Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Mythen und Sagen
Okkulte Zeichen und Symbole
GA 93

21 Oktober 1907 p.m., Berlin

4. Germanische Sagen

[ 1 ] An mehreren Montagen wurde hier im Besant-Zweige versucht, die okkulte Grundlage der germanischen Mythen ein wenig zu charakterisieren, und am letzten Montag dann auch mit einer Erweiterung des ganzen Mythenstoffes begonnen, wie er sich in einem breiten geistigen Gürtel herübererstreckt von Persien durch den Osten von Europa und durch Europa selber. Es würde heute vielleicht nicht angemessen sein, gerade dort fortzufahren, weil viele derjenigen unserer Freunde, die heute anwesend sind, damals nicht anwesend waren. Und so soll versucht werden, den heutigen Vortrag mehr selbständig zu gestalten; es soll versucht werden, ohne die Voraussetzungen der beiden letzten Vorträge, einiges aus dem Kreise der europäischen Mythen im allgemeinen vorzubringen. Dadurch natürlich sind wir heute bei unserer Betrachtung darauf angewiesen, manches sehr aphoristisch zu behandeln.

[ 2 ] Erinnern möchte ich, daß die Zwölfzahl der oberen Götter, die nur die doppelte Sechszahl ist, so wie wir sie das letztemal in den Amshaspands gefunden haben, auch in der germanischen Götterzahl wiederkehrt, jene Götterzahl, die wir vor acht Tagen in ihrer Bedeutung kennengelernt haben. Wir wollen heute nur einzelne Götter, und von diesen nur einzelne Eigenschaften herausheben, um zu zeigen, welches die okkulten Grundlagen solcher Götter und solcher göttlichen Eigenschaften sind. Wir haben die Verwandtschaft der germanischen Mythologie mit der persischen erkannt. Wir haben wiedergefunden, wie in der drüben in Asien entstandenen Mythologie dasselbe dargestellt wird wie in den mitteleuropäischen Mythen. In den Kräften der sechs Amshaspands erkannten wir wieder die zwölf Nervenpaare, die von unserem Haupte ausgehen, und in den achtundzwanzig Izards erkannten wir die Kräfte, die von unserem Rückgrat ausgehen.

[ 3 ] Sie alle wissen, daß in diesen germanischen Götterkreis hineingehört Wotan-Odin als eine Art oberster Gott; ferner haben wir Thor und seine Tochter, die Truth, in ihrer okkulten Bedeutung gezeigt; und wir haben Tyr berührt, der eine Art von Schlachtengottheit, ein Kriegsgott, aber ein sonderbarer Kriegsgott war, und der in gewisser Weise dem südlicheren Mars oder Ares entspricht; er entspricht ihm bis zu dem Grade, daß auch der Dienstag als Tyrstag oder Tiustag diesem Gott geweiht ist. Aber es ist sonderbar, es wird uns von anderen Geistwesen erzählt, die eine gewisse Rolle spielen in den Vorgängen, die sich zwischen den germanischen Göttern abspielen, und es wird da ein merkwürdiger Gott, oder sagen wir eine Götterfamilie, die des Loki, in eine bestimmte Beziehung gerade zu dem Tyr gebracht. Sie wissen - und die okkulte Grundlage ist den Mitgliedern des Besant-Zweiges ausgeführt worden -, daß dieser Loki, der dasteht neben den anderen nordischen Göttern, abstammt von jenen Feuermächten, deren südlichen Ursprung wir charakterisiert haben. Während die nordischen Götter abstammen aus der Verbindung des Feuerelementes von Süden und des kalten nebligen Elementes von Norden, haben wir in Loki einen älteren Gott oder wenigstens einen Sprößling einer älteren Gottheit vor uns, eine Art von Feuergott. Wir können also sagen, jener Loki, der soviel Feindschaft gegenüber den anderen Göttern entwickelt, gehört einem älteren Geschlechte geistiger Wesenheiten an, die die Herrschaft für eine Weile abtreten mußten an solche, zu denen Wotan, Tyr und Thor gehören. Daher hat er ihnen Feindschaft angekündigt und lebt im Kriege mit den Asen, mit jenen Göttern, die erst zur Herrschaft gekommen sind, als die atlantischen Menschen sich herausentwickelten aus den früheren Zuständen und sich herüberentwickelten zu den nachatlantischen Menschen; da haben die Asen ihre Bedeutung. Aus viel früheren Zeiten stammen diejenigen Geistwesenheiten, zu denen Loki gehört. Unter anderen hat dieser Loki von seiner dem Riesengeschlechte entstammenden Gattin Angrboda drei Nachkommen ganz merkwürdiger Art, den Fenriswolf, die Midgardschlange und Hel, die Göttin der Unterwelt. Diese drei Wesen, die also zurückverfolgt werden können bis in die früheren Zeiten, müssen von den neuen Göttern, den Asen, erst gebändigt werden, damit sich die neuen Bewußtseinszustände in der Menschheit entwickeln können. Die Midgardschlange wird bekanntlich dadurch gebändigt, daß sie in das Meer hinuntergewiesen und um die Kontinente herumgelegt wird, so daß sie sich in den Schwanz beißt und nichts vermag für die Zeit, während welcher die neuen Götter, die Asen, herrschen, die die früheren Götter abgelöst haben. Der Fenriswolf wird durch allerlei Mittel gebändigt und gefesselt, aber gerade dadurch kommt eine gewisse Beziehung heraus zwischen dem Gott Tyr, dem herrischen Kriegs- oder Schlachtengott, und seiner Familie und Loki. Der Gott Tyr muß eine Hand dem Fenriswolf in den Rachen hineinstecken, damit dieser sich fesseln läßt, und verliert dadurch seine rechte Hand. Das ist ein sehr bemerkenswerter Zug der germanischen Mythe, der nur aus dem Okkultismus heraus verstanden werden kann. Wir wollen nachher einmal diese Hand des Tyr aufsuchen und wollen sehen, wo sie eigentlich steckt. Die Hel aber wurde in die Unterwelt nach Niflheim oder Nebelheim verwiesen, wo zu ihr kommen müssen alle diejenigen, die nicht auf dem Schlachtfelde gefallen sind. Diejenigen, die auf dem Schlachtfeld fallen, werden mit dem Göttergeschlecht vereinigt; ihnen erscheint mit dem Tode die Walküre und bringt sie hinauf zu den Asen selber. Sie haben einen ehrenvollen Tod. Anders geht es denen, die den sogenannten $trohtod gestorben sind, die einer Krankheit oder der Altersschwäche zum Opfer gefallen sind; sie müssen hinunter in das Reich der Hel, bei welcher Sorgen, Entbehrung, Hunger und Qual herrschen. Die Toten also, die den Strohtod gestorben sind, waren nicht zu brauchen für das Reich der Asen, sie wurden zu Hel verwiesen, damit es Ruhe gibt während der Herrschaft der Asen. Auf diese Weise sind die Kinder des Loki von der Herrschaft der Asen abgesperrt worden. Loki selber aber wurde von den Göttern überlistet und gefangen, als er sich in einen Lachs verwandelt hatte. Er wurde an drei Felsplatten geschmiedet und erlitt große Qualen.

