Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis
GA 100
26 Juni 1907, Kassel
Theosophie und Rosenkreuzertum XI
[ 1 ] Gestern kamen wir in der Schilderung der Entwickelung unserer verschiedenen Erdenzustände bis zu dem Punkt, an dem wir uns klar wurden, wie die vereinigten drei Weltenkörper — Sonne, Mond und Erde — sich nacheinander getrennt haben. Wir begannen einerseits damit und machten Halt an dem Punkte, wo der Mond sich von der Erde losgelöst hat; andrerseits suchten wir ihn auch zu erreichen, indem wir von unserer Zeit ausgingen und zurückgehend durch die Atlantis zu diesem selben Punkte gelangten. Machen wir uns nun klar, in welchem Zustande wir da die Erde selbst haben. Man muß dabei lange, lange Zeiträume im Auge haben, die Millionen von Jahren in Anspruch nehmen; dann wird man sich auch nicht mehr so stark wundern über die großen Veränderungen, die im Weltenall wie auch auf der Erde vor sich gehen.
[ 2 ] Wollen wir nun die abgetrennte Erde noch einmal genauer ins Auge fassen. Sie ist noch eingehüllt in einer Luftmasse, die aber ganz anders aussah als unsere heutige Luft. Sie müssen sich nicht etwa denken, daß diese Luft so etwas war wie ein glühender Ofen in seinem Inneren, obwohl die Temperatur eine viel höhere war als heute. Es waren auch viele der Stoffe, die heute fest sind, flüssig in der Erde vorhanden. Eine Luft, dicht angefüllt mit Dünsten der verschiedensten Substanzen, umhüllte die Erde, etwas, was man als Feuerluft etwa bezeichnen kann, ein Wiederholungszustand des früheren Mondenzustandes. Als die Erde nach der Trennung vom heutigen Mond selbständig geworden war, da war sie von einer merkwürdigen Atmosphäre umgeben, die man als Feuerluft bezeichnen könnte. Dadurch, daß sich die Erde von der Atmosphäre, die mit dem Mond fortgegangen war, befreit hatte, wurden die Wesen fähig, gewisse höhere Stufen zu erreichen. Innerhalb dieser Atmosphäre hatten die vorgeschrittensten Tiermenschen eine höhere Stufe erreicht, als sie auf dem Monde hatten, aber nur jene, welche später zu Menschen geworden sind. Eine große Anzahl dieser Tiermenschen blieb auf der Mondstufe stehen. Und die Folge davon war, daß sie nicht bloß stehenblieben, sondern, weil jetzt ganz neue Verhältnisse eintraten — denn es konnte nur auf dem Monde noch Tiermenschen geben -, sanken sie um eine halbe Stufe herunter und wurden Tiere, die es damals auf dem Monde noch nicht gegeben hat. So haben wir zwei Reiche: Menschen, und das zurückgebliebene Tiermenschenreich, das allmählich heruntersank zu Tieren.
[ 3 ] Ebenso war es mit den Pflanzentieren. Eine gewisse Anzahl hatte sich höher entwickelt, zu Tieren; andere sind stehengeblieben und wurden Pflanzen. Und das Pflanzenmineralreich hat sich eben so verteilt, daß einige zu schweren Mineralien geworden sind, und andere sich zu Pflanzen hinaufentwickelt haben. Es ist nicht alles nach einem Maßstabe entstanden; was wir heute als Tiere kennen, ist zum Beispiel zum Teil so entstanden, daß die Menschentiere sich hinunterentwickelt, und zum Teil so, daß die Pflanzentiere sich hinaufentwickelt haben. Ebenso haben wir im Pflanzenreich nebeneinander Pflanzenmineralien im Aufstieg und Pflanzentiere im Abstieg. Die Pflanzen, die heute vorzugsweise unsere ästhetische Pflanzendecke bilden, sind jene, die entstanden sind durch Hinaufentwickelung der Pflanzenmineralien des Mondes, das Veilchen zum Beispiel. Dagegen ist alles, was uns wie moderig anklingt, in absteigender Entwickelung, während unsere grünen Laubpflanzen in der Zukunft höhere Stufen erreichen werden.
[ 4 ] Unsere Mineralien haben sich überhaupt auf der Erde entwickelt. Auf dem Monde gab es noch nichts Mineralisches, wie es heute ist. Dies ist das heruntergesunkene Pflanzenmineralreich, das als feste Kruste sich der Erde einlagerte. In der Zeit, in welcher die Erde den Mond hinauswarf, war das, was zurückblieb und später Mineral, festes Metall und so weiter wurde, selbst noch ganz und gar eine flüssige Masse. Was damals schon fest war, wurde eben in den Weltenraum hinausgeschleudert, weil sich die Erde nicht hätte höherentwickeln können, wenn sie diese Substanzen für sich behalten hätte. Dann entstanden Einschlüsse derjenigen Metalle, die am ehesten fest wurden. Merkwürdige Formen hatten sie zum Teil. Was Ihnen heute als Granit, als Gneis im Gebirge begegnet, zeigte damals noch ganz deutlich, daß es entstanden ist, indem sich Pflanzenwesen heruntergebildet haben, Steine geworden sind.
