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Mythen und Sagen
Okkulte Zeichen und Symbole
GA 93

28 Oktober 1907, Berlin

5. Germanische und Persische Mythologie

[ 1 ] Wir haben uns an den letzten Abenden unserer Zweigarbeit mit der okkulten Erklärung mitteleuropäischer Sagen und Mythen beschäftigt und haben dabei gesehen, welch tiefe Wahrheiten und Erkenntnisse in diesen Sagen und Mythen enthalten sind. Gerade heute vor vierzehn Tagen, als wir auf die allertiefsten und allerwichtigsten solcher Wahrheiten aufmerksam machen durften, konnten wir einen Blick werfen auf eine verwandte Mythologie, auf die persische, die drüben in Asien entstanden ist, und die durchaus verwandt ist mit dem, was wir auf europäischem Boden als germanische oder ähnliche Mythologien haben. Wir haben gesehen, was sich hinter dem Namen der persischen Amshaspands verbirgt und hinter dem Namen der achtundzwanzig bis einunddreißig Izards. Wir haben die Kräfte, welche von diesen Geistern des astralischen Raumes ausgehen, wiedergefunden in den zwölf Paar Nerven, die von unserem Haupte ausgehen, und in den achtundzwanzig bis einunddreißig Paar Nerven, die von unserem Rückgrat ausgehen.

[ 2 ] In der deutschen Mythe und überhaupt der europäischen Mythe wird uns erzählt, daß die drei Götter Wotan, Wili und We - die auch zuweilen unter anderen Namen auftreten - den Menschen erschufen. Als sie einmal am Meeresstrande gingen, fanden sie dort zwei Bäume, und aus diesen Bäumen, Ask und Embla, schufen sie das erste Menschenpaar. Wotan gab diesen ersten Menschen den Geist und das allgemeine seelische Leben, Wili gab die Gestalt, Verstand und Bewegung, und We gab Antlitz, Sprache, Gehör und Gesicht. Wenn wir dies in der europäischen Mythe hören und uns auch bereits überzeugen konnten von dem tiefen Sinn der sonstigen Mythen, so werden wir gewiß auch in dieser Dreizahl und in der Begabung des Menschen mit verschiedenen Eigenschaften durch die Dreizahl der Götter etwas Tieferes suchen dürfen. Wir werden aber gut daran tun, wenn wir die Menschwerdung, wie sie in der mitteleuropäischen Mythe erzählt wird, anknüpfen an die Form, wie uns die Menschwerdung in der verwandten persischen Mythologie entgegentritt. Da erscheint sie in einen großen Zusammenhang hineingestellt. Dabei kann uns zu gleicher Zeit über die mythenbildende geistige Kraft der Menschen und über die Wesenheit und die Natur des Menschen und seines Zusammenhanges mit der Erde etwas ganz Besonderes aufgehen. Wir wissen ja, daß Mythen und Sagen nicht durch Spekulationen gedeutet werden dürfen, nicht durch Spekulationen ihr Sinn gesucht werden darf, sondern daß wir versuchen müssen, in dem ursprünglichen schöpferischen Volksgeist auf der einen Seite und in den Gaben der eingeweihten Priester auf der anderen Seite uns die Ursprünge des menschlichen Wissens und Erkennens, wie sie uns in der Sage entgegentreten, klarzulegen.

[ 3 ] Sagen und Mythen sind nichts anderes als astralische, geistige Anschauungen. Wir haben gesehen, wie wirklich der alte Germane oder der Angehörige der alten europäischen Bevölkerung die Weltenesche Yggdrasil auf dem astralen Plan gesehen hat, wie er die zwölf Strömungen vernommen hat, die als Kräfte in sein Haupt hineingingen und seine zwölf Hauptesnerven bildeten. Das alles haben wir als astralische Wirkungen kennengelernt und nicht durch irgendeine phantastische, geistreiche Spekulation.

[ 4 ] Nun wollen wir uns zuerst einmal die persische Mythe von dem Weltentstehen und dem Menschengeschicke ganz kurz und skizzenhaft vor Augen führen. Dabei wollen wir aber bedenken, daß das urpersische Volk - das alte persische Volk, nicht dasjenige, das Sie in der Geschichte kennengelernt haben, sondern das, von dem eigentlich diese Göttersagen stammen - zu dem vorgeschobensten Bestandteil der Völkermassen gehörte, welche von der alten Atlantis nach dem Osten hingewandert sind. Als die alte Atlantis hinuntergeschwemmt worden ist, da waren es die Völkerschaften, die später nach Indien hinunterzogen und sich mit den dort ansässigen Völkern vermischten, und diejenigen, die auf dem Boden des heutigen Persien, Baktrien, Medien seßhaft wurden, die am weitesten nach Osten zogen; die anderen Völker waren auf dem Boden des heutigen Europa zurückgeblieben.