[ 4 ] Alle diese Sagen gewinnen eine besondere Färbung dadurch, daß über all dieses Götterdasein der Asen ein merkwürdiger tragischer Zug ausgegossen ist, von dem wir öfter gesprochen haben. Diejenigen, die die Vorträge über die nordische Mythologie gehört haben, wissen, daß in den Einweihungsstätten der nordischen Mysterien dieser tragische Zug durchaus gewaltet hat. Er wurde auch in die Göttersagen hineinverpflanzt. In steter Sorge vor ihrem Untergang leben die nordischen Götter, die Asen, denn sie wissen, daß einstmals ihr Reich zu Ende gehen wird. Immer tritt uns da ein tragischer Zug entgegen, der uns sagt, warum dieses Reich zu Ende gehen wird. Dieser tragische Zug ist der, daß seit dem Beginn von Krieg und Unfrieden auf der Erde die Keime gelegt sind zu dem, was einstmals der große verheerende Weltenbrand sein wird, wo sich alles wieder losmachen wird, was die Götter einst gefesselt hatten, wo der Fenriswolf, die Midgardschlange und Loki selbst befreit sein und den Asen den Untergang bereiten werden. Ein besonders hervorragender Geist aus dem Feuergebiete wird kommen, Sutur, und seiner Macht werden die Asen weichen müssen. Die Götterdämmerung wird da sein, und aus dem Weltenbrande des Alten wird die neue Welt erstehen. Wiederum ein merkwürdiger Zug ist es, den uns die Sage mitteilt: Wenn der Fenriswolf los sein wird, wird er den Rachen so weit aufsperren, daß der Oberkiefer bis in den Himmel ragt und der Unterkiefer in der Erde stecken wird; sein Hauch wird die ganze Welt verbrennen.

[ 5 ] Diese Sagenwelt kennen Sie alle. Und diese Züge, die wir eben angeführt haben, wollen wir jetzt einmal ihrer okkulten Grundlage nach betrachten. Dabei werden wir uns noch einmal erinnern der Tatsache, daß die Asen, jene Götter also, zu denen Wotan, Tyr und Thor gehören, ihre Herrschaft angetreten haben, weltbeherrschende Mächte geworden sind, nachdem der Mensch in der spätatlantischen Zeit den Übergang gefunden hat von einem früheren hellseherischen Bewußtseinszustand, wo er noch hat hineinsehen können in die geistige Welt, zu dem nachatlantischen Zustand, wo er nur mehr in der Sinnenwelt, in der Welt der äußerlich, physisch sichtbaren Tatsachen war. Wir wissen, daß gerade an dem Punkte der Erde, wo sich Wärme und Kälte berührt haben, sich das erste Häuflein Menschen gebildet hat, das nach Osten hinüber gezogen ist und die nachatlantische Kultur begründet hat. Wir wissen, daß die alte Atlantis ein Land war, in welchem die Luft noch ganz erfüllt war von Dunstund Nebelmassen, von weit ausgebreiteten Wasserdämpfen. Wenn wir die ersten Zeiten der Atlantis durchforschen würden, so würden wir zwei Regionen erkennen: im Norden dichte kühlere Wasserdämpfe und von Süden heraufsteigend heiße Wasserdämpfe. Die Atlantier hatten eine ganz besondere Erinnerung an diese Zeit. Das tritt uns entgegen in dem Teil der Sage, der darauf anspielt, daß das kalte Nordische zusammengestoßen ist mit dem heißen Südlichen. Durch diesen Ausgleich der Kräfte konnte, wie ich gezeigt habe, jene Atmosphäre entstehen, aus der sich herauserhoben hat dasjenige, was die nachatlantische Geistigkeit wurde. Dasjenige, was die alten Atlantier hatten, die geistige Wahrnehmung, das ist von den Menschen gewichen; es ist zu den Göttern gekommen. Die Götter haben natürlich das alte Hellsehen bewahrt, aber sie können nur mehr von außen zu den Menschen sprechen und auf sie wirken, weil die Menschen selber ja kein Hellsehen mehr hatten. Was die Menschen früher selbst gehabt haben, das Hellsehen, das schrieben sie jetzt nur noch den Göttern zu, die fern von ihnen, über ihnen wohnen.