[ 5 ] Im Grunde genommen können Sie daraus entnehmen, daß auf der Sonne und auf dem Monde alles Gesteinreich noch Pflanzenreich war. Nicht das Pflanzenreich hat sich aus dem Gesteinreich entwickelt, sondern die Steine aus dem Pflanzenreich! Was Sie heute als Steinkohle herausgraben, ist ja nur eine Summe von versteinerten Pflanzen, von Pflanzen also, die zugrunde gingen, vermoderten und Steine wurden, so daß sie heute als zu Stein gewordene Pflanzen herausgegraben werden können. Würden Sie noch weiter zurückgehen, so würden Sie sehen, daß auch die dichtesten Steine einst Pflanzen waren und aus der Pflanze, durch Herunterentwickelung ins Steinreich, erst entstanden sind. Für den Seher stellt sich da folgendes heraus. Wenn Sie den Gneis untersuchen, so sagt Ihnen der Mineraloge, er besteht aus Feldspat, Hornblende und Glimmer. Dann muß der Mineraloge Halt machen. Der Seher sagt: Was im Gneis als Feldspat sich findet, zeigt sich dem geistigen Auge noch klar als das Festgewordene der Pflanzen im Stengel und den grünen Blättern, woraus sich die Pflanze aufgebaut hat; und die Glimmeranlage hat etwas zu tun mit dem, was sich heute noch in den Kelchblättern und Blumenkronen der Pflanzen bildet. Wenn also heute ein Okkultist ein Stück Gneis ansieht, wird er sagen: Das ist versteinerte Pflanze, und wie heute die Pflanzen Blätter und Blüten und so weiter haben, so ist die Glimmeranlage herrührend von alten Kelch- und Blumenblättern. — Und so können wir von allen Mineralien sagen, wie sie sich von alten Pflanzen her gebildet haben. Denn Pflanzen waren es ja, die von dem Monde herübergekommen sind, und erst in der flüssigen Erdmasse haben sie sich verdichtet. So wie wenn Sie ein Gefäß mit Wasser vor sich haben und das Wasser anfängt, sich zu verfestigen, Eis zu bilden, haben sich da immer mehr feste Einschlüsse gebildet. Und immer mehr bildete sich damit die feste Erdkruste aus der flüssigen Erde heraus. Je weiter wir gehen, um so höher und reiner werden die Wesen; diejenigen, welche nicht hinaufkommen konnten, versteinerten. Ebenso war es bei den Tieren und bei den Menschen. Der Mensch kam so weit, daß er seinen Leib in einem noch höheren Grade umbilden konnte.
[ 6 ] Diese Mondmenschen bewegten sich im Urmeer schwebend-schwimmend daher; sie waren veranlagt zu diesem Herumschwimmen. Das mag sich ja für den heutigen Menschen höchst sonderbar ausnehmen, aber es ist doch wahr. Und rückhaltlos sei es gesagt: gar nicht möchte ich manche dieser grotesk scheinenden Beschreibungen lindern. Über die Wahrheiten wird immer gelacht, wenn sie zuerst auftreten.
[ 7 ] Der Mensch, der im Urmeer herumschwamm, hatte noch keine Augen, die da sehen konnten wie heute; veranlagt waren sie ja schon auf dem Saturn, aber da unten in dem Urmeer brauchte der Mensch noch nicht zu sehen; er mußte sich anders orientieren. In dem Urmeer war auch alles enthalten, was er verzehrte, um sein Dasein zu fristen. Da gab es auch Tiere, die ihm freundlich, andere, die ihm nicht freundlich gesinnt waren. Und dann war das Urmeer an manchen Stellen warm, an andern kalt. Die einen Stellen konnte der Mensch vertragen, die andern nicht. Damals hatte der Mensch noch ein Organ, das heute im Kopfe drinnen ist, kirschkerngroß, die Zirbeldrüse; doch ist es im eigentlichen Sinne keine Drüse. Dieses Organ war einstmals mächtig groß entwickelt; es ist ein Organ gewesen, mit dem der Mensch sich im Urmeer orientieren konnte: da ragte es wie eine Art Laterne aus dem Kopfe heraus. Der Mensch bewegte sich so, daß er dazu dieses vorneliegende laternenartige Gebilde benutzte; es war ein fein empfindendes Organ, ein Wärmeorgan, wodurch er die Wärme, die ihm zuträglich war oder nicht, wahrnehmen konnte. Es war ein Orientierungsorgan, das aber nicht ein Sehorgan war. Es war ihm dienlich, wenn er da herumschwamm. Später brauchte es der Mensch nicht mehr; da schrumpfte es zusammen.
