen. Wann ist das geschehen? Am Himmel können wir es sehen. Etwa acht Jahrhunderte vor Christi Geburt ging die Sonne im Bilde des Widders auf. Sie bewegt sich im Laufe von etwa 2160 Jahren durch ein Sternbild hindurch. Um das Jahr 800 vor Christus rückte die Sonne in das Sternbild des Widders oder Lammes ein. Die Menschheit empfand, das neue Sternbild habe ihr die neue Fruchtbarkeit des Frühlings, das neue Gute gebracht. Daher sehen wir, daß sie das Lamm oder den Widder wichtig fand. Vieles deutet darauf hin, zum Beispiel die Argonautensage, in der das Goldene Vlies eine solche Rolle spielt. Selbst Christus wird das Lamm Gottes genannt. Das Symbolum, dem die Verehrung dargebracht wurde, war das Lamm. Früher war die Sonne im Sternbild des Stieres, daher die Verehrung des Stieres in der ägyptischen und persischen Kultur. Noch früher ging die Sonne durch das Bild der Zwillinge. Dem entspricht die große Rolle, welche die Zweiheit in der persischen Lehre von Ormuzd und Ahriman spielt. Spuren davon finden sich sogar noch im Alten Germanentum. Vorher ging die Sonne durch das Sternbild des Krebses. Dies war die Zeit, die dem Hereinbrechen der atlantischen Flut folgte. Ein Wirbel hatte sich im Geistigen vollzogen.

[ 39 ] Dieses Sternbild mit dem okkulten Schriftzeichen des Krebses können Sie noch heute im Kalender sehen. Viele solche Zeichen kennt der Mensch. In Wahrheit ist das nichts anderes als eine Nachbildung der ursprünglichen Naturkräfte. Wenn Sie Ihr Gemüt schulen, um die okkulten Schriftzeichen zu verstehen, werden Sie durch die okkulte Schrift Ihren Willen stählen. Sie lernen die Wege kennen, welche die der Natur zugrundeliegenden geistigen Wesenheiten beschreiten. Ein schwacher Nachklang davon sind symbolische Schriftzeichen, wie das Pentagramm oder das Hexagramm. Ein okkultes Zeichen, von dem Sie oft lesen, ist die Swastika. Was es da alles an abenteuerlichen Erklärungen gibt, ist unglaublich. In Wahrheit ist sie nichts anderes als das Zeichen für die astralen Sinnesorgane, die Räder oder Lotosblumen, von denen mehrere im Astralleib veranlagt sind: im Herzen, im Kehlkopf, zwischen den Augenbrauen. Wenn sich das letztgenannte Rad zu drehen beginnt, tritt das astrale Sehen ein. Das Zeichen für dieses astrale Wahrnehmungsorgan ist die Swastika.

[ 40 ] Die vierte Stufe ist die sogenannte Bereitung des Steines der Weisen. Dies gibt es wirklich. Es wurde sogar Ende des 18. Jahrhunderts von einem Menschen, der etwas «lauten», aber nicht «zusammenschlagen» gehört hat, in einer Zeitschrift eine recht schöne Beschreibung des Steines der Weisen gegeben. Der Verfasser hat nur selbst nicht gewußt, wie gut er ihn beschreibt. Damals ist durch einen gewissen Vorgang manches aus der okkulten Schule verraten worden, und jemand beschrieb dann eben den Stein der Weisen. Das ist eigentlich eine Sache, die jeder Mensch kennt, die viele täglich in der Hand haben, ohne eine Ahnung davon zu haben. Damit Sie sehen, was gemeint ist, machen Sie mit mir eine kleine Betrachtung durch. Denken Sie an die Atmung des Menschen. Er atmet Sauerstoff ein, dadurch verwandelt er sein blaues Blut in rotes, er atmet Kohlensäure aus, so daß er jeden Moment giftige Stoffe ausatmet. Die Pflanze nimmt dagegen die Kohlensäure auf, die Mensch und Tier ausatmen, behält den Kohlenstoff zurück und baut ihren Leib damit auf. Sie gibt den Sauerstoff wieder ab, so daß ihn der Mensch wieder einatmen kann. Das ist ein Kreislauf. Große Bedeutung haben die Okkultisten diesem Vorgang beigelegt. Wenn Sie heute eine Pflanze in Form der Steinkohle ausgraben, können Sie sehen, wie sich die Pflanze ihren Leib aus Kohlenstoff aufgebaut hat. Der Mensch nimmt den Sauerstoff auf, verwandelt sein blaues Blut in rotes, die Pflanze nimmt die Kohlensäure auf, gibt den Sauerstoff zurück, der Mensch nimmt ihn wieder auf.