[ 6 ] Erinnern wir uns nun, wie nach und nach die schweren Nebelmassen der alten Atlantis heruntergezogen sind, wie die Atlantis durch große Wassermassen überflutet worden ist, und wie nach und nach das Physische heraustrat aus der sich reinigenden Luft. Erinnern wir uns, wie nun das entstand, was es vorher niemals gegeben hat, was erst entstehen konnte, als die Regengüsse herunterströmten und allmählich die Luft klar wurde: es erhob sich der Regenbogen. Der Regenbogen war eine Erscheinung, die die Menschen zum ersten Mal sahen mit dem Untergang der Atlantis. Indem dahinschwand das alte Hellsehen der Menschen, sahen sie zum ersten Mal aufsteigen den Regenbogen, der die Brücke bilden mußte zwischen ihnen und den Göttern. Das ist die Brücke Bifröst. Alles das haben die Menschen wirklich gesehen, und in den Sagen ist nur wiedergegeben, was sie gesehen haben.

[ 7 ] Was haben die Menschen nun dadurch verloren, daß dies startgefunden hat? Sie haben dasjenige verloren, was ihnen früher die Wasser der Weisheit ringsherum gegeben haben. Als noch die Wasser die Luft erfüllten, da raunten sie den Menschen Weisheit zu. Das Rieseln der Quellen, das Rauschen des Windes, das Plätschern der Wellen — das alles raunte ihnen Weisheit zu. Das alles verstanden die Menschen, alles war ihnen eine Sprache der geistigen Wesenheiten, und das war jetzt wie hinuntergesunken ins Meer, in die Flüsse. Das war eine andere geistige Welt gewesen als die Welt der Asen; das war eine Welt, die in sich noch enthalten hatte die letzten Überreste der menschlichen Herkunft aus dem Geistigen. Hinuntergesunken war alles dasjenige, was die Luft erfüllt hatte, ins Meer. Die Weisheit war heruntergesunken mit den Wassern. Das ist eine wirkliche Tatsache. In den Wassern, die um die Kontinente herumgeschlungen waren und die sich berührten, sahen die alten Vorfahren der mitteleuropäischen Bevölkerung die Midgardschlange. Sie bewahrte die heruntergesunkene alte Weisheit, die die Menschen früher besessen hatten, und die sie jetzt nicht mehr besitzen konnten. Die Kraft des Hellsehens mußte bei den Menschen verschwinden. Niemals hätten die Götter von außen regieren können, solange die Menschen selber noch hellsehend waren. Die Midgardschlange, eine Tochter der Feuergewalten, mußte hinuntergestoßen werden ins Meer.

[ 8 ] Der letzte Abkömmling dieser Feuergewalten war Loki. Loki war der Feind der Götter. Er hatte den Menschen gegeben, was noch ihr letztes Hellsehen war: die Midgardschlange, die jetzt gefesselt war. Aber noch etwas hat Loki den Menschen gegeben, noch etwas kam von dem alten ursprünglichen Feuer-Anfange des Menschengeschlechtes im Lande der Lemurier, was sich allerdings erst entwickeln konnte im Lande der Atlantier. Was hatte sich da nach und nach entwickelt, als die Menschen sich vom Hellsehen zum Verstande entwickelten? Die Sprache! Wir haben oft darüber gesprochen. Während der Mensch allmählich den aufrechten Gang lernte - das war in der atlantischen Zeit -, da hat sich auch die Sprache entwickelt, nach und nach hat sie sich entwickelt, so daß sie erst am Ende der atlantischen Zeit fertig war. Als die Atlantier mit dem gut entwickelten Verstande nach dem Osten zogen, da war schon die Sprache entwickelt. Aber diese Sprache war, solange sie die Sprache der Atlantier war, eine einheitliche Sprache, die sich gerichtet hat nach den einheitlichen Lauten der Sprache der Natur selber. Sie war die Nachahmung dessen, was die Atlantier während der Zeit des Hellsehens und Hellhörens herausgehört haben aus den rieselnden Quellen, den brausenden Winden, dem Rauschen der Bäume, dem Rollen des Donners, dem Plätschern der Wellen. Diese Laute haben sie umgesetzt in ihre Sprache, und das war die gemeinsame Sprache der Atlantier. Erst in der nachatlantischen Zeit gliederte und entwickelte sich das, was man den Unterschied nennen kann zwischen den einzelnen Sprachen und Idiomen, den Elementen der verschiedenen Sprachen. Die alte atlantische Sprache, welche aus den Elementen der Natur entnommen war, von jenen Gewalten, mit denen Loki so innig verwoben ist, sie mußte andere Formen annehmen, als jetzt die Asen Herrscher wurden und die Menschen sich in Völker und Stämme teilten. Durch die Trennung der Menschen nach Völkerstämmen und den Kampf der einzelnen Stämme untereinander kam das, was man den Krieg nennt. Um was wurde dieser Krieg geführt? Warum kam er? Dem Menschen wurde durch die Sprache für seine Entwickelung etwas gegeben, wodurch er seine innersten Gefühle nach außen kehren kann. Vom okkulten Standpunkte aus ist das einer der wichtigsten Fortschritte in der Evolution, wenn die Seele dazu kommt, in Tönen ihre eigenen Schmerzen, ihre Freude und Lust nach außen tönen zu lassen. Die Sprache, wenn sie von innen aus artikuliert wird, wenn sie die Seele erklingen läßt, ist etwas, was dem Menschen eine mächtig wirkende Gewalt gibt. Diese Gewalt mußte niedergezwungen werden von den Asen, sonst hätten sie nicht herrschen können. Wodurch zwangen die Asen die alte einheitliche Sprache nieder? Das taten sie dadurch, daß sie die Menschen in verschiedene Stämme und damit in verschiedene Zungen spalteten. Eine gewaltige Macht war die Ungeteiltheit der Sprache - der Fenriswolf. Damit diese Macht sich nicht geltend machen konnte auf dem Schauplatze der Asen, mußten die Asen den Fenriswolf bezähmen, das heißt, sie mußten die Sprache zerstückeln, sie mußten die Sprache verschieden machen, damit sie die Menschen beherrschen konnten. Dadurch schufen sie den Krieg. Der Krieg hängt zusammen mit dieser Verschiedenheit der Sprachen. Aber eiines war notwendig, damit die Asen Herrscher werden konnten: Der Kriegsgott mußte seine Hand hineinstecken in den Rachen des Fenriswolfes, und er mußte seine Hand dabei lassen. Die Hand des Tyr, des Kriegsgottes, steckt als Zunge im Rachen des Fenriswolfes. Es ist die menschliche Zunge, die die verschiedenen Sprachen bewirkt. Die menschliche Zunge mußte sich so formen, daß die alte Einheit der Sprache verlorenging. Es ist die Individualisierung der Sprache, die in dieser tiefen Mythe vom Fenriswolf angedeutet ist. Jegliches Organ wird in der Mythe in irgendeiner Weise mit den-Einflüssen der Götter von außen zusammengebracht. Hier haben Sie das Organ der Zunge und die Art, wie bildlich ausgedrückt wird die fortschreitende organische Entwickelung der Menschen.