[ 8 ] Damals konnte noch nicht die Rede sein von einer Anlage zum Ich. Der Mensch war noch in bezug auf alles, was er tat, unter der Leitung höherer geistiger Mächte. Wir können ihn etwa vergleichen mit dem heutigen Tiere. Unsere heutigen Tiere sehen wir geisteswissenschaftlich etwa in folgender Weise an: Vom Tiere unterscheidet sich der Mensch dadurch, daß er eine individuelle Seele hat; jeder Mensch hat seine individuelle Seele, sein individuelles Ich. Das ist nicht so beim Tier; da haben ganze Gruppen von Tieren eine Seele. Zum Beispiel alle Tiere, die zur Löwenart gehören, haben eine Seele, und die lebt in der Astralwelt. Ebenso haben alle Tiere, die Tigerart haben, eine Seele zusammen. Daher sprechen wir beim Tiere von Gruppenseelen. Alle Pferde zusammen haben eine Gruppenseele; die gehören zusammen. Wie die einzelnen Finger zur Hand, so verhalten sich die Tiere zu ihrer Gruppenseele. Daher können wir auch nicht von einer individuellen Verantwortlichkeit sprechen. Erst wenn eine individuelle Seele vorhanden ist, sprechen wir davon, daß eine Seele gut oder böse sein kann. Der Mensch der damaligen Zeit hatte noch eine Art Gruppenseele, die noch im Schoße der Gottheit lagerte. So daß wir uns klar sein müssen: was heute in uns lebt, gab es auch damals schon, aber nicht im Menschenkörper drinnen. Der Mensch hat seinen Ursprung in zwei Strömungen: Was vom Mond herübergekommen war und sich weiter ausgebildet hatte, war der Tiermensch da unten; aber was heute in Ihnen lebt als einzelne Seele, das war oben, bei der Gottheit, nur Ihr Leib war unten, im Urmeer. Später haben sich die beiden vereinigt; da stieg die Seele herunter und durchgeistigte Ihren Leib als individuelle Seele.
[ 9 ] Denken Sie sich ein Gefäß mit Wasser; darinnen sind viele, viele Wassertropfen, aber man kann sie nicht unterscheiden. Wenn Sie jetzt viele hundert Schwämmchen nehmen und da hineintauchen, so haben Sie die Tropfen individualisiert, die erst in der Wassermasse darinnen waren. So denken Sie sich Ihre Geistigkeit schwebend über dem Urmeer. Vergleichen Sie nun die im Schoße der Gottheit ruhende Seele mit dem Wassertropfen: die Leiber nehmen die Seelen auf wie die Schwämmchen die Wassertropfen; dadurch wurden die Seelen selbständig, wie das Wasser individualisiert wurde durch die Schwämmchen. Unten das Urmeer mit den schwebend-schwimmenden Leibern oben die Seelen. Das konnte man nicht besser schildern, als daß man sagte: «Und der Geist der Gottheit brütete über den Wassern», das heißt, er arbeitete das, was unten war, soweit aus, daß die Seelentropfen aufgenommen werden konnten.
[ 10 ] Die Leiber selber mußten sich schwebend erhalten, und dazu brauchten die Wesen ein Organ. Der Mensch hatte damals noch keine Lunge, aber er hatte eine Art Schwimmblase; dadurch erhielt er sich im Urmeere schwimmend. Die Fische, die auf dieser Stufe zurückgeblieben sind, haben noch heute Schwimmblasen und keine Lungen. Nach und nach, als die Luft sich von den Wassern reinigte, und der Mensch über die Wasser hinaufgelangen konnte und ein Luftatmer wurde, sind seine Lungen entstanden. Das war ein langer Prozeß, ein Prozeß durch Jahrmillionen, wo der Mensch allmählich die Luft durch Lungen dann aufnahm. Dadurch war das physische Gebilde gegeben, das die Seele in sich selber aufnehmen konnte. Je mehr der Mensch ein Lungenatmer wurde, desto mehr wurde er fähig, die Seele aufzunehmen. Das können Sie nicht besser ausdrücken als mit den Worten: Und Gott hauchte dem Menschen den Odem ein, und er ward eine individuelle Seele. - Damit wird der Mensch zu gleicher Zeit fähig, etwas auszubilden, was er früher niemals hätte bilden können: er wird fähig, rotes Blut zu bilden. Früher waren alle Menschen so veranlagt, dieselbe Temperatur zu haben wie ihre Umgebung; waren sie mehr von Wärme umgeben, so waren sie dieser Wärme angemessen. Früher gab es überhaupt noch kein rotes Blut; die Tiere, die über den Amphibien stehen, sind in noch viel späterer Zeit zurückgebliebene Menschenkörper. Erst nach der Zeit, wo der Mensch sich zu einem Bildner von rotem Blut entwickelt hat, haben sich auch Tiere entwickelt zu solchen, die rotes Blut haben. Ebensowenig wie sich jemals eine Pflanze aus einem Stein entwickelt hat, sondern wie sich der Stein aus der Pflanze bildete, so hatte sich das Tier aus dem Menschen herausentwickelt. Alles Niedere hat sich aus dem Höheren herausentwickelt; das ist die Evolutionslehre. Erst mußte sich der Mensch zu einem rotblütigen Wesen umwandeln, dann konnte er die Tiere zurücklassen. In den Tieren sehen Sie im buchstäblichen Sinne dieStufen ausgebreitet, die wir zurückgelassen haben. Der Mensch sieht in einem jeden Tiere mehr oder weniger ein zurückgelassenes Stück seiner selbst. Das hat Paracelsus so wunderschön ausgedrückt: Wenn wir um uns umher blicken, sehen wir gleichsam die Buchstaben eines Alphabets; nur im Menschen sind sie zu einem Wort vereinigt; daher liegt in ihm der Sinn dessen, was um ihn herum ausgebreitet ist. Sodann müssen Sie eines in Betracht ziehen. Ein scheinbar unbeträchtlicher, aber für die Geisteswissenschaft außerordentlich wichtiger Prozeß vollzog sich dazumal; er begann im Grunde schon mit dem ersten Auftreten der Erde, als sie noch mit dem Mond zusammen war: das ist ein gewisses Zusammenwirken von Mars und Erde. Während der ganzen ersten Erdhälfte strrömten Kräfte des Mars auf die Erde ein; daher bezeichnet man die erste Hälfte geradezu als den Marszustand der Erde. Und mit diesem Durchgang durch den Mars ist das Eisen verknüpft, das von da ab eine ganz neue Rolle in dem Erdprozeß spielt.
