Human Development and Christ-Knowledge
GA 100
16 June 1907, Kassel
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Human Development and Christ-Knowledge, tr. SOL
Theosophie und Rosenkreuzertum I
Theosophy and Rosicrucianism I
[ 1 ] Das Ziel dieser Vorträge soll sein, einen Überblick zu geben über das, was man gewohnt ist, Theosophie zu nennen. Diese Theosophie muß im umfassendsten Sinne ein neuer Kulturimpuls werden; sie ist etwas, wonach sich die Menschheit seit langer Zeit sehnt und muß Antwort geben auf die von allen Seiten her brennende Frage, welche die Menschheit stellt. Doch ist sie in unserer Gegenwart noch vielfach etwas, was man nicht nur widerlegen will, sondern was man als etwas Fragwürdiges, ja als etwas Verrücktes ansieht, wie die Träumereien von einigen phantastischen Köpfen.
[ 1 ] The aim of these lectures is to provide an overview of what is commonly referred to as Theosophy. This Theosophy must become, in the broadest sense, a new cultural impulse; it is something humanity has long yearned for and must provide an answer to the burning question that humanity is asking from all sides. Yet in our present time, it is still often regarded not only as something to be refuted, but as something questionable, even as something crazy, like the daydreams of a few fanciful minds.
[ 2 ] Freilich, wenn man diese Phantasten selbst frägt, was sie mit der Theosophie wollen und sich von ihr versprechen, dann ist die Antwort eine ziemlich umfassende. Vor allen Dingen wird das, was heute als träumerisch angesehen wird, von dem, der es in seinem Lebensnerv erkannt hat, als etwas angesehen, was sicher schon in zwanzig bis fünfzig Jahren eine ungeheure Bedeutung haben wird für das menschliche Empfinden, Denken, Wollen und Tun.
[ 2 ] Of course, if one asks these dreamers themselves what they want from theosophy and what they expect from it, the answer is quite comprehensive. Above all, what is regarded today as a pipe dream is viewed by those who have recognized it as the lifeblood of their being as something that will surely have immense significance in twenty to fifty years for human feeling, thinking, willing, and acting.
[ 3 ] Es gibt nichts, wohinein nicht diese Theosophie als Impuls leuchten könnte und zu leuchten berufen wäre.
[ 3 ] There is nothing into which this theosophy could not shine as an impulse, nor into which it would not be called to shine.
[ 4 ] Daß es heute in unserer Zeit die verschiedensten Fragen gibt: Gesundheits-, soziale, Frauen-, Erziehungsfragen, ist ja bekannt. Noch eine größere Fülle von Antworten gibt es. Wenn man aber sachlich alle diese Fragen und ihre Antworten prüft, kommt man zu der Einsicht, daß die Fragen zwar richtig gestellt sind von unserer Zeitkultur - sie werden von den Zeitverhältnissen gestellt —, daß aber die Antworten auf diese Fragen so ohne weiteres von unserer Zeit nicht gegeben werden können.
[ 4 ] It is well known that there are a wide variety of issues today: health, social, women’s, and educational issues. There is an even greater abundance of answers. However, if one objectively examines all these questions and their answers, one comes to the realization that while the questions are indeed posed correctly by our contemporary culture—they are posed by the circumstances of our time—the answers to these questions cannot simply be provided by our time.
[ 5 ] Demjenigen, welcher Augen und Ohren vor den Fragen der Zeit verschließt, wird klar, daß sich ihm überall Hindernisse in den Weg stellen. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen gewahr werden, daß es noch viel mehr Fragen gibt: die Tatsache vom inneren und äußeren Kriege der Menschheit, von Schmerzen und Leiden, von zertretenen Hoffnungen auf allen Gebieten, stellt diese Fragen. Die Antwort zu geben, kann nur die Theosophie imstande sein.
[ 5 ] Those who close their eyes and ears to the issues of our time will realize that obstacles stand in their way everywhere. A time will come when people will realize that there are many more questions: the reality of humanity’s internal and external wars, of pain and suffering, of dashed hopes in every sphere, raises these questions. Only Theosophy is capable of providing the answer.
[ 6 ] Die Menschen, welche den Kopf hängen lassen, die zwar ihre Pflicht tun, aber nicht wissen, wozu sie all die Arbeit verrichten, und bei denen sich diese zerfahrene Stimmung ausprägt bis zur Verzweiflung, ja sogar bis in die physische Gesundheit hinein, in den Erscheinungen der Neurasthenie, werden immer zahlreicher.
[ 6 ] The number of people who hang their heads—who do their duty but do not know why they are doing all this work—and in whom this disheartened mood manifests itself to the point of despair, and even affects their physical health in the form of neurasthenia, is growing ever larger.
[ 7 ] Dies alles soll hier nur angedeutet werden. Der Hauptgedanke soll vor unsere Seele treten: Theosophie ist nichts, was innerhalb einiger müßiger Köpfe Platz greifen soll, die nichts Besseres zu tun haben, sondern sie soll in das praktische Leben eingreifen.
[ 7 ] All this is merely to be touched upon here. The main idea must come to the forefront of our minds: Theosophy is not something meant to take root in the minds of a few idle people who have nothing better to do, but rather it is meant to be applied to practical life.
[ 8 ] Freilich, auch die Theosophische Gesellschaft hat in den dreißig Jahren ihres Bestehens ihre Kinderkrankheiten und alle möglichen Dinge durchzumachen gehabt, welche an ihrer Bedeutung haben zweifeln lassen; aber sie wird sich aus diesen Krankheiten herausarbeiten und zeigen, was sie zu leisten vermag. Eine alles umfassende Angelegenheit, eine universelle Sache muß die Theosophie werden, weil sie die Antwort geben soll auf die Fragen, die schließlich die Grundfragen alles Daseins sind, und darauf hinweisen, wie der heutige Mensch diese Fragen verstehen soll; verstehen, warum es in der Welt überhaupt Religionen und Wissenschaften gibt. Was wir auch immer tun, auf gewisse Grundfragen geht es zurück, wenn es Kunst, Wissenschaft und praktisches Wirken geben soll, und diese Grundfragen müssen in irgendeiner Weise gelöst werden. Alle Religionen waren Versuche, auf diese Fragen Antwort zu geben, eine Antwort, die aber immer dem Intellekt und der Kulturstufe der Völker angepaßt war.