[ 9 ] Noch etwas anderes kam, als die Atlantier allmählich vorbereitet wurden für die spätere nachatlantische Epoche. Es waren ja die einzelnen Bewußtseinszustände des Menschen ganz anders zur Zeit der alten Atlantis als heute. Wir haben schon davon gesprochen, daß noch ein gewisser Grad von Hellsehen vorhanden war; das aber bewirkte, daß der Atlantier nicht den Unterschied zwischen Schlafzustand und Wachzustand kannte, wie wir ihn heute kennen. Der grofe Unterschied zwischen Schlafzustand und Wachzustand ist eigentlich erst in der nachatlantischen Zeit entstanden. Natürlich bereitete sich das langsam vor, aber die Vorbereitung gab nur die Anlage zu dem, was der Wechsel zwischen Wachen und Schlafen in der nachatlantischen Zeit bedeutete.

[ 10 ] Der alte Atlantier träumte am Tage und träumte in der Nacht. Die Träume der Nacht entsprachen mehr der Wirklichkeit als die Träume des heutigen Menschen. Und die Träume des Tages waren ein wirkliches Wahrnehmen der geistigen Welt, die um den atlantischen Menschen herum lebte, namentlich in der ersten Zeit der Atlantis. Dadurch aber, daß dieser strenge Wechsel eingetreten ist zwischen dem wachen Tagesbewußtsein und dem vollständig bewußtlosen Schlafzustand, gewann eigentlich erst das seine volle Bedeutung, was zusammenhängt mit der Beziehung des astralischen _ Leibes zu den anderen Leibern. Die menschlichen Krankheiten in ihrer heutigen Form gewannen erst ihre Bedeutung in der nachatlantischen Zeit. In der ersten atlantischen Zeit gab es diese Krankheiten noch nicht; dann wurde es nach und nach ärger und ärger mit den Krankheiten, die die Menschen bekamen. Sie wissen ja alle, welchen gesundenden Einfluß der astralische Leib ausübt, wenn er während des Schlafes außerhalb des physischen Leibes ist. Nun war zwar der Astralleib während der atlantischen Zeit nicht mehr ganz außerhalb, aber er war doch zum größten Teil mehr draußen als beim heutigen Menschen, daher konnte er auch noch fortwährend seinen gesundenden Einfluß ausüben. Gerade durch das Eindringen des Astralleibes in den Ätherleib und den physischen Leib kamen ganz neue, andere Verhältnisse zwischen dem Astralleib, dem Ätherleib und dem physischen Leib zustande, und dadurch wurden die Krankheiten erzeugt, die wir heute kennen. Die Krankheiten gewannen ihre Bedeutung erst, als der Astralleib nicht mehr auch bei Tage am physischen Leib arbeiten konnte.

[ 11 ] Wieder ist das in der Mythe ausgedrückt. Nur wer auf dem Schlachtfelde fällt, stirbt so, daß er nicht den Mächten der Unterwelt verfällt; er ist noch zugehörig den höheren Mächten, er darf hinauf zu den Göttern nach Walhall. Die anderen aber, die den Mächten der Krankheiten unterliegen, sie müssen hinunter zur Hel, die auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weiß ist, was ja deutlich den Wechsel zwischen den Bewußtseinszuständen des Tages und der Nacht ausdrückt. Damit retten sich die Asen, daß sie nur diejenigen mit hinaufnehmen, die durch den Tod auf dem Schlachtfelde sich mit der astralischen Welt vereinigen können, während die anderen hinuntergehen müssen zur Hel, welche sie führt in ihre Reiche. Das ist ein tiefer Zug der nordischen Sage, und auch dieser Zug ist durchaus aus den Tatsachen heraus genommen.

[ 12 ] Nun ist in allen Sagen, welchen der Okkultismus zugrundeliegt und alle wirklich großen Sagen sind ja aus den Geheimschulen hervorgegangen -, immer auch Prophetie enthalten. Wir haben auch hier einen Hinweis auf einen zukünftigen Zustand in der Menschheits- und Erdenentwickelung. Nur eine Zeitlang wird der Mensch damit behaftet sein, daß er nur die äußere Sinneseswelt sieht. Selbständig wird er wiederum aufsteigen zu derjenigen Anschauung, welche er ursprünglich hatte. Hellsehend war er in ferner Vergangenheit, heruntersteigen mußte er zur physischen Wahrnehmung, um selbstbewußt zu werden, und er wird wieder hinaufsteigen zu hellseherischem Schauen. Merkwürdig stimmt das mit der ganzen Konstitution des Menschen überein. Sie wissen ja - wenigstens diejenigen von Ihnen, welche die früheren Vorträge mitgemacht haben -, Sie wissen, daß die Sage die Begabung mit dem Nervensystem, überhaupt mit der Fähigkeit, die äußeren Dinge so wahrzunehmen, wie sie der heutige Mensch wahrnimmt, zuschreibt dem Einströmen der göttlichen Mächte durch die Tore der Sinne. Sie haben in Ihren Sinnen nun aber einen ganz merkwürdigen Unterschied, der hier in der Sage in grandioser Weise wiederkehrt. Wenn Sie den Sinn des Gehörs nehmen: sein Werkzeug ist ein einzelnes Organ, er ist lokalisiert im Ohr; wenn Sie den Sinn des Gesichtes nehmen: sein Werkzeug, sein Organ ist lokalisiert im Auge; wenn Sie den Sinn des Geruches nehmen: sein Werkzeug ist lokalisiert in den Schleimhäuten der Nase; der Geschmack ist in der Zunge und im Gaumen lokalisiert. Nun nehmen wir aber den Gefühlssinn, den Sinn für Wärme; wo ist denn dieser lokalisiert? Er ist über den ganzen Leib ausgedehnt. Er unterscheidet sich ganz wesentlich von den anderen, lokalisierten Sinnen. Das, wodurch der Mensch die Wärme wahrnimmt, ist merkwürdig unterschieden von den anderen Sinneswerkzeugen.

