Die Theosophie des Rosenkreuzers
GA 99
3 Juni 1907, München
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gestern von den verschiedenen Verkörperungen unseres Planeten gesprochen, über die Saturn- und über die Sonnenverkörperung, und wir wollen uns nur kurz ins Gedächtnis zurückrufen, daß auf diesem Sonnenplaneten, dem Vorgänger unseres Erdenplaneten, der Mensch bis zu demjenigen Punkte ausgebildet war, daß er einen physischen und einen Ätherleib hatte, daß er also aufgestiegen war zu einer Art von Pflanzendasein. Ich habe Ihnen auch erzählt, wie verschieden allerdings dieses Pflanzendasein von dem war, was Sie heute in der Pflanzenwelt Ihrer Umgebung kennen. Wir werden sehen, daß die Pflanzen, die Sie heute umgeben, erst auf unserem Erdenplaneten entstanden sind. Wir haben auch beschrieben in einer gewissen Weise, wie dadurch, daß diese Menschenvorfahren der Sonne einen Ätherleib hatten, sie im physischen Leibe hauptsächlich diejenigen Organe zum Ausdruck brachten, die wir jetzt als Drüsenorgane, als Organe des Wachstums, der Fortpflanzung und der Ernährung kennen. Das alles war auf der Sonne zu sehen wie auf unserer Erde Felsen, Steine und Pflanzen. Daneben gab es ein Reich, das wir als zurückgebliebenes Saturnreich bezeichnen können, das die Anlagen zum späteren Mineral enthielt. Also nicht Mineral, wie wir es heute kennen, davon kann auf diesem Sonnenkörper nicht die Rede sein, aber Körper, die sich sozusagen nicht die Fähigkeit erworben hatten, einen Ätherleib in sich aufzunehmen und die dadurch in gewisser Beziehung auf der mineralischen Stufe zurückgeblieben waren, die der Mensch vorher auf dem Saturn durchgemacht hatte. Wir müssen also von zwei Reichen sprechen, die sich auf der Sonne gebildet haben. Man hat sich in der theosophischen Literatur daran gewöhnt, davon zu sprechen, daß der Mensch durchgegangen sei durch das Mineralreich, durch das Pflanzenreich und durch das Tierreich. Sie sehen, das ist eine ungenaue Ausdrucksweise. Dieses Mineralreich auf dem Saturn war ganz anders gestaltet. Es waren in den Gestalten desselben die ersten Keime, die Vorboten unserer Sinnesorgane vorgezeichnet. Ebenso war auf der Sonne nicht ein Pflanzenreich wie das heutige, sondern es war pflanzlicher Natur alles das, was heute in dem Menschen als Organe des Wachstums lebt, namentlich alle Drüsenorgane. Pflanzlich waren sie, weil sie vom Ätherleib durchzogen waren.
[ 2 ] Nun müssen wir uns vorstellen, daß dieser Sonnenzustand durchgegangen ist durch eine Art von Schlafzustand, durch eine Verdunkelung, eine Latenz. Sie dürfen sich aber nicht vorstellen, daß der Durchgang eines Planeten durch einen solchen Schlafzustand etwa ein Durchgehen durch die Tatenlosigkeit wäre, ein Zustand der Nichtigkeit. Das ist er ebensowenig wie der Devachanzustand des Menschen. Das menschliche Devachan ist kein Zustand der Tatenlosigkeit. Wir haben vielmehr gesehen, wie der Mensch dort in fortwährender Tätigkeit sich befindet und an der Entwickelung unserer Erde in wichtigster Weise mitarbeitet. Nur für das gegenwärtige Bewußtsein des Menschen ist dieser Zustand eine Art von Schlafzustand. Für ein anderes Bewußtsein stellt er sich aber als ein viel tätigerer wirklicher Zustand dar. Es sind alle diese Durchgänge ein Gehen durch himmlische, höhere Zustände, worin Wichtiges für die Planeten vorgeht. Man nennt sie in der theosophischen Ausdrucksweise «Pralaya».