[ 8 ] Admittedly, the Theosophical Society, too, has had to endure its growing pains and all sorts of trials during its thirty years of existence, which have cast doubt on its significance; but it will overcome these difficulties and demonstrate what it is capable of achieving. Theosophy must become an all-encompassing endeavor, a universal cause, because it is meant to provide answers to the questions that are ultimately the fundamental questions of all existence, and to point out how modern humanity should understand these questions; to understand why religions and sciences exist in the world at all. Whatever we do, it all comes back to certain fundamental questions if there is to be art, science, and practical action, and these fundamental questions must be resolved in some way. All religions were attempts to provide an answer to these questions, an answer that was, however, always adapted to the intellect and cultural level of the peoples.
[ 9 ] Theosophie will keine Religion sein, sie hat nichts zu tun mit einer Sekte, sie agitiert nicht.
[ 9 ] Theosophy does not seek to be a religion; it has nothing to do with a sect; it does not engage in proselytizing.
[ 10 ] Religion ist, wie Sie wissen, so alt wie das menschliche Streben. Wenn wir die verschiedenen Religionen bei den verschiedenen Völkern durchschauen, kommen wir zu der Überzeugung, daß all die verschiedenen Religionen versucht haben, Antwort zu geben auf die Fragen: Was ist, erstens, der Wesenskern des Menschen? Zweitens, des Menschen Bestimmung? Drittens: Was reicht über dieses physische Dasein hinaus?
[ 10 ] Religion, as you know, is as old as human endeavor. When we examine the various religions of different peoples, we come to the conclusion that all these different religions have sought to answer the following questions: First, what is the essential nature of human beings? Second, what is the purpose of human life? Third: What lies beyond this physical existence?
[ 11 ] In bezug auf diese Fragen haben gerade wir heutigen Menschen eine merkwürdige Zeit hinter uns, die viele Menschen hat irre werden lassen an der Religion. Fragen wir uns einmal: Wie viele Menschen gibt es heute, die wohl Religion brauchen, aber sie nicht haben können? Einige von uns können noch in Zeiten zurückblicken, wo die Religion noch wirklich empfundenes Leben war, wo die Religion noch viel mehr Geltung hatte, ja in viel höherem Maße, als es bei einzelnen besonders religiös veranlagten Naturen noch heute der Fall ist. In den letzteren ist noch etwas von dem warmen Gefühl vorhanden, welches durch Jahrtausende gegangen ist. Das Bedürfnis, die Sehnsucht nach dem, was man die geistige Welt nennt, das heißt die Sehnsucht nach Religion, ist auch heute noch vorhanden; ja, bei den wahrsten Naturen ist diese Sehnsucht nach Befriedigung sogar immer größer geworden. Ein solcher Mensch wird sagen: Als ich ein Kind war, da hatte ich noch den rechten Glauben. Dann aber wurde es anders. Da lernte ich die sogenannte Wissenschaft kennen und ihre Tatsachen, und ich mußte, da diese zum Beispiel ganz anders erzählen, wie die Welt entstanden ist, tief zweifeln an dem, was ich als Kind geglaubt hatte! — Und dann kam das andere: eine tief traurige Stimmung des Lebens, wo die Seele wie zerrissen ist, wo die Seele öde in die Welt blickt und keine Aufklärung erhält über den inneren Zwiespalt. Daher die Zerrissenheit zwischen religiöser Sehnsucht und Befriedigung der Seele, daher die heutige Tragik. Vielleicht ist das aber noch das bessere, was in diesen Seelen Platz greift, besser als das andere: daß nämlich der Mensch überhaupt nicht mehr frägt, das Fragen sich ganz abgewöhnt, daß er oberflächlich wird und im Alltagsdasein bloß so hinlebt.
[ 11 ] With regard to these questions, we modern people in particular have come through a strange period that has led many to lose their way when it comes to religion. Let us ask ourselves: How many people are there today who probably need religion but cannot have it? Some of us can still look back to times when religion was truly a lived experience, when religion held far greater significance—indeed, to a much greater degree than is still the case today even among individuals of a particularly religious disposition. In the latter, there remains something of that warm feeling that has endured through the millennia. The need, the longing for what is called the spiritual world—that is, the longing for religion—still exists today; indeed, in the truest souls, this longing for fulfillment has even grown ever greater. Such a person will say: When I was a child, I still had the true faith. But then things changed. That is when I became acquainted with so-called science and its facts, and since these, for example, tell a completely different story of how the world came into being, I had to deeply doubt what I had believed as a child! — And then came the other thing: a deeply sorrowful mood of life, where the soul is as if torn apart, where the soul gazes desolately into the world and receives no enlightenment regarding the inner conflict. Hence the conflict between religious longing and the soul’s satisfaction, hence today’s tragedy. But perhaps what takes hold in these souls is still the better alternative, better than the other: namely, that people no longer ask questions at all, that they have completely weaned themselves from questioning, that they become superficial and merely drift through everyday life.
[ 12 ] Liegt es nun an den Religionen, daß es so gekommen ist? Nein! Mit Händen zu greifen ist es, daß dies nicht so ist; denn jede Religion, ja selbst die alten Mythen und Sagen, haben die Mittel und Wege, das Herz zurückzuführen, jede Seele wieder lebendig zu machen, wenn sie nur will. Wer hätte es geglaubt, daß solche gewaltigen Impulse aus den alten Mythen, die doch jahrtausendelang ausgestorben schienen und ein fast verborgenes, unbekanntes Dasein führten, auferstehen könnten, wie in den Dramen von Richard Wagner?
[ 12 ] Is it the fault of religions that things have come to this? No! It is plain to see that this is not the case; for every religion—indeed, even the ancient myths and legends—has the means to lead the heart back, to revive every soul, if only it is willing. Who would have believed that such powerful impulses could rise again from the ancient myths—which for millennia seemed to have died out and led an almost hidden, unknown existence—as in the dramas of Richard Wagner?