[ 13 ] Nehmen wir diesen Sinn der Sage, daß durch die einzelnen menschlichen Sinnesorgane einziehen die Gewalten der Götter. Da müssen wir uns sagen: Die Gewalten, die leben in der Tonwelt, ziehen ein in den Menschen durch das Ohr; die Gewalten, die leben in der Lichtwelt, ziehen ein durch das Auge, und so weiter. Aber die Gewalten, die in der alles belebenden und durchdringenden Wärme leben, sie erfüllen den ganzen Menschen, sie haben den ganzen Menschen zu ihrem Organ, das sie wahrnimmt. Als der Mensch hervorging aus dem Schoße der Gottheit am Anfange seiner Entwickelung, da war das ganz anders. Da hatte der Mensch noch keine Sinne zum Wahrnehmen der Umwelt. Zuerst bildete sich bei ihm aus jenes eigentümliche Gefühlsorgan, das man zu Unrecht ein Auge nennen würde, jenes Organ bildete sich aus den Ausstrahlungen und Einströmungen in die oberen Schichten seines Wesens. Dieses Organ war eine Fortsetzung des Menschen nach außen; Sie können heute noch beim Kinde die weiche Stelle in der Schädeldecke fühlen, wo dieses Organ herausragte, gleichsam das Loch, das offen war, wo diese Strömungen einzogen. Dieses Organ war damals der lokalisierte Wärmesinn, der jetzt über den ganzen Körper des Menschen verbreitet ist. Der Mensch hatte dieses Organ im alten Lemurien, dem heißen Feuerlande. Er konnte es benützen, es kündigte ihm an, wohin er gehen konnte, er konnte damit fühlen, ob ihm die Temperatur zuträglich war oder nicht. Heute ist dieses Organ zusammengeschrumpft und zur Zirbeldrüse geworden. In der Zukunft wird das, was heute ausgebreitet ist über den ganzen Leib, auf einer höheren Stufe wiederum umgewandelt erscheinen, es wird lokalisiert sein in einem bestimmten anderen Organ.

[ 14 ] Sie sehen das in der Mythe ausgedrückt durch die Herrschaft des Sutur in der Region des Südens, in Lemuria. Die Gewalt des Feuers ist repräsentiert durch Sutur. Sie sehen in der Mythe angedeutet, wie Sutur unter die Herrschaft der anderen Götter, der Asen, kommt, deren Gewalt in den Menschen einströmt durch die lokalisierten Sinne. Doch Sutur wird wiederkommen und herrschen an der Stelle der Asen. Der Mensch wird zurückkommen zu den Urgewalten des Feuers, und der Wärmesinn wird nicht mehr ausgebreitet sein über den ganzen Leib, sondern wiederum lokalisiert sein in einem Organ. Wunderbar gibt die Sage das wieder, was auch den Tatsachen entspricht, die wir durch die Geisteswissenschaft kennen. Was der Mensch zurückbehalten hat von jener alten Feuerwelt, von jener Feuer- und Wärmeumgebung, die er mit seinen alten Organen wahrgenommen hat, was ist es? Es ist nicht der Sutur selber. Denn um dieses Gebiet zu beleben, in dem der Sutur war, brauchte der Mensch sein altes Organ, das Gefühlsorgan, das wie eine Laterne von seinem Kopfe herausragte. Es ist jener «Nachkomme» des alten Gefühlssinnes, der die Schicksale des ganzen menschlichen Leibes erleben muß, der ganz mit dem Schicksal des Menschen verwoben ist, und das ist der Sohn des Sutur, Loki. Loki ist gefesselt an den dreifachen Felsen des menschlichen Hauptes, des menschlichen Rumpfes und der menschlichen Glieder, so daß er sich nicht rühren kann und deshalb allen menschlichen Qualen und Leiden ausgesetzt ist.

[ 15 ] Das führt Sie noch tiefer hinein in diese Welt der germanischen Mythen, die von einer schier undurchdringlichen Tiefe sind. Man muß wirklich sehr tief schürfen, um zu durchschauen, welcher Art zum Beispiel der Enthusiasmus war, der einen Künstler wie Richard Wagner ergriff und zu seinem Schaffen trieb. Niemals soll behauptet werden, daß Richard Wagner etwa die einzelnen Sagen in einer solchen Weise hätte spezifizieren können, wie es durch den Okkultismus geschieht. Aber die geistigen Mächte, die hinter ihm standen und ihn inspirierten, die lenkten und leiteten seine künstlerischen Inspirationen so, daß seine Kunst der schönste Ausdruck wurde für das, was der Mythe zugrundeliegt. Das ist das Große, daß man an dem Kunstwerk nicht sieht, was dahintersteht, alles ist ausgeflossen in Ton und Wort. Ein merkwürdiger Instinkt - wenn man es trivial benennen will, sonst müßte man es künstlerische Inspiration nennen - waltet in Richard Wagner. Es war wie ein geistiges Hören jener alten Sprachweisen, die in ihm aufstiegen. Er empfand jene ältesten Sprachweisen sehr gut und [das veranlaßte ihn], nicht in dem Endreim zu bleiben, denn der gehört einer späteren Stufe, einer Verstandesstufe an, sondern jene Stufe der Sprachentwickelung zu wählen, die ein Nachklang ist der dahinrauschenden Wogen, die herausplätscherten aus dem Nebel der alten Atlantis: das ist die Alliteration, der Stabreim, der für den, der es empfinden kann, wiederholt im Ton, was die Musik der Wellen genannt werden kann.