[ 5 ] Bei allen diesen Völkerschaften bildeten sich die Mythen und Sagen in den verschiedensten Arten und Gestaltungen aus, und bei allen war das, was in den Bildern ihre Mythologien erzählten, nichts anderes als das, was einzelne sehen konnten, entweder dauernd oder in besonderen Zuständen, mit ihren schwachen, aber noch immer vorhandenen hellseherischen Fähigkeiten. Gesehen haben die Menschen das, was die Mythen und Sagen erzählen. Aus diesem astralischen Anschauen heraus erzählten die Angehörigen dieses Volksteiles, der sich über die Gegend des heutigen Persien ausdehnte, was sie sahen und was dann der große Religionsstifter Zarathustra in eine gewisse Form kleidete und zur Abrundung brachte. Wir wollen uns das, was die Leute da erzählten, einmal in ganz kurzer Skizze vor Augen führen. Sie führen alles, was existiert, zurück auf einen einheitlichen Weltengrund, den sie nannten «Zaruana Akarana». Dies war ein gemeinschaftlicher Urgrund, aus dem nach dieser Anschauung alles entsprungen ist, alles, was Mineral, Pflanze, Tier und Mensch ist, aber auch alles, was höheres Geistiges ist, soweit es für die Menschen wahrnehmbar ist. Wenn man diesen Ausdruck «Zaruana Akarana» übersetzen wollte, müßte man es tun mit «leuchtender Urgrund» oder «leuchtender Untergrund». Nun ging aus diesem «leuchtenden Urgrund» eine Gottheit hervor mit Eigenschaften der Güte, mit Eigenschaften der intellektuellen geistigen Vollkommenheit, eine weise, gute, geistige Wesenheit, Ormuzd, und eine andere Wesenheit, die diesem guten Geiste Ormuzd widerstrebte. Diese andere geistige Wesenheit wird gewöhnlich genannt Ahriman. $o haben wir also innerhalb der persischen Mythen und Sagen diese beiden geistigen Wesenheiten: Ormuzd und Ahriman; eine gute Gottheit und eine böse Widersacher-Gottheit. Ahriman könnte man ins Deutsche übersetzen mit dem Ausdruck «der Widerstand-Leistende» oder «der Gegnerisch-Gesinnte»; das wäre der Sinn dieses Ausdruckes.

[ 6 ] Wenn wir nun zu diesen geistigen Wesenheiten in ein Verhältnis bringen wollen die Amshaspands und die Izards, dann müssen wir uns vorstellen, daß von dem Ormuzd ausstrahlten, ausströmten die höheren geistigen Wesenheiten, die wir als Amshaspands und Izards kennengelernt haben. Sie sind die Scharen, durch die Ormuzd wirkt, so daß er der höchste Regent ist, der ihnen die Plätze anweist, sie einteilt nach den zwölf Monaten des Jahres und den achtundzwanzig oder einunddreißig Tagen des Monats, nach denen sie ihre Herrschaft wechseln. Nun erzählt aber die persische Mythe von Ahriman: Er stammt auch von dem allgemeinen «leuchtenden Urgrund» ab, aber er hat sich von Anfang an widerspenstig gezeigt und sich aufgelehnt, er hat entgegengestellt den sechs Amshaspands seine sechs bösen Geister, die Devas oder Devs, niedere und höhere. Sie müssen sich also vorstellen, daß gleichsam jeder der Amshaspands einen Widersacher hat, und so, wie die Amshaspands zu dem Regenten Ormuzd gehören, so gehören diese Devas, im Sinne der persischen Mythe, zu der Gefolgschaft des Ahriman. Er hat seine Scharen aufgestellt, damit sie in einem lange währenden Kampf immerfort entgegentreten den guten Scharen der Amshaspands. Und ebenso hat er seine zahllosen Scharen der niederen Devas gegen die Scharen der Izards aufgestellt.

[ 7 ] Es zeigt uns also diese persische Mythe alle Ereignisse der Welt in gewisser Weise verstrickt in einen lange währenden Kampf. Alles, was sich heute ereignet, ist im Sinne dieser persischen Mythe so anzusehen, daß es der Ausfluß ist dieses Kampfes. Was geschieht, müßte man eigentlich so darstellen, daß bei einem solchen Geschehen in der Welt auf der einen Seite die Kräfte des Guten stehen, die von den Amshaspands und den Izards ausgehen, und auf der anderen Seite die Kräfte des Bösen, die von den Devas ausgehen. Erst wenn wir das Aufeinanderwirken der guten und bösen Kräfte verstehen, werden wir nach der persischen Mythe die Geschehnisse und Tatsachen der gegenwärtigen Welt verstehen.

[ 8 ] Wir müssen uns nun fragen: Sind die Erzählungen, die uns in diesen Bildern entgegentreten, auch astralische Anschauungen, sind sie astralische Wahrnehmungen? Wir werden sehen, daß sie es bis ins kleinste hinein sind. Zum Verständnis dieser Tatsache wird Ihnen der Umstand helfen, daß eine gewisse Rolle im alten persischen Kultus das spielt, was man nennen könnte: die Verehrung des Feuers. Diese Verehrung des Feuers darf man sich aber nicht so vorstellen, daß etwa das physische Feuer angebetet worden wäre; das ist nicht der Fall. Weder ist es angebetet worden, noch knüpft sich an das physische Feuer irgendein besonderer Kultus. Dieses physische Feuer ist für die persische Mythe und für den persischen Kultus nichts anderes als ein Symbolum, ein äußerer Ausdruck für eine gewisse geistige Kraft, die im Feuer waltet. Für den Geist des Feuers ist das äußere, physische Feuer der Ausdruck.