[ 13 ] Eine neue Religion braucht nicht begründet zu werden, denn die Zeit dafür ist vorüber; aber eine neue Stellungnahme des Menschen zu ihr, ein neues Verständnis ist nötig geworden. Was anders geworden ist, das ist der menschliche Geist, die menschliche Seele, das menschliche Herz.
[ 13 ] A new religion does not need to be founded, for the time for that has passed; but a new attitude toward it on the part of humanity, a new understanding, has become necessary. What has changed is the human spirit, the human soul, the human heart.
[ 14 ] Versuchen wir uns einmal in den Entwickelungsgang der menschlichen Seele hineinzuversetzen, so werden wir uns im Verlauf dieser Vorträge davon überzeugen können, daß unsere Seelen schon oft hier auf dem physischen Plane waren, daß sie sich erst nach und nach zu der Stufe entwickelt haben, auf der sie heute stehen. Das mag Ihnen zunächst grotesk erscheinen, aber alle unsere Seelen haben die tiefen Wahrheiten, wie sie uns heute vorgetragen werden, schon oft in ihren früheren Leben gehört.
[ 14 ] If we try to imagine the course of the human soul’s development, we will come to realize, as these lectures progress, that our souls have been here on the physical plane many times before, and that they have only gradually evolved to the stage they are at today. This may seem strange to you at first, but all our souls have heard the profound truths, as they are presented to us today, many times in their past lives.
[ 15 ] Sie werden zum Beispiel hier die Lehre von der Wiederverkörperung kennenlernen; aber so wie Sie heute mir zuhören, so haben früher Ihre Seelen zugehört jenen gerade in unserer Gegend lebenden und lehrenden Druiden. Schon diese alten Druidenlehrer haben die Lehre von der Wiederverkörperung in engeren Kreisen gepflegt, diese uralte Weisheit über die Rätsel des Lebens. Sie sind hinausgegangen zu denen, welche in ihrer Seele das Bedürfnis nach tieferer Erkenntnis fühlten. Hätten aber diese alten Lehrer damals so gesprochen, wie ich heute spreche, dann hätten es Ihre Seelen damals gar nicht verstehen können, denn dazu wäre damals der Geist noch nicht entwickelt gewesen. Damals gab es für den menschlichen Geist noch kein logisches Denken. Was es aber gab, das war die Möglichkeit, durch Bilder aufzufassen. Und deshalb sprachen diese Lehrer in Bildern sich aus, und diese Bilder sind das, was Sie heute als Sagen und Mythen kennen. Hätten unsere Seelen diese Lehren damals nicht gehört, dann könnten wir es heute nicht verstehen, wenn uns die Wahrheit heute in neuer Form gelehrt würde.
[ 15 ] Here, for example, you will learn about the doctrine of reincarnation; but just as you are listening to me today, your souls once listened to those Druids who lived and taught right here in our region. Even these ancient Druid teachers cultivated the doctrine of reincarnation in close-knit circles—this ancient wisdom regarding the mysteries of life. They went out to those who felt in their souls a need for deeper understanding. But if those ancient teachers had spoken back then as I speak today, your souls would not have been able to understand it at all, for the mind had not yet developed enough for that. Back then, logical thinking did not yet exist for the human mind. What did exist, however, was the ability to comprehend through images. And that is why these teachers expressed themselves in images, and these images are what you know today as legends and myths. If our souls had not heard these teachings back then, we would not be able to understand them today if the truth were taught to us in a new form.
[ 16 ] So macht die Seele durch Jahrtausende gewaltige Fortschritte, immer neue Gestalt nimmt sie an, und deshalb muß auch die Wahrheit in immer neuer Gestalt an sie herangebracht, ihr verkündet werden. Ich will Ihnen ein zweites Beispiel anführen.
[ 16 ] Thus, over the course of millennia, the soul makes tremendous progress, constantly taking on new forms; and for this reason, the truth must also be presented to it and proclaimed to it in ever-changing forms. Let me give you a second example.
[ 17 ] Gehen wir einmal in der Menschheitsentwickelung zurück bis zu den Ägyptern, Chaldäern, Babyloniern. Als diese die’Iräger der Kultur waren, da sahen sie nicht Sonne und Sterne als rein physische Körper an. Wenn heute ein materialistischer Astronom sich die Himmelskörper betrachtet, so sieht er eben nur physische Körper in ihnen, sonst aber nichts. Die Erde ist für ihn auch nur solch ein physischer Weltenkörper, auf dem der Mensch herumkrabbelt, wie die Mücke auf unserer Hand.
[ 17 ] Let us go back in human history to the Egyptians, Chaldeans, and Babylonians. When these peoples were the pioneers of civilization, they did not view the sun and stars as purely physical bodies. When a materialistic astronomer looks at the celestial bodies today, he sees in them nothing but physical bodies, and nothing else. For him, the Earth is also just such a physical world body, upon which human beings crawl about like a mosquito on our hand.
[ 18 ] Ganz anders war es bei den alten ägyptischen Astronomen. Wenn der alte ägyptische Sterndeuter einen Stern ansah, dachte er nicht an einen rein physischen Körper, sondern der Stern bedeutete für ihn etwas ganz anderes als für den heutigen Menschen. Wenn er zum Beispiel den Namen Merkur aussprach, tat er das mit Ehrfurcht. Er dachte da gar nicht daran, den physischen Himmelskörper anzusprechen, ebensowenig wie Sie denken, einen Körper aus Papiermache anzusprechen. Alles, was das Auge sah, war für diese Zeit nur der äußere Ausdruck eines Geistigen. So war der physische Stern Merkur für die alten Astronomen der Ausdruck für den Geist des Merkur. Sie müssen das nicht verstandesmäßig, sondern mit dem Gemüt auffassen, sonst haben Sie keinen Begriff von dem Seeleninhalt eines solchen Astronomen. Es gab nichts, was nicht für ihn der Ausdruck eines Geistigen war. Er sagte: Alles ist Geist, ünd ich als Geist bin ein Teil dieses Geistes.