[ 11 ] Bei den Pflanzen spielt das Eisen eine viel äußerlichere Rolle. Aber Sie sehen, wie die Dinge zusammengreifen: kosmisch geht die Erde durch den Mars hindurch, er gibt ihr das Eisen. Da wurde das Eisen zu den Funktionen angeregt, die es jetzt hat. Da tritt das Eisen im Blut auf. Und mit dem eisenhaltigen Blut ist das Aggressive im Menschen verbunden, das, wodurch er ein Krieger wird auf der Erde. Das hat die griechische Mythe gefühlt, und sie bezeichnet daher den Mars als den Kriegsgott.
[ 12 ] Dadurch wird dieser Menschenkörper fähig, ein Ich aufzunehmen; denn ohne rotes, warmes Blut kann kein Körper ein Ich-Träger werden; das ist außerordentlich wichtig. Lungenatmung ist die Voraussetzung des warmen, roten Blutes. Und dann entstanden die nötigen Prozesse auf der Erde, die sich dem Blute eingliederten. So hat der Mensch sich allmählich entwickelt, daß er ein lungenatmendes, rotblütiges Wesen geworden ist, und dann die andern Geschöpfe, die niederen Warmblütler, zurückgelassen hat. Im Okkultismus werden die Tiere nicht bloß in der gewöhnlichen Art unterschieden, sondern wir nennen noch ein anderes Merkmal. Wir unterscheiden sie in innerlich tönende, solche, die eigenen Schmerz und Freude in Tönen zum Ausdruck bringen können, und in nichttönende. Wenn Sie heruntergehen zu niedereren Tieren, hören Sie zwar auch Töne, doch sind es nur äußerliche, die auf Aneinanderreiben von Organen oder auf äußerliche klimatische Einflüsse zurückzuführen sind; das Äußere tönt bei ihnen. Erst die Tiere, die sich damals abgezweigt haben, als der Mensch sich zu einem warmblütigen Wesen entwickelt hat, waren so, daß sie selbst ihren Schmerz und ihre Freude heraustönen konnten. Damals wurde ja auch des Menschen Kehlkopf zu einem tönenden Organ umgewandelt. Dadurch, daß außen die flüssige Erde sich umwandelte in eine Kruste, ging ein innerlicher Prozeß im Menschen vor sich: Parallel mit der äußerlichen Verfestigung bildete sich innerlich aus den weichen Teilen ein Knochen- und Knorpelskelett. Knochenwesen hat es früher nicht gegeben. Die äußeren Mineralien sind das Gegenbild zu den Knochen. Die Erde hat diese Epoche in den Felsmassen festgehalten; der Mensch hat sie in den Knochen. Immer mehr wird der Mensch jetzt aus einem in der waagrechten Haltung gehenden Wesen zu einem aufrechtgehenden. Er wendet sich so um, daß seine vorderen Gliedmaßen Arbeitsorgane werden, und nur seine andern der Fortbewegung dienen. Das hängt beides zusammen. Kein Wesen, das nicht einen tönenden Kehlkopf und einen aufrechten Gang hat, kann ein Ich-Wesen sein.
[ 13 ] Die Tiere haben die Anlagen dazu gehabt, aber sie sind zurückgegangen. Daher haben sie sich nicht umwandeln können zu solchen Wesen, die eine Sprache haben, denn sie ist geknüpft an einen aufrechten Kehlkopf. Wir können das an einer ganz groben Tatsache ermessen. Gewiß ist mancher Hund gelehriger als ein Papagei; aber der Papagei lernt mehr, weil sein Kehlkopf mehr aufrecht liegt. Papageien und Stare lernen etwas sprechen, weil sie einen aufrechten Kehlkopf haben.
[ 14 ] So sehen Sie, wie die Erde und der Mensch zu immer weiteren Entwickelungsstufen schreiten. Zu gleicher Zeit wird auch die Atmosphäre anders; es entwickelt sich jener Zustand, wo die Erde nur noch von einer Nebelluft umgeben ist. Das war in der Zeit, als die Lemurier ihren Kontinent zerstieben sahen und nach Atlantis hinüberwanderten; sie wurden dadurch Atlantier. Während der Phase dieses Fortschritts, in welcher der Mensch die ersten Elemente der Sprache sich aneignete, die zwar nur Empfindungslaute waren, trat auch die Seele immer mehr hervor. Der Atlantier hatte im wesentlichen sich ein dumpfes Hellsehen bewahrt. Nun hatten sich bei ihm die Augen in dem Maße herausgebildet, als der Mensch, aus dem unterirdischen Meere heraufgekommen, jenes Sonnenlichtes teilhaftig wurde, das ihm durch die Nebelmassen hindurch erschien. Er wurde physisch immer mehr sehend und wahrnehmend; dafür ging aber das alte Hellsehen immer mehr in ihm zurück. Erst im letzten Drittel der atlantischen Zeit hatte sich an einem Punkte der Erdoberfläche die fortgeschrittenste Rasse unter den Atlantiern herausgebildet. Es war das ein bedeutsamer Abschluß dieser Epoche.