[ 9 ] Nun wollen wir einmal sehen, woher diese Feuerverehrung kommt. Sie hat nämlich einen tiefen okkulten Ursprung. Erinnern wir uns daran, wie in unserer theosophischen Weltanschauung der Hergang bei der Weltentstehung erzählt wird. Wir wissen, daß unsere Erde einmal vereinigt war mit dem, was sie heute als Mond begleitet, daßß der Mond erst von einer gewissen Zeit an sich von ihr abgetrennt hat; wir wissen, daß in noch früheren Zeiten unsere Erde vereint war mit dem, was heute Sonne ist. Das waren die zwei wichtigen kosmischen Ereignisse, die dem Werden des Menschen vorangegangen sind. Diese drei Weltkörper - Sonne, Mond und Erde bildeten einstmals nur einen einzigen Körper, was wir uns so vorstellen können, wie wenn wir Sonne, Mond und Erde durcheinander mengten und daraus einen einzigen großen Weltkörper bilden würden. Zuerst trennte sich die Sonne heraus, und während sie früher den Wesen ihr Licht vom Innern der Erde her gegeben hatte, sandte sie es nun von außen auf die Erde und deren Wesen. Das war zu der Zeit, als die Erde noch den Mond in sich hatte. Der Mond war es, der die schlechten Kräfte in sich hatte, und diese schlechten Kräfte mußten heraus. Wäre der Mond darinnengeblieben, so hätte die Erde niemals die Entwickelung durchmachen können, die sie zum Schauplatz der gegenwärtigen Menschheit werden ließ.

[ 10 ] Als der Mond sich abgetrennt hatte, war der Mensch noch nicht in seiner heutigen Gestalt auf der Erde; er war noch nicht seelenbegabt, soweit er überhaupt als physisches Wesen da war. Unmittelbar nachdem der Mond sich von der Erde abgetrennt hatte, führte diese menschliche Gestalt noch ein Pflanzendasein. Es war in dieser menschlichen Gestalt, die auf der vom Mond verlassenen Erde vorhanden war, nichts anderes als die Anlage zum heutigen physischen Leib und heutigen Ätherleib. Das, was heute als astralischer Leib im Menschen vorhanden ist, das war dazumal noch nicht vereinigt mit dem Irdischen. So wie heute die Wolken in der Luft schweben, so schwebten dazumal die astralischen Leiber herum, die sich dann später in die physischen Menschenleiber hineinsenkten. Und die Menschenleiber, die als physische Vorfahren des heutigen Menschen herumwandelten, waren in einem immerwährenden Schlafzustande. Wie die Pflanzen in einem immerwährenden Schlafzustande sind, so war der damalige Mensch in einer Art von Schlafzustand, er war erst begabt mit dem physischen und dem ätherischen Leib. Bis zu jenem Zeitpunkt gab es auf der Erde überhaupt noch kein Wesen, das die für die heutige Menschheit und höhere Tierwelt wichtigste Eigenschaft hatte, die Eigenschaft des roten, warmen Blutes: die Innenwärme.

[ 11 ] Würden Sie mit mir in der Zeit zurückgehen und die Wesen des alten Mondes untersuchen, so würden Sie finden, daß alle diese Wesen des alten Mondes, auf dem die Vorfahren des heutigen Menschen ja schon vorhanden waren, noch die Wärme ihrer Umgebung hatten, so wie heute noch die niederen Tiere, die diese Stufe beibehalten haben. Sie hatten, wie man sagt, wechselwarme Leibessäfte, sie hatten die Wärme ihrer Umgebung. Das, was als Innenwärme im Menschen und den höheren Tieren auftritt, und das, was dazugehört, das rote Blut, war in den damaligen Wesen noch keineswegs drinnen.

[ 12 ] Nun haben wir aber gehört, daß gleichzeitig mit der Trennung der Sonne und des Mondes von der Erde ein anderes Weltereignis stattfand: der Durchgang des Mars durch die Erde. Die Substanzen der beiden Weltkörper Mars und Erde waren dazumal so dünn, daß der Mars seiner Substanz nach durch den Erdenkörper hindurchgehen konnte. Er ließ einen Stoff zurück, den die Erde früher nicht hatte: das Eisen. Das Eisen gliederte sich der Erde erst ein durch den Marsdurchgang, und dieses Eisen war die notwendige Vorbedingung, daß sich rotes Blut bilden konnte. Was war die Folge? Als der Mond von der Erde weggegangen war und die Erde für sich allein zurückblieb, war die Erde in einer Art von feurigem Zustand; sie war umflossen von einer Wärmeatmosphäre. Und jetzt kommen wir zu einer Vorstellung, die ich Sie bitte ganz genau zu fassen. Denken Sie sich alle die Wärme, die heute in den Leibern der Millionen von Menschen und Tieren mit warmem Blut, die die Erde bewohnen, drinnen ist, heraus, denken Sie sich, daß sie lebte als Wärmeatmosphäre um die Erde herum: dann haben Sie ungefähr den Zustand, in dem die Erde war, unmittelbar nachdem der Mond weggegangen war.