[ 3 ] Wir wollen uns nun vorstellen, wie die Sonne durch einen solchen Zustand gegangen ist und wie sich aus der Sonne das entwickelt hat, was man im Okkultismus den dritten Zustand unserer Erde, den Mond, nennt. Wenn wir diesem Vorgange hätten zuschauen können, so hätte sich uns etwa folgendes dargestellt. Wir hätten im Laufe von Millionen von Jahren das Sonnendasein sich verändern und dahinschwinden sehen und nach weiteren Millionen von Jahren wieder aufleuchten nach einem Dämmerungszustand. Das ist der Beginn des Mondenkreislaufs.
[ 4 ] In der ersten Zeit, als die Sonne wieder aufleuchtete, war von einer Trennung zwischen Sonne und Mond nicht die Rede; sie waren noch beisammen wie im Sonnenzeitalter. Und dann geschah zunächst, was man eine Wiederholung der früheren Zustände nennt. Auf einer gewissen höheren Stufe wiederholte sich, was auf dem Saturn und der Sonne geschehen war. Dann trat eine merkwürdige Veränderung in dem Zustande dieser wieder hervorgetretenen Sonne ein: es ballte sich der Mond von der Sonne ab. Zwei Planeten oder vielmehr ein Fixstern und ein Planet entstanden aus dem alten Sonnensystem heraus. Es bildete sich eine größere und eine kleinere Masse, Sonne und Mond. Der Mond, von dem wir jetzt sprechen, enthielt nicht nur, was der heutige Mond enthält, sondern vielmehr alles das, was die heutige Erde und der Mond an verschiedenen Substanzen und Wesenheiten enthalten. Wenn Sie das alles zusammenrühren würden, dann hätten Sie jenen Mond, von dem wir sprechen und der sich damals von der Sonne abgerissen hat.
[ 5 ] Die Sonne wurde dadurch ein Fixstern, daß sie die besten Stoffe zugleich mit den geistigen Wesenheiten herauszog. Dadurch avancierte sie zum Fixstern. Als sie noch Planetensonne war, hatte sie ja das alles noch in sich. Weil sie aber jetzt alles das abgab an einen selbständigen Planeten, was die Wesen an ihrer Höherentwickelung verhindert hätte, wurde sie ein Fixstern. Und wir haben jetzt das kosmische Schauspiel vor uns, daß wir einen höhergebildeten Körper als Fixstern haben, und um diesen herum im Raume sich bewegend einen Planeten, der weniger wertvoll ist, der Mond, das heißt heutiger Mond und heutige Erde in einem.
[ 6 ] Diese Bewegung des Mondes um die Sonne war eine ganz andere, als es die Bewegung der heutigen Erde ist. Wenn Sie diese verfolgen, können Sie zwei Bewegungen unterscheiden. Erstens dreht sich die Erde um die Sonne und zweitens um sich selbst. Durch diese letztere Bewegung, die im Jahre sich ungefähr 365 mal vollzieht, entsteht, wie Sie wissen, Tag und Nacht, durch die erstere entstehen die vier Jahreszeiten. So war es aber auf dem alten Monde nicht. Dieser Mond war in gewisser Beziehung ein höflicherer Körper zu seiner Sonne, als es unsere Erde ist, denn er bewegte sich immer so um die Sonne herum, daß er ihr stets dieselbe Seite zukehrte. Er kehrte ihr niemals die Rückseite zu. Er drehte sich während eines Rundganges um die Sonne nur einmal um sich selbst. Solch eine andersartige Bewegung aber hat eine große Wirkung auf die Wesen, die sich auf dem Planeten entwickeln.