[ 18 ] The situation was quite different for the ancient Egyptian astronomers. When an ancient Egyptian astrologer looked at a star, he did not think of it as a purely physical object; rather, the star meant something entirely different to him than it does to people today. For example, when he spoke the name Mercury, he did so with reverence. He did not think at all of addressing the physical celestial body, any more than you think of addressing a body made of papier-mâché. Everything the eye saw was, for that time, merely the outward expression of something spiritual. Thus, for the ancient astronomers, the physical star Mercury was the expression of the spirit of Mercury. You must grasp this not intellectually, but with your heart; otherwise, you will have no concept of the inner life of such an astronomer. There was nothing that was not, for him, the expression of something spiritual. He said: “Everything is spirit, and I, as spirit, am a part of this spirit.”
[ 19 ] Diese Empfindung müssen Sie sich vor Augen halten. Die Weisen der früheren Zeiten, man muß sie verstehen, muß das verstehen, was die gewußt haben über die Vorgänge des geistigen Raumes. Und wer sich in diese Empfindung hinein vertieft, der weiß, wie unendlich erhaben diese Anschauung über unsere heutige materialistische Anschauung ist. Die Weisen der damaligen Zeit muß man erst verstehen, man muß ergründen, was sie über die Vorgänge des geistigen Raumes gewußt haben; dann erst merkt man, wie ungeheuer der Unterschied ist, und wie unendlich bedeutungsvoll jene alten Weisheitslehren waren. Das mag dem materialistischen Sinn unserer Zeit, der nur die rein physische Auffassung der Astronomie kennt, lächerlich erscheinen, aber es ist SO.
[ 19 ] You must keep this feeling in mind. The sages of earlier times—one must understand them; one must understand what they knew about the processes of the spiritual realm. And whoever immerses themselves in this feeling knows how infinitely sublime this view is compared to our present-day materialistic view. One must first understand the sages of that time; one must fathom what they knew about the processes of the spiritual realm; only then does one realize how immense the difference is, and how infinitely significant those ancient teachings of wisdom were. This may seem ridiculous to the materialistic sensibility of our time, which knows only the purely physical conception of astronomy, but it is SO.
[ 20 ] Wie kommt es nun, daß jetzt dem Menschen der Sinn für das geistige Leben, das allem physischen Leben zugrunde liegt,abhanden gekommen ist? Und warum mußte das so kommen?
[ 20 ] How is it, then, that human beings have now lost their sense of the spiritual life that underlies all physical life? And why did this have to happen?
[ 21 ] Wenden wir einmal den Blick auf das, was uns in nächster Nähe umgibt. Könnten Sie das, was damals den Menschen auf Schritt und Tritt umgeben hat, mit dem vergleichen, was heute den Menschen umgibt, so würden Sie finden: Damals besaß der Mensch nur die allernotdürftigsten Mittel, um sein Leben auf dieser Erde zu fristen; dafür aber hatte er noch mehr Sinn für das Geistige. Dieser Sinn für die geistige Welt mußte zurücktreten, um dem Menschen die Möglichkeit zu geben, die jetzige Herrschaft über die Erde zu erringen. Alle unsere Fortschritte in Technik und Industrie waren nur möglich durch unsere materialistisch gewordene Weltanschauung, und dadurch, daß eben der Geist, die übersinnliche Welt, zurücktrat. Also auf Kosten der geistigen Anschauung errang sich der Mensch im Laufe der letzten Jahrhunderte die Herrschaft über die physische Welt. Es ist ein urewiges Gesetz der Menschheit, daß Fähigkeiten, die auf dem einen Gebiete erworben werden, nur durch Zurücktreten von Fähigkeiten auf einem andern Gebiete gewonnen werden können. Niemals hätte der Mensch zum Beispiel die Verkehrsmöglichkeiten von heute schaffen können, wenn nicht die andern Fähigkeiten zurückgetreten wären. Um alles das, was uns heute umgibt, zu erwerben, mußte der Sinn für das Geistige zurücktreten. Zur Eroberung der physischen Welt also mußte das zurücktreten, wovon der Mensch einst erfüllt war.
[ 21 ] Let us turn our attention to what surrounds us in our immediate vicinity. If you were to compare what surrounded people at every turn back then with what surrounds them today, you would find: Back then, people possessed only the most meager means to eke out a living on this earth; but in return, they had a greater sense of the spiritual. This sense of the spiritual world had to recede in order to give humanity the opportunity to attain its present dominion over the earth. All our advances in technology and industry were only possible through our worldview, which had become materialistic, and through the very fact that the spirit, the supersensible world, receded. Thus, at the expense of the spiritual perspective, humanity has, over the course of the last few centuries, gained dominion over the physical world. It is an eternal law of humanity that abilities acquired in one area can only be gained through the retreat of abilities in another area. For example, humanity could never have created today’s means of transportation if other abilities had not receded. In order to acquire everything that surrounds us today, the sense for the spiritual had to recede. Thus, in order to conquer the physical world, that which once filled humanity had to recede.
[ 22 ] So sehen wir um das 16. Jahrhundert herum die Menschen den Blick für die geistige Welt verlieren, und sehen, wie der materialistische Sinn die Menschheit erfaßt. Und wer glaubt, daß er selber nicht mitten darinsteht in diesem Materialismus, der irrt sich.
[ 22 ] Around the 16th century, we see people losing their connection to the spiritual world, and we see materialism taking hold of humanity. And anyone who believes that they themselves are not right in the midst of this materialism is mistaken.
[ 23 ] Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist nicht, etwas zu negieren, sie übt keine Kritik an der schlechten Welt von heute; sie zeigt vielmehr, daß das Herabsteigen in die Materie eine Notwendigkeit war. Es mußte der große Horizont des Geisteslebens der Menschheit so lange zurücktreten; und damit hängt es auch zusammen, daß die alte Art des Verständnisses für geistige Dinge abhanden gekommen ist. Die Wahrheiten waren da in jenen alten, früheren Gestaltungen. Wie sie aber heute dem Verständnis der Menschen nahegebracht werden können, das will die Geisteswissenschaft zeigen. Das ist es, worauf es ihr ankommt. So ist Theosophie nichts anderes als ein Instrument, um die tiefsten Wahrheiten für den heutigen menschlichen Geist verständlich zu machen, um sie in ihren Tiefen zu erfassen.