[ 41 ] Nun machen wir uns einmal klar, was durch eine bestimmte Regelung des Atmungsprozesses in der Rosenkreuzerschulung geschieht. Wie und auf welche Weise das vor sich geht, kann nur von Mensch zu Mensch gesagt werden, doch über den Erfolg kann gesprochen werden. Steter Tropfen höhlt den Stein -, sagt ein Sprichwort. So ist es mit jenem Vorgang, den ich jetzt beschreibe. Der okkulte Schüler bekommt vom Lehrer die Anweisung, wie er seine Atemübungen aus dem Geiste heraus zu machen hat. Es handelt sich also um eine Anweisung, den Atmungsprozeß in einer bestimmten Weise zu regeln, wodurch die Möglichkeit herbeigeführt wird, daß sich das menschliche Bewußtsein nach und nach über etwas ausdehnt, wovon der Mensch sonst nichts weiß, über etwas, was sich sonst in der Pflanze vollzieht. Die Pflanze bildet jetzt mit ihm ein Ganzes. Normalerweise gibt der Mensch den Kohlenstoff ab und nimmt den Sauerstoff auf. Dies hat der Schüler nun in sein Bewußtsein hineinzunehmen. Er erlebt in seinem Atmungsprozeß bewußt die Umwandlung von Kohlenstoff in Sauerstoff, von blauem Blut in rotes Blut. Er lernt, in sich dasjenige zu vollziehen, was er sonst der Pflanze überläßt. Nun ist er imstande, seinen eigenen Leib aufzubauen. Das lernt er durch die regelmäßige Atmung. Er hat die Fähigkeit erlangt, den Pflanzenprozeß in sich selber auszuführen. Jetzt haben Sie den realen Prozeß, wodurch der Mensch lernt, sein Fleisch auch physisch zu reinigen. In diesem Vorgang liegt die Alchimie des menschlichen Leibes beschlossen. Er bewirkt die Umwandlung des Menschen zum Träger einer reinen, keuschen Inkarnation, die sich der Pflanze vergleichen läßt. Der Schüler hat das Bewußtsein des Hohen, des Hellen; er weiß, er mußte durch das Fleisch nur durchgehen. Dies ist die Umwandlung von Kohle in Diamant. Sie werden nun begreifen, was die Rhythmisierung des Atems in der Rosenkreuzerschulung bedeutet und in welchem Sinne man von einem Stein der Weisen gesprochen hat. Der regulierte Atmungsprozeß ist der Weg zum Stein der Weisen.

[ 42 ] Es sind das nur Andeutungen, aber Sie werden verstehen, daß sich hinter dem Aufsuchen des Steines der Weisen etwas Tiefes verbirgt, etwas, was sich auf die Umwandlung der ganzen Menschheit bezieht, so daß der Mensch ein anderer wird, als er heute ist - er und die ganze Erde. So groß und stark und fest, moralisch groß müssen die Kräfte der Seele sein, daß der Mensch auch das Fleisch hineinzieht in den Erlösungsprozeß. Wir haben alles, was um uns herum ist, alle Geschöpfe mitzuerlösen.