[ 7 ] Nun will ich Ihnen diesen Mondplaneten selbst beschreiben. Da muß ich vor allen Dingen sagen, daß der Mensch selbst wiederum ein Stück weitergekommen war als auf der Sonne und dem Saturn. Er war jetzt so weit, daß er nicht nur aus physischem und Ätherleib bestand, sondern daß auch noch der Astralleib dazukam. Wir haben also jetzt einen Menschen, der aus physischem Leib, Ätherleib und Astralleib sich zusammensetzte, der aber noch kein Ich hatte. Die Folge davon war, daß gerade dieser Mensch des Mondes aufrückte zu jenem dritten Bewußtseinszustande, den wir beschrieben haben, zu dem Bilderbewußtsein, dessen letztes Rudiment wir im Traumbilderbewußtsein des heutigen Menschen haben. Dadurch nun, daß dieser astralische Leib sich den anderen Leibern eingliederte, gingen an diesen, namentlich am physischen Leibe, Veränderungen vor. Wir haben gesehen, wie auf der Sonne als Höchstes im physischen Leibe die Drüsenorgane waren, wie bestimmte Stellen durchzogen wurden von Strahlungen, die sich später verhärtet haben zum heutigen Sonnengeflecht. Durch die Arbeit des Astralleibes an dem physischen Leib auf dem Monde entstanden die ersten Anfänge des Nervensystems. Da gliederten sich die Nerven ein, die Sie heute noch in ähnlicher Weise in den Nerven des Rückenmarks haben.
[ 8 ] Nun bedenken Sie das eine: Der Mensch hatte noch kein selbständiges Ich, nur die drei genannten Leiber waren da. Dieses menschliche Ich war geradeso in der Atmosphäre in der Umgebung des Mondes, wie früher der Ätherleib auf dem Saturn und der Astralleib auf der Sonne, und von dort aus arbeitete dieses Ich, eingebettet in die göttlicheGrundsubstanz, an dem physischen Leibe. Wenn wir nun bedenken, daß damals das Ich noch arbeitete als ein Genosse von göttlichen Wesenheiten, daß es sozusagen noch nicht herausgegliedert, noch nicht herausgefallen war aus dieser göttlich-geistigen Wesenheit, so sehen wir, daß das Ich auf seinem Gang zum Erdendasein in gewisser Weise eine Art von Verschlechterung und in gewisser Weise auch eine Verbesserung erfahren hat. Eine Verbesserung dadurch, daß das Ich selbständig geworden ist, eine Verschlechterung aber dadurch, daß es nun allem Zweifel, allen Irrtümern, allem Bösen und Schlechten ausgesetzt worden ist.
[ 9 ] Aus der göttlich-geistigen Substanz heraus arbeiteten die Iche. Wenn heute ein Ich vom astralischen Plan herunterarbeitet auf den physischen Plan, ist es eine Gruppenseele der Tiere. Ähnlich wie diese Gruppenseelen heute hineinarbeiten in die Tiere, so arbeitete damals das menschliche Ich von außen hinein in die drei Leiber. Nur konnte es höhere Körper erzeugen als den des heutigen Tieres, weil es aus der göttlichen Substanz heraus wirkte. Es gab auf dem Monde Lebewesen, die durch ihr Aussehen, durch alles, was sie waren, höher standen als heute die höchsten Affen, aber nicht so hoch wie der heutige Mensch. Es gab ein Zwischenreich zwischen dem heutigen Menschen und dem Tierreich. Dann gab es noch zwei weitere Reiche, die beide zurückgeblieben waren: ein solches, welches gewissermaßen nicht fähig geworden war, von der Sonne her den Astralleib aufzunehmen, das also auf der Stufe stehengeblieben war, auf der die Drüsenorgane auf der Sonne waren. Dieses zweite Reich auf dem Monde stand zwischen den heutigen Tieren und heutigen Pflanzen mitten darin, es war eine Art Pflanzentier. Es gibt heute auf der Erde keine ähnlichen Wesen unmittelbar, wir können nur noch Rudimente davon erkennen. Es gab noch ein drittes Reich, das sich schon auf der Sonne den Saturnzustand bewahrt hatte; es stand mitten darin zwischen Mineral und Pflanzen. So haben wir also auf dem Monde drei Reiche: Pflanzenmineral, Tierpflanze und Menschentier.