[ 23 ] The task of Spiritual Science is not to negate anything; it does not criticize the flawed world of today. Rather, it shows that the descent into the material world was a necessity. The broad horizon of humanity’s spiritual life had to recede for so long; and this is also connected to the fact that the old way of understanding spiritual things has been lost. The truths were present in those ancient, earlier forms. But how they can be made accessible to people’s understanding today—that is what Spiritual Science seeks to show. That is what matters to it. Thus, theosophy is nothing other than an instrument for making the deepest truths comprehensible to the modern human spirit, for grasping them in their depths.
[ 24 ] Heute muß wieder auf den Geist hingewiesen werden. Man darf nicht dabei bleiben, zu sagen, wie wir es «so herrlich weit gebracht» haben. Die Wahrheit ist jederzeit zugänglich, und sie ist auf verschiedene Art zu begreifen.
[ 24 ] Today, we must once again turn our attention to the spirit. We must not simply stop at saying how “far we have come.” The truth is always accessible, and it can be understood in various ways.
[ 25 ] Wenden wir unseren Blick zurück zu dem alten Indien, nach Ägypten, Griechenland, in die Zeit der Begründung des Christentums: Es sind immer die gleichen alten Wahrheiten, die in verschiedenen Formen auftreten. Immer gab es Führer der Menschheit, die vorgesorgt haben dafür, daß zu bestimmten Zeiten die Wahrheiten, die mit den untergehenden Kulturen verblaßt waren, der Menschheit neu mitgeteilt wurden. Zu diesen Führern gehören alle großen Religionsstifter.
[ 25 ] Let us turn our gaze back to ancient India, to Egypt, to Greece, to the time of the founding of Christianity: it is always the same ancient truths that appear in various forms. There have always been leaders of humanity who have ensured that, at specific times, the truths that had faded with the declining cultures were communicated anew to humanity. Among these leaders are all the great founders of religions.
[ 26 ] Bevor unsere neuere Zeit heraufkam, vor Kopernikus und jenem 16. Jahrhundert, da wurde auch in Europa schon Vorsorge getroffen, daß die Grundlagen für eine neue Art der Wahrheitsverkündigung gelegt wurden. Um dieses 16. Jahrhundert herum gab es einige Menschen, welche die Zeichen der Zeit zu deuten verstanden. Schon 1459 stiftete, mit ganz wenigen Menschen, eine höhere geistige Individualität, in der Außenwelt Christian Rosenkreutz genannt, eine Geheimschule zur Pflege der Weisheit, keiner neuen Weisheit, aber der alten Weisheit in einer solchen Form, wie sie die Menschen jetzt brauchten. Das ist die Weisheit der Rosenkreuzer, die damals zuerst gepflegt wurde. Es ist, wie gesagt, nichts Neues; es ist die uralte Weisheit, aber in der Form, in der sie die jetzige Menschheit braucht.
[ 26 ] Even before the dawn of our modern era, before Copernicus and the 16th century, steps had already been taken in Europe to lay the foundations for a new way of proclaiming the truth. Around the 16th century, there were a few people who understood how to interpret the signs of the times. As early as 1459, a higher spiritual individuality—known in the outer world as Christian Rosenkreutz—founded, together with a very small group of people, a secret school for the cultivation of wisdom: not a new wisdom, but the ancient wisdom in a form that people now needed. This is the wisdom of the Rosicrucians, which was first cultivated at that time. As I said, it is nothing new; it is the ancient wisdom, but in the form that humanity needs today.
[ 27 ] Wie verhält sich nun diese Weisheit der Rosenkreuzer zum Christentum? Es ist gar kein Unterschied da zwischen der echten christlichen Lehre und derjenigen der Rosenkreuzer. Man braucht nur das Christentum in seinem Kern zu verstehen, dann hat man die Theosophie der Rosenkreuzer. Man braucht keine neue Religion zu begründen, man muß vielmehr das Christentum so auffassen, wie es die ersten Christen verstanden haben. Die wenigsten Menschen aber wissen noch etwas von den Geheimnissen der ersten christlichen Entwickelung. Selbst die offizielle Theologie hat keine Ahnung mehr davon. Da finden wir Paulus selbst als den tiefsten Kenner der christlichen Geheimnisse, der jene gewaltigen Wahrheiten lehrte, welche durch Jahrtausende die Menschheit leiten sollten. Dieser Paulus hatte in Athen eine Schule gegründet, deren Vorsteher Dionysius der Areopagite war. Dieser Dionysius war ein wirklicher Schüler des Paulus.
[ 27 ] How, then, does this Rosicrucian wisdom relate to Christianity? There is no difference at all between genuine Christian teaching and that of the Rosicrucians. One need only understand Christianity at its core, and then one has the Rosicrucian theosophy. There is no need to found a new religion; rather, one must understand Christianity as the first Christians did. Very few people, however, still know anything about the mysteries of early Christian development. Even official theology no longer has any idea about them. There we find Paul himself as the deepest connoisseur of Christian mysteries, who taught those mighty truths that were to guide humanity for millennia. This Paul had founded a school in Athens, whose head was Dionysius the Areopagite. This Dionysius was a true disciple of Paul.
[ 28 ] Jene Lehren des Dionysius sind immer lebendig gewesen und wurden immer gelehrt, insbesondere auch denen, welche das lebendige Wort des Christus hinaustragen sollten in alle Welt. Würden die Menschen auf jenem Standpunkt des Dionysius stehengeblieben sein, so hätte man keine neue Form gebraucht. Aber es kam die neue Zeit herauf und damit die Notwendigkeit, so zu lehren, daß das Christentum feststehe, daß keine Wissenschaft etwas dagegen einzuwenden vermöge. Das ist das Streben der Rosenkreuzertheosophie. Daher ist die Rosenkreuzertheosophie diejenige Form der Religion, welche für uns heute angemessen ist.
[ 28 ] Those teachings of Dionysius have always been alive and have always been taught, especially to those who were to carry the living Word of Christ out into the whole world. If people had remained at that stage of Dionysius, there would have been no need for a new form. But a new era dawned, and with it the necessity to teach in such a way that Christianity would stand firm, so that no science could object to it. This is the aim of Rosicrucian theosophy. Therefore, Rosicrucian theosophy is the form of religion that is appropriate for us today.