[ 43 ] Der fünfte Schritt ist die Versenkung in den Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Ein großer Okkultist des Mittelalters, den man erst lesen lernen muß, hat ein schönes Bild gebraucht, um die Beziehung zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos darzulegen. Paracelsus hat gesagt: Ihr seht da die einzelnen Buchstaben. Der Mensch ist das Wort, das aus Buchstaben zusammengesetzt ist. So hat man in der ganzen Natur einen ausgebreiteten Menschen und im Menschen die zusammengesetzte Natur zu sehen. — Paracelsus nannte zum Beispiel den Cholerakranken Arsenicus, weil in ihm dieselben Kräfte wirksam sind wie im Arsenik.

[ 44 ] Nun geht das aber weiter. Wenn sich der Mensch ganz stark auf : einen ganz bestimmten Teil des Inneren konzentriert, nämlich auf den Punkt zwischen den Augenbrauen - was natürlich nur ein Anhaltspunkt ist —, hat er ein ganz bestimmtes Erlebnis, das ihn in die inneren Geschehnisse in der großen Welt hineinführt. Diese entsprechen nämlich dem, was zwischen den Augen mikrokosmisch enthalten ist. So muß die Entsprechung zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos Stück für Stück weiter erlebt werden. Durch die Versenkung in sein Inneres muß der Schüler die Außenwelt kennenlernen.

[ 45 ] Auf der sechsten und siebenten Stufe wächst der Rosenkreuzerschüler mit der ganzen Welt zusammen. Er erlangt eine wirkliche Erkenntnis von dem, was draußen in der Welt ist. Im gleichen Maße wächst sein Gefühl und seine ganze Seele mit der Außenwelt zusammen. Das ist jener Zustand, der Gottseligkeit genannt wird. Dann wird der Erdenleib sein Leib. Damit ist das erreicht, was man das Aufgehen im All nennt. — Es ist ein langer Weg einer bestimmten geistigen Schulung. Wer ihn durchgemacht hat, wird ein Bote der geistigen Welt, der aus Erfahrung spricht.

[ 46 ] Diesen Weg kann heute jeder gehen - dem Prinzip nach wohl jeder. Bei manchem dauert es lange, bei manchem kürzere Zeit. Einer der besten Theosophen, der verstorbene Subba Rou, hat gerade über die Zeit, deretwegen so viel gefragt wird, gesagt: Es ist richtig, daß der eine siebzig Inkarnationen, ein anderer sieben Inkarnationen, wieder ein anderer siebzig Jahre oder auch sieben Jahre gebraucht hat; es hat schon solche gegeben, die es in sieben Monaten, und manche, die es in sieben Tagen erreicht haben, je nach dem Karma aus den verflossenen Erdenleben her. -— Beginnt man, den Weg zu gehen, so muß man Geduld und Ausdauer haben und sich klar darüber sein, daß man großen Gefahren ausgesetzt ist, wenn man nicht vorher eine gute Charakterschulung durchgemacht hat. Ersehen Sie dies aus einem Gleichnis: Nehmen Sie eine grüne Flüssigkeit, die aus einer blauen und einer gelben gemischt ist. Wenn Sie nun ein chemisches Mittel beisetzen, sind Sie imstande, die blaue von der gelben Flüssigkeit zu trennen. Früher haben Sie von den Eigenschaften der beiden nun getrennten Flüssigkeiten nichts gesehen. Jetzt kehren sie die Eigenschaften hervor. So ist es auch beim Menschen. Das Hohe und das Niedere sind untereinander gemischt. Das Niedere ist durch die beigemischten höheren Kräfte behütet davor, sich in ganzer Intensität auszuwirken. Nun trennen Sie die Teile durch Ihre Übungen. Da kann man erleben, daß jemand, der bis dahin einigermaßen leidlich war, boshaft und verschlagen wird und noch ganz andere schlechte Eigenschaften hervorkehrt. Hierüber muß man sich klar sein. Verhütet kann eine solche Gefahr unter allen Umständen werden, wenn bestimmte Vorübungen gemacht werden, durch welche der Schüler auf eine gewisse innere charaktervolle Moral gestellt wird.