[ 15 ] Die Atlantier, die mehr nach dem Westen hinübergezogen waren, wurden durch die damaligen Verhältnisse innerlich neutrale Naturen, kalt, gleichgültig; das wurde die kupferfarbige Bevölkerung Amerikas. Die andern, die mehr nach dem Süden hinüberwanderten, wurden zur schwarzen Negerbevölkerung, und jene, die sich mehr nach dem Osten wandten, bildeten später die gelbe, malayische Bevölkerung. An den ungünstigsten Punkten, von denen aus man nicht weiter fortschreiten konnte, hatten diese Völkermassen sich konzentriert. Dort aber, wo Irland ist, und westlich davon, wo heute Meer ist, hatte der Mensch sich am weitesten entwickeln können. Da waren jene Mischungen von Warm und Kalt, durch welche der Menschenkörper am weitesten vorwärtskommen konnte. Aus der damals noch magischen Willenskraft entwickelte sich in der ersten Anlage ein unausgesprochenes IchEmpfinden. Gerade an diesem Zeitpunkt lernte der Mensch zum ersten Male «Ich» zu sich sagen. Dann lernten da die Menschen in der ersten Anlage zählen, rechnen, ein beginnendes Urteilsvermögen zu entwickeln, das Kombinatorische. Es gab aber immer auch unter ihnen fortgeschrittene Wesen, die Führer der Menschheit, die sich zu den Menschen so verhielten, wie Wesen eines höheren Reiches. Die waren die Lehrer und Leiter geworden und gaben den Anlaß zu dem Zug nach dem Osten. — Von jenem Punkt in der Nähe des heutigen Irland aus bis weiter östlich und nach Asien hinüber waren schon überall Völkersiedlungen. Nun gingen die fortgeschrittensten Bevölkerungsmassen nach dem Osten hinüber und bildeten auf ihrem Wege überall eine Art Kolonie. Die mächtigste, mit der höchst entwickeltsten Kultur, war in der Nähe der heutigen Wüste Gobi. Von dort gingen später einzelne Teile nach den verschiedensten Gegenden der Welt, ein Teil nach dem heutigen Indien; sie trafen dort schon Völkerschaften an, gelb-bräunliche, und vermischten sich zum Teil mit ihnen.
[ 16 ] Das war nach der atlantischen Flut, als diese Kolonie nach Süden ging und dort die erste Kultur der nachatlantischen Zeit begründete, die erste Kultur unserer Zeitepoche. Die fortgeschrittensten Lehrer, die da mit hinunterzogen, die ersten großen Lehrer des alten Indien, sie nennt man die alten indischen Rishis. Die heutigen Inder sind die Nachkommen jener alten Bevölkerung, aber wir müssen weit zurückgehen in Zeiten, die dunkel vor der Geschichtsbetrachtung liegen, wenn wir die Spuren ihrer Kultur treffen wollen. Die Veden gehören schon einer späteren Zeit an; denn damals zeichnete man noch nichts auf. Das alte indische Volk stellt die erste Kulturgruppe nach der atlantischen Zeit dar; daher standen sie auch dem Atlantier noch am nächsten. Der Atlantier war eine Art Träumer; dumpf war sein Bewußtsein, nichts hatte er an Urteilskraft und Selbstbewußtsein; wie ein Träumer, halb unbewußt ging er umher. Die alten Inder waren die ersten, die diesen Zustand überwunden hatten, die aber doch noch halb darinnen wurzelten. Daher hatte der alte Inder in sich die Sehnsucht nach dem Erleben des alten Geisterlandes und jenem Schauen, das den Atlantiern noch eigen war. Die alte indische Jogaschulung bestand noch darin, daß sie in einer Art von Herabdämpfen des Bewußtseins den Menschen zurückversetzte in die Zeit, wo die Menschen noch die Geister um sich herum geschaut haben. Nach dieser Zeit des Hellsehens der alten Atlantier sehnte sich der Inder zurück, und die Rishis lehrten ihn in ihrer Jogaschulung die Methoden, die jetzt aber doch in einer andern Weise ausgebildet wurden. Der Atlantier hatte noch nicht die Urteilskraft entwickelt; in Indien hatte man schon Urteilskraft, aber man liebte sozusagen das, was man überwunden hatte, und man wußte es wieder hervorzurufen, das Bewußtsein herabzudämpfen und sich wieder zu erinnern an das, was man früher geschaut hatte. In ihren höchsten Repräsentanten hat sich die indische Kultur das noch bewahrt. Der Inder suchte sein Bewußtsein nicht zu erhöhen, sondern es traumhaft herabzudämpfen; daher das Untätige des indischen Wesens. Und es wäre ein grober Nachteil, sogar schädlich, wenn in höherem Grade das indische Leben die heutige Kultur ergriffe.