[ 10 ] Das, was heute Mineralien sind, auf denen Sie herumgehen, das gab es auf dem Monde noch nicht. Was wir Felsen, Ackerkrume und Humussubstanz nennen, gab es damals noch nicht. Das niedrigste Reich stand zwischen Pflanze und Mineral. Aus diesem Reiche bestand die ganze Substanz des Mondes. Die Mondenoberfläche glich etwa einem heutigen Torfboden, wo Pflanzen eben daran sind, eine Art Pflanzenbrei zu bilden. Die Mondenwesen gingen herum auf einer breiigen Pflanzenmineralmasse. Durch gewisse Zeiten seiner Entwickelung war der Mond so. Man kann es auch mit einem Kochsalat vergleichen. Felsen gab es im heutigen Sinne nicht. Das Höchste, was es gab, waren gewisse Eingliederungen, die Sie vergleichen können mit der Masse, die das Holz oder die Borke bestimmter Bäume bildet. Die Mondenberge bestanden aus solchen Verholzungen, solchen Holzmassen von verholztem Pflanzenbrei. Es war wie eine Art dürr gewordener alter Pflanze. Hierin bereitete sich das Mineralreich vor. Darauf wuchsen diese Pflanzentiere. Sie konnten keine selbständige Bewegung machen, sie waren festgebannt an den Boden, wie heute die Korallen.
[ 11 ] In unseren Mythen und Sagen, in denen von Eingeweihten gegebene tiefe Weisheit liegt, ist uns eine Erinnerung daran erhalten, und zwar in der Mythe vom Tode des Baldur. Der germanische Sonnen- oder Lichtgott hatte einstmals einen Traum, in dem ihm sein baldiger Tod verkündet wurde. Das machte die Götter, die Asen, die ihn liebten, sehr traurig. Sie sannen auf Mittel, ihn zu retten. Die Göttermutter Frigg nahm allen Wesen der Erde schwere Eide ab, daß keines den Baldur jemals töten würde. Alle schworen, und so schien es unmöglich, daß Baldur jedem Tode verfallen könne. Einst spielten die Götter und warfen während des Spiels mit allen möglichen Dingen nach Baldur, ohne ihn zu verwunden; sie wußten, daß er unverwundbar sei. Loki aber, der Gegner der Asen, der Gott der Finsternis, sann darauf, Baldur zu töten. Da hörte er von der Frigg, daß sie allen Wesen Eide abgenommen hätte, Baldur nicht zu töten. Nur ganz draußen, da war eine Pflanze, die Mistel, die war unschädlich, der hatte sie keinen Eid abgenommen, und das verriet sie ihm. Der listige Loki nahm die Mistel und brachte sie dem blinden Gotte Hödur, der, unwissend, was er tat, mit der Mistel den Baldur tötete. So erfüllte sich der böse Traum durch die Mistel. Sie spielte immer im Volksgebrauch eine bestimmte Rolle. Etwas Unheimliches, Geisterhaftes drückte sich durch sie aus. Was in den alten Drotten- und Druidenmysterien gelehrt wurde über die Mistel, ist als Sage und Brauch ins Volk übergegangen.
[ 12 ] Die zugrunde liegende Wahrheit ist: Auf dem Monde gab es diesen Mineralpflanzenbrei. Darauf wuchsen die Pflanzentiere des Mondes. Es gab nun solche, die sich weiterentwickelten und auf der Erde höhere Zustände erreichten, andere aber waren zurückgeblieben auf der Mondenstufe, und als die Erde entstand, konnten sie nur verkümmerte Gestalt annehmen. Sie mußten die Gewohnheit, die sie auf dem Monde hatten, beibehalten. Sie konnten nur auf pflanzlicher Grundlage, als Schmarotzer, als Parasiten auf der Erde leben. So lebt die Mistel auf anderen Bäumen, weil sie ein zurückgebliebener Rest der alten Pflanzentiere des Mondes ist.