[ 13 ] Die Wesen hatten die Innenwärme noch nicht, die Wärme umfloß unmittelbar den ganzen Erdball, sie war noch draußen. Wir können uns also die Erde in dieser Zeit vorstellen als einen noch flüssigen Körper, in dem die Metalle in der verschiedensten Weise aufgelöst waren, und der von diesem Feuer- oder Wärmemeer umgeben war. In dieses Wärmemeer sandte die Sonne, die draußen war, ihre Lichtstrahlen hinein. Für den Okkultisten ist nun Licht keineswegs bloß physisches Licht, sondern dieses physische Licht ist der körperhafte, der leibliche Ausdruck für Geist. So strömte mit den Sonnenstrahlen auf die Erde herein das Wesen der Geister der Sonne. Licht als Ausdruck der Lichtgeistigkeit strömte herein in die Feueratmosphäre, in die Wärmeatmosphäre der Erde. Stellen Sie sich das nur ganz lebhaft vor. Sie haben die Erde, sie ist umgeben von der Wärmeatmosphäre, und in diese hineinfallend die Sonnenstrahlen, die aber für uns Geistesstrahlen sind. Dadurch, daß diese Sonnengeister in den Sonnenstrahlen in die Erdenwärme hineinfallen, bildete sich zuerst die gemeinschaftliche Seele, der gemeinschaftliche Astralleib der ganzen Menschheit und der höheren Tiere. Unten auf dem Erdboden, da waren diese schlafenden Menschenpflanzen, die einen Ätherleib und einen physischen Leib hatten. Und so, wie es heute wäre, wenn Sie, die Sie alle hier sitzen, jetzt plötzlich einschlafen würden - was ja nicht zu wünschen wäre! -, dann alle Ihre Astralleiber aus Ihren physischen Leibern herausgehen und sich vermischen würden miteinander, so war es dazumal; nur vermischten sie sich damals noch stärker, sie waren eine ununterschiedene Masse, als sie die gemeinschaftliche Wärme hatten, in die das Licht der Sonne, das der Ausdruck des Geistes war, hineinschien. Man nennt bekanntlich den Astralleib des heutigen Menschen auch Aura, weil er für den heutigen Seher eine Lichterscheinung darstellt, die den Menschen umflort, etwa so, wie wenn Sie sich eine ovale, eiförmige Lichtgestalt denken würden, die von allen Seiten aus dem Menschen hervorstrahlt. So war dazumal der astralische Leib des Menschen in dieser Wärmeatmosphäre der Erde enthalten, er war noch nicht aufgeteilt in die einzelnen Astralleiber; und in diese strahlte das Licht der Sonne hinein, das der Träger der Geistigkeit der Sonne war.

[ 14 ] Nun stellen Sie sich einmal kosmisch-universell Ihr eigenes Werden in der damaligen Zeit vor. Das, was heute Ihr physischer und ätherischer Leib ist, was damals Pflanzendasein hatte, das wuchs gleichsam aus der Erde heraus, es war ureigenstes Erdenerzeugnis. Und was heute als Seele und Geist in Ihnen lebt, das kam aus der die Erde umgebenden Atmosphäre, das sog Ihr physischer und ätherischer Leib allmählich ein. Und das hatte sich vorbereitet in einer gemeinschaftlichen Aura der Erde, die äußerlich leiblich vorgestellt werden muß als gemeinschaftliche Wärme, die durchleuchtet und durchstrahlt ist von dem geisterfüllten Sonnenlicht. So haben Sie die Wärme, die einstmals die Erde umflorte, aufgenommen. Was heute in Ihrem warmen Blute lebt, ist ein Teil dieses die Erde umfließenden Urfeuers. Würde man heute alle Wärme wieder aus den Tierund Menschenleibern herausholen können, so würde man den alten Zustand des Urfeuers wieder herholen können. Was heute als Wärme im Innern lebt, ist die aufgeteilte Wärme, die als Wärmemeer die Erde umfloß, und in diesen gemeinschaftlichen Blutkörper floß hinein das Licht. Auch dieses Licht ist aufgeteilt worden, nach und nach, und hat des Menschen höhere Geistigkeit geschaffen. In den bloß physisch-ätherischen Leibern war natürlich nur dumpfe, niedere Geistigkeit vorhanden. Was heute im Kopfe des Menschen wurzelt, die höhere Geistigkeit, dasjenige, was durch die Einströmungen der Amshaspands gebildet worden ist, das stammt her von den geistigen Kräften der Sonne.

[ 15 ] Und jetzt denken Sie sich in das astrale Anschauen des Hellsehers hinein. Was sieht er? Er sieht, wie die Erde entsteht, wie der Mond sich abtrennt; die Erde ist umgeben von Feuernebel, von der gemeinschaftlichen Wärme, in die hineinstrahlt, sie innerlich wunderbar durchleuchtend, die Weltenweisheit. Die Weltenweisheit, die von der Sonne kommt, sie macht die sonnendurchstrahlte Erde zur Erdenaura. Das sieht der astrale Hellseher. Und der alte persische Hellseher nannte das «Aura Mazda», die große Aura, Ahura Mazdao, die große Weisheitsaura, aus der die einzelnen Auren der Menschen hervorgegangen sind. Ormuzd ist nur ein verwandelter Ausdruck für Ahura Mazdao, die große Aura.

[ 16 ] Nun gehen wir ein Stück weiter. Wodurch konnte dieser Zustand herbeigeführt werden, den in so großer, gewaltiger Weise der astralische Hellseher wahrnehmen muß, wenn er sich in diese Zeit zurückversetzt, dieser Zustand, der geschildert ist in der persischen Mythe, die ja eine Nacherzählung der Ergebnisse des astralischen Hellsehens ist? Dadurch wurde dieser Zustand herbeigeführt, daß auch mit der Sonne geistige Wesenheiten verknüpft sind. Für den Materialisten strömen aus der Sonne bloß die physischen Sonnenstrahlen. Für den aber, der die Dinge okkult durchschaut, ist es so, daß mit dem Sonnenlicht die Kräfte der geistigen Bewohner der Sonne auf die Erde herabströmen. Ebenso, wie die Erde von Menschen bewohnt wird, wird auch die Sonne bewohnt von mächtigen Wesenheiten, die sich von den Erdenwesenheiten dadurch unterscheiden, daß sie viel, viel weiter entwickelt sind als die Menschen. Die Genesis, das Alte Testament, nennt diese Sonnenbewohner die Elohim, Lichtwesen. So wahr die Menschen einen Körper aus Fleisch haben, so wahr haben diese Sonnenbewohner einen Körper aus Licht. Sie sind Lichtwesen. Und ihre Kräfte sind nicht begrenzt in engem Raum, sie können herausstrahlen bis herunter auf die Erde. Die Taten der Sonnengeister, der Elohim, strömen allen Erdenwesen zu mit dem Sonnenlicht. In jedem Lichtstrahl, in jedem Sonnenstrahl haben wir die Taten der Sonnenbewohner zu sehen. Die Menschen werden erst dann auf dieser Stufe sein, wenn die Erde den Zustand des Vulkan erreicht haben wird. Sie wissen, die Entwickelung der Erde geht aus von Saturn über Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus bis zum Vulkan, den wir als die letzte Verkörperung der Erde angeben. Wenn die Erde sich zum Vulkanzustande entwickelt haben wird, dann werden die Menschen auf der Stufe sein, auf welcher die jetzigen Sonnenbewohner in ihrem Entwickelungsgang heute sind. So finden wir auch, wo die Amshaspands heute wohnen. Ihre eigentliche Heimat haben sie in der Sonne, und von dort aus senden sie uns durch das Sonnenlicht ihre Taten zu.