[ 47 ] Erstens muß er sich die Fähigkeit aneignen, seine Gedanken strenge zu kontrollieren. Er muß sich üben, einen Gedanken lange in den Mittelpunkt des Seelenlebens zu stellen, je intensiver, desto besser. Der Übende muß beim Gegenstand bleiben und alle Gedanken daran reihen. Diese Übung muß täglich wenigstens fünf Minuten lang vorgenommen werden. Je mehr, desto besser, nur darf man sich nicht damit übernehmen.

[ 48 ] Erforderlich ist zweitens die Initiative der Handlung. Diese besteht darin, daß der Schüler eine Handlung täglich ganz aus ureigener Initiative vollzieht. Es genügt, wenn es eine ganz kleine, unbedeutende Handlung ist, zum Beispiel Blumen zu begießen. Nach einiger Zeit nimmt man sich wieder eine andere Handlung vor.

[ 49 ] Drittens muß man Herr über Lust und Leid werden. Das «himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt» muß aufhören. Dadurch wird man feiner und empfänglicher, aber man muß selbst der Herr sein, und nicht die Empfindungen dürfen es sein.

[ 50 ] Viertens ist die Positivität notwendig. Was darunter zu verstehen ist, wird eine persische Legende von Christus Jesus besagen. Christus ging mit einigen seiner Jünger des Weges. Da lag am Wegesrande ein krepierter Hund, der schon in Verwesung übergegangen war. Die Jünger wandten sich ab und sprachen: Wie häßlich ist das Tier! - Christus aber blieb stehen und sagte: Seht nur, welche schönen Zähne das Tier hat! — Es ist also in dem Häßlichsten noch Schönes, in dem Bösesten noch Gutes, im Kleinen noch Großes zu suchen und zu finden. Überall muß die positive Eigenschaft gesucht werden.

[ 51 ] Fünftens muß die absolute Unbefangenheit allen neuen Eindrükken gegenüber erworben werden, Unbefangenheit im höchsten Maße. Die Menschen pflegen zu sagen: Das hab ich noch nie gehört, noch nie gesehen, das glaube ich nicht! — Im weitesten Umfange muß man sich abgewöhnen, von Unmöglichkeiten zu sprechen. Man muß im Herzen eine Kammer haben, in welcher man beispielsweise die Möglichkeit offen läßt, daß der Kirchturm wirklich schief steht, wenn jemand sagt, der Kirchturm sei schief. Wenigstens für möglich muß man halten, was man hört.

[ 52 ] Die sechste Stufe besteht in der Harmonisierung der fünf Eigenschaften.

[ 53 ] Dann hat der Schüler in seinem Inneren eine so starke Natur entwickelt, daß er geschützt ist gegen das, was ihm sonst die okkulte Schulung anhaben könnte. Diese okkulte Schulung darf man nicht dadurch abtun, daß man sagt: Ich will nur einen ethischen Nutzen haben. — Wenn man in die höheren Welten eindringen will, muß man den angedeuteten Weg gehen. Der Weg der höchsten Erkenntnis ist zugleich der Weg des höchsten Mitleides. Durch die Erkenntnis muß man zum Mitleid gelangen, nicht durch Phrasen. Alle, die voll Mitleid umherstehen, können bei einem Beinbruch nicht helfen, bis auf den einen, der weiß, was er tun soll, und der es richtig macht. Wenn man in der Theosophie bloß predigt, dann ist es so, wie wenn man sich hinstellt vor den Ofen und zu ihm spricht: Deine Pflicht ist, das Zimmer warm zu machen. — Ebenso ist es, wenn man Menschen sagt, sie sollen Bruderliebe üben. Wie man in den Ofen Holz legen und es anzünden muß, so muß man den Menschen das geben, wodurch sich die Seelen verbinden in der großen Brüderschaft, und das ist Erkenntnis. Die wahre Erkenntnis ist das Brennmaterial zum großen Bruderbunde der Menschheit. Heute ist die Zeit des Materialismus, der es dahin gebracht hat, daß sich die Menschen getrennt haben.