[ 13 ] Baldur war der Ausdruck dessen, was sich weiterentwickelt, was auf der Erde Licht bringt; Loki dagegen, der Repräsentant der finsteren Gewalten, des Zurückgebliebenen, er haßt das Fortgeschrittene, das, was sich weiterentwickelt hat. Daher ist Loki der Gegner des Baldur. Alle Erdenwesen waren unfähig, gegen Baldur, den Gott, der der Erde Licht gab, etwas zu unternehmen, denn sie waren seinesgleichen, sie hatten die Entwickelung mitgemacht. Nur das auf der Mondenstufe Zurückgebliebene, was sich mit dem alten Gott der Finsternis verbunden fühlte, das allein war fähig, den Lichtgott zu töten. Die Mistel ist auch ein bestimmtes Heilmittel, wie überhaupt Gifte Heilmittel sind. So finden wir tief auf dem Grunde der alten Volkssagen und Gebräuche kosmische Weisheiten.
[ 14 ] Nun erinnern Sie sich der Wesenheiten, die auf dem Saturn als äußersten Leib das Ich hatten, und daß es auf der Sonne solche gab, die als äußersten Leib den Astralleib hatten. Auf dem Monde gab es Wesenheiten, deren äußerster Leib der Ätherleib war. Sie bestanden aus Ätherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch und aus einem Gliede darüber, dem achten, von dem wir heute beim Menschen noch nicht reden können, dem Heiligen Geist. Wir hätten sie nur in ihrem Ätherleibe sehen können als gespensterhafte Wesenheiten. Sie hatten damals den Entwickelungswert wie heute der Mensch. Die christliche Esoterik nennt sie Engel. Es sind Wesen, die heute unmittelbar über dem Menschen stehen, weil sie sich hinaufentwickelt haben bis zur Stufe des Heiligen Geistes. Man nennt sie auch Geister des Zwielichts oder lunarische Pitri.
[ 15 ] Die Geister der Ichheit hatten auf dem Saturn als Anführer eine Wesenheit, die man den Vatergott nennt. Die Geister des Feuers hatten auf der Sonne als Anführer den Christus, im Sinne des Johannes-Evangeliums den Logos. Auf dem Monde war der Anführer der Geister des Zwielichts dasselbe, was im Christentum der Heilige Geist ist. Jene Wesen, die auf dem Monde ihre Menschheit durchgemacht hatten, hatten nicht nötig, hier auf der Erde bis zu der Gestalt des physischen Leibes hinabzusteigen.
[ 16 ] Die planetarischen Bildungen sind immer dichter und dichter geworden. Der alte Saturn hatte in seinem dichtesten Zustande nur den Zustand des Wärmestoffes. Der Sonnenzustand hatte als dichtesten Zustand dasselbe, was wir heute in den Gasen, der Luft sehen. Allerdings müssen Sie sich diese Substanzen etwas dichter vorstellen, als der heutige Wärmestoff und die Gase sind. Und auf der Mondenstufe haben sich die gasigen Substanzen der Sonne so verdichtet, daß sie diese breiartige, dichtwässerige, quellende Masse ergaben, aus der alle diese Wesen, auch die höchsten, die Tiermenschen auf dem Monde, bestanden. Wenn Sie sich das Weiße eines Hühnereies etwas dichter denken, so haben Sie ungefähr diese Substanz, und in diese Substanz des Menschen wurde das Nervensystem eingegliedert.