[ 16 ] In der germanischen Sage wird prophezeit, daß die Götterdämmerung heraufkommen muß, weil das entstanden ist, was die Kriege sind. Weil Tyr eine Hand verloren hat im Rachen des Woltfes, entwickelten sich die Keime zum späteren Untergang der Götter. Auf den Zustand, wo die Menschen sich wiederum verstehen werden, wo sie nicht mehr durch Sprachen getrennt sein werden, weist der prophetische Ausblick der germanischen Sage von der Götterdämmerung hin. Es spricht uns die Sage davon, daß, nachdem die atlantiische Bevölkerung nach Osten gezogen war, sie sich zerspaltete und zersplitterte. Etwas von der alten Atlantis haben sich nur jene Völkerschaften bewahrt, die von der mongolischen Rasse abstammen, und die unter Etzel oder Attila - Atli, dem Atlantier - herübergekommen sind. Sie haben sich einzig und allein das Lebenselement der Atlantier bewahrt, während die anderen Völkerschaften, die zurückgeblieben waren in Europa, sich durch Spaltung aus der alten Blutsgemeinschaft herausentwickelt haben und in Kriege der einzelnen Stämme untereinander zerfallen sind. So also leben diese Völker im Westen immer in Spaltungen, in Kriegen. Sie können dem Anprall des mongolischen Elementes, das die alten atlantischen Lebensgrundlagen noch bewahrt hat, wenig widerstehen. Der Zug Attilas oder Etzels wird nicht aufgehalten durch die germanischen Stämme, denn die einzelnen Stämme sind etwas, was Attila nicht imponieren kann, der sich seinen alten großen Geist bewahrt hat - eine Art Monotheismus. Das, was sich ihm als einzelne Stämme entgegenstellte, das konnte ihn nicht aufhalten. Ein merkwürdiger Zug in der Sage ist nun, daß Attila sofort zur Umkehr bewogen wird, als ihm dasjenige entgegentrat, was über die Blutsverwandtschaft hinausgeht, als ihm das Christentum entgegentrat, personifiziert in dem damaligen Papste. Da sah Attila die geistigen Gewalten, welche die Menschen wiederum einigen werden, und das ist das, wovor sich der atlantische Eingeweihte beugt. Das Christentum soll vorbereitend sein für jenen Zustand der Menschheit, wo Sutur wieder erscheint und, unabhängig von den Differenzierungen der Menschen in einzelne Stämme, der Welt den Frieden bringen wird. So kam den Menschen der damaligen Zeit das Christentum vor wie eine erste Ankündigung der Götterdämmerung und der Wiederkehr der alten Zeiten, wo die Menschen noch nicht uneinig, nicht durch Kriege gespalten und zerklüftet waren. So empfand man das Christentum insbesondere in den allerersten Jahrhunderten seiner Ausbreitung, als noch nicht das Christentum von Rom her verkündet wurde, sondern als es von Norden und Westen herüberkam durch christliche geheime Gesellschaften, die von England und Irland, später auch von Frankreich ausgingen, und die vollständig unabhängig waren von der äußeren Gewalt Roms. Erst Winfried, Bonifatius war es, der aus der Schar jener westlichen Geheimschüler ausgetreten ist und seinen Frieden mit Rom gemacht hat, wodurch das Christentum dann allmählich die besondere Färbung der römisch-christlichen Kirche hat annehmen können.

[ 17 ] So sehen wir, welche Gewalten bei der Ausbreitung des Christentums hereinwirkten aus der Erinnerung an eine alte Zeit und als prophetische Hindeutung auf eine spätere Zukunft. Was zuerst im Christentum in Mitteleuropa auftrat, das waren die Empfindungsgehalte, die damals in jenen Menschen lebten und die Anschauung jener Menschen erfüllten, die zu den Geheimschulen gehörten, und die aus den Geheimschulen heraus belehrt und befruchtet worden sind.

[ 18 ] Wir wollen einmal eine Weile stillestehen bei dieser Phase der mitteleuropäischen Geistesentwickelung und wollen uns vergegenwärtigen, wie der Zustand Europas damals war, als die alte Götterwelt - die in den germanischen Sagen geschildert ist - nach und nach unterging in der Dämmerung, welche hervorgerufen wurde durch die religiöse Welt des Christentums. Wie einen Vorboten der großen Götterdämmerung empfand man das Heraufkommen des Christentums, jener Götterdämmerung, die dereinst die Gewalten der alten Götter hinwegfegen wird. Das Verblassen der alten Götterwelt brachte das Christentum, den Untergang der alten Götter selbst wird die große Götterdämmerung bringen, die dann als Realität das bringen wird, was das Christentum nur als Glauben brachte. So empfand man.