[ 29 ] Nur wer das Christentum richtig versteht, kann eine Ahnung davon haben, was sein ewig lebendiger Gehalt ist.
[ 29 ] Only those who truly understand Christianity can begin to grasp its eternally living essence.
[ 30 ] Würden wir heute in die Lage versetzt, von allen Seiten hier zu hören, was diese Rosenkreuzertheosophie über das wahre Christentum zu sagen hat, die wissenschaftlichen Tatsachen würden den dort geschilderten Vorgängen nicht widersprechen. Es kommt darauf an, daß die Religion in keinem Widerspruch befunden werden könne mit den wissenschaftlichen Tatsachen, und daß diese wissenschaftlichen Tatsachen mit ihr in Einklang gebracht werden.
[ 30 ] If we were able today to hear from all sides here what this Rosicrucian theosophy has to say about true Christianity, the scientific facts would not contradict the events described there. What matters is that religion cannot be found to be in contradiction with scientific facts, and that these scientific facts can be brought into harmony with it.
[ 31 ] Was will uns nun diese Rosenkreuzertheosophie bringen? Erkenntnis höherer Welten, das heißt derjenigen Welten, denen der Mensch noch angehören wird, wenn dieser unser physischer Leib schon zerfallen sein wird; Erkenntnis des Lebens, Erkenntnis des Wesens des Todes und der menschlichen Entwickelung. So wird sie den Menschen eine Wiederbefestigung bringen in bezug auf religiöse Wahrheiten und religiöses Leben.
[ 31 ] What, then, does this Rosicrucian theosophy seek to offer us? Insight into higher worlds—that is, those worlds to which human beings will still belong when our physical bodies have already decayed; insight into life, insight into the nature of death and human evolution. In this way, it will provide people with a renewed foundation regarding religious truths and religious life.
[ 32 ] Keiner sollte sagen: Ich stehe fest auf dem Boden der alten Lehren, und mir genügen diese. Was kümmern mich die Zweifler! — Es gibt nichts Egoistischeres und kein unchristlicheres Urteil als dieses. Denn was heute vielleicht noch möglich ist: daß eine Anzahl Menschen noch zurückgehalten werden auf dem Boden der alten Religionen, das wird in nicht allzuferner Zukunft nicht mehr möglich sein. Wer hineinzuschauen vermag in das, was jetzt die großen sozialen Wellen aufwerfen will, der wird nicht so urteilen; der wird sehen, daß die Verkündigung der 'Theosophie nicht etwas ist, worüber man streitet. Wer denken kann, weiß, daß Geisteswissenschaft da ist, um die brennendsten Fragen zu beantworten, und daß sie tatsächlich auf alle Fragen eine Antwort zu geben vermag. Man kann ja im Grunde genommen alles beweisen und alles bestreiten, aber darauf kommt es nicht an: über ein Heilmittel kann man nicht streiten, es kommt lediglich auf den Erfolg an, den man damit hat. Und genau so geht es mit der Geisteswissenschaft. Die Menschheit braucht die Spiritualität als Heilmittel, und nur wenn dieses Heilmittel einströmt, kann die Gesundung der Menschheit erfolgen. Sie ist ein Entwickelungsfaktor und Lebensspender für unsere Kultur.
[ 32 ] No one should say: “I stand firmly on the ground of the old teachings, and these are enough for me. What do I care about the doubters!” — There is no judgment more selfish or less Christian than this. For what may still be possible today—that a number of people are still held back by the old religions—will no longer be possible in the not-too-distant future. Anyone who is able to look into what the great social waves are now about to bring forth will not judge in this way; they will see that the proclamation of Theosophy is not something to be disputed. Anyone capable of thinking knows that Spiritual Science exists to answer the most pressing questions, and that it is indeed capable of providing an answer to every question. After all, one can essentially prove anything and dispute everything, but that is not the point: one cannot argue about a remedy; what matters is solely the success one achieves with it. And it is exactly the same with Spiritual Science. Humanity needs spirituality as a remedy, and only when this remedy flows in can humanity’s healing take place. It is a factor in development and a source of life for our culture.
[ 33 ] Mit äußeren Einrichtungen ist es nicht getan; sie sind ausnahmslos nur auf das Physisch-Körperliche gerichtet. Die Gesundung der Seele und des Geistes ist es, was die Theosophie anstrebt. Geisteswissenschaft ist nichts Willkürliches, sie wird von der Zeit und ihren Problemen verlangt. Alles, was sie uns sagt, ist die gemeinsame Lehre derer, die auf diesem Gebiete geforscht haben.
[ 33 ] External institutions are not enough; without exception, they are focused solely on the physical and corporeal. The healing of the soul and the spirit is what Theosophy strives for. Spiritual Science is not something arbitrary; it is demanded by the times and their problems. Everything it tells us is the collective teaching of those who have researched this field.
[ 34 ] Wir werden durch die Geisteswissenschaft in höhere Welten geführt, in welche das sinnliche Auge nicht hineinschauen kann, aber in denen die Ursachen zu den Wirkungen in dieser physischen Welt liegen. Die Erkenntnis des Ewigen in der Menschennatur, des Wesenskernes in einem jeden von uns selbst, der geistigen Welten und ihrer Hierarchien wird sie uns bringen. Und indem wir diese kennenlernen, werden wir die Bestimmung des Menschen kennenlernen. Das wahre Wesen der Menschennatur ist es, was uns beschäftigen soll. Wir werden Welten kennenlernen, die vorhanden sind, die aber mit unseren bloß physischen Sinnen nicht begriffen werden können. Mancher wird vielleicht sagen: Was du uns da erzählst, das ist ja alles recht schön, aber wir können doch nichts davon wissen. — Die Antwort auf diesen Einwand hat schon Fichte gegeben. Denken Sie sich, Sie kommen als einzig Schauender in eine Welt von Blindgeborenen, und Sie erzählen diesen von Farben, dann werden die auch sagen: Das ist ja alles dummes Zeug, was du da redest, das gibt es ja gar nicht. — Könnte man nun aber die Blindgeborenen mit Erfolg operieren, dann würden sie eben diese Welt der Farben und des Lichtes erfahren.