[ 17 ] Umgeben war dieser Mond von einer Art Atmosphäre, die ganz anders gestaltet war als die Erdenatmosphäre. Den Charakter dieser Substanz erkennen wir, wenn wir an eine Stelle in Goethes «Faust» denken: es ist da, wo Mephistopheles mit Faust auf dem Mantel sich in die Höhe heben will. Da will er Feuerluft machen; das würde Luft sein, in der wässerige Substanzen nebelhaft aufgelöst sind. Diese von wässerigen Substanzen durchzogene Luft — man nennt sie Feuerluft, auch Feuernebel — atmeten die Wesen auf dem Monde. Sie hatten keine Lunge, auch die höchsten Wesen, sie atmeten durch eine Art von Kiemen wie heute die Fische.
[ 18 ] Diese Feuerluft, in der hebräischen Tradition «Ruach» genannt, kann tatsächlich in einer gewissen Weise dargestellt werden. Diese Ruach ist den heutigen Menschen verlorengegangen, die alten Alchemisten aber konnten die Bedingungen dafür herstellen; sie konnten dadurch Elementarwesen zu ihren Dienern machen. Dieser Feuernebel war also in den alchemistischen Zeiten etwas durchaus Bekanntes, und je weiter wir zurückgehen, desto mehr hatten die Menschen die Möglichkeit, ihn herzustellen. Diesen Feuernebel atmeten unsere Vorfahren auf dem Monde. Er hat sich weiterentwickelt und hat sich differenziert in die heutige Luft und in das, was sonst auf der Erde unter der Einwirkung des Feuers entstanden ist.
[ 19 ] Die rauchartige, dampfartige Mondenatmosphäre, die einen gewissen Hitzegrad hatte, war durchzogen, zu gewissen Zeiten mehr, zu gewissen Zeiten weniger, von Strömungen, die sozusagen wie Stränge von der Luft herunterhingen, sich in die Menschenkörper hineinsenkten und sie durchdrangen. Ganz ähnlich hing der Menschenleib auf dem Monde an einer Art von Strang, der sich hinausdehnte in die Atmosphäre, wie heute das Kind im mütterlichen Leibe an der Nabelschnur hängt. Es war wie ein kosmischer Nabelstrang; und aus dieser Feuerluft kamen Stoffe in die Leiber, die sich vergleichen lassen mit dem, was heute der Mensch selbst erzeugt, mit dem Blut. Das Ich war aber außerhalb des Menschen und sandte durch diese Stränge etwas, was blutähnlich war, in die Körper, und diese Substanz strömte in sie aus und ein. Die Wesen berührten niemals die Mondenoberfläche; sie umschwebten, sie umkreisten dieselbe, wie wenn sie schwebend flössen. So wie die heutigen Wassertiere im Wasser sich bewegen, so bewegten sich diese Mondenmenschentiere. Es war die Arbeit der Engel, der Geister des Zwielichts, daß sie diese Blutsäfte einfließen ließen in die Menschen.
[ 20 ] Diese ganz anderen Verhältnisse hatten anderes zur Folge. Auf dem Monde fing eine Art Blutsystem an. Vom Kosmos strömte eine blutartige Substanz ein und aus, so wie heute die Luft in den Körper, und da entstand auch bei diesen Mondentiermenschen eine Fähigkeit, die nur mit dem Blute auftritt. Es war das erste Erklingen innerer Töne für seelische Erlebnisse. Erst wenn der Astralleib in den Wesen ist, tritt Empfindung auf, und diese Empfindung konnten sie ausleben in Tönen, und zwar auf eine merkwürdige Art. Es waren keine wirklich erzeugten Töne, sie hätten ihren Schmerz nicht hinausschreien können, es war keine Selbständigkeit des Schreiens, des Laut-Hervorbringens, sondern es traf zusammen mit bestimmten Erlebnissen. Zu bestimmten Jahreszeiten auf dem Monde geschah, was man nennen könnte eine Entwickelung des Fortpflanzungstriebes, und die inneren Erlebnisse, die diese Wesen dabei hatten, die konnten sie heraustönen; sonst schwiegen sie. In einer bestimmten Stellung des Mondes zur Sonne, in einer gewissen Jahreszeit, tönte heraus der alte Mond in den Kosmos. Die Wesen auf ihm schrieen ihren Trieb in die Welt hinaus. Rudimente davon haben wir in dem Schreien gewisser Tiere, zum Beispiel des Hirsches, erhalten. Das Schreien war mehr der Niederschlag allgemeiner Vorgänge, nicht individueller Erlebnisse, die willkürlich ausgedrückt sind. Ein kosmisches Ereignis fand darin seinen Ausdruck.