[ 19 ] Nun versetzen wir uns einmal in diese Stimmung, die da war. Die Stämme der Goten, der Franken und so weiter, sie alle standen einerseits unter dem Eindruck der heranbrausenden Mongolenstämme, des Hunnenkönigs Attila oder Etzel, und auf der anderen Seite unter dem Eindruck des sich allmählich ausbreitenden Christentums. Durch die Ereignisse, die wir charakterisiert haben, waren sie in verschiedene Stämme zerklüftet; sie sprachen in verschiedenen Zungen, sie waren zerfallen untereinander. Im Grunde genommen hat sich von allen diesen Stämmen eigentlich nur einer erhalten, der Frankenstamm; er ist geblieben, dem Namen und der Bedeutung nach. Was erinnert noch an all die Stämme, die da herumgezogen sind, als höchstens die Geschichte: Langobarden, Ost- und Westgoten, Cherusker, Heruler und so weiter? Der Frankenstamm hat eigentlich den Sieg über die anderen Stämme davongetragen. Wie mußte man aber innerhalb derjenigen Stämme empfinden, die dazumal im Aussterben, im Untergang begriffen waren? Gerade in den Geheimschulen und bei den Wissenden dieser aussterbenden Stämme waren diese Empfindungen am allerlebendigsten. Betrachten wir einmal einen solchen Stamm, wie es die Westgoten waren. Im nördlichen Spanien und im südlichen Frankreich hausten sie, wenn sie auch einstmals weit nach Osten hinübergezogen waren - wie Sie wissen, war der Zug nach dem Westen ja nur ein Rückzug. Die Fähigkeiten, die sie hatten, waren noch ein Nachwirken der alten atlantischen Zeit. Als diese Stämme von Osten nach Westen herübergezogen waren, hatten sie während ihrer Wanderschaft die alten Fähigkeiten verloren, aber es lebte noch als ein Nachklingen jener alten Fähigkeiten ein gewisses Hellsehen in den Menschen. Nicht mehr waren diese Menschen durchaus hellsehend, aber in gewissen Zeiten konnten sie noch hineinsehen in die geistigen Welten. Das empfanden sie aber oftmals schon als etwas Unbekanntes, Drückendes, und dafür tauchte der Name «Alp» auf. Alp - was ist das für ein Wesen? Es ist ein astralisches Wesen, das man empfand, aber nicht mehr recht kannte, das man in den atlantischen Zeiten, den Zeiten des alten Schauens und Hellsehens gekannt hatte, und das jetzt wie ein Eindringling in die Welt erschien, wie auch die Truth, die wir das letztemal kennengelernt haben. Dennoch empfanden manche Menschen es als das Hereinblicken einer höheren, der astralischen Welt in die physische. Gerade bei solchen Stämmen, die sich nicht hineinschicken konnten in die neuen Verhältnisse, empfand man, «wenn der Alp kam und drückte», daß man da in die höheren Welten hineinschauen konnte. Bei allen Stämmen, insbesondere bei den Goten, aber auch bei den Burgundern und anderen deutschen Stämmen, gab es immer einzelne - und sie wurden als in Beziehung zu göttlichen Mächten stehend angesehen -, die solchen Ausnahmezuständen standhalten und sie deuten konnten als das Hereinragen der astralischen Welt in die physische. Ein solcher war der Gotenkönig Alphard, der genannt wird in jenen Zeiten, wo die Goten das südliche Frankreich bewohnten. Er war König von Aquitanien und herrschte dort in jener Zeit, als Attila seinen Zug von Osten nach Westen unternahm. Dieses Alphards Sohn war der sagenhafte Walther des Walthariliedes. Es stellt uns so recht den Übergang dar von jener Zeit, wo die Menschen von ihren Vätern her noch etwas wußten von den alten Fähigkeiten und von dem Zusammenhängen der alten Stämme. Wie Stamm und Stämme zusammengehörten in alter Zeit - die Väter wußten es; daher hatte der Vater des Walther, Alphard, längst besprochen mit dem König des Burgunderlandes, daß dessen Tochter Hildegund die Frau des Walther werden sollte, um die drohende Kluft zwischen den Völkern zu überbrücken. Aber die Stämme waren nicht imstande, dem Anprall der Hunnen zu widerstehen, welche noch die alten Lebenskräfte besaßen, die ihnen selbst abhanden gekommen waren. Daher müssen hinunterwandern als Geiseln an den Hof des Hunnenkönigs Etzel: Walther, der Sohn Alphards, Hildegund, die Tochter des Burgunderkönigs, und als Geisel vom Frankenhofe Hagen von Tronje. Weil Gunther, der Sohn des Frankenkönigs Gibich, noch nicht als Geisel gegeben werden konnte, mußte der Sprößling aus dem alten Tronje-Stamm, Hagen, als Geisel gegeben werden. Wir brauchen den Inhalt des Walthariliedes nicht weiter zu erzählen. Am Hofe des Königs Etzel zeichnen sie sich aus als tüchtige Recken, aber eines können sie nicht: sie konnten sich wohl das erobern, was den Menschen zum Ich erhebt, aber das, was die Iche wieder zum Frieden bringt, das konnten sie sich nicht aneignen, das war ihnen unmöglich. Jeder einzelne war an seinem Platze tüchtig, daher sind sie tüchtige Recken selbst im Feindesland, am Hofe des Etzel oder Attila. Als aber Gunther die Herrschaft im Frankenreiche antrat und nicht mehr mit Etzel Freundschaft hielt, da konnten sie nicht mehr standhalten, sie mußten fliehen. Nun tritt etwas höchst Merk würdiges auf. Es gibt eine ältere Fassung des Walthariliedes, da kämpft Walther, nachdem er geflohen ist mit Hildegund, gegen die nacheilenden Hunnen. Diese Fassung stammt aus dem Frankenlande. Wir haben dann noch eine spätere Fassung, von der gestern gesprochen worden ist, die hervorgeht aus rein christlichen Intentionen; sie wurde zuletzt in die Form gebracht im 10. Jahrhundert durch Ekkehard I., Mönch des Klosters von St. Gallen. Beide Fassungen unterscheiden sich wesentlich voneinander. Die ältere Fassung ging hervor aus dem Frankenlande. Sie stammt von solchen, die beeinflußt sind von derjenigen Strömung, in der noch immer als christliche Geheimströmung das ursprüngliche Christentum lebt, das lehren wollte: Wendet euch den neuen Anschauungen zu, und ihr werdet das überwinden, was in euch selbst noch steckt von jenem alten, das euch leibhaftig entgegentritt in den Hunnen. - Dieses. Interesse konnte nur einer haben, der aus dem Frankenstamme kam. Dieses Interesse hatte aber derjenige nicht mehr, der die Sage im Kloster von St. Gallen umdeutete zur Unterweisung für Christen. Er hatte ein anderes Ziel; er wollte den Leuten sagen: Wenn ihr bei den alten Zuständen bleibt, dann werdet ihr euch selber aufzehren. - Er zeigte ihnen anschaulich, wie sie sich selber aufzehren. Und in der Tat, nicht die Hunnen sind es, die sie aufzehren. Als Walther mit Hildegund zurückkommt in ihr Land, ist es Gunther selbst, der ihnen mit Hagen von Tronje entgegentritt. Jetzt sind es die drei Vertreter germanischer Stämme selbst, die sich im Kampfe untereinander zerfleischen, so daß auf dem Schlachtfelde liegenbleiben das Bein des einen, das Auge des anderen und die Hand des dritten. Walther wurde die Hand abgeschlagen, Gunther das Bein, und Hagen verlor ein Auge. Wohl wußte der, der die Sage so niedergeschrieben hat, warum er demjenigen, der von Alphard abstammte, gerade die Hand abschlagen läßt. Ihn stellt er hin als den Repräsentanten für den Zwist der Stämme und Völker untereinander. Das Abschlagen der Hand soll an das erinnern, was dem Kriegsgott Tyr selbst passiert ist. Wo Stämme in Streit geraten, büßt der einzelne die Hand ein. Dieses Motiv wirkt fort bis zu Götz von Berlichingen hinunter, der ja auch seine Hand verliert; es ist derselbe Zug, der in der germanischen Mythe sich zeigt. Also wollte Ekkehard seinen Leuten sagen: Bleibt ihr bei diesen alten Anschauungen, dann zerfleischt ihr euch selber, denn der Zwist ist in euch hineingetragen. Was euch verbinden kann, ist der christliche Geist. - Er stellt ihnen so recht das Bild vor die Seele hin, vor dem sie lernen sollten, Abscheu zu haben. Das war die christliche Intention des Ekkehard.