[ 34 ] Spiritual Science leads us into higher worlds that the physical eye cannot see, but in which the causes of the effects in this physical world lie. It will bring us knowledge of the eternal in human nature, of the core essence within each of us, of the spiritual worlds and their hierarchies. And as we come to know these, we will come to know the destiny of humanity. It is the true essence of human nature that should occupy us. We will come to know worlds that exist but cannot be grasped by our merely physical senses. Some might say: What you’re telling us is all very nice, but we can’t possibly know any of it. — Fichte has already provided the answer to this objection. Imagine you are the only sighted person in a world of people born blind, and you tell them about colors; they will say: “That’s all nonsense you’re talking about; it doesn’t even exist.” — But if the people born blind could be successfully operated on, they would experience precisely this world of colors and light.
[ 35 ] Dasselbe gilt auch für den obigen Einwand. Wer einen solchen Einwand macht, der steht eben auf dem gleichen Standpunkt, welcher dem eines Blindgeborenen entspricht. Es sollte daher niemand sagen: Das gibt es nicht. Denn kein Mensch hat das Recht, von «Grenzen der Erkenntnis» zu reden, wie seinerzeit Du Bois-Reymond. Es gibt so viele Welten, als wir Organe haben, diese wahrzunehmen, unendlich viele Welten; wir können sie nur heute noch nicht wahrnehmen, weil wir noch keine Organe dafür haben. Die Welt ist nicht nur dem Raume nach, sondern auch intensiv unendlich: für jeden Sinn gibt es eine Welt. Jetzt sind sie für uns unergründlich, aber sie sind da; sind da, wo wir selber sind. Uns brauchen nur die Augen dafür geöffnet zu werden, denn sie sind mitten unter uns.
[ 35 ] The same applies to the objection raised above. Anyone who raises such an objection is simply taking the same standpoint as someone born blind. Therefore, no one should say: “That does not exist.” For no human being has the right to speak of “limits of knowledge,” as Du Bois-Reymond did in his time. There are as many worlds as we have organs to perceive them—an infinite number of worlds; we simply cannot perceive them yet because we do not yet have the organs for it. The world is infinite not only in space but also in intensity: there is a world for every sense. Right now they are unfathomable to us, but they are there; they are there where we ourselves are. We only need to have our eyes opened to them, for they are right here among us.
[ 36 ] Das Wort Christi: «Suchet nicht nach dem Reiche Gottes, denn das Reich Gottes ist mitten unter euch», ist ganz wörtlich zu verstehen. Ganz in diesem Sinne spricht auch die Geisteswissenschaft von den geistigen Welten. Und immer hat es Eingeweihte gegeben, welche die Mittel und Wege kannten, um in diese Reiche der Himmel einzutreten. Alle Religionen sprechen von ihnen. Die Geisteswissenschaft ist nur das Mittel, um uns diese Grundwahrheit aller Religionen wieder aufzuschließen. Alles, was wir hier um uns herum sehen und wahrnehmen, ist eine Folge und Wirkung desjenigen, was in den geistigen Welten vor sich geht. Alles, was sich auf Erden kundgibt, ist nur Ausgestaltung dessen, was in den geistigen Welten wirkt und lebt.
[ 36 ] Christ’s words: “Do not seek the Kingdom of God, for the Kingdom of God is within you,” are to be understood quite literally. Spiritual Science also speaks of the spiritual worlds in precisely this sense. And there have always been initiates who knew the ways and means to enter these realms of heaven. All religions speak of them. Spiritual Science is merely the means by which this fundamental truth of all religions is revealed to us once again. Everything we see and perceive around us here is a consequence and effect of what is taking place in the spiritual worlds. Everything that manifests itself on Earth is merely an expression of what is active and alive in the spiritual worlds.
[ 37 ] Das offizielle Christentum hat längst verlernt, die Tiefen der religiösen Urkunden zu verstehen. So mußte die Geisteswissenschaft die Aufgabe übernehmen, den Schlüssel zu den vergessenen Wissensschätzen zu bringen und der Menschheit, die am Scheidewege steht, dadurch das Heilmittel zu reichen. Doch sie kennt keinen Fanatismus; sie erzählt nur, sie legt das Wesen des Menschen klar und zeigt, welches sein Schicksal ist nach dem Tode, zeigt, wie seine Seele sich außerhalb des physischen Körpers entwickelt. Sie schildert, was in den höheren Welten vorgeht, spricht von den Entwickelungsphasen der Erde und der andern Planeten, beleuchtet den bisherigen und den künftigen Lebensweg des Menschen. Sie weist hin auf das, was er durchzumachen haben wird, bis er das Menschenziel erreicht.
[ 37 ] Official Christianity has long since lost the ability to understand the depths of religious texts. Thus, Spiritual Science had to take on the task of providing the key to these forgotten treasures of knowledge and thereby offering a remedy to humanity, which stands at a crossroads. Yet it knows no fanaticism; it merely narrates, clearly elucidates the nature of the human being, and reveals what his destiny is after death, showing how his soul develops outside the physical body. It describes what takes place in the higher worlds, speaks of the stages of development of the Earth and the other planets, and illuminates the human being’s path of life both past and future. It points out what they will have to go through until they reach the human goal.
[ 38 ] Wir wollen das Wesen des Menschen und jener Welten zu erfassen suchen, denen er entstammt. Das ist das Gebiet der Erkenntnisse, zu denen uns die Geisteswissenschaft führt.
[ 38 ] We wish to seek to grasp the nature of the human being and of those worlds from which he originates. This is the realm of knowledge to which Spiritual Science leads us.
[ 39 ] Man könnte nun einwenden: Das ist ja alles doch nur für den sogenannten Seher da, der schon hineinschauen kann in die geistigen Welten. Was nützt uns das? Uns sind sie ja nicht zugänglich!
[ 39 ] One might object: But all of this is only meant for the so-called seer, who is already able to glimpse into the spiritual worlds. What good is that to us? After all, they are not accessible to us!