[ 17 ] In der ersten Zeit hatten die Menschen überhaupt noch keine Mineralien gesehen; der Atlantier sah durchaus noch die Mineralien am undeutlichsten. Für ihn war die Geisterwelt da in seinen Visionen; sie war es, die in allem lebte. Er sah den Menschen umschrieben in Farben, in sympathischen Farben, wenn er ihm sympathisch war. Solch eine Welt suchte sich der Inder wieder hervorzuzaubern. Aber gerade darin besteht der menschliche Fortschritt, daß der Mensch immer mehr ein Verhältnis gewinnen muß zu dem, was hier in der Welt der Stofflichkeit vorhanden ist. Die Atlantier brauchten noch keine Werkzeuge; sie orientierten sich durch ihre Seherkraft; sie maßen den physischen Werkzeugen keine Bedeutung zu. Der Inder ist darin noch ein Nachzügler der Atlantier; daher ist ihm die physische Welt Maja, eine Art von Täuschung, von Lüge. Er hat nichts übrig für die Welt der äußeren Sinne. Er sagt: Erhebe dich zu der Welt des traumhaft Geistigen.
[ 18 ] Der Fortschritt von diesem Indertum zu einer späteren Zeit bestand darin, daß in dem nächsten Kulturkreis, dem persischen, der noch vor Zarathustra liegt, die Menschheit zuerst schätzen lernte, was äußere Wirklichkeit ist. Das war eine zweite Kolonie, die von Gobi ausging, die ein urfernes Reich in Vorderasien begründete, aus dem das Reich des Zarathustra hervorging. Der Perser wird gewahr, daß es hier eine Welt gibt, in der er zu wirken hat. Das Göttliche erscheint ihm als etwas, mit dem er sich verbinden muß. Zwei Gottheiten stehen da vor seiner Seele: Ormuzd und Ahriman. Die Materie erscheint ihm noch als etwas, das er zu überwinden hat, woran er seine Kräfte messen muß. Aus der geistigen Welt nimmt er noch die Kräfte, die er braucht, um hier in dieser Welt zu arbeiten. Die Welt erscheint ihm als etwas Finsteres, das mit Hilfe des Lichtes des Guten umgewandelt werden muß. — Der Inder gründete eine Wissenschaft der bloß geistigen Welt, die ihm aber nichts sagte über die äußere Wirklichkeit. Beim Perser ist die äußere Wirklichkeit etwas anderes, das stetig durch Arbeit umgewandelt werden muß.
[ 19 ] Die dritte Kolonie, die von Gobi ausging, zog weiter nach Vorderasien und gründete den chaldäisch-babylonisch-ägyptischen Kulturkreis. Diese Völker haben neben der früheren Wissenschaft des Geistes jetzt schon eine Wissenschaft der irdischen Welt. Bei den Agyptern entstand eine Astrologie, eine Geometrie, durch die sie lernten, wie man die Erde behandelt und bebaut. Die Wissenschaft dehnte sich aus auf das, was der alte Inder noch als die Welt der Täuschung bezeichnete. Jetzt ist die Welt der Täuschung eine Welt des schärfsten Nachdenkens, sinnlichen Nachdenkens. Wenn der Inder sich in die Sternenwelt vertiefte, war sie ihm nur der Ausdruck des Geistigen. Der Chaldäer aber hatte eine Liebe für die körperliche Welt; sie war ihm das Glied der Gottheit, wo hinein man sich arbeitet, wo hinein man sich vertieft. Und dieses Hineinarbeiten vom Göttlichen in das Sinnliche, das sehen wir in der babylonisch-assyrischen Kultur.
[ 20 ] Wir gelangen nun dazu, den vierten Kulturkreis zu betrachten, den wir den griechisch-lateinischen nennen. Da ist der Mensch selbst für die äußere Betrachtung schon gewonnen. Bei den Ägyptern wußte man bereits, daß die Welt kein Chaos ist, sondern sinnvoll erbaut durch unermeßliche Zeitenläufe hindurch. Die Sphinx und die Pyramide drücken große kosmische Wahrheiten aus. Sein Wissen davon geheimnißte der alte Ägypter in das Bild hinein; er schuf die Sphinx, die wie ein Rätsel der Entwickelung vor uns steht: der Entwickelung des höheren Menschlichen aus den früheren tierischen Zuständen. Das war für den Ägypter die Weisheit, die er auf seine Art in die Welt hinein aussprach. Und eine Maßausrechnung können Sie bei ihm finden, die vom Himmel heruntergeholt ist. Die Städte waren so eingerichtet, daß der Ägypter in ihrem Bau eine heilige Ordnung zum Ausdruck brachte, die ihm vorgeschrieben war; ein Abbild der Ordnung des Himmels versuchte der Ägypter da zu geben. Aber das Individuell-Menschliche war noch nicht darin begriffen. Das sehen Sie erst in der griechischen Kunst erblühen, wo der Mensch sich bereits erfaßt als unmittelbare Wirklichkeit und wo er ein Ebenbild seiner selbst im Raume schaffen will.