[ 17 ] Dadurch konnte gerade das im Menschen entstehen, was ich Ihnen als die Taten der Amshaspands beschrieben habe. Diese schickten ihre zwölf Ströme in das menschliche Haupt hinein und bewirkten dadurch, daß der Mensch das Denken entwickeln konnte, daß er seine Geistigkeit entwickelte. Auf dem Monde hatten erst die Izards an dem Menschen gearbeitet und die achtundzwanzig Rückenmarksnerven ausgebildet. Dann kam dazu die Begabung des Menschen mit den zwölf Kopfnerven, die von den Amshaspands, den Heerscharen des Ahura Mazdao, herrühren. Jedesmal aber blieben beim Entwickelungsgange eines Weltenkörpers gewisse Wesenheiten zurück. Sie kommen nicht mit. Nicht nur Gymnasiasten bleiben sitzen, sondern auch Weltwesen bleiben zurück auf einer Stufe, über welche die anderen schon hinausgelangt sind. Während des Mondendaseins der Erde sind die Elohim, die Sonnen-Lichtgeister, bis zu jener Stufe emporgestiegen, die es ihnen ermöglicht, in der Sonne zu leben und ihre Taten der Erde und der Erdenmenschheit zuzusenden. Andere Geister, die damals schon mit den Elohim auf derselben Stufe waren, sind zurückgeblieben, «sitzengeblieben»; sie vermochten ihre Entwickelung auf dem alten Monde nicht so weit zu bringen, daß sie ein höheres Dasein mit der Sonne als Schauplatz beginnen konnten. Es war diesen zurückgebliebenen Geistern daher zunächst nicht beschieden, in den Sonnenstrahlen zu wirken, von außen herein zu wirken. Sie mußten vielmehr in ihrer Weiterentwickelung das, was sie noch nicht auf dem Mond durchgemacht hatten, in einem niedrigeren Dasein suchen, das mit der Erde selbst, mit dem Erdenschauplatz verbunden war.

[ 18 ] Worin bestand der neue Zustand, der nun auf der Erde hervortrat, der den Wesen neue Eigenschaften gab? Er zeigte sich darin, daß die Wärmeatmosphäre, die Wärmeumgebung nun hineinging in das Blut. Es entstand das warme Blut. In diesem Zustand suchten die zurückgebliebenen Geisterscharen in ihrer Entwickelung das nachzuholen, was sie vorher nicht haben erreichen können. Sie suchten die Taten, die sie nicht in die Sonnenstrahlen hineinlegen konnten, nun in die Wärme, die zum Innenleben sich umformte, hineinzutragen.

[ 19 ] Stellen wir uns das einmal plastisch vor, wie das die hellseherische Anschauung sehen kann. [Während der folgenden Ausführungen wurde an die Tafel gezeichnet, die Zeichnung ist jedoch von den Mitschreibern nicht festgehalten worden.] Wir sehen, daß in des Menschen Haupt und Rückgrat einströmen die Taten der Amshaspands und der Izards, die von Ahura Mazdao ausgehen, während sich das Innere des Menschen füllt mit dem warmen Blute. Der Menschenleib saugt gleichsam das warme Blut ein, es wird von allen Seiten von außen in das Innere des Leibes hineingeleitet. Und es begleitete, wenn wir die okkulte Anatomie des Menschen untersuchen, einen jeden solchen Strom, der von den Gegenden des Ahura Mazdao, des Ormuzd, hergesandt wurde, ein anderer Strom, der mit der von außen einströmenden Wärme den Nervenstrom begleitete; den Nervenstrom begleitete die Blutbewegung. Mit diesem einströmenden warmen Blut gingen in den Menschen die Kräfte derjenigen Geister hinein, die zurückgeblieben waren; das waren die Scharen des Ahriman, die jetzt mit der Wärme ebenso ihre Kräfte in den Menschen hineinsandten wie die Amshaspands ihre Lichtkraft. Es ist also so, daß wir einem jeden der Ströme der Amshaspands entgegengesandt haben einen Blutstrom. In diesem roten Blutstrom, der den Nervenströmungen parallel fließt, fließen mit die Gegenmächte der Devas. Den Amshaspands fließt in dem roten Blut das entgegen, was von den Gegnern der Amshaspands und Izards kommt, von den Devas, den Scharen des Ahriman. Und jetzt fühlen wir im Blute pulsieren dasjenige, was von den Scharen des Ahriman kam.