[ 20 ] Gerade diesem Waltharilied gegenüber muß man sich hüten, irgendwie zu spekulieren oder irgend etwas sonst hineinzulegen. Die einzelnen Züge: Ausschlagen des Auges, Abschlagen der Hand, Abschlagen des Beines und ähnliche Züge sind so, daß in ihnen gleichsam etwas fortwirkt vom Typus und der Form der Sage, und das da wiederkehrt, wo es notwendig erscheint. Mit Recht wurde gestern gesagt, daß es sich bei dem, der dieses Waltharilied geschrieben hat, um einen Eingeweihten handelt. Man muß aber auch betonen, daß es ein christlicher Eingeweihter war, der eine ganz bestimmte christliche Lehre vor die Menschen hinstellen wollte.

[ 21 ] So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft aufhellend wirkt in bezug auf diese Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens, und wie wir hineinleuchten können in Gebiete, die die heutige Philologie noch recht wenig beherrscht. Und wenn Sie heute morgen gesehen haben, in welcher Art und Weise die Geisteswissenschaft in das alltägliche Leben eingreifen kann, und dazu nehmen, was jetzt ausgeführt worden ist, dann werden Ihnen das Beweise sein können für die innere Wahrheit der aus den höheren Welten heruntergeholten geistigen Tatsachen. Unsere Welt braucht wieder eine solche Vertiefung. Aber Sie sehen daraus auch die Art und Weise, wie wir arbeiten müssen, und daß eine äußere Agitation gar nicht das sein kann, was wirklich die theosophische Weltbewegung in das richtige Fahrwasser bringen kann. Wenn man bloß mit Dogmen kommt und diese den Leuten erklären will, dann haben sie ein volles Recht, uns zu sagen, das sei alles Phantasterei. Erst der, welcher tief eindringt in das, was die theosophische Strömung bieten kann, und der von allen Seiten in sie eindringt, wird allmählich die theosophischen Wahrheiten einsehen. Nicht zu wundern brauchen wir uns, wenn Anhänger materialistischer Strömungen das töricht finden, was wir sagen. Wie sollten sie es anders finden? Und wie sollten wir uns dem Wahne hingeben können, daß Theosophie etwas sein könnte, das man, wie den landläufigen Monismus, durch äußere Propaganda ausbreiten könnte? - Nur durch positive Arbeit, durch die Verbreitung der Lehren, so gut wir es können, nur dadurch kann die Theosophie sich einleben. Selbst wenn wir noch so viele Mißerfolge haben, darf uns das gar nicht behindern und in keiner Weise beirren. Daher kann auch die Theosophische Gesellschaft nichts anderes sein als eine Stätte, innerhalb welcher theosophisch gewirkt wird. Die Gesellschaft kann nie und nimmer die Hauptsache sein; die Hauptsache muß unsere Geisteswissenschaft selbst sein. Vielleicht wird die Gesellschaft sogar nur - um das Nietzsche-Wort zu brauchen, das Sie wohl schon gehört haben - eine «Brücke» und ein «Übergang zu einem Höheren» sein, zu einer freien theosophischen Strömung in der Welt. Gegenwärtig aber brauchen wir diese Stätte, von der aus wir wirken können, und ohne die wir die Geisteswissenschaft nicht in die Welt hineinströmen lassen können. Aber wir müssen uns die freie Auffassung aneignen, die den Menschen und die Sache unterscheidet, und die die Sache höher stellt als jegliche aus äußerer Einrichtung kommende Institution.

[ 22 ] Damit sind wir am Ende des Programms unseres Zusammenseins angekommen.