[ 40 ] Darauf kann man antworten: Wohl gibt es manche Methoden der Schulung, die nur für den Geistesforscher geeignet sind und einen solchen Einwand berechtigt erscheinen lassen. Doch der Weg der Rosenkreuzerschulung ist ein anderer. Zum Eindringen in die geistigen Welten gehört allerdings das Auge des Sehers und das Ohr des Eingeweihten, aber zum Begreifen gehört nur die gewöhnliche Logik. Alles, was der Geistesforscher sagt, ist dem logischen Verstande zugänglich; es genügt der gewöhnliche gesunde Menschensinn, um diese Dinge zu begreifen. Wer es nicht kann, dem fehlt es eben an Logik. Wohl braucht es das Auge des Geistesforschers zum Auffinden der geistigen Geheimnisse. Zum Begreifen des im Sinne des Rosenkreuzertums Geschilderten genügt die gewöhnliche Logik.
[ 40 ] One might respond: It is true that there are certain methods of training that are suitable only for the spiritual researcher and that make such an objection seem justified. But the path of Rosicrucian training is different. To penetrate the spiritual worlds, one does indeed need the eye of the seer and the ear of the initiate, but to comprehend them, ordinary logic is sufficient. Everything the spiritual researcher says is accessible to the logical mind; ordinary, sound human reason is enough to grasp these things. Those who cannot do so simply lack logic. The eye of the spiritual researcher is indeed needed to discover spiritual mysteries. To comprehend what is described in the sense of Rosicrucianism, ordinary logic suffices.
[ 41 ] Wer das nicht einsehen kann, darf sein Versagen nicht der Schulung zuschreiben. Sein mangelndes Begreifen liegt nicht an dem Umstand, daß er kein Seher ist, sondern ihm fehlt es an gesundem Auffassungsvermögen und an konsequentem Denken. Vielen ist die Logik allerdings unbekannt. So sagt zum Beispiel ein Musiker der jetzigen Zeit, das Nachdenken sei eine mißliche Sache. — Auch unsere Gelehrtenwelt denkt nur ein Stück weit. Wenn aber der Mensch seinen Verstand richtig anwendet, wird er dazu gelangen, auch die höheren Weisheiten und Wahrheiten zu begreifen und in sich lebendig zu machen. Und wenn Sie weiter fragen: Was nützt uns das nun? — so ist die Antwort: Nichts kann uns gegeben werden, das von größerer Bedeutung ist als die Erkenntnis der Geisteswissenschaft. Wir werden dadurch erst zu wahren Menschen, und werden dadurch auch in der Gegenwart ein zufriedenes Herz, eine zur Harmonie mit sich selbst kommende Seele erringen.
[ 41 ] Those who cannot grasp this must not attribute their failure to their education. Their lack of understanding is not due to the fact that they are not seers, but rather to a lack of sound judgment and consistent thinking. To many, however, logic is unknown. For example, a musician of our time says that thinking is a troublesome thing. — Even our scholarly world thinks only to a limited extent. But if a person uses their intellect correctly, they will come to grasp even the higher wisdoms and truths and bring them to life within themselves. And if you ask further: What good does that do us? — the answer is: Nothing of greater significance can be given to us than the knowledge of Spiritual Science. It is through this that we first become true human beings, and through this we also attain, even in the present, a contented heart and a soul that finds harmony with itself.
[ 42 ] Mit Redensarten kommt man bier nicht weit, man muß mit dem Ringen nach Erkenntnis Ernst machen und sich in die Nöte und Probleme des Lebens vertiefen. Unentwegt muß man von einem Bereich des geistigen Lebens in den andern zu dringen versuchen: dann quillt daraus hervor die Einsicht in das Ganze der Welt- und Menschheitsentwickelung. Und die überwältigende Größe dieses Geschehens ergreift nicht nur unser Herz, sie weckt in uns neue Fähigkeiten, sie macht uns geschickt für die Aufgaben des täglichen Lebens. Denn es quillt unmittelbare Kraft aus der Geisteswissenschaft, etwas, das zu einem unverlierbaren Gute wird und uns zu schöpferischen Menschen macht.
[ 42 ] You won’t get very far here with mere platitudes; you must take the quest for knowledge seriously and immerse yourself in the hardships and problems of life. You must constantly strive to move from one realm of spiritual life to another: then an understanding of the whole of world and human development will spring forth from this. And the overwhelming magnitude of this process not only touches our hearts; it awakens new abilities within us and equips us to handle the tasks of daily life. For Spiritual Science gives rise to a direct power—something that becomes an irreplaceable asset and transforms us into creative human beings.
[ 43 ] Erst wenn Sie die geistige Welt kennenlernen, können Sie auch die materielle verstehen. Geisteswissenschaft ist nicht etwas für Sonderlinge, sondern gerade etwas für die Praktischsten unter den Praktikern.
[ 43 ] Only when you come to know the spiritual world can you truly understand the material world. Spiritual Science is not for eccentrics, but rather for the most practical of practitioners.
[ 44 ] Alles Dasein ist Geist. So wahr wie Eis Wasser ist, so wahr ist auch die Materie Geist. Ob Mineral, ob Pflanze, ob Tier oder Mensch, sie sind Geist in verdichteter Form.
[ 44 ] All existence is spirit. Just as ice is water, so too is matter spirit. Whether mineral, plant, animal, or human, they are all spirit in condensed form.
[ 45 ] In diesem Sinne werden wir durch die Rosenkreuzertheosophie zum Verständnis der geistigen Grundlagen der Welt geführt. Sie macht uns nicht zu Eigenbrötlern, sondern zu Freunden des Daseins, denn sie sieht nicht auf das Alltagsleben herab, entfremdet uns unseren irdischen Aufgaben nicht, sie verbindet uns mit ihnen. Sie spornt uns an zum werktätigen Schaffen, weil sie weiß, daß jede Handlung, wie auch jedes Wesen, ein Ausdruck des Geistes ist.
[ 45 ] In this sense, Rosicrucian theosophy guides us toward an understanding of the spiritual foundations of the world. It does not turn us into loners, but rather into friends of existence, for it does not look down on everyday life, nor does it alienate us from our earthly tasks; rather, it connects us with them. It spurs us on to active work, because it knows that every action, just like every being, is an expression of the spirit.