[ 20 ] Das also, was der Hellseher auf dem astralischen Plan einströmen sehen kann in den physischen Leib, finden wir tief und geistvoll wiedergegeben in der persischen Mythe. Wir sehen das Zusammenwirken des großen Lichtes Ahura Mazdao mit der einströmenden Wärme, die das Blut zu der Kraft im Menschen macht, die es ist. Nun wissen wir, daß das Blut der Ausdruck des Ich ist. Und so sehen wir, wie alles dasjenige, was aus der großen Weisheit, aus Ahura Mazdao herausströmt - dadurch, daß ihm entgegenstehen im Blute die Strömungen des Ahriman -, von dem Egoismus begleitet wird. Es strömt der Egoismus in die ganze geistige Tätigkeit des Menschen hinein. Wir sehen ihn richtig einströmen, wenn wir uns dieser Imagination hingeben. In dieser Weise müssen Sie richtig bildlich sich emporarbeiten zur Anschauung dessen, was auf unserer Erde geschehen ist.

[ 21 ] Und jetzt erinnern wir uns, daß ja diese Geister, die zurückgeblieben waren von dem Mondendasein, die es nicht gebracht haben bis zum Sonnendasein, daß diese Geister auf dem Monde ja dieselbe Art von Wesenheiten waren wie die Sonnengeister, die Scharen des Ahura Mazdao, welche über das Mondendasein hinausgelangt sind. Sie hatten auf dem Monde die Ich-Stufe erreicht; sie blieben nur zurück und haben sich gerade diese Stufe bewahrt. Solange sie auf dem Monde waren, waren die Geister des Ahura Mazdao, des Ormuzd, und die Geister des Ahriman auf derselben Stufe, von gleicher Art, sie waren ichartiger Natur. Dieses Ich, das ursprüngliche Ich, Zaruana Akarana, ist das göttliche Ich, das noch nicht eingezogen ist in den Leib, das noch im Schoße der Gottheit ruht. Da, wo dieses Ich sich soweit entwickelt hatte, daß es ein Sonnendasein hat erhalten können, da bildete es einen solchen astralischen Leib, der unter der Herrschaft des Ormuzd steht. Aber diesem ist eine niedrigere Kraft eingegliedert, die Kraft der zurückgebliebenen Scharen des Ahriman.

[ 22 ] So haben Sie jetzt entstehen sehen dieses vierte Glied der menschlichen Natur, das Ich, und das dritte Glied des Menschen, den Astralleib, der durchgeistigt ist von zwei Wesenheiten. In ihm sind eingegliedert die guten Kräfte des Ormuzd und die Kräfte der egoistischen Natur, des Ahriman. Das Ich ist hineingestellt in den Kampf, der im eigenen Astralleib wütet, zwischen den guten Kräften und den bösen Kräften; es ist die ursprüngliche Wesenheit Zaruana Akarana, die sich spaltet in die guten, die wahren Kräfte des Astralleibes, und in die entgegengesetzten, die die Kräfte Ahrimans sind. Ahriiman oder Angramainyu heißt soviel wie der Widerstand-Leistende oder der Oppositionsgeist. So verstehen wir, wie tatsächlich eine solche Mythe nichts anderes ist als die WiedererzähJung dessen, was die alten astralischen Hellseher gesehen haben.

[ 23 ] Nun wollen wir einmal diese von der Sonne auf die Erde wie auch auf den Menschen herunterstrahlenden Kräfte näher ins Auge fassen. Was die persische Mythe Ormuzd oder Ahura Mazdao nennt, ist eigentlich ein Ausdruck für «große Seele», es ist das gleiche wie das, was der Hellene Psyche nennt; und das, was wir unter dem menschlichen Astralleibe verstehen, ist die «kleine Seele». Die menschliche Seele ist zusammengesetzt aus Denken, Fühlen und Wollen. Das sind die drei Grundkräfte der Seele, die für den Okkultisten eigentlich drei selbständige Wesenheiten sind; wir werden das später noch genauer kennenlernen. So, wie sich die menschliche Seele in diese drei Teile gliedert, so gliedert sich die große Seele, die große Aura auch in drei Glieder. Dieser gleiche Zug ist zu finden in der persischen wie in der mitteleuropäischen Mythe. Die mitteleuropäische Mythe nennt nun diese drei Grundkräfte Wotan, Wili und We; wobei Wotan die denkende, Wili die wollende und We die fühlende Kraft darstellt.

[ 24 ] Besonders tief können wir uns in das ganze astralische Anschauen dieser alten Zeiten hineinleben, wenn wir sehen, wie uns in der Silbe «We» nachklingt eine ursprüngliche Bezeichnung für die fühlende Kraft. Tatsächlich ist alles höhere Fühlen, auch wenn es lustvolles Fühlen ist, hervorgegangen aus dem Weh, aus dem Schmerz. Und wieso? Stellen Sie sich noch einmal die ursprüngliche Menschengestalt vor, die gleichsam heraussproßte aus der Erde, den Pflanzenmenschen mit physischem Leib und Ätherleib. So wie er damals hervorsproßte, waren die Sinne nur als Anlage da, so wie eine Blüte schon im Pflanzenkeime enthalten ist. Der Mensch konnte noch nicht sehen. Solche Augen, wie wir sie heute haben, entstanden erst in langer, langer Entwickelung. Diese Augen, die heute die Herrlichkeit des Sonnenlichtes sehen, wie sind sie entstanden nach der okkulten Physiologie? Ursprünglich, als nur der physische Leib und der Ätherleib vorhanden waren, war hier an diesen Stellen, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stellen erwiesen sich aber als besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. Da entstanden an diesen Stellen zwei leidende Punkte am Menschenleibe, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. Es war genau so, wie wenn Sie sich schneiden würden und sich Schorf an jener Stelle bildet. So bildete sich auch an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges; allerdings nach langer, langer Entwickelung. Das, was der Schmerz herausgerissen hatte aus dem Leibe, das wurde zum herrlichen Auge.