[ 21 ] Immer vertrauter macht sich der Mensch mit dem, was der Inder als Maja bezeichnete. Der Mensch tritt sich selbst entgegen. Er schafft eine Welt innerhalb dessen, was der Inder Illusion genannt hat, und er ist sich bewußt , daß er diese Welt ohne Hilfe der Götter schaffen muß. Er verbindet sich immer mehr mit der äußeren Wirklichkeit und schafft aus eigenen Kräften das Göttliche in die äußere Wirklichkeit hinein. Aber wenn Sie die griechische Polis studieren, sehen Sie noch nichts von dem, was Rechtsbegriff ist. Das mußte der Mensch erst begründen im Römischen Reich als römisches Recht, in dem privaten Zusammenleben mit den andern, als römischer Bürger.
[ 22 ] So gelangt der Mensch immer mehr zum Verständnis dessen, was sich hier in der äußeren Wirklichkeit vollzieht.
[ 23 ] Der fünfte Kulturkreis sind wir selbst mit unserer materialistischen Zivilisation. Es ist die Zeit, in welcher der Mensch am tiefsten heruntergestiegen ist in die äußere Welt. Vergleichen Sie unsere Zeit mit den früheren: Wohl wissen wir die Kräfte der geistigen Welt anzuwenden auf unsere äußere Umgebung; überall tragen wir die geistige Welt hinein. Aber vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus hat das eine eigentümliche Perspektive. Erinnern Sie sich an die Zeit, in der der Mensch sich noch zwischen zwei Steinen das Mehl gemahlen hat. Er verwendet wenig Geisteskräfte darauf. Aber im alten Ägypten und Chaldäa vertiefte er sich in die Himmelsweisheit; viel ist ihm da noch gesagt worden über den geistigen Sinn des Sternenhimmels und der Erde selber. Der Grieche schuf noch hinein in diese Welt der Wirklichkeit die idealisierte Menschengestalt.
[ 24 ] Und wie ist das Bild unserer Zeit? Viel geistige Kraft wird da angewendet, um unsere Naturwissenschaft mit ihren technischen Anwendungen hervorzubringen. Aber wie groß ist denn der Unterschied, ob Sie sich mit primitiven Mitteln, oder unter Zuhilfenahme von Telephon, Maschinen und so weiter die Nahrungsmittel von Amerika herüberschaffen, die doch nur dazu dienen, um dasselbe Bedürfnis zu befriedigen, welches auch das Tier hier befriedigt? Versuchen Sie einmal zu prüfen, wieviel von dem Geschaffenen dem Geistesleben dient, und wieviel Geisteskraft gebraucht wird für das materielle Leben. Welch ungeheure Geisteskraft muß die Menschheit heute entwickeln, um materielle Bedürfnisse zu befriedigen! Es ist kein großer Unterschied, wenn das Tier hingeht und Graß frißt, oder wenn man sich durch allerlei Mittel die Nahrungsmittel von Amerika und Australien herübeschafft. Aber das ist keine abfällige Kritik, das muß so sein. So untertauchen mußte der Mensch in diese Welt. Der Inder sah die Welt noch als Illusion an; der heutige Mensch sieht diese Welt als die einzige Wirklichkeit an. Wir sind am tiefsten heruntergestiegen und haben dadurch die größten Fortschritte gemacht auf dem physischen Plan. Aber dieser Herunterstieg darf auch im geistigen Sinne kein vergeblicher sein!
[ 25 ] Innerhalb unserer Zeit ist ein neues Element aufgetreten, das geradezu hineingepflanzt ist in das erste Drittel der nachatlantischen Zeit: es ist das Aufkommen des Christentums — der bedeutsamste Einschnitt in der Entwickelung der Erde überhaupt. Alles, was früher gewesen ist, ist für den Okkultismus nur Vorbereitung gewesen für das Christentum. Buddha, Hermes und so weiter sind nur prophetische Hindeutungen auf das Christentum, das gerade die Menschheit erheben soll aus der tiefsten Verstrickung in die Materie. Und es wird den Menschen wieder herausheben aus dieser Verstrickung. Jetzt beginnt wiederum der Aufstieg aus der Materie. Und die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, mitzuhelfen an diesem Aufstieg in die geistige Welt hinauf.