[ 21 ] Wir müssen dies alles nur als annähernde Schilderungen auffassen, denn wir sind an Worte gebunden, die für Dinge, welche sich erst in unserer Erdenzeit verwirklicht haben, geprägt sind. Wir müßten erst eine Sprache erfinden, wenn wir das ausdrücken wollten, was das Auge des Sehers sieht. Trotzdem sind diese Schilderungen wichtig, denn sie sind der erste Weg, um zur Wahrheit zu kommen. Nur durch das Bild, die Imagination, finden wir den Weg zur Anschauung. Wir sollen uns keine abstrakten Begriffe, kein Schema machen, keine Vibrationen aufzeichnen, sondern Bilder in uns selbst entstehen lassen; das ist der direkte Weg, die erste Stufe der Erkenntnis. Denn so wahr es ist, daß der Mensch schon dazumal mit seinen Kräften dabei war, so wahr ist es, daß, wenn er sich heute Vorstellungen macht, diese ihn wieder zurücklenken zu den Zuständen, in denen er damals war.
[ 22 ] Nachdem alle Wesenheiten auf dem Monde ihre Entwickelung durchgemacht hatten und zu höheren Stufen aufschreiten konnten, kam die Zeit, wo sich Mond und Sonne wieder vereinigten, in einen Leib zurückfielen und so ins Pralaya traten. Nachdem sie dann zusammen diesen Zustand der Latenz durchgemacht hatten, glänzte ein neues Dasein auf: die erste Vorverkündigung unseres Erdendaseins. Jetzt wiederholten sich kurz die ersten drei Zustände auf höherer Stufe, zuerst das Saturndasein, dann das Sonnendasein, und dann spaltete sich der Mond neuerdings ab und umkreiste den übrigen Körper. Aber dieser Mond hatte die Erde noch in sich.
[ 23 ] Nun kommt eine weitere hochwichtige Veränderung. Alles, was Erde ist, wirft den heutigen Mond aus sich heraus. Das sind die schlechtesten Stoffe und Wesenheiten, das Unbrauchbare; das ist in dem heutigen Monde enthalten. Alles das, was als quellend-wässerige Substanz auf dem alten Monde war, ist auf dem heutigen Monde vereist — das kann man physisch nachweisen —, und das, was fortentwicklungsfähig war, blieb als Erde zurück. Die Höherentwickelung geschieht auf der Erde durch die Trennung der alten Sonne in diese drei Körper: Sonne, Mond und Erde. Diese Trennung fand statt vor vielen Tausenden von Jahren, zur alten lemurischen Zeit. Und da sind aus jenen alten Mondenwesen, die als Pflanzenmineral, Pflanzentiere und Tiermenschen geschildert wurden, das heutige Mineral, die heutige Pflanze, das heutige Tier und der Mensch entstanden, der fähig geworden ist, das Ich in sich aufzunehmen, das früher ihn umschwebte und mit der Gottheit vereinigt war. Die Vereinigung des Ich mit dem Menschen fand statt nach der Trennung von Sonne, Mond und Erde, und von diesem Zeitpunkte an ist der Mensch fähig geworden, das roteBlut in sich selbst zu entwickeln und hinaufzusteigen zu seiner heutigen Stufe.