[ 25 ] Gar nichts kann als Genuß, als Lust in der Welt entstehen, was nicht den Schmerz zu seiner Grundlage hat. Genau wie die Sättigung mit ihrem Genuß den Hunger zur Voraussetzung hat, so hat alle Erkenntnis und auch alle Freude den Schmerz zu ihrer Grundlage. Das ist auch der Grund, warum in der Tragödie der Schmerz wie die Ahnung einer erwarteten Erlösung uns befriedigt. Alles, was in der Zukunft eine Vollkommenheit haben wird, macht in der Gegenwart den Schmerz- und Leidenszustand durch. Aber das bietet uns Trost, weil wir wissen, daß dasjenige, was heute Schmerz und Leid ist, in der Zukunft Vollkommenheitszustände sein werden. Überwundener Schmerz wird in der Zukunft Vollkommenheit. Die heutigen vollkommenen Augen verdanken ihr Dasein den früheren schmerzerfüllten Punkten am Menschenleibe; Schmerz, der überwunden wurde. Das meinte der Eingeweihte Paulus, als er das gewaltige Wort aussprach: «Alle Kreatur seufzet unter Schmerzen, der Annahme an Kindesstatt harrend», oder «Alle Kreatur ängstigt sich im Daseinsschmerz und harret der Annahme an Kindesstatt», was nichts anderes ausdrückt als die Sehnsucht nach einem einst wieder zu erreichenden Kindschaftsverhältnis zu Gott. Wer das Dasein begreift, sieht den Schmerz durch das ganze Dasein fluten.

[ 26 ] Jetzt stellen wir uns die guten Geister vor, ob wir sie wie in der persischen Mythe Ormuzd oder wie in der germanischen Mythe Wotan, Wili und We nennen, wie sie zuströmen, diese Sonnenkräfte. Als die Wasser der Atlantis sich verloren hatten und die Sonne freigeworden war, da wirkten sie in den Sonnenstrahlen und durchdrangen die Luft. Deshalb sind die Lichtgeister zugleich auch Luftgeister, die man beschrieb als Wotans wildes Heer; man empfand diese Geister in den drei Teilen Wotan, Wili und We. Wir wollen uns davon ein Bild machen, wie es sich dem astralischen Hellseher darstellt. Nehmen Sie den Menschen; als er noch Pflanzenmensch war, aus physischem und Ätherleib bestehend. Die Sonne wirkte mit ihrer Kraft ein: durch Wotan in das Denken, durch Wili, der alles Willensartige gibt, und durch We, der alles Gefühlsartige gibt; alles Gefühlsartige ruht im Weh, das fühlen wir aus dem Namen heraus.

[ 27 ] Wie muß das nun erzählt werden, wenn es sachgemäß erzählt werden soll? Wotan, Wilii und We gingen am Meeresstrand; sie fanden dort Pflanzen, und sie begabten diese Pflanzen mit ihren Kräften: Wotan mit Geist und dem allgemeinen seelischen Leben, Wili mit Gestalt, Verstand und Bewegung, mit allem, was im Willen wurzelt, We mit Antlitz und Farbe, mit Sprache, Gehör und Gesicht, mit alle dem, was in den Gefühlen wurzelt. So entstanden die ersten Menschen. In diesen Bildern der mitteleuropäischen Mythe vom Gang der drei Götter am Meeresstrande, vom Finden der Bäume und dem Begaben der Bäume mit den göttlichen Kräften und Eigenschaften, erkennen wir, wie diese in der Sonne lebenden Geister aus ihrer großen Aura ihre Kräfte gaben und in die einzelne Menschenaura einströmen ließen. Durch den Okkultismus können wir die Dinge wieder wörtlich nehmen. Wir sehen, wie den Bildern der Mythologie wirkliche Tatsachen zugrunde liegen; und wir schauen tief hinein in die hellseherischen Schauungen des Weisen, der in den Mysterienstätten lehrte, und der das, was er astralisch wahrnahm, dem bis zu einem gewissen Grade noch hellsehenden Volke in imaginativen Bildern erzählen konnte. Er gab dem Volke Wahrheiten, die er erfuhr in einem halbwachen, hellseherischen Zwischenzustande. Er wußte, bei jenen Menschen, die noch einen gewissen Grad von Hellsehen hatten, konnte er auf Verständnis rechnen. Wenn wir vom Gesichtspunkte des Okkultismus aus uns in die Seele solcher Vorfahren versenken, weitet sich der Blick. Niemals kann dann über uns der Hochmut und Eigendünkel der Aufklärerei kommen, der da sagt: Wie haben wir es so herrlich weit gebracht! - Ist es nicht ein furchtbarer Hochmut, der Dünkel der Menschen des 19. Jahrhunderts, daß gegenüber den Wahrheiten, die das 19. Jahrhundert gefunden hat, alles andere, was die Menschen vorher gewußt haben, nur kindliche Phantasie sei, und daß das, was heute gefunden wird, für alle Zeiten gelten müsse? Ist es nicht ein furchtbarer Hochmut, wenn diejenigen, die heute auf den Kathedern der Universitäten und Gerichtssäle predigen, und jene, die herumkurieren, behaupten, daß die einzige Form der Wahrheit das sei, was die letzten Jahrzehnte hervorgebracht haben? Sie halten sich für demütig, aber es ist der ärgste Hochmut, der in dieser Gesinnung steckt. Über diese Gesinnung hinaus bringt den Geistsucher die Anschauung - die sein Herz, seine Gedanken und seine Seele ergreifen muß -, daß auch andere Zeiten die Wahrheit besessen haben, nur in anderer Form, daß es viele Formen der Wahrheit gibt. Und auch über den andern Hochmut kommt er hinüber, daß für alle Ewigkeit das gelten soll, was von den heutigen Gelehrten gesagt wird. Wie sich seit unseren Vorfahren die Formen des Wissens geändert haben, wie sie in Bildern erzählt haben, was wir heute in anderer Form, in der Form des Okkultismus verkündigen, so werden künftige Zeiten die Wahrheit nicht in unseren Formen verkündigen, sondern in anderen Formen, die weit über die unsrigen hinausgewachsen sein werden. Wir wissen, daß die Wahrheit ewig ist, wir wissen aber auch, daß sie in den verschiedensten Formen durch die Menschenseelen fließt.