[ 26 ] Der nächste Zeitraum unserer nachatlantischen Kultur wird zwar noch mehr Entdeckungen bringen; aber der Mensch wird in der äußeren Welt immer mehr nur die Buchstaben sehen. Ein wahres Christentum wird von der Außenwelt so sprechen, wie wir von dem sprechen, was verdichteter Geist ist, und aus der Materie heraus wird uns der Geist wiederum aufgehen. Nicht werden wir von der Außenwelt sagen, sie sei Illusion, wir werden sie völlig haben und nichts verlieren, und dennoch hinaufsteigen zu geistig Höherem. Und zu dieser Entwickelung wird das Christentum den größten Beitrag zu liefern haben. Schon in dem sechsten Zeitraum wird das, was heute für wenige verkündet wird, imstande sein, große Menschenmassen zu ergreifen und sie mit sich fortzureißen; und damit wird die Menschheit die Einsicht erlangen in die geistige Welt. Was heute Gedanke ist, wird in der Zukunft eine Kraft sein. In der sechsten Kulturperiode werden viele diese Gedankenkraft haben. Was sich heute theosophisches Christentum nennt, wird sich ausbreiten über große Menschenmassen. Immer kräftiger werden diese Gedanken werden; schöpferisch werden sie wirken bis auf die menschliche Gestalt. — Früher hat der menschliche Leib ganz anders ausgesehen als heute; Sie wären erstaunt, wenn ich Ihnen diesen früheren Leib schildern würde. Aber dadurch, daß der Körper noch weich war, hatte das Ich einen viel größeren Einfluß auf dessen Gestaltung. Von dem Einfluß des Willens der Seele auf den menschlichen Leib ist dem Menschen heute nur noch ein ganz spärlicher Rest zurückgeblieben: Wenn Sie einen Schreck erleben, werden Sie bleich, weil der innere Seelenzustand bis ins Blut dringt; die Körperfarbe verändert sich. Aber Sie könnten bei andern Körperzuständen sehen, wie wenig Gewalt nur der Mensch heute über seinen Körper hat. Beim Aufstieg wird das wiederum anders werden; der Körper wird sich immer weicher und weicher gestalten, und der Mensch wird wieder seinen Einfluß auf den Leib gewinnen, wenn er in sich immer kräftiger die Gedanken werden läßt, die heute erst spärlich auftreten; die werden dann den Körper selbst umgestalten können. Der Mensch wird wiederum seinen Körper selbst bilden können, allerdings erst in einer sehr fernen Zukunft.
[ 27 ] Die Geschlechtlichkeit wurde dem Menschen erst aufgedrückt während der lemurischen Zeit; vorher war er ein zweigeschlechtliches Wesen, männlich und weiblich zugleich. Mit der Eingliederung des Ich zerfällt der Mensch in zwei Geschlechter. Diesen Moment werden wir noch genauer kennenlernen, wenn wir den Gang des menschlichen Blutes näher beleuchten werden. Dann werden wir auf dieses Problem der Geschlechterteilung zu sprechen kommen, und auch darauf, daß das, was heute Geschlechtertrennung ist, wiederum verschwinden wird.
[ 28 ] So blicken wir auf eine Zukunft hin, in welcher der Mensch wiederum ganz anders auf den Leib zurück wird wirken können.
[ 29 ] Was ist es zum Beispiel, wenn dem Menschen die Schamröte ins Gesicht steigt? Was ist denn das? Ein letzter Rest von dem, was der Mensch früher als Einfluß auf seinen Leib hatte. Immer mehr wird der Mensch wieder bewußt in seinen Leib hineinarbeiten können. Und dann wird die Zeit kommen, wo der Mensch fähig sein wird, seinen Herzmuskel zu einem willkürlichen Muskel zu machen. Die Wissenschaft stellt Ihnen das Herz so dar, als ob es ein bloßer physischer Apparat, eine Pumpe sei. Aber das Blut strömt nicht nur durch den Leib, weil das Herz das Blut durchpumpt, sondern alles, was im Blute ist, hängt von der Seele ab. Das Blut pulsiert unter den verschiedenen Gefühlen schneller oder langsamer, und das Blut ist es, das die Herzbewegung hervorruft. Aber in der Zukunft wird der Mensch einen bewußten Einfluß auf das Herz gewinnen; daher ist das Herz ein Organ, das heute erst im Anfange seiner Entwickelung steht. Ein Muskel der geistigen Entwickelung ist das Herz, ein Organ, durch das der höher gestiegene Mensch sich zu seinem Ausdruck bringt und dadurch auf seinen ganzen übrigen Körper schöpferisch wirkt.
[ 30 ] Das Herz ist erst im Anfange seiner Entwickelung; daher ist es auch für die materialistische Wissenschaft ein Kreuz. Die materialistische Wissenschaft sagt Ihnen: Alle Muskeln, mit denen Sie sich bewegen, sind quergestreifte Muskeln; alle die Muskeln, die unwillkürlich sind, zum Beispiel die, die mit dem Verdauungssystem zusammenhängen, sind langgestreift. Das Herz ist nun ein eigentümliches Organ, welches diese ganze Rechnung auf den Kopf stellt. Es ist ein unwillkürlicher Muskel, und es hat quergestreifte Muskelfasern: weil es auf dem Wege ist zu einer höheren Entwickelung, darum hat es heute schon quergestreifte Fasern.
[ 31 ] Ich werde Ihnen morgen noch zeigen, wie gewisse Dinge sich aufklären, wenn wir sie im Lichte der Geisteswissenschaft betrachten.
[ 32 ] So wirkt Theosophie lichtverbreitend auf das, was um uns herum ist. Alles, was Materie geworden ist, erlösen wir aus seinem heutigen erstarrten Zustand. Das ist der Erlösungsgedanke in seinem tiefsten Wesen begriffen! Der Mensch hat sich immer höher entwickelt; er ließ dabei immer gewisse Reiche zurück. Er wird mächtig werden, und er wird das, was er zurückgelassen hat, wieder erlösen, und er wird die Erde miterlösen. Er darf sie aber nicht verachten, sondern muß sich mit ihr verbinden, wenn er ihr die Erlösung bringen will.