[ 28 ] Das eine ist, daß unser Blick sich weitet; und das andere ist, wie solche Erkenntnisse in unser Inneres lebendig einfließen müssen. Das werden wir einsehen, wenn wir das Folgende bedenken: Was ist denn eigentlich dieser astralische Leib, den wir in uns tragen? Er ist ein Stück dieser großen Weisheitsaura, ein Stück der Aura Mazda, die der Weisheitskörper der ganzen Erde ist, und der Kräfte von der Sonne zuströmen. So gehen wir herum auf der Erde und fühlen, daß wir Träger sind der Sonnenkräfte, die eingeflossen sind in die Erdenaura. Da wächst unser Gefühl für etwas, was wir ausbilden müssen: daß dieser menschliche Leib und diese menschlichen Leiber uns übergeben sind von der großen Weltenweisheit, dem großen Weltengeist. Man nennt im Okkultismus den menschlichen Leib auch einen Tempel. Und wir tragen die Verantwortung dafür, daß wir das wieder zum leuchtenden Urgrund zurückbringen, was wir be kommen haben, zurückbringen in einer entsprechenden Veredelung, Läuterung und Vervollkommnung. So lernen wir uns eins zu fühlen mit dem Weltendasein. Nicht in phantastischer Weise, sondern stückweise lernen wir, ein Ton zu sein in der großen Orchestermusik, die den Kosmos durchklingt und die wir als Sphärenmusik bezeichnen. Da wächst unser Verantwortungsgefühl, zu gleicher Zeit ein gewisses Hochgefühl, verbunden aber mit Demutsgefühlen im richtigen Gleichgewicht. Das gibt uns die Lehre der Theosophie: Sie lehrt uns in genauer Weise, nicht bloß, daß wir Menschen sind und was für Menschen wir sind, sondern sie macht uns zu geistigen Menschen, die wissen, was ihr Anteil ist in dem geistig-kosmischen Dasein. Das ist die Ethik, die Morallehre, die aus der Erkenntnis fließt. Wenn wir das erfassen, dann pulsieren moralische Gefühle durch uns, die nichts haben von Sentimentalität und Philistrosität. Eine natürliche Morallehre geht durch uns, wenn wir die Morallehre als eine unmittelbare Folge der Erkenntnis empfinden. Die Theosophie kann gar nicht anders, wenn sie richtig verstanden wird, als den Menschen die höchsten moralischen Begriffe zu bringen, weil sie das Wissen, die Erkenntnis davon bringt, wie der Mensch hineingestellt ist in den ganzen Weltenzusammenhang. Niemals wird die Theosophie sich herbeilassen zu Ermahnungen und Moralpredigten. Niemand wird besser, wenn man ihn ermahnt: Sei gut! oder: Tue das, denn es ist gut! -, denn das führt den Menschen unter allen Umständen zu Sentimentalität und Philistrosität. Die Theosophie zeigt uns, was der Mensch ist und welches sein Zusammenhang mit der ganzen Welt ist, und sie betrachtet es in gewisser Weise als nicht ganz schamvoll, wenn man an den Menschen heranrückt mit moralischen Grundsätzen, weil der Mensch so geartet ist, daß er aus Erkenntnis - dann, wenn er sich selbst erkennt -, ganz von selbst der richtigen Moral folgt. Nicht im niederen, sondern im höheren Sinne empfindet es der Okkultist wie eine Verletzung des geistigen Schamgefühls, wenn er sich direkt, unmittelbar an die Gefühle der Menschen wenden sollte. Er wendet sich direkt an die Erkenntnis, aber er stellt solche Erkenntnis so hin, daß sich dem Menschen die Gefühle daran angliedern. Er stellt die objektiven Tatsachen vor den Menschen hin, dann kommen schon die Gefühle. Er tritt dem Menschen nicht nahe, weil er den größten Respekt hat vor dem Menschen, und weil er den Sinn dafür hat, daß in jedem Menschen der sich vervollkommnende Mensch zu achten und zu schätzen ist. Lernt der Mensch die Wahrheit, dann wird er gut, denn die Seele der Wahrheit ist die Güte. Nimmt der Mensch die Erkenntnis der Wahrheit auf, so nimmt er damit die Güte auf. Aus der niederen Erkenntnis folgt diese Güte nicht, aber aus der höheren Erkenntnis folgt sie. Deshalb sollte im Grunde genommen durch die theosophische Strömung der Wille zum Erkennen in den Menschen fließen, denn das ist der sichere Weg zur Vollkommenheit, zum Guten.

[ 29 ] Und damit haben wir zu gleicher Zeit gesehen, wie sich für uns aus solchen Betrachtungen eine unmittelbar praktische Lebensfrage ergibt, und wie sich die spirituellen Weistümer in unsere Kultur und in unser ganzes Leben einleben.